Der junge Graf öffnete die Thür -- »Können Sie mir vielleicht sagen...«

»Ja wohl -- bitte, treten Sie näher,« schrie ihn eine kleine,

schmächtige Gestalt an, die in einem mock-türkischen, aber entsetzlich

schmutzigen Schlafrock, mit einer langen Pfeife, aus der sie _keinen_

Kanaster rauchte, und in rothen Schlapp-Pantoffeln im Zimmer spazieren

ging -- »treten Sie nur näher.«

»Sie entschuldigen,« sagte Felix, der die Ueberzeugung hatte, daß

Fräulein Bassini hier nicht wohnen könne.

»Alles in Ordnung, bitte, kommen Sie nur herein, ich kann den verdammten

Zug nicht vertragen!« schrie der Türke.

Rottack hätte am liebsten die Thür gleich wieder zugemacht und

die andere versucht, welche jedenfalls die richtige war, aber sein

Zartgefühl ließ ihn keine Unart begehen -- er mochte den Mann nicht

beleidigen und war auch wirklich neugierig geworden, einen Blick in das

Heiligthum dieses merkwürdigen Menschen zu werfen, aus dem er von da

draußen doch nicht klug werden konnte.

Jeremias folgte willenlos, wie ein Opfer, das man zur Schlachtbank führt

und das sich in sein Geschick ergeben hat.

»So, das ist recht,« schrie der kleine Mann jetzt wieder, indem er seine

Pfeifenspitze gegen sie schwenkte; »ich habe schon den ganzen Morgen auf

Sie gewartet, es ist Alles bereit -- hier,« fuhr er fort, indem er einen

riesigen, fast die halbe Wand einnehmenden Kleiderschrank aufriß und

dabei eine etwas sehr getragene Harlequinsjacke und irgend ein

anderes phantastisches Maskencostüm hervorzog, das einen furchtbaren

Kamphergeruch im Zimmer verbreitete -- »die werden ihnen wie angegossen

sitzen, fast noch ganz neu, nur höchstens ein- oder zweimal getragen --

Graf Ruchofski hatte den Harlequin auf der letzten Maskerade.«

»Aber, mein sehr werther Herr,« lächelte Rottack, der mit dem besten

Willen jetzt erst zu Worte kam, »ich zweifle gar nicht an der Güte Ihrer

Anzüge, aber...«

»Na, dann stecken Sie sie weg,« sagte der kleine Türke gemüthlich, aber

mit einer so lauten Stimme, als ob er über einen Fluß hinüberschriee,

indem er die beiden außerdem schon mehr als zerknitterten Gegenstände

in ein ziemlich compactes Bündel zusammenrollte, »können sie ja gleich

selber mitnehmen, ich habe Niemanden zum Schicken.«

»Wohnt Fräulein Bassini hier in dieser Etage?« fragte jetzt Rottack, der

wohl sah, daß er auf keine andere Weise zum Ziele kam.

»Ja, gleich da drüben die Thür!« rief der Mann, indem er, während er

die Pfeife mit den Zähnen hielt, das Paket beendete und sich nach einem

Bindfaden in der Stube umsah.

»Sie sind wahrscheinlich im Irrthum,« fuhr Rottack jetzt, die

Zwischenpause benutzend, fort, »wir brauchen gar keine Masken-Anzüge und

sind auch deshalb gar nicht hiehergekommen, wir wollten blos Fräulein

Bassini sprechen.«

»Fräulein Bassini?« rief der Türke verdutzt.

