52

Allmählich ließ nunmehr die Kraft des Hornes nach;

Die Köpfe schwindelten, die Beine wurden schwach,

Kein Faden war an allen Tänzern trocken,

Und, in der athemlosen Brust

Geschwellt, begann das dicke Blut zu stocken.

Zur Marter ward die unfreywill'ge Lust.

Durchnäßt, als stieg' er gleich aus einer Badewanne,

Schwankt der Kalif auf seine Ottomanne.

53

Mit jedem Augenblick fällt, starr und ohne Sinn,

Da, wo rings um die Wand sich Polster schwellend heben,

Ein Tänzer nach dem andern hin.

Emirn und Sklaven stürzen zappelnd neben

Göttinnen des Serai's, so wie's dem Zufall däucht,

Als ob ein Wirbelwind sie hingeschüttelt hätte,

So daß zugleich auf Einem Ruhebette

Der Stallknecht und die Favoritin keicht.

54

Herr Hüon macht die Stille sich zu Nutze,

Die auf dem ganzen Sahle ruht;

Läßt seine Königin, nah bey der Thür, im Schutze

Des treuen Scherasmin, dem er auf seiner Hut

Zu seyn gebeut; giebt ihm auf alle Fälle

Das Horn von Elfenbein, und naht sodann der Stelle,

Wo der Kalif, vom Ball noch schwach und matt,

Auf einen Polsterthron sich hingeworfen hat.

55

In dumpfer Stille liegt mit ausgespannten Flügeln

Leis' athmend die Erwartung rings umher.

Die Tänzer all', von Schlaf und Taumel schwer,

Bestreben sich die Augen aufzuriegeln,

Den Fremden anzusehn, der sich, nach solcher That,

Mit unbewehrter Hand und bittenden Geberden

Dem stutzenden Kalifen langsam naht.

Was, denkt man, wird aus diesem allen werden?

56

Er läßt sich auf ein Knie vor dem Monarchen hin,

Und mit dem sanften Ton und kalten Blick des Helden

Beginnt er. "Kaiser Karl, von dem ich Dienstmann bin,

Läßt seinen Gruß dem Herrn der Morgenländer melden,

Und bittet dich--verzeih! mir fällt's zu sagen hart!

Doch, meinem Herrn den Mund, so wie den Arm, zu lehnen,

Ist meine Pflicht--um vier von deinen Backenzähnen

Und eine Hand voll Haar aus deinem Silberbart."

57

Er spricht's und schweigt, und steht gelassen

Des Sultans Antwort abzupassen.

Allein, wo nehm' ich Athem her, den Grimm

Des alten Herrn mit Worten euch zu schildern?

Wie seine Züge sich verwildern,

Wie seine Nase schnaubt? mit welchem Ungestüm

Er auf vom Throne springt? wie seine Augen klotzen,

Und wie vor Ungeduld ihm alle Adern strotzen?

58

Er starrt umher, will fluchen, und die Wuth

Bricht schäumend jedes Wort an seinen blauen Lippen.

"Auf, Sklaven! reißt das Herz ihm aus den Rippen!

Zerhackt ihn Glied für Glied! zapft sein verruchtes Blut

Mit Pfriemen ab! weg mit ihm in die Flammen!

Die Asche streut in alle Winde aus,

Und seinen Kaiser Karl, den möge Gott verdammen!

Was? Solchen Antrag? Mir? In meinem eignen Haus?

59

"Wer ist der Karl der gegen Mich sich brüstet?

Und warum kommt er nicht, wenn's ihn

So sehr nach meinem Bart und meinen Zähnen lüstet,

Und wagt's, sie selber auszuziehn?"

Der Mensch muß unter seiner Mütze

Nicht richtig seyn, versetzt ein alter Kan:

So etwas allenfalls begehrt man an der Spitze

Von dreymahl hundert tausend Mann.

