51

Indessen kam der Tag, vor dem so sehr ihr graut,

Stets näher. Babekan, um bey der spröden Braut

In beßre Achtung sich zu schwingen,

Ließ wenig unversucht; nur wollte nichts gelingen.

Sie war bekanntlich stets den Tapfern sehr geneigt,

Er hatte sich noch nie in diesem Licht gezeigt:

Laß, sprach er zu sich selbst, uns eine That vollbringen,

Der Unempfindlichen Bewundrung abzuzwingen!

52

Nun setzte seit geraumer Zeit

Ein ungeheures Thier das ganze Land in Schrecken:

Es fiel bey hellem Tag in Dörfer und in Flecken,

Und würgte Vieh und Menschen ungescheut.

Man sagt, es habe Drachenflügel,

Und Klauen wie ein Greif und Stacheln wie ein Igel,

Sey größer als ein Elefant,

Und wenn es schnaube, fahr' ein Sturm durchs ganze Land.

53

Seit Menschendenken war kein solches Thier erschienen,

Auch stand ein großer Preis auf dessen Kopf gesetzt;

Allein weil jedermann den seinen höher schätzt,

Hat niemand Lust das Schußgeld zu verdienen.

Nur Babekan hielt's des Versuches werth,

Durch eine kühne That der Schönen Stolz zu dämpfen.

Er geht im Pomp zum Sultan, und begehrt

Vergünstigung, den Löwen zu bekämpfen.

54

Und als ihm's der, wiewohl nicht gern, gewährt,

Bestieg er heute früh vor Tag sein bestes Pferd,

Und ritt hinaus. Was weiter vorgegangen

Ist unbekannt. Genug, er kam, zu gutem Glück,

Auf einem fremden Gaul, ganz leise, sonder Prangen

Und ohne eine Klau' vom Ungeheu'r zurück.

Man sagt, er habe stracks, so bald er heim gekommen,

Sich hingelegt und Bezoar genommen.

55

Bey allem dem sind nun mit unerhörter Pracht

Die Zubereitungen zum Hochzeitfest gemacht;

Unfehlbar wird es morgen vor sich gehen,

Und Rezia sich in der nächsten Nacht

In Babekans verhaßten Armen sehen.--

Eh' dieß geschieht, fuhr Hüon rasch heraus,

Eh' soll das große Rad der Schöpfung stille stehen!

Der Ritter und der Zwerg sind, glaubt mir, auch vom Schmaus.

56

Die Alte wundert sich des Wortes, und betrachtet

Genauer, was sie erst nicht sonderlich geachtet,

Des Fremden blaues Aug' und langes gelbes Haar,

Und seinen Ritterschmuck, und daß er nur gebrochen

Arabisch sprach, und daß er schöner war

Als je ein Mann, der in die Augen ihr gestochen:

Das rasche Wort, das er gesprochen,

Und diese Ähnlichkeit! es däucht ihr sonderbar.

57

Wo kam er her? warum? wer ist er? zwanzig Fragen

Zu diesem Zweck, die schon auf ihrer Zunge lagen,

Erstickte Hüons Ernst. Er that als wäre Ruh

Ihm noth, und legte sich auf seiner Streu zurechte.

Die Alte wünscht, daß ihm was süßes träumen möchte,

Und trippelt weg, und schließt die Thüre nach sich zu.

Allein wurmstichig war die Thür und hatte Spalten,

Und Vorwitz juckt das Ohr der guten Alten.

58

Sie schleicht zurück, und drückt so fest sie kann

Ihr lauschend Ohr an eine Ritze,

Und horcht mit offnem Mund und hält den Athem an.

Die Fremden sprachen laut, und, wie es schien, mit Hitze;

Sie hörte jedes Wort; nur, leider! war kein Sinn

Für eine alte Frau von Babylon darin:

Doch kann sie dann und wann, zum Trost in diesem Leiden,

Den Nahmen Rezia ganz deutlich unterscheiden.

59

Wie wundervoll mein Schicksal sich entspinnt!

(Rief Hüon aus) Wie wahr hat Oberon gesprochen,

Schwach ist das Erdenvolk und für die Zukunft blind!

