Die schrecklichsten der Möglichkeiten
Mahlt ihr die Fantasie mit warmen Farben vor.
Umsonst bemüht sie sich mit ihrer Furcht zu streiten,
Ein Wellenschlag erschreckt ihr unglückahnend Ohr.
Zuletzt, so schwach sie ist, keicht sie mit Müh empor
Auf eines Felsen Stirn, und schaut nach allen Seiten,
Und mit dem letzten Sonnenblick
Entdeckt sie ihn--Er ist's! er kommt zurück!
52
Auch Er sieht sie die Arme nach ihm breiten,
Und zeigt ihr schon von fern die schöne goldne Frucht.
Von keiner schönern ward, in jenen Kindheitszeiten
Der Welt, das erste Weib im Paradies versucht.
Er hält, wie im Triumf, sie in den letzten Strahlen
Der Sonn' empor, die ihre glatte Haut
Mit flammengleichem Roth bemahlen,
Indeß Amanda kaum den frohen Augen traut.
53
So läßt sich unsrer Noth der Himmel doch erbarmen!
Ruft sie, und eine große Thräne blinkt
In ihrem Aug'; und eh' die Thräne sinkt
Ist Hüon schon in ihren offnen Armen.
Ihr schwacher Ton, und daß sie halb entseelt
An seinen Busen schwankt, heißt ihren Retter eilen.
Sie lagern sich; und, weil ein ander Werkzeug fehlt,
Braucht er sein Schwert die schöne Frucht zu theilen.
54
Hier zittert mir der Griffel aus der Hand!
Kannst du, zu strenger Geist, in solchem Jammerstand
Noch spotten ihrer Noth, noch ihre Hoffnung trügen?
Faul, durch und durch, und gallenbitter war
Die schöne Frucht!--Und bleich, wie in den letzten Zügen
Ein Sterbender erbleicht, sieht das getäuschte Paar
Sich trostlos an, die starren Augen offen,
Als hätt' aus heitrer Luft ein Donner sie getroffen.
55
Ein Strom von bittern Thränen stürzt mit Wuth
Aus Hüons Aug': von jenen furchtbarn Thränen,
Die aus dem halb gestockten Blut
Verzweiflung preßt, mit Augen voller Gluth,
Und gichtrisch zuckendem Mund und grimmvoll klappernden Zähnen.
Amanda, sanft und still, doch mit gebrochnem Muth,
Die Augen ausgelöscht, die Wangen welk, zu Scherben
Die Lippen ausgedörrt--Laß, spricht sie, laß mich sterben!
56
Auch Sterben ist an deinem Herzen süß;
Und Dank dem Rächer, der in seinem Grimme,
So streng er ist, doch diesen Trost mir ließ!
Sie sagt's mit schwacher halb erstickter Stimme,
Und sinkt an seine Brust. So sinkt im Sturm zerknickt
Der Lilie welkend Haupt. Von Lieb' und Angst verrückt
Springt Hüon auf, und schließt die theure Seele
In seinen Arm, und trägt sie nach der Höhle.
57
Ach! Einen Tropfen Wassers nur,
Gerechter Gott! schreyt er, halb ungeduldig,
Halb flehend, auf--Ich, ich allein, bin schuldig!
Mich treff' allein dein Zorn! mir werde die Natur
Ringsum zum Grab, zum offnen Höllenrachen!
Nur schone Sie! O leit' auf einer Quelle Spur
Den dunkeln Fuß! Ein wenig Wassers nur,
Ihr Leben wieder anzufachen!
58
Er geht aufs neu zu suchen aus, und schwört,
Sich eher selbst, von Durst und Hunger aufgezehrt,
In diesen Felsen zu begraben,
Eh' er mit leerer Hand zur Höhle wiederkehrt.
Er, ruft er weinend, der die jungen Raben
Die zu ihm schrey'n erbarmend hört,
Er kann sein schönstes Werk nicht hassen,
Er wird gewiß, gewiß, dich nicht verschmachten lassen!
