Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein

väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden,

welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so

treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder

Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in

dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den

wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht

lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in

sein Verhängniß verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so

wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte

er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich

gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der

Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu

wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der

Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligthümer zu

besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der

unzähligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu

zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch,

den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem

Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem

Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen

und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit

in Rom an.

Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre

Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht

vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder

Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau

bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß

er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen

wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn

sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter

begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der

Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom

erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger,

entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der

oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die

Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's

Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter,

ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte,

von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den

Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft,

herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen

Frevel erwecken zu können.

Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und

stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere,

die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu

verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin

ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu

entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen,

meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und

mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder

Klausner mein Leben zu enden.

Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich

wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder

aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine

unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht

genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam

überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu

früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.

Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und

Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als

der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom

Himmel erflehen.

Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes

verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige

nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht

vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet

haben?

Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es

gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren

kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des

Lebens geraubt habt.

Wie meint Ihr das? fragte Antonio.

Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und

Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen

Nacht begegnet seyn sollte --

Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein

Schwert.

Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer

Lüge bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie

Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne

meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge

meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut

heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure

Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in

aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen,

daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure

früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten

sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte?

Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getödteten

Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter,

an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das

kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun

verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß

Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht

erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch

vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger

Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr

nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.

Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr

ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften

erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu

deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er

fühlte einen neuen Trieb zur Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun

zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene

zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein

lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern

zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser

Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt,

allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen

Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von

den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden,

als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas

öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen

Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre

Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein

entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener

Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte.

Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des

heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können,

fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und

eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So

finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich

zu finden hoffte?

Wie meinst Du das? fragte Antonio.

Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener,

hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der

ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.

Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß,

seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie,

der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals

gehaßt, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch

verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit

ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio

gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und

verklärteren Lichte.

Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit

in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir

leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst

der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es

geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen

können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht,

allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist?

Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um

unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle

Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken

habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja

kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste

Vertrauen entgegen.

Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.

Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen

auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein

Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die

gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes,

er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen

ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der

Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten?

Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich

stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies

Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß

etwas Unächtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares

Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte

der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der

blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.

Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und

Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie

glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse seyn werden? Ob

gewisse, geheimnißvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn

errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte

undeutlich ist?

Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch

Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles

erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen,

Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen

widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und

eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und

keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich

sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in

dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen

würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.

Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und

von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten

und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr

beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung

kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus

zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht

schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie

zogen die Glocke, die Thür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und

gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.

* * * * *

Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor

sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig

Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrüßte er den

eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen,

sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so

viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang

gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem

Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor

welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier

einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die

ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht

abschrecken.

Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war,

er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute,

nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine

Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den

Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte:

freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit,

die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich seyn sollt.

Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht

untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um,

dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein

Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu

verbergen, oder künstliche Maschinen in Thätigkeit zu setzen. Alle jene

Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu

ihren Künsten nöthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden

werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte

ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen

seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst

ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er

vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle

erzwingen will. »Werdet wie die Kinder!« In diesem Aufruf liegt das

ganze Geheimniß verborgen. Ist unser Gemüth ungefälscht, können wir,

wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen,

welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so

wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften

tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten

Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß

körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen

sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt,

über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene

Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu

ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder

bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch

Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für

seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns

durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt

heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns

aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die

himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem

ächten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung

seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerther,

als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle

Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von

tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.

Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio

konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande

einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur

Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals

angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Ueberzeugung, daß die

Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit

und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.

Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt

Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?

Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete

Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures

Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien

Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon

offenbaren zu können.

Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine

Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein,

indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und

setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche

mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge

heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem

nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und

fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand

und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an,

wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen

wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hände sehr

aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das

Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tod der Mutter, die

verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen

frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne

Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von

einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also,

beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling,

der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise

entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich

er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal

auf entsetzliche Weise verlieren mußte.

Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches

Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich

selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener

Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie

er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun,

fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia

ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde?

Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abentheuerliche

Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als

Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich

mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage

Euch Bescheid. Uebrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine

Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr

fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen.

Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio

dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft

hatte.

* * * * *

Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die

er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte,

hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von

aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im

Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten,

sich zu zeigen, und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden,

auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden.

Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde,

nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Künste keine

Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an

ihre Thür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie

nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen

und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rothem Sammet mit Gold

phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige

Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. -- So ist es, sagte die

Alte, indem sie mit Gewalt die Thür zuschlug und das Volk draußen mit

Schimpfreden zu vertreiben suchte. -- Wer seid Ihr? würdiger Herr, was

sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau?

Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an,

damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm

nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere

Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren.

Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer

Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten

Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen

kleinen Schrank und setzte die rothe Labung auf den Tisch, dem

Unbekannten zuerst einschenkend.

Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser.

Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die

Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat?

Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar

nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen,

daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure

Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der

Augen unpartheiisch betrachte und erwäge, so sind die Muhme Pankrazia,

aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der

Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandtschaftszügen, wie

Muhme und Vetter, sich ähnlich genug.

Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand,

von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich

so spät, im hohen Alter, noch einen so liebwerthen Vetter von Angesicht

zu Angesicht kennen lernen!

Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe

Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Curiosität

halber, liebe Muhme, probiren wir einmal, ob wir uns wohl einen

vetterlichen Kuß geben können. -- Nein, pur unmöglich, die weit

ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre

demüthigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden

Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht

abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die

letzten Zähne ausfielen.

Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange

nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter?

Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter

nichts. Ist der Mensch nicht, werthgeschätzte Frau Muhme, eine ganz

dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende

versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden

abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster kucke (ich bin erst seit

vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit

ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so

müßte man doch schwören, daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen

Ecken Europa's ausgezogen sei, so kucken, äugeln, forschen, fragen sie,

lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn

ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen

nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk

hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen,

müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmuth ruhig und

wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her,

und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine

krasse Ignoranz an den Tag zu geben.

Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die

Thiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken

haben, und es geht ihm ruhig hin.

Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche

philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz

Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen,

ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt

und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen,

vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig

und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und

unmolestirt. Nur der Mensch ist so thöricht, daß er über das

Nebengeschöpf lacht und spottet.

Schriften 23: Novellen 7 · 第 25 / 26 段