Ewig der Deine.«

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Eine Mutter.

Roman

im Anschluß an »die Colonie«

von

Friedrich Gerstäcker.

Dritte Auflage.

Jena,

Hermann Costenoble.

Verlagsbuchhandlung.

Inhalt.

Seite

Fürchtegott Pfeffer 1

Unter den Buden 17

Das Rendezvous 30

Die gräfliche Familie 42

Paradies und Hölle 57

Jeremias 68

Die erste Begegnung 81

Fräulein Bassini 95

Hinter den Coulissen 111

Graf Rottack bei Pfeffers 125

Am alten Wartthurm 137

Das Wiedersehen 157

Verschiedene Kunstinteressen 172

Horatius Rebe 184

Die Leseprobe 203

Vornehme Welt 218

Festvorkehrungen 229

Leiden eines Theater-Directors 246

Der Verlobungsabend 261

Hamlet, Prinz von Dänemark 284

Der Wilddieb 299

Ein gestörtes Fest 312

Nach dem Theater 331

Am andern Morgen 343

Wie das Glück wechselt 358

Der reiche Mann 373

Die Recension 388

Die Contremine 409

Der Maulwurfsfänger 427

Pfeffer dictirt einen Brief 443

Jeremias auf Reisen 455

Paula 470

Die Werbung 484

Schluß 495

1.

Fürchtegott Pfeffer.

Ein gar reges und geräuschvolles Leben und Treiben erfüllte heute die

überhaupt nicht unbedeutende und besonders viel von Fremden besuchte

Provinzialstadt Haßburg.

Schon die Lage des alten Ortes war eine reizende, und eine große Zahl

von wohlhabenden Leuten hatte sich deshalb sogar in oder nahe bei der

Stadt bleibend niedergelassen, so daß sie mit ihren freundlichen Villen

und Wohnhäusern die Anlagen wie die Hänge der daranstoßenden Hügelkette

bunt und prächtig überstreuten.

Heute füllte aber noch eine ganz besondere Veranlassung sowohl die engen

und etwas winkeligen Straßen des Weichbildes, wie auch die Anlagen und

freien Plätze mit einer Unzahl geputzter Menschen, denn es war Jahrmarkt

wie zugleich Haßburger Vogelschießen, wozu sich dann natürlich die

ganze Nachbarschaft herbeidrängte. Besonders die Bauern kamen in hellen

Schwärmen zu Markt gezogen, und in den Hauptverbindungsstraßen wimmelte

es wie bei einer Völkerwanderung.

Unmittelbar vor der Stadt, auf einem großen, freien Platz, der

sogenannten »Schützenwiese«, stand denn auch eine große Zahl von Buden

aufgeschlagen, während dicht daneben in einem niedern, langen Gebäude

die »Altschützen« auf verschiedenen Ständen unermüdlich nach ihren

dahinter aufgestellten Scheiben knallten.

Der Verkehr war hier draußen auch der stärkste, wenngleich selbst die

innere Stadt nicht von Buden verschont geblieben, und während eine Zahl

von Drehorgeln mit ihren grausig gemalten Mordgeschichten, böhmischen

Musikbanden, Gymnastikern in schmutzig-weißen, phantastischen

Anzügen und anderen Meßkünstlern geringeren Grades die Promenaden

überschwemmten, sammelte sich hier das Volk besonders, und oft wurde

selbst die Passage durch die verschiedenen Aufzüge für kurze Zeit

gehemmt und unterbrochen.

An diesen Theil der Promenade stieß übrigens unmittelbar die Stadt, mit

ihren hohen, schmalen, gedrängten Häusermassen, und während die Front

der hier sichtbaren Reihe in eine enge, dumpfige Straße hinaussah

und auch dort ihren Haupteingang hatte, genossen die Wohnungen der

Hintergebäude (so eingeschränkt die Miethsleute dort auch vielleicht

wohnen mußten) doch wenigstens freie Aussicht auf grüne Bäume und blauen

Himmel, und jetzt auch, als Zugabe, auf das ganze wilde Gedränge des

Markttrubels, der unmittelbar vor ihren Fenstern auf und ab wogte.

In der zweiten Etage eines dieser schmalen Gebäude wohnte der am

Haßburger Theater angestellte Komiker Fürchtegott Pfeffer mit seiner

Schwester und deren achtzehnjährigen Tochter Henriette in einem kleinen

und sehr beschränkten Logis. Aber eben so klein und beschränkt war

auch seine Gage, und Pfeffer, wenn auch sonst ein wunderlicher

und excentrischer Kauz, doch ein ziemlich guter Haushalter und --

sonderbarer Weise -- fast der Einzige oder doch einer der Wenigen vom

ganzen Theaterpersonal, der in Haßburg keine Schulden hatte.

Das ganze Logis bestand nur aus zwei neben einander liegenden Stuben,

jede mit einem kleinen Alcoven versehen, dann einer etwas engen und nur

nothdürftig erleuchteten Küche, und einer kleinen Holzkammer.

Die eine Stube hatte Pfeffer selber zum Studir- und Wohnzimmer inne,

in dem daranstoßenden Alcoven schlief er. In dem andern Zimmer wohnten

Mutter und Tochter, und es wäre kaum möglich gewesen, sich zwei sonst

ganz gleiche Räumlichkeiten verschiedener zu denken, als diese zwei sich

zeigten.

Das Zimmer der Frauen glich einer Puppenstube. Die allerdings sehr

zerwaschenen Gardinen waren schneeweiß; ebenso der sorgsam gescheuerte

Boden. Kein Stäubchen lag auf irgend einem der sauber polirten

Erlenmöbel. Ueberall herrschte die größte, ja, fast peinliche Ordnung,

und nur auf einem schmalen Arbeitstisch am Fenster, an dem Henriette

saß und einen geschmackvollen Kranz von künstlichen Veilchen und

Schneeglöckchen zusammenstellte, lagen die verschiedenen zu ihrer Arbeit

nöthigen Ingredienzen ebenso durcheinander, wie es die Arbeit gerade mit

sich bringt.

An Allem sah man, daß hier sorgliche und ordnungsliebende Frauenhände

walteten -- und wie lag dagegen das Nachbarzimmer!

Dort wirthschaftete Onkel Pfeffer, und zwar als unumschränkter Gebieter

der Räumlichkeit, über welche man aber nicht gleich beim ersten Betreten

des Zimmers einen vollkommenen Ueberblick bekam, da eine permanente

Wolke von Tabaksqualm den überhaupt nicht sehr hellen Raum in ein

ewiges, geheimnißvolles Halbdunkel hüllte. Hatte man sich aber erst

daran gewöhnt und war nicht gleich beim ersten Betreten dieses

künstlerischen Heiligthums über einen Haufen dicht an der Thür liegender

Broschüren, Bücher und Schriftstücke gestolpert, so erschien Fürchtegott

Pfeffer, wie der heraufbeschworene Geist eines Zauberers, mit in

Papilloten rund herum fest eingewickelten Haaren, in einem sehr

schmutzigen, langen, wattirten Schlafrock, die lange Pfeife in der

Linken, eine offene »Rolle«, aus der er memorirte, in der rechten Hand,

und blieb dann jedesmal -- beide Arme vor sich haltend und mit einer

Bewegung etwa mitten in der Stube stehen, als ob er hätte sagen wollen:

Na, wer stört mich _nun_ wieder?

Die Stube selber befand sich nicht allein in einer künstlerischen,

sondern sogar in einer künstlichen Unordnung, gegen die aber weder

Schwester noch Nichte einschreiten durften. Pfeffer behauptete nämlich

-- und vielleicht nicht ganz mit Unrecht --, sobald einmal bei ihm

aufgeräumt würde, fände er nie mehr, was er suche, und es sei nachher

eine Heidenarbeit, sein Studirzimmer wieder in den Stand zu setzen, wie

er es allein brauchen könne, das heißt: in ein wahres Chaos von lauter

benutzten und unbenutzten Dingen.

Die Gardinen waren jedenfalls, als sie am Ersten des Monats aufgemacht

worden, eben so rein und weiß gewesen, wie in der Nachbarstube; wenn

aber auch erst drei Wochen dazwischen lagen, so sahen sie doch jetzt

schon entsetzlich aus. Ein schwarzer Reif schien auf sie gefallen zu

sein -- wie ein Trauercouvert mit schwarzen Rändern hingen sie von der

Decke nieder, und noch immer zog der dicke Qualm zu ihnen empor und

setzte sich den vorangegangenen Rußtheilchen an.

An den Wänden hingen eine Menge Bilder von theatralischen Größen, alle

jedoch nur in einfach braunen oder schwarzen Rahmen. Was aber die Kunst

_getrennt_, hatte die Kunst hier wieder vereint, denn über dem kleinen,

mit buntem Kattun bezogenen Sopha nahmen Bogumil Dawison und Emil

Devrient den Ehrenplatz ein, ja, _ein_ Lorbeerkranz verband sogar Beide

mit einander.

Dort hingen auch Ludwig Löwe und Laroche, dort hingen die Charlotte

Ackermann, die alte Schröder und eine Menge berühmter Schauspieler und

Schauspielerinnen; dort hingen Schiller, Göthe, Lessing, Iffland -- aber

kein einziges Bild eines Tenoristen oder einer Primadonna, und noch

viel weniger eins, das nur im Entferntesten auf die _Posse_ Bezug gehabt

hätte.

Pfeffer haßte nicht allein die Oper, sondern auch die Posse, und war

vielleicht gerade deshalb ein so ausgezeichneter Komiker, weil er seine

Rolle mit einer solchen Erbitterung -- ja, mit einem wahrhaft tödtlichen

Haß abspielte, gewissermaßen, um sie nur los zu werden.

Außerdem stand in der Stube noch ein alter Schreibtisch aus

Nußbaumholz, aber von oben bis unten mit Büchern, Rollen, Costümbildern,

Zeitungsblättern wie allen nur erdenklichen Rauchapparaten, als

Tabakskasten und Beutel, Pfeifenröhren, Cigarrenspitzen etc.,

bedeckt. Den Nipptisch in der Stube bildete aber die Commode mit einem

Photographie-Album im Centrum. Rechts davon stand ein unbenutzter

Mahagoni-Tabakskasten mit gestickten Seitenwänden, neben ihm ein

gesticktes Uhrgehäuse, links eine eben solche Cigarrentasche, wie ein

mit Silber beschlagener, guter Meerschaumkopf in geöffneter Kapsel --

Alles mit dichtem Staub bedeckt, denn abwischen durfte es Niemand.

Zwischen den beiden Fenstern, über einem kleinen Wandschrank, war auch

ein Spiegel angebracht, der Vorhang aber von beiden Seiten so gesteckt

worden, daß er den obern, also benutzbaren Theil desselben vollkommen

bedeckte und nur den untern sichtbar ließ, den Pfeffer brauchte, wenn er

sich rasirte.

Zwischen den beiden Stuben die er und seine Schwester bewohnten,

bestand eine Verbindungsthür, aber sie schien cassirt zu sein. Es hing

wenigstens auf _seiner_ Seite eine dicke wollene Decke davor, und

ein kleines Büchergestell war so angebracht, daß es den untern Raum

vollkommen ausfüllte. Aber nicht deshalb war es etwa geschehen, weil

sich Bruder und Schwester nicht vertragen hätten -- im Gegentheil, es

gab kaum zwei Geschwister, die sich zärtlicher liebten, wenn sich auch

Pfeffer selber etwas Derartiges nie merken ließ. Wäre aber die Thür

benutzt gewesen, so hätte der fortwährende und furchtbare Tabaksqualm

auch unfehlbar in das andere, von den Damen bewohnte Zimmer hineinziehen

müssen, und Pfeffer selber that da Einspruch.

So verkehrten sie denn, wenn auch nicht so rasch, doch eben so häufig

durch den kleinen Vorsaal mit einander, der draußen auf die Treppe

ausmündete und dadurch dem Tabaksrauch einen freien Abzug gab, ohne

in das Zimmer der Schwester zu dringen. Nach einem stillschweigenden

Uebereinkommen betrat er deshalb auch nie das Nachbarzimmer mit seiner

Pfeife -- wenigstens nie, wenn die Fenster geschlossen waren. An warmen

Sommertagen, wenn diese weit geöffnet standen, kam er aber doch auch

manchmal einen Moment »als Schornstein«, wie er es selber nannte,

hinüber, blies den Qualm ein paar Minuten dort in's Freie hinaus und

kehrte dann in sein »Rauchnest« zurück -- oftmals, ohne auch nur eine

einzige Silbe gesprochen zu haben. Heute Morgen war er in besonders

schlechter Laune, denn die zahlreichen Musikbanden, von denen manchmal

zwei zu gleicher Zeit verschiedene Melodien unter seinem Fenster

bliesen, hatten jedes Memoriren unmöglich gemacht. Was half es ihm, daß

er die Fenster fest verschlossen hielt und die Rouleaux selbst herunter

ließ, um so wenig als möglich von dem Treiben da unten zu hören und zu

sehen! Die schrillen Töne drangen doch hindurch, und der Tabaksqualm

wurde zuletzt so dicht und arg, daß er es selber nicht mehr darin

aushalten konnte.

Mit einem halb verbissenen Fluche zog er die Rouleaux wieder in die

Höhe, stieß die Fensterflügel auf und ging dann, sein Zimmer auch

durch die geöffnete Thür lüftend, einen Augenblick zu seiner Schwester

hinüber, wo er an eins der weitgeöffneten Fenster trat.

»Du kannst wohl heute bei dem Lärm nicht arbeiten, Onkel?« fragte ihn

das junge Mädchen, das in einfach bürgerlicher, fast etwas dürftiger

Tracht an einem kleinen Tisch am Fenster saß und künstliche Blumen

zusammenstellte. Sie sah ihm wohl an, daß er mürrisch und verdrießlich

war, konnte aber in solchen Fällen noch immer am besten mit ihm

auskommen.

»Arbeiten,« knurrte Pfeffer an seiner Pfeifenspitze vorbei und schoß

erst eine Anzahl von Rauchringeln in die blaue, sonnige Luft hinaus

-- »arbeiten, bei dem Skandal? Es ist ordentlich, als ob sie Einem das

Gehirn auseinander trieben. Das halte ich auch nicht länger aus. Gott

straf' mich, morgen kündige ich das verwünschte Logis und ziehe an's

andere Ende der Stadt! Lieber doch oben auf einem Thurm und eine Meile

vom Theater wohnen, als hier in diesem Sodom und Gomorrha!«

Henriette lächelte leise vor sich hin, denn den nämlichen Entschluß

faßte der Onkel an jedem solchen Markt, hütete sich aber wohl, ihn je

auszuführen; denn die Wohnung lag ihm selber viel zu bequem und nahe

beim Theater, um sie leichtsinnig aufzugeben. Er war eben verdrießlich

heute, und da mußte man ihn austoben lassen; er wurde auch schon von

selber wieder gut.

Jetzt freilich leuchtete sein Gesicht wie eine Wetterwolke mit seinen

finster zusammengezogenen Brauen, die Stirn in tiefen Falten und einen

Ausdruck in den Zügen, als ob er die Welt hätte vergiften können. Da

plötzlich, als ob eine Garbe von Leuchtkugeln die dunkle Nacht

erhellt, nahm er die Pfeife aus dem Munde -- sein Gesicht strahlte von

Freundlichkeit, und mit einer tiefen Verbeugung und dem verbindlichsten

Lächeln vom Fenster aus Jemanden grüßend, der gerade unten vorbeiging,

sagte er mit seiner wohlwollendsten Miene: »Daß Du den Hals brächest,

Du verdammter schiefbeiniger Halunke Du -- Du Leuteschinder -- empfehle

mich Ihnen gehorsamst!«

»Wer geht denn da vorbei?« sagte seine Schwester, eine Frau vielleicht

hoch in den Dreißigen, aber ein liebes, freundliches, matronenhaftes

Wesen, die leidend schien und auf dem Sopha lag.

»Der Herr Director,« lächelte Henriette.

»Wie der Schuft die Beine spreizt,« sagte Pfeffer, der wieder seine

alte, finstere Miene angenommen hatte, sobald der Director von unten

nicht mehr heraufsah -- »breitspuriger Musenkutscher -- grüßt auch noch,

der -- Heuchler!«

»Ach, Onkel, sieh nur, was da für reizende Kinder in der Equipage

sitzen!« rief Henriette, die von ihrer Arbeit aufgeblickt, während

Pfeffer noch immer giftig seinem Vorgesetzten oder Chef nachschaute.

»Das sind gewiß Fremde, denn ich erinnere mich nicht, sie schon hier

gesehen zu haben.«

Unten vor dem Fenster fuhr in diesem Augenblick ganz langsam, da die

Pferde in dem Menschengewühl nur im Schritt gehen konnten, eine leichte,

sehr elegante Equipage vorüber. Ein Kutscher in Livrée führte sie, und

im Fond derselben saßen ein Herr und eine Dame in Reisekleidern, während

auf dem Rücksitz ein junges Mädchen -- wahrscheinlich die Bonne -- die

größte Mühe hatte, zwei allerliebste Kinder, einen Knaben von etwa vier

und ein kleines Mädchen von vielleicht drittehalb Jahren, ruhig auf

ihren Sitzen zu halten. Und das schien in der That kein kleines Stück

Arbeit, denn das lebendige Pärchen entdeckte in der neuen, regen

Umgebung eine solche Menge von Merkwürdigkeiten, daß sie mit den kurzen

Aermchen nur immer da- und dorthin deuteten und Vater und Mutter das

gerade Bemerkte auf frischer That auch zeigen, ja, am liebsten hinaus

und näher hinan wollten.

Die Eltern aber, die dem sie umwogenden Treiben kaum einen Blick

schenkten, lächelten über die fröhliche Unruhe der Kinder und mußten nur

selber mit beschwichtigen und ermahnen helfen, um ihren unruhigen Eifer

zu zügeln.

»Ja, das sind Fremde,« sagte Pfeffer, der einen mürrischen Blick nach

der bezeichneten Richtung hinunterwarf; »es wimmelt ja von denen jetzt

in Haßburg -- vornehmes Pack -- hochnasige Gesellschaft -- was kümmern

die uns!«

»Was das für eine reizende Frau ist und was für wundervolle Haare sie

hat!« fuhr Jettchen fort.

»Ja, wie Deine Tante, Fräulein Bassini -- ein ächter Goldfuchs -- wie

nur ein Mensch an rothen Haaren Freude finden kann.«

»Aber sie sind doch nicht roth, Onkel -- es ist das herrlichste

Goldblond, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.«

»Goldblond,« brummte Pfeffer verächtlich vor sich hin -- »Rothfuchs --

was Du für einen Begriff von goldblond hast.«

»Du bist einmal verdrießlich heute, Onkel,« lächelte Henriette, »und in

der Stimmung hättest Du selbst am Himmelsblau 'was auszusetzen.«

»Hätt' ich?« brummte Pfeffer und qualmte stärker -- »was die Jungfer

Naseweis nicht Alles bemerkt. -- Das da unten sind auch ein paar

goldblonde Pferde, nicht wahr?«

»Das ist die Equipage des reichen Monford,« sagte Jettchen, die

wieder einen Blick hinausgeworfen hatte, aber zugleich auch, verlegen

erröthend, ohne daß der Onkel jedoch etwas davon bemerkte, nach unten

irgend Jemanden dankend grüßte.

»Die wälzen sich ordentlich in Gold,« sagte Pfeffer -- »Herr Gott, ist

das nun Gerechtigkeit? _Das_ Volk weiß nicht, wie es die Tausende, nur

um sie los zu werden, zum Fenster hinauswerfen soll, und bei uns langt's

manchmal knapp zu Kartoffeln und Häringen!«

»Und wer weiß, ob sie so glücklich sind, wie wir!«

»Glücklich -- was sollte denen an ihrem Glück fehlen? Alles, was sich

ein Mensch nur möglicher Weise wünschen kann, wenn er recht unverschämt

ist, haben sie: eine große, reiche Familie, Sohn und Tochter, gesund und

vornehm -- bah, geh mir mit den Redensarten, die sich recht hübsch von

der Kanzel herunter oder auf dem Theater ausnehmen: »Reichthum macht

nicht glücklich« -- aber im wirklichen Leben -- alle Teufel,« unterbrach

er sich plötzlich und nahm rasch die Pfeife aus dem Mund, »schnüffelt

da unten nicht schon wieder unser siebenundzwanzigster Liebhaber, unser

Herr _Rebe_ mit seinem classischen Vornamen herum? Horatius Rebe --

Horatius Cocles -- jedenfalls Geschwisterkind mit einander -- daß Dich

die Milz sticht!«

»Aber, bester Onkel,« lächelte Henriette, dabei doch etwas verlegen und

jedenfalls mehr erröthend, als eigentlich nöthig gewesen wäre -- »was

kann denn ein Mensch für seinen Vornamen? Er hat ihn sich doch nicht

selber gegeben.«

»Unsinn, selber gegeben -- natürlich hat er ihn sich nicht selber

gegeben, sondern irgend ein eben so verrückter Pathe; aber er kann ihn

doch zum Teufel werfen, sowie er nur einmal so viel Verstand hat, um

eine Nachtmütze von einer Lichtscheere zu unterscheiden!« rief der

Onkel, der heute wirklich entschlossen schien, sich über Alles zu

ärgern. -- »Horatius -- Horatius! Jeder anständige Mensch auf der Welt

hat doch wenigstens zwei oder drei verschiedene Vornamen, von denen er

berechtigt ist, sich den auszuwählen, der ihm am besten gefällt. Warum

thut er das nicht auch? -- aber denkt gar nicht dran. Wahrscheinlich ist

er auch noch stolz auf seinen Horatius; daß Dich der Henker hole -- ich

wollte Dich behoratiussen, wenn Du mein Sohn wärest!«

»Aber, Onkelchen,« lachte Henriette still vor sich hin, »wenn Dir nun

seine anderen Namen auch nicht besser gefielen, wie der da?«

»Ach, Schnack,« rief Pfeffer, »und was weißt Du überhaupt von seinen

anderen Vornamen, heh? Was sagst Du?«

»Oh, nichts, Onkelchen, ich zählte nur eben hier die Blätter zu dieser

weißen Rose ab.«

»Und beim Himmel,« fuhr Pfeffer auf, der, während er sprach, den jungen

Menschen nicht aus den Augen gelassen hatte, »da kommt er schon wieder

auf's Haus zu! Jettchen, Jettchen, ich will Dir 'was sagen -- ich

fange an Verdacht zu schöpfen, daß sich der junge Springinsfeld die

Schuhsohlen hier nicht umsonst alle Tage vor dem Fenster abläuft -- ich

hätte Dich für vernünftiger gehalten.«

»Aber, Onkel!«

»Die Posse laß Dir vergehen,« fuhr Pfeffer fort; »Du hast nichts, als

was Du Dir mit Deiner Hände Arbeit sauer genug verdienst, und _er_ hat

gar nichts, als seine »Liebe zur Kunst«, wie er's hochpoetisch nennt,

und die ihn bis jetzt nicht viel höher gebracht hat, als Stühle heraus

zu tragen und höchstens einmal einen Ritter anzumelden! Darin paßt Ihr

nun allerdings zu einander, daß Ihr Beide nichts habt, aber das Ende vom

Liede wäre auch, daß Ihr Euch Beide unglücklich machtet und Euer Leben

verdürbet!«

»Aber, Onkel, er denkt gar nicht daran!«

»Denkt nicht daran? -- Lehr' Du mich Menschen kennen! -- Uebrigens weiß

ich schon, daß er nur wieder unter dem Vorwande heraufkommt, _mich_ zu

besuchen. Na, _die_ Freude will ich ihm dieses Mal machen -- arbeiten

kann ich außerdem heute nichts -- daß Ihr ihn mir aber nicht hier

herüber laßt -- das sag' ich Euch!« -- Und damit nahm er seinen

Schlafrock vorn zusammen und ging wieder über den Vorsaal in sein

eigenes Zimmer hinüber.

Henriette blieb schweigend an ihrer Arbeit sitzen, und die Mutter war

aufgestanden und nahm ihr jetzt gegenüber am Fenster Platz.

»Der junge Rebe ist die letzte Zeit recht oft hier gewesen, Kind,« sagte

sie endlich, während ihr Auge über die bunten Gruppen vor dem Fenster

glitt, ohne sie zu sehen.

»Liebe Mutter...«

»Ich glaube, der Onkel hat Recht, Kind,« fuhr die Frau aber wehmüthig

fort -- »nicht, daß ich etwas gegen den jungen Mann selber einzuwenden

hätte; er scheint brav und ordentlich zu sein, und man hört über

sein ganzes Betragen nur immer Gutes, aber -- das Theater ist ein

gefährlicher Boden für junge Leute, und -- kein Mensch weiß außerdem, ob

er auch wirklich Talent hat und es je zu etwas bringen wird.«

»Er studirt so fleißig!« sagte Henriette leise.

»Ja, mein Kind,« seufzte die Frau, »das allein macht es nicht, und

darin steht der Künstler weit gegen den Gelehrten im Nachtheil. In

jedem andern Fache kann es ein wirklich tüchtiger Mann durch Fleiß und

Ausdauer erzwingen, vorwärts zu kommen, wenn er auch nicht übermäßig

begabt sein sollte; in der Kunst aber nicht, und nicht allein das Talent

hilft ihm da, er muß auch Glück haben, wenn er es je zu etwas bringen --

wenn er je ein erstes Fach bekleiden will. Kann er das aber nicht, dann

wäre es viel vernünftiger, er lernte eher das einfachste Handwerk,

als daß er sich seine Lebenszeit bei kleinen Bühnen herumtriebe, um da

zweite oder dritte Rollen zu spielen. In dem Fall, mein Herz, ist der

Schauspielerstand ein elendes und trauriges Leben, glaube mir!«

»Aber Du warst selber beim Theater, Mama,« sagte Henriette, »der Onkel

ist dabei, Deine selige Mutter, wie Du mir oft erzählt, soll ebenfalls

eine brave Sängerin gewesen sein, ja, Deine eigene Schwester spielt

jetzt noch Komödie!«

»Das Alles ist wahr, Herz,« nickte die Mutter, »unsere ganze Familie

gehört dem Theater an, und doch danke ich Gott, daß Du Dir Dein Brod, so

spärlich es auch sein mag, auf andere Art verdienen kannst. Ja, wer eins

der ersten Fächer bekleidet, wer bei einer großen Bühne der Liebling des

Publikums geworden, der nimmt wohl eine ehrenvolle Stellung ein und

kann auch ganz seiner Kunst leben; die Direction braucht ihn und seine

Zukunft ist gesichert -- aber wie Wenigen unter Tausenden ist das

beschieden, und sich in untergeordneten Fächern bald hier, bald da

herumtreiben, jetzt hier mit einer kleinen Gage angestellt, dann wieder

im Lande nach einem Engagement herumsuchend, das, mein liebes Kind, sei

versichert, ist ein trauriges Brod, und schlimmer, weit schlimmer, als

Holzhacken und Tagelohn!«

»Aber verdienen die Leute nicht, was sie zum Leben brauchen?«

»Ja -- vielleicht. -- So lange sie allein stehen und gesund bleiben,

schlagen sie sich durch, und der Leichtsinn, der ein glückliches

Erbe dieses Standes ist, hilft ihnen über manches Schwere hinweg.

Verheirathen sie sich aber und kommt Familie dazu, dann tritt nur zu

häufig der furchtbare Ernst des Lebens an sie heran und sie leiden oft,

ohne eine Stätte, wohin sie ihr Haupt legen können, die bitterste Noth.

-- Aber ich brauche Dir das gar nicht weiter zu bestätigen; Du siehst es

selber hier fast jede Woche, denn keine vergeht, wo nicht Einer oder der

Andere hier durchkommt und sein Leben mit Collectenmachen fristet --

nur um den nagenden Hunger zu stillen, nur um der dringendsten Noth

abzuhelfen. Jeder Thaler aber, der ihnen gereicht wird, ist doch nur

ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein und ihres Jammers kein Ende

-- kannst Du es mir und dem Onkel verdenken, wenn wir Dich vor einem

solchen Schicksal bewahrt wissen wollen?«

»Liebe Mutter!«

»Aber wir schwatzen und schwatzen hier,« brach die Frau plötzlich ab,

»und es wird indessen spät; da schlägt es wahrhaftig schon zehn Uhr --

Kind, Du mußt nach dem Mittagessen sehen, sonst wird der Onkel nachher

böse, wenn es nicht zur rechten Zeit auf dem Tisch steht.«

»Ja, ja, Mama,« rief Henriette, schob ihre Arbeit rasch bei Seite und

ging hinaus in die Küche. Die Mutter sah ihr sinnend nach, stützte dann

den Kopf in die Hand und seufzte leise, aber recht aus tiefster Seele

herauf:

»Oh, daß wir so arm sind!« --

Pfeffer hatte indessen sein unter der Zeit vollständig gelüftetes Zimmer

wieder betreten und die Thür geschlossen, als es anklopfte.

»Guten Morgen, Herr Pfeffer,« sagte in diesem Augenblick der junge Rebe,

welcher auf der Schwelle erschien, »ich störe doch nicht?«

»Woher vermuthen Sie das, mein sehr verehrter Herr Horatius Rebe, wenn

man fragen darf?« brummte Pfeffer, dessen Laune sich noch nicht im

Geringsten gebessert hatte.