59
Kaum sprach er's aus, so kommt's ihm vor
Als hör' er wie das Rieseln einer Quelle
Nicht fern von ihm. Er lauscht mit scharfem Ohr;
Es rieselt fort--Entzückt dankt er empor,
Und sucht umher; und, bey der schwachen Helle
Der Dämmerung, entdeckt er bald die Stelle.
In eine Muschel faßt er auf den süßen Thau,
Und eilt zurück, und labt die fast verlechzte Frau.
60
Gemächlicher des Labsals zu genießen,
Trägt er sie selbst zur nahen Quelle hin.
Es war nur Wasser--doch, dem halb erstorbnen Sinn
Scheint Lebensgeist den Gaum hinab zu fließen,
Däucht jeder Zug herzstärkender als Wein
Und süß wie Milch und sanft wie Öhl zu seyn;
Es hat die Kraft zu speisen und zu tränken,
Und alles Leiden in Vergessenheit zu senken.
61
Erquickt, gestärkt, und neuen Glaubens voll
Erstatten sie dem, der zum zweyten Mahle
Sie nun dem Tod entriß, des Dankes frohen Zoll;
Umarmen sich, und, nach der letzten Schale,
Strickt unvermerkt, am Quell auf kühlem Moos,
Der süße Tröster alles Kummers
Das Band der müden Glieder los,
Und lieblich ruhn sie aus im weichen Arm des Schlummers.
62
Kaum spielt die Morgendämmerung
Um Hüons Stirn, so steht er auf, und eilet
Auf neues Forschen aus; wagt manchen kühnen Sprung
Wo den zerrißnen Fels ein jäher Absturz theilet;
Spürt jeden Winkel durch, stets sorgsam daß er ja
Den Rückweg zu Amanden nicht verliere,
Und kummervoll, da er für Menschen und für Thiere
Das Eiland überall ganz unbewohnbar sah.
63
Ihn führt zuletzt südostwärts von der Höhle
Ein krummer Pfad in eine kleine Bucht;
Und im Gebüsch, das eine Felsenkehle
Umkränzt, entdeckt sich ihm, beschwert mit reifer Frucht,
Ein Dattelbaum. So leicht, wie, auf der Flucht
Zum Himmel, eine arme Seele
Die aus des Fegfeu'rs Pein und strenger Gluth entrann,
Klimmt er den Baum hinauf als stieg' er himmelan;
64
Und bricht der süßen Frucht so viel in seine Taschen
Sich fassen ließ, springt dann herab und fliegt,
Als gält's ein Reh in vollem Lauf zu haschen,
Das holde Weib, das stets in seinem Sinne liegt,
So wie sie munter wird, damit zu überraschen.
Noch lag sie, als er kam, schön in sich selbst geschmiegt,
In sanftem Schlaf; ihr glühn wie Rosen ihre Wangen,
Und kaum hält ihr Gewand den Busen halb gefangen.
65
Entzückt in süßes Schau'n, den reinsten Liebsgenuß,
Steht Hüon da, als wie der Genius
Der schönen Schläferin; betrachtet,
Auf sie herab gebückt, mit liebevollem Geitz
Das engelgleiche Bild, den immer neuen Reitz;
Dieß ist, die, ihm zu Lieb', ein Glück für nichts geachtet,
Dem, wer's erreichen mag, sonst alles, unbedingt,
Was theu'r und heilig ist zum frohen Opfer bringt!
66
"Um einen Thron hat Liebe dich betrogen!
Und, ach! wofür?--Du, auf dem weichen Schooß
Der Asiat'schen Pracht wollüstig auferzogen,
Liegst nun auf hartem Fels, der weite Himmelsbogen
Dein Baldachin, dein Bett ein wenig Moos;
Vor Wittrung unbeschützt und jedem Zufall bloß,
Noch glücklich, hier, wo Disteln kaum bekleiben,
Mit etwas wilder Frucht den Hunger zu betäuben!
