Wie? ruft sie aus, so kann mein Gangolf sprechen?
Weh mir! ach! zu gewiß muß etwas, was es sey,
An meinem Zauberwerk gebrechen;
Dein Aug' ist offenbar noch nicht von Wolken frey!
Wie könnt'st du sonst mit solchen harten Reden
Dein treues Weib zu morden dich entblöden?
Dein Sehen kann kein wahres Sehen seyn;
Es ist das Flimmern nur von ungewissem Schein.
96
O daß es möglich wär' mich selbst zu hintergehen!
Spricht Gangolf; wohl dem Mann den nur ein Argwohn plagt!
Ich Unglücksel'ger hab's gesehen!
Gesehen was ich sah!--Dem Himmel sey's geklagt!
Ward je ein Weib unglücklicher geboren?
(Schreyt die Verrätherin mit einem Thränenguß)
O daß ich diesen Schmerz noch überleben muß!
Mein armer Mann hat den Verstand verloren!
97
Und welcher Mann von zärtlichem Gemüth
Verlör' ihn nicht, trotz allen seinen Sinnen,
Der Thränengüsse aus so schönen Augen rinnen
Und eine solche Brust von Seufzern schwellen sieht?
Der Alte kann nicht länger widerstehen:
"Gieb dich zufrieden, Kind, ich war zu rasch, zu warm;
Verzeih, und komm herab in deines Gangolfs Arm,
Es ist nun sonnenklar, ich hatte falsch gesehen!"
98
Da hörst du's nun! spricht zu Titania
Der Elfenfürst: was er mit Augen sah
Schwemmt eine Thräne weg! Dein Werk ist's; triumfiere!
Doch hör' auch nun den heiligsten der Schwüre!
Ich glaubte mich geliebt, und fand mein Glück darin.
Es war ein Traum--Dank dir, daß ich entzaubert bin!
Hoff' nicht ein Thränchen werd' auch mich umnebeln können,
Von nun an müssen wir uns trennen!
99
Nie werden wir, in Wasser noch in Luft,
Noch wo im Blüthenhain die Zweige Balsam regnen,
Noch wo der hagre Greif in ewig finstrer Gruft
Bey Zauberschätzen wacht, einander mehr begegnen.
Mich drückt die Luft in der du athmest! Fleuch;
Und wehe dem verräthrischen Geschlechte
Von dem du bist, und weh dem feigen Liebesknechte
Der eure Ketten schleppt! ich haß' euch alle gleich!
100
Und wo ein Mann in eines Weibes Stricken,
Als wie ein taumelnder lusttrunkner Auerhahn,
Sich fangen läßt, und liegt und girrt sie an,
Und saugt das falsche Gift aus ihren üpp'gen Blicken,
Wähnt, Liebe sey's was ihr im Schlangenbusen flammt,
Und horcht bethört der lächelnden Sirene,
Traut ihren Schwüren, glaubt der hinterlistigen Thräne,
Der sey zu jeder Noth, zu jeder Qual verdammt!
101
Und bey dem furchtbarn Nahmen sey's geschworen
Der Geistern selbst unnennbar bleiben muß,
Nichts wende diesen Fluch und meinen festen Schluß:
Bis ein getreues Paar, vom Schicksal selbst erkohren,
Durch keusche Lieb' in Eins zusammen fließt,
Und, probefest in Leiden wie in Freuden,
Die Herzen ungetrennt, auch wenn die Leiber scheiden,
Der Ungetreuen Schuld durch seine Unschuld büßt.
102
Und wenn dieß edle Paar schuldloser reiner Seelen
Um Liebe alles gab, und unter jedem Hieb
Des strengesten Geschicks, auch wenn bis an die Kehlen
Das Wasser steigt, getreu der ersten Liebe blieb,
Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,
Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb':
Titania, ist dieß, ist alles dieß geschehen,
Dann werden wir uns wiedersehen!
103
So sprach der Geist und schwand aus ihrem Blick.