60

Kalif von Bagdad, spricht der Ritter

Mit edlem Stolz, laß alles schweigen hier,

Und höre mich! Es liegt schon lange schwer auf mir,

Karls Auftrag und mein Wort. Des Schicksals Zwang ist bitter:

Doch seiner Oberherrlichkeit

Sich zu entziehn, wo ist die Macht auf Erden?

Was es zu thun, zu leiden uns gebeut,

Das muß gethan, das muß gelitten werden.

61

Hier steh' ich, Herr, ein Sterblicher wie du,

Und steh' allein, mein Wort, trotz allen deinen Wachen,

Mit meinem Leben gut zu machen:

Doch läßt die Ehre mir noch einen Antrag zu.

Entschließe dich von Mahomed zu weichen,

Erhöh' das heil'ge Kreuz, das edle Christenzeichen,

In Babylon, und nimm den wahren Glauben an,

So hast du mehr, als Karl von dir begehrt, gethan.

62

Dann nehm' ich's auf mich selbst, dich völlig los zu sprechen

Von jeder andern Forderung,

Und der soll mir zuvor den Nacken brechen,

Der mehr verlangt! So einzeln und so jung

Du hier mich siehst, was du bereits erfahren,

Verkündigt laut genug, daß einer mit mir ist

Der mehr vermag als alle deine Schaaren.

Wähl' itzt das beste Theil, wofern du weise bist!

63

Indeß, an Kraft und Schönheit einem Boten

Des Himmels gleich, der jugendliche Held,

Uneingedenk der Lanzen, die ihm drohten,

So mannhaft spricht, so muthig dar sich stellt:

Beugt Rezia von fern, mit glühend rothen

Entzückten Wangen, liebevoll

Den schönen Hals nach ihm, doch schaudernd, wie der Knoten

Von all' den Wundern sich zuletzt entwickeln soll.

64

Herr Hüon hatte kaum das letzte Wort gesprochen,

So fängt der alte Schach wie ein Beseßner an

Zu schrey'n, zu stampfen und zu pochen,

Und sein Verstand tritt gänzlich aus der Bahn.

Die Helden all' in tollem Eifer springen

Von ihren Sitzen auf mit Schnauben und mit Dräun,

Und Lanzen, Säbel, Dolche dringen

Auf Mahoms Feind von allen Seiten ein.

65

Doch Hüon, eh' sie ihn erreichen, reißt in Eile

Der Männer einem rasch die Stange aus der Hand,

Schlägt um sich her damit als wie mit einer Keule,

Und zieht, stets fechtend, sich allmählich an die Wand.

Ein großer goldner Napf, vom Schenktisch weggenommen,

Dient ihm zugleich als Schild und als Gewehr;

Schon zappeln viel am Boden um ihn her,

Die seinem Grimm zu nah gekommen.

66

Der gute Scherasmin, der an der Thüre fern

Zum Schutz der Schönen steht, glaubt seinen ersten Herrn

Im Schlachtgedräng zu sehn, und überläßt voll Freude

Sich einen Augenblick der süßen Augenweide:

Doch bald zerstreut den angenehmen Wahn

Des Fräuleins Angstgeschrey; er sieht der Helden Rasen,

Sieht seines Herrn Gefahr, setzt flugs das Hifthorn an

Und bläst, als läg' ihm ob die Todten aufzublasen.

67

Die ganze Burg erschallt davon und kracht;

Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht,

Gespenster lassen sich wie schnelle Blitze sehen,

Und unter stetem Donner schwankt

Des Schlosses Felsengrund. Der Heiden Herz erkrankt;

Sie taumeln Trunknen gleich, Gehör, Gesicht vergehen,

Der schlaffen Hand entglitschen Schwert und Speer,

Und gruppenweis' liegt alles starr umher.

68

Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen,

Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen;

Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer,

Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr.

Auf einmahl schweigt der Sturm; ein lieblich säuselnd Wehen

Erfüllt den Sahl mit frischem Lilienduft,

Und, wie ein Engelsbild ob einer Todtengruft,

Läßt Oberon sich itzt auf einem Wölkchen sehen.