67
"Und Ich--der, in des Schicksals strenger Acht,
Mit meinem Unglück, was mir nähert, anzustecken
Verurtheilt bin--anstatt vor Unfall dich zu decken,
Ich habe dich in diese Noth gebracht!
So lohn' ich dir was du für mich gegeben,
Für mich gewagt? Ich Unglücksel'ger, nun
Dein Alles in der Welt, was kann ich für dich thun,
Dem selbst nichts übrig blieb als dieses nackte Leben?"
68
Dieß quälende Gefühl wird unfreiwillig laut,
Und weckt aus ihrem Schlaf die anmuthsvolle Braut.
Das erste was sie sieht, ist Hüon, der, mit Blicken
In denen Freud' und Liebestrunkenheit
Den tiefern Gram nur halb erdrücken,
In ihren Schooß des Palmbaums Früchte streut.
Die magre Kost und eine Muschelschale
Voll Wassers macht die Noth zu einem Göttermahle.
69
Zum Göttermahl! Denn ruhet nicht ihr Haupt
An Hüons Brust? Hat Er sie nicht gebrochen,
Die süße Frucht? nicht Er des Schlummers sich beraubt,
Und ihr zu Lieb' so manche Kluft durchkrochen?
So rechnet ihm die Liebe alles an,
Und schätzt nur das gering, was sie für ihn gethan.
Die Wolken zu zerstreun, die seine Stirn umdunkeln,
Läßt sie ihr schönes Aug' ihm lauter Freude funkeln.
70
Er fühlt den Überschwang von Lieb' und Edelmuth
In ihrem zärtlichen Betragen;
Und mit bethräntem Aug' und Wangen ganz in Gluth
Sinkt er an ihren Arm. O sollt' ich nicht verzagen,
Ruft er, mich selbst nicht hassen, nicht
Verwünschen jeden Stern, der auf die Nacht geschimmert
Die mir das Leben gab, verwünschen jenes Licht
Als ich im Mutterarm zum ersten Mahl gewimmert?
71
Dich, bestes Weib, durch mich, durch mein Vergehn,
Von jedem Glück herab gestürzt zu sehn,
Von jedem Glück, das dir zu Bagdad lachte,
Von jedem Glück, das ich dich hoffen machte
In meinem väterlichen Land!
Erniedrigt--dich!--zu diesem dürftigen Stand!
Und noch zu sehn, wie du dieß alles ohne Klagen
Erträgst--Es ist zu viel! Ich kann es nicht ertragen!
72
Ihn sieht mit einem Blick, worin der Himmel sich
Ihm öffnet, voll von dem, was kaum ihr Busen fasset,
Amanda an: Laß, spricht sie, Hüon, mich
Aus dem geliebten Mund was meine Seele hasset
Nie wieder hören! Klage dich
Nicht selber an, nicht den, der was uns drücket
Uns nur zur Prüfung, nicht zur Strafe zugeschicket;
Er prüft nur die er liebt, und liebet väterlich.
73
Was uns seit jenem Traum, der Wiege unsrer Liebe,
Begegnet ist, ist's nicht Beweis hiervon?
Nenn, wie du willst, den Stifter unsrer Triebe,
Vorsehung, Schicksal, Oberon,
Genug, ein Wunder hat dich mir, mich dir gegeben!
Ein Wunder unser Bund, ein Wunder unser Leben!
Wer führt' aus Bagdad unversehrt
Uns aus? Wer hat der Flut, die uns verschlang, gewehrt?
74
Und als wir, sterbend schon, so unverhofft den Wogen
Entrannen, sprich, wer anders als die Macht
Die uns beschützt, hat uns bisher bedacht?
Aus ihrer Brust hab' ich's gesogen,
Das Wasser, das in dieser bangen Nacht
Mein kaum noch glimmend Licht von neuem angefacht!
Gewiß auch dieses Mahl, das unser Leben fristet,
Hat eine heimliche wohlthät'ge Hand gerüstet!