Vergebens lockte sie mit liebevoller Stimme,
Nachfliehend, ihn in ihren Arm zurück!
Nichts kann des raschen Worts, das er in seinem Grimme
Gesprochen, hätt' er gleich es selber nun beweint,
Nichts kann ihn seines Schwurs entbinden,
Bevor, nach dem Beding, der ganz unmöglich scheint,
Zwey Liebende, wie er's verlangt, sich finden.
104
Seit dieser Zeit hat bis zu unsern Tagen
Sich Oberon in eigener Gestalt
Nie mehr gezeigt, und (wie die Leute sagen)
Bald einen Berg, bald einen dicken Wald,
Bald ein verlaßnes Thal zu seinem Aufenthalt
Gewählt, wo Liebende zu stören und zu plagen
All sein Vergnügen ist: und daß er nur für euch
Das Gegentheil gethan, ist einem Wunder gleich.
105
Hier endigte der Alte mit Erzählen;
Und Hüon nimmt Amanden bey der Hand:
Wenn, spricht er, nur ein Paar getreu verliebter Seelen
Zu Oberons und Titaniens Ruhe fehlen,
So schwebt des Schicksals Werk an der Vollendung Rand.
War er's nicht selbst, der uns so wunderbar verband?
Er, sonst der Liebe Feind, hat uns in Schutz genommen:
Die Proben--o die laßt je eh'r je lieber kommen!
106
Amande legt an Antworts-Statt
Des Jünglings Hand ans Herz mit seelenvollen Blicken.
Ihr, die so viel für ihn gethan, gegeben hat,
Was blieb ihr noch mit Worten auszudrücken?
Und eine Scene von Entzücken
Erfolgt daraus, wobey der gute Scherasmin
Des schönen Mährchens Frucht, trotz allem seinem Nicken,
Auf einmahl zu verlieren schien.
107
Zwar noch verbarg der Unschuld keuscher Schleier
Den Liebenden die wachsende Gefahr,
Und ihre Zärtlichkeit ergoß sich desto freyer,
Je reiner ihre Quelle war.
Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer;
Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar.
Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören,
Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlören!
Siebenter Gesang.
1
Inzwischen ward, nach sieben heitern Tagen,
Das liebenswürd'ge Heldenpaar,
Dem jedes Element durch Oberon günstig war,
Ans Ufer von Lepanto hingetragen.
Hier lagen, wie Herr Hüon gleich vernimmt,
Zwey leicht geflügelte Pinassen segelfertig,
Die eine nach Marsiliens Port bestimmt,
Die andre Reisender nach Napoli gewärtig.
2
Der junge Herr, des Alten Wachsamkeit
Und Mentorblicks ein wenig überdrüssig,
Ist über diesen Dienst des Zufalls sehr erfreut
Und ungesäumt ihn zu benutzen schlüssig.
Freund, spricht er, Jahr und Tag geht noch vielleicht dahin,
Eh' mir's gelegen ist mich in Paris zu zeigen:
Du weißt daß ich vorerst nach Rom versprochen bin,
Und dieser Pflicht muß jede andre schweigen.
3
Indessen liegt mir ob, den Kaiser sehn zu lassen,
Daß ich mein Wort erfüllt. Du bist mein Lehensmann,
Vollbringe du für mich, was ich nicht selber kann;
Besteige flugs die eine der Pinassen,
Die nach Marseille steu'rt; dann eile sonder Rast
Nach Hof, und übergieb, den Kaiser zu versöhnen,
Dieß Kästchen mit des Sultans Bart und Zähnen,
Und sag' ihm an, was du gesehen hast:
4
Und daß, so bald ich erst des heil'gen Vaters Segen
Zu Rom gehohlt, mich nichts verhindern soll,
Die Sultanstochter auch zu Füßen ihm zu legen.