»Sie müssen schon entschuldigen, daß wir Sie gestört haben...«

»Ja, aber hatten Sie denn nicht den Harlequin und den Sultan Saladin

bestellt?«

»Nicht wir, verehrter Herr,« sagte Rottack freundlich, »ich habe

überhaupt noch nie davon gehört, daß Jemand mitten im Sommer eine

Maskerade abhalten könnte!«

»Na, das ist aber merkwürdig,« rief der kleine Mann verwundert, indem er

das Bündel in Gedanken immer fester zusammenschnürte -- »aber die beiden

Herren wollten doch heute Morgen zu mir kommen!«

»Jedenfalls jemand Anders -- Sie entschuldigen wohl, daß wir Sie gestört

haben...«

»Bütte, bütte,« sagte der Mann mit einer Miene, als ob schon der

Verdacht einer solchen Vermuthung sein innerstes Ehrgefühl verletze --

»das ist aber wirklich merkwürdig -- nun, warten Sie, ich will gleich

einmal nachsehen, ob der Schlüssel steckt,« und ohne weiter eine Antwort

abzuwarten, warf er das Paket ziemlich rücksichtslos in die Ecke und

glitt an Beiden vorüber zur Thür hinaus.

Rottack warf den Blick im Zimmer umher und mußte sich gestehen, in

seinem ganzen Leben noch kein tolleres Conglomerat von Kunst und Natur

gesehen zu haben, als in diesem Raume.

War der Mann ein Schriftsteller? Eine Unmasse von überall aufgehäuften

Broschüren, ganze Schichten von Manuscripten und gedruckten Heften, die

Tisch und Boden deckten, schienen das fast zu bestätigen, und über dem

Sopha prangten auch auf Gips-Consolen, und aus demselben werthvollen

Material gefertigt, rechts und links zwei Büsten von Göthe und Schiller,

die letztere bekränzt. Weshalb fehlten aber Beiden die Nasen?

An der einen Thür öffnete ein Waschtisch gastlich seine Klappe, etwas

indiscret den ganzen Inhalt verrathend, und mitten im Zimmer stand ein

Stiefelknecht, die beiden Hörner wie ein Paar gespitzte Ohren nach dem

Fenster zu gerichtet, rechts und links daran aber ein Stiefel, wie der

glückliche Besitzer dieses Gemaches sie wahrscheinlich gestern Abend bei

später Nachhausekunft ausgezogen hatte.

An den Wänden hingen Bilder von Napoleonischen Schlachten -- erbärmliche

Lithographien natürlich und jedenfalls Eigenthum des Vermiethers;

nur ein Oelgemälde über dem Schreibtisch schien dem Bewohner selber zu

gehören, denn es war wahrscheinlich -- oder sollte es wenigstens sein --

ein Brustbild von ihm selber in »Frack und Asche«, mit einer furchtbaren

goldenen Kette, sehr weißer und breiter Cravatte und einer Normalfrisur,

auffällig dabei die rechte Hand mit einer Rose hebend, um einen großen

goldenen Siegelring zu zeigen.

Rottack hätte sich gern noch länger im Zimmer umgesehen, denn der Mann

fing an ihn zu interessiren; aber da der Türke jetzt mit der Nachricht

zurückkam oder dieselbe vielmehr in's Zimmer hineinschrie, daß der

Schlüssel stecke, so war ihnen jeder Vorwand genommen, sich länger hier

aufzuhalten.

Mit einer dankenden Verbeugung empfahlen sie sich; der Eigenthümer des

Zimmers, wahrscheinlich doch etwas ärgerlich, daß er seine Ballanzüge

nicht los geworden, warf die Thür hinter ihnen heftig in's Schloß,

und Graf Rottack schritt jetzt ohne Weiteres auf den nächsten

Vorsaal-Eingang zu, wo er etwas schüchtern anklopfte.

Drinnen im Zimmer wurde Musik gemacht. Irgend Jemand spielte Clavier und

eine Dame sang dazu -- das Klopfen war keinesfalls gehört worden.

Der junge Mann, während Jeremias hülf- und rathlos dabei stand, klopfte

etwas stärker, aber mit dem nämlichen Erfolg. Da drinnen wurde weiter

gespielt, und da Rottack nicht Lust hatte, noch weitere Zeit mit

nutzlosen Anmeldungen zu versäumen, öffnete er die Thür.