Karl denkt, er habe mir gewiß den Hals gebrochen;

Auf mein Verderben zielt sein Auftrag sichtlich ab,

Und blindlings thut er bloß den Willen des Geschickes:

Der schöne Zwerg reckt seinen Lilienstab,

Und leitet mich im Traum zur Quelle meines Glückes.

60

Und daß (spricht Scherasmin) die Jungfrau, die im Traum

Das Herz euch nahm, gerade die Infante

Des Sultans ist, die Karl zu eurer Braut ernannte;

Daß alles so sich schickt, und daß auch Sie im Traum,

Wie ihr in sie, in Euch entbrannte,

So etwas glaubte man ja seinen Augen kaum!

Und doch, spricht Hüon, hat's die Alte nicht erfunden;

Den Knoten hat das Schicksal selbst gewunden.

61

Nur wie er aufzulösen sey,

Da liegt die Schwierigkeit!--Mich sollte das nicht plagen,

Erwiedert Scherasmin: Herr, darf ich ungescheut

Euch meine schlechte Meinung sagen?

Ich macht' es kurz und schnitt' ihn frisch entzwey.

Dem Junker linker Hand ließ' ich den Luftpaß frey

Und dem Kalifen seine Zähne,

Und hielte mich an meine Dulcimene.

62

Bedenkt's nur selbst, in ihrer Gegenwart

Die Ceremonie mit Kopfab anzufangen,

Hernach vier Backenzähn' und eine Hand voll Bart

Dem alten Herren abverlangen,

Und vor der Nas' ihm gar sein einzig Kind umfangen,

Bey Gott! das hat doch wahrlich keine Art!

Das Schicksal kann unmöglich wollen

Daß wir das Ziel uns selbst so grob verrücken sollen.

63

Zum Glück, daß Oberon das beste schon versah.

Das Hauptwerk ist doch wohl, dem Hasen

Von Bräutigam das Fräulein wegzublasen;

Und dazu hilft die schöne Rezia

Gewiß uns selbst, so bald sie von der Alten

Berichtet ist, das gelbe Haar sey da.--

Mir liegt indessen ob, zwey frische Klepper, nah

Beym Garten des Serai's, zur Flucht bereit zu halten.

64

Herr Scherasmin, (versetzt der Ritter) wie es scheint,

Entfiel euch, daß ich Karln mein Ehrenwort gegeben,

Dem, was er mir gebot, buchstäblich nachzuleben?

Da geht kein Jot davon, mein Freund!

Was draus entstehen kann, das mag daraus entstehen!

Mir ziemt es nicht so was voraus zu sehen.

Im Fall der Noth (erwiedert Scherasmin)

Muß doch zuletzt der Zwerg uns aus dem Wasser ziehn.

65

Allmählich schlummert der Alte unter diesen

Gesprächen ein. Von Hüons Augen bleibt

Der süße Schlaf die Nacht hindurch verwiesen.

Gleich einem Kahn auf hohen Wogen, treibt

Sein ahnend Herz mit ungeduldigem Schwanken

Auf ungestüm sich wälzenden Gedanken:

So nah dem Port; so nah, und doch so weit!

Es ist ein Augenblick, und däucht ihm Ewigkeit.

Fünfter Gesang.

1

Auch dich, o Rezia, floh, auf deinen weichen Schwanen,

Der süße Schlaf. Du sahst in Klippen dich

Verfangen, woraus dir einen Pfad zu bahnen

Unmöglich schien. Verhaßt und fürchterlich

Ist dir das festliche Roth am morgendämmernden Himmel,

Verhaßt der Tag, der dich an Hymens Altar winkt.

Lang' wälzt sie seufzend sich um, bis endlich, vom innern Getümmel

Der Seele betäubt, ihr Haupt herab zum Busen sinkt.

2

Sie schlummert ein, und, ihren Muth zu stützen,

Webt Oberen ein neues Traumgesicht

Vor ihre Stirn. Sie glaubt, bey Mondeslicht,

In einer Laube der Gärten des Harems zu sitzen,

In Fantasieen der Liebe versenkt.

