DER DOCTOR. ALBERT.

DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die

Herablassung.

ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid

entweihe . . .

DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?

ALBERT. Ein wenig.

DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen,

bedenke das und —

ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches!

DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!

ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!

DER DOCTOR. Es lebe die Association!

ALBERT (ernst). Sie lebe!

DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!

ALBERT. Fort mit den Privilegien!

DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!

ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.

DER DOCTOR (lacht ironisch).

ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?

DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige

Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.

ALBERT. Vielleicht! . .

DER DOCTOR (lacht wieder).

ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?

DER DOCTOR. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste

heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.

ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).

DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein

Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —

ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.

DER DOCTOR. Wirklich — ei, ich meine er that übel.

ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen,

fand, daß mein Verlangen unbillig war.

DER DOCTOR. Albert!

ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!

DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist

zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?

ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du

alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.

DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?

ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den

Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle

der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu

leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu

triumphiren . . .

DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was

er Dir giebt.

ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht

beurtheilen.

DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig,

die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum

und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch

vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener,

gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast

den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach

Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden

und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen

Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias,

Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz,

einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein

vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . .

(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen

und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der

Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal

begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln

vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom

Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung,

Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen

Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit

Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade

Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem

Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei

gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich

Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)

ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . .

freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?

DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem

Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.

ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie

zuzumessen!

DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist

Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!

ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch

still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke

durchschauert mich . . .

DER DOCTOR. Was hast Du Albert?

ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr

Questenberg nicht selbst das Papier?

DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch

droht schwierig zu werden.

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 100 / 167 题