Am Clavier saß eine Dame in einem grell orangefarbenen seidenen

Morgenrock, den Kopf wie von einem Heiligenschein von einer Unzahl von

Papilloten umgeben. Weiter konnte er aber in dem Moment nichts erkennen,

denn mit einem ordentlichen Aufkreisch fuhr die überraschte Schöne

von ihrem Sitz am Clavier in die Höh' und schoß wie ein orangefarbener

Lichtstreif in die nächste Kammer.

»Da haben wir's,« lachte Graf Felix, indem er sich nach Jeremias

umdrehte -- »bemerkten Sie die Dame?«

»Sie standen ja davor -- schreien aber hab ich's gehört!« erwiderte

Jeremias, sich den Kopf kratzend.

»Zu wem wollen Sie denn?« fragte in diesem Augenblick eine Art von

»Aufwartung«, ein Mittelding zwischen Scheuerfrau und Mädchen für

Alles, die gerade von der Arbeit weg aus einer kleinen, dunkeln Küche

vortauchte.

»Zu Fräulein Bassini,« sagte Rottack -- »wir sind doch hier recht?«

»Ja, recht ist's schon, aber das Fräule ist noch nicht angezogen.«

»Ist sie krank?«

»Ne, aber wenn sie keine Probe hat, da pressirt's immer nich, und

nachens schreit se, wenn Jemand kommt. Wer sind Sie denn und was wollen

Sie?«

Die Frage war zu direct gestellt, um ein Mißverstehen möglich zu machen,

und da Jeremias den jungen Grafen am Rock zupfte, weil er seinen Namen

nicht genannt habe wollte, so erwiderte dieser:

»Bitte, sagen Sie doch dem Fräulein, Graf Rottack wäre hier, um sich

Auskunft in einer Familienangelegenheit zu erbitten -- hier, seien Sie

so gut und geben Sie der Dame meine Karte. Ich lasse fragen, um welche

Zeit ich etwa wieder vorsprechen dürfte, da uns die Dame jetzt doch

wahrscheinlich nicht empfangen wird.«

»Hm,« brummte die Alte, welche nicht die Hälfte von dem verstanden

hatte, was ihr der junge Mann sagte, »warten Sie einmal einen

Augenblick, ich werde dem Fräule das Ding da hineintragen.«

Damit machte sie ihnen die Thür vor der Nase zu und ließ die beiden

Herren auf dem Vorplatz stehen. Es dauerte aber nur ganz kurze Zeit,

so kam sie wieder zurück, öffnete die Thür und sagte: »Sie möchten

nur hereintreten, das Fräule kommt gleich,« und mit dem Bewußtsein

wahrscheinlich, Alles gethan zu haben, was sie anging, verschwand sie

wieder in ihrer Küche, in der sie im Halbdunkel wie ein unheimliches

Gespenst herumwirthschaftete.

Rottack und Jeremias hatten aber kaum, der Einladung folgend, das Zimmer

betreten, als sich die Kammerthür ein wenig öffnete und eine Stimme

herausrief: »Dürfte ich den Herrn Grafen ersuchen, einen Augenblick

Platz zu nehmen -- ich komme gleich!« und die Kammerthür flog wieder zu.

»Da wären wir,« lachte Rottack, indem er Jeremias die Hand auf die

Schulter legte. »Wie ist Ihnen jetzt zu Muthe?«

»Hundeschlecht,« versicherte der kleine Mann flüsternd -- »aber das

sieht hier ganz nett aus. Gott sei Dank, da ist es ihr doch nicht so

schlecht ergangen -- ich wollte, es wäre erst vorbei!«

Dieses Zimmer hier sah allerdings anders aus, wie das gegenüberliegende,

und es ließ sich nicht verkennen, daß hier eine Frau ihren Wohnsitz

aufgeschlagen. Große Ordnung herrschte aber hier eben so wenig wie dort,

denn fast auf allen Stühlen lagen verschiedene Toilettengegenstände,

während auf dem Tisch, neben dem eben erst verlassenen Kaffeegeschirr

und einer Tabaksdose, ein paar Spiele Karten zu einer noch nicht

vollendeten Patience geordnet waren.

