des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich fuer sicher glaube, hat wohl an
der Haelfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften,
Schicksale, Freuden und Leiden das Verhaeltnis der Geschlechter grossen
Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil
von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein
Erkleckliches anstaendiger und schamhafter als das Leben selber.
Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzaehlern teils so zart und mit
guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz
und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen
die natuerliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei
gesunden und vernuenftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten
vermoegen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten
voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche
ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige
Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Ueberdies war
der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in
Ueberschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut,
die davon handelnden Novellen ungelesen ueberschlagen kann.
Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darueber
gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzaehlern beiderlei
Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche
derbe Posse mit anhoeren, sondern auch selbst solche erzaehlen. Mir ist
zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Maenner vor
jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass
dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfuer der Meister
sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn
oder am Schlusse einleuchtend erklaert, warum und in welcher Absicht sie
erzaehlt sei. Die Einfuehrung der Erzaehlungen heiklen Inhalts hat
Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den
drei Juenglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus,
ein Witzemacher, Spoetter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist
der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige
Geschichte vorzutragen, und er behaelt sich das Recht vor, ohne Zwang
jedesmal gerade das zu erzaehlen, was er im Augenblick besonders
unterhaltend faende. Dieser Dioneus faehrt denn auch stets, ohne sich
sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art
fort, und unter den zehn von ihm erzaehlten Novellen sind nur zwei, die
nicht anstoessig waeren, und auch von diesen beiden ist noch die eine,
obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kraeftigen Scherzen
und Spoettereien.
Die erste von Dioneus erzaehlte Posse, worin ein Moench sich in die
Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erroeten und
Schelten. Allmaehlich wagen es nun auch die beiden anderen Juenglinge,
Aehnliches vorzutragen, bei den Maedchen ueberwiegt bald das Gelaechter
den Unwillen, und nach und nach entschluepft auch ihnen da und dort eine
derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz ueberwunden ist und alle
ihren natuerlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den
Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten
gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was die
Anzahl, sondern auch was die Staerke seiner Possen betrifft. Welcher
Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebuehre, mag jeder
fuer sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von
der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schoenheit und Kunst
vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im
uebrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden
und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimuetigkeit sich mit guter Sitte
sehr wohl vertraegt. Darin koennte sogar mancher von den Erzaehlern der
hundert Novellen viel Nuetzliches lernen.
Im Ernst moechte ich keinem klugen Leser raten, die unanstaendigeren
Novellen des Dekameron voellig zu ueberschlagen. Wer selbst von guter
und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsaeuberliche von
selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in
einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so
dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der
Darstellung wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von
Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften
Wendungen der Rede sehr geuebt gewesen und sind es auch heute noch in
hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus
dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen
dieselben ihrem Inhalte zum Trotz haeufig eine Anmut und Natuerlichkeit,
welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.
Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme
Vorwuerfe fuer notwendig haelt, moege seine eigenen Rechtfertigungen
lesen, welche am ausfuehrlichsten in der Einleitung, sowie in der
Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen
nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses
erfreut!
[Illustration: BOCCACCIO nach einem Gemaelde von Andrea del Castagno]
Uebrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs
vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie oefters in freimuetiger
Weise von den Vergnuegungen der Liebe handeln; denn von diesen Dingen
wurde in jenen Zeiten viel natuerlicher und freier gesprochen, als es
heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Uebung hat,
aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche
wie die englische Literatur der aelteren Zeit reich an Unflaetereien,
neben welchen die boesesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete
klingen.
Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast
ausschliesslich darauf, dass im Dekameron haeufig, wie man meinte, die
heilige Religion und Kirche angetastet und verhoehnt werde. In dieser
Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen
geneigt.
In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine
Stelle, welche wider die Religion gerichtet waere oder die Absicht
haette, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist oefters von goettlichen
Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und
glaeubigsten Ausdruecken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der
Zehne jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an
diesen Tagen hoeren wir weder von Geschichtenerzaehlen noch von
sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht
erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der
Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Moenchen
und Nonnen, auch von Aebten, Bischoefen, Prioren und hohen geistlichen
Herren mit der kuehnsten Freimuetigkeit gesprochen hat. Er tat dieses
teils, indem er die unanstaendigen und lasterhaften Handlungen, wenn er
solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob,
teils redete er aber auch unverhuellt in den strengsten und heftigsten
Ausdruecken ueber Priester und Moenche. Von diesen sagt er, ausser an
vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:
"Sie schreien ueber die Ueppigkeit gegen die Maenner, damit, wenn sie
diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber fuer die Schreier
zurueckbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Suender
durch ihre Haende den ungerechten Gewinst zurueckerstattet, sich vorher
daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistuemer und Praelaturen
kaufen koennen. Sie predigen lauter Gutes -- aber warum? Damit sie
selbst das tun koennen, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verboeten,
sie nicht tun koennten! Wenn du den Weibern nachlaeufst, so kann der
Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und
Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus
zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben
tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen,
sondern auch solche aus den Kloestern liebten, verfuehrten und
besuchten, und das waren jene, die den meisten Laerm auf den Kanzeln
machten."