»Weil ich Sie so deutlich erkennen kann,« lächelte der junge Mann,

»denn wenn Sie tüchtig arbeiten, haben Sie auch gewöhnlich eine dem

entsprechende Wolke um sich her.«

»Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm?« fragte Pfeffer

verbindlich und mit einer Bewegung, als ob er seine Pfeife gleich in die

Ecke stellen wollte.

»Mein guter Herr Pfeffer,« sagte Rebe mit einem wehmüthigen Zug um die

Lippen, »ich weiß sehr wohl, daß mir nichts unangenehm sein darf --

übrigens würde ich selber wieder rauchen, wenn meine Gage nur ein klein

wenig höher wäre.«

»So -- und was verschafft mir da heute die Ehre Ihres Besuches?«

»Ich sehe, Sie sind heute nicht in glücklicher Stimmung,« sagte Rebe --

»kann ich vielleicht die Damen sprechen?«

»Nein,« brummte Pfeffer -- »meine Schwester ist krank und Jettchen

pflegt sie.«

»Doch nicht ernstlich?«

»Allerdings, sie pflegt sie ganz ernstlich.«

»Nein, ich meine...«

»Wünschen sie sonst noch etwas?«

»Mein lieber Herr Pfeffer, sagen Sie mir nur, weshalb Sie mich heute so

schrecklich ablaufen lassen,« bat Rebe herzlich, indem er auf ihn zuging

und seine Hand zu ergreifen suchte, die Pfeffer aber in die Tasche

steckte -- »habe ich Ihnen etwas zu Leide gethan?«

»Nein -- noch nicht -- aber Sie wollen es!« brummte mürrisch der Mann.

»Ich will es?«

»Ja -- Sie verdrehen dem Mädel, dem Jettchen, den Kopf!«

»Aber, bester Herr Pfeffer!«

»Können Sie eine Frau ernähren?«

»Noch nicht, aber ich hoffe...«

»Hoffe -- alberne Redensart -- hoffe, hoffe -- dafür giebt Ihnen kein

Mensch einen Pfifferling, viel weniger eine ganze Haushaltung! Wie lange

sind Sie schon beim Theater?«

»Seit einem Jahre -- seit ich hier bin!«

»Hm -- und was waren Sie früher?«

»Ich habe studirt.«

»Nun ja, das dachte ich mir ungefähr, und nachdem Sie Ihren Eltern

das schwere Geld gekostet, laufen Sie zum Theater -- nein, es ist ganz

unglaublich, wie verrückt manche Menschen sind, studirt bis in die blaue

Pechhütte hinein, nur um nachher die Geschichte an den Nagel zu hängen

und in der Welt herum zu fahren! Wofür haben Sie nun studirt?«

»Und glauben Sie wirklich, daß mir das als Schauspieler verloren wäre?«

lächelte Rebe. »Hier gerade kann es mir bedeutend nützen, und wenn meine

Liebe zur Kunst...«

»Jetzt hören Sie auf,« schrie Pfeffer -- »Liebe zur Kunst -- wenn ich

den Blödsinn nur nicht mehr hören müßte -- Liebe zur -- ich hätte

bald 'was gesagt, Herr Horatius! -- Apropos, ist der Horatius etwa

Ihr Theatername, und glauben Sie, daß er sich besonders hübsch auf

dem Zettel ausnehmen soll, wenn es zum Beispiel heißt: Horatio, Herr

Horatius Rebe?«

»Ich bin so getauft,« lächelte der junge Mann, »und -- möchte mich doch

auch nicht gern wieder umtaufen.«

»Aber Sie haben doch, zum Teufel, auch noch andere Namen!« rief Pfeffer.

»Weshalb nehmen Sie nicht einen von denen?«

»Allerdings, Herr Pfeffer,« sagte Rebe etwas verlegen, »aber die anderen

klingen eben auch nicht besser. Ich heiße mit meinem vollen Namen

Horatius Scipio Quintus.«

»Nanu bitt' ich aber zu grüßen!« rief Pfeffer erstaunt. »Weiter nichts?«

»Mein Vater war ein armer Schullehrer,« fuhr Rebe fort, »der für die

Alten schwärmte -- er ist lange todt,« fügte er leise hinzu, »und ich

mochte ihn nicht dadurch noch im Grabe kränken, daß ich den ihm einst

lieb gewesenen Namen verwarf.«

»Sehr ehrenwerth, Herr Horatius Cocles -- Rebe, wollt' ich sagen,«

brummte Pfeffer, »aber ich glaube, Sie haben Ihren todten Papa noch viel

mehr damit gekränkt, daß Sie unter die Komödianten gegangen oder, wenn

Ihnen der Ausdruck besser gefällt, _Mime_ geworden sind. Keinesfalls

hätten Sie zu studiren gebraucht, um ein schlechter Schauspieler zu

werden.«

»Aber ich hoffe ein guter zu werden, Herr Pfeffer.«

»Da haben wir wieder die Hoffnung, und indessen beschäftigen Sie sich

mit Hinaustragen von Stühlen und Ableiern von kleinen Rollen!«

»Weil ich keine größeren bekommen kann!« rief Rebe. »Ist denn der

Director auch nur dazu zu bewegen, mir einmal einen Versuch zu

gestatten? Erlaubt er mir denn nur ein einziges Mal, zu zeigen was

ich wirklich kann? Ach, mein bester Herr Pfeffer, wenn Sie es nur ein

einziges Mal dahin bringen könnten, daß ich...«

»Bleiben Sie mir vom Leibe,« rief Pfeffer; »ich habe mit der ganzen

Schmiere nichts zu thun! Ich spiele meine Rolle ab, und damit Basta --

wenn Ihnen eine von denen zusagen sollte, mit dem größten Vergnügen --

in das Andere mische ich mich nicht. So viel sage ich Ihnen aber: --

hier -- wenn Sie wirklich Talent hätten -- kommen Sie zu nichts; Handor

spielt Alles, also eine Aussicht bleibt Ihnen nicht, und deshalb bitte

ich Sie sehr ernstlich, daß Sie dem armen Mädchen, dem Jettchen, keine

weiteren Sparren in den Kopf setzen!«

»Aber, bester Herr Pfeffer!«

»Ich glaube, Sie haben mich verstanden?«

»Vollkommen!«

»Schön, dann brauchen wir auch weiter nichts darüber zu reden, und

ich...«

Er wurde hier unterbrochen, denn in dem Moment flog die Thür auf und

herein stürzte in größter Eile und mit einem »Allerseitigen Guten

Morgen« Fräulein Bassini, Pfeffer's älteste Schwester, ebenfalls

Mitglied des hiesigen Stadttheaters -- mit einem riesigen Toupet von

hochrothen Locken, dabei decolletirt und sehr phantastisch angezogen.

Sie machte auch nicht viel Umstände.

»Fürchtegott,« rief sie, »ich habe meine Dose vergessen und muß in die

Probe -- borg' mir die Deinige.«

Fräulein Bassini -- wie sie mit ihrem Theaternamen hieß, da ihr der Name

Pfeffer zu prosaisch klang -- spielte Charakter- und Anstandsdamen.

Sie war aber »jeder Zoll eine Schauspielerin« und, wenn auch schon im

Anfange der Vierzig -- was sie übrigens hartnäckig leugnete --, doch

noch so liebenswürdig kokett, wie ein junges Mädchen von siebzehn

Jahren.

»Schon wieder einmal,« sagte Pfeffer, wie es übrigens schien, nicht

sehr erbaut von dem Ueberfall; »merkwürdig, daß Du nie etwas von Deiner

Auftakelei vergißt. Frauenzimmer, wie siehst Du heute Morgen wieder aus

-- gerad' wie ein Pfingstochse!«

»Du bist und bleibst ein Grobian!« rief Fräulein Bassini, indem sie ohne

Weiteres die auf dem Tisch stehende Dose an sich nahm und einsteckte --

»was müssen denn nur andere Leute von Dir denken. -- Guten Morgen, Herr

Rebe!«

»Und willst Du nicht einmal zu Deiner Schwester hinübergehen? Sie ist

nicht recht wohl.«

»Es hat schon zehn Uhr geschlagen, und ich komme im ersten Act,« rief

Fräulein Bassini, und damit war sie aus der Thür verschwunden.

Als sie dieselbe öffnete, sah Rebe draußen in der Küche Henriette

stehen.

»Also, mein lieber Herr Pfeffer?«

»Nun, ich denke, Sie haben auch Probe; Sie machen ja wohl einen von den

Ballgästen?«

»Leider,« seufzte der junge Mann, »aber ich komme erst am Schluß des

zweiten Actes.«

»War mir sehr angenehm,« sagte Pfeffer mit einer Miene, als ob er ihn

eben so lieb wie nicht zur Thür hinausgeworfen hätte.

Rebe machte eine Verbeugung und verließ das Zimmer. Wie er die Thür

hinter sich zudrückte, traf er vorn in der kleinen, halbdunkeln Küche,

die ihr Licht nur durch ein Thürfenster des Vorsaales erhielt, Jettchen.

»Mein liebes Fräulein, ich danke meinem Schicksal, daß ich Ihnen

wenigstens Guten Morgen sagen kann.«

»Guten Morgen, Herr Rebe,« erwiderte Henriette leise.

»Ihre Frau Mutter ist nicht wohl?«

»Hoffentlich nur eine Erkältung.«

»Hoffentlich -- und Sie arbeiten so fleißig?«

»Ich muß ja wohl.«

»Sie glauben nicht, wie lang mir der gestrige Tag geworden ist -- wie

lang mir mein übriges Leben werden wird.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Jettchen leise.

»Ihr Onkel hat mir mit ziemlich deutlichen Worten das Haus verboten --

und ich fühle selber, daß er dabei in seinem Rechte ist. Zürnen Sie mir

nicht, mein liebes Jettchen, wenn ich seinem Befehl gehorche -- ich sehe

ein, daß es sein muß.«

Drinnen im Zimmer klingelte es.

»Die Mutter verlangt nach mir,« rief das junge Mädchen.

»Leben Sie wohl,« Jettchen, sagte Rebe und reichte ihr die Hand, die sie

schüchtern nahm -- aber wieder klingelte es -- und sich losreißend, flog

sie in das Zimmer zurück. Horatius Rebe aber sah ihr wehmüthig nach und

verließ dann in einer recht gedrückten und traurigen Stimmung das Haus,

welches er kurz vorher so freudig betreten hatte.

2.

Unter den Buden.

Der Wagen mit dem jungen Paar und den Kindern, der vorhin Henriettens

Aufmerksamkeit erregt, fuhr noch eine Strecke durch das Menschengewühl

im Schritt, bis er einen freieren Platz erreichte. Dort ließ der

Kutscher die Pferde ein wenig austraben, und bald hielt das leichte

Fuhrwerk vor einem nicht sehr großen, aber außerordentlich freundlich

gelegenen herrschaftlichen Haus, an dessen Gartenpforte schon

verschiedene dienstbare Geister standen, um die erwartete Herrschaft in

Empfang zu nehmen.

Der junge Mann war, wie nur der Wagen hielt, rasch zuerst

hinausgesprungen, und seine beiden Kleinen aufnehmend und den

herbeieilenden Mädchen übergebend, half er der jungen Frau ebenfalls aus

dem Wagen -- aber sie bedurfte kaum seiner Hülfe.

Es war eine reizende, schlank gewachsene Gestalt, mit wundervollen

goldblonden Haaren und lebendigen, aber doch so seelenvollen Augen, die

aber kaum ihre Hand auf seinen Arm stützte, so leicht sprang sie

selbst von dem Wagen herab. Aber unten blieb sie stehen, und einen halb

neugierigen, halb ängstlichen Blick umherwerfend, sagte sie mit leiser,

fast zitternder Stimme:

»Und sind wir denn wirklich hier in Haßburg, Felix? Haben wir endlich

unser lang ersehntes Ziel erreicht?«

»Haßburg, gewiß,« lächelte ihr Gatte, indem er ihren Arm in den seinen

zog und, von den Kindern und den Dienern gefolgt, dem Hause zuschritt

-- »und alles Andere wird sich auch wohl fügen. Jetzt aber, herziges

Frauchen, zeige ich Dir vor allen Dingen unsere neue Heimath, und hoffe

gewiß, daß Du mit mir zufrieden sein sollst.«

»Mein guter Felix -- Du sorgst so für Alles!«

»Du wirst mir bezeugen müssen,« lächelte ihr Gatte, »daß ich mich

diesmal selbst übertroffen habe.«

Und in der That hatte er nicht zu viel versprochen. Das freundliche

Haus, das mitten in einem reizenden, wohlgepflegten Garten stand,

glich einem kleinen Paradies. Alles war dabei wohl reich und ihrem Rang

entsprechend, aber auch so einfach und geschmackvoll hergerichtet,

daß, wie er mit seiner Gattin die Räume durchschritt, Helene, die junge

Gräfin Rottack, kaum Worte fand, ihm dafür zu danken.

So durchwanderten sie das ganze Haus, und endlich, als sie so ziemlich

Alles besichtigt hatten, traten sie hinaus auf einen kleinen

eisernen Balkon. Hier aber eröffnete sich ihnen ein wunderliebliches

Landschaftsbild nach den, Haßburg umschließenden Hügeln und Hängen

hinüber, und Helene, von der Aussicht wirklich entzückt und überrascht,

flüsterte, indem sie ihr Haupt an des Gatten Schulter schmiegte:

»Wie soll ich es Dir danken, Felix, daß Du so meinen kleinsten,

vielleicht thörichten Wunsch erfüllt? Wie soll ich überhaupt je im Leben

das wieder gut machen, was Du schon in den wenigen Jahren für mich --

für das arme, freundlose Kind -- für die Waise gethan? -- Ich weiß

es nicht -- mein ganzes Herz ist nur erfüllt von dem Einen Gefühl des

Dankes, der Liebe für Dich, Du guter Mann!«

»Meine Helene -- mein liebes Herz!« rief Graf Rottack, sie an sich

pressend -- »wer von uns ist dem Andern denn mehr zu Dank verpflichtet,

Du mir, oder ich Dir? Was anders habe ich gethan, als nur die Liebe

erwidert, die Du mir entgegenbrachtest, während Du Dein ganzes Glück,

Dein ganzes Leben vertrauensvoll in meine Hände legtest!«

»Mein Felix!«

»Was wäre aus mir geworden,« fuhr der junge Mann fort, sie immer noch

in seinem Arm haltend, »wenn Du Dich damals meiner nicht angenommen? In

einer Stimmung, die mich der tollsten Streiche fähig machte, wäre ich

vielleicht zu Grunde gegangen. Du allein hast mich dem Leben erhalten,

und gebe nur Gott, daß ich Dir, armes Herz, auch den Frieden wiedergeben

könne, nach dem Du Dich sehnst -- daß ich Dir das Einzige verschaffe,

was bisher nicht in meinen Kräften stand -- die Liebe Deiner Mutter!«

»Und hast Du jetzt nicht den Schritt gethan, der uns ihr näher bringen

mußte?« sagte Helene herzlich.

»Ja, mein Schatz,« erwiderte Graf Felix, indem er sie losließ und sich

mit der Hand wie verlegen durch die dunkeln Locken fuhr -- »aber -- ich

möchte nicht, daß Du Dich dadurch zu großen Erwartungen hingäbst, und

ich -- fürchte -- wir sind jetzt gerade noch so weit von unserem Ziel

entfernt, wie früher.«

»Du hast kein Vertrauen zu ihr...«

»Aufrichtig gesagt, nein,« erwiderte ihr Gatte. »Du weißt, daß die

Gräfin Monford, als wir vor fünf Jahren aus Brasilien zurückkehrten,

mit ihrem Gatten auf Reisen war und sich drei Jahre lang in Italien,

Griechenland und Egypten amüsirte. Dann kehrten sie auf wenige Monate

zurück und gingen wieder nach Paris und London, so daß eben kein Halt

an sie zu bekommen war. Jetzt endlich haben sie sich seit etwa sechs

Monaten hier bei Haßburg auf ihrem alten Stammsitz niedergelassen, und

ich war im Stande, die genauesten Erkundigungen über sie einzuziehen.«

»Und was können fremde Menschen über sie sagen?«

»Fremde Menschen wissen genau, wie sie sich fremden Menschen zeigt,«

sagte Graf Rottack achselzuckend, »und wir selber müssen vollkommen

darauf gefaßt sein, als Fremde von ihr behandelt zu werden.«

»Die eigene Tochter?«

»Liebes Kind, Du vergißt, daß sie Dich nicht öffentlich anerkennen

_darf_, wenn sie sich nicht in den Augen der Welt vollständig

compromittiren will. Graf Monford ist dabei nicht allein ein sehr

reicher, sondern auch entsetzlich stolzer Herr, der an seinem Stammbaum

mit einer Verehrung hängt, als ob ihn Gott der Herr damals dem Altvater

Noah mit den ersten Weinreben in den Garten gepflanzt hätte. Einen

Flecken darauf, sobald er nur eine Ahnung davon bekäme, würde er für

mehr als ein Unglück, er würde ihn für das Verderben seines ganzen

Hauses halten, und erhielte er die Gewißheit des Geschehenen, so

zerrisse er -- glaube mir, ich kenne dergleichen Herren -- nachsichts-

und erbarmungslos die Bande, die ihn an seine Gattin fesseln. Und seine

Gattin weiß das, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Aber das Gefühl muß ja doch in ihr sprechen,« sagte Helene weich und

herzlich.

Graf Rottack wollte etwas darauf erwidern, aber bezwang sich. Er

hatte die Arme gekreuzt und starrte einen Augenblick sinnend auf die

sonnenbeschienenen Hänge hinaus. Endlich wandte er das Antlitz wieder

der ängstlich zu ihm aufschauenden Gattin zu und sagte, ihr freundlich

in die Augen sehend: »Du weißt, meine Helene, daß ich bis jetzt Alles

gethan habe, Deinen Wunsch zu erfüllen, Deinen Plan zu fördern. Es ist

Alles geschehen, um uns _dem_ näher zu bringen -- die Entfremdung von

Deiner Mutter zu heben; so laß uns aber, ehe wir den letzten Schritt

dazu thun, auch die Sache vorher ruhig besprechen, damit Dich eine doch

mögliche Enttäuschung Deiner Hoffnungen nachher nicht zu unerwartet faßt

und erschüttert.«

»So glaubst Du wirklich...«

»Von Glauben kann noch keine Rede sein, mein Herz, aber Du weißt, wie

Deine Mutter, nach jenem Fehltritt ihres Lebens, sich von Dir lossagte

und von da an eigentlich weiter gar nichts für Dich that, als daß sie

jener nach Brasilien gehenden Frau, der sie Dich vollständig überließ

-- ein Kostgeld für Dich zahlte. Du entdecktest das Geheimniß und

verließest jene Frau. Fest aber darfst Du davon überzeugt sein,

daß diese Madame Baulen Deiner Mutter die Flucht ihres Kindes nicht

angezeigt hat, sondern nach wie vor das Geld für Dich noch regelmäßig

fortbezieht. Deine wirkliche Mutter muß Dich also noch immer in

Brasilien glauben.«

»Ich bat Dich immer, ihr einmal zu schreiben,« sagte Helene leise.

»Um Gottes willen keinen Brief, Schatz!« rief ihr Gatte lächelnd. »Eine

Sache, die man wirklich als Geheimniß wahren will, darf man nie einem

Papier anvertrauen, denn kein Mensch kann wissen, wem ein solches Blatt

einmal durch Zufall in die Hand geräth. Denke nur daran, wie Du selber

das Geheimniß Deiner Geburt erfahren: nur dadurch, daß Deine Mutter

diese nöthigste aller Vorsichtsmaßregeln versäumte, durch einen in Deine

-- also in unrechte Hände gerathenen Brief. Nein, alles Derartige muß

entweder mündlich oder gar nicht abgemacht werden, mündlich und ohne

Zeugen, schon Deiner Mutter und deshalb auch Deinetwegen, und einmal

habe ich den Versuch schon gemacht.«

»Du hast sie gesehen, Felix?« rief Helene rasch und geängstigt, »und mir

kein Wort davon gesagt,« setzte sie leise und fast vorwurfsvoll hinzu,

»war das recht?«

»Weil ich Dir nicht unnöthiger Weise weh thun wollte, Schatz.«

»Und was sagte sie?«

»Ich hatte mich ihrem Gatten und ihr, als ich damals das Haus kaufte, an

einem dritten Orte vorstellen lassen und benutzte dann die Gelegenheit,

nachdem der Kauf abgeschlossen, mich bei ihnen als Nachbar, in ihrer

eigenen Wohnung, einzuführen. Natürlich war es nur eine Formvisite, aber

es sollte auch zugleich eine vorläufige Probe sein, ob die Gräfin bei

meinem Erscheinen irgend eine Bewegung zeigen würde. War das der

Fall, so hätte Madame Baulen in Santa Clara ihr doch, und wider alles

Erwarten, Mittheilung gemacht.«

»Und was sagte sie?«

»Ich hatte mich in unserer alten brasilianischen Freundin nicht geirrt,«

lachte Felix. »Die Gräfin Monford konnte keine Ahnung haben, denn sie

zuckte mit keiner Wimper, mein Name rief keine Erinnerung in ihrer Seele

wach. Ich war ihr ein vollkommen fremder Mensch.«

»Und war sie gut, war sie freundlich?« fragte Helene, und ihr Blick hing

angstvoll an den Lippen des Gatten.

»Sie war sehr vornehm und sehr stolz,« sagte Felix nach einigem Zögern;

»ich konnte nicht warm bei ihr werden. Aber laß Dir das keine Sorgen

machen, Kind,« fuhr er herzlich fort, als er den schmerzlichen Zug in

ihrem Antlitz bemerkte, »gegen einen vollkommen fremden Menschen konnte

sie ja auch kaum anders sein. Nur dürfen wir nichts übereilen und müssen

vor allen Dingen erst einmal bekannt mit der Familie werden. Sie soll

Dich erst sehen und lieb gewinnen, und dann findet sich einmal eine

Gelegenheit, wo Du sie, am besten hier bei uns, ohne Zeugen sprechen und

Dich ihr entdecken kannst. Willst Du das mir überlassen?«

»Von Herzen gern, Felix,« sagte Helene mit tiefem Gefühl. »Wem auf der

Welt könnte ich lieber den heißesten Wunsch meiner Seele anvertrauen,

als Dir, der Du schon so oft bewiesen hast, wie lieb ich Dir bin, wie

gut Du es mit mir meinst.«

»Schön, meine Puppe,« lachte da Felix wieder in der alten muntern Laune

und schloß sie in die Arme. »Dann aber mach' auch jetzt wieder ein

freundliches Gesicht und laß Kummer und Sorgen fahren. Was geschehen

kann, geschieht, dann haben wir uns wenigstens selber keine Vorwürfe zu

machen. Und nun, Schatz, nimm Dich vor allen Dingen einmal Deiner Kinder

an, denn die kleine Gesellschaft macht ja draußen einen Heidenlärm.«

»Ich kann sie nicht mehr bändigen, Herr Graf!« rief in diesem Augenblick

die Bonne, die mit ihnen aus dem Nebenzimmer kam. »Günther will absolut

hinaus auf den Markt unter die Buden, und Helenchen verlangt ebenfalls

zur Musik!«

»Vortrefflich, dann gehen wir unter die Buden,« lachte Felix, dem es

ganz erwünscht kam, etwas gefunden zu haben, was seine junge Frau für

den Augenblick zerstreuen konnte, und ein Jubelgeschrei der Kinder

antwortete ihm.

Helene war nicht recht damit einverstanden, aber das kleine Volk

hatte einmal die Zusage und nahm den Papa beim Wort, und die nöthigen

Anordnungen waren bald getroffen.

Es mochte jetzt etwa zwei Uhr sein; das Diner, welches das junge Paar

stets mit den Kindern und der Bonne einnahm, war auf fünf Uhr bestellt,

und mit dem jubelnden Knaben an der Hand, während Helene das Töchterchen

führte, von der Bonne und einer Magd begleitet, die mitgenommen wurde,

um die Kleinste von Zeit zu Zeit zu tragen, schritten sie in das Treiben

hinaus, das selbst bis hierher seine Trabanten gesandt hatte. Die

Schützenwiese lag aber auch gar nicht weit von dort entfernt, und man

konnte das Hämmern der Pauken, wie einzelne Trompetenstöße und ebenso

den scharfen, kurzen Krach der Büchsenschüsse, wenn auch durch die

Entfernung gemildert, doch deutlich bis hier herüber hören.

Und die Kinder waren selig, denn überall bot sich ihnen Neues,

Ungeahntes.

Hier stand eine Polichinell-Bude mit den kleinen, beweglichen Figuren

und der geheimnißvollen, aus dem Kattunkasten herausklingenden Stimme.

Dort auf einem großen, runden Tische, von zahlreichen Zuschauern

umdrängt, gab eine bunt gekleidete Affenfamilie ihre Vorstellungen. Da

drüben wurde nach einer Reihe von aufgestellten Scheiben und Sternen

mit Bolzenbüchsen geschossen, und wenn man das Ziel traf, so sprang

plötzlich ein bunt gemalter Mann mit einer spitzen Mütze heraus, oder

ein lauter Knall kündete den Treffer.

Und dann die Carroussels! Wie jubelte das kleine Pärchen, als es die

bunt beflaggten schwebenden Pferde und Wagen sah, und natürlich gaben

sie keine Ruhe, bis sie mitten darin saßen und, von der Bonne und Magd

bewacht, ihren Rundritt machen durften. Der kleine Günther ließ aber

richtig nicht nach, bis er auch auf eins der kleinen Pferdchen gesetzt

wurde, wo er versprach, sich tüchtig festzuhalten. Er faßte auch mit

beiden Händchen die Eisenstange, als ob sein kleines Leben daran hinge.

Die Mutter war erst ängstlich, daß er herunterfallen könnte, denn wenn

sie selber auch das wildeste Pferd nicht scheute, sorgte sie sich doch

um den kleinen Liebling. Der Vater ließ ihn aber lächelnd gewähren, und

wie stolz saß jetzt der kleine Bursch auf seinem gemalten Pferd, dessen

Seiten er mit den Hacken bearbeitete, bis sich die Reihe an zu drehen

fing. Dann aber klammerte er sich fest und ängstlich an, denn so rasch

hatte er sich die Bewegung doch nicht gedacht.

Und nun kamen die Buden selber mit ihren zahmen Ponies und kreischenden

Papageien, mit ekelhaft fetten Menschen, die sich für Geld sehen ließen,

mit angestrichenen Indianern und gezähmten Hyänen, mit Taschenspielern,

Feuerfressern, Bauchrednern und wie diese Unnatürlichkeiten alle hießen.

Die Kinder sehen allerdings nur das Wunderbare und den Flittertand

daran, während die Erwachsenen gewöhnlich ein Gefühl des Ekels oder

Mitleids beschleicht, wo derartige Charlatanerien zu einem Broderwerb

benutzt werden, die doch das Elend nicht verbergen können, das hinter

all' dem Tand und Putz sich birgt.

Das junge Paar ekelte auch dieses wüste Treiben an, das sie nur den

Kindern zu Liebe wieder einmal durchkosteten. Diese ließen aber keine

Ruhe, bis sie auch wenigstens ein paar der Buden betreten hatten, und

am meisten jubelten sie bei einem Marionettenspiel, aus dem sie fast nur

mit Gewalt wieder entfernt werden konnten.

»Bleib nur ein klein wenig sitzen, Mama,« rief Helenchen, als der

Vorhang endlich fiel, »er geht gleich wieder in die Höh'!« Lachend nahm

Graf Rottack die Kleine auf den Arm, um sie durch das Gedränge hinaus

in's Freie zu tragen, und athmete ordentlich hoch auf, als er endlich

wieder den blauen Himmel über sich sah. Hier draußen preßte aber gerade

eine solche Masse von Menschen vorüber, daß er der Bonne Acht auf

den Knaben befahl und, seine Frau an den Arm nehmend, über die Straße

hinüber zu kommen suchte, wo er freieren Raum sah.

Die Marionettenbude war die letzte in der Reihe, und dicht daran führte

die breite Promenade, welche sich um die Stadt selber herumzog und

gewöhnlich zu Spazierfahrten der =haute volée= benutzt wurde. Eben jetzt

kam eine Equipage, langsam im Schritt durch die Menschenmenge sich Bahn

suchend, vorüber, und die aus dem Wege Drängenden hemmten jede Passage

in diesem Augenblick so, daß Graf Rottack mit den Seinen stehen bleiben

mußte, um sie erst vorüber zu lassen.

Helene fühlte, wie Felix ihren Arm fest an sich drückte, und von einer

plötzlichen Ahnung ergriffen, flüsterte sie rasch und erschreckt: »Wer

ist das?«"

»Sei stark, mein braves Frauchen, und verrathe keine Bewegung,« ermahnte

sie ihr Gatte, »es sind Monfords!«

»Meine...«

»Bst, mein Schatz,« warnte Felix rasch, »wir können ihnen nicht mehr

ausweichen. Hänge Dich nur fest an meinen Arm.«

Der Wagen hatte sie erreicht und fuhr unmittelbar an ihnen vorüber. Nur

der Graf und die Gräfin saßen im Fond desselben. Er, der Graf, mochte

ein Herr hoch in den Sechzigen sein, mit weißem, vollem Haar und einem

wohlgepflegten Schnurrbart.

