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Eine Mutter.
Roman
im Anschluß an »die Colonie«
von
Friedrich Gerstäcker.
Dritte Auflage.
Jena,
Hermann Costenoble.
Verlagsbuchhandlung.
Inhalt.
Seite
Fürchtegott Pfeffer 1
Unter den Buden 17
Das Rendezvous 30
Die gräfliche Familie 42
Paradies und Hölle 57
Jeremias 68
Die erste Begegnung 81
Fräulein Bassini 95
Hinter den Coulissen 111
Graf Rottack bei Pfeffers 125
Am alten Wartthurm 137
Das Wiedersehen 157
Verschiedene Kunstinteressen 172
Horatius Rebe 184
Die Leseprobe 203
Vornehme Welt 218
Festvorkehrungen 229
Leiden eines Theater-Directors 246
Der Verlobungsabend 261
Hamlet, Prinz von Dänemark 284
Der Wilddieb 299
Ein gestörtes Fest 312
Nach dem Theater 331
Am andern Morgen 343
Wie das Glück wechselt 358
Der reiche Mann 373
Die Recension 388
Die Contremine 409
Der Maulwurfsfänger 427
Pfeffer dictirt einen Brief 443
Jeremias auf Reisen 455
Paula 470
Die Werbung 484
Schluß 495
1.
Fürchtegott Pfeffer.
Ein gar reges und geräuschvolles Leben und Treiben erfüllte heute die
überhaupt nicht unbedeutende und besonders viel von Fremden besuchte
Provinzialstadt Haßburg.
Schon die Lage des alten Ortes war eine reizende, und eine große Zahl
von wohlhabenden Leuten hatte sich deshalb sogar in oder nahe bei der
Stadt bleibend niedergelassen, so daß sie mit ihren freundlichen Villen
und Wohnhäusern die Anlagen wie die Hänge der daranstoßenden Hügelkette
bunt und prächtig überstreuten.
Heute füllte aber noch eine ganz besondere Veranlassung sowohl die engen
und etwas winkeligen Straßen des Weichbildes, wie auch die Anlagen und
freien Plätze mit einer Unzahl geputzter Menschen, denn es war Jahrmarkt
wie zugleich Haßburger Vogelschießen, wozu sich dann natürlich die
ganze Nachbarschaft herbeidrängte. Besonders die Bauern kamen in hellen
Schwärmen zu Markt gezogen, und in den Hauptverbindungsstraßen wimmelte
es wie bei einer Völkerwanderung.
Unmittelbar vor der Stadt, auf einem großen, freien Platz, der
sogenannten »Schützenwiese«, stand denn auch eine große Zahl von Buden
aufgeschlagen, während dicht daneben in einem niedern, langen Gebäude
die »Altschützen« auf verschiedenen Ständen unermüdlich nach ihren
dahinter aufgestellten Scheiben knallten.
Der Verkehr war hier draußen auch der stärkste, wenngleich selbst die
innere Stadt nicht von Buden verschont geblieben, und während eine Zahl
von Drehorgeln mit ihren grausig gemalten Mordgeschichten, böhmischen
Musikbanden, Gymnastikern in schmutzig-weißen, phantastischen
Anzügen und anderen Meßkünstlern geringeren Grades die Promenaden
überschwemmten, sammelte sich hier das Volk besonders, und oft wurde
selbst die Passage durch die verschiedenen Aufzüge für kurze Zeit
gehemmt und unterbrochen.
An diesen Theil der Promenade stieß übrigens unmittelbar die Stadt, mit
ihren hohen, schmalen, gedrängten Häusermassen, und während die Front
der hier sichtbaren Reihe in eine enge, dumpfige Straße hinaussah
und auch dort ihren Haupteingang hatte, genossen die Wohnungen der
Hintergebäude (so eingeschränkt die Miethsleute dort auch vielleicht
wohnen mußten) doch wenigstens freie Aussicht auf grüne Bäume und blauen
Himmel, und jetzt auch, als Zugabe, auf das ganze wilde Gedränge des
Markttrubels, der unmittelbar vor ihren Fenstern auf und ab wogte.
In der zweiten Etage eines dieser schmalen Gebäude wohnte der am
Haßburger Theater angestellte Komiker Fürchtegott Pfeffer mit seiner
Schwester und deren achtzehnjährigen Tochter Henriette in einem kleinen
und sehr beschränkten Logis. Aber eben so klein und beschränkt war
auch seine Gage, und Pfeffer, wenn auch sonst ein wunderlicher
und excentrischer Kauz, doch ein ziemlich guter Haushalter und --
sonderbarer Weise -- fast der Einzige oder doch einer der Wenigen vom
ganzen Theaterpersonal, der in Haßburg keine Schulden hatte.
Das ganze Logis bestand nur aus zwei neben einander liegenden Stuben,
jede mit einem kleinen Alcoven versehen, dann einer etwas engen und nur
nothdürftig erleuchteten Küche, und einer kleinen Holzkammer.
Die eine Stube hatte Pfeffer selber zum Studir- und Wohnzimmer inne,
in dem daranstoßenden Alcoven schlief er. In dem andern Zimmer wohnten
Mutter und Tochter, und es wäre kaum möglich gewesen, sich zwei sonst
ganz gleiche Räumlichkeiten verschiedener zu denken, als diese zwei sich
zeigten.
Das Zimmer der Frauen glich einer Puppenstube. Die allerdings sehr
zerwaschenen Gardinen waren schneeweiß; ebenso der sorgsam gescheuerte
Boden. Kein Stäubchen lag auf irgend einem der sauber polirten
Erlenmöbel. Ueberall herrschte die größte, ja, fast peinliche Ordnung,
und nur auf einem schmalen Arbeitstisch am Fenster, an dem Henriette
saß und einen geschmackvollen Kranz von künstlichen Veilchen und
Schneeglöckchen zusammenstellte, lagen die verschiedenen zu ihrer Arbeit
nöthigen Ingredienzen ebenso durcheinander, wie es die Arbeit gerade mit
sich bringt.
An Allem sah man, daß hier sorgliche und ordnungsliebende Frauenhände
walteten -- und wie lag dagegen das Nachbarzimmer!
Dort wirthschaftete Onkel Pfeffer, und zwar als unumschränkter Gebieter
der Räumlichkeit, über welche man aber nicht gleich beim ersten Betreten
des Zimmers einen vollkommenen Ueberblick bekam, da eine permanente
Wolke von Tabaksqualm den überhaupt nicht sehr hellen Raum in ein
ewiges, geheimnißvolles Halbdunkel hüllte. Hatte man sich aber erst
daran gewöhnt und war nicht gleich beim ersten Betreten dieses
künstlerischen Heiligthums über einen Haufen dicht an der Thür liegender
Broschüren, Bücher und Schriftstücke gestolpert, so erschien Fürchtegott
Pfeffer, wie der heraufbeschworene Geist eines Zauberers, mit in
Papilloten rund herum fest eingewickelten Haaren, in einem sehr
schmutzigen, langen, wattirten Schlafrock, die lange Pfeife in der
Linken, eine offene »Rolle«, aus der er memorirte, in der rechten Hand,
und blieb dann jedesmal -- beide Arme vor sich haltend und mit einer
Bewegung etwa mitten in der Stube stehen, als ob er hätte sagen wollen:
Na, wer stört mich _nun_ wieder?
Die Stube selber befand sich nicht allein in einer künstlerischen,
sondern sogar in einer künstlichen Unordnung, gegen die aber weder
Schwester noch Nichte einschreiten durften. Pfeffer behauptete nämlich
-- und vielleicht nicht ganz mit Unrecht --, sobald einmal bei ihm
aufgeräumt würde, fände er nie mehr, was er suche, und es sei nachher
eine Heidenarbeit, sein Studirzimmer wieder in den Stand zu setzen, wie
er es allein brauchen könne, das heißt: in ein wahres Chaos von lauter
benutzten und unbenutzten Dingen.
Die Gardinen waren jedenfalls, als sie am Ersten des Monats aufgemacht
worden, eben so rein und weiß gewesen, wie in der Nachbarstube; wenn
aber auch erst drei Wochen dazwischen lagen, so sahen sie doch jetzt
schon entsetzlich aus. Ein schwarzer Reif schien auf sie gefallen zu
sein -- wie ein Trauercouvert mit schwarzen Rändern hingen sie von der
Decke nieder, und noch immer zog der dicke Qualm zu ihnen empor und
setzte sich den vorangegangenen Rußtheilchen an.
