Ueber die Dichtergroesse des Boccaccio, welchen man gerne de

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DIE DICHTUNG BD. VII

_BOCCACCIO VON_

_HERMANN HESSE_

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_DIE DICHTUNG_

*EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*

HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_

BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER

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Bisher sind erschienen:

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Theodor Fontane von Franz Servaes

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Theodor Storm von Paul Remer

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_Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_

_Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_

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_DIE DICHTUNG_

*EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*

HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_

BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER

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Conr. Ferd. Meyer von Wilhelm Holzamer

Novalis von Willy Pastor

Wilhelm Busch von Richard Schaukal

Die Sammlung wird fortgesetzt.

Es sind einhundert Baende vorgesehen.

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_Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_

_Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_

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ALLE RECHTE VORBEHALTEN

BOCCACCIO

VON

HERMANN HESSE

ZWEITES TAUSEND

VERLEGT BEI SCHUSTER & LOEFFLER

BERLIN UND LEIPZIG

DER SIGNORA MARIA IN

ERINNERUNG AN UNSERN

SPAZIERGANG IM MUGNONETAL

IN VEREHRUNG

ZUGEEIGNET!

... conciossiecosache le buone novelle sempre possan giovare,

con attento animo son da ricogliere, chi che d'esse sia il

dicitore.

Decamerone, giornata prima.

[Illustration: FLORENZ. Nach einem alten Holzschnitt]

Verehrte Herrschaften und vor allem Ihr, schoene und angebetete Damen!

Es ist ueblich, dass demjenigen, der ein schoenes Geschenk oder Kleinod

ueberbringt, ein guter Dank und Lohn zuteil wird; und so werdet auch

Ihr, wenn ich Euch einen reichen Schatz ohne allen Anspruch auf Gewinn

oder Lohn uebergebe und anpreise, es freundlich aufnehmen und mir im

stillen Dank dafuer wissen. Dies tue ich aber, indem ich Euch das Buch

meines Freundes Giovanni Boccaccio aus Florenz in die Haende lege; denn

Ihr werdet, sofern Ihr es verstaendig leset, in demselben eine solche

Fuelle von schoenen, klugen, erfreulichen, ruehrenden und laecherlichen

Geschichten entdecken, wie sie vielleicht ausserdem kein anderes Buch

irgend eines Dichters enthaelt.

Seid Ihr nie an einem schoenen, warmen Tage im Fruehsommer an einem

fremden Garten vorueber gegangen? Ihr waret allein und verdrossen, und

aus dem Garten brachte der Wind den Geruch von Rosen und Orangeblueten,

das Silbergetoen einer plaetschernden Fontaene, die Klaenge einer

Guitarre und das von Gelaechter unterbrochene Plaudern froehlicher

junger Leute zu Euch heraus. Da ergriff Euch Traurigkeit und eine

maechtige Sehnsucht, hinein zu gehen, die staubige Landstrasse mit

gruenem Rasen und Blumenbeeten zu vertauschen, die Lieder der Saenger

und die frohen Gespraeche der Gluecklichen anzuhoeren und Eure Sehnsucht

an all der Heiterkeit und Freude nach Herzenslust zu ersaettigen.

Wohlan, Ihr werten Leute, hier ist das Tor des Gartens: es ist

geoeffnet, und aus den Bueschen dringt Bluetenduft, Gelaechter,

Liedergesang und Saitenspiel. Tretet ein, nehmet Platz, saettiget Euer

Verlangen! Hoeret Ihr gerne schoene Lieder an? Oder habt Ihr Lust, Euch

eine traurige Liebesmaere erzaehlen zu lassen? Oder freut es Euch, einen

Witz, eine Posse, eine kraeftige Anekdote zu vernehmen? Oder von

Beispielen des Edelsinns und hoechster Tugend zu hoeren? Traget Ihr

Verlangen nach vielfaeltigen und unerhoerten Abenteuern, oder mehr nach

galanten Historien, bei welchen die Damen erroeten und sich, der guten

Sitte halber, ein wenig entruestet stellen?

Ihr alle moeget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte.

Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so

beschaffen, dass sie die Juenglinge zum Entzuecken, die Maedchen zum

Erroeten oder zur Ruehrung, die Maenner zum Lachen, die Weisen zum

Nachdenken noetigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen

Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und

Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine

anmutige und wahrhaftige Art erzaehlt und dargestellt. Fuer Kinder von

zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht fuer

bloed gewordene Greise, auch nicht fuer Leute von feindseliger,

kleinlicher und muerrischer Sinnesart. Ausser diesen aber moegen sie von

Jungen und Alten jeder Art mit grossem Vergnuegen und gewiss auch nicht

ohne Nutzen gelesen werden.