Seine Frau, eine Dame von vielleicht einigen vierzig Jahren, stattlich

und vornehm, in eleganter, aber nicht überladener Toilette, während der

Graf selber nur eine Jagdjoppe mit grünem Kragen trug, lehnte nachlässig

neben ihm und betrachtete die an ihrem Wagen vorbeidrängenden Menschen

durch ihre Lorgnette.

Graf Rottack, der noch immer sein kleines Töchterchen auf dem Arm trug,

grüßte, und Helene, die zitternd an seinem Arme hing, verneigte sich

ebenfalls. Graf Monford, den jungen Mann erkennend, dankte freundlich,

während die Gräfin nur eben die Lorgnette von ihrem Auge entfernte und

langsam das Haupt neigte.

Die Gräfin mußte einmal bildschön gewesen sein -- sie war es selbst

jetzt noch und schien das auch zu wissen -- aber der Wagen passirte, und

Graf Rottack, der sich erst umsah, ob er auch die Seinen bei

einander habe, schritt jetzt mit Helenen über die Straße, um aus

dem Menschenschwarm hinaus zu kommen. Dort übergab er sein kleines

Töchterchen der Wärterin.

»Kanntest Du den Herrn?« sagte im Wagen Graf Monford zu seiner Gattin,

als sie vorübergefahren.

»War das nicht der Graf Rottack, der uns einmal vor einiger Zeit

besucht?«

»Ganz recht, mit seiner jungen Frau wahrscheinlich. Er hat sich ja hier

angekauft. Ein hübsches Paar.«

»Aber die Frau scheint sehr kränklich, sie hatte keinen Blutstropfen im

Gesicht.«

»Möglich, vielleicht angegriffen von der Reise. Es kann auch sein, daß

er sie gerade aus Gesundheitsrücksichten hierher gebracht. So viel ich

weiß, ist es eine Amerikanerin.«

»Aus Amerika?«

»Er war ja selber lange dort...«

Die Unterhaltung wurde hier abgebrochen. Die Gräfin hing ihren eigenen

Gedanken nach, und der Graf richtete sich auf, um nach den Pferden zu

sehen, indem das Handpferd vor einem vorüberziehenden Kameel scheute und

nur schwer wieder beruhigt werden konnte.

Sprachlos hing indes Helene an des Gatten Arm und mußte ihre ganze

Geistesstärke zusammennehmen, um der Bewegung Herr zu werden, die sie

beim ersten Anblick der Mutter ergriffen.

»Oh, wie kalt, wie stolz sie aussah!« flüsterte sie endlich leise vor

sich hin.

»Beruhige Dich, mein Herz -- wie bleich Du nur geworden bist -- sei mein

starkes Kind. Es wird ja noch Alles gut werden.«

»Laß mich nur einen Augenblick, Felix!« bat die junge Frau, »es war nur

der erste Moment, die erste Ueberraschung. Sieh', jetzt geht es wieder

besser, ich bin ja nur ein thöricht Kind, daß ich mir über das Aussehen

der stolzen Frau Sorge machen sollte. Konnte sie denn ahnen, wer an

ihrem Wagen stand? Und ihr Antlitz war so lieb und schön -- Du hast

Recht, Felix: es wird noch Alles gut werden.«

Mitten im Weg kam ein kleiner, dicker Herr auf sie zu, der, die Hände

in den Taschen, einen sehr hohen Cylinderhut auf hatte und, obgleich

er sehr anständig und einfach gekleidet ging, doch durch seine

Beweglichkeit, mit welcher er den kleinen, runden Körper schwenkte,

und durch sein entschieden vergnügtes Gesicht Rottack's Auge für einen

Moment auf sich zog. Aber bei solchen Gelegenheiten, wie Jahrmarkt und

Vogelschießen, kommen ja oft gar wunderliche Leute zusammen, und er

wollte eben mit der Gattin vorübergehen, als des Fremden Blick auf sie

fiel.

Merkwürdig war die Veränderung, die da in dessen Zügen vorging. Im

Nu war der kleine vergnügte Mann ganz ernsthaft geworden, ja, sah

ordentlich erstaunt aus, riß aber auch im nächsten Augenblick die rechte

Hand aus der Hosentasche und den Hut vom Kopf, wobei er eine ordentlich

blendende Glatze zeigte, und ging tief grüßend, aber wie verdutzt

vorüber.

Graf Rottack konnte kaum ein Lächeln über den wunderlichen Menschen

unterdrücken, aber er dankte freundlich und schritt jetzt in dem hier

freier werdenden Weg der gar nicht mehr so fern liegenden Wohnung zu.

Auch von Helenens Antlitz war jetzt der Schatten gewichen, der sich über

ihre lieben Züge gelegt, und die Farbe in ihre Wangen zurückgekehrt. Sie

hatte ihr kleines Mädchen, das nicht länger getragen werden wollte, an

die rechte Hand genommen, und die Kleine trippelte munter nebenher und

zeigte mit dem freien Händchen, fortwährend jubelnd, bald da-, bald

dorthin, wo sie etwas Neues und Auffallendes entdeckte.

»Bitte um Entschuldigung,« sagte in diesem Augenblick, dicht an Graf

Rottack's Seite, eine Stimme, und als er den Kopf danach umdrehte,

bemerkte er zu seinem Erstaunen den komischen kleinen Fremden, der

wieder mit entblößtem Kopf neben ihm stand, oder vielmehr neben ihm

herging und, zu ihm aufsehend, fortfuhr: »Ich habe doch das Vergnügen,

den Herrn Grafen Rottack zu begrüßen?«

»Mein Name ist Rottack,« sagte Felix erstaunt, »aber ich weiß nicht...«

»Und kennen Sie mich nicht mehr? Und die Frau Gräfin auch nicht?

Und das?« rief er, indem er seinen Hut wieder aufstülpte, die Füße

auseinander spreizte und beide Hände auf die eingebogenen Kniee drückte

-- »Hurrjeh, das ist schon die kleine Familie?«

»Jeremias!« rief in dem Augenblick erstaunt Helene aus.

»Jeremias, bei Allem, was lebt!« lachte jetzt Rottack gerade hinaus,

indem er dem kleinen, noch vor den Kindern kauernden Mann die Hand

entgegenstreckte. »Mensch, wo kommen Sie auf einmal hergeschneit?«

»Direct von Brumsilien, Herr Graf,« sagte der kleine Mann mit

dem ernsthaftesten Gesicht, indem er sich wieder aufrichtete, die

dargebotene Hand derb und herzlich schüttelte und dann eben so ungenirt

Helenens freundlich gebotene Rechte nahm -- »direct von Santa Clara, aus

dem alten Nest, und wahrhaftig, keinem Menschen auf der Welt hätte ich

lieber begegnen mögen, als Ihnen Beiden! Der Anblick thut kranken Augen

wohl. Und das ist die kleine Familie? Jemine, meine Güte, was für ein

paar Puppen; und so geschwinde!«

Ein Zug von Schmerz war über Helenens Antlitz gezuckt, als der

Anblick des Fremden aus der fernen Colonie ihr rasch wieder schon fast

vergessene trübe Bilder vor die Seele rief; aber wie eine leichte Wolke

strich es darüber hin, und bald lag wieder lichter Sonnenschein auf dem

holden Angesicht.

Sie hatte auch Jeremias immer gern gehabt und wohl gefühlt, daß dem

komischen, hastigen Wesen des Mannes ein guter Kern zu Grunde lag, der

es treu und ehrlich meinte. Rottack selber war aber hoch erfreut, dem

kleinen Manne wieder begegnet zu sein, der ihm Nachricht von vielen

Menschen bringen konnte. Uebrigens sah er recht gut, daß sich Jeremias,

wenn er auch sonst vielleicht noch der Alte geblieben, in seinen

Verhältnissen und seinem ganzen Leben sehr gebessert haben mußte.

Er war nicht allein sehr anständig gekleidet, sondern sah auch adrett

und sauber aus. Er trug keinen Goldschmuck irgend welcher Art an sich,

aber seine Kleider vom besten Tuch, und schneeweiße Wäsche. Nur in die

Glacé-Handschuhe hatten sich die arbeitsharten Hände nicht gewöhnen

können, möglich auch, daß vielleicht keine passende Größe aufzufinden

gewesen, denn im Innern der Hand waren schon beide aufgeplatzt. Aber

seine Bewegungen blieben frei und unbefangen, wie immer.

»Nun sagen Sie mir aber vor allen Dingen, Jeremias,« rief Rottack

endlich, nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen über dieses

plötzliche Begegnen erholt, »wie kommen Sie gerade nach Haßburg? Stammen

Sie aus dieser Gegend, oder hat Sie nur der Zufall hierher geführt?«

»Keins von Beiden,« erwiderte der kleine Mann, der aber sonderbarer

Weise wie etwas verlegen bei der Frage wurde; »das ist übrigens eine

lange Geschichte, Herr Graf, die sich nicht so auf der Straße erzählen

läßt.«

»Dann kommen Sie mit uns, Jeremias,« rief der Graf rasch, »und essen Sie

mit uns -- wir gehen gerade zum Diner!«

»Aber, Herr Graf!« rief Jeremias, ordentlich verblüfft.

»Machen Sie keine Umstände,« lachte Felix, der seelenfroh war, gerade

jetzt etwas zu finden, das Helene zerstreuen und ihr die frohe Laune

wiedergeben konnte; »wir sind ganz unter uns und können da nach

Herzenslust plaudern. Ich habe eine ordentliche Sehnsucht danach, wieder

einmal etwas von Brasilien zu hören.«

»Na, wenn Sie es denn nicht anders haben wollen,« lachte Jeremias, dem

man es aber ansah, wie schmeichelhaft ihm die Auszeichnung war --

»mir kann's recht sein. Jemine, es geht aber doch eigentlich nirgends

curioser zu, als in der Welt!«

»Also Sie kommen mit?« lächelte Helene, die selber schon zu lange in

den transatlantischen Colonien gelebt hatte, um darin etwas

Außerordentliches zu finden, daß ein Mann, der früher sogar in einem

dienenden Verhältnis zu ihnen gestanden, jetzt auch einmal ihr Gast sein

sollte, ja, es drängte sie selber, Neues aus dem alten Leben zu hören,

mit dem sie jetzt freilich vollkommen abgeschlossen.

»Ob ich mitkomme,« lachte aber Jeremias, »mit dem größtmöglichsten

Vergnügen, und die kleine Erbprinzessin werde ich mir indessen

ausbitten,« und damit wollte er das kleine Helenchen von der Erde und

auf den Arm nehmen. Das aber war für Helenchen zu viel Vertraulichkeit

auf einmal -- den fremden Mann kannte sie ja noch gar nicht, und mit

einem: »Du, das darfst Du nicht!« fuhr sie zurück und wehrte ihn mit

ihren kleinen Händchen von sich ab.

»Steckt im Blute,« lächelte Jeremias, während er, den Kopf seitwärts

gehalten, nach ihr hinabsah -- »bin der kleinen Comtesse noch nicht

vorgestellt worden; aber ich weiß, wie man's macht -- bitte, warten

Sie nur einen Augenblick!« und ehe Graf Rottack und Helene nur etwas

entgegnen konnten, drehte er sich ab und schoß mit langen Schritten auf

eine gerade dort gelegene große Conditorei los, in die er eintauchte

und wenige Minuten später wieder mit einer riesigen, goldpapiernen

Zuckerdüte zum Vorschein kam.

»Na, und jetzt, mein gnädiges Fräulein,« rief er, indem er dem lachenden

Kinde die Düte offen hinhielt, »was sagen wir nun? Zugegriffen, versteht

sich -- Kinder sind sich doch alle gleich, allgemeine Menschennatur. Und

jetzt wollen wir zum Essen gehen, wenn die Frau Gräfin nichts dagegen

haben.«

Damit nahm er die Kleine, die es sich, eifrig mit der Düte beschäftigt,

jetzt auch ruhig gefallen ließ, ohne Weiteres auf den Arm und unterhielt

sich, während Felix mit der Gattin voran und ihrem Hause zuschritt,

unterwegs mit der ihm erst erstaunt und dann lachend zuhörenden Bonne.

3.

Das Rendezvous.

Mild und erwärmend lag die Nachmittagssonne auf dem schönen Land und

warf einen ordentlich magischen Schein über die rothblinkenden Stämme

eines Tannenwaldes, der, dunkel und dicht gedrängt, die nächste

Hügelkette deckte, und über das breite, wohlgepflegte Wiesenthal, das

sich am Fuße desselben hinzog. Ein kleiner, schmaler Fluß schlängelte

sich hindurch, helle Weidenbäume mit ihrem graugrünen Laube faßten ihn

ein, während einzelne hochstämmige Erlen mit den knotigen, oft behackten

Stämmen dazwischen standen und malerische Gruppen bildeten. Der

Fluß aber sprang murmelnd und rasch zwischen ihnen hin und warf die

Sonnenstrahlen wie spielend in blitzenden Lichtern zurück.

Seitwärts aber erhob sich ein kleiner, sorgfältig mit Blüthenbüschen

bepflanzter Hügel, aus dessen Strauch- und Baumwerk, von einzelnen

schlanken italienischen Pappeln überragt, die Mauern eines stattlichen

Schlosses oder Herrenhauses hervorleuchteten, während rechts durch einen

tiefen Einschnitt der Hügelkette die Ziegeldächer von Haßburg und der

eine Thurm des Domes sichtbar wurden.

In dem Wiesenthale selber, bald dicht am Ufer des kleinen Flusses, bald

mitten darin, lagen zerstreute Gruppen von Birken, knorrigen Eichen,

Linden und Blutbuchen, als ob sie der Zufall dort hätte keimen lassen.

In der That aber waren sie künstlich angelegt und gepflegt, und dienten

auch nur dazu, um der ganzen Gegend etwas Parkähnliches zu geben, ohne

ihr jedoch den Charakter ihrer ursprünglichen Natürlichkeit zu nehmen.

Der ganze District war auch in der That nur ein erweiterter Theil des

unmittelbar an das Schloß stoßenden Gartens, und ein schmaler, aber

gut gehaltener und mit Kies überstreuter Fahr- und Reitweg lief, den

Windungen des Wassers folgend, auf das Schloß zu. Das Ganze wurde durch

einen leichten, grün angestrichenen Drahtzaun eingeschlossen, der aber

von Weitem gar nicht sichtbar war und dadurch dem Parke nur noch mehr

das Ansehen einer freien Landschaft ließ.

Menschen waren nirgends zu erkennen, nur unten am Fluß, wo das

Hochwasser die Uferbank so ausgewaschen hatte, daß die das Erdreich

zusammenhaltenden Wurzeln einer uralten Erle fast eine Art von Dach

bildeten, kauerte ein Mensch neben einem hier durch die Strömung

gewühlten Wasserloch und angelte.

Ob er ein Recht dazu hatte? Es schien kaum so, denn Alles verrieth weit

eher, daß er sich hier auf verbotenem Grund oder doch jedenfalls bei

einer verbotenen Beschäftigung befand. Er benutzte eine höchst sinnreich

so gefertigte Angelruthe, daß sie, wenn er sie zusammenschob, genau in

seinen alten Eichstock paßte und durch die unten angeschraubte Zwinge

dann vollkommen abgeschlossen und versteckt wurde, und hatte dabei

eine alte, abgenutzte, lederne Jagdtasche umgehängt, in welcher auch

jedenfalls sein übriges Angelgeräth stak, denn draußen war nichts weiter

davon zu bemerken.

Der ganze Bursche sah überhaupt alt und abgenutzt aus. Er trug einen

fadenscheinigen, grauen Rock mit fettigem Kragen, alte lederne Gamaschen

und derbe Schuhe, auf dem Kopfe eine abgegriffene, graue Mütze, und

eine baumwollene Weste, wie sie die ärmsten Bauern zu tragen pflegen. Er

schien dabei auch nicht mehr jung; das unter der Mütze hervorquellende

Haar war, wenn nicht ganz weiß, doch stark gesprenkelt. Nur der

kleine, struppige Schnurrbart, der nicht zu seinem Vortheil Spuren von

Schnupftabak zeigte, war völlig weiß, was sich leider nicht von seiner

Wäsche sagen ließ, und trotzdem sah der Mensch aus, als ob er schon

einmal bessere Tage gesehen hätte, mochte er jetzt auch noch so arg

heruntergekommen sein. Seine Stirn war hoch und gewölbt, und das kleine,

graue, lebendige Auge konnte, wenn es nicht scheu umherblickte, oft

recht trotzig unter den buschigen Brauen hervorleuchten.

In seiner, ob nun hier erlaubten oder verbotenen Kunst schien er

übrigens gar nicht so ungeschickt, denn in der kurzen dort verbrachten

Zeit hatte er schon zwei mehr als halbpfündige Forellen aus dem

fischreichen Strom herausgeworfen, ihnen dann augenblicklich mit einem

alten, abgenutzten, aber haarscharfen Genickfänger den Kopf durchstochen

und sie, also abgeschlachtet, in seinen Ranzen geschoben.

Uebrigens zeigte er wenig Furcht bei seiner Beschäftigung, so versteckt

er sie auch trieb; er qualmte aus einer kleinen, kurzen Pfeife mit einem

Maserkopf und einer Spitze, die jedem andern Menschen das Rauchen hätte

für Lebenszeit verleiden können, und hob nur selten einmal und nur dann,

wenn er wieder einen Fisch gefangen, den Kopf, um über den Wiesenrand in

den Park hinaus zu sehen. Aber er hatte auch einen Wächter.

Oben unter der Erle saß ein kleiner Spitz, so alt und ruppig und grau

gesprenkelt wie sein Herr, ein Auge geschlossen, als ob er auf der Seite

schliefe, während das andere aufmerksam bald da, bald dort hinüberflog,

und so regungslos, als ob er zu den Wurzeln, zwischen denen er kauerte,

gehörte. Der alte Fischer war auch völlig unbesorgt, denn er wußte recht

gut, daß ihm das kleine pfiffige Thier das Nahen irgend eines Menschen

augenblicklich anzeigen würde -- war es doch darauf dressirt.

Uebrigens hatte der Alte ein Recht, sich hier im Park aufzuhalten, denn

sein angebliches Geschäft war, die Maulwürfe aus den Wiesen wegzufangen,

worin er eine ganz besondere Geschicklichkeit besaß. Auch in der Gegend,

in welcher er seit etwa drei Jahren sein Wesen trieb, war er bekannt

genug, und das Volk nannte ihn kurzweg den »Maulwurfsfänger«. Sodann

führte er auch Gift für Ratten und Mäuse bei sich, wußte Mittel gegen

jedes andere Ungeziefer, und die Bauern in der Umgegend ließen es sich

außerdem nicht nehmen, daß er »mehr verstehe, als Brod essen«, das

heißt, daß er auch mit übernatürlichen Dingen Gemeinschaft pflege und

in einer Anzahl von »schwarzen Künsten« erfahren sei, die er, wenn er

wolle, sowohl zum Nutzen wie zum Schaden seiner Mitmenschen benutzen

könne.

Der gräfliche Revierförster, welcher den Maulwurfsfänger vielleicht

schon deshalb haßte, weil ihn dieser immer spöttisch »Herr College«

nannte, kam der Sache jedenfalls näher, wenn er den Menschen für einen

ganz durchtriebenen Burschen hielt, der sich eben so wenig ein Gewissen

daraus gemacht hätte, eine Schlinge für einen Maulwurf wie für einen

Hasen oder für ein Reh zu legen; wenigstens hatte er schon einige von

diesen angetroffen, ohne aber je dem Thäter auf die Spur zu kommen. War

es der »alte Fritz«, wie der Bursche in der Nachbarschaft allgemein mit

seinem Vornamen hieß, wirklich gewesen, so wußte er es viel zu schlau

anzustellen, als sich von einem der Beamten erwischen zu lassen, und da

man ihm in der That keine ungesetzliche Handlung nachweisen konnte,

gab Graf Monford, dem diese Besitzung gehörte, auch dem Drängen

seines Försters nicht nach, dem verdächtigen Gesellen das Betreten des

herrschaftlichen Bodens zu verbieten. Er solle nur ordentlich aufpassen,

erwiderte er stets dem Förster, und wenn er ihn je einmal ertappe, sei

es noch immer Zeit ihn fortzujagen, früher nicht.

Eine Stunde mochte der Mann etwa so unter der alten Erle gesessen

und geangelt haben, und hatte eben wieder einen starken Fisch

herausgebracht, als der Spitz oben leise knurrte.

»Bravo, mein Hundchen,« lachte der Alte vor sich hin, »und gerade zur

rechten Zeit, denn dem Platz hier muß ich doch jetzt ein paar Tage Ruhe

geben.«

Mit diesen Worten schlachtete er seine zappelnde Beute ab, schob sie zu

den Uebrigen in den Ranzen, vertilgte dann rasch soviel als möglich alle

Spuren, die da unten seine Beschäftigung hätten verrathen können, und

richtete sich vorsichtig in die Höhe. Er brauchte auch nicht lange umher

zu suchen, von welcher Seite Jemand nahe, denn der Kopf seines klugen

Hundes gab ihm dafür die genaue Richtung an, und dort hinüber sehend,

erkannte er bald, daß er von _diesem_ Störenfried nichts zu fürchten

habe.

Es war ein sehr elegant, fast etwas auffällig gekleideter Herr,

eine Persönlichkeit wie aus einem Modejournal herausgeschnitten, mit

sorgfältig gepflegten Locken, kleinem, sehr zierlichem Schnurrbart,

Glanzstiefeln, kurz Allem, was dazu gehört. Was sich aber nicht gehörte,

war, daß er nicht auf dem Wege her, wo die Thür lag, sondern quer über

die Wiese kam, also jedenfalls über den Drahtzaun gestiegen sein mußte.

Eben so wenig schien er auf einem gleichgültigen Spaziergang begriffen,

sondern weit eher Jemanden zu suchen oder zu erwarten. Dem schlauen

Maulwurfsfänger konnte es wenigstens nicht entgehen, daß er sich

vorsichtig nach allen Seiten umsah und seine Richtung so über die Wiese

nahm, um fortwährend durch die Büsche und Baumgruppen gegen einen Blick

von den oberen Schloßfenstern gedeckt zu bleiben.

»Spitz, komm 'runter,« flüsterte der Alte jetzt seinem Hunde zu, denn

er hatte seinen Plan geändert, das Versteck zu verlassen, und schien vor

der Hand einmal abwarten zu wollen, was der fremde Herr hier im Schilde

führe. Möglich auch, daß er selber nicht von ihm gesehen zu werden und

deshalb nur noch seine Zeit abzupassen wünschte, um ihn erst hinter die

eine oder die andere Baumgruppe zu lassen -- und doch war wohl hier nur

sehr wenig Gefahr vorhanden, daß der feine Stutzer ihn verrathen oder

selbst nur ahnen konnte, was er da getrieben.

Der Spitz gehorchte übrigens augenblicklich. Wie ein Fuchs drückte

er sich auf den Boden und kroch dicht an den Wurzeln der Erle hin bis

hinter den Stamm, von wo er auf das unmittelbare Flußufer hinabsprang.

Hier allerdings schnüffelte er erst einmal nach den, wenn auch

vertilgten Blutspuren der abgeschlachteten Fische hin; dann drehte er

sich ein paar Mal im Sande herum, bis er die richtige Stellung gefunden

hatte, und legte sich zusammengerollt ruhig nieder. Er wußte, daß seine

Dienste vor der Hand nicht weiter in Anspruch genommen wurden.

Der Maulwurfsfänger hatte indessen, ohne weitere Notiz von seinem Hund

zu nehmen -- das Kinn auf die zusammengestellten Fäuste gestützt --

die Bewegungen des Nahenden über die Uferbank hin eine ganze Weile

beobachtet. Er wußte dabei recht gut, daß er selber nicht gesehen werden

konnte, denn seine graue Mütze und sein graues Haar verschwanden auf die

Entfernung völlig in der Erdfarbe des Bodens. Plötzlich aber stahl sich

ein grimmes Lächeln über seine Züge, denn vom Schloß herunter entdeckte

er durch die Büsche ein lichtes Frauenkleid, das mit dem Besuche

augenscheinlich in Zusammenhang stand.

Der Alte hatte nun allerdings vortreffliche Augen, schien sich aber hier

doch nicht allein auf diese verlassen zu wollen, sondern griff in die

Brusttasche und holte von dort ein kleines Teleskop hervor, das er

auseinander zog und auf die nahende Dame richtete. Nur wenige Secunden

sah er aber aufmerksam hindurch, als er auch schon leise vor sich hin

pfiff und dann lachend murmelte:

»Sieh, sieh, sieh, Comtesse Paula, auch schon auf der Jagd, und noch

dazu, wie es scheint, auf verbotenem Wilddiebstahl -- was man doch nicht

Alles erlebt, wenn man alt wird! Und wer zum Henker ist denn nur der

feine Herr, der nicht offen in's Schloß kommen darf, sondern hinten

herum über die Zäune steigen muß, um von der verbotenen Frucht zu

naschen? Hm, das Gesicht kenne ich nicht,« setzte er leise hinzu, als er

das Glas dort hinüber gerichtet hatte. »Geschniegelt und gebügelt genug

sieht er aus, um da oben hinein in die Gesellschaft zu passen, mit

goldenen Ketten und Ringen und allem möglichen Firlefanz; wird ihm aber

wohl am Besten fehlen, am alten Adel. Ja, mein Schatz, da mußt Du Dir

freilich die Graupen nach der jungen Gräfin Monford vergehen lassen,

oder...«

Er brach kurz ab, drehte sich um, kauerte sich wieder am Wasser nieder

und starrte wie in alte Erinnerungen versunken auf die blitzende Fläche,

aber ein höhnisches, ordentlich unheimliches Lächeln zuckte um seine

Lippen.

»Puh,« sagte er endlich und blies den Qualm seiner Pfeife in einer

dichten Wolke von sich, »es giebt nichts Neues mehr auf der Welt, Alles

schon da gewesen, Alles; wird ordentlich langweilig, hier oben noch

länger herum zu trampen. Komm, Spitz, wir wollen machen, daß wir nach

Hause kommen, was geht's uns Beide an?«

Damit schob er seine Angelruthe wieder sorgfältig zusammen und schraubte

die Zwinge fest. Der Spitz hatte sich aufgerichtet und benutzte die ihm

gegönnte freie Zeit, um sich erst hier unten am Wasser noch ein paar

übrige Flöhe abzukratzen. Sein Herr sah indessen noch einmal über die

Uferbank, ohne jedoch das Teleskop mehr zu Hülfe zu nehmen.

Die jungen Leute hatten sich richtig gefunden; die Dame lehnte im Arm

des Fremden, das Haupt an seiner Brust, und während er sie mit dem

rechten Arm unterstützte, führte er sie auf einem der kleinen Pfade hin,

die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlängelten. Dort drinnen

ließ sich von hier aus nicht einmal mehr das lichte Kleid der Dame

erkennen, und der Maulwurfsfänger faßte ohne Weiteres seinen daran schon

gewöhnten Hund auf, hob ihn in die Höhe, warf ihn auf die Uferbank und

kletterte ihm dann selber nach, um in die Stadt, wo er seine Wohnung

hatte, zurückzukehren.

Er hielt aber dabei eben so wenig den Pfad, wie der junge Herr vorher,

sondern schlenderte, von dem Hunde gefolgt, der Schwanz und Ohren hängen

ließ, als ob er nicht Drei zählen könnte, quer über die Wiese, und zwar

gerade dem Bosquet zu, in welchem die beiden Liebenden verschwunden

waren. Er that das aber nicht etwa aus Neugierde, sondern sein nächster

Weg lag gerade dort hindurch, und er hielt sich auch nicht einmal mehr

im Gehen auf. Nur den Blick warf er, auch mehr aus alter Gewohnheit,

suchend umher; aber von dem Pärchen war nichts mehr zu erkennen, und

bald darauf betrat er wieder die Wiese, die ihn unten am Schloßberg hin

zu dem Hauptfahrweg führte.

Kurz vorher, ehe er diesen erreichte, bemerkte er die gräfliche

Equipage, welche aus der Stadt heraufgefahren kam. Er blieb oben auf

dem etwas höheren Rasenrand stehen und zog, während wieder das alte

spöttische Lächeln um seine Lippen zuckte, mit fast übertriebener

Ehrfurcht die Mütze vor den Herrschaften.

Der Graf, ohne mehr als einen flüchtigen Blick nach ihm hinüber zu

werfen, dankte durch ein leises Kopfnicken; die Gräfin beachtete ihn gar

nicht.