Fahr wohl, mein alter Freund! der Wind bläst stark und voll,
Die Anker werden schon gelichtet,
Glück auf die Reis', und, hast du mein Geschäft verrichtet,
So komm und suche mich zu Rom im Lateran;
Wer weiß, wir langen dort vielleicht zusammen an.
5
Der treue Alte sieht dem Prinzen in die Augen,
Wiegt seinen grauen Kopf, und nähme gar zu gern
Die Freyheit, seinen jungen Herrn
Mit etwas scharfem Salz für diese List zu laugen.
Doch hält er sich. Das Kästchen, meint er zwar,
Hätt' ohne Übelstand noch immer warten mögen,
Bis Hüon selbst im Stande war
Dem Kaiser in Person die Rechnung abzulegen.
6
Indessen da sein Fürst und Freund darauf beharrt,
Was kann er thun als sich zum Abschied anzuschicken?
Er küßt Amandens Hand, umarmt mit nassen Blicken
Den werthen Fürstensohn, den seine Gegenwart
Noch kaum erfreute, nun begann zu drücken,
Und Thränen tröpfeln ihm in seinen grauen Bart.
Herr, ruft er, bester Herr, Gott laß' euch's wohl ergehen,
Und mögen wir uns bald und fröhlich wiedersehen!
7
Dem Ritter schlug sein Herz, da zwischen seinem Freund
Und ihm die offne See stets weiter sich verbreitet.
Was that ich! ach! wozu hat Raschheit mich verleitet!
Wo hat mit seinem Herrn ein Mann es je gemeint
Wie dieser Mann? Wie hielt er in Gefahren
So treulich bey mir aus! O daß ich es zu spät
Bedacht! Wer hilft mir nun wenn mir der Rath entgeht?
Und wer in Zukunft wird mich vor mir selbst bewahren?
8
So ruft er heimlich aus, und schwört sich selber nun
Und schwört es Oberon, (von dem er, ungesehen,
Um seine Stirn das leise geist'ge Wehen
Zu fühlen glaubt) sein äußerstes zu thun
Im Kampf der Lieb' und Pflicht mit Ehre zu bestehen.
Sorgfältig hält er nun sich von Amanden fern,
Und bringt die Nächte zu, starr nach dem Angelstern,
Die Tage, schwermuthsvoll ins Meer hinaus zu sehen.
9
Die Schöne, die den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt,
So ganz verwandelt sieht, ist desto mehr verlegen,
Da sie davon sich keine Ursach' denkt.
Doch mehr, aus Zärtlichkeit, von ihrem Unvermögen
Ihn aufzuheitern als an ihrem Stolz gekränkt,
Setzt sie ihm Sanftmuth bloß und viel Geduld entgegen.
Das Übel nimmt indeß mit jeder Stunde zu,
Und raubet ihm und ihr bey Tag und Nacht die Ruh.
10
Einst um die Zeit, da schon am sternevollen Himmel
In Thetis Schooß der funkelnde Arktur
Sich senkt'--es schwieg am Bord das lärmende Getümmel,
Und kaum bewegte sich, wie eine Weitzenflur
Auf der sich Zefyr wiegt, der Ocean; die Leute
Im Schiffe, allzumahl des tiefsten Schlummers Beute,
Verdünsteten den Wein, der in den Adern rann,
Und selbst am Ruder nickt der sichre Steuermann;
11
Auch Fatme war zu ihres Fräuleins Füßen
Entschlummert: nur von Deinem Augenlied,
O Hüon, nur von Deinem Busen flieht,
O Rezia, der Schlaf!--Die armen Seelen büßen
Der Liebe süßes Gift. Wie wühlt sein heißer Brand
In ihrem Blut! und ach! nur eine dünne Wand
Trennt sie; sie glauben fast einander zu berühren,
Und nicht ein Seufzer kann sich ungehört verlieren.
12
Der Ritter, dem der lang' verhaltne Drang
Zur Marter wird, dem jede bittre Zähre,
Die seine Grausamkeit Amandens Aug' entzwang,
Auf seinem Herzen brennt, er seufzt so laut, so bang,
Als ob's sein letzter Athem wäre.