Ehe ich weiter von diesem merkwuerdigen Buche mit Euch rede, will ich

aber erzaehlen, wer eigentlich jener Herr Boccaccio war (denn er ist

leider schon seit laengeren Zeiten verstorben), und wie er das Dekameron

geschrieben hat.

Wer jemals auch nur die kleinste Novelle von ihm gelesen hat, der kann

nicht daran zweifeln, dass jener ein echter Florentiner war. Denn wenn

es auch einem Fremden vielleicht moeglich gewesen waere, die schoene und

glaenzende florentinische Sprache so vollkommen zu erlernen, so wuerde

ihm doch immer noch der bewegliche, kecke und witzige Geist des

geborenen Florentiners mangeln, den man nicht lernen kann. Denn wohl

haben in spaeteren Zeiten auch manche weichliche Neapolitaner,

leichtsinnige Mailaender, traege Venetianer und plumpe Sienesen huebsche

Novellen geschrieben; allein diese alle hatten den Boccaccio zum

Lehrmeister, welcher der Vater und Urheber dieser Kunst gewesen ist.

Wenn man nun bedenkt, in welcher Zeit das Buch Dekameron verfasst wurde,

so begreift man leicht, weshalb die Stadt Florenz seine Heimat sein

musste. Diese reiche und praechtige Stadt, welche auch heute noch eine

der schoensten auf Erden ist, befand sich eben zu jener Zeit zwar in

mancherlei Kaempfen und politischen Noeten, jedoch begann sie schon

sichtbar nach jener unvergleichlichen Bluete hinzustreben, welche sie

hundert Jahre spaeter erreichte. So erfreute sie sich einer emsigen und

gluecklichen Taetigkeit auf allen Gebieten und nahm nicht weniger im

Handel als in den Kuensten taeglich an Ruhm und Gluecke zu, waehrend das

maechtige Rom klaeglich darnieder lag, indem der Papst samt seinem

ganzen Hofhalte sich nach Avignon in der Provence verzogen hatte. Es war

von Florenz sowohl der beruehmte Petrarca als der grosse Dichter Dante

gebuertig, obwohl dieser in der Verbannung gestorben war, wie denn auch

infolge bestaendiger Buergerkriege des Petrarca Familie vertrieben war

und in Arezzo lebte. Und was die Florentiner an jenem goettlichen

Dichter gesuendigt hatten, suchten sie desto eifriger zu suehnen, indem

sie damals und noch lange nachher eine grosse Zahl von Gelehrten,

Dichtern, Kuenstlern und anderen Maennern beherbergten, deren Ruhm ihrer

Stadt zur Ehre gereichte und sie gewuerdigt hat, bis auf diesen Tag die

eigentliche Geburtsstaette des rinascimento zu heissen. Zugleich

unterhielten die Kaufleute einen grossen Verkehr nach allen Laendern der

Welt, und es lebten viele Florentiner Buerger als Haendler und

Geldwechsler in Rom, Neapel, Mailand, Paris, Byzanz, London, Flandern,

auf Sizilien, Malta, Kreta, Cypern und anderwaerts, von wo nicht nur

Geld und Wohlstand, sondern auch mannigfaltige Nachricht und Kunde

fremder Gegenden, Sitten und Begebenheiten taeglich in die Stadt kamen.

Aus einer so beschaffenen Zeit und Stadt entstammte also der Verfasser

des Dekameron. Aber dennoch ist er nicht in Florenz oder in dem

benachbarten Certaldo, von wo sein Geschlecht herkam, geboren. Vielmehr

fuegte es das Schicksal, das ja stets der groesste Dichter gewesen ist,

dass das Leben dieses weitbekannten Novellenerzaehlers in einiger

Dunkelheit und nicht anders als eine Abenteuernovelle begann.

Hoeret denn, Ihr lieben Herren und Damen, das Wenige, was man vom Leben

dieses herrlichen Dichters heute noch weiss, denn leider ist es lange

nicht so viel, als man wuenschen moechte!

Aus dem Staedtchen Certaldo im Elsatal gebuertig, lebte zu Florenz ein

Kaufmann namens Boccaccio. Er war ein fleissiger und kluger, allein auch

geldgieriger und leichtfertiger Mensch, welcher zahlreiche Handelsreisen

teils fuer fremde, teils fuer eigene Rechnung unternahm, wobei er ebenso

sehr fuer seinen Vorteil wie fuer sein Vergnuegen zu sorgen verstand,

jedoch nach Art der Kaufleute auch oefteren Zufaellen und

Glueckswechseln ausgesetzt war. Laengere Zeit war er an dem grossen

Bankgeschaefte des altberuehmten Hauses der Bardi beteiligt, welches

auch in Paris, wie in anderen Staedten, eine Filiale besass und hohes

Ansehen genoss. Diesem Pariser Hause hat unser Kaufmann eine Zeitlang

vorgestanden, und wenn er dabei sich als einen tuechtigen Handelsmann

erwies, so liess er doch in dieser grossen und ueppigen Hauptstadt auch

sein Vergnuegen nicht ausser Augen.

