ALBERT (ist vom Fenster weg wieder auf den Tisch zugetreten): Nee, so'ne
Unvernunft von dem! (Mit einem Blick nach der Uhr.) 's is nu halb Zwei!
TONI (sieht in die Höhe): Sprich mal nich so vom Vater!
ALBERT (sich zu ihr auf's Sopha setzend und sie schmeichelnd um die
Taille fassend): Ach was, Tönchen! Sei man still! ... 's is doch wahr!
Näh mir lieber nächstens mal 'n paar Stege an die Hosen! He? ...
TONI (ihn sanft von sich abwehrend): Ach, nich doch, Albert! Red' Walter
zu und geht beide zu Bett!
FRAU SELICKE (unwillig vom Bett herüber): Ja doch! Stör' uns nich immer
und leg' Dich lieber hin für Dein unnützes Schmökern da!
ALBERT: _Na_, was soll man denn machen!
FRAU SELICKE: Statt den ganzen Tag, wenn Du frei hast, hier
umherzuliegen, könntest Du noch 'n bischen Sprachen lernen! Das braucht
'n Kaufmann heutzutage! Aber Du hast nich 'n bischen Lerntrieb!
ALBERT: Ach was, Mamchen!
FRAU SELICKE: Na, mach' doch, was Du willst! Mir kann's egal sein! ...
Mir wird so wie so bald alles egal sein! ... Ueberhaupt! Nenn' mich nich
immer Mamchen! Was denkste Dir denn eigentlich, Du Gelbschnabel?!
ALBERT: Na, liebe Zeit! Was wollt Ihr denn nur! Ich thu' doch meine
Schuldigkeit im Geschäft! Da solltest Du erst mal andre junge Kaufleute
sehn!
FRAU SELICKE: Na, ja ja! Is schon gut! Wissen ja! Lass uns nur
zufrieden!
WALTER: Ach, nu kömmt er immer noch nich!
FRAU SELICKE: Leg Dich zu Bett, Walter! Leg Dich zu Bett!
WALTER: Ach nee! Ich kann ja doch nich schlafen, Mutterchen, wenn Vater
nich da is!
FRAU SELICKE: O, und nun auch noch die _Schmerzen_ in meinem _Fusse_!
... Ich könnte laut _auf_schrei'n! ... Weiter nichts wie Elend und Sorge
und Aufregung hat man! Das ist das ganze bischen Leben! Wenn einen der
liebe Gott doch _endlich_ mal erlösen wollte!
ALBERT (geht mit gesenktem Kopfe verdriesslich auf und ab. Die Hände in
den Taschen seines Jacketts): Nein, das is auch eine Wirthschaft hier!
Wenn man doch erst mal ... he! ... Sitzt man bis spät in die Nacht rein
und wagt kein Auge zuzuthun und am andern Tag is man dann janz kaputt!
FRAU SELICKE: Ach, geh schlafen und predige uns nich auch noch was vor!
... Walter, leg Dich nun hin!
WALTER (Sieht immer noch aufmerksam zum Fenster hinaus): Ach nein,
Mamachen! Ich warte noch!
FRAU SELICKE: Na, warte man ...
ALBERT: Ae was! Ich leg' mich hin!
FRAU SELICKE: Das machste gescheidt!
ALBERT (mürrisch): Jute Nacht!
TONI: Gute Nacht!
ALBERT (nimmt, während er am Sophatisch vorbei geht, von diesem eine
Streichholzschachtel, klappert damit und verschwindet in der Kammer,
nachdem er bereits auf der Schwelle ein Zündhölzchen angestrichen und in
das Dunkel hineingeleuchtet hat).
FRAU SELICKE: Walter!
WALTER: Ach, Mamachen!
FRAU SELICKE: Ach was! Dummer Junge! .... Dir thut er ja nichts!
WALTER: O ja!
FRAU SELICKE: Ach, Dummheit! ... Leg' Dich hin! Geh! ...
WALTER: Au, unten kommt einer!
FRAU SELICKE (zusammenfahrend): Kommt e'?!
WALTER (weinerlich): Is 'n andrer!
FRAU SELICKE: Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... Das kann er doch
wirklich nich verantworten! ... Walter! Geh' nun!
TONI (hat ihr Nähzeug auf den Tisch gepackt, ist aufgestanden, an's
Fenster getreten und nimmt nun Walter an die Hand): Komm, Walterchen!
WALTER (hat sie von unten auf umfasst und sieht zu ihr empor): Ach, lass
mich doch! Ich hab' ja solche Angst! ... Ich wart' hier lieber am
Fenster!
TONI: Dann geh ich _auch_ nicht schlafen! Na?
WALTER (weinerlich): Ach! -- (Macht sich von ihr nach dem Fenster zu
los.)
TONI: Komm!
WALTER: Gleich! (Sieht durch das Fenster.) Jetzt! (Lässt sich von ihr
nach der Kammer führen. Schluchzt. Während die Thür aufgeht, sieht man
noch das Licht brennen, das Albert sich angesteckt hat. Toni bückt sich,
küsst Walter und drückt dann die Thür wieder zu. »Gute Nacht!«)
WALTER: Ach, lass doch die Thür 'n bischen auf!