Sie, die mit Lieb' und Scham schon eine Stunde rang,
Kann endlich länger nicht die Lind'rung sich versagen,
Zu forschen was ihn quält, und Trost ihm anzutragen.
13
Im weißen Schlafgewand, dem schönsten Engel gleich,
Tritt sie in sein Gemach, mit zärtlichem Erbarmen
Im keuschen Blick, mit furchtsam offnen Armen.
Ihm ist, als öffne sich vor ihm das Himmelreich.
Sein Antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich,
Wird feuerroth; sein Puls, der kaum so träge
Und muthlos schlich, verdoppelt seine Schläge,
Und hüpfet wie ein Fisch im spiegelhellen Teich.
14
Allein gleich wieder wirft ihn Oberons Wort danieder;
Und da er schon, durch ihre Güte dreist,
An seine Brust sie ziehen will, entreißt
Er schnell sich ihrem Kuß, sich ihrem Busen wieder;
Will fliehn, bleibt wieder stehn, kommt rasch auf sie zurück
In ihre Arme sich zu stürzen,
Und plötzlich starrt er weg, mit wildem rollendem Blick,
Als wünscht' er seine Qual auf einmahl abzukürzen.
15
Sie sinkt aufs Lager hin, hoch schlägt ihr volles Herz
Durchs weichende Gewand, und stromweis' stürzt der Schmerz
Aus ihren schmachtenden vor Liebe schweren Augen.
Er sieht's, und länger hält die Menschheit es nicht aus:
Halb sinnlos nimmt er sie (werd' auch das ärgste draus!)
In seinen Arm, die glüh'nden Lippen saugen
Mit heißem Durst den Thau der Liebe auf,
Und ganz entfesselt strömt das Herz in vollem Lauf.
16
Auch Rezia, von Lieb' und Wonne hingerissen,
Vergißt zu widerstehn, und überläßt, entzückt,
Und wechselweis' ans Herz ihn drückend und gedrückt,
Sich ahnungslos den lang' entbehrten Küssen.
Mit vollen Zügen schlürft sein nimmer satter Mund
Ein herzberauschendes wollüstiges Vergessen
Aus ihren Lippen ein; die Sehnsucht wird vermessen,
Und ach! an Hymens Statt krönt Amor ihren Bund.
17
Stracks schwärzt der Himmel sich, es löschen alle Sterne;
Die Glücklichen! sie werden's nicht gewahr.
Mit sturmbeladnem Flügel braust von ferne
Der fessellosen Winde rohe Schaar;
Sie hören's nicht. Umhüllt von finsterm Grimme
Rauscht Oberon vorbey an ihrem Angesicht;
Sie hören's nicht. Schon rollt des Donners drohnde Stimme
Zum dritten Mahl, und ach! sie hören's nicht!
18
Inzwischen bricht mit fürchterlichem Sausen
Ein unerhörter Sturm von allen Seiten los;
Des Erdballs Axe kracht, der Wolken schwarzer Schooß
Gießt Feuerströme aus, das Meer beginnt zu brausen,
Die Wogen thürmen sich wie Berge schäumend auf,
Die Pinke schwankt und treibt in ungewissem Lauf,
Der Bootsmann schreyt umsonst in sturmbetäubte Ohren,
Laut heult's durchs ganze Schiff, weh uns! wir sind verloren!
19
Der ungezähmten Winde Wuth,
Der ganze Horizont in einen Höllenrachen
Verwandelt, lauter Gluth, des Schiffes stetes Krachen,
Das wechselsweis' bald von der tiefsten Flut
Verschlungen scheint, bald, himmelan getrieben,
Auf Wogenspitzen schwebt, die unter ihm zerstieben:
Dieß alles, stark genug die Todten aufzuschrecken,
Mußt' endlich unser Paar aus seinem Taumel wecken.