[Illustration: Jugendbildnis BOCCACCIOS]

Wenigstens sah er daselbst eines Tages eine junge und sehr huebsche

Witwe, welche ihm ueberaus wohlgefiel und deren Gunst er sogleich zu

erwerben sich bemuehte. Dies tat er denn auch, als ein gewiegter Mann,

auf jede Weise, indem er sich fuer einen Edelmann ausgab, was ihm bei

seiner huebschen Gestalt sehr wohl gelang. Er spielte den Feinen und

trat nicht anders auf, als wenn er der Sohn des vornehmsten Hauses

gewesen waere, obwohl er im Grunde wenig mehr als ein baeuerisch

gebildeter Geldwechsler war. Bald hatte er die Augen der schoenen Witwe

auf sich gelenkt und sie seinen ehrerbietigen Bitten zugaenglich

gemacht, und da er ihr mit vielen Schwueren die Ehe versprach, sah er

sich in kurzem am aeussersten Ziel seiner Wuensche angelangt. Zu

beiderseitigem Vergnuegen erfreuten sie sich laengere Zeit ihrer Liebe

ohne Hindernisse, und gewiss haette der Florentiner noch lange nicht an

die Rueckkehr nach seiner Heimat gedacht, waere nicht infolge dieser

Liebschaft jene Witwe nach Jahresfrist mit einem huebschen Knaeblein

niedergekommen. Dieses passte keineswegs in die Plaene des

leichtsinnigen Italieners, und da die Dame ausser ihrer Schoenheit keine

Reichtuemer besass, verliess er, ohne sich seiner Schwuere mehr zu

erinnern, sie und die Stadt Paris in aller Stille und begab sich als ein

lediger Mann nach Florenz zurueck, wie es stets die Art solcher Leute

war, sich um eine leere Flasche und um eine schwanger gewordene Geliebte

mit keinem Blicke mehr zu bekuemmern.

Das Knaeblein aber, das die arme Frau im Jahre 1313 gebar, war Giovanni

Boccaccio.

Von Schmerz und Sorge entkraeftet, lebte die unglueckliche Dame nur noch

wenige Jahre, und nach ihrem Tode ward Giovanni in zartem Knabenalter

nach Florenz zu seinem Vater gebracht. Dort besuchte er eine gute

Schule, erwarb sich einige Kenntnis der lateinischen Sprache und waere

am liebsten bei den Buechern sitzen geblieben, um sich ganz den Studien

hinzugeben. Aber kaum war er etwa dreizehn Jahr alt, so nahm ihn der

Vater zu sich, lehrte ihn die notwendigsten Handgriffe und Rechenkuenste

der Handelsleute und uebergab ihn sodann einem Geldwechsler, damit er

bei diesem die Kaufmannschaft erlernen sollte. Sechs Jahre blieb er denn

bei diesem Gewerbe, ohne jedoch etwas Erkleckliches zu lernen oder gar

den Handel lieb zu gewinnen. Vielmehr lief er ueberall hin, wo er Verse

singen oder vortragen hoeren konnte, und lernte viele Stuecke aus den

grossen Gedichten des Dante und des Virgil auswendig, welche ihn

hoechlich begeisterten und mit einer unausloeschlichen Liebe zur Poesie

erfuellten.

Am Ende dieser sechs Jahre sah jedermann deutlich, dass Giovanni in die

Handelschaft passte wie der Fisch aufs Trockene. Dies sah auch der Vater

wohl ein und beschloss daher, seinen Sohn den Studien an Universitaeten

zu widmen, und zwar waehlte er fuer ihn das Studium des kanonischen

Rechts, indem es ihm als einem klugen Manne schien, es sei mit diesem

Handwerk nicht wenig Geld zu verdienen, wenn einer es ordentlich

verstehe. Weil aber Giovanni um diese Zeit sich eben in Neapel befand,

schien es dem Vater am wohlfeilsten, dass er dort seine Studien abmache,

ohne dass er geahnt haette, welcherlei Kenntnisse derselbe sich dort

erwerben wuerde.

