DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —

MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem

Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe

mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus

Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .

DER DOCTOR. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er

macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten!

Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch

geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter

Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei

von Eifersucht ist?

MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!

DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden.

MARIE. Nun? . .

DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich —

darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.

MARIE. O weh, ein schlechter Handel.

DER DOCTOR. Nicht für mich.

MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen?

DER DOCTOR. Mit Händeklatschen.

MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die

Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.

DER DOCTOR. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der

Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig

unterzeichnen. . . .

MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.

DER DOCTOR. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?

MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.)

O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .

DER DOCTOR. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der

Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber

Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . .

Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .

MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!

DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll

unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen,

Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende

Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und

erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit

gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der

blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in

warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen

unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen

schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische

Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's

andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen.

(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen,

sie lebe hoch!

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 90 / 167 题