TONI: Na ja! ... So! ... (Eine Weile noch sieht man durch den Spalt das
Licht, dann verlischt es. Toni macht sich still wieder an ihre Arbeit.)
FRAU SELICKE: Nein! So ein komischer Junge! Sich so abzuängstigen! ...
Ueber was man sich nich alles ärgern muss? ... Nein! ... Ach! Na -- ich
sage auch schon! ...
(Kleine Pause. Im Bett Husten und Stöhnen.)
LINCHEN: Ma--ma--chen! ...
FRAU SELICKE (beugt sich über die Kissen): Ach, da biste ja wieder,
meine Kleine?
LINCHEN: Warum -- kommt'n Papa noch nicht?
FRAU SELICKE: Sei nur ruhig! ... Weine nicht! ... Rege Dich nicht auf,
mein Herzchen! Er kommt nun bald! ... Ach Gott, ja!
LINCHEN: Er ist wieder -- betrunken! Nich wahr?
(Toni lässt ihr Nähzeug sinken und sieht vor sich hin.)
FRAU SELICKE: Ach nein! ... Nein doch, mein Herzchen! ... Er is nur
einen Weg gegangen! ... Er bringt Dir was mit!
LINCHEN: Ach nein! ... Er will Dich nachher wieder schlagen!
FRAU SELICKE: Ach, aber meine Kleine! ... Weine doch nur nicht, mein
Linchen! ... Gott, nein! ... Siehste, Du darfst dich ja nich aufregen?!
Du wirst ja sonst nich gesund? ... Nein, mein Mäuschen! Er hat nur ein'n
Weg gehabt!
LINCHEN: Bringt er mir wieder Törtchen mit?
FRAU SELICKE: Ja.
LINCHEN: Ach Mamachen! Und 'ne neue Puppe möcht' ich auch so gerne
haben!
FRAU SELICKE: Ja, die kriegst Du! Und auch wieder Wein!
LINCHEN: Solchen süssen?
FRAU SELICKE: Ja.
LINCHEN: Aber weisst Du, Ma--machen .... es muss eine Puppe sein, die
... richtig sprechen kann ...
FRAU SELICKE: Ja! So eine!
(Toni hört die ganze Zeit über in Gedanken versunken zu.)
LINCHEN: Auch ein'n ... Wagen ...?
FRAU SELICKE: Ja?
LINCHEN: Au! Denn ... fahr'n wir die Puppe immer spazier'n ...! Nich
wahr, Tönchen?
TONI: Ja, liebes Kind!
FRAU SELICKE: Ja, meine Kleine! Dann gehst Du wieder mit Tönchen
spazier'n!
LINCHEN: Au ja! ... Bald -- Ma--machen?
FRAU SELICKE: Ja! Bald! Ganz bald!
LINCHEN: Morgen?
FRAU SELICKE: Morgen? Aber, liebes Kind! Du musst Dich doch erst noch 'n
bischen erholen? .. Nich wahr? .. Aber diese Woche vielleicht!
LINCHEN: Bestimmt?
FRAU SELICKE: Ja! ... Bestimmt!
LINCHEN: Ma--machen ... Ja? Ich -- werde doch ... wieder gesund?
FRAU SELICKE: Ja, gewiss mein Mäuschen! ... Freilich!
(Kleine Pause.)
LINCHEN: Ma--machen? ...
FRAU SELICKE: Hm?
LINCHEN (lächelnd): Kranksein is hübsch!
FRAU SELICKE: Ach Gott! .. Meine arme, dumme Kleine! ... Warum denn?
(Beugt sich zärtlich zu Linchen hin.)
LINCHEN: Weil .. weil Du dann .. immer ... so ... gut bist ...
FRAU SELICKE: O, aber mein Linchen! ... Bin ich denn sonst _nicht_ gut?
LINCHEN: Liebes Mamachen?
FRAU SELICKE: Was denn, meine Kleine?
LINCHEN: Mamachen?
FRAU SELICKE (rückt ihr etwas näher): Na?
LINCHEN: Nich wahr .... Ma--machen? ... Du -- zankst nich mehr ... mit
mir .. wenn ich ... erst wieder ... gesund ... bin ...
FRAU SELICKE: Ach, meine ... (küsst sie).
LINCHEN: Hast Du ... mich ... lieb, Ma--machen?
FRAU SELICKE: Ach, meine Kleine!
LINCHEN: Bringt Papa ... ein' Baum mit ... und Lichter?
FRAU SELICKE: Ja, Liebchen! Und morgen kommt der Weihnachtsmann!
LINCHEN: Ei! ... Rück mich doch 'n bischen in die Höh', Ma--machen!
FRAU SELICKE: Willst Du denn nicht wieder einschlafen, meine Kleine?
LINCHEN (aufgeregt, hastig): Ach, ich ... bin ... gar nich ... müde ...
(Hustet) Ich .. bin .. ganz ... wohl ... Ma--ma--chen!
FRAU SELICKE: Ach, der alte, böse Husten! ... Na so? (Hat sie ein wenig
hochgerückt.)
LINCHEN: Erzähl' mir ... doch ... 'n bischen was!