Es war naemlich Neapel zu jener Zeit gewiss die allerueppigste Stadt in

ganz Italien, zumal da gerade unter dem Koenige Robert die Einwohner

eines laengeren Friedens genossen, woran sie nur schlecht gewoehnt

waren. Von dem Leben bei Hofe brauche ich wenig zu sagen, indem

jedermann die Namen der sechs Neffen des Koenigs, sowie seiner

Schwaegerin, der sogenannten Kaiserin von Konstantinopel, und seiner

Enkeltochter Johanna kennt, welche saemtlich durch alle Welt einen

boesen Leumund hatten. Vorab jene Johanna fuehrte ein ueberaus freches

und tadelnswertes Leben, hatte ihres Gatten Bruder zum Buhlen und nahm

ihn spaeter, nachdem sie sich des andern durch Mord entledigt hatte,

ohne paepstlichen Dispens zum Gemahl. Auch sonst war in der Stadt, zumal

unter den Edelleuten, ein vergnuegliches Schlemmen, auch Hader und

kleinere Mordtaten im Schwang, und bei Hofe war laengst zwischen echten

Kindern und Bastarden weder von den Vaetern, noch von anderen mehr zu

unterscheiden. An diesem Hofe, wo er noch zu Lebzeiten des Koenigs von

seinem jungen Landsmanne Niccolo Acciajuoli eingefuehrt wurde, ging nun

das Studentlein ab und zu. Daselbst war mit Festen, Mahlzeiten, Ball,

Tanz und Maskenscherzen ein verschwenderisches Leben, und gewiss hat

Boccaccio niemals irgend eine ueppige oder luesterne Geschichte

erzaehlt, welche er nicht in Neapel viel toller und gruendlicher selbst

mitangesehen hatte. Dass er auf dem Gebiete der gelehrten Studien (das

Latein ausgenommen) etwas Erhebliches geleistet oder den Grad eines

Doctoris juris canonici erlangt haette, wird nirgends berichtet. Statt

dessen legte er damals den Grund zu seiner tiefen Kenntnis der

menschlichen Leidenschaften, da er von hervorragenden Beispielen der

Verschwendung und Habgier, des Aberglaubens, der Wollust, der

Gefraessigkeit, Mordgier, Verschlagenheit und Eitelkeit rings umgeben

war. Am gruendlichsten jedoch unterzog er sich dem Studium der Liebe,

deren Leiden und Freuden er bis zur Neige an sich selber erfuhr.

Eines Tages naemlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334,

erblickte er in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu

Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria,

die natuerliche Tochter des Koenigs Robert, welche fuer eine Tochter des

Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermaehlt war.

Die schoene und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den

huebschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit,

nicht ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte

gewesen. So genoss, wie in der schoensten Abenteuernovelle, der Bastard

eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Koenigs.

Ueber alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den

Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertoenen. Er trieb nach

seiner Neigung Latein und Astrologie, im uebrigen wandte er sich der

heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Kraeften seiner Jugend froh.

Er verfasste in diesen Jahren, zumeist fuer seine Geliebte, eine

unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen heute

niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta

bei, und noch manche Jahre spaeter hat er in wehmuetiger

Liebeserinnerung diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben.

Ohne Zweifel ist jene Zeit die heiterste und gluecklichste in seinem

Leben gewesen. Allein wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu

frueh die Sonne sinkt, so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.

Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz

zurueckzukehren, und nach laengerem Zoegern machte dieser sich unmutig

auf den Heimweg. Der Alte, fuer den Giovanni ohnehin keine allzu starke

Zaertlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna

Bice Bostichi geheiratet, worueber der heimkehrende Sohn nicht eben

erfreut war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge,

ueber welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in

welcher der in Florenz so uebel beleumdete Herr Gautier von Brienne,

genannt Herzog von Athen, sich fuer eine kurze Zeit zum Tyrannen der

Stadt emporschwang. Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde

der Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des

niedrigsten Poebels zum Herrscher auf und schluerfte die Monate seiner

Herrlichkeit zuegellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt

und das ganze Staatswesen drohten in Truemmer zu gehen.

Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des

Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Buergerschaft vertrieben

wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmaehlich die

Zustaende in Florenz und im vaeterlichen Hause so wenig ertraeglich,

dass er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die

Rechtsgelehrtheit hatte er schon frueher aufgegeben. Und so genau er

auch im Dekameron die Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit

derselben doch nicht daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich

der schwarze Tod nicht weniger grauenhaft wuetete. Es starb damals auch

seine Geliebte Maria, und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde

Verse, jedoch war seine urspruenglich so heftige Leidenschaft mit den

Jahren erloschen. Es scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon

frueher wieder fahren lassen, obwohl er in seiner Erzaehlung "Fiammetta"

das Gegenteil darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und

er musste wieder nach Florenz zurueckkehren.