»Ganz unterthänigster und gehorsamster Diener, meine verehrten

gräflichen Herrschaften,« spottete indeß der Maulwurfsfänger hinter

ihnen her und hielt noch immer die abgezogene Mütze in der Hand;

»wünsche eine recht angenehme Fahrt und besonders viel Glück zu dem

neuen geheimnißvollen Schwiegersohn des edlen, unbefleckten gräflichen

Stammbaumes! Hahahahaha,« lachte er dann toll und lustig auf, indem

er die Mütze wieder auf den Kopf stülpte, »ob es denn nicht rein zum

Todtschießen ist, wenn man die hochnasige Grethe da im Wagen sitzen

sieht und dann zurückdenkt, wie -- hei, lustig, Maulwurfsfänger,

Kammerjäger! heute wollen wir da unten auch eine gräfliche Mahlzeit

halten, zur Erinnerung an die alten Zeiten, und auf die Gesundheit

des fidelen Brautpaares eine Flasche guten Weins leeren; habe so lange

keinen gekostet -- hurrah!«

Damit faßte er seinen durch die Fische beschwerten Ranzen mit der linken

Hand, sprang auf den Fahrweg und verfolgte von jetzt an rasch seinen Weg

nach Haßburg hinab. --

»Und so lange habe ich Deine süßen, lieben Augen nicht küssen dürfen,

meine Paula,« klagte indessen der junge Mann, den der Maulwurfsfänger in

den Park hatte schleichen sehen, indem er das junge, schüchterne Mädchen

an sich zog und wieder und wieder ihre Stirn und Augen küßte.

»Ach, Rudolph,« seufzte Paula, die immer noch scheu den Blick umherwarf,

ob sie nicht von irgend einem Lauscher bemerkt werden könnten, »nur auf

Minuten war ich im Stande, mich wegzustehlen, denn Du glaubst nicht,

wie mich diese alte, häßliche Gouvernante, die sie jetzt

meine Gesellschafterin nennen, quält und peinigt. Eine schöne

Gesellschafterin, nicht einmal Raum, an Dich zu denken, läßt sie mir den

langen Tag mit ihren ewigen Gesprächen und Büchern, mit ihrer Musik und

ihren alten, langweiligen Classikern.«

»Mein armes, armes Kind!« rief Rudolph feurig aus; »aber die Zeit

wird ja auch kommen, wo wir uns vor der Welt angehören dürfen, Deine

Eltern...«

»Ach, Rudolph,« seufzte das arme Mädchen unter Thränen, »hoffe nicht auf

die; nur eine Andeutung machte ich neulich, daß ich glaubte, ich könne

auch mit einem Manne glücklich werden, der von geringerem Stande sei,

als ich, und meine Mutter gerieth außer sich -- ich fürchte Alles!«

»Und ich fürchte nichts,« rief der junge Mann, eigentlich mit etwas zu

viel Pathos, »nichts, als die Grenzen Deiner Liebe; laß auch Hindernisse

wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und

darüber hin in Louisens Arme fliegen!«

»In Louisens?« sagte das junge Mädchen erschreckt.

»In Deine, mein Herz,« lächelte ihr Geliebter; »kennst Du die wunderbar

schöne Stelle aus Kabale und Liebe denn nicht?«

»Ach, Rudolph, mir ist das Herz so schwer; was kann ich gegen den Willen

der Eltern thun?«

»Ha, laß doch sehen,« declamirte Rudolph weiter, »ob ihr Adelsbrief

älter ist, als der Riß zum unendlichen Weltall; wer kann den Bund zweier

Herzen lösen oder die Töne eines Accords auseinander reißen!«

»Aber Du weißt nicht, Rudolph, wie entsetzlich streng die Eltern sein

können, wo es, wie sie glauben, die Ehre ihres Hauses gilt; mein Wort

verhallt da ohne Klang.«

»So flieh mit mir, Geliebte,« drängte Jener; »was nützt uns Glanz und

Pracht, wenn unsere Herzen verbluten? Meine Kunst ernährt uns, wohin

wir den Fuß wenden. Dem Namen Handor jauchzt die ganze Künstlerwelt

entgegen, und frei und glücklich leben wir den Musen, der Liebe...«

»Ach, Rudolph, ich soll die Mutter, soll den Vater verlassen?«

»Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, gebietet Dir

selber die heilige Schrift.«

»Mein armer Vater!«

»Er wird seine Härte bereuen, wenn er sieht, welche ruhmvolle Laufbahn

Du gewählt, und erweicht, gerührt Dich an sein Herz zurückrufen.«

»Er wird mir fluchen!«

»Gut, so bleib,« sagte Rudolph resignirt, indem er den Arm wie abwehrend

gegen sie ausstreckte, »bleib Deine Lebenszeit ein Sclave jener

alternden Vorurtheile und Formen; folge der Hand, die Dich erbarmungslos

zur Schlachtbank führt -- Dein Rudolph kann entsagen --

»Wie konnte solch ein Glück auch mir beschieden,

Vom Himmel mir gegönnt sein -- mir, dem ja

Das Schicksal von der Wiege jede Freude

Verbittert und vergiftet! Dem der Becher,

Zum Trunk gehoben schon, von durst'ger Lippe

So oft und oft gerissen wurde! Geh --

Geh -- geh, Zuleima -- glücklich wirst Du sein,

Und ich? -- Für mich kein Glück -- für mich ein Grab!«

Und wie verzweifelnd barg er das Antlitz in den Händen.

»Rudolph, Rudolph, oh, nicht so, Du weißt ja, daß Du mir das Herz mit

solchen Reden brichst; thu es nicht, thu es nicht!«

»Aber welcher Ausgang bleibt mir, als der Tod? Du weißt, daß ich nicht

ohne Dich leben kann, weißt, daß ich verderben und untergehen müßte,

wenn nicht Dein reines Herz mich an dieses Leben fesselt! Aber was

kümmert das Dich,« setzte er bitter hinzu, »Du folgst Deinem Vater,

Deiner Mutter; der arme Rudolph mag zu Grunde gehen, er ist ja doch nur

ein Schauspieler.«

»Und habe ich das um Dich verdient, Rudolph?« sagte Paula mit leisem

Vorwurf im Ton, während sie ihr schmerzbewegtes Antlitz zu ihm emporhob.

»Habe ich Dir nicht wieder und wieder bewiesen, wie meine ganze Seele

nur an Dir hängt, wie ich kein Glück, keine Seligkeit auf dieser Welt

kenne, als nur Dich?«

»Und doch willst Du mir entsagen,« erwiderte der junge Mann schmerzvoll,

»doch hältst Du es für möglich, daß Du entsagen kannst, während mir

schon bei dem bloßen Gedanken daran das Blut zu Eis gerinnt, und meine

Pulse aufhören zu schlagen?«

»Laß mir Zeit zum Denken, Rudolph,« bat das arme Kind, »habe Nachsicht

mit meiner Schwäche, wenn ich einen Augenblick schwanken und zaudern

konnte. Sieh, noch ist es ja auch nicht so weit, noch ist es ja möglich,

daß ich der Eltern Herz zum Besten wende; ich will es wenigstens

versuchen, ich will Alles thun, was in meinen Kräften steht, um einen

Schritt zu vermeiden, der ja doch mein ganzes künftiges Leben, selbst an

Deiner Seite, mit einem Vorwurf belasten müßte.«

»Und wenn Alles fehlschlägt?«

»Ich bin Dein, Rudolph, Dein für alle Zeiten,« rief Paula, »Gott sei

mir gnädig, aber ich kann nicht anders; was da auch kommen möge, welche

Prüfung mir der Himmel auch auferlegt, ich fühle es, daß die Liebe zu

Dir stärker ist als alles Andere!«

»Mein Mädchen, mein süßes Leben,« rief Handor, »jetzt bricht auf's Neue

ein Strahl der Hoffnung in mein zerrissenes Herz; aber sie werden Dich

zwingen wollen!«

»Der Gewalt setz' ich Gewalt entgegen,« rief Paula leidenschaftlich,

»treiben sie mich zum Aeußersten, so fallen die Folgen auch auf ihr

Haupt zurück; Gott hätte diese Liebe zu Dir nicht in mein Herz gelegt,

Rudolph, wenn sie nicht göttlich wäre, und seiner Weisung will ich

folgen. Aber ich muß jetzt fort.«

»Und kann ich nie

Ein Stündchen ruhig Dir am Busen hängen

Und Brust an Brust und Seel' in Seele drängen?«

klagte Rudolph, Göthe's »Faust« citirend.

»Ich darf nicht länger bleiben,« sagte Paula, »ja, ich fürchte, daß

meine Eltern schon zurück sind und nach mir gefragt haben.«

»Und wann sehe ich Dich wieder?«

Paula zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Wir dürfen nicht so oft

zusammen kommen,« sagte sie endlich. »Du glaubst nicht, wie viel Augen

uns bewachen. Aber es ist doch vielleicht nöthig, daß ich Dir morgen

Nachricht gebe; so sei denn morgen Abend -- morgen Abend ist kein

Theater, nicht wahr?«

»Nein, mein Herz, ich habe den Tag und Abend frei.«

»Gut denn, so sei morgen Abend an der bewußten Stelle neben dem alten

Wartthurm. Es ist möglich, daß ich selber Zeit finde, einen Moment

dorthin zu kommen, wo nicht, findest Du einen Zettel an dem bestimmten

Platz.«

»Tausend Dank, mein süßes Leben!« rief Rudolph leidenschaftlich, indem

er sie umschlang und wieder und wieder küßte. Sie gab sich seinen

Liebkosungen auch für wenige Secunden hin, dann aber machte sie sich

leise von ihm los.

»Lebe wohl, Rudolph, lebe wohl!« rief sie ihm zu, drückte noch einen

Kuß auf seine Lippen und floh dann wie ein gescheuchtes Reh den Busch

entlang, um erst weiter oben den Pfad wieder zu erreichen, von wo sie

nachher langsam, wie von einem Spaziergang kommend, nach dem Schloß

zurückkehren konnte.

»Himmlisches Mädchen,« sagte Rudolph, der stehen geblieben war und

ihr mit einem behaglichen Lächeln nachgesehen hatte, »lauter Feuer

und Gluth, eine lebendige Julia! Und der Alte? Bah, er wird eine Weile

wüthen und Rache schnauben, daß die Comtesse mit einem Komödianten

durchgegangen, und zuletzt bleibt es immer die alte Geschichte. Was

will er denn machen? Es ist die einzige Tochter, und wenn ihm der

Schwiegersohn auch gerade nicht genehm sein mag, muß er doch schon gute

Miene zum bösen Spiel machen -- der alte adelsstolze Narr der.«

Und sich erst vergnügt und selbstzufrieden die Hände reibend -- von

seiner vorigen Verzweiflung war keine Spur mehr zu entdecken --, griff

er seinen kleinen Spazierstock wieder vom Boden auf, schlenderte langsam

nach dem nächsten Weg hinaus, blieb hier noch einmal stehen, um sich

erst mit seinem Taschentuch die in dem trocknen Laub und Sand staubig

gewordenen Glanzstiefeln zu säubern, und schlug dann dieselbe Richtung

wieder ein, von der er vorher gekommen und wo er mit einem kleinen Umweg

das Schloß und dessen nächste Umgebung vermied, um von dort ungesehen in

die Stadt zurückzukehren.

4.

Die gräfliche Familie.

Die Equipage des Grafen Monford fuhr indessen langsam den sogenannten

»Schloßberg« hinauf, denn der Graf hielt außerordentlich auf seine

Pferde und litt nie, daß sie nutzlos angestrengt wurden, strafte auch

nichts härter, als einen Verstoß gegen die darüber erlassenen Befehle.

Der leichte Wagen knirschte über den hier reichlich ausgestreuten Kies,

und der Weg zog sich bis zur Treppe des Herrenhauses durch einen wahren

Flor von in voller Blüthe stehendem Hollunder, Goldregen, Akazien und

Schneeballen hin, während die Front des ganzen Gebäudes mit allen nur

erdenklichen Topfgewächsen so reich geschmückt war, daß selbst die

breite, kunstvoll gearbeitete Marmortreppe, die zu dem Gartensalon und

Empfangszimmer hinauf führte, einem vollblühenden Garten glich und

den Duft ihrer Blumen durch die geöffneten Fenster in alle Räume des

Schlosses sandte.

Und alle Räume waren so reich als geschmackvoll ausgestattet, denn

Graf Monford besaß ein bedeutendes Vermögen und hatte auf seinen

weiten Reisen gelernt, sich die Bequemlichkeiten und den Luxus aller

Himmelsstriche anzueignen, ohne dabei sein Haus zu überladen. Die

kostbarsten Gemälde, die herrlichsten Statuen und Statuetten schmückten

die Zimmer, aber wo sie standen, schien es auch, als ob sie fehlen

würden, wenn man sie weggenommen hätte.

Eine zahlreiche Dienerschaft füllte dabei das Haus -- Graf Monford hatte

früher auf von seinem Vater ererbten Besitzungen in Westindien gelebt

und sich daran gewöhnt, eine Masse von Dienstleuten um sich zu haben

-- und herrliche Pferde standen in den Ställen, die sich, mit weiten

Rasengründen für die Fohlen, eine ganze Strecke in den Park hineinzogen.

Als er ausgestiegen war, blieb er auch noch eine Weile (während seine

Gemahlin nach oben ging, um Toilette zum Diner zu machen, und der

Bediente eine Anzahl aus der Stadt mitgebrachter Pakete aus dem Wagen

nahm) auf der Treppe stehen, um indessen seine beiden Goldfüchse zu

betrachten, die, ungeduldig über den Aufenthalt, die schönen Köpfe auf

und nieder warfen.

»Der Soliman scheut noch immer,« sagte er dabei, während sein prüfender

Blick über die Thiere glitt und den Kutscher besorgt machte, daß

er etwas Ungehöriges daran entdecke, -- »daß wir ihm das gar nicht

abgewöhnen können.«

»Er ist lammfromm geworden, Herr Graf,« erwiderte aber der Mann, indem

er mit dem Ende der Peitsche langsam eine Stechfliege vom Halse des

besprochenen Thieres zu entfernen suchte -- »aber die fremden Beester

jetzt in der Stadt, da scheut beinahe jedes Pferd.«

Der Graf nickte und betrat dann den mit feinen indischen Matten belegten

Marmorboden des untern Saales, während der Kutscher, da Alles aus

dem Wagen entfernt war, leise mit der Zunge schnalzte und nach den

Stallgebäuden hinüberfuhr.

Im Salon war Graf Monford sonst gewöhnt, daß ihm seine Tochter

entgegenkam. Er traf heute nur ihre Gesellschafterin, Mademoiselle

Beautemps, eine ausgetrocknete Französin, sehr elegant gekleidet, aber

mit einem etwas verbissenen Zug um die dünnen Lippen und sehr steifer,

selbstbewußter Haltung.

»Wo ist Paula, Mademoiselle?«

»Ich war eben im Begriff, sie zu suchen, Herr Graf,« erwiderte die Dame.

»Sie ist in den Park spazieren gegangen, ohne mir ein Wort davon zu

sagen.«

»Das wäre freilich unverantwortlich,« entgegnete Graf Monford, während

es wie ein leises, halb spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte,

»besonders wenn man bedenkt, daß das Kind erst siebzehn Jahre alt

ist und wahrscheinlich im nächsten Jahre heirathen wird. Hat sie ihre

Kammerjungfer mit?«

»Sie ist vollständig allein gegangen.«

»Vollständig allein? So -- nun, sie weiß, daß wir um fünf Uhr diniren,

und wird zur rechten Zeit zurück sein.«

»Aber nicht einmal Zeit behalten, ihre Toilette zu machen. Wenn mir der

Herr Graf erlauben...«

»Sie werden sie dann verfehlen und ebenfalls das Diner versäumen. Sie

wird schon kommen« -- und damit schritt er in sein Zimmer hinüber, das

zu ebener Erde lag.

Mademoiselle Beautemps biß sich auf die Lippen, antwortete aber

nur, sich ihrer Stellung und Würde bewußt, durch eine sehr förmliche

Verbeugung, die der alte Herr nicht einmal bemerkte, und trat dann

auf die Treppe hinaus, um die Ankunft ihres ungehorsamen Zöglings mit

anscheinender Geduld, bei der sie aber in innerlichem Aerger fortwährend

in raschem Tacte die Marmorplatten mit dem Fuß schlug, zu erwarten.

Ein Reiter kam den Weg heraufgesprengt, hielt an der Treppe, sprang

aus dem Sattel, warf die Zügel seines warm gewordenen Thieres dem ihm

folgenden Reitknecht zu, und war dann in wenigen Sätzen oben bei der

Gouvernante.

»Ah, guten Morgen, Mademoiselle -- Karl, reib das Pferd gut ab, und daß

dann der Fingal gesattelt wird -- ich reite nach dem Diner gleich wieder

in die Stadt zurück. -- Wo ist Paula, Mademoiselle?«

»Thut mir leid, Ihnen keine Auskunft geben zu können, Herr Graf,« sagte

die Dame achselzuckend; »die Comtesse scheint die Zügel der Regierung

selber in die Hand nehmen zu wollen.«

»Durchgebrannt?« lachte der junge Mann, indem er seine Handschuhe auszog

und in den Reitrock steckte. »Die Eltern sind aber zu Hause, wie

ich sehe,« setzte er mit einem Blick auf die Wagenspuren hinzu, »und

wahrhaftig, gleich fünf Uhr -- alle Wetter, da habe ich keine Zeit

mehr zu verlieren!« und rasch sprang er in das Haus und in sein eigenes

Zimmer hinauf.

Mademoiselle Beautemps hatte wenigstens die Genugthuung, nicht länger

auf die Folter gespannt zu sein, denn in diesem Augenblick kam auch die

Comtesse aus dem Park herauf. Sie mußte scharf gegangen sein, denn sie

sah erregt aus.

»Aber, Comtesse, ich bitte Sie um Gottes willen, wo haben Sie gesteckt?

Kann man denn nicht auf einen Augenblick den Rücken wenden!«

»Sind die Eltern schon da?«

»Schon lange, es wird gleich servirt werden. Und wie sehen Sie aus! Mit

der Frisur können Sie gar nicht bei Tafel erscheinen! Wo waren Sie?«

»Im Park. Ist George auch schon da?«

»Alle -- es wird den Augenblick dinirt. Ich muß wirklich in Zukunft

bitten...«

Paula ließ sie gar nicht ausreden. An ihr vorüber huschte sie durch den

Saal in ihr eigenes kleines Boudoir, wo Bertha, ihre Kammerjungfer, sie

schon erwartete, und als Mademoiselle Beautemps, damit nicht zufrieden,

sich das Wort abgeschnitten zu sehen, ihr dahin folgen wollte, um ihre

Ermahnung und Strafpredigt zu beenden, hatte die sorgsame Zofe schon den

Riegel vorgeschoben. Es wurde Niemand mehr eingelassen.

Paula brauchte aber für ihre Toilette außerordentlich wenig Zeit; das

volle, herrliche Haar fiel fast von selbst in seine natürlichen Locken,

und noch ehe die Gräfin Mutter den Speisesaal betrat, wo in diesem

Augenblick gerade die Suppe aufgetragen wurde, war sie dort.

Ihr Bruder stand schon am Fenster und blätterte in einem Haufen von

Zeitungen.

»Ah, da bist Du ja!« rief er ihr entgegen. »Sag', Schatz,« flüsterte er

dann, »hat Dir Papa schon etwas mitgetheilt?«

»Mir, George?« fragte Paula erstaunt -- »was soll er mir mitgetheilt

haben? Ich weiß von nichts!«

»Nun, dann kommt es noch,« lächelte George, ihr freundlich zunickend.

»Apropos, Paula, gehst Du Dienstag mit in's Theater? Die Räuber werden

gegeben. Handor ist famos als Karl Moor.«

»Ich weiß es nicht,« sagte Paula erröthend, »wenn es Papa erlaubt...«

»Hoffentlich nicht, Comtesse,« bemerkte hier die Gesellschafterin, die

gerade zur rechten Zeit in den Saal getreten war, um die Frage zu hören;

»denn mit _meiner_ Zustimmung besuchen Sie das Theater nicht so oft. Es

ist ein Tempel des Lasters, in dem junge Mädchen eigentlich gar nichts

zu suchen haben.«

»Mademoiselle!« wollte George gereizt ausfahren, als sich die

Thür öffnete und die Eltern erschienen. Die Unterhaltung war damit

abgebrochen.

»George -- ah, da bist Du ja, Paula! Hast Du einen Spaziergang gemacht,

mein Kind?«

»Mein lieber Vater...«

»Schon gut, Du bist ja noch zur rechten Zeit eingetroffen. Höre, George,

Du hast Deinen Rappen wieder tüchtig warm geritten. Wenn Du meinem Rath

folgst, schonst Du das Pferd.«

»Ich hatte mich verspätet, Papa, und ließ ihn nur ein wenig austraben.

Heute Nachmittag nehme ich den Weißfuß.«

»Du willst wieder fort?«

»Ich habe mich zu einer Partie Whist bei Boltens engagirt und vorher

noch Einiges zu besorgen.«

»Setzen wir uns.«

Das Diner wurde gewöhnlich schweigend verzehrt, da es Graf Monford nicht

liebte, sich in Gegenwart der Diener zu unterhalten. Nur vollkommen

gleichgültige Dinge durften besprochen werden, und selbst diese so kurz

als möglich, und doch hätte George gar zu gern schon während der Tafel

von dem Theater angefangen, das er leidenschaftlich gern besuchte.

Aber es ging eben nicht, denn er wußte im Voraus, daß er entweder keine

Antwort oder gar einen Verweis bekommen hätte.

George war das treue Abbild seiner Schwester, nur etwa zwei oder

drei Jahre älter als sie, aber mit denselben edlen und offenen

Zügen, denselben kastanienbraunen Augen, aber fast schon ein wenig

zu selbstständig für seine Jahre, wozu denn freilich die Erziehung im

elterlichen Hause Vieles beigetragen.

Als junger Bursche und noch unter einem Hofmeister wurde er mit

eiserner, nachsichtsloser Strenge bis zu dem Augenblick behandelt, wo

er zur Universität abging, und dort plötzlich und mit einem Schlag

sein eigener, freier Herr war. Natürlich wußte er die ihm so rasch und

unerwartet gekommene Freiheit nicht immer nur zu gebrauchen, sondern

mißbrauchte sie auch nicht selten.

Dazu kam, daß Graf und Gräfin Monford sich Jahre lang auf Reisen

befanden, wo denn die Kinder auch nur auf fremde Menschen angewiesen

blieben und ihre Eltern nicht einmal zu sehen bekamen, und mit der

ganzen vorangegangenen Erziehung konnte es kaum anders geschehen, als

daß sich beide Theile mehr und mehr entfremdet werden mußten.

Graf und Gräfin Monford hatten in der That keine Kosten und Mühen

gescheut, um ihre Kinder Alles lernen zu lassen, was sie in ihren

Bereich bringen konnten, aber sie machten ein sehr großes Haus, und nur

zu oft ist es ja in solchen »großen Häusern« leider der Fall, daß die

gesellschaftlichen Pflichten den elterlichen vorgezogen werden oder,

wie man sich einredet, vorgezogen werden müssen. Man hat Rücksichten zu

nehmen (wie die Entschuldigungen heißen), überdies zuverlässige

Leute daheim, denen man die Kinder recht gut anvertrauen kann. Eine

Gesellschaft jagt dann die andere, einmal daheim oder auch außer dem

Hause, von allen aber sind die Kinder ausgeschlossen, und ihre kurze

Jugendzeit vergeht, ohne daß sie sich erinnern, der Mutter mehr als ein-

oder zweimal auf dem Schooß gesessen zu haben.

Aber ein Kind will nicht allein Pflege -- die kann ihm jeder gemiethete

und gute Dienstbote geben -- es will auch Liebe, und wenn ihm die

entzogen wird, so wächst es auch wohl ohne sie frisch und kräftig auf,

aber in seinem Herzen bleibt ein leerer, öder Raum, den es sich selber

dann oft mit verderblichen Stoffen füllt. Unter der Obhut Fremder

aufgewachsen, hatten sie allerdings vor den Eltern, denen sie erst

herangewachsen näher traten, eine gewaltige Ehrfurcht gehabt, aber

sie kannten kein anderes Gefühl und hielten diese Ehrfurcht für Liebe,

während die Eltern stolz, recht stolz auf ihre Kinder waren und auch

diesen Stolz für Liebe nahmen. So täuschten sich beide Theile über

ihre Gefühle, und auch die Welt, und doch waren beide Kinder von Herzen

seelensgut und brav, und auch die Eltern fest überzeugt, Alles für sie

gethan zu haben, was in ihren Kräften stand, um vollen Anspruch auf ihre

Dankbarkeit zu haben.

Die Liebe aber, die den beiden Geschwistern durch ihre Eltern mehr

unbewußt als absichtlich entzogen worden, brachten sie dafür einander

selber in desto reicherem Maße zu. Mit unendlicher Zärtlichkeit hingen

beide an einander, ob auch ihre Charaktere noch so verschieden sein

mochten.

Paula, von zartem Körperbau, mit vieler Phantasie begabt, neigte

mehr zur Schwärmerei. Sie las viel und, leider, unter Anleitung

der Französin, nicht immer recht passende Bücher; sie liebte dabei

leidenschaftlich das Theater und konnte sich durch irgend ein gegebenes

Schau- oder Trauerspiel so aufregen lassen, daß sie halbe Nächte lang

ihre Kissen mit Thränen netzte. Unglücklicher Weise fand sie dabei in

der Familie, der sie, während die Eltern auf Reisen gewesen, zur Obhut

übergeben worden, nur zu viel Nahrung, denn diese hatte ein kleines

Liebhabertheater in ihrer eigenen Wohnung errichtet, verkehrte viel mit

Künstlern und fachte dadurch den Funken, der in Paula's Herzen glimmte,

zur lichten Flamme an.

Das Technische in der Aufführung bei den kleinen, dort gegebenen Stücken

hatte man nämlich nicht gut bewältigen können oder es auch vielleicht

für zu mühsam gehalten. Ein geschickter Leiter wurde für nothwendig

erachtet, und dort hatte Paula Handor kennen lernen.

George seinerseits war nichts weniger als ein Schwärmer und hing viel

mehr dem Realistischen an. Er liebte wohl auch das Theater, weil es ihm

Unterhaltung bot, ohne daß er sich aber sonst auch nur mit einer Faser

seines Herzens dazu hingezogen fühlte. Weit mehr beschäftigten ihn

die seinem Stande auch angemesseneren ritterlichen Uebungen. Er war ein

perfecter, tollkühner Reiter, ein eifriger und für sein Alter recht

guter Jäger, besonders ein sicherer Schütze, und wenn er nebenbei auch

etwas Musik und Malerei trieb und mit Vergnügen ein gutes Buch las,

hatte er doch keinen rechten Trieb dafür. Er verstand etwas von Jedem,

ohne es in irgend einer Sache zur Vollkommenheit zu bringen, und da er

das selber fühlte, verlor er auch bald die Lust daran.

Auch an dem Liebhaber-Theater hatte er sich anfangs mit großer Lust

betheiligt und vielen Eifer dabei gezeigt, aber es ermüdete ihn doch

bald, wie er denn nie lange an einer Sache Vergnügen fand, und als Ende

März die Auerhahnbalz begann, gab er es vollständig auf und fuhr lieber

Nachts hinauf in den Wald, um Morgens um zwei oder drei Uhr an Ort und

Stelle auf dem Balzplatz zu sein.

Durch das Liebhaber-Theater war er aber selber mit einigen Künstlern

bekannt geworden. Deren freies, offenes Wesen sagte ihm zu, denn im

Umgang mit ihnen brauchte er sich keinen Zwang anzuthun, und sein

leicht empfänglicher Geist fand, was ihm in seinen gewöhnlichen Kreisen

gründlich fehlte: Anregung und Befriedigung. Mit einem Worte, er

fühlte sich unter den Künstlern und in ihrem freien Verkehr wohler

und behaglicher, als in den steifen, aber allerdings sehr vornehmen

Gesellschaften, in denen er sonst heimisch war oder doch heimisch sein

sollte.

Auch zu Hause war ihm der lästige Formenzwang zu unbequem. Er hatte

oft davon gehört und gelesen, was für ein mächtiger Zauber in dem einen

kleinen Worte »daheim« liege und wie die eigene Heimath uns das Liebste

und Theuerste auf der Welt sein sollte; aber mitgefühlt hatte er das

noch nie und hielt es, mit anderen Ueberschwänglichkeiten, für eine

Licenz der Dichter, die vollkommen berechtigt wären, sich irgend einen

Punkt der Welt zu einem kleinen Paradiese auszumalen, ob sie dazu nun

ein beliebiges Feenreich oder eine menschliche Wohnung wählten.

Viel Ruhe hatte er deshalb auch zu Hause nicht, ja, er plauderte wohl

gern einmal ein halb Stündchen mit der Schwester und wußte, daß er

die gehörigen Formen der Tischzeit einhalten mußte, wenn er nicht eben

draußen auf der Jagd war oder eine andere Einladung angenommen und sich

daheim formell abgemeldet hatte -- sonst fesselte ihn nichts an das

Vaterhaus.

Die Tafel war beendet und der Kaffee im Nebenzimmer servirt worden.

Dorthin folgte er den Eltern, und seinen Arm um Paula's Taille legend,

drückte er einen Kuß auf ihre Wange.