69

Ein lauter Schrey des Schreckens und der Lust

Entfährt der Perserin; ein unfreywillig Grauen

Bekämpft in ihr das schüchterne Vertrauen.

Die Arme über ihre Brust

Gefaltet, steht sie glühend neben

Dem Jüngling da, dem sie ihr Herz gegeben,

Und wagt, der süßen Schuld jungfräulich sich bewußt,

Zu ihrem Retter kaum die Augen aufzuheben.

70

Gut, Hüon, spricht der Geist, du hast dein Ehrenwort

Gelöst, ich bin mit dir zufrieden.

Zum Ritterdank ist dir dieß schöne Weib beschieden!

Doch, eh' ihr euch entfernt von diesem Ort,

Bedenke Rezia, wozu sie sich entschließet,

Eh' sie vielleicht mit unfruchtbarer Reu

Die rasche Wahl verführter Augen büßet!

Zu bleiben oder gehn läßt ihr das Schicksal frey.

71

So vieler Herrlichkeit entsagen,

Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward,

Um sich, auf ungewisse Fahrt,

Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu wagen;

Zu leben ihm allein, mit ihm den Unbestand

Des Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tragen,

(Und ach! oft kommt der Schlag von einer lieben Hand!)

Da lohnt sich's wohl, vorher sein Herz genau zu fragen.

72

Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt,

Noch steht's bey dir den Wunsch der Liebe zu betrügen.

Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe liegen;

Sie leben wieder auf, so bald mein Stab sie weckt.

Der Sultan wird dir gerne, was geschehen,

Verzeihn, trotz dem was er dabey verlor,

Und Rezia wird wieder wie zuvor

Von aller Welt sich angebetet sehen.

73

Hier schwieg der schöne Zwerg. Und, bleicher als der Tod,

Steht Hüon da, das Urtheil zu empfangen,

Womit ihn Oberon, der Grausame! bedroht.

In Asche sinkt das Feuer seiner Wangen.

Zu edel oder stolz, vielleicht ein zweifelnd Herz

Mit Liebesworten zu bestechen,

Starrt er zur Erde hin mit tief verhaltnem Schmerz,

Und läßt nicht einen Blick zu seinem Vortheil sprechen.

74

Doch Rezia, durchglüht von seinem ersten Kuß,

Braucht keines Zunders mehr die Flamme zu erhitzen.

Wie wenig däucht ihr noch was sie verlassen muß,

Um alles was sie liebt in Hüon zu besitzen!

Von Scham und Liebe roth bis an die Fingerspitzen,

Verbirgt sie ihr Gesicht und einen Thränenguß

In seinem Arm, indem, hoch schlagend von Entzücken,

Ihr Herz empor sich drängt, an seines sich zu drücken.

75

Und Oberon bewegt den Lilienstab

Sanft gegen sie, als wollt' er seinen Segen

Auf ihrer Herzen Bündniß legen,

Und eine Thräne fällt aus seinem Aug' herab

Auf beider Stirn. So eil' auf Liebesschwingen,

Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen steht bereit,

Bevor das nächste Licht der Schatten Heer zerstreut,

Euch sicher an den Strand von Askalon zu bringen.

76

Er sprach's, und eh' des letzten Wortes Laut

Verklungen war, entschwand er ihren Augen.

Wie einem Traum entwacht, steht Hüons schöne Braut,

Den süßen Duft begierig aufzusaugen,

Der noch die Luft erfüllt. Drauf sinkt ein scheuer Blick

Auf ihren Vater hin, der wie in Todesschlummer

Zu starren scheint. Sie seufzt, und wehmuthsvoller Kummer

Mischt Bitterkeit in ihres Herzens Glück.