Von da an erblicken wir sein Bild veraendert; sein Leben verlief ohne

heftige Erschuetterungen, und er alterte als ein tuechtiger und

angesehener Buerger. Im Alter von ungefaehr 40 Jahren schrieb er sein

unsterbliches Dekameron, und man koennte glauben, er habe alle seine

Schalkhaftigkeit und froehlich lachende Untugend darin liegen lassen.

Nur noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er

verliebte sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen

boesen Possen spielte. Naemlich sie stellte sich, als waere sie geneigt,

die Wuensche des Dichters zu erfuellen, und benutzte alsdann die erste

Gelegenheit, ihm eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelaechter

all ihrer Bekannten und Freunde klaeglich heimzuschicken. Das war

Boccaccios letzte Liebe.

Im uebrigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte,

lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei

gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine

Sprache zu lernen, ueber zwei Jahre lang bei sich im Hause. Oefters

uebernahm er im Dienste der Stadt politische Auftraege und Ambassaden,

unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon.

Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante

nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas aelteren Petrarca, welcher

damals von sich selber und von jedermann fuer den groessten lebenden

Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft

und war untroestlich, als dieser im Jahre 1374 starb.

Aber das Leben dieses merkwuerdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer

und dessen erste Haelfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen,

verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein

ruestiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf

schalkhafte, bald auf leidenschaftliche Art dem Dienste schoener Frauen

huldigt und ueber Moenche und Priester unerschoepflichen Hohn ergiesst.

Nicht gar viel spaeter aber gelang es einem schwindelhaften Moenche,

namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal

sehr durchtriebenen Bauernfaengerei, und von da an hoerte man ihn seine

schoensten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsuenden und

Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und laecherlicher ist

es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen aelteren Tagen

zu einem argen Frauenveraechter ward und ein Buch mit dem Titel

Corbaccio geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte

von schimpflichen, grausamen, hasserfuellten und anklagenden Reden ueber

die Weiber finden kann -- dazu in einer Redeweise, welche an

Unflaetigkeit auch die kuehnsten Stellen seiner frueheren Werke zehnmal

uebertrifft. Das sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein;

allein der Dichter tat damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur

einen Schnitt ins eigene Fleisch.

Eine spaete Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und

Reisen im Jahre 1373 zum oeffentlichen Ausleger der goettlichen Komoedie

des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofuer er jaehrlich hundert

Goldgulden bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in

der Kirche Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21.

Dezember 1375, zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet.

Die Liebe zu der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen spaeteren

Tagen, trotz des boesen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwuerdige Glorie.

Fuer die nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der

Geschichtenerzaehler mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen

Geschlecht ist an einem einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr

gelegen als an der ganzen Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines

ehrenvollen Alters.

Ueber die Dichtergroesse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten

unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Buechern

viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnoeten ist. Er war

unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht

nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst frueher

als irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, uebte er

sie sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner

unzaehligen Nachfolger uebertroffen oder auch nur erreicht werden

konnte. Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische

Sprache, welche er nicht etwa nur verschoenert und ausgeschmueckt,

sondern in gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl

schon lange vor ihm der Florentiner Dante das groesste und schoenste

italienische Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzaehlung

und die Prosasprache ueberhaupt noch von keinem mit einiger Kunst

gepflegt worden, indem die Gelehrten haeufig lateinisch geschrieben

hatten. Die muendliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit

besonderer Schoenheit und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der

Erste in seinen Erzaehlungen mit ihrer natuerlichen Anmut und

Mannigfaltigkeit verwendet und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt,

dass sie in seinen Haenden sich in etwas ganz neues und herrliches

verwandelte.

In den Buechern des Dekameron zu lesen, ist fuer einen, welcher seine

Lust an einer schoenen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein

Wandeln unter bluehenden Baeumen und als ein Baden in einem reinen

Gewaesser. Die Worte klingen so frisch, als waeren sie soeben erschaffen

und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen

klare, lachende Quellen auf, und die Saetze tanzen bald leicht und

zierlich, bald rollen sie toenend und wohllaut hin. Vielen will es

scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und

es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Waehrend er die Worte aus der

Sprache des Volkes von Gassen und Maerkten nahm, bildete er hinwieder

den Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der roemischen

Redner und Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.

Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache

maechtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und muehsames Werk

erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen

Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen

ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches

Gefallen zu finden, dass sie schnell einige Uebung darin erlangen. Und

vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu

schwerster Muehsal gereichte, so dass er ermuedet davon abliess,

durchaus nicht fuerchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen.