75
Wofür, wenn unser Untergehn
Beschlossen ist, wofür wär' alles dieß geschehn?
Mir sagt's mein Herz, ich glaub's, und fühle was ich glaube,
Die Hand, die uns durch dieses Dunkel führt,
Läßt uns dem Elend nicht zum Raube.
Und wenn die Hoffnung auch den Ankergrund verliert,
So laß uns fest an diesem Glauben halten;
Ein einz'ger Augenblick kann alles umgestalten!
76
Doch, laß das ärgste seyn! Sie ziehe ganz sich ab,
Die Wunderhand, die uns bisher umgab;
Laß seyn, daß Jahr um Jahr sich ohne Hülf' erneue,
Und deine liebende getreue
Amande finde hier auf diesem Strand ihr Grab;
Fern sey es, daß mich je, was ich gethan, gereue!
Und läge noch die freye Wahl vor mir,
Mit frohem Muth ins Elend folgt' ich dir!
77
Mir kostet's nichts von allem mich zu scheiden
Was ich besaß; mein Herz und deine Lieb' ersetzt
Mir alles; und, so tief das Glück herab mich setzt,
Bleibst Du mir nur, so werd' ich keine neiden
Die sich durch Gold und Purpur glücklich schätzt.
Nur, daß Du leidest, ist Amandens wahres Leiden!
Ein trüber Blick, ein Ach, das dir entfährt,
Ist was mir tausendfach die eigne Noth erschwert.
78
Sprich nicht von dem was ich für dich gegeben,
Für dich gethan! Ich that was mir mein Herz gebot,
That's für mich selbst, der zehenfacher Tod
Nicht bittrer ist als ohne dich zu leben.
Was unser Schicksal ist, hilft deine Liebe mir,
Hilft meine Liebe dir ertragen;
So schwer es sey, so unerträglich--hier
Ist meine Hand!--ich will's mit Freuden tragen.
79
Mit jedem Auf--und Niedergehn
Der Sonne soll mein Fleiß sich mit dem deinen gatten;
Mein Arm ist stark; er soll, dir beyzustehn
In jeder Arbeit, nie ermatten!
Die Liebe, die ihn regt, wird seine Kraft erhöhn,
Wird den geringsten Dienst mit Munterkeit erstatten.
So lang' ich dir zum Trost, zum Glück genugsam bin,
Tauscht' ich mein schönes Loos mit keiner Königin.
80
So sprach das beste Weib, und drückt mit keuschen Lippen
Das Siegel ihres Worts auf den geliebten Mund;
Und mit dem Kuß verwandeln sich die Klippen
Um Hüon her; der rauhe Felsengrund
Steht wieder zum Elysium umgebildet,
Verweht ist jede Spur der nackten Dürftigkeit;
Das Ufer scheint mit Perlen überstreut,
Ein Marmorsahl die Gruft, der Felsen übergüldet.
81
Von neuem Muth fühlt er sein Herz geschwellt.
Ein Weib wie dieß ist mehr als eine Welt.
Mit hoher himmelathmender Wonne
Drückt er dieß volle Herz an ihre offne Brust,
Ruft Erd' und Meer, und dich, allsehende Sonne,
Zu Zeugen seines Schwurs: "Ich schwör's auf diese Brust,
Den heiligen Altar der Unschuld und der Treue,
Vertilgt mich, ruft er aus, wenn ich mein Herz entweihe!
82
"Wenn je dieß Herz, worin dein Nahme brennt,
Der Tugend untreu wird, und deinen Werth verkennt,
Dich je, so lang' dieß Prüfungsfeuer währet,
Durch Kleinmuth quält, durch Zagheit sich entehret,
Je lässig wird, geliebtes Weib, für dich
Das äußerste zu leiden und zu wagen:
Dann, Sonne, waffne dich mit Blitzen gegen mich,
Und möge Meer und Land die Zuflucht mir versagen!"
