Mein Hofmeister ward mir je länger, je holder und ich hingegen wieder
ihm, doch hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte
zwar den Narren, brachte aber keine grobe Zotten und Büffelpossen vor,
so daß meine Gaben zwar vielfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich
als närrisch fielen.
So gab mir auch meines Herren Schreiber, ein arger Gast und
durchtriebener Schalk, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem
Wege, den die Narren zu wandeln pflegen, unterhalten ward, indem mich
der Speivogel zu Torheiten überredete, die ich dann nicht allein vor
mich selbsten glaubte, sondern auch anderen mitteilte.
Als ich ihn einsmals fragte, was unseres Regiments Kaplan vor einer
sei, sagte er:
»Er ist der Herr ~Dicis-et-non-facis~, das ist auf deutsch soviel als
ein Kerl, der andern Leuten Weiber gibet und selbst keine nimmt. Er
ist den Dieben spinnefeind, weil sie nicht sagen, was sie tun, er aber
hingegen saget, was er nicht tut. Hingegen sein die Diebe ihm auch
nicht gar so hold, weil sie gemeiniglich gehenkt werden, wann sie mit
ihm in Umgang kommen.«
Da ich nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er
ausgelacht, ich aber selber gebaumölt.
Ferner überredete er mich, es kämen von den Soldaten keine tapferen
Helden in den Himmel, sondern bloß einfältige Tropfen, Bernheuter
und dergleichen, die sich an ihrem Sold genügen ließen; auch keine
politischen Alamode-Kavaliers und galante Dames, sondern nur geduldige
Job, Siemänner, langweilige Mönche, melancholische Pfaffen,
Betschwestern und allerhand Auswürflinge, die der Welt weder zu sieden
noch zu braten taugen. Er überredete mich auch, daß man zu Zeiten mit
göldenen Kugeln schieße und je kostbarer solche wären, je größeren
Schaden pflegten sie zu tun. Ja, man führet wohl eh ganze Kriegsheere
mitsamt der Artollerei, Munition und Bagage in göldenen Ketten gefangen
daher. Weiters beschwatzete er mich von den Weibern, daß mehr als der
halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht sähe, und daß vielen
ihrer Männer Hörner auf den Köpfen gaukelten, als solche ehmals Aktäon
getragen, obschon die Weiber keine Dianen wären. Welches ich ihm alles
glaubte, so ein dummer Narr war ich.
Hingegen brachte mich mein Hofmeister in Kundschaft seines Sohns,
der, wie hiebevor gemeldet, bei der kur-sächsischen Armee ein
Musterschreiber war. Den mochte mein Obrister gern leiden und
war bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem
Regimentssekretär zu machen. Mit ihm, welcher wie sein Vater Ulrich
Herzbruder hieß, machte ich Freundschaft, so daß wir ewige Brüderschaft
zusammen schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in
Liebe und Leid nimmermehr verlassen wollten. Nichts lag uns härter
an, als wie wir meines Narrenkleides mit Ehren loswerden und einander
rechtschaffen dienen könnten. Allein der alte Herzbruder verwarnte
uns: Wann ich in kurzer Zeit meinen Stand ändere, daß mir solches
ein schweres Gefängnis und Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und
gleicherweise prognostizierte er sich selbst und seinem Sohn einen
großen bevorstehenden Spott.
Kurz nachher merkte ich, daß meines Obristen Schreiber meinen neuen
Bruder schröcklich neidete, weil er vor ihm zu der Sekretariatsstelle
erhoben werden wollte. Ich sahe, wie er zu Zeiten griesgramete, wie ihn
die Mißgunst bedrängte und er in schweren Gedanken allezeit seufzete,
wann der den alten oder den jungen Herzbruder ansahe. Ich kommunizierte
meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender Schuldigkeit,
damit er sich vor dem Judas vorsehe. --
Weil es nun Gebrauch im Krieg ist, daß man alte versuchte Soldaten
zu Profosen machet, so hatten wir bei uns einen abgefeumten Erzvogel
und Kernbösewicht, der mehr als vonnöten erfahren war. Ein rechter
Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner, war er und von sich
selbsten nicht allein so fest als Stahl, sondern ein solcher Geselle,
der andere fest machen und noch darzu ganze Esquadronen Reuter ins Feld
stellen konnte. So gab es Leute, die gern mit diesem Wendenschimpf
umgingen, sonderlich Olivier unser Schreiber, um so mehr, als sich
dessen Neid gegen den jungen Herzbruder vermehrete.
Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und
die Taufsuppe fast fürstlich dargereicht. Der junge Herzbruder
war aufzuwarten ersuchet worden und weil er sich aus Höflichkeit
einstellte, schiene solches dem Olivier die erwünschte Gelegenheit.