Dennoch zeigten sich die Spuren sorgender Frauenhand. Ueberall

war ordentlich abgewischt und auf dem Tisch lag eine ziemlich

weißgewaschene, gehäkelte Decke. Auch die Vorhänge sahen, wenn auch

ziemlich dürftig, doch rein aus, und an der Wand hingen ein paar

Abbildungen in Steindruck aus der biblischen Geschichte, wie die

schauerliche Caricatur einer Maria Magdalena in Oel gemalt.

Selbst die Commode war nicht ohne Schmuck und bildete eine Art von

Nipptisch, auf dem eine Anzahl bescheidener Porzellanfiguren standen,

mit einigen kleinen Statuetten alter, eingetrockneter Chocolade, die

vielleicht im vorigen oder vorvorigen Jahre einen Christbaum geziert.

Auch eine bildliche Darstellung der heiligen drei Könige in Wachs und

in einem Glaskästchen, wie sie das Kind an der Krippe besuchen, stand

in der Mitte, und rechts und links davon ein Glasleuchter mit halb

abgebrannten Stearinkerzen.

»Hurrjeh,« flüsterte Jeremias, der indessen auf den Fußspitzen im Zimmer

umhergegangen war, um den status quo zu untersuchen, indem er mit zwei

Fingern eine Partie brennend rother falscher Locken emporhob -- »ob das

wohl ein Stück von meiner Frau ist?«

Felix mußte wirklich an sich halten, um nicht gerade heraus zu lachen,

und an Jeremias hinantretend, sagte er leise:

»Das wäre ein unverkennbares Zeichen von Sympathie, denn so viel ich

mich erinnere, trugen Sie früher eine eben solche Perrücke.«

»Ja, aber -- wie ist mir denn,« sagte Jeremias ganz verdutzt, »das --

das ist doch ganz unmöglich -- meine Frau hatte braune Haare!«

»Sie haben sich doch nicht etwa im Namen geirrt? Das wäre ein schöner

Spaß!« lachte Felix.

»Gott bewahre -- Alles trifft...«

»Auch der Vorname?«

»Ja, den habe ich noch gar nicht erfahren können, denn auf dem Zettel

steht er nicht mit, aber es ist ja auch gar nicht möglich! es stimmt

Alles wie eine Kirchenrechnung, und ich bin ja von Regensburg aus ihrer

Spur bis hierher gefolgt.«

»Dann hilft es nichts, dann müssen wir's abwarten. Da sind wir überdies

einmal und können jetzt gar nicht wieder fort, ohne vorher die Dame

gesprochen zu haben. Sie macht übrigens lange mit ihrer Toilette.«

»Ich muß unterthänigst um Entschuldigung bitten!« sagte in diesem

Augenblick eine Stimme hinter ihnen, und als sich Beide ordentlich

erschreckt umwandten, stand die Dame in dem orangefarbenen Morgenkleide,

die Haare jedoch ihrer Papilloten entledigt, auf der Schwelle und fuhr

mit einem tiefen Knix fort: »Sie haben mich noch im vollen Negligé

überrascht, Herr Graf.«

Jeremias hatte wieder, wie ein Versinkender, der nach Allem greift, was

ihm in den Weg kommt, Rottack's Rockzipfel erwischt und flüsterte ihm

mit angstgepreßter Stimme zu: »Das ist sie nicht!«

Rottack gerieth in die größte Verlegenheit, denn die Dame mußte fast die

Worte verstanden haben, und was nun? -- »Gnädiges Fräulein!« sagte er

stotternd.

