Sechste Scene

DIE VORIGEN ohne KLAUS.

MARIE (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als

ich in die Stube trat, wovon war die Rede?

ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.

MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem

Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es

steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich

Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich

nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's

ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen

Träumen zu opfern!

ALBERT. Meinen Träumen!?

MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte

ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für

Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl

kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme

Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen

ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt

und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates

untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf

Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath

treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual

— Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es

von ferne zu sehen.

ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn

Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —

MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren

sollest —

ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an

meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich

verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das

beschränkte Thier.

MARIE. So schwärmt Klaus.

ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.

MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den

Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines

Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum

Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit

in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf

der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er

bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere

Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des

Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?

ALBERT. Höre auf davon.

MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! —

Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die

Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das

Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die

Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein

Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das

Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der

Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte

nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne

Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen

beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel

und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der

Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte

schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem

Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige

verschweigend meine Pein?!

ALBERT. Erbarmen!

MARIE. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur

hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)

ALBERT. Bleib' Marie.

MARIE. Was wünschest Du noch?

ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich

voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm

ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die

Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl

seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .

MARIE. Versuch's.

ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell

einen Rock an).

MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter

Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile!

Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen,

male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des

kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle

Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!

ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).

MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).

Zweiter Akt.

Abtheilung I.

Vorzimmer zum großen Festsaal.

Erste Scene.

ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich

in einem Lehnstuhl.

QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst

von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. —

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 24 / 167 题