83
Er sprach's, und ihn belohnt mit einem neuen Kuß
Das engelgleiche Weib. Sie freu'n sich ihrer Liebe,
Und stärken wechselsweis' einander im Entschluß,
So hart des Schicksals Herr auch ihre Tugend übe,
Mit festem Muth und eiserner Geduld
Auf beßre Tage sich zu sparen,
Und blindlings zu vertraun der allgewaltigen Huld,
Von der sie schon so oft den stillen Schutz erfahren.
84
Von beiden wurde noch desselben Tags die Bucht,
Die ihren Palmbaum trug, mit großem Fleiß durchsucht,
Und fünf bis sechs von gleicher Art gefunden,
Die hier und da voll goldner Trauben stunden.
Das frohe Paar, hierin den Kindern gleich,
Dünkt mit dem kleinen Schatz sich unermeßlich reich;
Bey süßem Scherz und fröhlichem Durchwandern
Des Palmenthals verfliegt ein Abend nach dem andern.
85
Allein der Vorrath schwand; ein Jahr, ein Jahr mit Bley
An Füßen, braucht's ihn wieder zu ersetzen,
Und, ach! mit jedem Tag wird ihr Bedürfniß neu.
Arm kann die Liebe sich bey Wenig glücklich schätzen,
Bedarf nichts außer sich, als was Natur bedarf
Den Lebensfaden fortzuspinnen;
Doch, fehlt auch dieß, dann nagt der Mangel doppelt scharf,
Und die allmächtigste Bezaubrung muß zerrinnen.
86
Mit Wurzeln, die allein der Hunger eßbar macht,
Sind sie oft manchen Tag genöthigt sich zu nähren.
Oft, wenn, vom Suchen matt, der junge Mann bey Nacht
Zur Höhle wiederkehrt, ist eine Hand voll Beeren,
Ein Mewen-Ey, geraubt im steilen Nest,
Ein halb verzehrter Fisch, vom gier'gen Wasserraben
Erbeutet, alles, was das Glück ihn finden läßt,
Sie, die sein Elend theilt, im Drang der Noth zu laben.
87
Doch dieser Mangel ist's nicht einzig der sie kränkt.
Es fehlt bey Tag und Nacht an tausend kleinen Dingen,
An deren Werth man im Besitz nicht denkt,
Wiewohl wir, ohne sie, mit tausend Nöthen ringen.
Und dann, so leicht bekleidet wie sie sind,
Wo sollen sie vor Regen, Sturm und Wind,
Vor jedem Ungemach des Wetters sicher bleiben,
Und wie des Winters Frost fünf Monden von sich treiben?
88
Schon ist der Bäume Schmuck der spätern Jahrszeit Raub,
Schon klappert zwischen dürrem Laub
Der rauhe Wind, und graue Nebel hüllen
Der Sonne kraftberaubtes Licht,
Vermischen Luft und Meer, und ungestümer brüllen
Die Wellen am Gestad, das kaum ihr Wüthen bricht;
Oft, wenn sie grimmbeschäumt den harten Fesseln zürnen,
Spritzt der zerstäubte Strom bis an der Felsen Stirnen.
89
Die Noth treibt unser Paar aus ihrer stillen Bucht
Nun höher ins Gebirg. Doch, wo sie hin sich wenden,
Umringet sie von allen Enden
Des dürren Hungers Bild, und sperret ihre Flucht.
Ein Umstand kommt dazu, der sie mit süßen Schmerzen
Und banger Lust in diesem Jammerstand
Bald ängstigt, bald entzückt--Amanda trägt das Pfand
Von Hüons Liebe schon drey Monden unterm Herzen.
90
Oft, wenn sie vor ihm steht, drückt sie des Gatten Hand
Stillschweigend an die Brust, und lächelnd hält sie Thränen
Zurück im ernsten Aug'. Ein neues zartres Band
Webt zwischen ihnen sich. Sie fühlt ein stilles Sehnen
Voll neuer Ahnungen den Mutterbusen dehnen;
Was innigers als was sie je empfand,
Ein dunkles Vorgefühl der mütterlichen Triebe,
Durchglüht, durchschaudert sie, und heiligt ihre Liebe.