»Aber was hast Du nur, George?«

»Nichts, mein Herz,« lächelte der Bruder, »ausgenommen so viel zu thun,

daß ich kaum weiß, wo ich anfangen soll.«

»Du?«

George nickte ihr zu und wollte das Zimmer verlassen.

»Du willst wieder fort, George?« sagte die Mutter.

»Ja, Mama -- heut Abend sehen wir uns doch bei Boltens; nicht wahr, Ihr

kommt auch hin?«

»Ich weiß es noch nicht, mein Sohn,« erwiderte die Gräfin -- »ich habe

etwas Kopfschmerz -- aber vielleicht doch.«

»Du bist gar nicht mehr zu Hause, George,« bemerkte der Vater, »man

bekommt Dich wirklich nur noch beim Essen zu sehen.«

»Ja, bester Vater,« lachte George, »ich habe jetzt drei Pferde

zuzureiten, und das kann ich doch nicht hier im Park thun. Der Fingal

macht mir am meisten zu schaffen.«

»Aber es ist ein vortreffliches Pferd,« nickte der Vater, »Du hast da

einen guten Kauf gemacht, halte ihn nur auch gut.«

»Wie meinen Augapfel, Papa,« lachte der junge Mann. »Also auf

Wiedersehen in der Stadt!« und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Paula blieb mit ihren Eltern allein im Zimmer, denn Mademoiselle

Beautemps trank keinen Kaffee und benutzte diese kurze Zeit stets, um

in ihrem Zimmer ein Viertelstündchen Siesta zu halten, worin sie Paula

niemals störte. Sie wollte jetzt ebenfalls das kleine, freundliche

Gemach verlassen, als der Vater, der mit auf den Rücken gelegten Händen

auf und ab gegangen war, leise sagte:

»Paula!«

»Mein Vater!«

»Ich und Deine Mutter möchten ein paar Worte mit Dir reden.«

»Mit mir, Vater?«

»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, indem er vor ihr stehen blieb, ihr

leise mit der rechten Hand das Kinn emporhob und freundlich fortfuhr:

»Sieh, mein Schatz, Du bist nun schon vor zwei Monaten siebzehn Jahre

alt geworden und -- eben kein Kind mehr...«

»Mademoiselle Beautemps betrachtet mich aber noch als ein solches,«

sagte fast unbewußt Paula, denn ein schmerzhaftes, gleichsam eisiges

Gefühl schnürte ihr in dem Augenblick beinahe die Brust zusammen. Sie

ahnte, was folgen würde.

»Mademoiselle Beautemps...« sagte der Vater rasch, brach aber kurz ab,

hustete und lächelte still vor sich hin. »Nun, Du wirst nicht mehr lange

mit ihr geplagt werden, Kind,« fügte er dann mit trockenem Humor hinzu,

»und was ich eben jetzt mit Dir reden wollte -- das heißt ich und Deine

Mutter --, soll gerade dazu dienen, Dich von ihr frei zu machen.«

»Mein lieber Vater!« flüsterte Paula und warf einen Blick nach der

Mutter hinüber, die am Fenster stand, mit einer kleinen Scheere ein paar

abgeblühte Rosen von einem Stock schnitt und die Blätter hinausstreute.

»Verstehst Du, was ich meine?«

»Nein, mein Vater,« hauchte das junge Mädchen.

»Und doch siehst Du beinahe so aus, als ob Du es verständest,« lächelte

der alte Herr. »Aber ich will mich kurz fassen, mein Kind, denn große

Umschweife sind unter uns ja doch nicht nöthig. Ich frage Dich also

geradeheraus, mein Herz, hast Du noch nicht daran gedacht, Dir einen

Lebensgefährten auszusuchen?«

»Mein lieber, lieber Vater!«

»Aber, George,« sagte die Gräfin kopfschüttelnd, »Du fällst doch auch

wohl da ein klein wenig zu sehr mit der Thür in's Haus. Das ist kaum

eine discrete Frage für ein junges Mädchen, die das überhaupt auch wohl

ihren Eltern überlassen wird.«

»Ich weiß nun gerade nicht,« lächelte der alte Herr, »ob Paula damit

so recht einverstanden sein würde. Aber eben weil ich glaube, daß sich

unsere Gedanken auf halbem Wege begegnen, habe ich so direct gefragt,

denn ich bin überzeugt, ich schieße nicht weit vorbei, wenn ich

vermuthe, daß Du den jungen Grafen Bolten gern hast -- wie, Schatz?

Er ist wenigstens auf allen Bällen Dein unermüdlicher Tänzer, und das

Vielliebchen, das Du neulich mit ihm gegessen -- nun, Du brauchst nicht

bis hinter die Ohren roth zu werden, meine Puppe -- wir sind Alle nicht

besser gewesen, als wir jung waren.«

Ueber Paula's Stirn und Wangen hatte sich allerdings im ersten

Augenblick tiefe Röthe ergossen, im nächsten Moment aber schon schoß

das Blut wie in einem Strom zum Herzen zurück und ließ ihr Antlitz

todtenbleich, während sie leise, aber fest sagte: »Du irrst Dich, Vater,

-- ich liebe den jungen Grafen nicht.«

»Nicht?«

»Du liebst ihn nicht?« wiederholte aber auch die Mutter und drehte sich

rasch und wie erstaunt der Tochter zu. »Und das sagt das Mädchen mit

einer solchen Bestimmtheit, als ob damit die ganze Sache abgemacht und

beseitigt wäre.«

»Der Vater hat mich gefragt, Mama, und er verlangt ja doch Wahrheit von

mir.«

»Das allerdings, mein Herz,« sagte der alte Herr ruhig, während sein

Blick forschend an dem Antlitz der Tochter hing, »die verlangt er in der

That -- aber kannst Du mir einen Grund angeben?«

»Und wäre es Liebe, Vater, wenn man einen Grund dafür nennen könnte?«

»Hm,« sagte der alte Herr, dadurch selber in Verlegenheit gebracht, »Du

scheinst Nutzen aus Deiner Lectüre gezogen zu haben, mein Töchterchen.

Die Sache ist denn aber doch zu ernsthafter Natur, um ihr durch ein

Wortspiel auszuweichen; so höre denn, was ich Dir darüber zu sagen habe.

Ueber die Familie Bolten selber brauchte ich kein Wort zu verlieren; wir

haben sie Alle gern und sind lange, lange Jahre damit befreundet -- wie

geachtet und geschätzt sie im ganzen Lande sind, weißt Du außerdem,

und unser alter Name braucht sich wahrlich nicht zu schämen, neben dem

ihrigen genannt zu werden. Hubert ist dabei ein junger, liebenswürdiger

Mensch, talentvoll, gutmüthig, ein bischen aufbrausend zwar, aber das

wird sich mit den Jahren geben, und außerdem der einzige Sohn. Daß er

Dich gern hatte, habe ich -- und ich muß gestehen, zu meiner Freude

-- schon seit längerer Zeit bemerkt; daß Du ihm nicht abgeneigt warst,

konnte Jeder sehen, der Euch ein paar Mal zusammen beobachtet hat. Dazu

kommt, mein liebes Kind, daß uns Beide, Deine Mutter und mich, diese

Verbindung mit dem Bolten'schen Hause glücklich machen würde, und

ich bin überzeugt, daß alles dies zusammen genommen, wenn Du es Dir

überlegst, Deinen Entschluß bestimmen muß. Ich brauche Dir nur noch zu

sagen, daß heute Morgen, als wir in der Stadt waren, der alte Graf bei

mir förmlich um Dich für seinen Sohn angehalten hat, und ich hoffe, wir

können ihm heut Abend eine gute Antwort mit hineinnehmen -- wie, mein

Schatz?«

»Mein lieber Vater, ich -- ich bin noch so jung!«

»Darin hast Du Recht, und das habe ich meinem Freunde Bolten selbst

entgegnet; er sieht das auch vollkommen ein, und Du sollst nicht

gedrängt werden. Wir haben deshalb Beide ausgemacht, daß die Trauung

nicht früher als an Deinem achtzehnten Geburtstage stattfindet; um uns

aber das Glück unserer Kinder zu sichern, wollen wir die Verlobung am

nächsten Freitag hier bei uns feiern, wozu uns Deine gütige Mama einen

kleinen Ball arrangiren wird -- bist Du damit einverstanden?«

»Dränge sie nicht zu sehr, George,« sagte jetzt die Mutter freundlicher,

als sie bis dahin gesprochen. »Ihr Männer seid Euch darin doch alle

gleich, das folgt Schlag auf Schlag, und da soll das arme Kind auf jede

Frage auch augenblicklich antworten! Versteht sich, wird sie wollen,

aber Du siehst doch, daß sie jetzt bald roth, bald blaß wird -- laß ihr

doch nur Zeit, erst Athem zu holen!«

»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Paula und warf sich, von ihren

Gefühlen überwältigt, an der Mutter Brust.

»Aber, =ma fille!=« sagte sie, sich rasch und erschreckt losmachend --

»komm, mein Herz, komm, wozu diese Aufregung -- Du weißt, Kind, wie

das immer meine Nerven angreift, und mein Kopf schmerzt mich überhaupt

heute.«

»Aber ich liebe ihn nicht, Mama!« bat Paula in Todesangst. »Der junge

Graf ist ein braver, lieber Mensch, aber -- aber...«

»Aber, mein Kind?« fragte die Mutter streng.

»Er -- er paßt nicht für mich -- er -- hat für nichts Sinn, als für

seine Pferde und Gewehre -- er haßt Musik und Bücher -- er...«

»Lauter Verbrechen, nicht wahr?« lächelte die Mutter spöttisch -- »und

kann er deshalb nicht ein guter Ehemann werden?«

»Und soll das Herz denn gar keine Stimme haben, Mama?« flüsterte das

arme, gequälte Mädchen -- »soll denn nur immer todter Rang und Reichthum

Verbindungen schließen und Menschen auf ewig an einander ketten, die

sich ohne diese nie gefunden oder nur gesucht hätten?«

»Todter Rang und Reichthum, meine Tochter?« sagte der Vater ernst --

»ich glaube, Du solltest uns dankbar dafür sein, daß wir Dir die Dir

gebührenden Vorrechte auch erhalten und verwahren, Du wirst doch nicht

glauben, daß ich Dich je unter Deinem Stande verheirathen würde?«

»Willst Du mich nicht glücklich sehen, Papa?« fragte Paula herzlich.

»Gewiß, mein Kind, das ist mein heißester Wunsch,« erwiderte der Vater,

»aber eben deshalb muß ich jetzt über Dich wachen, daß Dich Dein leicht

erregtes Herz nicht zu einem Schritt hinführt, den Du später schwer

bereuen und dann sicher unglücklich dadurch werden würdest. Aber wie

ich Dir schulde, für Dein Glück zu sorgen, so schuldest Du auch uns, die

Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten, und wer Dir dabei am besten

rathen kann, sind denn doch wohl Deine Eltern selber.«

»Und wenn ich vorher wüßte, daß ich unglücklich werden würde?«

»Paula,« sagte der Vater ernst, »ich bitte Dich, nur jetzt, wo es

sich um Deine ganze Zukunft handelt, Deine überspannten Romane und

phantastischen Ideen aus dem Spiel zu lassen! Du hast uns schon neulich

einmal so eine Andeutung gemacht, daß Du Dich an der Seite des ärmsten

Mannes glücklich fühlen könntest, wenn »Eure Seelen«, wie Du Dich

beliebtest auszudrücken, mit einander harmonirten. Es ist der alte

Unsinn mit »eine Hütte und ihr Herz«, der so lange stichhaltig bleibt,

bis das Herz eben in die Hütte hineinziehen soll und die Räumlichkeit

dann überall zu beengt findet. Glaube mir, mein Kind, solche Ideen sehen

sehr hübsch auf dem Papier aus und lassen sich vortrefflich bei einer

warmen, mondhellen Nacht durchschwärmen, aber sie gleichen jenen

wunderbar schillernden Quallen, die an der Oberfläche der See

herumschwimmen und von Weitem einen prachtvollen Anblick gewähren,

nimmt man sie aber in die Hand, so bleibt nichts übrig, als eine graue,

schlammige Blase, die man mit Ekel wieder von sich wirft. »Gleich und

Gleich gesellt sich gern!« ist ein altes, gutes und wahres Sprüchwort,

und wir finden das in der Natur bestätigt, wohin wir blicken. Ein Adler

könnte sich da eben so wenig daran gewöhnen, einen Bund für das Leben

mit einem Truthahn zu schließen und von Körnern und Kartoffelschalen zu

leben, weil ihre Seelen vielleicht sympathisiren -- es geht eben nicht,

und die Grafentochter würde sich elend und unglücklich fühlen, wenn sie

aus der gewohnten Sphäre niedersteigen und in einer Hütte leben sollte.

Das sind eben jugendliche Träume, die ich auch nicht zu hoch anschlage

und deshalb gern verzeihe. Nun sei aber vernünftig, mein Töchterchen,

Du bist alt genug dazu. Wir haben eine Wahl für Dich getroffen, die Dein

Herz nur mit Freude und Dankbarkeit gegen uns erfüllen kann, also füge

Dich dem; denn Du weißt auch, daß Deine Eltern nie ihre Einwilligung zu

einer Verbindung unter Deinem Range geben würden, solltest Du wirklich

je thöricht genug sein, selber an etwas Derartiges ernsthaft zu denken.«

»Mein Vater...«

»Laß nur sein, mein Kind -- ich wußte ja, daß mein gutes Töchterchen

nicht den Lieblingsplan ihrer Eltern kreuzen würde; also werde ich

das Weitere schon selber mit Boltens in Ordnung bringen. Du darfst Dir

indessen immer Deinen Ballstaat zurecht machen,« setzte er lächelnd

hinzu, indem er ihr leise das Kinn emporhob und einen Kuß auf ihre Stirn

drückte, »und daß wir nachher ein recht munteres, fröhliches Bräutchen

haben, davon bin ich überzeugt...«

Ein Diener öffnete in diesem Augenblick die Thür und meldete, in steifer

Haltung an der Schwelle stellen bleibend: »Baronesse von Halldorf läßt

fragen, ob es der gnädigen Herrschaft genehm wäre...«

»Wird uns sehr angenehm sein,« sagte die Gräfin, die froh war, einen

Vorwand gefunden zu haben, das Gespräch abzubrechen -- »aber, Schatz, Du

hast ganz rothe Augen bekommen -- geh auf Dein Zimmer und bade sie ein

wenig mit Rosenwasser, wir erwarten Dich dann unten.«

Der Besuch mußte empfangen werden, und die arme Paula, das Herz zum

Brechen schwer, zog sich auf ihr Zimmer zurück, schob den Riegel hinter

sich vor und sank auf das Sopha.

»Kein Mitleid mit den Gefühlen ihres eigenen Kindes,« flüsterte sie

dabei -- »keine Frage selber danach, ob dieses Herz schon gewählt, schon

entschieden haben könnte -- nichts, nichts als der leere, hohle

Schein, als Stand und Rang und Reichthum -- oh, ich bin recht, recht

unglücklich!« und still weinend barg sie ihr Antlitz in den Händen.

5.

Paradies und Hölle.

In der Schloßgasse zu Haßburg -- denn die alte Stadt, welche in

längstvergangenen Zeiten einmal der Sitz eines Erzbischofs gewesen,

hatte die verschiedenen Benennungen aus ihrer Glanzperiode noch

getreulich aufbewahrt -- stand ein nicht sehr großes, aber wunderlich

verziertes Gebäude. Es war massiv, aus dunkelgrauem, halbverwittertem

Sandstein aufgeführt und mit einer wahren Verschwendung von

Steinhauerarbeit bis unter den Giebel hinauf bedeckt.

Was die zahllosen Gruppen, Bilder und Arabesken daran alle bedeuten

sollten, wäre wohl schwer zu entziffern gewesen -- möglich, daß selbst

die Urheber derselben keine rechte Idee davon gehabt. Deutlich erkennbar

war aber noch eine ordentliche Legion von dicken, pausbackigen Engeln

mit Posaunen und sonstigen Instrumenten, die jeden nur einigermaßen

benutzbaren Raum ausfüllten und den obern Theil des Hauses vollständig

bedeckten, während zwei sehr durch die Zeit und Sturm und Wetter

mißhandelte Riesen, die zwischen Drachenköpfen und Ungeheuerschwänzen

ihren Platz behaupteten, das Portal zu tragen schienen.

Und bunt und prächtig genug mußte das Haus ausgesehen haben, als es aus

der Hand des Künstlers frisch hervorging. Noch jetzt ließen sich nämlich

an einigen geschützten und tiefer liegenden Stellen Spuren von früherer

Vergoldung und Malerei erkennen, mit denen besonders die Instrumente der

Engel geglänzt und geschimmert haben mochten.

An eine Renovation dieser geschwundenen Pracht hatte freilich Niemand

gedacht. Das Haus gerieth in die Hände einer Familie, die seine Lage für

eine Wirthschaft passend fand, da es dem Theater schräg gegenüber

und auch in der Nähe des Domes wie des Rathhauses stand, und der neue

Eigenthümer, mit einer unbestimmten Ahnung, daß die vielen Engel wohl

eine Andeutung der künftigen Seligkeit selber sein könnten, nannte seine

Wirthschaft drinnen nach den Sinnbildern draußen »Zum Paradies«.

Der Mann verdiente viel Geld damit, und als er älter und ihm das

Geräusch und die eigene Unbequemlichkeit eines solchen Lebens zu

groß wurde, ließ er die Wirthschaft eingehen, den obern Stock zu

Familienwohnungen einrichten und behielt nur die unteren Räumlichkeiten

mit den Kellern für sich, in welchen er eine ganz vortreffliche

Weinstube etablirte.

Der alte Trauvest war von jeher ein ausgezeichneter Weinkenner gewesen

und hatte immer etwas auf ein gutes Getränk gehalten. Seine Weinstube

bekam deshalb bald einen Namen und die in Haßburg ansässigen »Künstler«,

lustiges, luftiges Volk, das solche Plätze immer am besten aufzustöbern

weiß, erwählte den Ort zu seiner Künstlerkneipe, wozu ihnen der Wirth,

damit sie nicht mit dem gewöhnlichen trocknen Pfahlbürger und Stammgast

Einen Tisch zu besetzen brauchten, ein kleines besonderes Käfterchen

hübsch einrichten und sogar mit Eichenholz austäfeln ließ. Der und Jener

»stiftete« dann auch noch bald einen alten, wunderlich geschnitzten

Schrank, bald ein paar antike Sessel, hundertjährige Pocale und

Deckelkrüge, alte Waffen und Rüstungen, kurz, was in der Art

aufzutreiben war, hinein, so daß sich der kleine, malerisch geschmückte

Raum bald in ein ordentliches Raritäten-Cabinet verwandelte.

Das Haus wurde zuletzt wirklich dadurch berühmt, und kein Fremder

besuchte Haßburg, der sich nicht bemüht hätte, auch die Künstlerkneipe

im »Paradies«, die das lustige Völkchen dem Namen des Gebäudes gerade

entgegen »Die Hölle« taufte, kennen zu lernen.

Zu den Künstlern: Maler, Bildhauer und Schriftsteller, die sich in

Haßburg aufhielten, fühlten sich aber auch die Schauspieler hingezogen.

Der gute Wein hatte sie schon lange in das »Paradies« geführt, die

bessere Gesellschaft lockte sie aus dem »Paradies« in die »Hölle«, und

von den Künstlern wurden sie, als einer freien Kunst angehörend, auch

mit offenen Armen empfangen.

Der Schauspieler ist überhaupt der beste Gesellschafter in der Welt

und steht ja auch mit allen anderen Künstlern in nächster und innigster

Beziehung. Wie der Maler, muß er Charaktere studiren, um sie wahr

und treu, nicht auf der Leinwand, sondern im wirklich lebendigen

Bild wiederzugeben. Mit dem Dichter muß er fühlen, empfinden und sich

begeistern, und alles das in rasch wechselnden Gestalten, Schlag

auf Schlag, und Triumph oder Niederlage bringt ihm schon der nächste

Augenblick, der nächste Abend.

Alle anderen Künstler schaffen nicht allein für ihre Zeit, nein, sie

haben die Hoffnung, daß auch noch spätere Geschlechter sich ihrer Werke

freuen mögen und ihr Name noch genannt wird, wenn sie schon

selbst dahingegangen. Nicht so der Schauspieler, der, nur auf den

augenblicklichen Erfolg angewiesen, auch nur für diesen wirkt und

schafft. Der Beifall des Publikums, das ihn selber hört und sieht, ist

seine Belohnung; dieser strebt er nach, und ist ihm die gesichert, dann

geht er freudig und vertrauensvoll an's nächste Werk.

Dieser Erfolg des Augenblickes übt aber auch natürlich auf sein ganzes

Leben entschiedenen Einfluß, denn er verwächst mit ihm und theilt sich

seinem ganzen Charakter mit; die Vergangenheit existirt nicht für

ihn, was anders ist sie auch, als eine abgespielte Komödie -- und die

Zukunft? Eine neue brillante Rolle kann ihm die rosig genug gestalten,

weshalb sich jetzt schon Sorgen darüber machen? Noch läuft sein

Contract, das Publikum liebt ihn, oder -- hat sich an ihn gewöhnt, und

was die sonstigen kleinen Leiden und Aergernisse betrifft, die nun

einmal als Salz und Würze unseres ganzen Lebens dienen müssen, ei, die

hat er reichlich in vermutheten Intriguen der Intendanz oder der eigenen

Collegen, oder in boshaften Recensionen eines nicht gehörig honorirten

Theaterkritikers -- was will er mehr?

Leichtes Blut schwimmt oben, leichtes Blut gehört zu seiner ganzen

Existenz, und gerade dieser, in den meisten Fällen liebenswürdige

leichte Sinn läßt ihn das Leben an seiner lichten Seite fassen und ihm

Alles abgewinnen, was eben daraus zu gewinnen ist.

Gute und vielbeschäftigte Schauspieler und Schauspielerinnen -- während

Sänger und Sängerinnen -- mit wenigen Ausnahmen -- nur ihre Noten

studiren und sich verwünscht wenig um Text, Sujet oder Charakter ihrer

Rolle kümmern -- müssen auch gebildete Menschen sein, und sind es

fast stets. Sie haben dabei die Form des Umganges vollständig in ihrer

Gewalt, sie müssen verstehen, sich in allen Kreisen des Lebens zu

bewegen, und verstehen es, und mit einem gewissen Instinct, der sie

alles Steife und Langweilige vermeiden läßt, bringen sie bald Leben in

jeden Cirkel, den sie besuchen.

Es ist mit Einem Wort ein frohes, glückliches Völkchen, und wer in ihrer

Mitte nicht warm wird und seinen im gewöhnlichen Leben noch ängstlich

gepflegten Zopf auf kurze Zeit vergißt, den kann man ruhig aufgeben.

Er ist für die Gesellschaft verloren und paßt nur noch für

»Gesellschaften«.

Es läßt sich denken, daß auch in der »Hölle« ein munterer Ton herrschte,

wie denn auch vor Allem hier die Regel galt, nichts, und wäre es der

bitterste Scherz gewesen, übel zu nehmen. Schon über der Thür stand auch

auf einer großen, schwarzen Tafel mit dicken, goldenen, altdeutschen

Buchstaben der etwas ungelenke Vers:

Wer hier in diese Stuben kombt ein,

Laß allen Aerger und Hader daheim.

Und gerade dieses =laisser aller= der Gesellschaft hatte manche junge

Leute aus Kreisen, die sonst nicht gern ein »bürgerliches Wirthshaus«

besuchen, veranlaßt, dann und wann hier vorzusprechen und sich ein

Stündlein unter den Künstlern, unter denen sie immer einzelne Bekannte

fanden, zu amüsiren. Besonders waren einige Artillerie-Officiere, die

selber zeichneten und malten, regelmäßige Besucher der »Hölle« geworden

und zogen dann wieder Andere nach.

So hatte sich denn auch am heutigen Abend, während vorn in der Weinstube

die steiferen Bürger, Beamten und Professoren saßen, in der »Hölle«

ein lustiges Völkchen zusammengefunden, das dem guten Weine des alten

Trauvest wacker zusprach. Vom Theater schien aber nur das Schauspiel

vertreten, da heute eine Oper gegeben wurde; sonst saß aber eine

gemischte Gesellschaft in Uniformen, Sammetröcken und Joppen um den

langen Tisch, und das Gespräch hatte sich gerade um einen Wein gedreht,

den ihnen Trauvest als Markobrunner vorgesetzt und den ein Hauptmann von

Seidlitz für Deidesheimer erklärte, so daß schon eine Wette angeboten

und acceptirt war.

»Wo nur Handor heute bleibt?« rief Höfken, der das Fach der

Charakterrollen am Theater bekleidete; »der hat die beste Zunge von uns

Allen, und seinem Urtheil füge ich mich.«

»Topp, angenommen!« rief der Gegenpart.

»Handor muß etwas auf dem Strich haben,« meinte Berthel, der

Heldenvater; »er geht mir schon seit etwa fünf Wochen mit einer Sorgfalt

gekleidet...«

»Bah,« rief einer der Maler, »als erster Liebhaber muß er auf seine

Toilette halten; er gilt ja bei der ganzen schönen Welt von Haßburg für

das Modejournal der Stadt.«

»Ach was da, Modejournal,« knurrte Pfeffer, der unten am Tische bei

einer halben Flasche Wein saß, »Schulden sind's, und damit er den Leuten

Sand in die Augen streut, hängt er den Plunder um sich her; Esel, wenn

sie sich davon blenden lassen.«

»Nein, Höfken hat Recht,« rief aber auch Berthel, »es muß etwas Anderes

dahinter stecken -- Schulden, bah! Wenn ein Mensch erst einmal so viel

Schulden hat, daß er doch ganz gewiß weiß, er kann sie nicht bezahlen,

dann machen sie ihm auch keine Sorgen mehr, und so steht's mit Handor.

Nein, bei dem spukt etwas Anderes, und ich bezahlte wahrhaftig...«

»Eine Flasche Champagner, Kellner,« rief in diesem Augenblick eine

laute, fröhliche Stimme, und als sich Alle danach wandten, stand Handor,

der eben genannte erste Liebhaber, in der geöffneten Thür; »aber wohl

in Eis, verstanden?« setzte er rasch hinzu, »oder auch gleich zwei, drei

Flaschen, mein Junge, denn ich bin schmählich durstig heut Abend und

schmählich vergnügt -- Guten Abend, meine Herren!«

»He, Handor, beim Zeus! Junge, wo kommst Du her? Eben sprachen wir von

Dir; wo bist Du gewesen?«

»Im Himmel, Kinder, im siebenten Himmel,« rief der junge Mann, indem er

Hut und Stock an einen Nagel hing und dann einen Stuhl neben dem etwas

zur Seite rückenden Höfken nahm, »direct aus den himmlischen Sphären

stieg ich nieder in die »Hölle«, und nur der himmlische Trank kann mir

Ersatz für das Verlorene geben.«

»Pff,« zischte Pfeffer durch die Zähne, »_den_ Himmel, in dem der

gesteckt hat, kenn' ich.«

»Alle Wetter, Handor,« lachte aber auch der Maler, »Sie scheinen heute

Ihren splendiden Tag zu haben!«

»So lang der Wirth nur weiter borgt,

Sind wir vergnügt und unbesorgt!«

citirte Pfeffer.

»=Vive la bagatelle!=« rief aber Handor, ein ihm gereichtes Glas auf

einen Zug leerend.

»Halt,« sagte Höfken »hier gilt es eine Wette; da, Handor, ehe Du uns

Dein Abenteuer erzählst, sag' uns einmal, was für Wein das ist.«

»Und wer hat Dir gesagt, daß ich Euch überhaupt mein Abenteuer erzählen

werde?«

»Als ob der schweigen könnte,« lachte ein Anderer; »hast Du wieder

bei Deiner jungen Putzmacherin geschwärmt oder bei der dicken

Banquierstochter, oder gar mit der kleinen Jüdin den Romeo gelesen? Der

Mensch hat, bei Gott, ein Glück, um das man ihn beneiden könnte.«

»Thorheiten!« lachte Handor verächtlich; »welchen Wein meint Ihr?«

»Hier dieses Glas; aber jetzt koste vorsichtig, es gilt eine Wette.«

»Gebt mir vorher ein Stück Brod.«

Das Verlangte wurde gebracht, und während jetzt Handor den Wein mit

Kennermiene prüfte und kostete, herrschte lautlose Stille in dem kleinen

Raum. Trauvest, der gerade in die Thür trat, blieb auf der Schwelle

stehen.

»Nun, wo ist der gewachsen?«

Handor kostete noch einmal. »Rüdesheimer Berg,« sagte er dann.

»Rüdesheimer?«

Handor nickte.

»Meine Herren,« sagte Trauvest, »ich muß Ihnen mittheilen, daß ich

gestern zwei Fässer Wein, eins mit Markobrunner und eins mit Rüdesheimer

Berg, habe abziehen lassen, und wie ich eben von meinem Küfer höre, hat

er beim Siegeln den Lack verwechselt, was schuld an dem Irrthum ist;

Herr Handor hat Recht, es ist allerdings Rüdesheimer Berg.«

»Alle Wetter,« rief Hauptmann von Seidlitz, »die Zunge muß Handor viel

Geld gekostet haben!«

»Oder anderen Leuten,« meinte Pfeffer.