Ein süßes Weh, ein lieblich banges Sehnen

Hebt ihre Brust, ihr Auge schwimmt in Thränen,

Indem sie hoffnungslos an ihren Jüngling denkt.

3

Die Unruh treibt sie auf. Sie läuft, mit hastigen Schritten

Und suchendem Blick, durch Busch und Blumengefild,

Eilt athemlos zu allen grünen Hütten,

Zu allen Grotten hin; ihr Auge, zärtlich wild

Und thränenvoll, scheint das geliebte Bild

Von allen Wesen zu erbitten:

Oft steht sie ängstlich still, und lauscht

Wenn nur ein Schatten wankt, nur eine Pappel rauscht.

4

Zuletzt, indem sie sich nach einer Stelle wendet

Wo durch der Büsche Nacht ein heller Mondschein bricht,

Glaubt sie--o Wonne! wenn kein falsches Schattenlicht

Ihr gern betrognes Auge blendet--

Zu sehen was sie sucht. Sie sieht und wird gesehn;

Sein Feuerblick begegnet ihren Blicken.

Sie eilt ihm zu, und bleibt, in schauerndem Entzücken,

Wie zwischen Scham und Liebe, zweifelnd stehn.

5

Mit offnen Armen fliegt er ihr entgegen.

Sie will entfliehn, und kann die Kniee nicht bewegen.

Mit Müh verbirgt sie noch sich hinter einen Baum,

Und in der süßen Angst zerplatzt der schöne Traum.

Wie gerne hätte sie zurück ihn rufen mögen!

Sie zürnt sich selbst und dem verhaßten Baum;

Vergebens suchet sie sich wieder einzuwiegen,

Ihm nachzusinnen bleibt ihr einziges Vergnügen.

6

Die Sonne hatte bald den dritten Theil vollbracht

Von ihrem Lauf, und immer war's noch Nacht

Bey Rezia; so groß war ihr Ergetzen,

Den angenehmen Traum noch wachend fortzusetzen.

Doch da sie gar zu lang' kein Lebenszeichen giebt,

Naht endlich Fatme sich dem goldnen Bette, schiebt

Den Vorhang weg, und findet mit Erstaunen

Die Dame wach, und in der besten aller Launen.

7

Ich hab' ihn wieder gesehn, o Fatme, wünsche mir Glück,

Ruft Rezia, ich hab' ihn wieder gesehen!--

Das wäre! spricht die Amm', und sucht mit schlauem Blick

Herum, als dächte sie den Vogel auszuspähen.

Das Fräulein lacht: "Ey, ey, wie ist dein Witz so dick!

Man dächte doch, das sollte sich verstehen!

Ich sah ihn freylich nur im Traum; allein

Er muß gewiß hier in der Nähe seyn.

8

"Mir ahnt's, er ist nicht fern, und sprich mir nichts dagegen,

Wenn du mich liebst!"--So schweig' ich!--"Und warum?

Was wäre denn am Ende so verwegen

An meiner Hoffnung? Sprich! wie sollt' ich sie nicht hegen?"

Die Amme seufzt und bleibt noch immer stumm.

"Was übersteigt der Liebe Allvermögen?

Der Löwenbändiger, der mich beschützt, ist sie;

Und retten wird sie mich, begreif' ich gleich nicht wie.

9

"Du schweigst? du seufzest? Ach! zu wohl nur, gute Amme,

Versteh' ich was dein Schweigen mir verhehlt!

Du hoffest nichts für meine Flamme!

Ich selbst, ich hoffe nur weil beßrer Trost mir fehlt.

Die Stunde naht; schon klirren meine Ketten,

Und mein Verderben ist gewiß;

Ein Wunder nur, o Fatme, kann mich retten,

Ein Wunder nur! wo nicht--so kann es dieß!"

10

Bey diesem Worte zieht mit feur'gem Blicke

Sie aus dem Busen einen Dolch hervor.

"Siehst du? Dieß macht mir Muth! dieß hebt mich so empor!