Von den allerhoechsten Kirchenfuersten aber handelt die von Neiphile
erzaehlte zweite Novelle des ersten Tages. Naemlich einem reichen und
redlichen juedischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein
Herzensfreund dringlich an, er moechte doch die Taufe nehmen und Christ
werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der
Jude, als ein sehr verstaendiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein
und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der
Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die
Hueter und Verkuendiger eines so erhabenen Glaubens zu schaetzen seien.
Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es
in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem
Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist
Laster ueber Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und
derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris
heimkehrte, laesst sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes
trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten
und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und
sich Muehe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch
besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott
sein, sonst waere sie laengst ertoetet und von der Erde verschwunden.
Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner
Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehoert hat, so weiss ich
gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.
Zum Schoensten und Holdesten, was im Dekameron, ja ueberhaupt bei irgend
einem beruehmten Dichter zu finden ist, zaehlen jene Novellen, in
welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des
Edelsinns und der Seelengroesse berichtet werden. Schon Petrarca,
welcher im uebrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an
einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten
Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann
und immer wieder erzaehlte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer
Verbreitung, mit eigener Muehe ins Lateinische uebersetzt hat. Nicht
minder schoen und ruehrend ist jene schon erwaehnte Erzaehlung vom
Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger
junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern
auch eine schoene Dichtung, verfasst von dem Englaender Keats,
veranlasst hat.
Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, das man sich nur ersinnen
kann, ist die Geschichte, welche am fuenften Tage Fiammetta erzaehlt,
von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es wuerde
mir eine Suende scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio
eigenen Worten wieder zu erzaehlen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese
Erzaehlung stellt, ohne ein einziges ueberfluessiges Wort, eine edle und
treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer
so feinen, wehmuetigen Einfalt erzaehlt, dass es schwerlich sonst je
einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des
Zuhoerers so maechtig zu ergreifen.
[Illustration: Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig
erschienenen Druckausgabe des Dekameron.]
[Illustration: BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo]
Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden,
welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto traeumte.
Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien
umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwuerdigen
Bilde, wie er erzaehlt: "Es kam mir vor, als befaende ich mich in einem
schoenen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schoene,
liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine gesehen hat; es
schien mir, als waere sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so
zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es
mir vor, als waere sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich
nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen
schien, das ich an einer goldenen Kette in den Haenden hielt." -- In
eben derselben Erzaehlung ist es ueberaus schoen und ruehrend zu lesen,
wie ein Maedchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide
legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen
Leichnam ueber und ueber mit Rosen zudeckt.
Neben solchen Schoenheiten findet man aber auch eine Menge von
merkwuerdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der
Menschen. Ueber die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in
fremden Seestaedten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und
versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter
Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfaehrt man auch einiges
ueber das Leben und Gebahren der schlauen und betruegerischen Dirnen von
Palermo. Von dem so sehr beruehmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in
der fuenften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und
Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so koestlich
munden, hoeren wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine
praechtige Beschreibung koestlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die
noetigen Fische unter den Augen der Gaeste im Gartenteich von schoenen
Maedchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten
Novelle des zehnten Tages.
Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von
Schwarzkuenstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht
weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Kuenstlern, von
Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben
durch Hoerensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern.
Wenn einer ueber die Beschaeftigungen und Lebensweise der
verschiedensten Menschen und Staende zu jener Zeit Genaues erfahren
will, der wird in den saemtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel
finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren
der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre
Augen stellt. Dazu gehoert auch seine Schilderung der schrecklichen
Pest, welche mit Recht als ein Meisterstueck angesehen wird. Der
beruehmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner
Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthaelt sich einer
weiteren Beschreibung und redet nur von "der Pest, welche Messer
Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch
welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor." Und sicherlich hat
selten ein so entsetzliches Unglueck eine so koestliche Frucht getragen
wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron
geschrieben worden ist.
Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe,
von der Religion, von edlen Taten und vom taeglichen Leben aller Staende
redet, bleibt uebrig, zu einem froehlichen Schlusse auch noch der
Schelmenstuecke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken.
Was diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwaenken des
Dekameron der witzige Florentiner Geist sich selber uebertroffen habe.
Denn wenn schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von
Schalkspossen als auch wahre Muster im Erzaehlen derselben und in
sonstigen Witzen gewesen sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst
wahrhaft unuebertrefflich verstanden. Unter denjenigen seiner
Nachfolger, welche ihm mit dem groessten Gluecke nacheiferten und es ihm
in manchem gleichzutun schienen, hat kein einziger in so hohem Masse
diese Gabe besessen, komische Dinge in wenigen Worten mit Grazie und
feinem Humor vorzutragen.
Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf
anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren
und ihren Stuecklein ist die Stadt Florenz schon von fruehen Zeiten her
unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hoert man in ganz Italien
nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen,
Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die
Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern,
Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern
hochberuehmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge
von Streichen und lustigen Anekdoten ueberliefert. Man braucht sich nur
etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die
fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den
grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen
Zeiten einer der beruehmtesten Fuersten der ganzen Welt gewesen ist und
doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit groesster Ueberlegung dem
Arzt Manente einen hoechst durchtriebenen und gruendlichen Streich zu
spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il
Lasca, erzaehlt hat.
So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner
Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele
Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem
Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfaeltigen
Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte
Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am
achten Tage des Dekameron das Fraeulein Elisa ein Stuecklein von ihnen
erzaehlt, so fallen sogleich mehreren Zuhoerern andere solche Streiche
der beiden ein, welche sie unter vielem Gelaechter mitteilen. Diesen
Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino
ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er haette es sich
selber gestohlen, und sich von ihm noch dafuer bezahlen zu lassen, dass
sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal
in eine Dirne verliebt, knoepften ihm Geschenke fuer dieselbe ab und
holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im
fatalsten Augenblick seine wuetende Frau herbei. Was soll man aber dazu
sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem
selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein
ordentliches Entgelt dafuer zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine
Schuessel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?
Ewig unvergesslich und laecherlich aber ist des famosen Dioneus Historie
von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzaehlt. Dies Stuecklein
spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla
ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schroepfen, zum
Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er
werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, naemlich eine
Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm
einige Spassvoegel die mitgebrachte Papageienfeder und legen statt
derselben ein paar Kohlen in sein Kaestchen. Alsdann haelt er eine
herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder
nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkaestchen voller
Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte
Reise durch allerlei Schlaraffenlaender erzaehlt, wobei er bis zum
Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann faehrt er fort:
"Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie
unmoeglich alle herzaehlen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu
lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die
Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je
gewesen ist, und den Haarbueschel des Seraph, der dem heiligen
Franziskus erschien, und einen der Fingernaegel der Cherubim, und eine
der Rippen des beilaeufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der
Kleider des allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen
des Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein
Flaeschlein voll Schweiss von dem heiligen Michael, als er mit dem
Teufel stritt, und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen
tat, schenkte er mir einen von den Zaehnen des heiligen Kreuzes, und in
einer kleinen Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel
Salomonis, die Feder des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch
einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligste Maertyrer Sankt
Laurentius gebraten wurde."
Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt
der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute
draengen sich inbruenstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu
sehen, und Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz
aufs schoene Sonntagskleid.
Weltberuehmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Kueche
das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei
Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine
Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein haetten. Nachher geht
der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche erblicken, die
alle auf einem Beine stehen. "Seht Ihr wohl?" sagt der Koch freudig. Da
klatscht der Herr in die Haende, so dass die Voegel fluechten und dabei
ihre beiden Beine zeigen. "Schau, dass Du gelogen hast!" ruft er zornig
und will den Koch zuechtigen. Der sagt jedoch: "Herr, es ist Euer
Fehler. Haettet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss haette
dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt." Der Herr muss
lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.
Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der
Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den "Baranci" (Tag
VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und
eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnuegen
daran hat, koennte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage
niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist
freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich,
und ich selber koennte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber
erlebt und gesehen habe, erzaehlen, wenn ich von der herrlichen Kunst
und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil
besaesse.
[Illustration: HERM. HESSES SCHRIFTEN]
ROMANTISCHE LIEDER.
Bei E. Pierson, Dresden 1898
HERMANN LAUSCHER.
Bei R. Reich, Basel 1901
GEDICHTE.
Bei G. Grote, Berlin 1902
PETER CAMENZIND.
Bei S. Fischer, Berlin 1904
*Insel-Verlag -- Leipzig -- Lindenstrasse 20.*
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Das Decameron des Giovanni di Boccaccio
Neue, vollstaendige Taschenausgabe in drei Baenden unter
Zugrundelegung der _Schaum_schen Uebertragung von 1823;
durchgesehen und vielfach ergaenzt von _D. Carl Mehring_.
Zweifarbiger Titelrahmen und Einbandzeichnung von _Walter
Tiemann_. Gewoehnliche Ausgabe auf feinem duennem englischen
Papier. Preis brosch. M. 10.--, in drei braune Lederbaende
gebunden M. 15.--.
Diese, von berufenster Hand durchgesehene und vielfach ergaenzte
neue Ausgabe ist die einzig vollstaendige im Handel befindliche.
Aeusserlich wird dieselbe in handlichster und bequemster Form
eine Freude sein fuer jeden, der ein Buecherherz hat.
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_DAS THEATER_
*EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
HERAUSGEGEBEN VON DR. CARL HAGEMANN
MIT BUCHSCHMUCK VON E. M. _LILIEN_
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Im Anschluss an die "Dichtung" erscheinen:
Bd. I. Der grosse Schroeder von Prf. B. Litzmann
Bd. II. Bayreuth von Prf. W. Golther
Bd. III. Josef Kainz von Ferd. Gregori
Bd. IV. Albert Niemann von Prf. R. Sternfeld
Bd. V. Das Burgtheater von Dr. Rud. Lothar
Bd. VI. Adalbert Matkowsky von Philipp Stein
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