Dann, als nun alles vorüber war, manglete meines Obristen großer
vergöldter Becher, welcher noch vorhanden gewesen, da alle fremden
Gäste schon hinweg waren. Hierauf ward der Profos geholt, in der Sache
Rat zu schaffen und das Werk so einzurichten, daß nur dem Obristen
kund wurde, wer der Dieb war, weil noch Offizierer von seinem Regiment
vorhanden, die er nicht gern zu Schanden machen wollte, wann sich
vielleicht einer davon versehen hätte.
Weil sich nun jeder unschuldig wußte, so kamen wir alle lustig in des
Obristen Zelt. Als der Zauberer aber etliche Worte gemurmelt hatte,
sprangen dem einen von uns hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch
mehr Hündlein aus den Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen,
diese wusselten behend im Zelt hin und wieder herum, daß es ein recht
lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine kroatischen Kälberhosen, so
voller junge Hunde gegaukelt, daß ich solche ausziehen, und weil mein
Hemd vorlängst im Walde am Leib verfaulet war, nackend dastehen mußte.
Zuletzt sprang den jungen Herzbruder ein Hündlein mit göldenem Halsband
aus dem Hosenschlitz und das verschlang alle andern Hündlein, ward aber
selbsten je länger, je kleiner, das Halsband nur desto größer, bis es
sich endlich gar in des Obristen Tischbecher verwandelte.
Da sagte der Obrist zu meinem Herzbruder:
»Siehe, du undankbarer Gast, ich habe dich zu meinem ~Secretario~ des
morgenden Tages machen wollen. Nun aber hast du mit diesen Diebsstücken
verdient, daß ich dich noch heut aufhängen ließe. Das auch unfehlbar
geschehen sollte, wann ich deinen ehrlichen, alten Vater nicht
verschonete. Geschwind, pack dich aus meinem Läger!«
Mein junger Herzbruder ward nicht gehört. Indem er fortging, ward dem
guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig, daß man genug an ihm zu laben
und der Obrist selbst an ihm zu trösten hatte.
Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschichte erfuhr, nahm er
ihm die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Picke auf, von welcher
Zeit an er bei männiglich so verachtet ward, daß er sich oft den Tod
wünschete. Sein Vater aber bekümmerte sich dergestalt, daß er in eine
schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefaßt machte. Demnach
er sich ohndas prognostizieret, daß er den 26. ~Julii~ Leib- und
Lebensgefahr ausstehen müsse, verlangte er von dem Obristen, daß sein
Sohn noch einmal zu ihm kommen dörfte. Ich ward der dritte Mitgesell
ihres Leides. Da sahe ich, daß der Sohn keiner Entschuldigung bedörftig
gegen seinen Vater, der als weiser, tiefsinniger Mann unschwer ermaß,
daß Olivier seinem Sohn hatte das Bad durch den Profosen zurichten
lassen. Aber was vermochte er gegen den Zauberer! Überdies versahe
er sich des Todes und wußte doch nicht geruhiglich zu sterben, weil
er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte. Es war,
versichert, dieser beiden Jammer so erbärmlich anzuschauen, daß ich
vom Herzen weinen mußte. Zuletzt beschlossen sie, Gott ihre Sache in
Geduld heimzustellen und auf Mittel zu gedenken, wie sich der junge
Herzbruder von seiner Kompagnia loswürken und anderwärts sein Glück
suchen könnte. Da mangelte es aber am Gelde und ich gedachte meiner
gespickten Eselsohren, fragte derowegen, wieviel sie zu ihrer Notdurft
haben mußten. Der junge Herzbruder meinte, mit hundert Talern aus
seinen Nöten zu kommen. Ich rief: »Hab' ein gut Herz, Bruder, ich will
dir hundert Dukaten geben!« -- »Bist du ein rechter Narr und scherzest
in unserer äußersten Trübseligkeit?«
Ich streifete mein Wams ab und melkete aus dem einen Eselsohr hundert
Dukaten, das Übrige behielt ich und sagte: »Hiemit will ich deinem
kranken Vater aufwarten.«
Da fielen sie mir um den Hals, küßten mich und wußten vor Freuden
nicht, was sie taten, wollten mir auch eine Handschrift zustellen, daß
sie mich um diese ~Summam~ samt dem Interesse hinwiederum mit großem
Dank befriedigen wollten, so ich aber nicht annahm, sondern mich in
ihre beständige Freundschaft befahl.
Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu
rächen oder darum zu sterben. Aber sein Vater verbot ihm solches und
versicherte ihn, daß derjenige, der den Olivier totschlüge, wiederum
vom ~Simplicio~ den Rest kriegen werde. »Doch,« sagte er, »ich bin
dessen wohl vergewissert, daß ihr beide einander nicht umbringen
werdet, weil keiner von euch durch Waffen umkommen soll.«
Der junge Herzbruder entledigte sich mit dreißig Talern, daß ihm sein
Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem übrigen
Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, montierte sich allda mit zwei
Pferden und ließ sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter
gebrauchen.