Mit diesem hoff' ich alles vom Geschicke!"

Die Amme schwankt an ihren Stuhl zurücke,

Wird leichenblaß, und zittert wie ein Rohr.

Ach! ist dieß alles, so erbarme

Sich Gott!--ruft sie, und weint und ringt die Arme.

11

Das Fräulein drückt die Hand ihr auf den Mund:

Still, spricht sie, fasse dich! und steckt in ihren Busen

Den Dolch zurück. Du weißt, im weiten Erdenrund

Ist nichts mir so verhaßt als dieser Fürst der Drusen.

Eh' Der mich haben soll, eh' soll ein giftiger Molch

In meine Brust die scharfen Zähne schlagen!

Kommt mein Geliebter nicht, den Raub ihm abzusagen,

Was bleibt mir übrig als mein Dolch?

12

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen,

So hört man am Tapetenthürchen pochen,

Das aus dem Schlafgemach in Fatmens Kammer führt.

Sie geht, und kommt nach einer kleinen Weile

So schnell zurück, daß sie vor lauter Eile

Und Freudentrunkenheit den Athem fast verliert.

"Nun sind wir aller Noth entbunden!

Triumf! Prinzessin, Triumf! der Ritter ist gefundener

13

Im Nachtgewand, das wie ein Nebel kaum

Den schönen Leib umwallt, fährt jene aus den Lacken

Und fällt entzückt der Amme um den Nacken:

"Gefunden? Wo? wo ist er? O mein Traum,

So logst du nicht?"--Die Amme, selbst vor Freuden

Ganz außer sich, hat kaum noch so viel Sinn,

Die wonnetaumelnde halb nackte Träumerin

In großer Eil' ein wenig anzukleiden.

14

Herein gerufen wird sodann

Die Alte, selbst ihr Mährchen zu erzählen.

Die gute Mutter fängt beym Ey die Sache an,

Und läßt es nicht am kleinsten Umstand fehlen;

Kein Zug, kein Wort das ihrem Gast entrann,

Wird im Gemählde weggelassen.

Er ist's, er ist's! wir haben unsern Mann,

Ruft Fatme aus; es kann nicht besser passen!

15

Die Alte wird von neuem ausgefragt,

Muß drey--und viermahl wiederhohlen

Was er gethan, gesagt und nicht gesagt;

Muß immer wieder ihn vom Haupt bis zu den Sohlen

Abschildern, Zug für Zug--wie gelb und lang sein Haar,

Wie groß und blau sein schönes Augenpaar;

Und immer ist noch etwas nachzuhohlen

Das in der Eil' ihr ausgefallen war.

16

Indeß sich so um zwanzig Jahre jünger

Die Alte schwatzt, entspannt der hohe Lockenbau

Der schönen Braut sich unter Fatmens Finger.

Mit Perlen, glänzender als Thau,

Wird schneckengleich ihr schwarzes Haar durchflochten,

Ohr, Hals und Gürtel schmückt so schimmerndes Gestein,

Daß ihren Glanz im Sonnenschein

Die Augen kaum ertragen mochten.

17

Vollendet stellt nunmehr, von ihrer Nymfenschaar

Zum Fest geschmückt und bräutlich angekleidet,

Gleich einer Sonne sich die Königstochter dar,

Und lieblich wie ein Reh, das unter Rosen weidet.

Kein Auge sah sie ungeblendet an,

Wiewohl sie jetzt nur Mädchenaugen sahn:

Nur sie allein schien nichts davon zu wissen,

Wie neben ihr die Sterne schwinden müssen.

18

Das Feuer, das aus ihren Augen strahlt,

Die Ungeduld, das lauschende Verlangen

Das ihre Lippen schwellt und ihre zarten Wangen

Mit ungewohntem Purpur mahlt,

Setzt ihre Jungfrau'n in Erstaunen.

Ist dieß die widerspenst'ge Braut,

(Beginnen sie einander zuzuraunen)

Der gestern noch so sehr vor diesem Tag gegraut?

19

Indessen sammeln sich die Emirn und Wessire,

Geschmückt zum Fest, im stolzen Hochzeitsahl.

