FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.)

Dreizehnte Scene.

VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und

sieht dumpf vor sich hin.)

VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind

allein.

ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner

Lage . . .

VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so

kommt, 's ist meine Schuld!

ALBERT. Inwiefern?

VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann —

verzeih'! oh, oh!

ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das

Bündel schnüren?

VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .

ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst

Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch

immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!

VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen

muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln

zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der

erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen

soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der

Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte

ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen

morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme

heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man

unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur,

des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch

das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken.

Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren

Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen

Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der

Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und

sterbend gesenkt! . .

ALBERT (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers

Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)

VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten,

edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen

Scheidestunde — hörst Du?

ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter

Wille, daß ich geh'.

VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!

ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke!

VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!

ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!

VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die

Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.

ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!

VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger

Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich

ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in

die Grube werfen? Albert, Albert!

ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.

VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!

ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis

schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen,

bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis

auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)

VATER ZIEMENS. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er

selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne

Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen

nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in

Ewigkeit!

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 59 / 167 题