An den Wänden hingen eine Menge Bilder von theatralischen Größen, alle
jedoch nur in einfach braunen oder schwarzen Rahmen. Was aber die Kunst
_getrennt_, hatte die Kunst hier wieder vereint, denn über dem kleinen,
mit buntem Kattun bezogenen Sopha nahmen Bogumil Dawison und Emil
Devrient den Ehrenplatz ein, ja, _ein_ Lorbeerkranz verband sogar Beide
mit einander.
Dort hingen auch Ludwig Löwe und Laroche, dort hingen die Charlotte
Ackermann, die alte Schröder und eine Menge berühmter Schauspieler und
Schauspielerinnen; dort hingen Schiller, Göthe, Lessing, Iffland -- aber
kein einziges Bild eines Tenoristen oder einer Primadonna, und noch
viel weniger eins, das nur im Entferntesten auf die _Posse_ Bezug gehabt
hätte.
Pfeffer haßte nicht allein die Oper, sondern auch die Posse, und war
vielleicht gerade deshalb ein so ausgezeichneter Komiker, weil er seine
Rolle mit einer solchen Erbitterung -- ja, mit einem wahrhaft tödtlichen
Haß abspielte, gewissermaßen, um sie nur los zu werden.
Außerdem stand in der Stube noch ein alter Schreibtisch aus
Nußbaumholz, aber von oben bis unten mit Büchern, Rollen, Costümbildern,
Zeitungsblättern wie allen nur erdenklichen Rauchapparaten, als
Tabakskasten und Beutel, Pfeifenröhren, Cigarrenspitzen etc.,
bedeckt. Den Nipptisch in der Stube bildete aber die Commode mit einem
Photographie-Album im Centrum. Rechts davon stand ein unbenutzter
Mahagoni-Tabakskasten mit gestickten Seitenwänden, neben ihm ein
gesticktes Uhrgehäuse, links eine eben solche Cigarrentasche, wie ein
mit Silber beschlagener, guter Meerschaumkopf in geöffneter Kapsel --
Alles mit dichtem Staub bedeckt, denn abwischen durfte es Niemand.
Zwischen den beiden Fenstern, über einem kleinen Wandschrank, war auch
ein Spiegel angebracht, der Vorhang aber von beiden Seiten so gesteckt
worden, daß er den obern, also benutzbaren Theil desselben vollkommen
bedeckte und nur den untern sichtbar ließ, den Pfeffer brauchte, wenn er
sich rasirte.
Zwischen den beiden Stuben die er und seine Schwester bewohnten,
bestand eine Verbindungsthür, aber sie schien cassirt zu sein. Es hing
wenigstens auf _seiner_ Seite eine dicke wollene Decke davor, und
ein kleines Büchergestell war so angebracht, daß es den untern Raum
vollkommen ausfüllte. Aber nicht deshalb war es etwa geschehen, weil
sich Bruder und Schwester nicht vertragen hätten -- im Gegentheil, es
gab kaum zwei Geschwister, die sich zärtlicher liebten, wenn sich auch
Pfeffer selber etwas Derartiges nie merken ließ. Wäre aber die Thür
benutzt gewesen, so hätte der fortwährende und furchtbare Tabaksqualm
auch unfehlbar in das andere, von den Damen bewohnte Zimmer hineinziehen
müssen, und Pfeffer selber that da Einspruch.
So verkehrten sie denn, wenn auch nicht so rasch, doch eben so häufig
durch den kleinen Vorsaal mit einander, der draußen auf die Treppe
ausmündete und dadurch dem Tabaksrauch einen freien Abzug gab, ohne
in das Zimmer der Schwester zu dringen. Nach einem stillschweigenden
Uebereinkommen betrat er deshalb auch nie das Nachbarzimmer mit seiner
Pfeife -- wenigstens nie, wenn die Fenster geschlossen waren. An warmen
Sommertagen, wenn diese weit geöffnet standen, kam er aber doch auch
manchmal einen Moment »als Schornstein«, wie er es selber nannte,
hinüber, blies den Qualm ein paar Minuten dort in's Freie hinaus und
kehrte dann in sein »Rauchnest« zurück -- oftmals, ohne auch nur eine
einzige Silbe gesprochen zu haben. Heute Morgen war er in besonders
schlechter Laune, denn die zahlreichen Musikbanden, von denen manchmal
zwei zu gleicher Zeit verschiedene Melodien unter seinem Fenster
bliesen, hatten jedes Memoriren unmöglich gemacht. Was half es ihm, daß
er die Fenster fest verschlossen hielt und die Rouleaux selbst herunter
ließ, um so wenig als möglich von dem Treiben da unten zu hören und zu
sehen! Die schrillen Töne drangen doch hindurch, und der Tabaksqualm
wurde zuletzt so dicht und arg, daß er es selber nicht mehr darin
aushalten konnte.
Mit einem halb verbissenen Fluche zog er die Rouleaux wieder in die
Höhe, stieß die Fensterflügel auf und ging dann, sein Zimmer auch
durch die geöffnete Thür lüftend, einen Augenblick zu seiner Schwester
hinüber, wo er an eins der weitgeöffneten Fenster trat.
»Du kannst wohl heute bei dem Lärm nicht arbeiten, Onkel?« fragte ihn
das junge Mädchen, das in einfach bürgerlicher, fast etwas dürftiger
Tracht an einem kleinen Tisch am Fenster saß und künstliche Blumen
zusammenstellte. Sie sah ihm wohl an, daß er mürrisch und verdrießlich
war, konnte aber in solchen Fällen noch immer am besten mit ihm
auskommen.
»Arbeiten,« knurrte Pfeffer an seiner Pfeifenspitze vorbei und schoß
erst eine Anzahl von Rauchringeln in die blaue, sonnige Luft hinaus
-- »arbeiten, bei dem Skandal? Es ist ordentlich, als ob sie Einem das
Gehirn auseinander trieben. Das halte ich auch nicht länger aus. Gott
straf' mich, morgen kündige ich das verwünschte Logis und ziehe an's
andere Ende der Stadt! Lieber doch oben auf einem Thurm und eine Meile
vom Theater wohnen, als hier in diesem Sodom und Gomorrha!«
Henriette lächelte leise vor sich hin, denn den nämlichen Entschluß
faßte der Onkel an jedem solchen Markt, hütete sich aber wohl, ihn je
auszuführen; denn die Wohnung lag ihm selber viel zu bequem und nahe
beim Theater, um sie leichtsinnig aufzugeben. Er war eben verdrießlich
heute, und da mußte man ihn austoben lassen; er wurde auch schon von
selber wieder gut.
Jetzt freilich leuchtete sein Gesicht wie eine Wetterwolke mit seinen
finster zusammengezogenen Brauen, die Stirn in tiefen Falten und einen
Ausdruck in den Zügen, als ob er die Welt hätte vergiften können. Da
plötzlich, als ob eine Garbe von Leuchtkugeln die dunkle Nacht
erhellt, nahm er die Pfeife aus dem Munde -- sein Gesicht strahlte von
Freundlichkeit, und mit einer tiefen Verbeugung und dem verbindlichsten
Lächeln vom Fenster aus Jemanden grüßend, der gerade unten vorbeiging,
sagte er mit seiner wohlwollendsten Miene: »Daß Du den Hals brächest,
Du verdammter schiefbeiniger Halunke Du -- Du Leuteschinder -- empfehle
mich Ihnen gehorsamst!«
»Wer geht denn da vorbei?« sagte seine Schwester, eine Frau vielleicht
hoch in den Dreißigen, aber ein liebes, freundliches, matronenhaftes
Wesen, die leidend schien und auf dem Sopha lag.
»Der Herr Director,« lächelte Henriette.
»Wie der Schuft die Beine spreizt,« sagte Pfeffer, der wieder seine
alte, finstere Miene angenommen hatte, sobald der Director von unten
nicht mehr heraufsah -- »breitspuriger Musenkutscher -- grüßt auch noch,
der -- Heuchler!«
»Ach, Onkel, sieh nur, was da für reizende Kinder in der Equipage
sitzen!« rief Henriette, die von ihrer Arbeit aufgeblickt, während
Pfeffer noch immer giftig seinem Vorgesetzten oder Chef nachschaute.