20
Amanda fährt entseelt aus des Geliebten Armen;
Gott! ruft sie aus, was haben wir gethan!
Der Schuldbewußte fleht den Schutzgeist um Erbarmen,
Um Hülfe, wenigstens nur für Amanden, an:
Vergebens! Oberon ist nun der Unschuld Rächer,
Ist unerbittlich nun in seinem Strafgericht;
Verschwunden sind das Hifthorn und der Becher,
Die Pfänder seiner Huld; er hört, und rettet nicht.
21
Der Hauptmann ruft indeß das ganze Volk zusammen,
Und spricht: Ihr seht die allgemeine Noth;
Mit jedem Pulsschlag wird von Wasser, Wind und Flammen
Dem guten Schiff der Untergang gedroht.
Nie sah ich solchen Sturm! Der Himmel scheint zum Tod,
Vielleicht um Eines Schuld, uns alle zu verdammen;
Um Eines Frevlers Schuld, zum Untergang verflucht,
Den unter uns der Blitz des Rächers sucht.
22
So laßt uns denn durchs Loos den Himmel fragen
Was für ein Opfer er verlangt!
Ist einer unter euch dem vor der Wage bangt?
Wo jeder sterben muß hat keiner was zu wagen,
Er sprach's, und jedermann stimmt in den Vorschlag ein.
Der Priester bringt den Kelch; man wirft die Loose drein;
Rings um ihn her liegt alles auf den Knieen;
Er murmelt ein Gebet, und heißt nun jeden ziehen.
23
Geheimer Ahnung voll, doch mit entschloßnem Muth,
Naht Hüon sich, den zärtlichsten der Blicke
Auf Rezia gesenkt, die bang und ohne Blut,
Gleich einem Gypsbild steht. Er zieht, und--o Geschicke!
O Oberon! er zieht mit frost'ger bebender Hand
Das Todesloos. Verstummend schaut die Menge
Auf ihn; er liest, erblaßt, und ohne Widerstand
Ergiebt er sich in seines Schicksals Strenge.
24
Dein Werk ist dieß, ruft er zu Oberon empor;
Ich fühl', obwohl ich dich nicht sehe,
Erzürnter Geist, ich fühle deine Nähe!
Weh mir! du warntest mich, du sagtest mir's zuvor,
Gerecht ist dein Gericht! Ich bitte nicht um Gnade,
Als für Amanden nur! Ach! Sie ist ohne Schuld!
Vergieb ihr! Mich allein belade
Mit deinem ganzen Zorn, ich trag' ihn mit Geduld!
25
Ihr, die mein Tod erhält, schenkt eine fromme Zähre
Dem Jüngling, den der Sterne Mißgunst trifft!
Nicht schuldlos sterb' ich zwar, doch lebt' ich stets mit Ehre;
Ein Augenblick, wo ich, berauscht von süßem Gift,
Des Worts vergaß, das ich zu rasch geschworen,
Der Warnung, die zu spät in meinen bangen Ohren
Itzt wiederhallt--das allgemeine Loos
Der Menschheit, schwach zu seyn--ist mein Verbrechen bloß!
26
Schwer büß' ich's nun, doch klaglos! denn, gereuen
Des liebenswürdigen Verbrechens soll mich's nicht!
Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen!
Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.
Was kann ich sonst als Liebe dir erstatten,
O du, die mir aus Liebe alles gab?
Nein! diese heil'ge Gluth erstickt kein Wellengrab!
Unsterblich lebt sie fort in deines Hüons Schatten.
27
Hier wird das Herz ihm groß; er hält die blasse Hand
Vors Aug', und schweigt. Und wer im Kreise stand,
Verstummt; kein Herz so roh, das nicht bey seinem Falle
Auf einen Augenblick von Mitleid überwalle.
Es war ein Blitz, der im Entstehn verschwand.