77

Sie hüllt sich ein. Herr Hüon, dem die Liebe

Die Sinne schärft, sieht nicht so bald

Ihr Herz beklemmt, ihr schönes Auge trübe,

So drückt er sie mit zärtlicher Gewalt,

Den rechten Arm um ihren Leib gewunden,

Zum Sahl hinaus.--Komm, spricht er, eh' die Nacht

Uns überrascht, und jeder Arm erwacht,

Den, uns zu Lieb', der Geist mit Zauberschlaf gebunden.

78

Komm, laß uns fliehn, eh' uns den Weg zur Flucht

Ein neuer Feind vielleicht zu sperren sucht,

Und sey gewiß, sind wir nur erst geborgen,

Wird unser Schützer auch für diese Schläfer sorgen.

Dieß sprechend trägt er sie mit jugendlicher Kraft

Die Marmortrepp' hinunter bis zum Wagen,

Den Oberon zu ihrer Flucht verschafft,

Und eine süßre Last hat nie ein Mann getragen.

79

Die ganze Burg ist furchtbar still und leer

Wie eine Gruft, und Leichen ähnlich liegen

In tiefem Schlaf die Hüter hin und her;

Nichts hemmt der Liebe Flucht; der Wagen wird bestiegen:

Doch traut das Fräulein sich dem Ritter nicht allein;

Mit Scherasmin steigt auch die Amme hastig ein.

Sie, die zum ersten Mahl so viele Wunder siehet,

Die arme Frau weiß nicht wie ihr geschiehet.

80

Wie wird ihr da sie rückwärts schaut

Und sieht, an Pferde Statt, vier Schwanen vor dem Wagen,

Regiert von einem Kind!--Wie schaudert ihr die Haut,

Da sie empor gelupft und durch die Luft getragen

Sich fühlt, und kaum zu athmen sich getraut,

Und nicht begreifen kann, wie, ohne umzuschlagen,

So schwer bepackt, der Wagen sich erhebt,

Und, steter als ein Kahn, auf leichten Wolken schwebt!

81

Als endlich gar die Nacht sie überfiel,

Was Wunder, daß die Furcht zuletzt die Scham besiegte,

Und Fatme so gedrang an Scherasmin sich schmiegte,

Als wie zum Schlaf an ihren lieben Pfühl!

Vermuthlich daß der Mann dazu sich willig fügte;

In solchen Fällen mischt das Herz sich gern ins Spiel:

Jedoch gereicht zum Ruhm des wackern Alten,

Daß er wie reines Gold dieß Feuer ausgehalten.

82

Ganz anders war das junge Paar gestimmt,

Das Amor itzt mit seiner Mutter Schwanen

Davon zu führen schien. Ob auf gewohnten Bahnen

Den Lauf ihr Zauberfuhrwerk nimmt,

Ob durch die Luft, ob's rollet oder schwimmt,

Ob langsam oder schnell, mit Pferden oder Schwanen,

Sanft oder hart, mit oder ohne Fahr,

Sie werden nichts von allem dem gewahr.

83

Ein neuer Wonnetraum, ein seliges Entzücken

Ins Paradies, dünkt sie ihr gegenwärt'ger Stand;

Sie können nichts, als stumm, mit nimmer satten Blicken,

Sich anschaun, eins des andern warme Hand

Ans volle Herz in süßer Inbrunst drücken,

Und, während Himmel und Erd' aus ihren Augen schwand,

Und sie allein noch übrig waren, fragen:

Ist's, oder träumt uns noch? Sind wir in Einem Wagen?

84

"So war's kein Traum als ich im Traum dich sah?

(Rief jedes aus) So war es Rezia?

War's Hüon? und ein Gott hat dich mich finden lassen?

Du mein?--ich dein?--Wer durft' es hoffen, wer?

So wundervoll vereint, uns nimmer nimmermehr

Zu trennen? Kann das Herz so viele Wonne fassen?"

Und dann von neuem stets einander angeblickt,

Von neuem Hand um Hand an Mund und Herz gedrückt!