91
Dieß süße Liebespfand ist ihr ein Pfand zugleich,
Sie werde nicht von Dem verlassen werden,
Der was er schafft in seinem großen Reich
Als Vater liebt. Gern trägt sie die Beschwerden
Des ungewohnten Stands, verbirgt behutsam sie
Vor Hüons Blick, und zeigt ihm ihren Kummer nie,
Läßt lauter Hoffnung ihn im heitern Auge schauen,
Und nährt in seiner Brust das schmachtende Vertrauen.
92
Zwar er vergaß des hohen Schwures nicht,
Den er dem Himmel und Amanden zugeschworen:
Doch desto tiefer liegt das drückende Gewicht;
Denn Sorgen ist nun doppelt seine Pflicht.
Bedarf es mehr sein Herz mit Dolchen zu durchbohren,
Als dieses rührende Gesicht?
Zeigt die gehoffte Hülf' in kurzer Zeit sich nicht,
So ist sein Weib, sein Kind, zugleich mit ihm verloren.
93
Schon viele Wochen lang verstrich
Kein Tag, an dem er nicht wohl zwanzigmahl den Rücken
Der Felsengruft bestieg, ins Meer hinaus zu blicken,
Sein letzter Trost! Allein, vergebens stumpft' er sich
Die Augen ab, im Schooß der grenzenlosen Höhen
Mit angestrengtem Blick ein Fahrzeug zu erspähen;
Die Sonne kam, die Sonne wich,
Leer war das Meer, kein Fahrzeug ließ sich sehen.
94
Itzt blieb ein einzigs noch. Es schien unmöglich zwar,
Doch, was ist dem der um sein Alles kämpfet
Unmöglich? Würde Jedes Haar
Auf seinem Kopf ein Tod, sein Muth blieb' ungedämpfet.
Von diesem Fels, worauf ihn Oberon verbannt,
War eine Seite noch ihm gänzlich unbekannt;
Ein fürchterlich Gemisch von Klippen und Ruinen
Beschützte sie, die unersteiglich schienen.
95
Itzt, da die Noth ihm an die Seele dringt,
Itzt scheinen sie ihm leicht erstiegne Hügel;
Und wären's Alpen auch, so hat die Liebe Flügel.
Vielleicht, daß ihm das Wagestück gelingt,
Daß sein hartnäck'ger Muth durch alle diese wilde
Verschanzung der Natur sich einen Weg erzwingt,
Der ihn in fruchtbare Gefilde,
Vielleicht zu freundlichen mitleid'gen Wesen bringt.
96
Amanden eine Last von Sorgen zu ersparen,
Verbirgt er ihr das ärgste der Gefahren,
In die er sich, zu ihrer beider Heil,
Begeben will. Sie selbst trägt ihren Theil
Von Leiden still. Sie sprachen nichts beym Scheiden,
Als, lebe wohl! so voll gepreßt war beiden
Das Herz; doch zeigt sein Aug' ihr eine Zuversicht,
Die wie ein Sonnenstrahl durch ihren Kummer bricht.
97
Da steht er nun am Fuß der aufgebirgten Zacken!
Sie liegen vor ihm da wie Trümmern einer Welt.
Ein Chaos ausgebrannter Schlacken,
In die ein Feuerberg zuletzt zusammen fällt,
Mit Felsen untermischt, die, tausendfach gebrochen,
In wilder ungeheurer Pracht,
Bald tief bis ins Gebiet der alten finstern Nacht
Herunter dräun, bald in die Wolken pochen.
98
Hier bahnet nur Verzweiflung einen Weg!