Gerüstet steht das königliche Mahl,

Und, bey Trompetenklang, tritt aus der goldnen Thüre

Des heiligen Palasts, von Sklaven aller Art

Umflossen, der Kalif mit seinem grauen Bart.

Der Drusenfürst, noch etwas blaß von Wangen,

Kommt stattlich hinter ihm als Bräutigam gegangen.

20

Und gegenüber thut die Thür von Elfenbein

Sich aus dem Harem auf, und, schöner als die Frauen

In Mahoms Paradies, tritt auch die Braut herein.

Ein Schleier zwar, gleich einem silbergrauen

Gewölke, wehrt dem Engelsangesicht

Den vollen Glanz allblendend zu enthüllen;

Und dennoch scheint ein überirdisch Licht

Bey ihrem Eintritt stracks den ganzen Sahl zu füllen.

21

Dem Drusen schwillt und sinket wechselsweis'

Sein Herz, indem sein Aug' an ihren Reitzen hanget:

Er sucht im ihrigen was er zu sehn verlanget;

Allein, ein Blick, so kalt wie Alpeneis,

Ist alles was er sieht. Doch, dem Bethörten schmeichelt

Die Eitelkeit, die Selbstbetrügerin,

Daß Rezia den spröden Blick nur heuchelt:

O (denkt er) all der Schnee schmilzt über Nacht dahin!

22

Ob er zu viel gehofft soll kein Geheimniß bleiben.

Doch, ohne jetzt unnöthig zu beschreiben,

Wie drauf, nachdem der Imam das Gebet

Gesprochen, man beym Schall der Pauken und der Zinken

Zur Tafel sich gesetzt, erst Seine Majestät,

Dann rechter Hand die Braut, der Bräutigam zur linken,

Und hundert Dinge, die von selber sich verstehn,

Ist's Zeit, auch wieder uns nach Hüon umzusehn.

23

Der hatte, wie ihr euch erinnert, seine Nacht,

Von Ungeduld erhitzt, von Ahnungen umgaukelt,

Auf seiner Streue nicht viel sanfter zugebracht,

Als einer, den der Sturm in einem Mastkorb schaukelt.

Kaum aber hat dem Tag in seine goldne Bahn

Aurorens Rosenhand die Pforten aufgethan,

So senkt sich nebelgleich ein Dunst von Mohn--und Flieder-

Und Lilienduft auf seine Augen nieder.

24

Er schlummert ein, und schläft in Einem Zug

Noch immer fort, da schon des Sonnenwagens Flug

Den Himmel halb getheilt. Sein Alter ging indessen

Um von der Burg die Lage auszuspähn,

Und zum Entführungswerk das nöth'ge vorzusehn;

Derweil, am kleinen Herd, zu ihrem Mittagsessen

Die gute Wirthin Anstalt macht,

Halb mürrisch, daß ihr Gast so lange nicht erwacht.

25

Sie schleicht zuletzt, um wieder durch die Spalten

Zu gucken, an die Thür, und trifft (zu gutem Glück

Für ihren Vorwitz) just den ersten Augenblick,

Da Hüons Augen sich dem goldnen Tag entfalten.

Frisch, wie der junge May sich an den Reihen stellt

Wenn mit den Grazien die Nymfen Tänze halten,

Hebt sich mit halbem Leib empor der schöne Held,

Und rathet, was zuerst ihm in die Augen fällt?

26

Ein Kaftan, wie ihn nur die höchsten Emirn tragen,

Wenn sich der Hof zu einem Feste schmückt,

Auf goldbeblümtem Grund mit Perlen reich gestickt,

Liegt schimmernd vor ihm da, um einen Stuhl geschlagen;

Ein Turban drauf, als wie aus Schnee gewebt,

Und, um ihn her, den Emir zu vollenden,

Ein diamantner Gurt, an dem ein Säbel schwebt,

So reich, daß Scheid' und Griff ihm fast die Augen blenden.