»Oh, bitte -- aber wollen die Herren nicht Platz nehmen?« unterbrach

ihn, wieder mit einem Knix, der dieses Mal jedenfalls dem »gnädigen«

galt, die Dame -- »es ist nur bei mir noch nicht aufgeräumt. Wir

Künstler sind eigentlich recht nachlässiges Volk.«

»Gnädiges Fräulein,« nahm aber Rottack noch einmal das Wort, »gestatten

Sie uns vielmehr, uns zu entschuldigen, daß wir Sie so unberufen gestört

haben -- eine ganz eigene Angelegenheit führt uns hierher, über die Sie

vielleicht allein im Stande sind, uns Auskunft zu geben.«

»Aber wollen die Herren denn nicht Platz nehmen? Ich bitte sehr darum!«

Es war der Einladung nicht länger auszuweichen, und während Rottack

einen der Stühle heranschob und sich darauf niederließ, setzte sich

Jeremias auf die äußerste Spitze eines andern, daß es ordentlich

gefährlich aussah, denn er konnte jeden Augenblick herunterrutschen.

Die Dame hatte, sich fest in ihren grellfarbenen Morgenrock einhüllend,

ihnen gegenüber auf dem Sopha Platz genommen und schien mit der

gespanntesten Aufmerksamkeit die Eröffnung zu erwarten.

Jung war sie nicht mehr -- sie mochte wohl im Anfang der Vierzig sein

-- hübsch war sie gerade auch nicht, und ihr Gesicht ein wenig zu sehr

markirt, obgleich sie lebendige Augen und besonders weiße Zähne hatte.

Nur ihr Teint war weiß, wie das gewöhnlich bei rothen Haaren der Fall

ist, und diese Haare störten auch Rottack besonders, denn er mußte

immer wieder unwillkürlich zu den zahllosen, scharf durch die

Papilloten gekräuselten Locken aufsehen, die besonders gegen die grelle

Orangenfarbe des Ueberwurfs gar nicht zu ihrem Vortheil abstachen.

Jeremias dagegen, der mit dem nämlichen Wohlbefinden seinen Platz auf

jeder Armensünderbank eingenommen haben würde, sah gar nichts. Ihm

schwamm Alles vor den Augen zu einem rothen, blitzenden, unbestimmten

Schein zusammen, und nur des Einen Gefühls war er sich bewußt: Fort

möcht' ich!

»Also in was könnte ich Ihnen Auskunft geben?« sagte Fräulein

Bassini endlich, der die Pause etwas zu lange dauerte, indem sie wie

unwillkürlich einen Griff nach ihrer Dose machte, die Hand aber wieder

erschreckt zurückzog.

Rottack stak fest -- es war eine verwünschte Geschichte, denn er wußte

nicht, wie er beginnen sollte, und Jeremias selber that den Mund nicht

auf. Er konnte doch die Dame nicht direct fragen, ob sie schon einmal

verheirathet gewesen wäre. Etwas mußte aber auch geschehen, denn stumm

konnten sie einander nicht gegenüber sitzen bleiben. Mit einem fast

gewaltsamen Ansatze sagte er endlich:

»Haben Sie vielleicht eine Schwester oder Verwandte, die den nämlichen

Namen führt, wie Sie, und ebenfalls beim Theater ist?«

»Nein,« lächelte Fräulein Bassini, diese Gelegenheit nicht unbenutzt

vorüber lassend, ihre Zähne zu zeigen, »nicht daß ich wüßte.«

Es war wieder nichts.

»Das ist wunderbar,« sagte der junge Graf nach einer Pause; »ich erhielt

nämlich vor einiger Zeit einen Auftrag von einem Freund in -- Amerika,

mich genau nach der Familie zu erkundigen und ihren Wohnort zu erfahren,

und -- da ihm -- da meinem Freunde sehr viel daran gelegen scheint,

so würde es mir aufrichtig leid thun, seine Bitte nicht erfüllen zu

können.«

»Darf ich fragen, wie Ihr Freund heißt?« sagte Fräulein Bassini mit

liebenswürdiger Unbefangenheit und brachte Rottack dadurch in eine noch

viel größere Verlegenheit, denn wie hieß Jeremias eigentlich? Er hatte

ihn nie unter einem andern Namen als seinem Vornamen gekannt, ja, bis

jetzt auch wirklich noch gar nicht daran gedacht, daß er möglicher Weise

anders heißen könne, und jetzt, in Gegenwart der Dame, durfte er ihn

doch nicht um seinen Namen fragen.