Oft muß er Felsen an sich mit den Händen winden,
Oft, zwischen schwindlig tiefen Schlünden,
Macht er, den Gemsen gleich, die Klippen sich zum Steg;
Bald auf dem schmalsten Pfad verrammeln Felsenstücke
Ihm Weg und Licht, er muß, so müd' er ist, zurücke,
Bald wehrt allein ein Strauch, den mit zerrißner Hand
Er fallend noch ergreift, den Sturz von einer Wand.
99
Wenn seine Kraft ihn schier verlassen will,
Ruft die entflohnen Lebensgeister
Amandens Bild zurück. Schwer athmend steht er still,
Und denkt an Sie, und fühlt sich neuer Kräfte Meister.
Es bleibt nicht unbelohnt, dieß echte Heldenherz!
Allmählich ebnet sich der Pfad vor seinen Tritten,
Und gegen das, was er bereits erstritten,
Ist, was zu kämpfen ihm noch übrig ist, nur Scherz.
Achter Gesang
1
Erstiegen war nunmehr der erste von den Gipfeln,
Und vor ihm liegt, gleich einem Felsensahl,
Hoch überwölbt von alten Tannenwipfeln,
In stiller Dämmerung ein kleines schmales Thal.
Ein Schauder überfällt den matten
Erschöpften Wanderer, indem sein wankender Schritt
Dieß düstre Heiligthum der Einsamkeit betritt;
Ihm ist, er tret' ins stille Reich der Schatten.
2
Bald leitet ihn ein sanft gekrümmter Pfad,
Der sich allmählich senkt, zu einer schmalen Brücke.
Tief unter ihr rollt über Felsenstücke
Ein weiß beschäumter Strom, gleich einem Wasserrad.
Herr Hüon schreitet unverdrossen
Den Berg hinan, auf den die Brücke führt,
Und sieht sich unvermerkt in Höhen eingeschlossen,
Wo bald die Möglichkeit des Auswegs sich verliert.
3
Der Pfad auf dem er hergekommen
Wird, wie durch Zauberey, aus seinem Aug' entrückt!
Lang' irrt er suchend um, von stummer Angst beklommen,
Bis durchs Gesträuch, das aus den Spalten nickt,
Sich eine Öffnung zeigt, die (wie er bald befindet)--
Der Anfang ist von einem schmalen Gang
Der durch den Felsen sich um eine Spindel windet,
Fast senkrecht, mehr als hundert Stufen lang.
4
Kaum hat er athemlos den letzten Tritt erstiegen,
So stellt ein Paradies sich seinen Augen dar;
Und vor ihm steht ein Mann von edeln ernsten Zügen,
Mit langem weißem Bart und silberweißem Haar.
Ein breiter Gürtel schließt des braunen Rockes Falten,
Und an dem Gürtel hängt ein langer Rosenkranz.
Bey diesem Ansehn war's, an solchem Orte, ganz
Natürlich, ihn sogleich für was er war zu halten.
5
Doch Hüon--schwach vor Hunger, und erstarrt
Vor Müdigkeit, und nun, in diesen wilden Höhen,
Wo er so lang' umsonst auf Menschenanblick harrt,
Und von der Felsen Stirn, die ringsum vor ihm stehen,
Uralte Tannen nur auf ihn herunter wehen,
Auf einmahl überrascht von einem weißen Bart--
Glaubt wirklich ein Gesicht zu sehen,
Und sinkt zur Erde hin vor seiner Gegenwart.
6
Der Eremit, kaum weniger betroffen
Als Hüon selbst, bebt einen Schritt zurück;
Doch spricht er, schnell gefaßt: Hast du, wie mich dein Blick
Und Ansehn glauben heißt, Erlösung noch zu hoffen
Aus deiner Pein, so sprich, was kann ich für dich thun,
Gequälter Geist? wie kann ich für dich büßen,
Um jenen Port dir aufzuschließen
Wo, unberührt von Qual, die Frommen ewig ruhn?
7
So bleich und abgezehrt, mit Noth und Gram umfangen
Als Hüon schien, war der Verstoß, in den
Der alte Vater fiel, nur allzu leicht begangen.