Sein Tod ist Sicherheit, ist Leben für sie alle;
Und da der Himmel selbst zum Opfer ihn ersehn,
Wer dürfte, sagen sie, dem Himmel widerstehn?
28
Der Sturm, der, seit dem ersten Augenblicke
Da Hüon sich das Todesurtheil sprach,
Besänftigt schien, kam itzt mit neuem Grimm zurücke.
Zersplittert ward der Mast, das Steuer brach.
Laßt, schreyt das ganze Schiff, laßt den Verbrecher sterben!
Der Hauptmann nähert sich dem Ritter: junger Mann,
Spricht er, du siehst daß dich Verzug nicht retten kann,
Stirb, weil es seyn muß, frey, und rett' uns vom Verderben!
29
Und mit entschloßnem Schritt naht sich der Paladin
Dem Bord des Schiffs. Auf einmahl stürzt die Schöne,
Die eine Weile her lebloser Marmor schien,
Gleich einer Rasenden durch alles Volk auf ihn:
Es weht im Sturm ihr Haar wie eines Löwen Mähne;
Mit hoch geschwellter Brust und Augen ohne Thräne
Schlingt sie den starken Arm in liebevoller Wuth
Um Hüon her, und reißt ihn mit sich in die Flut.
30
Verzweifelnd will, ihr nach, die treue Fatme springen.
Man hält sie mit Gewalt. Sie sieht die holden Zwey,
So fest umarmt, wie Reben sich umschlingen,
Schnell fortgewälzt nur schwach noch mit den Wogen ringen;
Und da sie nichts mehr sieht, erfüllt ihr Angstgeschrey
Das ganze Schiff. Wer kann ihr wiederbringen
Was sie verliert? Mit ihrer Königin
Ist alles was sie liebt und hofft auf ewig hin.
31
Indessen hatte kaum die aufgebrachten Wogen
Des Ritters Haupt berührt, so legt, o Wunder! Sich
Des Ungewitters Grimm; der Donner schweigt; entflogen
Ist der Orkane Schaar; das Meer, so fürchterlich
Kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur Glätte
Des hellsten Teichs, wallt wie ein Lilienbette:
Das Schiff setzt seinen Weg mit Rudern munter fort,
Und, nur zwey Tage noch, so ruht's im sichern Port.
32
Wie aber wird es dir, du holdes Paar, ergehen,
Das, ohne Hoffnung, nun im offnen Meere treibt?
Erschöpft ist ihre Kraft; Besinnen, Hören, Sehen
Verschwunden--das Gefühl von ihrer Liebe bleibt.
So fest umarmt, als wären sie zusammen
Gewachsen, keines mehr sich seiner selbst bewußt,
Doch immer noch im andere athmend, schwammen
Sie, Mund auf Mund, dahin, und Brust an Brust.
33
Und kannst du, Oberon, sie unbeklagt erbleichen,
Du, einst ihr Freund, ihr Schutz, kannst sie verderben sehn?
Du siehst sie, weinst um sie,--und läßt dich nicht erweichen?
Er wendet sich und flieht--es ist um sie geschehn!
Doch, sorget nicht! Der Ring läßt sie nicht untergehn,
Sie werden unverletzt den nahen Strand erreichen;
Sie schützt der magische geheimnisvolle Ring,
Den Rezia aus Hüons Hand empfing.
34
Wer diesen Ring besitzt, das allgewaltige Siegel
Des großen Salomon, dem löscht kein Element
Das Lebenslicht; er geht durch Flammen ungebrennt;
Schließt ihn ein Kerker ein, so springen Schloß und Riegel
So bald er sie berührt; und will er von Trident
Im Nu zu Memfis seyn, so leiht der Ring ihm Flügel:
Nichts ist was der, der diesen Talisman
Am Finger hat, durch ihn nicht wirken kann.
35
Er kann den Mond von seiner Stelle rücken;
Auf offnem Markt, im hellsten Sonnenschein,
Hüllt ihn, so bald er will, auch selbst vor Geisterblicken,
Ein unsichtbarer Nebel ein.