Kurzum, wer einigermassen italienisch versteht, moege sich nicht

scheuen, das Dekameron im originalen Texte zu lesen.* Sobald er nur

einige Uebung erlangt hat, wird ihm ueber den Seiten dieses Buches sein,

als hoere er Voegel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine

solche innere Kraft und freudige Lebensfuelle ist in dieser Sprache

verborgen.

[*] Wodurch aber niemand von der Lektuere einer Uebersetzung

abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkuerzten und

verstuemmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron

muss notwendig unverkuerzt gelesen werden. Zur Zeit ist die

einzige vollstaendige, uebrigens ganz vortreffliche deutsche

Uebersetzung die von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Baenden

1903 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen ist.

Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es ueberaus merkwuerdig

zu sehen, wie alle Kraefte und Vorzuege des Dichters, welcher ja auch

eine nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem

einen Hauptwerke sich schoen und harmonisch vereinigen. Die frueheren,

allmeist in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast

ohne eine einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzaehlung "Fiammetta"

ist bei weitem die schoenste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen

Dichtungen Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen

Gefuehle und Liebesgedanken, ohne genuegende Mannigfaltigkeit, und die

Verse, soweit es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber

geringer Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn

stets die jungen Poeten solche Beruehmtere nachzuahmen bestrebt waren.

Von diesen Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem spaeteren

Werke, als habe die Idee desselben ihm schon laengere Jahre am Herzen

gelegen.

[Illustration: BOCCACCIOS Handschrift]

Aber wie ein frischer und tuechtiger Mann erst in den Jahren der

voelligen Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht,

dass der einzelne Mensch seine Schicksale und Gefuehle gleich der Welle

im Meer ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im groesseren Leben der

Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in

spaeteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit

verglommen war, auf alle seine Kraefte. Was er von Kind auf, aus seiner

Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen

Reisen erfahren hatte, wurde nun zu ploetzlicher Klarheit erhoben und im

stillen entbunden. Nicht weniger die Leiden und die Wollust der

Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und

Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die

Gebraeuche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der

Wechselbank und die auf den Maerkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot

zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die

Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der

Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schoene, Seltsame, Laecherliche

und Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es

erfahren und beobachtet hat -- dieses alles zog er nun aus seinem

Gedaechtnisse hervor.

Gewisslich sind von den hundert Erzaehlungen des Buches Dekameron nur

sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die

einen erzaehlen hoeren, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen

sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur

ein Tor moechte wuenschen, er haette sie alle selbst sich ausgedacht. Im

Gegenteil ist es einer der groessten Vorzuege des Dekameron, dass es

gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale

unzaehliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen haelt. Viele von den

Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus

Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt

gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann

diese zahllosen kleinen Stuecke in seinem Gedaechtnis gesammelt, alsdann

geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen

Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen,

vollkommenen Sprache -- und das Ganze so ebenmaessig, rein und klar und

in sich selber einig, als waere alles am selben Tag und aus demselben

Geist entstanden -- dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast

unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spaesse und weise

Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine

von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre

deutschen, die dritte franzoesischen Ursprungs, lustige und klaegliche,

edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen praechtigen Werk

vereinigt, aneinander gefuegt und wie die Steine eines Geschmeides jede

die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in

die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur

Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine

grosse Torheit und Suende begangen hat, so war es, als er sein

unsterbliches Werk selber als eine muessige und leichtfertige

Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.

Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der

Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute

nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zaehlte er zu den

unterrichtetsten Maennern seiner Zeit, und indem er einen schoenen

lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemuehte und

auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen

auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen

Anteil an der Begruendung des italienischen rinascimento.

Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will

ich spaeter sprechen. Ueber das Schicksal desselben ist wenig zu sagen,

als dass es -- unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum

Trotze -- schon nach kurzer Zeit ueber mehrere Laender verbreitet war,

auch seither in vielen Uebersetzungen und hunderten von Ausgaben immer

wieder gedruckt worden ist. Ungluecklicherweise ist keine Handschrift

der Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und

lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkuer umgesprungen, dass es

erst spaeter fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den

status quo ante zu bringen.

Das Dekameron hat haeufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser

Dichter und Kuenstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel "Nathan der

Weise" die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm

und wieder Tausende erfreute, so haben frueher und spaeter viele andere,

vor allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschoepft,

dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Voelker zu finden sind.

Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergnuegt und

viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat

der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf

(Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem beruehmten Gemaelde abgebildet.