Allein, wie beide sich recht in die Augen sehn,
Und als der Greis aus Hüons Mund vernommen
Was ihn hierher gebracht, wiewohl sein Anblick schon
Ihm alles sagt, umarmt er ihn wie einen Sohn,
Und heißt recht herzlich ihn in seiner Klaus' willkommen;
8
Und führt ihn ungesäumt zu einem frischen Quell,
Der, rein wie Luft und wie Krystallen hell,
Ganz nah an seinem Dach aus einem Felsen quillet;
Und während Hüon ruht und seinen Durst hier stillet,
Eilt er und pflückt in seinem kleinen Garten
In einen reinlichen Korb die schönsten Früchte ab,
Die, für den Fleiß sie selbst zu bauen und zu warten,
Nicht kärglich ihm ein milder Himmel gab;
9
Und hört nicht auf ihm sein Erstaunen zu bezeigen,
Wie einem, der sich nicht zwey Flügel angeschraubt,
Es möglich war die Felsen zu ersteigen,
Wo, dreyßig Jahre schon, er sich so einsam glaubt
Als wie in seinem Grab. "Es ist ein wahres Zeichen
Daß euch ein guter Engel schützt;
Allein, setzt er hinzu, das nöthigste ist itzt
Dem jungen Weibe die Hand des Trosts zu reichen.
10
"Ein sichrer Pfad, wiewohl so gut versteckt,
Daß ohne mich ihn niemand leicht entdeckt,
Soll in der Hälfte Zeit, die du herauf zu dringen
Gebrauchtest, dich zu ihr, zurück euch beide bringen.
Was meine Hütte, was mein kleines Paradies
Zu eurer Nothdurft hat, ist herzlich euch erboten.
Glaubt, auch auf Heidekraut schmeckt Ruh der Unschuld süß,
Und reiner fließt das Blut bey Kohl und magern Schoten."
11
Herr Hüon dankt dem gütigen alten Mann,
Der seinen Stab ergreift ihm selbst den Weg zu zeigen;
Und, daß der Rückweg ihn nicht irre machen kann,
Bezeichnet er den Pfad mit frischen Tannenzweigen.
Noch eh' ins Abendmeer die goldne Sonne sinkt,
Hat den erseufzten Berg Amanda schon erstiegen,
Wo sie mit durstigen weit ausgehohlten Zügen
Den milden Strom des reinsten Himmels trinkt.
12
In eine andre Welt, ins Zauberland der Feen,
Glaubt sie versetzt zu seyn; ihr ist als habe sie
Den Himmel nie so blau, so grün die Erde nie,
Die Bäume nie so frisch belaubt gesehen:
Denn hier, in hoher Felsen Schutz
Die sich im Kreis um diesen Lustort ziehen,
Beut noch der Herbst dem Wind von Norden Trutz,
Und Feigen reifen noch, und Pomeranzen blühen.
13
Mit ehrfurchtbebender Brust, wie vor dem Genius
Des heil'gen Orts, fällt vor dem eisgrau'n Alten
Amanda hin, und ehrt die dürre Hand voll Falten,
Die er ihr freundlich reicht, mit einem frommen Kuß.
In unfreiwilligem Erguß
Muß ihn ihr Herz für einen Vater halten:
Die Furcht ist schon beym zweyten Blick verbannt;
Ihr ist, sie hätten sich ihr Leben lang gekannt.
14
In seinem Ansehn war die angeborne Würde,
Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint;
Sein offner Blick war aller Wesen Freund,
Und schien gewohnt, wiewohl der Jahre Bürde
Den Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schau'n;
Der innre Friede ruht auf seinen Augenbrau'n,
Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,
Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.
15
Den Rost der Welt, der Leidenschaften Spur,
Hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweg gewaschen.
Fiel' eine Kron' ihm zu, und es bedürfte nur
Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,
Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier,
Von keiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,
Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,
Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.