»Allen Respect übrigens vor Ihrer Zunge, Herr Handor,« fuhr Trauvest

fort, »und wenn Sie das Theater aufgeben wollten, möchte ich Sie wohl

als Reisenden engagiren; Sie sollten ganz vortreffliche Provisionen

bekommen.«

»Herzlichen Dank, lieber Trauvest,« lachte der erste Liebhaber, »bin

von Ihrer Güte überzeugt, befinde mich aber doch jetzt noch besser so.

Sollte ich aber wirklich einmal in den Fall kommen...«

»Dann wenden Sie sich nur an mich, ich halte mein Wort,« nickte der alte

Mann.

»Apropos, Handor,« rief der Maler Arnold, der ihm gegenüber saß, »haben

Sie schon die schöne Fremde gesehen, welche heute angekommen ist, die

Gräfin Rottack? Die Familie ist hier nach Haßburg übergesiedelt.«

»Nein,« rief Handor; »ist sie hübsch?«

»Bildschön,« versicherte Arnold ganz in Feuer. »Sie wurde mir heute

unter den Buden gezeigt, wo sie mit ihrem Manne und den Kindern

spazieren ging; ein reizendes Wesen mit einem von den Gesichtern, die

der liebe Gott nur wenig Begünstigten mitgegeben, und denen man auf den

ersten Blick gut sein muß. Und was für wunderbar goldenes Haar sie hat!

Ich bin ihnen eine Weile nachgegangen, nur um die Sonne auf dem Haar

blitzen und leuchten zu sehen.«

»Meiner Seel',« rief Pfeffer »wenn Sie so entzückt von rothen Haaren

sind, weshalb malen Sie denn nicht einmal meine Schwester, die Bassini?

Die brennt.«

Alle lachten.

»Der Pfeffer ist doch ein ganz nichtsnutziger Patron, nicht einmal seine

eigene, leibliche Schwester kann er ungeschoren lassen,« rief Berthel.

»Bah, ungeschoren,« sagte Pfeffer, »sie trägt eine Perrücke!«

»Lassen Sie mir die Bassini in Ruhe!« rief Höfken dazwischen; »das

ist eine ganz brave Person, wenn sie auch sonst vielleicht ihre

Wunderlichkeiten hat. Und wie ordentlich und ehrlich bringt sie sich mit

ihrer kleinen Gage durch, daß sie nicht einen Pfennig Schulden in der

Stadt hat!«

»Das kann Handor auch von sich sagen,« meinte Pfeffer.

»Ich wollte, es wäre wahr, Pfeffer,« bemerkte Trauvest trocken, und ein

tolles Gelächter brach von allen Seiten los.

»Lacht nur,« sagte aber der erste Liebhaber, während sich ein

spöttischer Zug um seine Lippen legte; »wir wollen aber einmal sehen,

wer von uns hier heute über vier Wochen die wenigsten Schulden haben

wird, Ihr oder ich.«

»Du hast wohl in die Lotterie gesetzt?« fragte Höfken.

»Nein, er heirathet eine Gouvernante und wird Gouverneur,« meinte

Pfeffer.

»Thorheit,« rief Handor, »da kommt der Champagner, und nun Gläser her

und ein volles Glas _den schönsten Augen_!«

Für den Augenblick war jedes weitere Gespräch gestört, denn das

Einschenken, Anstoßen und Trinken beschäftigte die Anwesenden so

vollkommen, daß sie nicht einmal den Eintritt eines neuen Gastes

bemerkten.

Es war der junge Graf Monford, der gar nicht etwa so selten die

Künstlerkneipe besuchte, weil er dort immer sicher war, gute

Gesellschaft zu finden.

»Nun mußt Du uns aber auch Deine schönsten Augen nennen, Handor,« rief

Höfken ihm zu, »denn wenn ich ihnen ein Glas bringen soll, muß ich auch

wissen, an welchem Theile des Himmels diese Sterne stehen.«

»Nie indiscret, Kamerad,« lachte Handor, »Jeder von uns trinkt den

Augen, die er für die schönsten hält.«

»Und in dem Sinne nehme ich auch ein Glas mit,« rief George Monford;

»heh, Kellner, noch Champagner!«

Handor war bei der Stimme rasch herumgefahren, und für den Augenblick

verlor sein Antlitz jede Farbe; aber in dem Tumult bemerkte es Niemand,

und Handor hatte auch rasch genug seine Fassung wiedergewonnen.

»Graf Monford,« rief er erfreut, ihm die Hand entgegenstreckend und sie

herzlich schüttelnd, »lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen?«

»Ich bin heute eigentlich nur hergekommen, um _Sie_ auf ein paar Minuten

zu sprechen,« sagte der junge Mann.

»Mich?«

»Nachher; eine Geschäftssache,« lachte George; »Sie brauchen nicht zu

erschrecken. Also den schönsten Augen, meine Herren, und da ist wohl

Keiner hier, der den Toast nicht mittränke.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte Pfeffer, »wenn ich auf etwas Derartiges

anstieße, so wäre es höchstens auf die »beste Brille«; der Teufel soll

die schönen Augen holen, wenn man Abends nicht mehr damit lesen kann.«

»Hahaha, Freund Pfeffer, immer giftig!«

Graf George rückte jetzt mit zum Tisch und das Gespräch wurde

allgemeiner; nur Handor war merkwürdig einsilbig geworden, und so

ausgelassen lustig er im Anfange geschienen, so schweigsam zeigte

er sich jetzt, daß es sogar den Tischgenossen auffiel. Wie er aber

nacheinander ein paar Gläser des feurigen Trankes hinuntergestürzt,

wurde er etwas lebendiger; doch lagen ihm immer noch die paar Worte auf

dem Herzen, welche ihm der junge Graf vorher gesagt. Was wollte der

von ihm? Eine Geschäftssache? War er dem Liebesverhältniß mit dessen

Schwester auf die Spur gekommen und wollte ihn jetzt vielleicht gar

fordern? Die Cavaliere nannten das eine Geschäftssache. Das Gefühl wurde

ihm zuletzt so unbehaglich und drückend, daß er aufstand, hinter Graf

George's Stuhl ging und, leise seine Schulter berührend, sagte: »Mein

lieber Herr Graf, Sie wollten mir vorhin etwas mittheilen; wenn ich

bitten dürfte, ich kann nicht mehr lange bleiben.«

»Ach ja,« rief George, indem er aufsprang und nach seiner Uhr sah,

»meine Zeit ist ebenfalls um; sagen Sie einmal, lieber Handor,« fuhr

er dann leise fort, indem er ihn unter dem Arm nahm und etwas bei Seite

führte, »ich habe eine Bitte an Sie.«

»An mich?«

»Zuerst muß ich Ihnen die Mittheilung machen, daß wir morgen über acht

Tage, also am Freitag, die Verlobung meiner Schwester Paula in unserem

Hause...«

»Ihrer Schwester Paula....?«

»Bst, nicht so laut, die Sache ist noch Geheimniß, soll wenigstens nicht

vor der Zeit öffentlich bekannt werden, und ich ersuche Sie auch deshalb

um Ihre Discretion; also daß wir dann in unserem Hause Paula's Verlobung

feiern, und ich wollte sie gern zu dem Tage, unter anderen Sachen die

ich mir ausgedacht, mit der Aufführung irgend eines hübschen Stückes

auf unserem kleinen Liebhaber-Theater überraschen. Haben Sie etwas recht

Hübsches, Neues, das wir bis dahin noch lernen können, und sind Sie

vielleicht selber im Stande, uns bei der Inscenesetzung und den Proben

zu unterstützen? Aber es muß natürlich Alles heimlich betrieben werden,

denn weder Braut noch Bräutigam dürfen etwas davon erfahren.«

»Herr Graf,« sagte Handor, und er mußte sich Mühe geben, die Worte

heraus zu bringen, so hatte der Schreck über die all' seinen Hoffnungen

drohende Nachricht seine Zunge gelähmt, »ich -- ich glaube gewiß, daß

ich etwas Passendes finde, und stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»Danke Ihnen, lieber Handor,« sagte der junge Mann, indem er ihm die

Hand drückte, »Sie werden uns dadurch unendlich verbinden; Sie wissen ja

selber, wie meine Schwester das Theater liebt und dafür schwärmt. Irgend

ein hübsches neues Lustspiel von Scribe vielleicht und nicht zu lang;

aber Sie können am besten beurtheilen, was dafür passend ist.«

»Gewiß, Herr Graf, gewiß, ich -- ich finde sicher etwas; nur -- nur in

diesem Augenblick...«

»Nun, natürlich läßt sich das nicht so Knall und Fall bereden,« sagte

Graf George; ȟberlegen Sie sich die Sache, und bitte, geben Sie mir

morgen Abend spätestens Nachricht. Ich muß jetzt fort, denn ich bin zu

einer Whistpartie engagirt. Also, adieu Handor, auf Wiedersehen!« und

damit reichte er ihm die Hand. »Guten Abend, meine Herren!«

Handor trat zum Tisch zurück und mußte sich merklich zwingen, seine

ruhige Fassung zu bewahren. Er bestellte noch eine Flasche Champagner

und trank hastig; aber die Gedanken ließen ihm nicht Ruhe, er mußte

allein sein und stand endlich auf, die Gesellschaft, der seine Aufregung

nicht entgehen konnte, zu verlassen.

Ein paar Gäste wollten ihn noch mit seiner Zerstreutheit necken; aber

er ging nicht auf ihre Scherze ein und verließ endlich nach einer

unbestimmten Entschuldigung das Zimmer.

Draußen an der Treppe, die hinauf auf die Straße führte, traf er

Trauvest, an dem er mit einem kurzen Gruß vorüber wollte.

»Hören Sie, mein lieber Handor,« redete ihn dieser an.

»Ja, Trauvest?«

»Sie nehmen es mir nicht übel,« fuhr der Wirth freundlich fort, »aber

ich muß Sie wirklich bitten, daß Sie mir wenigstens einen Theil Ihrer

schmählich aufgelaufenen Rechnung zahlen. Ich selber habe meine letzte

Weinsendung in den nächsten Tagen zu berichtigen und bin wirklich in

Verlegenheit, wo ich das Geld hernehmen soll; ich würde Sie sonst doch

noch nicht belästigen.«

»Hm, ja, Trauvest, wie viel bin ich Ihnen denn eigentlich so ungefähr

schuldig?«

»Nun, es werden ohne das Heutige immer so eine dreihundert und einige

siebzig Thaler sein.«

»Dreihundert, alle Teufel, das hat sich merkwürdig aufsummirt!«

»Ja, lieber Gott,« sagte Trauvest achselzuckend, »billige Weine trinken

Sie nicht, und eine hübsche Zeit ist ebenfalls verstrichen, seit Sie die

letzte Abzahlung machten.«

»Sie haben Recht, Trauvest,« sagte Handor, indem er seinen Paletot

zuknöpfte; »den Wievielten schreiben wir heute?«

»Der Monat geht auf die Neige.«

»Am Ersten sollen Sie bedacht werden, Sie gehen vor.«

»Vergessen Sie's nur nicht, Herr Handor.«

»Gewiß nicht, alter Freund; guten Abend!« Und er stieg die Treppe

hinauf, die hinaus in's Freie führte.

6.

Jeremias.

Ehe sie nur das kaum zweihundert Schritt von dort gelegene neue Wohnhaus

des Grafen Rottack erreichten, waren Jeremias und die kleine lebendige

französische Bonne, die aber ziemlich gut Deutsch sprach, schon die

besten Freunde geworden, und selbst das kleine Helenchen schien sich so

wohl bei ihrem neuen Wärter zu befinden, der auch fortwährend mit ihr

lachte und plauderte, daß sie nicht die mindeste Furcht mehr vor ihm

hatte. Nur der kleine Günther betrachtete ihn noch immer ein wenig scheu

und mißtrauisch von der Seite -- er konnte augenscheinlich noch nicht

recht klug aus ihm werden, und dann war Jeremias doch auch eine

von allen denen, mit welchen er bis jetzt verkehrt, so verschiedene

Persönlichkeit, daß sich der kleine Bursche fast unwillkürlich von ihm

zurückhielt.

Jeremias hatte aber jetzt auch in der That genug mit sich selber zu

thun, denn so unbefangen er sich sonst in allen Lebensverhältnissen

benahm, so fühlte er sich doch, als er in diesem Augenblick die neue und

sehr elegante Wohnung des Grafen Rottack betrat, in einer so vollständig

ungewohnten Sphäre, daß er einige Zeit brauchte, um sich hinein zu

finden.

In Brasilien hatte er allerdings verschiedene Male mit Grafen und

Gräfinnen verkehrt, aber das waren auch ganz andere Verhältnisse

gewesen. Titel und Namen mochten sie allerdings gehabt haben, aber der

äußere Glanz fehlte ihnen dort, der im alten Vaterland unter solchen

Verhältnissen, wenn auch oft auf das Künstlichste, doch stets gewahrt

und beobachtet wird, und so unbefangen er anfangs die Einladung zum

Diner von dem jungen Grafen angenommen hatte, dessen er sich noch recht

gut erinnerte, wie er mit der Violine in Santa Clara herumlief und bei

Bohlos an dem nämlichen Tische sein Bier trank, an dem er selber ab und

zu einsprach -- so befangen fühlte er sich jetzt plötzlich, als er die

betreßten Diener sah, die herzusprangen, als Graf und Gräfin das Haus

betraten, und die Ehrfurcht bemerkte, mit der das junge Paar von allen

Seiten behandelt wurde. Ja, er kam in die größte Verlegenheit, als er

Helenchen auf den Boden gesetzt hatte und einer der Diener zusprang und

ihm den Hut abnahm, während ein anderer -- was er eben an Graf Rottack

gethan -- auch zu ihm kam, um ihm den Oberrock auszuziehen.

»Bitte,« sagte Jeremias erschreckt, »ich habe nur den einen an und kann

doch...« -- er hielt plötzlich inne, denn er sah, wie sich die Bonne

nur mit Gewalt das Lachen verbiß, und der Diener selber trat etwas

bestürzt zurück, weil er bemerkt, daß er den Fremden in Verlegenheit

gebracht.

»Kommen Sie nur herein, alter Freund,« rief Rottack, der verhindern

wollte, daß er sich vor den spottlustigen Dienern eine Blöße gab, »und

thun Sie, als wenn Sie hier zu Hause wären! -- Ist das Essen fertig?«

»Es kann jeden Augenblick servirt werden, Herr Graf.«

»Schön, dann lassen Sie auftragen.«

Jeremias folgte der freundlichen Einladung, aber er war noch weit davon

entfernt, sich behaglich zu fühlen. Erstlich hatten sie ihm seinen Hut

weggenommen, und er wußte jetzt nicht, was er mit seinen Händen anfangen

sollte; dann hatte er vergessen, sich draußen abzutreten, und auf dem

Teppich hier, den er so schön noch auf keinem _Tische_ gesehen, sollte

er jetzt mit den staubigen Stiefeln herumlaufen.

Rottack aber, der sich etwa denken konnte, was in der Seele des kleinen

Mannes vorging, und der fest entschlossen schien, ihm jede Verlegenheit

zu ersparen, machte all' seinen Bedenklichkeiten ein rasches Ende, indem

er ihm ohne Weiteres einen Stuhl zum Tisch rückte, auf den schon einer

der aufmerksamen Diener ein Couvert für den Gast gelegt hatte, und

ausrief: »So, Jeremias, nun setzen Sie sich daher, und Helene, die den

Augenblick zurückkommt, soll sich zu Ihnen auf die Seite und Günther

auf die andere setzen, und nun unterhalten Sie sich nur noch einen

Augenblick mit den Kindern, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

Jeremias sah sich um -- die Diener, vor denen er sich am meisten

genirte, hatten ebenfalls das Zimmer verlassen, und die Bonne war damit

beschäftigt, die Kinder ihrer Hüte und Mäntelchen zu entledigen, die

das Kindermädchen dann in deren Stube hinübertrug -- Jeremias war sich

selber überlassen, in dem Fall brauchte er nur wenige Minuten, um mit

dem kleinen Günther Freundschaft zu schließen. Im Handumdrehen fertigte

er ihm aus der goldenen Düte, die er auf ein paar der Suppenteller

ausleerte, eine Mütze, und wie Felix zurückkam, hatte er ihn auf dem

Knie reiten, und der kleine Bursche lachte und schrie vor Lust und

Vergnügen, als das »Pferdchen« mit ihm durchging und in immer wilderen

Sätzen Hopp, Hopp machte.

Felix lachte, als er wieder in's Zimmer trat und Helenchen eben auf

das andere Knie des kleinen freundlichen Mannes hinaufkletterte, um mit

Theil an dem wilden Ritt zu nehmen.

Helene kam jetzt ebenfalls zurück, und die Suppe wurde gebracht; das

kleine Volk mußte Ruhe geben und Alle nahmen ihre bestimmten Plätze ein.

»'s ist doch aber wirklich merkwürdig,« sagte Jeremias, »wie sich so

Leute auf der Welt wiederfinden können.«

»_Sie_ hätte ich allerdings hier nicht vermuthet,« lächelte Felix. »Nun

erzählen Sie uns aber auch einmal vor allen Dingen Alles, was Sie selber

betrifft, und wie Sie besonders wieder nach Deutschland zurückgekommen

sind. Sie können glauben, daß wir uns dafür interessiren.«

»Na, denke doch,« schmunzelte Jeremias, der, wie er nur erst einmal die

Serviette um und den Suppenteller vor sich hatte, auch alles Neue und

Fremdartige vergaß, was ihn umgab. »Aber sehen Sie, Herr Graf, wie Sie

damals weggingen -- Jemine war das eine Zeit, wie wir den großbrodigen

Herrn von Reitschen los wurden und den guten Herrn Sarno wiederkriegten

-- damals...« -- er sah sich vorsichtig um, ob keiner von den Dienern

mehr im Zimmer war -- »damals lief ich noch in Hemdsärmeln herum mit

dem Einspänner, dem Handkarren, Sie wissen wohl, und putzte...« -- die

Bonne genirte ihn doch etwas, daß er nicht recht mit der Sprache heraus

mochte -- »nun, that allerlei Arbeit, was vorkam, hatte mir aber doch

hübsches Geld dabei verdient, denn ich sparte wie ein Hamster und

gab keinen Milreis unnöthig aus. Da starb gleich sechs Monate später

Bodenlos -- Sie kennen ja doch Bohlossen -- er hatte sich richtig in

aller Stille todtgesoffen, denn äußerlich merkte man ihm nie 'was davon

an, und das Wirthshaus wurde verkauft.

»Buttlich, der mit Herrn von Reitschen herübergekommen und so eine

Schwindelwirthschaft errichtet hatte, war schon drei Monate vorher

durchgebrannt -- der arme Baron verlor durch den Lump auch ein paar

hundert Milreis, beinahe ein halbes Conto[1], und wenn Bohlossen sein

Haus gut gehalten wurde, ließen sich Geschäfte damit machen. Herr

Rohrland rieth mir auch zu...«

[1] Ein Conto de Reïs etwa 500 Dollars.

»Und wie geht es den guten Leuten?« fragte Helene.

»Vortrefflich,« nickte Jeremias -- »Rohrland ist ein Mann bei der

Spritze, immer auf dem Damme, immer fleißig, und die kleine Frau ein

Mordswei --, eine prächtige Frau -- und alle Jahre Kindtaufe, immer

einen kleinen Jungen oder auch einmal ein Mädchen -- es wimmelt nur so

bei ihnen.«

»Und Sie kauften die Wirthschaft?« fragte Felix, während Helene still

vor sich hin lächelte und die Bonne bis hinter die Ohren roth wurde.

»Na ob,« sagte Jeremias, wieder im alten Gleise, »das Haus ging

spottbillig weg, das Inventar war ebenfalls zu bezahlen, was ich an

Getränken und sonstwie brauchte, lieferte mir Herr Rohrland, und

nun ging die Geschichte flott. In Santa Catharina hatte sich's

ausgesprochen, daß wir einen guten Director in der Colonie hätten, der

etwas auf seine Colonisten hielt, in Rio wurd's auch bekannt, und von

allen Seiten kamen jetzt die Auswandererschiffe an, daß der Director und

ich manchmal nicht wußten, wo uns der Kopf stand -- aber Geld wie Heu.

Es war ordentlich, als ob der Segen auf dem alten Hause läge, und wie

ich mir noch ein neues dazu baute, hatte ich immer noch nicht Platz

genug. Weil ich das baare Geld aber nicht wollte im Kasten liegen lassen

-- von wegen Buxen und Consorten, die mir damals keinen schlechten

Schreck eingejagt --, kaufte ich Land dafür, was sie mir nicht stehlen

konnten, und verdiente da wieder dran, Hand über Hand; kurz, in vier

Jahren war ich ein gemachter Mann, und da erst, wie ich 'was hatte und

es mit dem Besten in der Colonie aufnehmen konnte, kriegt' ich das

Heimweh und beschloß, einmal wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Meine Häuser verkaufte ich um das Doppelte, was ich dafür gegeben hatte,

meine Colonien verpachtete ich an arme Colonisten, die noch keinen

eigenen Grund und Boden hatten, und -- da bin ich...«

»Und wie haben Sie alle unsere Freunde in der alten Colonie verlassen?«

fragte Felix -- »was macht Sarno, und haben Sie nichts von Günther von

Schwartzau mehr gesehen?«

»Herr Sarno ist noch immer der Alte,« erzählte Jeremias, emsig mit einem

Gänseschenkel beschäftigt -- »immer bei der Spritze, und die Geschichte

geht jetzt dort wie am Schnürchen. Wer nicht in die Colonie paßt, den

beißt er weg, und die Anderen befinden sich alle wohl, oder wenn sie's

nicht thun, ist es ihre eigene Schuld. Einen andern Pfarrer haben sie

auch, einen braven, ordentlichen Mann, der nie länger als eine halbe

Stunde predigt...«

»Und von Schwartzau wissen Sie nichts?«

»Doch -- im vorigen Jahr war er wieder in der Colonie und wohnte ein

paar Wochen beim Herrn Director; er war lange krank gewesen und sah

recht elend aus. Jetzt ging's ihm aber wieder besser, und kurz vorher,

ehe ich wegging, hörte ich, daß er selber Director in San Sebastian oder

Gott weiß, wie die neue Colonie heißt, geworden wäre.«

»Armer Günther!« seufzte Felix -- »so treibt er sich noch immer in der

Fremde umher und kann keine Ruhe finden...«

»Und was macht der Baron?« fragte Helene, der eine andere Frage noch am

Herzen lag, die sie aber nicht wagte.

»Je, nun,« sagte Jeremias, »der Baron trägt immer noch dieselben

Nankinghosen, die beim Waschen immer kürzer werden -- armer Teufel --

ne, lieber Freund, ich bin noch nicht fertig,« unterbrach er sich rasch

und hielt mit beiden Händen seinen Teller, den ihm der aufwartende

Diener, weil er ihn einen Augenblick außer Acht gelassen, gerade

fortnehmen wollte.

Felix lachte und winkte, ihn in Ruhe zu lassen, und Jeremias, der seinen

Gänseschenkel wieder vornahm, fuhr fort:

»Dem armen Teufel geht's eigentlich erbärmlich. Arbeiten kann er und

will er nichts, und mit Vornehmthun giebt's in den Colonien nichts aus

-- der Buttlich betrog ihn, wie gesagt, um eine hübsche Summe -- wie

er's aus ihm herausgekriegt, weiß ich auch nicht. Nachher ließ er sich

in ein Geschäft mit Herrn von Pultele -- Hurrjeh!« unterbrach sich

Jeremias plötzlich, weil er glaubte, einen Mißgriff gemacht zu haben.

»Erzählen Sie nur weiter,« lachte aber Felix -- »also, Herr von

Pulteleben ist auch noch in der Colonie...?«

»Jetzt nicht mehr,« sagte Jeremias, der puterroth geworden war und einen

verzweifelten Blick nach Helenen hinüberwarf. »Es war eine Seele von

einem Menschen, aber -- aber ein bischen -- ein bischen unpraktisch, und

da kam er auf die unglückliche Idee, mit dem Baron eine Perlenfischerei

an der Küste anzulegen.«

»Eine Perlenfischerei?«

»Ja, gewiß -- und gefischt haben sie auch genug,« meinte Jeremias,

»aber nicht einmal so viel Perlen gefunden, um sich eine Tuchnadel davon

machen zu lassen, und da bekam es der Herr Baron denn zuerst satt -- die

Mittel erlaubten es nicht -- und Herr von Pulteleben ging nachher nach

Rio Grande, aber ich habe nichts weiter von ihm gehört.«

»Und die Gräfin Baulen,« sagte Helene ruhig, »ist sie noch in Santa

Clara?«

»Ihre Frau Mutter? Gewiß!« rief Jeremias, der natürlich keine Ahnung

von den dortigen Vorgängen haben konnte -- »immer noch die Alte --

sehr achtungswerthe Dame,« setzte er aber rasch und erschreckt hinzu --

»ungeheure Betriebskraft, weiß immer etwas Neues, um zu speculiren --

aber Graf Oskar ist fort...«

»Fort -- wohin?« rief Helene rasch.

»Der liebe Gott weiß es,« sagte Jeremias achselzuckend -- »mein Himmel,

junges Blut will austoben, und Brasilien ist groß -- Frau Mutter hatte

eine kleine Schwierigkeit mit dem Bäckermeister Spenker und zog aus,

miethete nachher ein kleines Haus gerade dem Baron gegenüber, und da war

der junge Graf eines Morgens auf eine Entdeckungsreise ausgegangen, wie

sie sagten, und konnte nachher selber nicht mehr entdeckt werden. Aber

das Alles hat Ihnen gewiß Ihre Frau Mutter schon geschrieben -- lieber

Gott, in Brasilien geht das ja auch oft so, daß ein junger Mensch einen

Platz satt bekommt und sich nach einem andern umsieht, der ihm besser

gefällt!«

»Und was ist aus der Frau jenes Mörders, jenes Bux geworden?« fragte

Felix, der das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen wünschte.

»Der geht's gut,« bestätigte Jeremias; »das war eine brave,

rechtschaffene Frau, und wie sie sich nur erst einmal von der schlechten

Behandlung erholt hatte, schaffte sie tüchtig. Ihre Kinder brachten wir

rasch bei Colonisten unter, und nachher habe ich sie selber in das Hotel

genommen, wo sie sich vortrefflich betragen hat. Sie ist jetzt noch dort

und verdient sich hübsches Geld...«

»Und jener Bux?«

»Nun, den haben sie nach Rio gebracht und dort wahrscheinlich gehangen

oder in's Loch gesteckt. Ich habe nie etwas Weiteres von ihm gehört.«

»Aber ein sonderbares Zusammentreffen ist es doch,« lächelte Helene,

»daß wir uns hier gerade in Haßburg wiedersehen sollten...«

»Und noch dazu den ersten Tag, wo ich hier bin!« rief Jeremias.

»Apropos, Sie wollten mir ja erzählen, was Sie gerade nach Haßburg

geführt,« sagte Felix, »denn wie Sie selber sagen, stammen Sie gar nicht

aus der Gegend...«

»Hm,« meinte Jeremias und warf einen Blick über die Schulter nach dem

aufwartenden Diener und dann nach der Bonne hinüber, »das ist auch eine

etwas längere Geschichte.«

»Also dann beim Kaffee,« nickte der junge Graf, dem es nicht entgangen

war, daß der kleine Mann noch etwas Anderes auf dem Herzen hatte

-- »aber vorher noch ein Glas Wein, Jeremias, wie? Machen Sie keine

Umstände, Mann, der Wein ist trinkbar.«

»Famoser Stoff!« bestätigte Jeremias, der indessen mit seinen Gedanken

nicht ganz bei der Sache war, denn es ging ihm im Kopf herum, daß sich

die junge Gräfin eigentlich gar nicht so lebhaft nach ihrer »Mutter«

erkundigt hatte, wie er wohl erwartet haben mochte, und auch über das

Verschwinden ihres Bruders nicht im Mindesten aufgeregt erschien. Aber

sie mußte es jedenfalls schon früher brieflich erfahren haben, und

wußte vielleicht sogar, wo er stak. Daß er ihm selber noch eine nicht

unbeträchtliche Summe schulde, erwähnte er nicht; er besaß, trotz seiner

rauhen Hülle, zu viel Zartgefühl, und doch hatte es ihm Rottack entweder

angemerkt oder es sich auch nur gedacht -- und große Definitionsgabe

gehörte allerdings nicht dazu.

Aber die Tafel wurde jetzt abgeräumt und dann der Kaffee gebracht. Die

Bonne verließ mit den Kindern den Speisesaal, und das junge Paar war mit

Jeremias allein.