27

Zum ganzen Putz, von Fuß zu Haupt,

Den Stiefelchen aus übergüld'tem Leder

Bis zu dem Demantknopf der hohen Straußenfeder

Am Turban, mangelt nichts. Der gute Ritter glaubt,

Ihm träume noch. Woher kann solcher Staat ihm kommen?

Die Alte steht erstaunt. Das geht durch Zauberey,

Ruft sie; ich hätte doch sonst was davon vernommen!

Der Zwerg, spricht Scherasmin, ist ganz gewiß dabey!

28

Der Ritter glaubt es auch, und denkt: Durch all' die Helden

Im Vorhof macht mir dieß zum Hochzeitsahle Bahn.

Und flugs ist Kaftan, Gurt, und alles umgethan;

Die Wirthin spudet sich, ihn recht heraus zu kleiden.

"Allein was fangen wir mit diesem Turban an?

Das schöne gelbe Haar sein'twegen abzuschneiden?

Nicht um die Welt!--Doch still! es geht ja wohl hinein;

Er scheint ja recht mit Fleiß dazu gewölbt zu seyn!"

29

Herr Hüon stand nunmehr, bis auf die lilienglatte

Bartlose Wange, wie ein wahrer Sultan da,

Indem das Mütterchen ihn um und um besah

Und immer noch an ihm zu putzen hatte.

Drauf, als der treue Scherasmin

Ihm was ins Ohr geraunt, beginnt er fortzugehen,

Reicht einen Beutel Gold der Wirthin freundlich hin,

Und nun, lebt wohl, auf Wiedersehen!

30

Nichts halb zu thun ist edler Geister Art.

Ein reich gezäumtes Roß steht vor der Thür der Alten,

Und neben ihm zwey Knaben, schön und zart,

In Silberstück, die ihm die goldnen Zügel halten.

Herr Hüon schwingt sich auf; die Knaben frisch voran,

Und führen ihn auf einem Seitenwege,

Am Strome hin, durch blühende Gehäge,

Bis sie der hohen Burg sich gegenüber sahn.

31

Schon ist er durch den ersten Hof gezogen,

Im zweyten steigt er ab, und geht zum dritten ein.

Er scheint ein Hochzeitgast vom ersten Rang zu seyn,

Und überall, von diesem Schein betrogen,

Macht ihm die Wache Platz. Er schreitet frey und stolz

Daher, und nähert sich dem Thor von Ebenholz.

Zwölf Mohren, Riesen gleich, stehn mit gezücktem Eisen

Die Unberechtigten vom Eingang abzuweisen.

32

Allein des Ritters Staat und königlicher Blick

Drückt, wie er sich der hohen Pforte zeiget,

Die Säbelspitzen schnell zurück,

Die fernher sich entgegen ihm geneiget.

Die Flügel rauschen auf. Hoch schlägt sein Heldenherz,

Indem sie hinter ihm sich wieder wehend schließen.

Drauf führt ein Säulengang, an welchen Gärten stießen,

Ihn noch zu einer Thür von übergüld'tem Erz.

33

Ein großer Vorsahl war's, mit Sklaven aller Farben

Kombabischen Geschlechts erfüllt,

Die ewig hier am Quell der Freude darben,

Und, da ein Mann, von Emirsglanz umhüllt,

In ihre hohlen Augen schwillt,

Mit Blicken, die in Knechtsgefühl erstarben,

Die Arme auf die Brust ins Kreuz gefaltet, stehn,

Und kaum so muthig sind ihm hintennach zu sehn.

34

Schon tönen Cymbeln, Trommeln, Pfeifen,

Gesang und Saitenspiel vom Hochzeitsahle her;

Schon nickt des Sultans Haupt von Weindunst doppelt schwer,

Und freyer schon beginnt die Freude auszuschweifen;

Der Braut allein theilt sich die Lust nicht mit

Die in des Bräut'gams Augen glühet:

Als, eben da sie starr auf ihren Teller siehet,

Herr Hüon in den Sahl mit edler Freyheit tritt.

35

Er naht der Tafel sich, und alle Augenbrauen

Ziehn sich erstaunt empor, den Fremden anzuschauen.