85

Vergebens hüllt die Nacht mit dunstbeladnen Flügeln

Den Luftkreis ein; dieß hemmt der Liebe Sehkraft nicht:

Aus ihren Augen strahlt ein überirdisch Licht,

Worin die Seelen selbst sich in einander spiegeln.

Nacht ist nicht Nacht für sie; Elysium

Und Himmelreich ist alles um und um;

Ihr Sonnenschein ergießet sich von innen,

Und jeder Augenblick entfaltet neue Sinnen.

86

Allmählich wiegt die Wonnetrunkenheit

Das volle Herz in zauberischen Schlummer;

Die Augen sinken zu, die Sinne werden stummer,

Die Seele dünkt vom Leibe sich befreyt,

In Ein Gefühl beschränkt, so fest von ihm umschlungen!

So inniglich von ihm durchathmet und durchdrungen!

Beschränkt in Eins, in diesem Einen bloß

Sich fühlend--Aber, o dieß Eins, wie grenzenlos!

Sechster Gesang.

1

Kaum fing Aurora an die Schatten zu verjagen,

Und schloß dem Tag mit ihrer Rosenhand

Die Pforten auf, so hielt der Schwanenwagen,

Nicht weit vom seebespülten Strand

Von Askalon, im Schirm von hohen Palmenbäumen,

Auf einmahl still. Ein sanfter Stoß

Weckt unser doppelt Paar, dieß aus des Schlummers Schooß,

Und jenes aus der Liebe wachen Träumen.

2

In süßem Schrecken bebt die Sultanstochter auf,

Indem zum ersten Mahl, vom Morgen angestrahlet,

Das Weltmeer grenzenlos sich in ihr Auge mahlet.

Voll Wunders schweift in ungehemmtem Lauf

Der ausgedehnte Blick auf diesen Wasserhöhen;

Die Unermeßlichkeit scheint vor ihr aufgethan:

Doch, mitten in der Lust kommt sie ein Schaudern an,

Im Unermeßlichen sich selbst so klein zu sehen.

3

Ein grauer Flor umnebelt ihren Blick.

Wo bin ich? ruft sie. Doch, Herr Hüon, der am Wagen

Mit offnen Armen steht ins Grüne sie zu tragen,

Bringt den verschwebten Geist schnell zu sich selbst zurück.

Sey, spricht er, ohne Furcht, mein Leben,

(Indem er seinen Mund von Lieb' und Sehnsucht warm

Auf ihren Busen drückt, den stille Seufzer heben)

Sey ohne Furcht, du bist in meinem Arm.

4

Mit Wonne fühlt sie sich itzt wieder ganz umgeben

Von ihrer Liebe, ganz in seinen Arm versenkt,

Und junger Efeu kann am Stamm nicht brünst'ger kleben

Als sie um seinen Leib die runden Arme schränkt.

So eilt er mit der süßen Beute

Den Palmen zu; setzt dann auf weiches Moos

Sie in den Schatten hin, sich selbst an ihre Seite,

Und tauschte seinen Platz um keines Sultans Loos.

5

Bald findet auch mit Fatme sich bey ihnen

Sein Alter ein, entschlossen, er und sie,

Bis auf den letzten Hauch dem lieben Paar zu dienen.

Kaum hatte Scherasmin im Grünen

Bey seinem Herrn, und Fatme nah am Knie

Der jungen Dame Platz genommen,

Schnell, wie ein Blitz der Fantasie,

Kam durch die Luft der schöne Zwerg geschwommen.

6

Aus seinen Augen brach durch sanft bewölkten Gram

Der Freundschaft mildes Licht, und als er näher kam,

Sahn sie ein Kästchen, dicht besetzt mit Edelsteinen,

In seinem linken Arm wie eine Sonne scheinen.

Freund Hüon, sprach der Geist, nimm dieß aus meiner Hand,

Wiewohl dich Karl dazu ausdrücklich nicht verpflichtet:

Wenn du ihn wiedersiehst, so dien' es ihm zum Pfand,

Daß du, was er begehrt, buchstäblich ausgerichtet!

