ALBERT. So hatte er doch Furcht —

DER DOCTOR. Inwiefern?

ALBERT. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der

Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich

ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der

Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen

Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten,

blutärmsten Paria!

DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches.

ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir

entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und

Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit

auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . .

Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .

DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.

ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde

werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles

schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe

lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele

machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich

bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern,

denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem

Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste

Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines

Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab

dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.

DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!

ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! —

Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das

Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten,

es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere

Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte

Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah'

und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten

es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre

männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was

nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist

davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen

Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende

der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es

die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft

deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche

zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein

Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!

DER DOCTOR (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren

Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß

von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er

schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in

den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im

Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut)

Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand

empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte

Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich —

wirst Du mir verzeih'n.

ALBERT. Zur Sache.

DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument,

Albert, Du empfängst das Dokument . . .

ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.

DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der

Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir

Marie nie gebeichtet von mir?

ALBERT. Von Ihnen?

DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?

ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.

DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst

jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts

sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als

Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit

—

ALBERT. Nun wohl.

DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.

ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?

DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.

ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?

DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt

verließ und zur Universität abging.

ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?

DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische

mir gestern erschien!

ALBERT. Wo?

DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich

beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend

wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt,

ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren

Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die

keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein

zu nennen! . .

ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor.

DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.

ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.

DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie

ist nicht minder legitim als Deins!

ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!

DER DOCTOR. Du meinst!

ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes

Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.

DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!

ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen

deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um

Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.

DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!

ALBERT (lacht).

DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte

ich ihn ohne Umstände fordern . . .

ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines

Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt,

Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie

konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie

konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er

Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk,

sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben,

verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den

Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen,

fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte

Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt

Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu

spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen,

seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie

eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte

toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen,

tausendmal Verzeihung!

DER DOCTOR. Du bist ein Gott!

ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt

keine heiligere Reliquie mehr!

DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. —

(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß

zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche

genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen

und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen,

Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand

schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen

uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?

ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier

unterzeichnete?

DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar

auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von

meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles

zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.

ALBERT. Beim ewigen Heil!

DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer

Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.

ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?

DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören

soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen

Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit

der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn

Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer

drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn

Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber,

Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der

ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch

ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen

plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter

sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein

blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste

veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken,

um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen,

Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .

ALBERT. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem

armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares

Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir

Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend

und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln

uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument

bezeugt's zweifellos.

DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .

ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .

DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.

ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.

DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester

Geselle. Lebe denn wohl.

ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach

verschiedenen Seiten ab.)

Neunte Scene.

[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus

dem Original übernommen.]

BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet,

das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem

andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde.

BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der

Börse verloren . . .

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 101 / 167 题