»Das sind gewiß Fremde, denn ich erinnere mich nicht, sie schon hier
gesehen zu haben.«
Unten vor dem Fenster fuhr in diesem Augenblick ganz langsam, da die
Pferde in dem Menschengewühl nur im Schritt gehen konnten, eine leichte,
sehr elegante Equipage vorüber. Ein Kutscher in Livrée führte sie, und
im Fond derselben saßen ein Herr und eine Dame in Reisekleidern, während
auf dem Rücksitz ein junges Mädchen -- wahrscheinlich die Bonne -- die
größte Mühe hatte, zwei allerliebste Kinder, einen Knaben von etwa vier
und ein kleines Mädchen von vielleicht drittehalb Jahren, ruhig auf
ihren Sitzen zu halten. Und das schien in der That kein kleines Stück
Arbeit, denn das lebendige Pärchen entdeckte in der neuen, regen
Umgebung eine solche Menge von Merkwürdigkeiten, daß sie mit den kurzen
Aermchen nur immer da- und dorthin deuteten und Vater und Mutter das
gerade Bemerkte auf frischer That auch zeigen, ja, am liebsten hinaus
und näher hinan wollten.
Die Eltern aber, die dem sie umwogenden Treiben kaum einen Blick
schenkten, lächelten über die fröhliche Unruhe der Kinder und mußten nur
selber mit beschwichtigen und ermahnen helfen, um ihren unruhigen Eifer
zu zügeln.
»Ja, das sind Fremde,« sagte Pfeffer, der einen mürrischen Blick nach
der bezeichneten Richtung hinunterwarf; »es wimmelt ja von denen jetzt
in Haßburg -- vornehmes Pack -- hochnasige Gesellschaft -- was kümmern
die uns!«
»Was das für eine reizende Frau ist und was für wundervolle Haare sie
hat!« fuhr Jettchen fort.
»Ja, wie Deine Tante, Fräulein Bassini -- ein ächter Goldfuchs -- wie
nur ein Mensch an rothen Haaren Freude finden kann.«
»Aber sie sind doch nicht roth, Onkel -- es ist das herrlichste
Goldblond, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.«
»Goldblond,« brummte Pfeffer verächtlich vor sich hin -- »Rothfuchs --
was Du für einen Begriff von goldblond hast.«
»Du bist einmal verdrießlich heute, Onkel,« lächelte Henriette, »und in
der Stimmung hättest Du selbst am Himmelsblau 'was auszusetzen.«
»Hätt' ich?« brummte Pfeffer und qualmte stärker -- »was die Jungfer
Naseweis nicht Alles bemerkt. -- Das da unten sind auch ein paar
goldblonde Pferde, nicht wahr?«
»Das ist die Equipage des reichen Monford,« sagte Jettchen, die
wieder einen Blick hinausgeworfen hatte, aber zugleich auch, verlegen
erröthend, ohne daß der Onkel jedoch etwas davon bemerkte, nach unten
irgend Jemanden dankend grüßte.
»Die wälzen sich ordentlich in Gold,« sagte Pfeffer -- »Herr Gott, ist
das nun Gerechtigkeit? _Das_ Volk weiß nicht, wie es die Tausende, nur
um sie los zu werden, zum Fenster hinauswerfen soll, und bei uns langt's
manchmal knapp zu Kartoffeln und Häringen!«
»Und wer weiß, ob sie so glücklich sind, wie wir!«
»Glücklich -- was sollte denen an ihrem Glück fehlen? Alles, was sich
ein Mensch nur möglicher Weise wünschen kann, wenn er recht unverschämt
ist, haben sie: eine große, reiche Familie, Sohn und Tochter, gesund und
vornehm -- bah, geh mir mit den Redensarten, die sich recht hübsch von
der Kanzel herunter oder auf dem Theater ausnehmen: »Reichthum macht
nicht glücklich« -- aber im wirklichen Leben -- alle Teufel,« unterbrach
er sich plötzlich und nahm rasch die Pfeife aus dem Mund, »schnüffelt
da unten nicht schon wieder unser siebenundzwanzigster Liebhaber, unser
Herr _Rebe_ mit seinem classischen Vornamen herum? Horatius Rebe --
Horatius Cocles -- jedenfalls Geschwisterkind mit einander -- daß Dich
die Milz sticht!«
»Aber, bester Onkel,« lächelte Henriette, dabei doch etwas verlegen und
jedenfalls mehr erröthend, als eigentlich nöthig gewesen wäre -- »was
kann denn ein Mensch für seinen Vornamen? Er hat ihn sich doch nicht
selber gegeben.«
»Unsinn, selber gegeben -- natürlich hat er ihn sich nicht selber
gegeben, sondern irgend ein eben so verrückter Pathe; aber er kann ihn
doch zum Teufel werfen, sowie er nur einmal so viel Verstand hat, um
eine Nachtmütze von einer Lichtscheere zu unterscheiden!« rief der
Onkel, der heute wirklich entschlossen schien, sich über Alles zu
ärgern. -- »Horatius -- Horatius! Jeder anständige Mensch auf der Welt
hat doch wenigstens zwei oder drei verschiedene Vornamen, von denen er
berechtigt ist, sich den auszuwählen, der ihm am besten gefällt. Warum
thut er das nicht auch? -- aber denkt gar nicht dran. Wahrscheinlich ist
er auch noch stolz auf seinen Horatius; daß Dich der Henker hole -- ich
wollte Dich behoratiussen, wenn Du mein Sohn wärest!«
»Aber, Onkelchen,« lachte Henriette still vor sich hin, »wenn Dir nun
seine anderen Namen auch nicht besser gefielen, wie der da?«
»Ach, Schnack,« rief Pfeffer, »und was weißt Du überhaupt von seinen
anderen Vornamen, heh? Was sagst Du?«
»Oh, nichts, Onkelchen, ich zählte nur eben hier die Blätter zu dieser
weißen Rose ab.«
»Und beim Himmel,« fuhr Pfeffer auf, der, während er sprach, den jungen
Menschen nicht aus den Augen gelassen hatte, »da kommt er schon wieder
auf's Haus zu! Jettchen, Jettchen, ich will Dir 'was sagen -- ich
fange an Verdacht zu schöpfen, daß sich der junge Springinsfeld die
Schuhsohlen hier nicht umsonst alle Tage vor dem Fenster abläuft -- ich
hätte Dich für vernünftiger gehalten.«
»Aber, Onkel!«
»Die Posse laß Dir vergehen,« fuhr Pfeffer fort; »Du hast nichts, als
was Du Dir mit Deiner Hände Arbeit sauer genug verdienst, und _er_ hat
gar nichts, als seine »Liebe zur Kunst«, wie er's hochpoetisch nennt,
und die ihn bis jetzt nicht viel höher gebracht hat, als Stühle heraus
zu tragen und höchstens einmal einen Ritter anzumelden! Darin paßt Ihr
nun allerdings zu einander, daß Ihr Beide nichts habt, aber das Ende vom
Liede wäre auch, daß Ihr Euch Beide unglücklich machtet und Euer Leben
verdürbet!«
»Aber, Onkel, er denkt gar nicht daran!«
»Denkt nicht daran? -- Lehr' Du mich Menschen kennen! -- Uebrigens weiß
ich schon, daß er nur wieder unter dem Vorwande heraufkommt, _mich_ zu
besuchen. Na, _die_ Freude will ich ihm dieses Mal machen -- arbeiten
kann ich außerdem heute nichts -- daß Ihr ihn mir aber nicht hier
herüber laßt -- das sag' ich Euch!« -- Und damit nahm er seinen
Schlafrock vorn zusammen und ging wieder über den Vorsaal in sein
eigenes Zimmer hinüber.
Henriette blieb schweigend an ihrer Arbeit sitzen, und die Mutter war
aufgestanden und nahm ihr jetzt gegenüber am Fenster Platz.
»Der junge Rebe ist die letzte Zeit recht oft hier gewesen, Kind,« sagte
sie endlich, während ihr Auge über die bunten Gruppen vor dem Fenster
glitt, ohne sie zu sehen.
»Liebe Mutter...«
»Ich glaube, der Onkel hat Recht, Kind,« fuhr die Frau aber wehmüthig
fort -- »nicht, daß ich etwas gegen den jungen Mann selber einzuwenden
hätte; er scheint brav und ordentlich zu sein, und man hört über
sein ganzes Betragen nur immer Gutes, aber -- das Theater ist ein
gefährlicher Boden für junge Leute, und -- kein Mensch weiß außerdem, ob
er auch wirklich Talent hat und es je zu etwas bringen wird.«
»Er studirt so fleißig!« sagte Henriette leise.