7

Ihr merkt, (wiewohl in Rezia's Gegenwart

Nicht schicklich war es laut zu offenbaren)

Daß des Kalifen Zähn' und Bart,

In Baumwoll' eingepackt, in diesem Kästchen waren.

Es hatte, während daß der Sultan noch erstarrt

In seinem Lehnstuhl lag, von Oberons unsichtbaren

Trabanten einer sich behend ans Werk gemacht,

Und alles, ohne Scher' und Pelikan, vollbracht.

8

Eilt nun, so fuhr er fort, bevor euch nachzujagen

Der Sultan Zeit gewinnt! Dort auf der Rhede liegt

Ein Schiff, das ohne Harm in sechs bis sieben Tagen

Mit euch bis nach Lepanto fliegt;

Dort findet ihr, so bald ihr angekommen,

Ein andres schon bereit, das nach Salern euch bringt;

Und dann, so schnell als Lieb' und Sehnsucht euch beschwingt,

Geraden Wegs den Lauf nach Rom genommen!

9

Und tief, o Hüon, sey's in deinen Sinn geprägt:

So lange bis der fromme Papst Sylvester

Auf eurer Herzen Bund des Himmels Weihung legt,

Betrachtet euch als Bruder und als Schwester.

Daß der verbotnen süßen Frucht

Euch ja nicht vor der Zeit gelüste!

Denn wisset, daß im Nu, da ihr davon versucht,

Sich Oberon von euch auf ewig trennen müßte.

10

Er sagt's, und seufzt, und stiller Kummer schwillt

In seinem Aug'; er heißet sie ihm nahen,

Und küßt sie auf die Stirn; und als sie aufwärts sahen,

Zerfloß er wie ein Wolkenbild

Aus ihrem Blick. Der goldne Tag verhüllt

Sein Antlitz; traurig rauscht's, wie Seufzer, durch die Palmen,

Und Land und Meer scheint, dumpf und tief erstillt,

In trübem Duft gestaltlos zu verqualmen.

11

Ein seltsam Weh, ein stilles Bangen drückt

Das holde Paar; sie sehn mit blassen Wangen

Einander an; im offnen Mund erstickt

Was jedes sprechen will; sie wollen sich umfangene

Und ein geheimes Grau'n hält ihren Arm. Allein

In einem Pulsschlag stürzt der dumpfe Nebel nieder,

Lacht alles wie zuvor in goldnem Sonnenschein,

Und Muth und Freude kehrt in ihre Herzen wieder.

12

Sie eilen nach dem Schiff, und finden's, hoch erfreut,

Zur Reise schon versehn und zierlich eingerichtet

Durch ihres Schützers Gütigkeit.

Ein frischer Landwind weht, der Anker wird gelichtet,

Das Seevolk jauchzt. Die Barke, vogelschnell,

Durchschneidet schon mit ausgespannten Flügeln

Die blaue Flut; die Luft ist rein und hell,

Und glatt das Meer um sich darin zu spiegeln.

13

Sanft wiegend schwimmt, gleich einem stolzen Schwan,

Das Schiff dahin, zum Wunder aller Söhne

Des Oceans, auf kaum gefurchter Bahn.

So eine Fahrt hat noch kein Mensch gethan,

Rief jeder aus. Der Ritter und die Schöne

Stehn, Arm in Arm geschlungen, Stunden lang

Auf dem Verdeck, und schau'n; und jede neue Scene

Ist Opium für ihren Liebesdrang.

14

Und wenn sie in die unabsehbarn Flächen

Hinaus sehn, wo in Luft der Wellen Blau zerrinnt,

Fängt Hüon an von seinem Land zu sprechen,

Wie schön es ist, wie froh darin die Leute sind,

Und wie von Ost zum West die Sonne

Doch auf nichts holders scheinen kann

Als auf die Ufer der Garonne;

Und alles dieß beschwört sein alter Lehensmann.