Soll jemand vor ihm stehn, er darf den Ring nur drücken,
Es sey, den er erscheinen heißt,
Ein Mensch, ein Thier, ein Schatten oder Geist,
So steht er da, und muß sich seinem Winke bücken.
36
In Erd' und Luft, in Wasser und in Feuer,
Sind ihm die Geister unterthan;
Sein Anblick schreckt und zähmt die wildsten Ungeheuer,
Und selbst der Antichrist muß zitternd ihm sich nahn.
Auch kann durch keine Macht im Himmel noch auf Erden
Dem, der ihn nicht geraubt, der Ring entrissen werden:
Die Allgewalt, die in ihm ist, beschützt
Sich selbst und jede Hand, die ihn mit Recht besitzt.
37
Dieß ist der Ring der dich, Amanda, rettet,
Dich, und den Mann, der, durch der Liebe Band
Und deiner Arme Kraft an deine Brust gekettet,
Unwissend wie, an eines Eilands Strand
Dich und sich selbst, o Wunder! wiederfand.
Zwar hat euch hier der Zufall hart gebettet;
Die ganze Insel scheint vulkanischer Ruin,
Und nirgends ruht das Aug' auf Laub und frischem Grün.
38
Doch, dieß ist's nicht, was in den taumelnden Minuten
Der ersten Trunkenheit die Wonnevollen rührt.
So unverhofft, so wunderbar den Fluten
Entronnen, unversehrt an trocknes Land geführt,
Gerettet, frey, allein, sich Arm in Arm zu finden,
Dieß übermäßig große Glück
Macht alles um sie her aus ihren Augen schwinden:
Doch ruft ihr Zustand bald sie zum Gefühl zurück.
39
Durchnäßt bis auf die Haut, wie konnten sie vermeiden
Sich ungesäumt am Strande zu entkleiden?
Hoch stand die Sonn' und einsam war der Strand.
Allein, indeß ihr triefendes Gewand
An Felsen hängt, wohin dem Sonnenstrahl entfliehen,
Der deine Lilienhaut, Amanda, dörrt und sticht?
Der Sand brennt ihren Fuß, die schroffen Steine glühen,
Und ach! kein Baum, kein Busch, der ihr ein Obdach flicht!
40
Zuletzt entdeckt des Jünglings bangen Augen
Sich eine Felsenkluft. Er faßt Amanden auf
Und fliegt mit ihr dahin, trägt eilends Schilf zu Hauf
Und altes Moos (der Noth muß alles taugen)
Zur Lagerstatt, und wirft dann neben ihr sich hin.
Sie sehn sich seufzend an, und saugen
Eins aus des andern Augen Trost, für jede Noth
Die gegenwärtig drückt und in der Zukunft droht.
41
O Liebe, süßes Labsal aller Leiden
Der Sterblichen, du wonnevoller Rausch
Vermählter Seelen! welche Freuden
Sind deinen gleich?--Wie schrecklich war der Tausch,
Wie rasch der Übergang im Schicksal dieser beiden!
Einst Günstlinge des Glücks, von einem Fürstenthron
Geschleudert, bringen sie das Leben kaum davon,
Das nackte Leben kaum, und sind noch zu beneiden!
42
Der schimmerreichste Sahl, mit Königspracht geschmückt,
Hat nicht den Reitz von dieser wilden Grotte
Für Rezia--und Er, an ihre Brust gedrückt,
Fühlt sich unsterblich, wird zum Gotte
In ihrem Arm. Das halb verfaulte Moos,
Worauf sie ruhn, däucht sie das reichste Bette,
Und duftet lieblicher, als wenn Schasmin und Ros'
Und Lilienduft es eingebalsamt hätte.
43
O daß er enden muß, so gern das Herz ihn nährt,
Der süße Wahn! Zwar unbemerkt sind ihnen
Zwey Stunden schon entschlüpft: doch, die Natur begehrt
Nun andre Kost. Wer wird sie hier bedienen?
