Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die

Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des

Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil

des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland

geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen

Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des

Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und

Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen

schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten

wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache,

ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur

Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt.

In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt,

den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien;

ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es

steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen

Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste

die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt

über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des

Wörtchens »ist« Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert

brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht,

daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten

getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen

Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre

Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn,

mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten

anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser

Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur

wieder Wirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt,

Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus

durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche

Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von

dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.

Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht,

garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrliche Gewalt;

bemühte sich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren,

befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte

das Reich unter französische und schwedische Protection. --

IX. #Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der

Reformation# charakterisirt den neunten Zeitraum.

Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole

gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik

anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem

Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen;

in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und

(wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in

seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten

Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der

höchsten Wahrheiten zu ringen.

Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der

westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche

Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden;

das große Vaterland mußte sich selbst absterben, #seine ganze

Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen#. Unter diesen

mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der

andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren;

jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch

die Vielheit der Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag

gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].

Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern

Fragen erfaßten, während sie, #mitten hindurch zwischen Aberglauben

und leichtfertigem Zweifel#[6], beharrlich die Sache der Wahrheit

förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden

der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch

die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst

verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie

war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer

neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als

ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und

mühseliges Wissen.

Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der

französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge

eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach

ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.

In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch

in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische

Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig

aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend,

offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch

gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüth seine Tiefe und Hoheit in

ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.

Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei

Abschnitten.

1. Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.

In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei

Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser

Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie,

mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu

zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen

Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß

der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört

nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine

eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt

einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle

Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit

einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen

eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden

Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].

Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den

Großen nur durch die Uebel erklärlich, worin der dreißigjährige

Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestürzt

hatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft,

die Sitten barbarisirt, die Gemüther im Aberglauben (noch blühten

die Hexenprozesse) und in Frivolität verwildert, empfänglich für

Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt,

die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, längst

verdrängt oder verwischt, die landständischen Verfassungen zum Schatten

herabgeschwunden. Von dem, was Großes in seinen Tiefen gährte, konnte

dem Volke kein Bewußtsein bleiben; französischer Einfluß, französische

Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die

Höfe aber zumeist, deren Willkühr und Verdorbenheit eine furchtbare

Höhe erreichten. Die Herrschaft über die Gewissen, eine Folge der

kirchlichen Spaltung, hatte die Fürsten an Allmacht gewöhnt; #der

vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein französisches Werk#,

gab sie ihnen thatsächlich.

Es ist ein sprechender Zug, daß, je herrlicher Deutschland selbst

geblüht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwächer es gewesen,

desto stärker jene sich entwickelt haben. Warum mußten Ludwig XI.,

Karl der Kühne zur Zeit Friedrichs III., warum Gustav Adolph und

Richelieu im dreißigjährigen Kriege leben, warum kurz darauf

Ludwig XIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch

die europäische Geschichte, welches zeigt, daß Europa trotz aller

Verschiedenheit nur Einen großen, im Grundcharakter germanischen

Staat bildet; die Schale des Einen muß sinken, wenn die des Andern

gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Völker noch erzogen wurden wie

Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums

der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto

heftiger mußte das übrige Europa reagiren, desto mächtiger die andern

Nationen heranreifen; das spätere Schicksal Deutschlands war die

Rache der Völker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich

begründet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im

Grunde vom römischen Kaiserthum ererbt war, einem in der öffentlichen

Meinung nur durch Tradition, nicht durch Einsicht gerechtfertigten

Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft

mußte sie von den Nachbarn übernommen werden; so geschah es, daß in

dieser Epoche Ludwig XIV., Karl XII., Peter der Große, Wilhelm III.

fast zugleich auftauchten.

Seit dem dreißigjährigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz

Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland

nicht untergehen, so mußte, wie wir oben gesagt, das Leben in die

einzelnen Glieder zurückweichen. Der große Churfürst hat damals

Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz

Eugen Oestreich zu höherem äußeren Einfluß erhoben. Aber Oestreich war

mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Böhmen besonders

und Mähren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet

worden; die Habsburger selbstsüchtig genug, um für ein Privatinteresse

die schönsten Länder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine

deutsche Großmacht mußte entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der

Große.

2. Das Zeitalter Friedrich des Großen.

Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persönlichkeit,

durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche

Nationalgefühl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit

geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lächerlich

erscheinen mußte. Nur freilich, für jene Dinge schuldet ihm Deutschland

keinen Dank; Preußens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter

blutigen Bürgerkriegen erstrebt, mit rücksichtsloser Beharrlichkeit

verfolgt. Gewiß ist, daß er, wenn auch nicht die Deutschen überhaupt,

doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn

Erziehung, noch mehr sein eigenthümlich pikanter Geschmack ab, die

noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfähigkeit,

das neu Erwachte zu würdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn,

die Periode der »Aufklärung«; die Frivolität des damaligen Tones hat

er zum Theil, durch Begünstigung der französischen Schriftsteller wie

durch seine Art sich zu äußern, veranlaßt; französische Weltanschauung

dünkte ihm die wahre, französisch war seine Sprache und Bildung,

französisch selbst seine Verwaltung in vielen Stücken. Das aber macht

ihn zum großen #deutschen# Manne, daß er dem todten Mechanismus des

Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wußte, eine innere Kraft,

welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, daß

er trotz vieler oberflächlichen Ansichten mit einem Ernst und einer

Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den größten Philosophen

zugesellt.

Joseph der Zweite, bei großen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist

und Gemüth, wollte Friedrichs II. Grundsätze auf den Staat übertragen.

Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks;

jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner

eigenen Völker. Es bleibt ewig denkwürdig, daß ein deutscher Kaiser,

Beherrscher einer unumschränkten Monarchie, zuerst von oben herab

ohngefähr dieselben Reformen und mit ähnlichem Leichtsinn versuchte,

welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich

durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand

erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und

der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester übten

damals doppelte Gewalt über das Volk, weil sie sich zu Hütern alter

Vorrechte aufwarfen.

Maria Theresia hatte den Bedürfnissen der Zeit gemäß reformirt, ohne

doch das patriarchalische Verhältniß des Herrschers zum Volke und den

alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschüttern; Joseph

baute auf moderne Grundlagen, wofür nicht nur Oestreich nicht reif,

sondern die überhaupt als ein fremdes Gewächs dem deutschen Geiste

widersprechen.

Er und Friedrich II. ließen sich herab, mit Katharina II. Polen zu

theilen. Es war »mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler«. Von da

an geriethen Oestreich und Preußen in eine Abhängigkeit von Rußland,

welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit

Friedrich II. sowohl als Joseph um die Gunst Katharinas II. buhlten.

Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen

geschwächt, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter

unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einem

#Einfluß von Osten#, dem die Großmächte wie die kleinern Fürsten immer

mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begründete,

und unter dem Vorwande beständiger Hülfeleistung gegen Westen bis auf

unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.

Die Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale

Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte.

Während auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem

Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklärung

untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den

deutschen Geist dem französischen entgegensetzte, der sich wie eine

Fluth über die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache,

von französischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestärkt,

war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur,

tief und ernst, nicht so schöpferisch, aber strenger, wie das zweite,

erstand.

#Lessing# zuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk

das lang umnachtete Bewußtsein seines innern Strebens wiederzugeben;

in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er

Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklärung

seiner Tage, wie gegen die erbärmliche Orthodoxie, gleich gerecht

gegen die großen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen

die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben

hindurch, mit kühnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem

Gemüthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstücke

er in der Philosophie wie in der Religion erfaßte, deren vollendete

Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines

deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther,

gehört er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar

der Geschichte an, weil an ihm vor Allen die Wogen der französischen

Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der

Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirkten #Herder#

(besonders durch eine höhere Anschauung der Geschichte) und, früher

schon, #Hamann#; während #Klopstock# einer großen Poesie die Bahn brach.

3. Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.

Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf:

warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei

große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen

von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals

bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von

Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer

(welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung

eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite,

unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins

zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches

Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen;

während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen

Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es

im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand

zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche

Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder

Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste

nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche

den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte

zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind,

nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist

erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu

geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede

geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht.

Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder

durch Uneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt)

ohnmächtig sein.

* * * * *

Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen

Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee

der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in

zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus

Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben

hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch

gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale

und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät,

womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich

verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu

besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen;

allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das

deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu

entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte

und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da

die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.

* * * * *

Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde

verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den

langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden

die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben,

würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein.

Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen,

nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B.

Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von

der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An

den Früchten erkannte man den Geist, und die »Aufklärung« erhielt den

Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine

alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt der Fürsten

gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß

der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.

* * * * *

Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten,

wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht

liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er

wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes,

theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich

versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht

besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon

zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder

freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als

die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich

handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen.

Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr

Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten

Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten

und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland

nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die

Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die

Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.

* * * * *

Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche

gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter

und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne

Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur

von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das

ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen

der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch

weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu

Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte

unsre Dichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8].

An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe

der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine

bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen

des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen

hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen

beseligt, den Drang nach Wahrheit hat #Göthe# im Faust, den höchsten

Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen

Zukunft, hat #Schiller# im Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig

und gleich, hat #Jean Paul# das deutsche Leben nach allen Seiten,

nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und

familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so

seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].

Mit solchen Kräften vermochte das deutsche Volk den Untergang des

Reiches zu überleben. Der Wiener Kongreß stellte es der Zeit gemäß

wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum

Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag

setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand

und einige Garantieen gegen den Mißbrauch der Souveränetät machten

das deutsche Volk glücklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die

innere Spaltung, die äußere Schwäche blieb; Deutschland wurde bald von

Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Ständen

betrogen, das andre Mal von seinen Fürsten bestraft. Man erlaube mir,

vorläufig die neueste Zeit zu überspringen, sie als vorbereitend zu

betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung,

keine selbsteigene Schöpfung (eine einzige materielle ausgenommen);

aber fünf und zwanzig Jahre eines glücklichen Friedens sind

hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu

erkennen, was Noth thut, und im Stillen Großes zu gebären, wenn anders

Großes jemals geboren werden soll.

Kapitel IV.

Letzte und höchste Intention der deutschen Geschichte.

#Das große Werk, wozu die Reformation den Anstoß gegeben, worum drei

Jahrhunderte geblutet und gekämpft, zu vollenden#, ist Deutschlands

Beruf in der #Gegenwart#.

Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche

gegenüber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstört,

indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich

berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprägen

mußten.

Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der

protestantische Geist) gegenüber dem Geiste des Glaubens, wie er in der

katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen

zog sich nach innen zurück, während sie nach außen von Ohnmacht zu

Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der

Weltordnung bleiben solle.

Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine

neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut. Eine Antwort (wenn

auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es

lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang

unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene

Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche

darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.

Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört;

sie sollen aufbau'n. #Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der

Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen,

welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der

Zeit zu lösen vermag.#

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 3 / 19 段