Der vielen anstoessigen Stellen wegen hat man schon frueher des oefteren

sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in

solchen Faellen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt

und geschaendet worden ist, laesst sich leicht denken. Dabei kuemmerte

man sich uebrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor

allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame

Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier

Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgueltig von allen gegen

die Satzungen der Kirche verstossenden Stellen zu saeubern. Da wurden,

wo immer es noetig schien, aus den Moenchen Buerger und Ritter, aus den

Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem

mysterioesen Unsinn verbessert, und als nach langer Muehe die Ausgabe

vollendet war, zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten

Geschichten durch die Finger geschluepft war, und jenes Dekameron hatte

statt hundert nur neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch

haeufige Male "fuer die Jugend" ediert worden und wird es in Italien

"per giovani modesti" heute noch.

Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines

Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder uebelbekannten

Savonarola. Dieser wuetende und vermutlich geisteskranke Moench, welcher

nach Kraeften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang naeher zu

bringen, hat ausser einer Menge von anderen schoenen Dingen auch sehr

viele Exemplare des Dekameron oeffentlich verbrennen lassen.

Wo jedoch eine kraeftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das

Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es ist schwerer,

etwas geistig Lebendiges zu ertoeten, als etwas Totes wieder zum Leben

zu bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und

Nachfolger gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsaeglichen

Muehen bis auf heute herueber geschleppt haben, indessen er selber

inmitten aller Keulenschlaege am Leben blieb und heute noch den gleichen

Glanz und Zauber hat wie seinerzeit.

Indem ich dieses schreibe, traeumt mir von einem Cypressenbaum am

Huegelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum

erstenmal, im Grase liegend, das koestliche Buch genoss. Es lief ein

lauer Wind talab, mit Bluetenduft von Limonen und Mandeln beladen, es

lag ein suesses Licht ueber Florenz und allen Bergen, und es sang aus

einem fernen Garten eine welsche Laute herueber, allein ich sah es nicht

und hoerte es nicht; ein suesserer Duft und ein viel koestlicherer Klang

stieg mir aus den gelben Blaettern des alten Buches zu Haeupten.

Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine

hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzaehlt

werden, und darunter sind sieben Maedchen und drei Juenglinge. Auf diese

Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern

frisch aus dem Munde eines jungen Erzaehlenden zu uns her geklungen. Und

ueberdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwaenken von

einer lebendigen Erzaehlung umflochten, hat auch jeder von den zehn

Tagen seine besondere Art und Faerbung.

Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes,

welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser

Stadt alle frueheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgeloest.

Es lagen in den Haeusern, auf den Treppen und vor den Tueren, ja in

allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die

Gefahr der Ansteckung war so gross, dass Eltern und Kinder, Brueder und

Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege

dahinsterben liessen, welche Zustaende Herr Boccaccio im Beginn seines

Buches mit der groessten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei

solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens

sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche

zwar damals noch der beruehmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte,

aber auch schon zu jener Zeit eine der schoensten Kirchen von Florenz

gewesen ist.

Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umstaenden nicht allein in

bestaendiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit

durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die

Aelteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und

dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gespraechen zu verweilen, wobei

sie die gegenwaertige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen koennten.

Und siehe, waehrend sie noch ueber einige etwa passende Begleiter und

ueber den Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle

Juenglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen

Damen verliebt war. Ihnen eroeffnete Pampinea, welche mit einem

derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Fuehrer

und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren,

wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen

von den Maedchen, welche anfaenglich einige Scheu gehabt hatten, freuten

sich nun darueber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte

und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.

Also begab sich diese huebsche und froehliche Gesellschaft edler junger

Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar

vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles

leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn

auch auf einem Huegel gelegen einen Palast in der schoensten Umgebung,

von Blumenmatten, wohlriechenden Gebueschen und Baeumen und fliessendem

Wasser umkraenzt, mit Garten, Hof und Brunnen; auch waren Saele, Kammern

und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnuegen

samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Juengling Dioneus

war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten

zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.

Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem

Tage einer aus der Gesellschaft zum Koenige ernannt wuerde, welcher die

uebrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen

und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde fuer

diesen ersten Tag als Koenigin die Pampinea gewaehlt. Diese wieder

bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum

Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem

wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er

wollte, und betrachtete die schoenen Gaerten, Saele, Lauben, Wiesen,

Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von

trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblueten bestreut, es fehlte

nicht an blanken Glaesern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck.

Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief

eine Weile, bis die Koenigin aufs neue alle zusammen berief und auf

einen schattigen Rasenanger fuehrte. Nachdem sie ein wenig getanzt und

gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere

Spiele bereit, allein der Koenigin und auch allen anderen schien es

unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er

wisse, vortrage. So erzaehlte also jeder eine nach seinem Belieben, und

am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen

diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schoene Canzone sang, waehrend

Lauretta einen Tanz dazu auffuehrte, von Musikinstrumenten begleitet.