Unwirthbar, unbewohnt ist dieser dürre Strand,
Nichts das den Hunger täuscht wird um und um gefunden;
Und ach! ergrimmt zog Oberon die Hand
Von ihnen ab--der Becher ist verschwunden!
44
Mit unermüdetem Fuß besteigt der junge Mann
Die Klippen rings umher, und schaut so weit er kann:
Ein schreckliches Gemisch von Felsen und von Klüften
Begegnet seinem Blick, wohin er thränend blinkt.
Da lockt kein saftig Grün aus blumenvollen Triften,
Da ist kein Baum, der ihm mit goldnen Früchten winkt!
Kaum daß noch Heidekraut und dünne Brombeerhecken
Und Disteln hier und da den kahlen Grund verstecken.
45
So soll ich, ruft er aus, und beißt vor wilder Pein
Sich in die Lippen, ach! so soll ich denn mit leeren
Trostlosen Händen wiederkehren,
Zu ihr, für die mein Leben noch allein
Erhaltenswürdig war? Ich, ihre einzige Stütze,
Ich, der mit jedem Herzensschlag
Ihr angehört, bin nur um einen einzigen Tag
Ihr Leben noch zu fristen ihr nicht nütze!
46
Verschmachten soll ich dich vor meinen Augen sehn,
Du Wunder der Natur, so liebevoll, so schön!
Verschmachten! Dich, die bloß um meinetwillen
So elend ist! für mich so viel verließ!
Dir, der dein Stern das schönste Loos verhieß,
Eh' dich des Himmels Zorn in meine Arme stieß,
Dir bleibt (hier fing er an vor Wuth und Angst zu brüllen)
Bleibt nicht so viel--den Hunger nur zu stillen!
47
Laut schrie er auf in unnennbarem Schmerz;
Dann sank er hin, und lag in fürchterlicher Stille.
Doch endlich fällt ein Strahl von Glauben in sein Herz:
Er rafft sich aus des Trübsinns schwarzer Hülle,
Spricht Muth sich ein, und fängt mit neuem Eifer an
Zu suchen. Lang' umsonst! Schon schmilzt im Ocean
Der Sonnenrand zu Gold--auf einmahl, o Entzücken!
Entdeckt die schönste Frucht sich seinen gier'gen Blicken.
48
Halb unter Laub versteckt, halb glühend angestrahlt,
Sah er an breit beraubten Ranken,
Melonen gleich, sie auf die Erde wanken,
Einladend von Geruch, und wunderschön bemahlt.
Wie hält er reichlich sich für alle Müh bezahlt!
Er eilt hinzu, und bricht sie; glänzend danken
Zum Himmel seine Augen auf,
Und Freudetrunkenheit beflügelt seinen Lauf.
49
Amanden, die drey tödtlich lange Stunden
An diesem öden Strand, wo alles Furcht erweckt,
Wo jeder Laut bedroht und selbst die Stille schreckt,
Sich ohne den, der nun ihr Alles ist, befunden,
Ihr war ein Theil der langen Zeit verschwunden,
Zum Lager, wie es hier die Noth der Liebe deckt,
Mit ungewohntem Arm vom Ufer ganze Lagen
Von Meergras, Schilf und Moos der Höhle zuzutragen.
50
Matt wie sie war, erschöpfte diese Müh
Noch ihre letzte Kraft; es brachen ihr die Knie;
Sie sinkt am Ufer hin, und lechzt mit dürrem Gaumen.
Vom Hunger angenagt, von heißem Durst gequält,
An diesem wilden Ort, wo ihr's an allem fehlt,
Wie angstvoll ist ihr Loos! Wo mag ihr Hüon säumen?
Wenn ihn ein Unfall traf? vielleicht ein reißend Thier?
Es nur zu denken, raubt den Rest von Leben ihr!