»Ja, mein Kind,« seufzte die Frau, »das allein macht es nicht, und
darin steht der Künstler weit gegen den Gelehrten im Nachtheil. In
jedem andern Fache kann es ein wirklich tüchtiger Mann durch Fleiß und
Ausdauer erzwingen, vorwärts zu kommen, wenn er auch nicht übermäßig
begabt sein sollte; in der Kunst aber nicht, und nicht allein das Talent
hilft ihm da, er muß auch Glück haben, wenn er es je zu etwas bringen --
wenn er je ein erstes Fach bekleiden will. Kann er das aber nicht, dann
wäre es viel vernünftiger, er lernte eher das einfachste Handwerk,
als daß er sich seine Lebenszeit bei kleinen Bühnen herumtriebe, um da
zweite oder dritte Rollen zu spielen. In dem Fall, mein Herz, ist der
Schauspielerstand ein elendes und trauriges Leben, glaube mir!«
»Aber Du warst selber beim Theater, Mama,« sagte Henriette, »der Onkel
ist dabei, Deine selige Mutter, wie Du mir oft erzählt, soll ebenfalls
eine brave Sängerin gewesen sein, ja, Deine eigene Schwester spielt
jetzt noch Komödie!«
»Das Alles ist wahr, Herz,« nickte die Mutter, »unsere ganze Familie
gehört dem Theater an, und doch danke ich Gott, daß Du Dir Dein Brod, so
spärlich es auch sein mag, auf andere Art verdienen kannst. Ja, wer eins
der ersten Fächer bekleidet, wer bei einer großen Bühne der Liebling des
Publikums geworden, der nimmt wohl eine ehrenvolle Stellung ein und
kann auch ganz seiner Kunst leben; die Direction braucht ihn und seine
Zukunft ist gesichert -- aber wie Wenigen unter Tausenden ist das
beschieden, und sich in untergeordneten Fächern bald hier, bald da
herumtreiben, jetzt hier mit einer kleinen Gage angestellt, dann wieder
im Lande nach einem Engagement herumsuchend, das, mein liebes Kind, sei
versichert, ist ein trauriges Brod, und schlimmer, weit schlimmer, als
Holzhacken und Tagelohn!«
»Aber verdienen die Leute nicht, was sie zum Leben brauchen?«
»Ja -- vielleicht. -- So lange sie allein stehen und gesund bleiben,
schlagen sie sich durch, und der Leichtsinn, der ein glückliches
Erbe dieses Standes ist, hilft ihnen über manches Schwere hinweg.
Verheirathen sie sich aber und kommt Familie dazu, dann tritt nur zu
häufig der furchtbare Ernst des Lebens an sie heran und sie leiden oft,
ohne eine Stätte, wohin sie ihr Haupt legen können, die bitterste Noth.
-- Aber ich brauche Dir das gar nicht weiter zu bestätigen; Du siehst es
selber hier fast jede Woche, denn keine vergeht, wo nicht Einer oder der
Andere hier durchkommt und sein Leben mit Collectenmachen fristet --
nur um den nagenden Hunger zu stillen, nur um der dringendsten Noth
abzuhelfen. Jeder Thaler aber, der ihnen gereicht wird, ist doch nur
ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein und ihres Jammers kein Ende
-- kannst Du es mir und dem Onkel verdenken, wenn wir Dich vor einem
solchen Schicksal bewahrt wissen wollen?«
»Liebe Mutter!«
»Aber wir schwatzen und schwatzen hier,« brach die Frau plötzlich ab,
»und es wird indessen spät; da schlägt es wahrhaftig schon zehn Uhr --
Kind, Du mußt nach dem Mittagessen sehen, sonst wird der Onkel nachher
böse, wenn es nicht zur rechten Zeit auf dem Tisch steht.«
»Ja, ja, Mama,« rief Henriette, schob ihre Arbeit rasch bei Seite und
ging hinaus in die Küche. Die Mutter sah ihr sinnend nach, stützte dann
den Kopf in die Hand und seufzte leise, aber recht aus tiefster Seele
herauf:
»Oh, daß wir so arm sind!« --
Pfeffer hatte indessen sein unter der Zeit vollständig gelüftetes Zimmer
wieder betreten und die Thür geschlossen, als es anklopfte.
»Guten Morgen, Herr Pfeffer,« sagte in diesem Augenblick der junge Rebe,
welcher auf der Schwelle erschien, »ich störe doch nicht?«
»Woher vermuthen Sie das, mein sehr verehrter Herr Horatius Rebe, wenn
man fragen darf?« brummte Pfeffer, dessen Laune sich noch nicht im
Geringsten gebessert hatte.
»Weil ich Sie so deutlich erkennen kann,« lächelte der junge Mann,
»denn wenn Sie tüchtig arbeiten, haben Sie auch gewöhnlich eine dem
entsprechende Wolke um sich her.«
»Das Rauchen ist Ihnen doch nicht unangenehm?« fragte Pfeffer
verbindlich und mit einer Bewegung, als ob er seine Pfeife gleich in die
Ecke stellen wollte.
»Mein guter Herr Pfeffer,« sagte Rebe mit einem wehmüthigen Zug um die
Lippen, »ich weiß sehr wohl, daß mir nichts unangenehm sein darf --
übrigens würde ich selber wieder rauchen, wenn meine Gage nur ein klein
wenig höher wäre.«
»So -- und was verschafft mir da heute die Ehre Ihres Besuches?«
»Ich sehe, Sie sind heute nicht in glücklicher Stimmung,« sagte Rebe --
»kann ich vielleicht die Damen sprechen?«
»Nein,« brummte Pfeffer -- »meine Schwester ist krank und Jettchen
pflegt sie.«
»Doch nicht ernstlich?«
»Allerdings, sie pflegt sie ganz ernstlich.«
»Nein, ich meine...«
»Wünschen sie sonst noch etwas?«
»Mein lieber Herr Pfeffer, sagen Sie mir nur, weshalb Sie mich heute so
schrecklich ablaufen lassen,« bat Rebe herzlich, indem er auf ihn zuging
und seine Hand zu ergreifen suchte, die Pfeffer aber in die Tasche
steckte -- »habe ich Ihnen etwas zu Leide gethan?«
»Nein -- noch nicht -- aber Sie wollen es!« brummte mürrisch der Mann.
»Ich will es?«
»Ja -- Sie verdrehen dem Mädel, dem Jettchen, den Kopf!«
»Aber, bester Herr Pfeffer!«
»Können Sie eine Frau ernähren?«
»Noch nicht, aber ich hoffe...«
»Hoffe -- alberne Redensart -- hoffe, hoffe -- dafür giebt Ihnen kein
Mensch einen Pfifferling, viel weniger eine ganze Haushaltung! Wie lange
sind Sie schon beim Theater?«
»Seit einem Jahre -- seit ich hier bin!«
»Hm -- und was waren Sie früher?«
»Ich habe studirt.«
»Nun ja, das dachte ich mir ungefähr, und nachdem Sie Ihren Eltern
das schwere Geld gekostet, laufen Sie zum Theater -- nein, es ist ganz
unglaublich, wie verrückt manche Menschen sind, studirt bis in die blaue
Pechhütte hinein, nur um nachher die Geschichte an den Nagel zu hängen
und in der Welt herum zu fahren! Wofür haben Sie nun studirt?«
»Und glauben Sie wirklich, daß mir das als Schauspieler verloren wäre?«
lächelte Rebe. »Hier gerade kann es mir bedeutend nützen, und wenn meine
Liebe zur Kunst...«
»Jetzt hören Sie auf,« schrie Pfeffer -- »Liebe zur Kunst -- wenn ich
den Blödsinn nur nicht mehr hören müßte -- Liebe zur -- ich hätte
bald 'was gesagt, Herr Horatius! -- Apropos, ist der Horatius etwa
Ihr Theatername, und glauben Sie, daß er sich besonders hübsch auf
dem Zettel ausnehmen soll, wenn es zum Beispiel heißt: Horatio, Herr
Horatius Rebe?«
»Ich bin so getauft,« lächelte der junge Mann, »und -- möchte mich doch
auch nicht gern wieder umtaufen.«
»Aber Sie haben doch, zum Teufel, auch noch andere Namen!« rief Pfeffer.