»Es -- ist eine Familien-Angelegenheit,« stotterte er endlich nach einer

Pause, und hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so unbehaglich

gefühlt, wie hier, wo er nicht gerade mit der Wahrheit heraus konnte

und durfte. Aber das ging nicht länger; er mußte, wenn er keinen Namen

nannte, die Dame doch wenigstens davon überzeugen, daß irgend

ein ernster Grund seinen Besuch veranlaßt habe, und fuhr deshalb

entschlossen fort: »Mein gnädiges Fräulein, ich will ganz aufrichtig

sein -- mein Freund in Amerika war früher hier in Deutschland an eine

Dame, die Ihren Namen trug, verheirathet...«

»Meinen Namen?«

»Zerwürfnisse im ehelichen Leben, bei denen er wohl der Hauptschuldige

war, führten zu einer Trennung, und er verließ Europa...«

»Auguste!« rief Fräulein Bassini plötzlich, während sie die Hände

zusammenschlug, und Rottack fühlte einen entschiedenen und kräftigen

Ruck an seinem Rockschoß.

»Das ist der Name,« flüsterte ihm Jeremias dabei zu.

»Und hat sich der Lump wirklich noch einmal nach seiner armen,

verlassenen Frau erkundigt?« rief Fräulein Bassini, jetzt keinen

Augenblick mehr in Zweifel, um was es sich handle, aber auch ganz

vergessend, daß der Herr Graf eben noch jenen »Lump« seinen »Freund«

genannt. »Der hat es nöthig, denn seinetwegen hätte meine arme Schwester

in Jammer und Elend längst vergehen können!«

Jeremias sah sich nach einer Versenkung um.

»Ihre Schwester?« rief Rottack, das Wort rasch auffassend, denn es war

die erste Spur, die er in der ganzen Geschichte fand -- »und wo ist sie

jetzt?«

»Wo sie ist, Herr Graf? -- Hier in Haßburg ist sie und wohnt bei

ihrem Bruder, kümmerlich und ärmlich genug, das weiß Gott, denn das

Nothwendigste müssen sie sich oft am Munde abdarben, und wenn sie das

Kind, die Henriette, nicht hätte, das brave Mädel, die Tag und Nacht

arbeitet, um ein paar Groschen zu verdienen, so wär's längst aus mit

ihr, denn sie ist ewig krank und kann selber nichts mehr schaffen!«

»Aber wie heißt denn Ihr Bruder, liebes, bestes Fräulein?« rief Rottack

-- »auch Bassini? Sie sagten doch vorher, daß Keine des Namens mehr...«

»Pfeffer heißt er, Schauspieler Pfeffer -- er ist Komiker hier beim

Theater, und ein tüchtiger Komiker, das muß ihm der Neid lassen.«

»Aber, verehrtes Fräulein,« sagte Rottack, der aus der Verwandtschaft

nicht klug werden konnte, »wenn Herr Pfeffer der Bruder jener Dame und

jene Dame ihre Schwester ist, so wäre Herr Pfeffer doch eigentlich auch

Ihr Bruder?«

»Ja, das ist er auch,« versicherte Fräulein Bassini.

»Aber Bassini und Pfeffer...«

»Oh, die Namen meinen Sie -- ja, lieber Gott,« sagte die Dame, »am

Theater kann man da nicht immer genaue Ordnung halten, und Pfeffer

klingt recht gut für einen Komiker, aber nicht für eine Dame oder gar

eine Primadonna, die nun schon einmal in unserer Zeit eine italienische

Endung haben muß. Unsere Mutter aber, eine geborene Bassenich,

war Primadonna und nannte sich einfach Bassini -- und nach ihrer

Verheirathung Pfeffer-Bassini, wonach wir Töchter den Mutter- oder

Mädchennamen der Mutter beibehielten und Fürchtegott Pfeffer blieb.«

»Fürchtegott?«

»Mein Bruder, der Komiker.«

»Und Ihre Frau Schwester wohnt also bei Ihrem Herrn Bruder?«

»Ja wohl, Neumarkstraße Nummer 23, der Eingang ist auch von der

Promenade, ganz dicht am Theater -- jedes Kind zeigt Ihnen das Haus.