Darauf uebertrug die Koenigin ihr Regiment an Philomena, und diese

huebsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer

Regierung solche Geschichten erzaehlt werden, in welchen einer aus

grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glueckliches Ziel

erreicht. In einer aehnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in

dieser Ordnung:

Erster Tag: Unter der Koenigin Pampinea erzaehlt ein jeder, was ihm

beliebt und einfaellt.

Zweiter Tag: Unter der Koenigin Philomena werden die Schicksale solcher

vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Gluecke

hervorgingen.

Dritter Tag: Unter der Koenigin Neiphile spricht man davon, wie einer

durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes

zurueck gewann.

Vierter Tag: Unter dem Koenig Philostratus redet man von Verliebten,

deren Liebe ein tragisches Ende nahm.

Fuenfter Tag: Unter der Koenigin Fiammetta werden Geschichten erzaehlt,

in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfaellen doch noch

zum Gluecke gelangen.

Sechster Tag: Unter der Koenigin Elisa ist die Rede von schnellen und

witzigen Ausspruechen, Antworten und Neckereien.

Siebenter Tag: Unter dem Koenige Dioneus werden Streiche erzaehlt,

welche Ehemaennern von ihren Weibern gespielt wurden.

Achter Tag: Unter der Koenigin Lauretta spricht man von Streichen und

Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander

gespielt haben.

Neunter Tag: Unter der Koenigin Emilia traegt ein jeder vor, was ihm

behagt.

Zehnter Tag: Unter dem Koenig Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von

Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.

Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person

dessen, der sie erzaehlt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von

Anmut gewinnt, sind die Erzaehlungen unter einander noch auf vielfache

und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist ueber die soeben

vorgetragene Novelle sich ein kuerzeres oder laengeres Gespraech in der

Gesellschaft entspinnt, knuepft alsdann der nachfolgende Erzaehler fast

immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das

angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher

macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals der Anschein der Eintoenigkeit

erweckt wuerde. Denn bei mancher Aehnlichkeit des Themas ist dennoch

jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es

gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln

koennte. Naechstdem aber ist jeder Schatten von Gleichfoermigkeit auch

noch durch andere feine Kuenste vermieden worden, indem z. B. Dioneus,

welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit voellig

unerwarteten neuen Einfaellen dazwischen tritt, auch allerlei

Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzaehlenden vorfallen.

[Illustration: DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ]

Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat,

mit allerlei kleinen Zwischenfaellen, so dass wir ausser den taeglich

erzaehlten zehn Geschichten auch die uebrigen Beschaeftigungen und

Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem

sie sich aufhaelt und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen,

Teichen, Baechen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und

Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemuet des Lesenden teils ein

fortwaehrendes Behagen, teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach

solchen auserlesen koestlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter

hat dieselben zwar einigen Oertern aehnlich gebildet, welche man in der

Naehe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein

dennoch hat er sie in solcher Art geschmueckt und dargestellt, wie es

nur ein wahrer Kuenstler vermag, so dass sie alle etwas Verschoentes und

wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.

So ist denn unter den zahlreichen Buechern, in welchen ein Einzelner

viele verstreute Erzaehlungen gesammelt hat, in aller Welt kein

einziges, welches irgendwie an Schoenheit und Kunst dem Dekameron

vergleichbar waere. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost

der ungluecklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen,

welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe

zugeeignet ist.

Man hoert gar haeufig sagen, das Dekameron sei ein unanstaendiges und

verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne

predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hoerensagen, zum Teil aber

kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille

haeufig. Was nun die Unanstaendigkeit betrifft, welche stets in Buechern

viel heftiger als im Leben bekaempft wird, so kann und mag ich sie

keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo

es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schoenen

Fruehlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Waerme wegen frische

Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei

jeder Novelle, die mir unanstaendig erschien, einen Limonenkern in meine

Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zaehlte ich

neununddreissig solche Kerne. Hiernach waere denn etwas mehr als ein

Dritteil des Dekameron von unanstaendiger Beschaffenheit.

Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den

schoensten und ergoetzlichsten gehoeren, will ich doch den Inhalt

derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der

Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschoepfen ihre Art

nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern

in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel

Vergnuegen als haeufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung

(diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten

Menschen diese natuerlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen

folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch

noch viele, welche muendlich nicht selten davon zu sprechen und zu

hoeren pflegen, sehen es doch in gedruckten Buechern nicht gerne.

Boccaccio · 第 1 / 3 段