Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins

sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an

dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in

der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhältnissen

des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in

der Vergleichung einer erträglichen Gegenwart mit einer schlimmern

Vergangenheit liegt. O, über die Halbmenschen, die den Lauf der

Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die

in den Aussprüchen der Fürsten, in den Adressen der Kammern, in den

Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu

finden vermeinen; über die Schwächlinge, die mit den Fortschritten

der jüngsten Dezennien sich brüsten und über das frohlocken, was der

äußerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings

Gefahr vorhanden, große ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an

einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern

Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so

weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des

Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und äußern Zustände von

Deutschland, und ihr möget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und

Wille der Fürsten, wie der Völker, was vermag er wider den Zug des

Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche

Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen höhern Trieb

als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, über die

fährt es zerstörend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden,

dem Sturm gleich die Völker beseelen wird, wenn das vollgerüttelte

und geschüttelte Maß der angehäuften Stoffe überfließen, wenn ganz

Europa der Läuterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon

ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives

Leben gegen negativen Halbzustand streitet -- dann schaut Euch nach

Deutschland um! Wenn andre Völker, jedes um sein Panier, sei es ein

geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun,

ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewußtsein? Was in frühern Zeiten der

Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft

aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rühmen kann, aus

eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum großen

Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem -- haben wir nicht

Alles von Fremden gelernt, mußte nicht Napoleon kommen, um Deutschland,

das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Völker zu stellen?

O, es ist schön und erquicklich anzuhören, wie man in Deutschland die

Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen

Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, daß

die Deutschen nach zehnjähriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu

sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufällig nicht uneins, das sich

preist, wenn es nicht ohnmächtig, das sich bewundert, wenn es einmal

nicht feige gewesen ist, das sich rühmt, nicht immer elend, jämmerlich,

blind und bloß gewesen zu sein -- ein solches Volk hat von Nationalehre

einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wäre uns nichts

übrig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten,

wir hätten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die

Gefahr zu fühlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut

Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns erröthen lehrt, so verbirgt sie

dennoch in bittrer Schale einen süßen Kern. Ihn zu enthüllen, Trost,

Rechtfertigung und Bürgschaft zu finden in einer innern Anschauung der

deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.

Kapitel III.

Intentionen der deutschen Geschichte.

Wahr ist's, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure

Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor den Geschichten anderer Völker

die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig

und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich

andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer

Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt

wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das

herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend

ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der,

die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des

gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte,

unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung.

Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über

andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es,

entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden

zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so

viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre

Enderfüllung finden? -- Wir betrachten die Intentionen, um welche die

deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran,

daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.

I. Der Urzustand des deutsches Volkes.

II. Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis

Marc Aurels Zeit.)

III. Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis

auf Chlodwig.)

IV. Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)

V. Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen

Kaisern bis zum Tode Heinrich III.

VI. Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den

Hohenstaufen.

VII. Vom Interregnum bis zur Reformation.

VIII. Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.

IX. Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].

X. Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die

Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen,

in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die

Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike

Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat

Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie

zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in

dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die

Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen

besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der

Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt.

Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung

drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten.

Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war

sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie

war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen

England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere

Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen,

das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die

christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als

widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da

mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht

wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften

gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus

denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen

Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten

Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation,

die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile

von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und

Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so

unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder

Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges

Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird

niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die

Besiegten die Sieger zu überwinden. #Befruchtung der alten erstorbenen

Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europa# war die erste

Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer

Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur

Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation,

jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von

der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie

zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig

geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten

an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten

Staaten der Einheit entgegenreifen.

IV. #Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnung# war

die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich

nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das

Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen

Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des

römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der

christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung,

trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das

Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum

Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und die Kirche heiligte

die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl

dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer

Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig

heranzuwachsen.

Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in

Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen

der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig

eingedrungen waren.

V. #In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen

die oberste Stellung einzunehmen#, war der weitere Beruf des deutschen

Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er

erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug

die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst

beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie

alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit

dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz

entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie.

Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach

außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit

Deutschlands fällt in diese Zeit.

In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte

die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in

Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd

heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des

Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die

Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich

mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer

Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und

dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot.

Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl

nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letzten

#Ottone# mit der innern Kraft seines Vorgängers; mehrere Fürsten in

seinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich

unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der

Völker.

VI. #Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen

Universalmonarchie zu wahren#, war die vierte Arbeit des deutschen

Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur

politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei

der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats,

d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen

Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist

entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine

große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang,

das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie,

die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung,

war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große

Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben

machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger,

als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber,

oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII.

mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III.

kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie

in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines

mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II.,

eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit,

schon -- die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht

Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III.

bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist

der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].

Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das

Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die

Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit

und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich

Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen;

hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der

deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen

Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und

absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie

die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die

Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und

der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset;

die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der

öffentlichen Meinung.

VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen; #sich selbst

zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesen# auszubilden, war

Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.

Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen

und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung

jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit;

zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der

innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg

an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das

Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt

an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu

Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer

Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der

Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und

der Gewerbe macht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen,

Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze

slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße,

als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte,

Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und

türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche

Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland

wetteifern die übrigen Staaten Europa's in wachsender politischer

Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht,

obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz,

lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der

Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der

Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.

Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein

fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische

Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum

(sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die

Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern

zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen

Deutschland widerstehen konnte.

Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von

hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die

Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht,

oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie:

Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und

nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle

Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der

Kirche.

Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die

Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und

der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die

Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als

in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des

Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet;

sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes,

und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so

sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem

Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere

Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung

zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem

Harren zu verwirklichen schien.

Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen,

in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den

Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der

siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der

antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa

von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur

und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik

war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner

die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im

Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der

Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der

alten, den Anfang einer neuen Zeit.

VIII. #Die Reformation#, das heißt die Befreiung der Christenheit

von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die

Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration

des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß

auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes.

Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich

geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte

den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf

seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben.

Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat,

zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums

erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten

hervorrief.

Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den

Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System

entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging

Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der

Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte.

Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken,

welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst

Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes

die #Natur# hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch

die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne

verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er

selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie,

gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis,

ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der

Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse.

Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht

beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein

glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos

fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rückzuwirken,

in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem

(protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.

Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des

Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über

Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende

Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der

neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein

Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der

absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie

er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren,

unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth

war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich

vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen;

die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten Theile

#seinem# Vorbild, -- und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte

sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].

Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche

Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten

die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen

konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt

und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt,

indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher

und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit

eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche

in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands

politisches Leben untergrub.

Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten

geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan

aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die

Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe

Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.

Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft · 第 2 / 19 段