Die schöne Rezia, die ihre Träume denkt,

Hält auf den Teller noch den ernsten Blick gesenkt;

Auch der Kalif, den Becher just zu leeren

Beschäftigt, läßt sich nichts in seinem Opfer stören:

Nur Babekan, den seines nahen Falls

Kein guter Geist verwarnt, dreht seinen langen Hals.

36

Sogleich erkennt der Held den losen Mann von gestern,

Der sich vermaß der Christen Gott zu lästern:

Er ist's, der links am goldnen Stuhle sitzt

Und seinen Nacken selbst der Straf' entgegen bieget.

Rasch, wie des Himmels Flamme, blitzt

Der reiche Säbel auf, der Kopf des Helden flieget,

Und hoch aufbrausend überspritzt

Sein Blut den Tisch, und den, der ihm zur Seite lieget.

37

Wie der Gorgone furchtbars Haupt

In Perseus Faust den wild empörten Schaaren

Das Leben stracks durch seinen Anblick raubt;

Noch dampft die Königsburg, noch schwillt der Aufruhr, schnaubt

Die Mordlust ungezähmt im Busen der Barbaren;

Doch Perseus schüttelt kaum den Kopf mit Schlangenhaaren,

So starrt der Dolch in jeder blut'gen Hand,

Und jeder Mörder steht zum Felsen hingebannt:

38

So stockt auch hier, beym Anblick solcher kecken

Verrätherischen That, des frohen Blutes Lauf

In jedem Gast. Sie fahren allzuhauf,

Als sähn sie ein Gespenst, von ihren Sitzen auf,

Und greifen nach dem Schwert. Allein, gelähmt vom Schrecken,

Erschlafft im Ziehn der Arm, und jedes Schwert blieb stecken;

Ohnmächt'gen Grimm im starren Blick,

Sank sprachlos der Kalif in seinen Stuhl zurück.

39

Der Aufruhr, der den ganzen Sahl empöret,

Schreckt Rezien aus ihrer Träumerey:

Sie schaut bestürzt sich um, was dessen Ursach' sey;

Und, wie sie sich nach Hüons Seite kehret,

Wie wird ihm, da er sie erblickt!

Sie ist's, sie ist's ruft er, und läßt entzückt

Den blut'gen Stahl und seinen Turban fallen,

Und wird von ihr erkannt, wie seine Locken wallen.

40

Er ist's, beginnt auch sie zu rufen, doch die Scham

Erstickt den Ton in ihrem Rosenmunde.

Wie schlug das Herz ihr erst, da er geflogen kam,

Im Angesicht der ganzen Tafelrunde

Sie liebeskühn in seine Arme nahm,

Und, da sie, glühend bald, bald blaß wie eine Büste,

Sich zwischen Lieb' und jungferlichem Gram

In seinen Armen wand, sie auf die Lippen küßte!

41

Schon hatt' er sie zum zweyten Mahl geküßt;

Wo aber nun den Trauring her bekommen?

Zum Glücke, daß der Ring an seinem Finger ist,

Den er im Eisenthurm dem Riesen abgenommen.

Zwar, wenig noch mit dessen Werth vertraut,

Schien ihm, dem Ansehn nach, der schlecht'ste kaum geringer;

Doch steckt er ihn aus Noth itzt an des Fräuleins Finger,

Und spricht: So eign' ich dich zu meiner lieben Braut!

42

Er küßt mit diesem Wort die sanft bezwungne Schöne

Zum dritten Mahl auf ihren holden Mund.

Ha! schreyt der Sultan auf, und knirscht und stampft den Grund

Vor Ungeduld, ihr leidet daß der Hund

Von einem Franken so mich höhne?

Ergreift ihn! Zaudern ist Verrath!

Und, tropfenweis' erpreßt, versöhne

Sein schwarzes Blut die ungeheure That!

43

Auf einmahl blitzen hundert Klingen

In Hüons Aug', und kaum erhascht er noch,

Eh' sie im Sturm auf ihn von allen Seiten dringen,

Sein hingeworfnes Schwert. Er schwingt es dräuend. Doch

Die schöne Rezia, von Lieb' und Angst entgeistert,

Schlingt einen Arm um ihn, macht ihre Brust zum Schild

Der seinigen--der andre Arm bemeistert

Sich seines Schwerts. Zurück, Verwegne, schreyt sie wild.