»Und nun, mein alter Freund,« sagte Felix, »schießen Sie einmal los --

Sie haben noch etwas auf dem Herzen.«

Jeremias war eigentlich nicht wenig froh, daß er dieses Diner glücklich

überstanden hatte, denn er fühlte sich, so lange es dauerte, fortwährend

in einer gewissen Aufregung, aus Furcht, irgend einen Mißgriff zu

begehen. Aber es schien doch ziemlich gut abgelaufen zu sein, denn das

ausgenommen, daß er von den ihm präsentirten Speisen hartnäckig die

Gabel abgenommen und neben sich gelegt hatte, so daß er sich zuletzt

im Besitze von sieben oder acht solcher Instrumente fand und über den

Vorrath selber erschrak, war nicht das geringste Ungehörige vorgefallen.

Jetzt aber wurde er plötzlich, ohne die geringste scheinbare Ursache,

feuerroth und sagte, viel verlegener, als er sich nur je gezeigt: »Hm,

ja, Herr Graf, ich -- ich wollte eigentlich -- Schwerebrett, Sie lachen

mich aber aus, wenn ich's Ihnen sage -- die Frau Gräfin lacht jetzt

schon.«

»Gewiß nicht, Jeremias, wenn es etwas Ernstes ist,« lächelte Helene, der

die Unruhe des kleinen Mannes allerdings komisch vorkam.

»Ja, ernst wär' es schon,« nickte ihr Gast leise mit dem Kopf vor sich

hin, »aber -- lachen werden Sie doch,« setzte er resignirt hinzu, »denn

eigentlich könnte ich selber darüber lachen, wenn -- wenn...« -- Er

stak fest und nahm sein Taschentuch heraus, um sich damit die Stirn und

den Kopf abzutrocknen, denn die Stirn ging ihm fast bis hinten in die

Halsbinde hinunter.

»Also erzählen Sie, Jeremias,« sagte Helene freundlich; »Sie wissen ja,

daß wir es gut mit Ihnen meinen, und wenn Ihnen Felix bei irgend etwas

behülflich sein kann, so bin ich fest überzeugt, daß es ihm die größte

Freude machen wird.«

»Ich auch, Frau Gräfin, ich auch,« bestätigte Jeremias treuherzig und

leerte dabei das Glas, das ihm der junge Graf noch einmal vollgeschenkt

hatte, wie um sich Muth zu machen, auf Einen Zug. »Und Sie sollen's

auch erfahren,« setzte er dann hinzu -- »Sie sollen's erfahren, denn

ich weiß, Sie meinen es gut mit mir. Aber erst erlauben Sie mir, daß

ich eine Tasse Kaffee trinke -- der starke Wein ist mir in den Kopf

gestiegen, und ich möchte kein dumm Zeug schwatzen -- es ist so schon,

wie's ist -- so, danke Ihnen, und nun sollen Sie meine Lebensgeschichte

hören, aber ganz kurz, ich bin im Augenblick damit fertig, denn es ist

Alles ungeheuer geschwind gegangen und eigentlich gar nicht viel zu

erzählen -- wenn nur eben die Frau nicht wäre.«

»Die Frau?«

Jeremias seufzte tief auf, trank seinen Kaffee, den ihm Helene selber

eingeschenkt, und begann dann: »Ich war ein leichtsinniger Strick in

meiner Jugend, lief meinem Alten fort und ging zum Theater.«

»Zum Theater?« lachte Felix erstaunt.

»Das heißt, ich wirkte im Chor,« fuhr Jeremias fort, »und half mit beim

Ballet, und damals war ich auch noch schlank und geschmeidig und hatte

die Beine dazu. Ich verdiente auch, was ich brauchte, als einzelner

Mensch nämlich, aber da kam -- und jetzt werden Sie lachen, Frau Gräfin

-- da kam die Liebe und ich heirathete!«

»Sie sind verheirathet, Jeremias?« riefen beide Gatten zugleich und

erstaunt aus.

»Ja, wenn ich's nur selber wüßte,« sagte Jeremias mit einem höchst

komischen Ausdruck von Verzweiflung in den Zügen -- »das ist ja eben das

Unglück, daß ich nicht weiß, ob ich's bin oder ob ich's war, und deshalb

bin ich ja wieder nach Deutschland zurückgekommen!«

»So wissen Sie nicht, ob Ihre Frau noch lebt?«

»Das ist die Geschichte, und auf den Kopf haben Sie's getroffen, Frau

Gräfin -- aber hören Sie. Meine Frau war brav und gut und ebenfalls beim

Theater. Sie spielte kleine Rollen, und wir Beide verdienten etwa so

viel, wie wir brauchten. Da wurde sie krank und entlassen, die

Familie vermehrte sich ebenfalls, und...« -- Jeremias wurde hier

augenscheinlich so verlegen, daß er eine ganze Weile kein Wort weiter

vorbrachte. Er trank an seinem Kaffee, er zupfte an seinem Rock und

rückte auf seinem Stuhl herum. Endlich aber, da er doch wohl merkte,

daß es nicht so fortging, nahm er sich mit Gewalt zusammen und platzte

heraus -- »und ich wurde liederlich -- Sie dürfen mir's glauben, Frau

Gräfin, ein ganz liederlicher Strick -- ich trank und spielte und

setzte meiner Schlechtigkeit endlich, als sich meine brave Frau von mir

scheiden ließ, die Krone auf -- und lief davon. So, Gott sei Dank, jetzt

ist das Schlimmste heraus und Sie wissen's nun einmal -- das Andere ist

Kleinigkeit,« fuhr er, tief Athem holend, fort. »Ich trieb mich erst

eine Weile in Deutschland herum, Jahre lang, bis ich das Brod nicht mehr

hatte; dann schiffte ich nach Amerika über und versuchte es da, aber es

ging auch nicht. Das alte Leben steckte mir noch in den Gliedern, und

anstatt Geld für Frau und Kind nach Haus zu senden, verthat ich, was

ich verdiente, bis zuletzt die Reue kam. Hurrjeh, hab' ich mir damals

Grobheiten gemacht und mich selber vorgekriegt -- aber es half! Ich

nahm mir vor, ein ordentlicher Kerl zu werden, und um aus all' der

Gesellschaft herauszukommen, in der ich mich in Amerika herumgetrieben,

ging ich zu Schiff nach Brasilien.

»Dort fing ich ein anderes Leben an. Ich war nie gewohnt gewesen, viel

zu arbeiten -- in Brasilien streifte ich die Aermel in die Höh' und ging

scharf dran. Sie wissen's selber, Sie haben mich dort schaffen sehen,

und nachher ging's. Die ganzen langen Jahre hatte ich aber nicht an zu

Hause gedacht oder, wenn ich dran dachte, mit Gewalt nicht dran denken

wollen. Was konnt's auch helfen, was wollte ich zu Hause anfangen, so

lange ich nichts hatte! Wie ich aber anfing, zu Geld zu kommen, und wie

es sich mehrte und mehrte und ich anfing, reich zu werden, da kam die

Reue über das Vergangene noch viel stärker, wie nach meinem liederlichen

Leben. Da kam das Heimweh, da ging mir der Gedanke im Kopf herum, daß

meine arme Frau vielleicht doch nicht aus Kummer und Gram gestorben

wäre und hier noch in Sorge und Noth lebe. Jetzt schrieb ich nach

Deutschland, um ihre Adresse zu erfahren, aber umsonst; kein Mensch

konnte mir Nachricht geben, und auf die meisten Briefe bekam ich nicht

einmal eine Antwort. Am liebsten hätte ich mich da auch gleich selber

aufgepackt und wäre herübergefahren, aber die Zeiten waren zu günstig,

ich verdiente zu rasch und wollte noch mehr, und bekam mehr. Da litt's

mich denn endlich nicht länger in dem Brumsilien drüben, und mit dem

Dampfer bin ich herübergekommen, um nur recht geschwind wieder da zu

sein.«

»Und haben Sie Ihre Frau gefunden?« rief Helene rasch, die mit inniger

Theilnahme der kleinen, einfachen Erzählung gefolgt war.

»Das ist ja gerade der Teufel -- bitte tausendmal um Entschuldigung!«

sagte Jeremias, sich wieder den Schweiß abtrocknend. »Seit sechs Wochen

rutsche ich jetzt im Lande herum und kann nichts Genaues erfahren.

Zuerst war ich in Regensburg, wo wir damals wohnten -- und glücklicher

Weise kannte mich dort Niemand mehr -- und da hieß es, daß sie schon

vor langen Jahren nach Erlangen gezogen und wieder zum Theater gegangen

wäre. Ich nach Erlangen. Dort erfuhr ich gar nichts, als daß sich die

Theater-Gesellschaft von jener Zeit nach Preußen und zwar an den

Rhein gewandt habe. Ich an den Rhein. In Mainz traf ich zufällig einen

Menschen, der mir erzählte, dort wohne noch ein alter Schauspieler und

gäbe jetzt Clavierstunden -- zu dem ging ich -- ich kannte ihn wohl,

aber er mich nicht mehr, von wegen der Glatze, und der sagte mir jetzt,

daß meine Frau wieder ihren Mädchennamen angenommen hätte und nach

Frankfurt gegangen wäre. Ich nach Frankfurt, und keine Spur mehr

gefunden, Wochen lang, bis ich vorgestern in Köln wieder einen

alten Schauspieler traf, der behauptet, er habe den Namen in einer

Theaterzeitung gelesen. Jetzt machten wir uns über die alten Zeitungen

her -- da ich ein paar Flaschen Wein kommen ließ, arbeitete der Alte mit

wie ein Pferd --, und nach sechs oder acht Stunden Suchens faßten wir

den Artikel, der mich wieder Hals über Kopf hierher nach Haßburg jagte.«

»Und sie ist hier?« rief Felix.

»Ja, das weiß ich noch nicht,« seufzte Jeremias, »denn wie Sie mich

trafen, war ich ja auch erst eben angekommen und wollte mich gerade

umsehen, ob ich nicht vielleicht Einem vom Theater unterwegs begegnete,

denn die kennt man gleich, und wenn sie noch so einfach angezogen gehen.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber einen Theatermenschen will ich

unter Tausenden herausfinden.«

»Aber Sie wissen also den Namen?« sagte Felix -- »dann muß es ja doch

die größte Kleinigkeit sein, sie hier aufzufinden.«

»Allerdings,« erwiderte Jeremias kleinlaut -- »ihr Theatername war

damals Bassini, und ein Fräulein Bassini soll auch hier an der Bühne

engagirt sein, der Theaterzeitung wenigstens nach, aber...«

»Aber?«

»Aber,« stöhnte Jeremias, »jetzt, da ich meinem Ziel so nahe bin, habe

ich eine Heidenangst bekommen, allein zu ihr zu gehen -- alle meine

Sünden fallen mir bei, und -- und ich wollte wahrhaftig manchmal, ich --

wäre wieder in Brasilien!«

»Und sind Sie nicht hergekommen, um gut zu machen, was Sie früher

verschuldet haben?« sagte Helene herzlich.

»Ja, das wohl -- aber...«

»Ich gehe mit Ihnen, Jeremias,« rief Graf Felix lachend, »ich helfe

Ihnen Ihre Frau suchen!«

»Ach, Herr Graf,« sagte der kleine Mann verlegen, »wenn Sie -- wenn Sie

das thun wollten, da wäre mir ein wahrer Berg vom Herzen herunter!«

»Ich gehe mit Ihnen,« bestätigte Graf Rottack aber noch einmal, denn

theils nahm er wirklich Interesse an dem kleinen verzweifelten Manne, da

ihm dieser wieder alle die alten transatlantischen Erinnerungen, als ein

Stück selber von daher, so lebendig in der Seele wach gerufen, und dann

machte es ihm auch Spaß, von der Entwickelung dieses kleinen Dramas

Zeuge zu sein.

»Und wann wollen Sie gehen?« fragte Helene.

»Ja, heute ist es zu spät,« rief Rottack, »aber den heutigen Abend

verwenden Sie dazu, die Wohnung Ihrer geschiedenen Frau aufzufinden, und

dann holen Sie mich morgen Mittag um zwei Uhr ab! Ist Ihnen das recht?

Ich kann nicht früher.«

»So wollen wir's machen,« rief Jeremias, ihm treuherzig die breite Hand

entgegenstreckend -- »jetzt hab' ich auch wieder Courage, und morgen

wissen wir dann gleich, woran wir sind!«

»Wollen Sie schon fort?«

»Wenn Sie mir erlauben, Frau Gräfin, ja, denn der Boden fängt mir an,

unter den Füßen zu brennen, bis ich Alles heraus habe. Aber morgen

Mittag punkt zwei Uhr bin ich wieder hier.«

»Rauchen Sie, Jeremias?« fragte Felix.

»Wo werd' ich nicht!« meinte der kleine Mann, indem er eine der ihm

gebotenen Havannas mit einem Kratzfuß annahm -- »wissen Sie denn wohl

noch, wie wir einmal in der...« -- Er wurde auf einmal feuerroth im

Gesicht, denn er fühlte, daß er wieder eine Dummheit begangen -- »reden

wir nicht mehr davon,« brach er auch kurz ab, indem er sich die Cigarre

an dem Licht, das ihm einer der eben eintretenden Diener brachte,

anzündete und diesem dann sehr freundlich dafür dankte -- »und nun leben

Sie wohl und nehmen Sie's nicht übel, daß ich Sie so lange gelangweilt

habe!«

»Und haben Sie guten Muth, Jeremias -- Felix wird Alles in Ordnung

bringen,« lächelte Helene freundlich.

Jeremias nickte ihr dankend zu, drehte sich dann um und stieg wieder in

das wilde Leben und Treiben hinaus, das noch immer in der Straße draußen

auf und ab wogte.

7.

Die erste Begegnung.

Eben hatte es in der zu dem Schloß des Grafen Monford gehörenden Kapelle

zwölf Uhr geschlagen, als die Gräfin mit ihrem Gemahl, den Kiesweg am

Flusse herabkommend, von einem Spaziergange zurückkehrte. Sie gingen dem

Schlosse zu.

Der Park lag still und einsam wie immer; weit unten am Drahtzaun

äs'ten sich ein paar Stück Damwild, und mitten auf der Wiese kroch eine

gebückte Menschengestalt, der ein kleiner Hund folgte, herum; sonst ließ

sich nichts Lebendes erkennen.

Es war das der Maulwurfsfänger, der nach seinen Fallen gesehen hatte

und die ertappten Uebelthäter in ihren schwarzen Pelzen, weniger

als Warnungszeichen für die übrigen, sondern mehr als Beweis seiner

Thätigkeit und seines Erfolges, an schwanken Ruthen mitten auf dem Rasen

aufhing.

Jetzt schien er mit seiner Arbeit vor der Hand zu Ende; möglich auch,

daß er sich nur ausruhen und dabei sein Mittagsbrod verzehren wollte. Er

schritt zu der nächsten Linde, die dicht an dem Kiesweg stand, und wo er

zugleich Schutz gegen die heute ziemlich warm brennende Sonne fand. Dort

legte er seinen Ranzen ab und neben sich, nahm ein Stück Brod und Wurst

heraus, wie eine kleine Flasche mit Branntwein, zog seinen Genickfänger

vor und begann, während der Spitz vor ihm saß und ihn mit etwas

seitwärts gebogenen Kopf aufmerksam betrachtete und jedem Bissen, den er

zum Munde führte, mit den Augen folgte, seine Mahlzeit.

Die beiden Spaziergänger, welche auf demselben Wege herankamen, an dem

er saß, mußte er jedenfalls bemerkt haben; der Spitz markirte sie auch

ein paar Mal, indem er dort hinübersah. Der Alte nahm aber nicht die

geringste Notiz von ihnen; wußte er sich ja doch auch hier in seinem

vollen Recht und in seinem Beruf, und der Platz unter der Linde, so

lange er dort saß und Rast hielt, gehörte ihm.

»Nicht wahr, um zwölf Uhr hatten sich Rottacks ansagen lassen?« fragte

die Gräfin, nachdem sie eine Weile schweigend neben ihrem Gemahl

hergeschritten war.

»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, »eben schlug es Zwölf; aber unsere

Uhr geht einige Minuten vor. Wir werden gerade zur rechten Zeit wieder

oben sein.«

»Ich möchte nur wissen,« fuhr die Gräfin nach einer kurzen Pause fort,

»was die junge Frau für eine Geborene ist. Sonderbare Sitte das, auf

seine Karte nichts zu setzen, als ganz einfach: Graf Rottack und Frau,

gerade als ob er ein Schuhmacher oder Schneider wäre.«

»Mein liebes Herz,« lächelte der Graf, mit den Achseln zuckend, »er wird

mit der Abstammung seiner Gemahlin wahrscheinlich keinen Staat machen

können und ist klug genug, sie ganz wegzulassen.«

»Diese Aufmerksamkeit gegen uns ist doch auch wirklich ganz

außerordentlich; wie ich vorhin gehört habe, sind die Herrschaften erst

gestern hier eingetroffen.«

»Wir werden etwas vorsichtig mit diesem Umgang sein müssen,« bemerkte

der Graf, »bis man wenigstens Genaueres über die Familienverhältnisse

erfährt. Der junge Rottack hat mir übrigens so weit ganz gut gefallen;

nur ein wenig sehr ungenirt ist er, wie alle die Herren, welche

sich eine Zeit lang in fremden Welttheilen und unter Republikanern

herumgetrieben haben.«

»Ist seine Frau eine Deutsche?«

»Ja, mein Herz, da fragst Du mich zu viel; ihrem Ansehen nach

jedenfalls, denn wenn ich nicht irre, hat sie blonde Haare. Aber wir

werden ja sehen. Behagt uns der Umgang nicht oder stellt sich

etwas dagegen heraus, so giebt es Mittel und Wege genug, ihn in der

freundlichsten Weise wieder abzubrechen oder wenigstens zu erschweren,

und sind unsere Befürchtungen unbegründet, so haben wir vielleicht

einen sehr angenehmen Zuwachs unserer, doch eben nicht sehr zahlreichen

Gesellschaft erhalten.«

Sie hatten in diesem Augenblick die Stelle erreicht, an welcher der

Maulwurfsfänger sein frugales Mittagsbrod verzehrte.

»Guten Tag, Herr Graf! Guten Tag, Frau Gräfin!« sagte der Bursche, ohne

sich übrigens in seiner Beschäftigung stören zu lassen oder dieses Mal

auch nur eine weitere Ehrfurchtsbezeigung für nöthig zu halten, als ein

etwas Höherschieben der alten Mütze mit dem Rücken der Hand, in der er

das Messer hielt.

»Guten Tag, mein Mann!« sagte der alte Herr, während die Gräfin ihn

durch die Lorgnette betrachtete, und war schon halb vorüber, als er noch

einmal stehen blieb und, den Kopf zurückwendend, fortfuhr: »Hör' einmal,

Freund, der Förster beklagt sich fortwährend über Dich und liegt mir

stets in den Ohren, ich solle Dir das Betreten meiner Grundstücke

verbieten.«

»Nachher soll ich die Maulwürfe wohl von der Grenze aus mit Sympathie

vertreiben?« lachte der Bursche still vor sich hin und schob wieder ein

Stück Brod und Wurst in den Mund.

»Von den Maulwürfen ist hier keine Rede,« erwiderte der alte

Herr, weniger vielleicht durch die Antwort, als durch das heute so

unehrerbietige Benehmen des alten Burschen gereizt; »wie mir der Förster

sagt, fängst Du aber auch noch andere Dinge, als Maulwürfe, und meine

Leute haben jetzt strengen Befehl, Dir auf den Dienst zu passen.

Erwischen sie Dich dabei, oder beträgst Du Dich auch nur ein einziges

Mal selbst verdächtig, so nimm Dich in Acht!«

»Werde so frei sein,« brummte der Mann vor sich hin.

»Auch verbiete ich Dir von jetzt an, Dich nach Sonnenuntergang hier

herumzutreiben; Du kannst Deine Maulwürfe bei Tage fangen, und nun Gott

befohlen!« setzte er rasch hinzu, als ob er fürchte, noch eine Antwort

zu erhalten. Er hatte sich mit dem Menschen schon zu lange aufgehalten.

Damit wanderte er mit der Gräfin wieder langsam den Kiesweg entlang,

der dem Schlosse zuführte, und der Maulwurfsfänger, den Kopf ihnen

nachgedreht, sah noch eine ganze Weile hinter ihnen drein. Endlich

wandte er sich gegen seinen Hund und sagte: »Hast Du's gehört, Spitz,

was der gnädige Herr Graf befohlen?«

Der Spitz trippelte ein paar Mal mit den Vorderfüßen, hob dann die Nase

in die Höhe und nieste kurz.

»So? Na, das ist mir lieb,« erwiderte sein Herr, »nun thu mir auch den

Gefallen und richte Dich danach. Weißt Du, was es setzt, wenn sie Dich

wieder einmal nach Sonnenuntergang hier erwischen, heh, weißt Du's?«

Der Spitz trippelte stärker und nieste noch einmal.

»Na, dann brauchen wir über die Sache kein Wort mehr zu verlieren,«

nickte der Alte und lachte still vergnügt vor sich hin, fuhr aber dabei

in seinem Selbstgespräch, ohne sein Kauen jedoch zu unterbrechen, fort:

»Merkwürdig doch, wie die Kinder oft mit einem geladenen Schießgewehr

spielen, und wie leicht kann's losgehen und bläst ihnen dann die ganze

Ladung mitten in's Gesicht hinein! Und die Frau Gräfin, wie sie den

Staub hinter sich vom Kieswege auffegt; eigentlich sollte der Gärtner

seinen Arbeitsweibern auch so ein Ding, so eine Crinoline und Schleppe

hinten dran kaufen, dann könnte er das Rechen sparen das ganze Jahr,

und schickte die nur jeden Morgen spazieren durch den Park. Frauenvolk,

Frauenvolk,« rief er kopfschüttelnd, indem er seinem Spitz ein Stück

Wurst zuwarf, das dieser geschickt fing und schwanzwedelnd verzehrte,

»'s ist nicht zu glauben; und wie sie mich mit der Lorgnette

betrachtete, -- muß doch ein verdammt schwaches Gedächtniß haben, denn

nahe genug hat sie mich doch schon gesehen -- und nicht einmal mit der

Brille; 's ist merkwürdig, und der Hochmuthsteufel scheint ihr alle

anderen Dinge rein aus dem Kopf gejagt zu haben, denn mir steht sie noch

vor Augen, als ob es erst gestern gewesen wäre.«

Der Spitz knurrte und drehte den Kopf nach rechts.

»Hallo,« fuhr der Maulwurfsfänger fort, indem er rasch dorthin sah, »wer

kommt da? Besuch? Na, nicht zu uns Beiden, Spitz; so vornehm treiben

wir's nicht mehr.«

Es waren ein Herr und eine Dame, hinter denen etwa fünfzig Schritte

weiter zurück ein Diener in Livrée folgte.

»Ich dachte es, Helene,« sagte Graf Rottack, als er mit ihr auf dem

Weg herankam, »daß wir ein wenig zu früh eingetroffen wären; aber

die Herrschaften sind jetzt nach dem Hause zurückgekehrt, um uns zu

erwarten, und siehst Du, da drüben liegt es schon. Nur jetzt Herz

gefaßt,« setzte er leise hinzu, »nur jetzt keine Schwäche gezeigt, denn

es ist das erste und deshalb auch für Dich das peinlichste Begegnen;

aber da zeige auch, daß Du die Seelenstärke besitzest, die Du mir ja

schon so oft bewiesen.«

»Hab' keine Furcht, Felix,« erwiderte Helene, »ich werde Dein Vertrauen

rechtfertigen. Ich bin stark, und wenn ich auch das Gefühl nicht

abschütteln kann, daß mir im Innern genau so ist, als ob es mir die

Brust zusammenschnüren wolle, äußerlich soll man mir nichts anmerken,

ich stehe Dir dafür. Nur vor der allerersten Begrüßung scheu' ich mich;

aber auch das geht ja rasch vorüber, und ich fürchte fast, die Frau

Gräfin wird mir das sehr erleichtern.«

Sie waren während dieses Gesprächs dicht an den Maulwurfsfänger

hinangekommen, der aber keinen Blick mehr auf sie warf und ruhig

sein Mahl beendete. Erst als sie dicht vor ihm standen und Felix ihn

anredete, sah er auf, und sein Blick haftete fest und wie erstaunt auf

dem lieben Antlitz der jungen Frau.

»Lieber Freund,« redete ihn indessen Felix an, »können Sie mir nicht

sagen, ob diese Fußspuren, die von einem Herrn und einer Dame herrühren

und ganz frisch sind, dem Grafen und der Gräfin Monford gehören? Es

wurde uns gesagt, sie gingen im Park spazieren.«

»Dort hinten können Sie noch in den Büschen das lichte Kleid der Gräfin

erkennen,« sagte der Mann, der aber in diesem Augenblick ganz sein

früheres mürrisches Wesen abgelegt zu haben schien. Wie seiner selber

unbewußt, zog er dabei die Mütze vom Kopf und starrte den ihren Weg

mit einem freundlichen »Danke!« Verfolgenden nach, als ob er eine

Erscheinung gesehen hätte.

»Wunderbar,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »hol' mich der

Teufel, wunderbar; und gerade in diesem Augenblick, genau so, als ob es

ein Geist gewesen wäre -- und gerade an der Stelle!«

Der dem jungen Paar folgende Diener kam gerade vorbei und nickte dem

unter dem Baum Sitzenden grüßend zu. Er war schon vorüber, ehe ihn der

Alte anrief:

»Ach, lieber Herr, können Sie mir nicht sagen, wer die junge, schöne

Dame da vorn war?«

»Meine Herrschaft, die Frau Gräfin Helene mit dem Herrn Grafen Rottack,«

sagte der Mann und ging weiter; und der Alte blieb kopfschüttelnd

in seiner Stellung und schnitt sogar ganz in Gedanken dem Hund die

Ueberreste seines Mahles entzwei, das ihm dieser, ohne daß er es

bemerkte, aus den Fingern herausnahm.

* * * * *

Rechts vom Schlosse und kaum hundert Schritt davon entfernt erhob sich

ein kleiner Hügel, auf dem in früheren Jahrhunderten ein alter, wie die

Sage ging, noch von den Römern gebauter Wartthurm stand. Der Platz

war jetzt mit zur Anlage gezogen, der alte Thurm aber mit seinen

unverwüstlichen Quadern im Eingange mit nicht geringer Schwierigkeit

erweitert und zu einer Aussicht über das darunter hinlaufende Thal

benutzt worden.

Es gab auch kaum einen Punkt in der ganzen Nachbarschaft, von dem man

einen freundlicheren Blick über das drunten ausgebreitete Haßburg mit

seinen Gärten und Anlagen und die dahinter weitgedehnten und meist

bepflanzten und bebauten Hänge gehabt hätte.

Um den alten viereckigen Thurm herum lief eine kleine, niedere und

mit Epheu dicht bewachsene Ringmauer, und selbst von hier aus waren

Einschnitte durch die aus dem Bergabhang stehenden Bäume gemacht und

die Zweige derselben künstlich so verschnitten worden, daß man wie durch

einzelne Medaillons einen Blick hinaus in's Freie gewann. Immer aber

blieb die Ringmauer zu hoch von Bäumen umgeben, um von hier unten aus

eine freie Aussicht zu gewähren, und der Platz, so reizend er an sich

sein mochte, wurde deshalb auch nur wenig benutzt. Höchstens dinirte die

Herrschaft manchmal, besonders an recht heißen Sommertagen, hier, und

hatte man Gäste, so wurde vielleicht der Kaffee dort eingenommen.

Sonst kam nur der Gärtner hin, der ihn in Ordnung hielt und manchmal

vielleicht die Aloepflanzen begoß, welche in den großen, aus Stein

gehauenen, vasenartigen Töpfen auf der Ringmauer standen.

Aber Paula besuchte den Platz zuweilen ebenfalls, und auch heute wieder

allein. Seit gestern wenigstens hatte sie mehr Freiheit bekommen. Der

Vater mußte mit der alten, häßlichen Französin gesprochen und ihr etwas

Unangenehmes gesagt haben; denn sie stichelte ein paar Mal darauf und

vernachlässigte seit der Zeit besonders ihren Zögling auffallend; Paula

athmete zum ersten Mal auf.

Sie kam allein den schmalen Weg herauf; aber für einen Spaziergang ging

sie fast zu rasch, und oben an dem Thurm blieb sie plötzlich stehen und

sah und horchte den Pfad zurück, ob ihr auch Niemand folge. Aber der

alte Thurm lag so einsam wie je, und um dessen Mauern herumgleitend,

trat sie zur dritten Aloevase an der Mauer, bog sich hinüber, fühlte

vorsichtig mit der Hand und zog gleich darauf ein kleines, rosafarbenes,

zusammengefaltetes Papier heraus, das sie zuerst an ihre Lippen drückte

und dann, wieder mit einem scheuen Blick über die Schulter, öffnete.

Es enthielt weder Adresse noch Unterschrift, und nur die wenigen Zeilen:

»Mein Herz! Ich muß Dich heut Abend zwischen neun und zehn Uhr, und wenn

es selbst noch später sein sollte, sprechen. Eine furchtbare Kunde ist

zu meinem Ohr gelangt, die mich zum Denken unfähig macht. Ich muß Leben

oder Tod von Deinen Lippen empfangen. Wann Du auch kommst, von neun Uhr

an harr' ich Dein.