15

Dem hüpft das Herz, so oft er seinem lieben

Gaskogne Hymnen singen kann!

Die schöne Rezia, wiewohl ihr dann und wann

Viel Worte unverständlich blieben,

Horcht unverwandt; denn das, wovon ihr nichts entgeht,

Was mit unsäglichem Behagen,

So neu ihr's ist, ihr Herz unendlich leicht versteht,

Ist--was ihr Hüons Augen sagen.

16

Ein sanfter Druck der warmen Hand,

Ein Seufzer, der das volle Herz entladet,

Ein leiser Kuß, der Rosenwang' entwandt,

Und, o ein Blick, in Amors Thau gebadet,

Was überzeugt, gewinnt und rührt wie dieß?

Was geht so schnell, trotz dem behendsten Pfeile,

Von Herz zu Herz, trifft so gewiß

Den Zweck, und macht so wenig lange Weile?

17

In Seelgesprächen dieser Art

Verlor das Wortgespräch sich stets bey unsern beiden.

Oft schlichen sie, um Zeugen zu vermeiden,

In ihr Gemach, und standen da gepaart

Am offnen Fenster, oder saßen

Auf ihrem Sofa. Doch, auch dann nicht ganz allein;

Die Amme wenigstens muß stets zugegen seyn;

Denn Hüon selber bat ihn nie allein zu lassen.

18

Noch immer wiederhallt der schreckenvolle Ton

Des strengen "laßt euch nicht gelüsten"

In seinem Ohr; denn wißt, sprach Oberon,

Daß wir uns sonst auf ewig trennen müßten.

Wie meinte das der Geist? Es war ein tiefer Sinn

In seinem Blick, der immer ernster, immer

Bewölkter ward; ach! Thränen schwammen drin,

Und sein Gesicht verlor den sonst gewohnten Schimmer.

19

Dieß schwellt mit Ahnungen des guten Ritters Herz.

Er traut sich selbst nicht mehr; der Liebe leichtster Scherz

Erweckt die Furcht, ob Oberon ihn verdamme.

Indessen frißt die eingeschloßne Flamme

Sich immer tiefer ein. Die Luft, worin er lebt,

Ist Zauberluft, weil Rezia sie theilet;

Ihr Athem weht darin, ihr holder Schatten schwebt

Um jeden Gegenstand, auf dem sein Auge weilet.

20

Und, o Sie selbst glänzt ihn im Morgenlicht,

Im Abendroth, im sanften Schattentage

Des Mondes an. In welcher schönen Lage,

In welcher Stellung reitzt ihr Nymfenwuchs ihn nicht?

Der Schleier, der vor allen fremden Augen

Sie dicht umhüllt, fällt im Gemach zurück,

Erlaubt sogar dem furchtsam kühnen Blick

Sich, Bienen gleich, in Hals und Busen einzusaugen.

21

Er fühlt die süße Gefahr. O, soll es möglich seyn,

Du Schönste, ruft er oft, bis Rom es auszuhalten,

So wickle dich in sieben Schleier ein!

Verstecke jeden Reitz in tausend kleine Falten;

Laß über dieses Arms lebend'ges Elfenbein

Die weiten Ärmel bis zur Fingerspitze fallen,

Und ach! Freund Oberon, vor allen

Verwandle bis dahin mein Herz in kalten Stein!

22

Es war, wiewohl ihm oft die Kräfte schier versagen,

Des Ritters ganzer Ernst, den Sieg davon zu tragen

In diesem Kampf. Es däucht' ihn groß und schön

Das schwerste Abenteu'r der Tugend anzugehn,

Schon groß und schön, es nur zu wagen,

Und zehnfach schön und groß, es rühmlich zu bestehn.

Allein, die Möglichkeit so einen Feind zu dämpfen,

Der immer stärker wird, je mehr wir mit ihm kämpfen?