Aber nun, bitte, Herr Graf,« fuhr Fräulein Bassini fort, indem sie

sich etwas zur Seite bog, um auch einmal einen vollen Blick auf den

schweigsamen Begleiter des jungen Mannes zu erhalten, der sich, so weit

das möglicher Weise anging, hinter diesen gedrückt hatte -- »sagen Sie

auch, was das für eine Bewandtniß mit jenem Menschen, jenem Stelzhammer,

hat?«

»Stelzhammer, mein Fräulein?« sagte Rottack, der ganz verwirrt zwischen

den vielen Namen wurde.

»Nun, Ihrem Freund in Amerika,« erwiderte die Dame.

»Stelzhammer, -- ja so -- Jeremias Stelzhammer -- ganz recht,« sagte

Rottack und fühlte wieder, wie er hinten am Rock gezupft wurde --

»aber, verehrtes Fräulein, gestatten Sie mir, daß ich vorher nähere

Erkundigungen bei Ihrem Bruder einziehe. Ich darf nicht indiscret sein,

und habe meinem Freund fest versprechen müssen, nur an directer Stelle

Nachforschungen anzustellen.«

»Nun, auf _den_ Herrn brauchen Sie doch wahrhaftig keine Rücksicht

zu nehmen!« rief Fräulein Bassini -- »ein solcher Vagabond, der seine

brave, redliche Frau schändlich verlassen hat!«

»Und wenn er nun willens wäre, alles Begangene wieder gut zu machen,

wenn er nun Reue über das Geschehene fühlte?«

»Ja, der,« sagte Fräulein Bassini verächtlich -- »hat er Geld

geschickt?«

»Vor allen Dingen habe ich nur den speciellen Auftrag erhalten, mich zu

erkundigen, ob seine Frau noch lebt und wie es ihr geht. Sowie ich das

erfahren habe, versteht es sich von selbst, daß ich ihm genauen

Bericht erstatte, und wenn er dann nicht selber herüberkommt, was sehr

wahrscheinlich ist, so wird er doch jedenfalls Sorge tragen, daß sie von

da an keinen Mangel mehr leidet. Also, mein gnädiges Fräulein,« fuhr

er fort, indem er aufstand und Jeremias sich hinter ihm mit einer

Schnelligkeit erhob, als ob er die ganze Zeit auf Nadeln gesessen hätte,

»nehmen Sie vor der Hand meinen herzlichen Dank für Ihre freundlichen

Mittheilungen, die uns hoffentlich zu einem guten Resultate führen, und

seien Sie versichert, daß ich seiner Zeit nicht ermangeln werde, Ihnen

getreuen Bericht über den Erfolg meines Briefes abzustatten.«

»Aber wo wohnt denn dieser Herr Stelzhammer jetzt eigentlich und was

treibt er?« fragte Fräulein Bassini, sich ebenfalls erhebend -- »man

muß doch jedenfalls ein klein wenig wissen wie und wo, wenn man einmal

gefragt wird.«

»Sie sollen Alles erfahren, mein gnädiges Fräulein, Alles, was Sie nur

einigermaßen interessiren könnte,« wehrte Graf Rottack ab -- »lassen

Sie mich nur erst die Hauptsache in Ordnung bringen, und seien Sie

versichert, daß ich Sie dann selber davon in Kenntniß setzen werde. Bin

ich Ihnen doch auch zu großem Dank durch die Nachricht verpflichtet, die

Sie mir gegeben.«

»Ja, aber,« wollte Fräulein Bassini sagen, da sie sich nicht mit dem

Gedanken befreunden konnte, noch vor der Hand völlig im Dunkeln gelassen

zu werden. Rottack brannte aber selber der Boden hier unter den Füßen,

und mit einer sehr artigen Verbeugung, welche die Dame wieder mit einem

tiefen Knix erwiderte, schritt er zur Thür, und Jeremias fuhr wie der

Blitz hinter ihm her. Beide waren auch gleich sehr dabei interessirt, so

rasch sie konnten wieder in's Freie zu kommen, Jeremias schien wirklich

die ganze lange Zeit da oben den Athem angehalten zu haben, so aus

voller Brust schöpfte er Luft, als er den blauen Himmel wieder über sich

sah.