»Weshalb nehmen Sie nicht einen von denen?«
»Allerdings, Herr Pfeffer,« sagte Rebe etwas verlegen, »aber die anderen
klingen eben auch nicht besser. Ich heiße mit meinem vollen Namen
Horatius Scipio Quintus.«
»Nanu bitt' ich aber zu grüßen!« rief Pfeffer erstaunt. »Weiter nichts?«
»Mein Vater war ein armer Schullehrer,« fuhr Rebe fort, »der für die
Alten schwärmte -- er ist lange todt,« fügte er leise hinzu, »und ich
mochte ihn nicht dadurch noch im Grabe kränken, daß ich den ihm einst
lieb gewesenen Namen verwarf.«
»Sehr ehrenwerth, Herr Horatius Cocles -- Rebe, wollt' ich sagen,«
brummte Pfeffer, »aber ich glaube, Sie haben Ihren todten Papa noch viel
mehr damit gekränkt, daß Sie unter die Komödianten gegangen oder, wenn
Ihnen der Ausdruck besser gefällt, _Mime_ geworden sind. Keinesfalls
hätten Sie zu studiren gebraucht, um ein schlechter Schauspieler zu
werden.«
»Aber ich hoffe ein guter zu werden, Herr Pfeffer.«
»Da haben wir wieder die Hoffnung, und indessen beschäftigen Sie sich
mit Hinaustragen von Stühlen und Ableiern von kleinen Rollen!«
»Weil ich keine größeren bekommen kann!« rief Rebe. »Ist denn der
Director auch nur dazu zu bewegen, mir einmal einen Versuch zu
gestatten? Erlaubt er mir denn nur ein einziges Mal, zu zeigen was
ich wirklich kann? Ach, mein bester Herr Pfeffer, wenn Sie es nur ein
einziges Mal dahin bringen könnten, daß ich...«
»Bleiben Sie mir vom Leibe,« rief Pfeffer; »ich habe mit der ganzen
Schmiere nichts zu thun! Ich spiele meine Rolle ab, und damit Basta --
wenn Ihnen eine von denen zusagen sollte, mit dem größten Vergnügen --
in das Andere mische ich mich nicht. So viel sage ich Ihnen aber: --
hier -- wenn Sie wirklich Talent hätten -- kommen Sie zu nichts; Handor
spielt Alles, also eine Aussicht bleibt Ihnen nicht, und deshalb bitte
ich Sie sehr ernstlich, daß Sie dem armen Mädchen, dem Jettchen, keine
weiteren Sparren in den Kopf setzen!«
»Aber, bester Herr Pfeffer!«
»Ich glaube, Sie haben mich verstanden?«
»Vollkommen!«
»Schön, dann brauchen wir auch weiter nichts darüber zu reden, und
ich...«
Er wurde hier unterbrochen, denn in dem Moment flog die Thür auf und
herein stürzte in größter Eile und mit einem »Allerseitigen Guten
Morgen« Fräulein Bassini, Pfeffer's älteste Schwester, ebenfalls
Mitglied des hiesigen Stadttheaters -- mit einem riesigen Toupet von
hochrothen Locken, dabei decolletirt und sehr phantastisch angezogen.
Sie machte auch nicht viel Umstände.
»Fürchtegott,« rief sie, »ich habe meine Dose vergessen und muß in die
Probe -- borg' mir die Deinige.«
Fräulein Bassini -- wie sie mit ihrem Theaternamen hieß, da ihr der Name
Pfeffer zu prosaisch klang -- spielte Charakter- und Anstandsdamen.
Sie war aber »jeder Zoll eine Schauspielerin« und, wenn auch schon im
Anfange der Vierzig -- was sie übrigens hartnäckig leugnete --, doch
noch so liebenswürdig kokett, wie ein junges Mädchen von siebzehn
Jahren.
»Schon wieder einmal,« sagte Pfeffer, wie es übrigens schien, nicht
sehr erbaut von dem Ueberfall; »merkwürdig, daß Du nie etwas von Deiner
Auftakelei vergißt. Frauenzimmer, wie siehst Du heute Morgen wieder aus
-- gerad' wie ein Pfingstochse!«
»Du bist und bleibst ein Grobian!« rief Fräulein Bassini, indem sie ohne
Weiteres die auf dem Tisch stehende Dose an sich nahm und einsteckte --
»was müssen denn nur andere Leute von Dir denken. -- Guten Morgen, Herr
Rebe!«
»Und willst Du nicht einmal zu Deiner Schwester hinübergehen? Sie ist
nicht recht wohl.«
»Es hat schon zehn Uhr geschlagen, und ich komme im ersten Act,« rief
Fräulein Bassini, und damit war sie aus der Thür verschwunden.
Als sie dieselbe öffnete, sah Rebe draußen in der Küche Henriette
stehen.
»Also, mein lieber Herr Pfeffer?«
»Nun, ich denke, Sie haben auch Probe; Sie machen ja wohl einen von den
Ballgästen?«
»Leider,« seufzte der junge Mann, »aber ich komme erst am Schluß des
zweiten Actes.«
»War mir sehr angenehm,« sagte Pfeffer mit einer Miene, als ob er ihn
eben so lieb wie nicht zur Thür hinausgeworfen hätte.
Rebe machte eine Verbeugung und verließ das Zimmer. Wie er die Thür
hinter sich zudrückte, traf er vorn in der kleinen, halbdunkeln Küche,
die ihr Licht nur durch ein Thürfenster des Vorsaales erhielt, Jettchen.
»Mein liebes Fräulein, ich danke meinem Schicksal, daß ich Ihnen
wenigstens Guten Morgen sagen kann.«
»Guten Morgen, Herr Rebe,« erwiderte Henriette leise.
»Ihre Frau Mutter ist nicht wohl?«
»Hoffentlich nur eine Erkältung.«
»Hoffentlich -- und Sie arbeiten so fleißig?«
»Ich muß ja wohl.«
»Sie glauben nicht, wie lang mir der gestrige Tag geworden ist -- wie
lang mir mein übriges Leben werden wird.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Jettchen leise.
»Ihr Onkel hat mir mit ziemlich deutlichen Worten das Haus verboten --
und ich fühle selber, daß er dabei in seinem Rechte ist. Zürnen Sie mir
nicht, mein liebes Jettchen, wenn ich seinem Befehl gehorche -- ich sehe
ein, daß es sein muß.«
Drinnen im Zimmer klingelte es.
»Die Mutter verlangt nach mir,« rief das junge Mädchen.
»Leben Sie wohl,« Jettchen, sagte Rebe und reichte ihr die Hand, die sie
schüchtern nahm -- aber wieder klingelte es -- und sich losreißend, flog
sie in das Zimmer zurück. Horatius Rebe aber sah ihr wehmüthig nach und
verließ dann in einer recht gedrückten und traurigen Stimmung das Haus,
welches er kurz vorher so freudig betreten hatte.
2.
Unter den Buden.
Der Wagen mit dem jungen Paar und den Kindern, der vorhin Henriettens
Aufmerksamkeit erregt, fuhr noch eine Strecke durch das Menschengewühl
im Schritt, bis er einen freieren Platz erreichte. Dort ließ der
Kutscher die Pferde ein wenig austraben, und bald hielt das leichte
Fuhrwerk vor einem nicht sehr großen, aber außerordentlich freundlich
gelegenen herrschaftlichen Haus, an dessen Gartenpforte schon
verschiedene dienstbare Geister standen, um die erwartete Herrschaft in
Empfang zu nehmen.
Der junge Mann war, wie nur der Wagen hielt, rasch zuerst
hinausgesprungen, und seine beiden Kleinen aufnehmend und den
herbeieilenden Mädchen übergebend, half er der jungen Frau ebenfalls aus
dem Wagen -- aber sie bedurfte kaum seiner Hülfe.
Es war eine reizende, schlank gewachsene Gestalt, mit wundervollen
goldblonden Haaren und lebendigen, aber doch so seelenvollen Augen, die
aber kaum ihre Hand auf seinen Arm stützte, so leicht sprang sie
selbst von dem Wagen herab. Aber unten blieb sie stehen, und einen halb
neugierigen, halb ängstlichen Blick umherwerfend, sagte sie mit leiser,
fast zitternder Stimme:
»Und sind wir denn wirklich hier in Haßburg, Felix? Haben wir endlich
unser lang ersehntes Ziel erreicht?«
»Haßburg, gewiß,« lächelte ihr Gatte, indem er ihren Arm in den seinen
zog und, von den Kindern und den Dienern gefolgt, dem Hause zuschritt
-- »und alles Andere wird sich auch wohl fügen. Jetzt aber, herziges
Frauchen, zeige ich Dir vor allen Dingen unsere neue Heimath, und hoffe
gewiß, daß Du mit mir zufrieden sein sollst.«
»Mein guter Felix -- Du sorgst so für Alles!«
»Du wirst mir bezeugen müssen,« lächelte ihr Gatte, »daß ich mich
diesmal selbst übertroffen habe.«
Und in der That hatte er nicht zu viel versprochen. Das freundliche
Haus, das mitten in einem reizenden, wohlgepflegten Garten stand,
glich einem kleinen Paradies. Alles war dabei wohl reich und ihrem Rang
entsprechend, aber auch so einfach und geschmackvoll hergerichtet,
daß, wie er mit seiner Gattin die Räume durchschritt, Helene, die junge
Gräfin Rottack, kaum Worte fand, ihm dafür zu danken.