23

Nichts ist, was diesem Feind so bald gewonnen giebt,

Als bey der Schönen, die man liebt,

Sich dem Gefühl stillschweigend überlassen.

Zum Glück erinnert sich Herr Hüon seiner Pflicht,

Nach ritterlichem Brauch, sich mit dem Unterricht

Der Sultanstochter zu befassen.

Denn ach! das arme Kind lag noch im Heidenthum,

Und glaubt' an Mahomed, unwissend zwar warum.

24

Der Ritter, sie von dieser Pest zu heilen,

Eilt was er kann, (die Liebe hieß ihn eilen)

Sein Bißchen Christenthum der Holden mitzutheilen.

An Eifer gab er keinem Märt'rer nach;

Er war an Glauben stark, wiewohl an Kenntniß schwach,

Und die Theologie war keineswegs sein Fach;

Sein Pater und sein Credo, ohne Glossen,

In diesen Kreis war all sein Wissen eingeschlossen.

25

Doch was vielleicht an Licht und Gründlichkeit

Der Lehre fehlt, ersetzt des Lehrers Feuer:

Herr Hüon, standsgemäß ein Feind von Wörterstreit,

Handhabt das Werk gleich einem Abenteuer,

Und was er glaubt, beschwört er hoch und theuer,

Erbötig, dessen Richtigkeit

Dem ganzen Heidenthum mit seinem blanken Eisen

Zu Wasser und zu Land handgreiflich zu erweisen.

26

Groß ist in des Geliebten Mund

Der Wahrheit Kraft; das Herz, voraus mit ihm in Bund,

Horcht ihm mit Lust und lehrbegier'gem Schweigen.

Was ist so leicht zu überzeugen

Als Liebe? Ein Blick, ein Kuß ist ihr ein Glaubensgrund.

Die Schöne, ohne sich in Fragen zu versteigen,

Glaubt ihrem Hüon nach, und macht in kurzer Zeit

Ihr Kreuz an Stirn und Brust mit vieler Fertigkeit.

27

Das heil'ge Bad der Christen zu empfangen

Stand nun (wie unser Held in seiner Einfalt meint)

Ihr weiter nichts im Weg. Ihr ist's, um vor Verlangen

Zu brennen, schon genug, daß er darnach zu bangen

Und jedes Augenblicks Verzug zu hassen scheint.

Ein Jünger Sankt Basils, ein großer Heidenfeind,

der sich im Schiffe fand, wird leicht gewonnen, ihnen

Für die Gebühr hierin mit seinem Amt zu dienen.

28

Die schöne Rezia, die nun Amanda hieß

Seitdem sie in den Christenorden

Getreten war, gewann nicht nur das Paradies,

Sie schien dadurch sogar noch eins so schön geworden.

Allein von Hüon wich zur Stunde sichtbarlich

Sein guter Geist. Es war, im Taumel des Entzückens,

Des Herzens und des Händedrückens

Kein End'. Umsonst zerwinkt der treue Alte sich;

29

Vergebens stellt sich Fatme gegenüber:

Der gute Paladin in seinem Seelenfieber

Vergißt des Zwergs, der Warnung, der Gefahr.

Der Alte hätte sich zu Tode winken können,

Die Wonn', in die er ganz versunken war,

Sie, deren Kuß nun Engel selbst ihm gönnen,

Zu drücken an sein Herz, Amanda sie zu nennen,

Umnebelt seinen Blick, berauscht ihn ganz und gar.

30

Auch Rezia, seitdem sie von Amanden

Den Nahmen eingetauscht, glaubt freyer von den Banden

Des Zwangs zu seyn, ist nicht mehr Rezia, vergißt

Nun desto leichter Königswürde,

Hof, Vaterland, und kurz, was nicht Amanda ist.

Die Rückerinnerung, die sonst wie eine Bürde

Zuweilen noch an ihrem Nacken hing,

Fiel mit dem Nahmen ab, den sie im Tausch empfing.

Oberon · 第 5 / 15 段