Das zehent Kapitel

Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder

ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte

zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor,

so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich

als närrisch fielen.

So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und

durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem

Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich

der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor

mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte.

Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer

sei, sagte er:

»Er ist der Herr ~Dicis-et-non-facis~, das ist auf deutsch soviel als

ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er

ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber

hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch

nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit

ihm in Umgang kommen.«

Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er

ausgelacht, ich aber selber gebaumölt.

Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen

Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter

und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine

politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige

Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen,

Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden

noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit

göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren

Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere

mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen

daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der

halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen

ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon

getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles

glaubte, so ein dummer Narr war ich.

Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns,

der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein

Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und

war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem

Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich

Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft

zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in

Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter

an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander

rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte

uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches

ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und

gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen

großen bevorstehenden Spott.

Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen

Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle

erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn

die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete,

wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte

meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit,

damit er sich vor dem Judas vorsehe. --

Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten

zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel

und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter

Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich

selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle,

der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld

stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf

umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich

dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.

Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und

die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder

war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit

einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit.

Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer

vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden

Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache

Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen

kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment

vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich

vielleicht einer davon versehen hätte.

Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des

Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte,

sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch

mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen,

diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht

lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so

voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein

Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte.

Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband

aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber

selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es

sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.

Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:

»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem ~Secretario~ des

morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken

verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar

geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht

verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«

Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem

guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben

und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.

Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er

ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher

Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod

wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine

schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach

er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. ~Julii~ Leib- und

Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein

Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell

ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig

gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß,

daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten

lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe

er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil

er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war,

versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich

vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in

Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge

Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück

suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner

gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft

haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus

seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will

dir hundert Dukaten geben!« -- »Bist du ein rechter Narr und scherzest

in unserer äußersten Trübseligkeit?«

Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert

Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem

kranken Vater aufwarten.«

Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden

nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß

sie mich um diese ~Summam~ samt dem Interesse hinwiederum mit großem

Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in

ihre beständige Freundschaft befahl.

Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu

rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und

versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum

vom ~Simplicio~ den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin

dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen

werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.«

Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein

Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen

Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei

Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter

gebrauchen.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 33 / 78 题