So durchwanderten sie das ganze Haus, und endlich, als sie so ziemlich
Alles besichtigt hatten, traten sie hinaus auf einen kleinen
eisernen Balkon. Hier aber eröffnete sich ihnen ein wunderliebliches
Landschaftsbild nach den, Haßburg umschließenden Hügeln und Hängen
hinüber, und Helene, von der Aussicht wirklich entzückt und überrascht,
flüsterte, indem sie ihr Haupt an des Gatten Schulter schmiegte:
»Wie soll ich es Dir danken, Felix, daß Du so meinen kleinsten,
vielleicht thörichten Wunsch erfüllt? Wie soll ich überhaupt je im Leben
das wieder gut machen, was Du schon in den wenigen Jahren für mich --
für das arme, freundlose Kind -- für die Waise gethan? -- Ich weiß
es nicht -- mein ganzes Herz ist nur erfüllt von dem Einen Gefühl des
Dankes, der Liebe für Dich, Du guter Mann!«
»Meine Helene -- mein liebes Herz!« rief Graf Rottack, sie an sich
pressend -- »wer von uns ist dem Andern denn mehr zu Dank verpflichtet,
Du mir, oder ich Dir? Was anders habe ich gethan, als nur die Liebe
erwidert, die Du mir entgegenbrachtest, während Du Dein ganzes Glück,
Dein ganzes Leben vertrauensvoll in meine Hände legtest!«
»Mein Felix!«
»Was wäre aus mir geworden,« fuhr der junge Mann fort, sie immer noch
in seinem Arm haltend, »wenn Du Dich damals meiner nicht angenommen? In
einer Stimmung, die mich der tollsten Streiche fähig machte, wäre ich
vielleicht zu Grunde gegangen. Du allein hast mich dem Leben erhalten,
und gebe nur Gott, daß ich Dir, armes Herz, auch den Frieden wiedergeben
könne, nach dem Du Dich sehnst -- daß ich Dir das Einzige verschaffe,
was bisher nicht in meinen Kräften stand -- die Liebe Deiner Mutter!«
»Und hast Du jetzt nicht den Schritt gethan, der uns ihr näher bringen
mußte?« sagte Helene herzlich.
»Ja, mein Schatz,« erwiderte Graf Felix, indem er sie losließ und sich
mit der Hand wie verlegen durch die dunkeln Locken fuhr -- »aber -- ich
möchte nicht, daß Du Dich dadurch zu großen Erwartungen hingäbst, und
ich -- fürchte -- wir sind jetzt gerade noch so weit von unserem Ziel
entfernt, wie früher.«
»Du hast kein Vertrauen zu ihr...«
»Aufrichtig gesagt, nein,« erwiderte ihr Gatte. »Du weißt, daß die
Gräfin Monford, als wir vor fünf Jahren aus Brasilien zurückkehrten,
mit ihrem Gatten auf Reisen war und sich drei Jahre lang in Italien,
Griechenland und Egypten amüsirte. Dann kehrten sie auf wenige Monate
zurück und gingen wieder nach Paris und London, so daß eben kein Halt
an sie zu bekommen war. Jetzt endlich haben sie sich seit etwa sechs
Monaten hier bei Haßburg auf ihrem alten Stammsitz niedergelassen, und
ich war im Stande, die genauesten Erkundigungen über sie einzuziehen.«
»Und was können fremde Menschen über sie sagen?«
»Fremde Menschen wissen genau, wie sie sich fremden Menschen zeigt,«
sagte Graf Rottack achselzuckend, »und wir selber müssen vollkommen
darauf gefaßt sein, als Fremde von ihr behandelt zu werden.«
»Die eigene Tochter?«
»Liebes Kind, Du vergißt, daß sie Dich nicht öffentlich anerkennen
_darf_, wenn sie sich nicht in den Augen der Welt vollständig
compromittiren will. Graf Monford ist dabei nicht allein ein sehr
reicher, sondern auch entsetzlich stolzer Herr, der an seinem Stammbaum
mit einer Verehrung hängt, als ob ihn Gott der Herr damals dem Altvater
Noah mit den ersten Weinreben in den Garten gepflanzt hätte. Einen
Flecken darauf, sobald er nur eine Ahnung davon bekäme, würde er für
mehr als ein Unglück, er würde ihn für das Verderben seines ganzen
Hauses halten, und erhielte er die Gewißheit des Geschehenen, so
zerrisse er -- glaube mir, ich kenne dergleichen Herren -- nachsichts-
und erbarmungslos die Bande, die ihn an seine Gattin fesseln. Und seine
Gattin weiß das, darauf kannst Du Dich verlassen.«
»Aber das Gefühl muß ja doch in ihr sprechen,« sagte Helene weich und
herzlich.
Graf Rottack wollte etwas darauf erwidern, aber bezwang sich. Er
hatte die Arme gekreuzt und starrte einen Augenblick sinnend auf die
sonnenbeschienenen Hänge hinaus. Endlich wandte er das Antlitz wieder
der ängstlich zu ihm aufschauenden Gattin zu und sagte, ihr freundlich
in die Augen sehend: »Du weißt, meine Helene, daß ich bis jetzt Alles
gethan habe, Deinen Wunsch zu erfüllen, Deinen Plan zu fördern. Es ist
Alles geschehen, um uns _dem_ näher zu bringen -- die Entfremdung von
Deiner Mutter zu heben; so laß uns aber, ehe wir den letzten Schritt
dazu thun, auch die Sache vorher ruhig besprechen, damit Dich eine doch
mögliche Enttäuschung Deiner Hoffnungen nachher nicht zu unerwartet faßt
und erschüttert.«
»So glaubst Du wirklich...«
»Von Glauben kann noch keine Rede sein, mein Herz, aber Du weißt, wie
Deine Mutter, nach jenem Fehltritt ihres Lebens, sich von Dir lossagte
und von da an eigentlich weiter gar nichts für Dich that, als daß sie
jener nach Brasilien gehenden Frau, der sie Dich vollständig überließ
-- ein Kostgeld für Dich zahlte. Du entdecktest das Geheimniß und
verließest jene Frau. Fest aber darfst Du davon überzeugt sein,
daß diese Madame Baulen Deiner Mutter die Flucht ihres Kindes nicht
angezeigt hat, sondern nach wie vor das Geld für Dich noch regelmäßig
fortbezieht. Deine wirkliche Mutter muß Dich also noch immer in
Brasilien glauben.«
»Ich bat Dich immer, ihr einmal zu schreiben,« sagte Helene leise.
»Um Gottes willen keinen Brief, Schatz!« rief ihr Gatte lächelnd. »Eine
Sache, die man wirklich als Geheimniß wahren will, darf man nie einem
Papier anvertrauen, denn kein Mensch kann wissen, wem ein solches Blatt
einmal durch Zufall in die Hand geräth. Denke nur daran, wie Du selber
das Geheimniß Deiner Geburt erfahren: nur dadurch, daß Deine Mutter
diese nöthigste aller Vorsichtsmaßregeln versäumte, durch einen in Deine
-- also in unrechte Hände gerathenen Brief. Nein, alles Derartige muß
entweder mündlich oder gar nicht abgemacht werden, mündlich und ohne
Zeugen, schon Deiner Mutter und deshalb auch Deinetwegen, und einmal
habe ich den Versuch schon gemacht.«
»Du hast sie gesehen, Felix?« rief Helene rasch und geängstigt, »und mir
kein Wort davon gesagt,« setzte sie leise und fast vorwurfsvoll hinzu,
»war das recht?«
»Weil ich Dir nicht unnöthiger Weise weh thun wollte, Schatz.«
»Und was sagte sie?«
»Ich hatte mich ihrem Gatten und ihr, als ich damals das Haus kaufte, an
einem dritten Orte vorstellen lassen und benutzte dann die Gelegenheit,
nachdem der Kauf abgeschlossen, mich bei ihnen als Nachbar, in ihrer
eigenen Wohnung, einzuführen. Natürlich war es nur eine Formvisite, aber
es sollte auch zugleich eine vorläufige Probe sein, ob die Gräfin bei
meinem Erscheinen irgend eine Bewegung zeigen würde. War das der
Fall, so hätte Madame Baulen in Santa Clara ihr doch, und wider alles
Erwarten, Mittheilung gemacht.«
»Und was sagte sie?«
»Ich hatte mich in unserer alten brasilianischen Freundin nicht geirrt,«
lachte Felix. »Die Gräfin Monford konnte keine Ahnung haben, denn sie
zuckte mit keiner Wimper, mein Name rief keine Erinnerung in ihrer Seele
wach. Ich war ihr ein vollkommen fremder Mensch.«
»Und war sie gut, war sie freundlich?« fragte Helene, und ihr Blick hing
angstvoll an den Lippen des Gatten.