Ewig der Deine.«

»Also er weiß es,« sagte Paula, wie sie nur mit flüchtigen Blicken die

Zeilen verschlungen hatte; »oh, mein Gott, was soll ich thun -- armer,

armer Rudolph -- arme, arme Paula!«

Das Papier noch in der Hand, lehnte sie an der Ringmauer, stützte den

Kopf in die Rechte und schaute mit thränengefüllten Augen in das Grün

der Bäume hinein.

»Und da steckt meine kleine Schwärmerin,« rief plötzlich dicht

hinter ihr eine laute, lachende Stimme, daß sie mit einem nur halb

unterdrückten Schrei emporzuckte und zugleich das verrätherische Papier

in der Hand zusammenknitterte. »Holla, und erschrickt sogar?« fuhr

dieselbe Stimme fort, und sie erkannte ihren Bruder George, der

mit Sporen und Reitpeitsche, wie er eben vom Pferd gestiegen, hier

heraufgesprungen war. »Was hast Du, Mädel -- und Thränen in; den Augen?

Das ist kein Gesicht für ein Bräutchen!«

Paula, nur im ersten Moment überrascht, hatte ihre Geistesgegenwart

schnell wiedergewonnen; von dem leichtherzigen und nichts weniger als

mißtrauischen Bruder brauchte sie auch keine Entdeckung zu fürchten. Ja,

wenn es ihr Drachen, Mademoiselle Beautemps, gewesen wäre!

»Ach, George,« sagte sie traurig, indem sie den jetzt fest

zusammengeknillten Brief in ihre Tasche brachte, »mir ist auch nicht wie

einer Braut zu Muthe, am wenigsten mit dem mir bestimmten Bräutigam. Ich

will ja noch nicht heirathen.«

»Das sollst Du aber auch gar nicht, närrisches Kind,« lachte George. »Du

hast ja beinahe noch ein volles Jahr Zeit, um Dir diesen »wichtigsten

aller Schritte«, wie der Papa sagt, gehörig zu überlegen.«

»Aber was kann ich noch überlegen, wenn ich verlobt bin? Oh Gott, ich

wollte, ich wäre ein armes, schlichtes Bauernmädchen, daß sich Papa und

Mama nicht so viel um meine Heirath bekümmerten.«

George lachte laut auf. »Und glaubst Du, da wäre es anders?« rief

der Bruder. »Da kennst Du unsere Bauern schlecht. Ist es ein

»Vierspänniger«, so dürftest Du nur auch wieder den Sohn eines

»Vierspännigen« heirathen, und wäre es gar ein »Sechsspänniger«, arme

Paula, da hättest Du eine noch schlimmere Etikette durchzumachen. Alle

Welt hält den Grundsatz oben: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Den Ihr nach Eurer Art verdreht, Du und der Vater,« rief Paula heftig;

»ja, Gleich und Gleich gesellt sich gern, aber nicht _das_ Gleich, das

Ihr darunter versteht, Gold und Silber und der alberne Rang von Grafen

und Baronen, sondern gleiche Herzen, gleiche Gesinnungen, gleiche

Seelen, die Euch aber nicht gleich gelten; Herz, Seele, ja, das ist

Nebensache, das findet sich außerdem, das sieht man ja auch nicht, das

steckt inwendig und kommt deshalb auch nicht in Betracht; aber das

Geld, der Rang, ja, freilich, das sind Sachen, die in die Augen stechen,

wenigstens der Menge, und auf die muß geachtet, die muß berücksichtigt

werden!«

»Jetzt sieh Einer den kleinen Philosophen an,« lachte George, »wer hätte

das hinter dem Mädel gesucht!«

»Ach, laß mich zufrieden, Du spottest nur immer über mich!« »Nein,

Schatz,« rief George rasch, »das thu' ich nicht; aber sage mir im Ernst,

ob Du etwas gegen Hubert einzuwenden hast. Ist er nicht ein braver,

tüchtiger Cavalier, und hat er Dich nicht von ganzem Herzen lieb?«

»Nicht halb so lieb, wie seine Pferde und Hunde,« erwiderte Paula

bitter.

»Aber, Herzensmädchen, wie ungerecht Du jetzt bist,« rief George;

»Hubert ist ein seelensguter Mensch, ein bischen jähzornig, ja, und

daß er ein leidenschaftlicher Jäger und Reiter ist, wirst Du ihm doch

wahrlich nicht zum Vorwurf machen wollen, wo Dein Vater und Bruder

dieselben Leidenschaften theilen.«

»Aber deshalb soll ich ihn doch nicht etwa lieben? Er mag ja reiten

und schießen, so viel er will, ich wahrlich werde ihn nicht daran

verhindern. Aber weshalb muß er _mich_ aussuchen, _mich_ unglücklich

machen wollen vor allen Anderen?«

»Unglücklich, Paula?«

»Ja, unglücklich,« sagte das arme Mädchen, indem ihm die hellen Thränen

in die Augen traten; »ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht

heirathen, am wenigsten Deinen Hubert, sag' ihm das!«

»Du bist ein Kind, Herz,« lachte George über den fast kindischen Trotz

der Schwester, »und kennst Hubert eigentlich noch nicht einmal genau.

Lerne ihn erst kennen, Schatz, und wenn Du dann wirklich eine nicht

zu besiegende Abneigung gegen ihn hast, dann will ich selber dem Vater

zuzureden suchen, daß er Dich frei giebt.«

»Und weshalb da jetzt die Verlobung?«

»Das ist eine Idee von Mama,« sagte George achselzuckend, »Und der

etwas auszureden, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, wird

außerordentlich schwer fallen; aber ich bin fest überzeugt, daß Du

glücklich mit ihm werden wirst.«

»_Du_ bist überzeugt davon?«

»Ja, Schatz; sieh nur Papa und Mama an. Der alte Gärtner Janus, der

jetzt schon vierzig Jahre in Papas Diensten ist, hat mir die Geschichte

selber einmal erzählt; die Mama hat den Papa auch damals nicht geliebt,

wie sie ihn heirathen sollte. Sie hat fortlaufen wollen und Gott weiß,

was -- und wie glücklich und zufrieden leben sie jetzt miteinander!«

»Die Mama hat den Papa auch nicht heirathen wollen?«

»Gott bewahre, mit Händen und Füßen soll sie sich gesträubt haben --

wahrscheinlich auch mit solchen phantastischen Ideen --, aber Großvater

war ein strenger Herr und ließ sich auf keine Unterhandlungen ein, und

der Erfolg bewies zuletzt, daß er doch Recht gehabt.«

»Und weißt Du, was ihr armes Herz dabei gelitten haben mag?« sagte Paula

mit tiefem Gefühl. »Könnt Ihr Männer in einer Frauenseele lesen?«

»Und ist der Vater nicht etwa brav und gut? Hat er sie nicht auf Händen

getragen sein Leben lang?«

Paula sah seufzend vor sich nieder und sagte leise: »Ach, Du verstehst

mich nicht, George!«

»Du verstehst Dich selber nicht, Herz,« rief George freundlich; »irgend

ein Phantasiebild, das Du Dir heraufbeschworen, soll Dir jetzt in die

Seele passen, und da es nicht paßt, fühlst Du Dich unglücklich. Komm,

mach' wieder ein freundliches Gesicht; wer von uns Allen ist denn

gewohnt, Dich traurig zu sehen, und wenn Du es bist, machst Du das ganze

Haus unbehaglich -- alle Wetter,« unterbrach er sich selber rasch, »da

kommt Besuch, das werden Rottacks sein! Vaters Kammerdiener sagte mir

schon, daß sie erwartet würden; komm lieber gleich mit hinunter, Du

wirst doch sonst geholt.«

»Geh' voran, George,« bat Paula, »mir sind die Augen noch roth; ich

komme gleich.«

»Aber mach' nicht zu lange; ich bin selber neugierig, unsere neuen

Nachbarn kennen zu lernen. Bei Boltens wurde schon von ihnen gesprochen.

Die Frau Gräfin soll eine ganz brillante Schönheit sein.«

»Geh nur voran, George, ich komme gleich nach,« sagte Paula und stand

noch ein paar Secunden, als sie der Bruder schon verlassen hatte, und

sah hinter ihm drein. Dann nahm sie den erhaltenen Brief aus der

Tasche, riß ihn in unzählige kleine Stücke und streute die vom Luftzug

fortgetragenen Fragmente über die Ringmauer in den Wald hinab. --

Während indessen Graf und Gräfin Monford ihre Wohnung betraten, meldete

ihnen schon einer der Diener, daß Graf Rottack und Gemahlin nach ihnen

gefragt, dann in den Park gegangen seien, um sie selber aufzusuchen,

und nun dicht hinter ihnen herkämen. Das junge Paar war in der That kaum

hundert Schritt hinter ihnen, und die beiden Herrschaften hatten nur

eben Zeit gehabt, sich in das Empfangszimmer zurückzuziehen, als ihnen

der Besuch auch schon gemeldet wurde.

Rottack betrat, Helene am Arm, den untern Saal, der, mit geöffneten

Flügelthüren und einer kleinen, wohlgepflegten Terrasse davor, einen

freundlichen, sonnigen Blick auf das weite Land bot. Graf Monford --

während die Gräfin vom Sopha, auf das sie sich in der Geschwindigkeit

niedergelassen, aufstand -- ging ihnen entgegen, reichte Rottack die

Hand und sagte herzlich: »Herr Graf, es ist unendlich liebenswürdig von

Ihnen, uns Ihre liebe Frau zugeführt zu haben. Frau Gräfin, ich schätze

mich glücklich, Sie in Haßburg, und noch dazu als Nachbarin begrüßen zu

können -- meine Frau!«

Gräfin Monford, welche die junge Frau beim Eintritte scharf fixirt

hatte, verneigte sich kalt und vornehm, und Helene, die sie fast mit

Ehrfurcht begrüßte, fühlte, wie ihre Kniee zitterten, und mußte alle

ihre Energie zusammen nehmen, um diese erste, oh, so verzeihliche

Schwäche zu besiegen. Aber sie war von Jugend auf daran gewöhnt worden,

sich zu beherrschen; sie wußte, wie nothwendig das besonders hier jetzt

sei, und wenn sie auch fühlte, daß das Blut wieder ihre Wangen für einen

Moment verließ, nahm sie sich doch tapfer zusammen und erwiderte sogar

ein paar Worte auf die Anrede des alten Herrn, freilich unbewußt, ohne

sich dessen klar zu sein, was sie eigentlich sagte.

Für einen solchen Fall sind unsere gesellschaftlichen Formen aber ganz

vortrefflich, denn nur mit dem passenden Ausdruck in den Zügen, darf man

wirklich unzusammenhängende Formeln schwatzen, um die nämliche Wirkung

zu erzielen, wie bei der vernünftigsten und durchdachtesten Rede. Was

für Unsinn wird manchmal bei solchen Begrüßungen mit der ernsthaftesten

Miene gesprochen, mit der ernsthaftesten Miene angehört und erwidert!

Es sind nur eben Worte, die man verlangt, auf den Sinn dabei kommt es

wahrlich nicht an.

»Sie sind erst ganz kürzlich hier in Haßburg eingetroffen?« wandte

sich die Gräfin Monford an ihren jungen Besuch, denn über etwas _mußte_

gesprochen werden.

»Gestern, Frau Gräfin,« erwiderte Helene und fühlte sich noch nicht

stark genug, das Auge zu der Frau zu erheben, während Felix, indem er

mit dem Grafen sprach, die Züge der Dame scharf und forschend musterte.

»Und Sie beabsichtigen, sich hier bleibend niederzulassen?«

»Ich hoffe so, -- die Gegend -- ist so unendlich ansprechend.«

»Da haben Sie Recht, meine Gnädigste,« lächelte der alte Herr; »es

sollte Ihnen schwer werden, in Deutschland einen _schöneren_ Punkt zu

finden, wenn es auch vielleicht noch viele eben so schöne in unserem

Vaterlande geben mag -- aber wollen die Herrschaften nicht Platz

nehmen?«

Die Damen setzten sich auf das Sopha, die Herren nahmen Stühle, und

das Gespräch wurde jetzt, da es an Stoff nicht fehlte, allgemein. Auch

Helene, da Felix und Graf Monford Theil daran nahmen und das Auge der

Gräfin nicht mehr allein auf ihr haftete, fühlte sich mehr erleichtert

und unbefangener.

»Aber Sie sind doch jedenfalls eine Deutsche, Frau Gräfin?« sagte Graf

Monford, als Helene eben von ihren Kindern erzählt und wie sie sich

gestern an dem Jahrmarkt gefreut; »Sie sprechen wenigstens vortrefflich

Deutsch, und man hört Ihnen nicht einmal einen Dialekt an.«

»Allerdings,« erwiderte Helene, tief erröthend, »ich bin in Deutschland

geboren, wenn auch größtentheils in einem transatlantischen Land

erzogen.«

»Sie haben übrigens recht gethan, von da drüben wegzuziehen,« sagte der

alte Herr; »mein Gott, muß das jetzt in dem Amerika eine Wirthschaft

sein! Der Krieg nimmt gar kein Ende und dauert doch schon über Jahr und

Tag.«

»Wir kommen nicht aus den nordamerikanischen Freistaaten,« erwiderte

Felix, »und haben, wo wir wohnten, wenig von dem Bürgerkrieg selbst

gehört. Unser Aufenthalt« -- und sein Blick ruhte dabei wie völlig

absichtslos auf der Gräfin -- »lag in Brasilien.«

»In Brasilien?« sagte diese fast unwillkürlich.

»Ei, das laß ich mir eher gefallen,« rief aber auch Graf Monford; »dort

sollen doch wenigstens geregeltere Zustände sein, wenn man sich eben mit

der vielleicht nicht immer angenehmen Hitze befreunden kann. Ich habe

selbst einen etwas weitläufigen Verwandten in Rio. Wo haben Sie gelebt?«

»In einer der südlicher gelegenen Colonien,« sagte Felix, einer

directeren Antwort noch vor der Hand ausweichend.

»In der That,« sagte der alte Herr, »dann freilich müssen wir Ihrer

lieben Frau Gemahlin um so dankbarer sein, wenn sie von unserer Gegend

befriedigt ist, denn mit den Tropen können wir uns allerdings nicht

messen. Aber schön ist es trotzdem hier bei uns; bitte, Frau Gräfin,

treten Sie einmal hier auf die Terrasse und sehen Sie, wie allerliebst

das alte Haßburg da unten liegt; dort rechts hinüber glaub' ich auch

sogar, daß man das Dach Ihres eigenen Hauses von hier erkennen kann,

auch ein Stück vom Hause selbst. Ah, da kommt auch George -- mein Sohn

-- Gräfin Rottack.«

Helene war mit dem alten Herrn vor das Haus auf die offene Terrasse

getreten, um sich die Aussicht zeigen zu lassen; ergriff sie doch selber

mit Freuden die Gelegenheit, gerade jetzt, wo Brasilien zuerst genannt

worden, hinaus an die freie Luft zu treten, um sich durch keine

Bewegung, durch kein Erröthen zu verrathen.

Auch die Gräfin Monford war aufgestanden und mit ihr Felix, um den

Beiden zu folgen; aber sie zögerte noch. Es lag ihr eine Frage auf der

Zunge, die sie sich scheute auszusprechen, und doch mußte sie gethan

werden. Graf Rottack bemerkte dabei, daß etwas sie beunruhige, aber

er hütete sich wohl, ihr entgegen zu kommen. Die Gräfin durfte jedoch

diesen einen Moment, wo sie sich mit dem Fremden gewissermaßen allein im

Zimmer befand, nicht unbenutzt vorübergehen lassen, und sich, schon

im Begriff, auf die Terrasse zu gehen, noch einmal zu dem jungen Mann

wendend, sagte sie mit so gleichgültigem Ton als möglich:

»Wie hieß die Colonie, wo Sie gewohnt haben, Herr Graf?«

»Santa Clara, gnädige Gräfin,« erwiderte Felix, sich leicht verbeugend;

»meine Helene ist die Tochter der dort ansässigen Gräfin Baulen.«

»In der That?« hauchte die Gräfin und blieb einen Moment mit der Hand

auf den Stuhl gestützt, an dem sie eben vorüber wollte, stehen; aber

es war auch nur ein Moment. »Ah, da kommen meine Kinder,« sagte sie;

»bitte, Herr Graf, wollen Sie nicht hinaus auf die Terrasse treten?«

Sie ging langsam voran hinaus, und Rottack ließ ihr hier absichtlich

Zeit, um sich vollständig zu sammeln, indem er vorher dem jungen Grafen

George und dessen Schwester Paula vorgestellt wurde und sich freundlich

mit ihnen unterhielt.

Und Helene stand Paula gegenüber, die mit ihren treuen, kindlichen Augen

fast scheu zu ihr aufsah. Oh wie gern hätte sie das liebe, holde Kind

an sich gezogen, fest, fest in ihre Arme, und mit dem theuren, noch nie

gebrauchten Schwesternamen genannt! Wie lieb und gut sie aussah, und wie

traurig doch und ernst -- war denn auch schon in dieses junge Herz die

Sorge, der Kummer eingekehrt? Sie vermochte auch nicht, es hier bei der

kalten üblichen Form zu lassen, und auf das junge, sich schüchtern vor

der hohen, edlen Gestalt neigende Mädchen zugehend, schloß sie Paula

halb in die Arme und küßte sie auf die Stirne.

Und die Gräfin?

Felix hatte mit den beiden Grafen Monford an der Terrasse gestanden,

über das Land hinausgesehen und das Treiben in der unter ihnen liegenden

Stadt beobachtet. Jetzt wandte er sich wieder der Gräfin zu und ertappte

sie gerade, wie ihr Blick ernst und forschend, aber ohne das geringste

Zeichen innerer Bewegung an Helenen hing. Kaum fühlte sie aber, daß des

jungen Grafen Auge auf ihr haftete, als sie sich diesem zuwandte und,

mit zu der Terrasse tretend, ihn in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise auf

die einzelnen Schönheiten der Scenerie aufmerksam machte.

Keine Spur von Befangenheit war dabei in ihr zu entdecken, kein Zeichen

einer innern heftigen Bewegung, wie eine solche Entdeckung, als die

eben gemachte, sie eigentlich doch hervorgerufen haben sollte. Sie

war vornehm, wie immer, wenn auch gesprächiger, als sie sich bis jetzt

gezeigt, und Graf Rottack konnte und wollte seinen Besuch auch nicht

über die gewöhnliche Zeit hinausdehnen. Der Same war jedenfalls geworfen

und das Korn mußte Früchte treiben.

Nicht lange danach empfahlen sich die jungen Leute der gräflichen

Familie, wobei der alte Herr noch den Wunsch aussprach, daß sie öfter

zusammenkommen möchten; die junge Frau hatte jedenfalls einen sehr

günstigen Eindruck auf ihn gemacht, wie sie sich im Sturm schon Paula's

Herz erobert. -- Der Wagen fuhr vor, und bald rollte das leichte

Fuhrwerk mit ihnen wieder in die Stadt zurück.

8.

Fräulein Bassini.

Eine lange Weile saßen die beiden Gatten schweigend neben einander im

Wagen. Es war ordentlich, als ob sich beide scheuten, ein Gespräch zu

beginnen. Endlich sagte doch Helene mit leiser Stimme:

»Sie ist eine recht, recht stolze Frau -- oh, es wird schwer halten,

dieses Herz zu bezwingen!«

»Meine arme Helene!«

»Ob sie nicht ahnte, daß ich ihr näher stehen könnte, als sie erfuhr,

daß wir aus Brasilien kämen?«

»Liebes Herz,« sagte Felix leise, »sie weiß jetzt, daß Du ihre Tochter

bist...«

»Sie weiß es?« rief Helene erschreckt.

»Ich habe ihr den Namen jener Frau genannt.«

»Und doch so kalt, doch so hart!«

»Beruhige Dich darüber, Helene,« sagte Felix freundlich; »Anderes

konnten wir für diese erste Zusammenkunft kaum erwarten. Die

Ueberraschung war zu groß -- ich sah ihr an, daß sie Mühe hatte,

ihre Fassung zu bewahren, was sie allerdings mit einer mir selber

unerklärlichen Seelenstärke möglich machte. Laß ihr jetzt Zeit, das

Gehörte still und allein, und von keinen äußeren Eindrücken gestört,

zu überdenken. Laß sie erst mit sich selber in's Reine kommen, und sie

selber wird Dich dann aufsuchen -- sie muß es ja thun, wenn sie nicht

jedes Gefühls bar sein sollte!«

»Und wenn sie es nicht thut, Felix?«

»Wozu uns jetzt mit einer Unmöglichkeit absorgen? Sie wird es

sicherlich, mein Kind.«

»Und wenn sie es _nicht_ thut?«

»Dann versuchen wir das Letzte, dann fordere ich für Dich eine

Unterredung mit ihr -- eine Ausrede, dem alten Herrn gegenüber, ist bald

gefunden -- und die kann und wird sie Dir nicht weigern. Dann aber

ist sie auch nicht im Stande, Dir zu widerstehen, deß bin ich fest

überzeugt. Liegst Du erst einmal an ihrem Herzen, dann läßt sie Dich

auch nicht wieder, noch dazu, wenn sie erfährt, daß ihr Geheimniß in

sicheren und treuen Händen ruht; daß Du nichts, nichts auf der weiten

Gotteswelt von ihr verlangst, als ihre Liebe...«

Der Wagen hatte indessen die kurze Entfernung zurückgelegt, und während

er in den Garten einfuhr und vor dem Hause hielt, sahen sie, daß sich

Jeremias schon eingefunden und mittlerweile mit den Kindern beschäftigt

hatte. Er spielte Kutsche und Pferd mit ihnen, und während er die

vor Vergnügen zappelnde kleine Helene auf dem Arme trug und dabei

den Kiesweg entlang galoppirte, hatte ihn Günther hinten an beiden

Rockschößen und rief Jüh! und Hoh! und suchte ihn bald links, bald

rechts einzulenken.

Nur wie die Eltern in den Garten einfuhren, ließ der Kleine los und

sprang dem Portale zu, um der Erste zu sein, der sie begrüßte, und

Helenchen streckte ihnen ebenfalls, in lautem Jubel aufkreischend, die

Aermchen entgegen, so daß Jeremias jetzt wohl oder übel seinen noch

nicht unterbrochenen Galopp dorthin lenken mußte.

»Haben Sie lange auf mich gewartet, Jeremias?« rief ihm der junge Graf

entgegen.

»Eben im Augenblick hat es erst Zwei geschlagen,« sagte Jeremias, der

indessen die Kleine der Mutter hinreichen mußte, »und das wilde Völkchen

hier hat mich tüchtig in Athem gehalten.«

»Und sind Sie jetzt bereit?«

»Wollen Sie wirklich noch mit mir gehen?«

»Gewiß, das ist ja eine verabredete Sache -- haben Sie denn die Wohnung

indessen aufgefunden?«

»Sie ist gar nicht weit von hier, gleich in der nächsten Straße.«

»Schön, Jeremias -- ich will nur meinen Ueberrock anziehen, und dann

gehen wir zusammen.«

Er war auch in wenigen Minuten wieder im Garten und schritt mit

Jeremias, der sich unterdessen Helenen empfohlen, auf die Straße hinaus

und dem bezeichneten Hause zu.

Unterwegs wurde wenig gesprochen, Felix war noch mit seinen eigenen

Gedanken beschäftigt -- er arbeitete gegen die Furcht an, welche heute

das kalte, gefaßte Benehmen von Helenens Mutter in ihm wach gerufen,

seiner armen Frau wegen, und Jeremias fühlte sich noch viel mehr von dem

Gedanken dieses ersten Begegnens niedergedrückt; denn wenn es auch ein

schönes und erhebendes Gefühl sein mag, einen begangenen Fehler wieder

gut zu machen, eine alte, langjährige Schuld abzutragen, ist doch auch

das Bewußtsein drückend, dabei einzugestehen, daß man eben schlecht und

leichtsinnig gehandelt und Reue über das Vergangene fühle.

So hatten sie, rascher als Beide selber geglaubt, die Strecke

zurückgelegt, die sie von dem von Jeremias bezeichneten Hause trennte,

und hier blieb der kleine Mann plötzlich stehen, drückte sich unter die

Thür und sagte:

»Mir ist genau so zu Muthe, als ob ich mir einen Zahn wollte ausreißen

lassen -- Hurrjeh, ich wollte, die Geschichte wäre erst vorüber!«

»Wohnt sie hier?«

»Ja, zwei Treppen hoch; ich habe mich genau erkundigt, bin auch gestern

hier schon ein paar Mal vorbeigegangen, habe aber nichts gesehen, als

einen orangefarbenen Shawl oder Morgenrock, der da oben an dem einen

Fenster mehrere Male hin und wieder fuhr.«

»Also gehen wir hinauf.«

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Herr Graf, und warten Sie noch

einen Augenblick,« bat der kleine Mann, »daß ich erst noch Luft

schnappen kann -- mir ist die Kehle wie zugeschnürt.«

Felix lächelte und blieb, während sich Jeremias den hellen Schweiß von

der Stirn trocknete, neben ihm stehen. Endlich faßte sich dieser doch

ein Herz -- was half es auch, wenn er länger zögerte, geschehen mußte es

doch -- also vorwärts!

»Ein Heidenglück ist's, daß Sie bei mir sind,« flüsterte er dem jungen

Grafen zu, »denn allein hätt' ich's nicht zuwege gebracht. Ich wäre,

hol' mich Dieser und Jener, wieder fort und erst noch einmal um die

ganze Stadt gelaufen!«

»Sie hätten vorher ein Glas Wein trinken sollen!«

»Ich habe eine ganze Flasche getrunken,« sagte Jeremias, »nur um Courage

zu kriegen, aber es hilft ja nichts -- es war, als ob man Wasser auf

einen heißen Stein gösse, es zischte ordentlich. Na, meinethalben, jetzt

muß die Bombe platzen, und nun kommen Sie, Herr Graf, jetzt wollen wir

Sturm laufen!«

Damit öffnete er entschlossen die Hausthür und betrat den innern Raum.

Es war ein kleines, unansehnliches Haus, altmodisch gebaut wie die

meisten der älteren Häuser von Haßburg, unten mit einem mit Steinplatten

belegten schmalen Vorplatz, auf dem noch eine dort aufgestellte

Wäschrolle den größten Theil des Raumes in Anspruch nahm. Rechts unten

wohnte ein Schuster; die Thür der Werkstatt stand, des warmen Tages

wegen, offen, und man konnte den Meister mit einem Gesellen und einem

Lehrling drinnen arbeiten sehen, während ein ungesunder, warmer Dunst

von dort auf den kühleren Vorplatz herausdrang.

»Wie hieß die Dame gleich?« fragte Rottack leise seinen Begleiter.

»Bassini,« flüsterte dieser zurück.

»Können Sie uns sagen, ob hier eine Dame Namens Bassini im Hause wohnt?«

fragte der junge Graf, artig seinen Hut lüftend, in die Stube hinein.

»Eine vom Theater?« nickte der Meister -- »ja, oben, zwei Treppen hoch.«

»Sein Sie aber so gut und putzen Sie sich erst die Stiefeln ab,« sagte

eine Frau, die von der Seite her, mit einem großen Topf in der Hand,

wie aus einer Coulisse heraus zum Vorschein kam, -- »ich habe gerade die

Treppe gescheuert.«

Felix machte lächelnd eine zustimmende Verbeugung, nahm dann die

befohlene Operation auf das Aengstlichste an einem dort liegenden, schon

sehr abgetretenen Strohteller vor, und stieg nun, während Jeremias unten

seinem Beispiel folgte, langsam die noch feuchten, dunstenden Stufen

hinauf.

Jeremias würde sich mit Vergnügen den ganzen Nachmittag da unten die

Stiefel abgetreten haben, wenn er nur nicht mitgemußt hätte -- aber es

ging doch zuletzt nicht anders.

Auf dem niedern Vorsaal der ersten Etage befanden sich zwei Thüren;

an einer war mit vier Nägeln ein Papier befestigt, das die deutlich

geschriebene Aufschrift trug: »G. Borsig, Schneidermeister«; an der

andern befand sich ein kleines Messingschild -- dort wohnte ein Graveur.

Die alte hölzerne Treppe knarrte entsetzlich, aber sie stiegen auch

jetzt die zweite hinan und fanden hier, gerade wie unten, wieder zwei

Thüren, ohne daß die Inwohnenden es jedoch der Mühe werth gehalten,

ihren Namen außen kund zu geben. Bewohnte Fräulein Bassini die ganze

zweite Etage? Jeremias wußte es nicht, und es blieb nichts weiter übrig,

als an die erste beste Thür zu klopfen und sich dort zu erkundigen.

Graf Rottack hatte einmal die Leitung übernommen, Jeremias war für den

Augenblick vollkommen willenlos, und deshalb, wie er sich nur einen

Moment in dem beengten Raum umgesehen, klopfte er auch an die nächste

Thür herzhaft an.

»Herein!« rief eine laute Stimme.

Eine Mutter Roman im Anschluß an »die Colonie« · 第 1 / 16 题