ALBERT. Um Entschuldigung —

QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch

sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja,

ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls

ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern —

ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.

QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das

große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es

Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und

beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem

Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die

klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt

es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern

aufschlägt.)

ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese

Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!

QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.

ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.

QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses

schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten

Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.

ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das

Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde

ich's dann wagen können zu bitten —

QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit

dasselbe Dein Eigen ward.

ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! —

(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)

QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er

Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.

ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!

QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche

Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen

und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige

Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten

und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's

nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen

erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu

lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld

zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den

Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen

Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade

Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings

müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?

ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.

QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in

der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das

entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch

zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den

täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese

Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich

kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes

stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der

erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen

Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein

blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen

Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder

vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses

und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du

giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo

das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir

verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden

sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und

auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage

kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden.

Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die

Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder

womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen

Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der

elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“

„Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der

Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das

ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die

Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe

hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich

anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.

ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende

Hoffnung überbringen!?

QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll

helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich

kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne

fahren, versteht Er, Herr Pinsel?

Zweite Scene.

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 25 / 167 题