»Sie war sehr vornehm und sehr stolz,« sagte Felix nach einigem Zögern;
»ich konnte nicht warm bei ihr werden. Aber laß Dir das keine Sorgen
machen, Kind,« fuhr er herzlich fort, als er den schmerzlichen Zug in
ihrem Antlitz bemerkte, »gegen einen vollkommen fremden Menschen konnte
sie ja auch kaum anders sein. Nur dürfen wir nichts übereilen und müssen
vor allen Dingen erst einmal bekannt mit der Familie werden. Sie soll
Dich erst sehen und lieb gewinnen, und dann findet sich einmal eine
Gelegenheit, wo Du sie, am besten hier bei uns, ohne Zeugen sprechen und
Dich ihr entdecken kannst. Willst Du das mir überlassen?«
»Von Herzen gern, Felix,« sagte Helene mit tiefem Gefühl. »Wem auf der
Welt könnte ich lieber den heißesten Wunsch meiner Seele anvertrauen,
als Dir, der Du schon so oft bewiesen hast, wie lieb ich Dir bin, wie
gut Du es mit mir meinst.«
»Schön, meine Puppe,« lachte da Felix wieder in der alten muntern Laune
und schloß sie in die Arme. »Dann aber mach' auch jetzt wieder ein
freundliches Gesicht und laß Kummer und Sorgen fahren. Was geschehen
kann, geschieht, dann haben wir uns wenigstens selber keine Vorwürfe zu
machen. Und nun, Schatz, nimm Dich vor allen Dingen einmal Deiner Kinder
an, denn die kleine Gesellschaft macht ja draußen einen Heidenlärm.«
»Ich kann sie nicht mehr bändigen, Herr Graf!« rief in diesem Augenblick
die Bonne, die mit ihnen aus dem Nebenzimmer kam. »Günther will absolut
hinaus auf den Markt unter die Buden, und Helenchen verlangt ebenfalls
zur Musik!«
»Vortrefflich, dann gehen wir unter die Buden,« lachte Felix, dem es
ganz erwünscht kam, etwas gefunden zu haben, was seine junge Frau für
den Augenblick zerstreuen konnte, und ein Jubelgeschrei der Kinder
antwortete ihm.
Helene war nicht recht damit einverstanden, aber das kleine Volk
hatte einmal die Zusage und nahm den Papa beim Wort, und die nöthigen
Anordnungen waren bald getroffen.
Es mochte jetzt etwa zwei Uhr sein; das Diner, welches das junge Paar
stets mit den Kindern und der Bonne einnahm, war auf fünf Uhr bestellt,
und mit dem jubelnden Knaben an der Hand, während Helene das Töchterchen
führte, von der Bonne und einer Magd begleitet, die mitgenommen wurde,
um die Kleinste von Zeit zu Zeit zu tragen, schritten sie in das Treiben
hinaus, das selbst bis hierher seine Trabanten gesandt hatte. Die
Schützenwiese lag aber auch gar nicht weit von dort entfernt, und man
konnte das Hämmern der Pauken, wie einzelne Trompetenstöße und ebenso
den scharfen, kurzen Krach der Büchsenschüsse, wenn auch durch die
Entfernung gemildert, doch deutlich bis hier herüber hören.
Und die Kinder waren selig, denn überall bot sich ihnen Neues,
Ungeahntes.
Hier stand eine Polichinell-Bude mit den kleinen, beweglichen Figuren
und der geheimnißvollen, aus dem Kattunkasten herausklingenden Stimme.
Dort auf einem großen, runden Tische, von zahlreichen Zuschauern
umdrängt, gab eine bunt gekleidete Affenfamilie ihre Vorstellungen. Da
drüben wurde nach einer Reihe von aufgestellten Scheiben und Sternen
mit Bolzenbüchsen geschossen, und wenn man das Ziel traf, so sprang
plötzlich ein bunt gemalter Mann mit einer spitzen Mütze heraus, oder
ein lauter Knall kündete den Treffer.
Und dann die Carroussels! Wie jubelte das kleine Pärchen, als es die
bunt beflaggten schwebenden Pferde und Wagen sah, und natürlich gaben
sie keine Ruhe, bis sie mitten darin saßen und, von der Bonne und Magd
bewacht, ihren Rundritt machen durften. Der kleine Günther ließ aber
richtig nicht nach, bis er auch auf eins der kleinen Pferdchen gesetzt
wurde, wo er versprach, sich tüchtig festzuhalten. Er faßte auch mit
beiden Händchen die Eisenstange, als ob sein kleines Leben daran hinge.
Die Mutter war erst ängstlich, daß er herunterfallen könnte, denn wenn
sie selber auch das wildeste Pferd nicht scheute, sorgte sie sich doch
um den kleinen Liebling. Der Vater ließ ihn aber lächelnd gewähren, und
wie stolz saß jetzt der kleine Bursch auf seinem gemalten Pferd, dessen
Seiten er mit den Hacken bearbeitete, bis sich die Reihe an zu drehen
fing. Dann aber klammerte er sich fest und ängstlich an, denn so rasch
hatte er sich die Bewegung doch nicht gedacht.
Und nun kamen die Buden selber mit ihren zahmen Ponies und kreischenden
Papageien, mit ekelhaft fetten Menschen, die sich für Geld sehen ließen,
mit angestrichenen Indianern und gezähmten Hyänen, mit Taschenspielern,
Feuerfressern, Bauchrednern und wie diese Unnatürlichkeiten alle hießen.
Die Kinder sehen allerdings nur das Wunderbare und den Flittertand
daran, während die Erwachsenen gewöhnlich ein Gefühl des Ekels oder
Mitleids beschleicht, wo derartige Charlatanerien zu einem Broderwerb
benutzt werden, die doch das Elend nicht verbergen können, das hinter
all' dem Tand und Putz sich birgt.
Das junge Paar ekelte auch dieses wüste Treiben an, das sie nur den
Kindern zu Liebe wieder einmal durchkosteten. Diese ließen aber keine
Ruhe, bis sie auch wenigstens ein paar der Buden betreten hatten, und
am meisten jubelten sie bei einem Marionettenspiel, aus dem sie fast nur
mit Gewalt wieder entfernt werden konnten.
»Bleib nur ein klein wenig sitzen, Mama,« rief Helenchen, als der
Vorhang endlich fiel, »er geht gleich wieder in die Höh'!« Lachend nahm
Graf Rottack die Kleine auf den Arm, um sie durch das Gedränge hinaus
in's Freie zu tragen, und athmete ordentlich hoch auf, als er endlich
wieder den blauen Himmel über sich sah. Hier draußen preßte aber gerade
eine solche Masse von Menschen vorüber, daß er der Bonne Acht auf
den Knaben befahl und, seine Frau an den Arm nehmend, über die Straße
hinüber zu kommen suchte, wo er freieren Raum sah.
Die Marionettenbude war die letzte in der Reihe, und dicht daran führte
die breite Promenade, welche sich um die Stadt selber herumzog und
gewöhnlich zu Spazierfahrten der =haute volée= benutzt wurde. Eben jetzt
kam eine Equipage, langsam im Schritt durch die Menschenmenge sich Bahn
suchend, vorüber, und die aus dem Wege Drängenden hemmten jede Passage
in diesem Augenblick so, daß Graf Rottack mit den Seinen stehen bleiben
mußte, um sie erst vorüber zu lassen.
Helene fühlte, wie Felix ihren Arm fest an sich drückte, und von einer
plötzlichen Ahnung ergriffen, flüsterte sie rasch und erschreckt: »Wer
ist das?«"
»Sei stark, mein braves Frauchen, und verrathe keine Bewegung,« ermahnte
sie ihr Gatte, »es sind Monfords!«
»Meine...«
»Bst, mein Schatz,« warnte Felix rasch, »wir können ihnen nicht mehr
ausweichen. Hänge Dich nur fest an meinen Arm.«
Der Wagen hatte sie erreicht und fuhr unmittelbar an ihnen vorüber. Nur
der Graf und die Gräfin saßen im Fond desselben. Er, der Graf, mochte
ein Herr hoch in den Sechzigen sein, mit weißem, vollem Haar und einem
wohlgepflegten Schnurrbart.