9.

Hinter den Coulissen.

In der nämlichen Zeit, in welcher an diesem Morgen Graf Rottack mit

seiner jungen Frau zu dem Besuch nach Monford hinausfuhr, war im Theater

Probe von den »Räubern«.

Ueberhaupt wurde das Schauspiel gerade in dieser Zeit sehr beschäftigt,

denn in der nächsten Woche stand auch noch eine Festvorstellung

des »Hamlet« bevor. Man erwartete nämlich in den nächsten Tagen den

Erbprinzen zum Besuch, und der Director hatte angefragt, was Seine

Königliche Hoheit im Theater zu sehen wünsche, worauf der »Hamlet«

bezeichnet wurde. Am nächsten Tag sollte dann noch ein großer Ball

arrangirt, kurz, Alles gethan werden, um dem jungen und hohen Herrn den

Aufenthalt in der Stadt so angenehm als möglich zu machen.

»Hamlet« mußte aber neu einstudirt werden, und die Aufführung der

ebenfalls lange nicht gegebenen »Räuber« kam da etwas in die Quere; aber

es half eben nichts. Das Publikum wollte solche Stücke sehen, und die

Schauspieler mußten sich fügen.

Auf dem Theater, das jetzt natürlich nicht erleuchtet sein konnte,

herrschte ein düsteres Halbdunkel. Das Licht fiel dürftig durch die

geöffneten Seitenfenster herein, und nur ein einzelner Sonnenstrahl

stahl sich an einer Ecke vorüber und beschien eine der Coulissen, einen

bemalten Leinwandbaum.

Nur vor dem Souffleurkasten brannten die beiden Lampen, und rechts auf

der Bühne, wo ein Tisch und ein paar Stühle standen, saßen der Director

in einem weiten Mantel und der etwas kränkliche Regisseur in großen

Filzschuhen und einem Pelze, trotz der Wärme draußen, denn die Luft war

hier drinnen kellerartig und es zog fortwährend.

Auf der Bühne gingen sehr anständig gekleidete Herren und Leute in

Hemdsärmeln friedlich untereinander herum, und zwar beide Theile ihren

Geschäften nach -- die Einen die Darsteller, die Anderen Maschinisten,

Coulissenschieber und Lampenputzer, während hinten auf der Bühne eine

Dame in Hut und Schleier, ein Manuscript in der Hand, noch memorirend

zwischen ihnen auf und ab wanderte und nur manchmal das Manuscript --

ihre Rolle -- gesticulirend ausstreckte und leise tragische Worte dazu

murmelte.

Es war Amalia, Fräulein Rottenhöfer, erste tragische Liebhaberin im

Theater zu Haßburg.

»Dritte Scene, meine Herren!« rief der Regisseur und klingelte.

Die Schauspieler traten zusammen; die Scenerie war gestellt: die

böhmischen Wälder. Es begann die Scene im zweiten Acte, wo die Räuber,

nachdem sie Roller befreit, wieder zusammenkommen, und ging so ziemlich.

Pfeffer gab den Spiegelberg; überhaupt hatten dieses Mal alle Kräfte am

Theater aufgeboten werden müssen, um die zahlreichen Rollen so tüchtig

als möglich zu besetzen, und die Leute gaben sich die größte Mühe. Nur

wo Schwarz auftritt, mußte das Einspringen noch einmal gemacht werden.

Jetzt wurde Roller angemeldet, aber der Hauptmann, Karl Moor, war noch

nicht da; das Pferd, welches gewissenhaft in Haßburg beibehalten wurde,

stand hinten in der letzten Coulisse und schien selber ungeduldig zu

werden.

Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie« · 第 2 / 16 题