44

Zurück! es ist kein Weg zu diesem Busen

Als mitten durch den meinen! ruft sie laut;

Und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde Braut,

Giebt die Verzweiflung itzt die Augen von Medusen.

Vermeßne, haltet ein, ruft sie den Emirn zu,

Zurück!--O schone sein, mein Vater! und, o du,

Den zum Gemahl das Schicksal mir gegeben,

O spart mein Blut in euer beider Leben!

45

Umsonst! des Sultans Wuth und Dräun

Nimmt überhand, die Heiden dringen ein.

Der Ritter läßt sein Schwert vergebens blitzen,

Noch hält ihm Rezia den Arm. Ihr ängstlich Schreyn

Durchbohrt sein Herz. Was bleibt ihm sie zu schützen

Noch übrig, als sein Horn von Elfenbein?

Er setzt es an den Mund, und zwingt mit sanftem Hauche

Den schönsten Ton aus seinem krummen Bauche.

46

Auf einmahl fällt der hoch gezückte Stahl

Aus jeder Faust; in raschem Taumel schlingen

Der Emirn Hände sich zu tänzerischen Ringen;

Ein lautes Hussa schallt Bacchantisch durch den Sahl,

Und jung und Alt, was Füße hat, muß springen;

Des Hornes Kraft läßt ihnen keine Wahl:

Nur Rezia, bestürzt dieß Wunderwerk zu sehen,

Bestürzt und froh zugleich, bleibt neben Hüon stehen.

47

Der ganze Divan dreht im Kreis

Sich schwindelnd um; die alten Bassen schnalzen

Den Takt dazu; und, wie auf glattem Eis,

Sieht man den Imam selbst mit einem Hämmling walzen.

Noch Stand noch Alter wird gespart;

Sogar der Sultan kann der Lust sich nicht erwehren,

Faßt seinen Großwessir beym Bart,

Und will den alten Mann noch einen Bockssprung lehren.

48

Die nie erhörte Schwärmerey

Lockt bald aus jedem Vorgemache

Der Kämmerlinge Schaar herbey,

Sodann das Frauenvolk, und endlich gar die Wache.

Sie all' ergreift die lust'ge Raserey:

Der Zaubertaumel setzt den ganzen Harem frey;

Die Gärtner selbst in ihren bunten Schürzen

Sieht man sich in den Reihn mit jungen Nymfen stürzen.

49

Als eine, die kaum ihren Augen glaubt,

Steht Rezia, des Athems fast beraubt.

Welch Wunder! ruft sie aus; und just in dem Momente,

Wo nichts als dieß uns beide retten könnte!

Ein guter Genius ist mit uns, Königin,

Versetzt der Held. Indem kommt durch die Haufen

Der Tanzenden sein treuer Scherasmin

Mit Fatmen gegen sie gelaufen.

50

Kommt, keicht er, lieber Herr! Wir haben keine Zeit

Dem Tanzen zuzusehn; die Pferde stehn bereit,

Die ganze Burg ist toll, die Thüren alle offen

Und unbewacht; was säumen wir?

Auch hab' ich unterwegs Frau Fatmen angetroffen,

Zur Flucht bepackt als wie ein lastbar Thier.

Sey ruhig, spricht der Held, noch ist's nicht Zeit zu gehen,

Erst muß das Schwerste noch geschehen.

51

Die schöne Rezia erblaßt bey diesem Wort;

Ihr ängstlich Auge scheint zu fragen und zu bitten:

"Warum verziehn? warum am steilen Bord

Des Untergangs verziehn? O laß mit Flügelschritten

Uns eilen, eh' der Taumelgeist zerrinnt,

Der unsrer Feinde Sinne bind't!"

Doch Hüon, unbewegt, begnüget sich, mit Blicken

Voll Liebe ihre Hand fest an sein Herz zu drücken.

Oberon · 第 4 / 15 段