Seine Frau, eine Dame von vielleicht einigen vierzig Jahren, stattlich
und vornehm, in eleganter, aber nicht überladener Toilette, während der
Graf selber nur eine Jagdjoppe mit grünem Kragen trug, lehnte nachlässig
neben ihm und betrachtete die an ihrem Wagen vorbeidrängenden Menschen
durch ihre Lorgnette.
Graf Rottack, der noch immer sein kleines Töchterchen auf dem Arm trug,
grüßte, und Helene, die zitternd an seinem Arme hing, verneigte sich
ebenfalls. Graf Monford, den jungen Mann erkennend, dankte freundlich,
während die Gräfin nur eben die Lorgnette von ihrem Auge entfernte und
langsam das Haupt neigte.
Die Gräfin mußte einmal bildschön gewesen sein -- sie war es selbst
jetzt noch und schien das auch zu wissen -- aber der Wagen passirte, und
Graf Rottack, der sich erst umsah, ob er auch die Seinen bei
einander habe, schritt jetzt mit Helenen über die Straße, um aus
dem Menschenschwarm hinaus zu kommen. Dort übergab er sein kleines
Töchterchen der Wärterin.
»Kanntest Du den Herrn?« sagte im Wagen Graf Monford zu seiner Gattin,
als sie vorübergefahren.
»War das nicht der Graf Rottack, der uns einmal vor einiger Zeit
besucht?«
»Ganz recht, mit seiner jungen Frau wahrscheinlich. Er hat sich ja hier
angekauft. Ein hübsches Paar.«
»Aber die Frau scheint sehr kränklich, sie hatte keinen Blutstropfen im
Gesicht.«
»Möglich, vielleicht angegriffen von der Reise. Es kann auch sein, daß
er sie gerade aus Gesundheitsrücksichten hierher gebracht. So viel ich
weiß, ist es eine Amerikanerin.«
»Aus Amerika?«
»Er war ja selber lange dort...«
Die Unterhaltung wurde hier abgebrochen. Die Gräfin hing ihren eigenen
Gedanken nach, und der Graf richtete sich auf, um nach den Pferden zu
sehen, indem das Handpferd vor einem vorüberziehenden Kameel scheute und
nur schwer wieder beruhigt werden konnte.
Sprachlos hing indes Helene an des Gatten Arm und mußte ihre ganze
Geistesstärke zusammennehmen, um der Bewegung Herr zu werden, die sie
beim ersten Anblick der Mutter ergriffen.
»Oh, wie kalt, wie stolz sie aussah!« flüsterte sie endlich leise vor
sich hin.
»Beruhige Dich, mein Herz -- wie bleich Du nur geworden bist -- sei mein
starkes Kind. Es wird ja noch Alles gut werden.«
»Laß mich nur einen Augenblick, Felix!« bat die junge Frau, »es war nur
der erste Moment, die erste Ueberraschung. Sieh', jetzt geht es wieder
besser, ich bin ja nur ein thöricht Kind, daß ich mir über das Aussehen
der stolzen Frau Sorge machen sollte. Konnte sie denn ahnen, wer an
ihrem Wagen stand? Und ihr Antlitz war so lieb und schön -- Du hast
Recht, Felix: es wird noch Alles gut werden.«
Mitten im Weg kam ein kleiner, dicker Herr auf sie zu, der, die Hände
in den Taschen, einen sehr hohen Cylinderhut auf hatte und, obgleich
er sehr anständig und einfach gekleidet ging, doch durch seine
Beweglichkeit, mit welcher er den kleinen, runden Körper schwenkte,
und durch sein entschieden vergnügtes Gesicht Rottack's Auge für einen
Moment auf sich zog. Aber bei solchen Gelegenheiten, wie Jahrmarkt und
Vogelschießen, kommen ja oft gar wunderliche Leute zusammen, und er
wollte eben mit der Gattin vorübergehen, als des Fremden Blick auf sie
fiel.
Merkwürdig war die Veränderung, die da in dessen Zügen vorging. Im
Nu war der kleine vergnügte Mann ganz ernsthaft geworden, ja, sah
ordentlich erstaunt aus, riß aber auch im nächsten Augenblick die rechte
Hand aus der Hosentasche und den Hut vom Kopf, wobei er eine ordentlich
blendende Glatze zeigte, und ging tief grüßend, aber wie verdutzt
vorüber.
Graf Rottack konnte kaum ein Lächeln über den wunderlichen Menschen
unterdrücken, aber er dankte freundlich und schritt jetzt in dem hier
freier werdenden Weg der gar nicht mehr so fern liegenden Wohnung zu.
Auch von Helenens Antlitz war jetzt der Schatten gewichen, der sich über
ihre lieben Züge gelegt, und die Farbe in ihre Wangen zurückgekehrt. Sie
hatte ihr kleines Mädchen, das nicht länger getragen werden wollte, an
die rechte Hand genommen, und die Kleine trippelte munter nebenher und
zeigte mit dem freien Händchen, fortwährend jubelnd, bald da-, bald
dorthin, wo sie etwas Neues und Auffallendes entdeckte.
»Bitte um Entschuldigung,« sagte in diesem Augenblick, dicht an Graf
Rottack's Seite, eine Stimme, und als er den Kopf danach umdrehte,
bemerkte er zu seinem Erstaunen den komischen kleinen Fremden, der
wieder mit entblößtem Kopf neben ihm stand, oder vielmehr neben ihm
herging und, zu ihm aufsehend, fortfuhr: »Ich habe doch das Vergnügen,
den Herrn Grafen Rottack zu begrüßen?«
»Mein Name ist Rottack,« sagte Felix erstaunt, »aber ich weiß nicht...«
»Und kennen Sie mich nicht mehr? Und die Frau Gräfin auch nicht?
Und das?« rief er, indem er seinen Hut wieder aufstülpte, die Füße
auseinander spreizte und beide Hände auf die eingebogenen Kniee drückte
-- »Hurrjeh, das ist schon die kleine Familie?«
»Jeremias!« rief in dem Augenblick erstaunt Helene aus.
»Jeremias, bei Allem, was lebt!« lachte jetzt Rottack gerade hinaus,
indem er dem kleinen, noch vor den Kindern kauernden Mann die Hand
entgegenstreckte. »Mensch, wo kommen Sie auf einmal hergeschneit?«
»Direct von Brumsilien, Herr Graf,« sagte der kleine Mann mit
dem ernsthaftesten Gesicht, indem er sich wieder aufrichtete, die
dargebotene Hand derb und herzlich schüttelte und dann eben so ungenirt
Helenens freundlich gebotene Rechte nahm -- »direct von Santa Clara, aus
dem alten Nest, und wahrhaftig, keinem Menschen auf der Welt hätte ich
lieber begegnen mögen, als Ihnen Beiden! Der Anblick thut kranken Augen
wohl. Und das ist die kleine Familie? Jemine, meine Güte, was für ein
paar Puppen; und so geschwinde!«
Ein Zug von Schmerz war über Helenens Antlitz gezuckt, als der
Anblick des Fremden aus der fernen Colonie ihr rasch wieder schon fast
vergessene trübe Bilder vor die Seele rief; aber wie eine leichte Wolke
strich es darüber hin, und bald lag wieder lichter Sonnenschein auf dem
holden Angesicht.
Sie hatte auch Jeremias immer gern gehabt und wohl gefühlt, daß dem
komischen, hastigen Wesen des Mannes ein guter Kern zu Grunde lag, der
es treu und ehrlich meinte. Rottack selber war aber hoch erfreut, dem
kleinen Manne wieder begegnet zu sein, der ihm Nachricht von vielen
Menschen bringen konnte. Uebrigens sah er recht gut, daß sich Jeremias,
wenn er auch sonst vielleicht noch der Alte geblieben, in seinen
Verhältnissen und seinem ganzen Leben sehr gebessert haben mußte.
Er war nicht allein sehr anständig gekleidet, sondern sah auch adrett
und sauber aus. Er trug keinen Goldschmuck irgend welcher Art an sich,
aber seine Kleider vom besten Tuch, und schneeweiße Wäsche. Nur in die
Glacé-Handschuhe hatten sich die arbeitsharten Hände nicht gewöhnen
können, möglich auch, daß vielleicht keine passende Größe aufzufinden
gewesen, denn im Innern der Hand waren schon beide aufgeplatzt. Aber
seine Bewegungen blieben frei und unbefangen, wie immer.
»Nun sagen Sie mir aber vor allen Dingen, Jeremias,« rief Rottack
endlich, nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen über dieses
plötzliche Begegnen erholt, »wie kommen Sie gerade nach Haßburg? Stammen
Sie aus dieser Gegend, oder hat Sie nur der Zufall hierher geführt?«
»Keins von Beiden,« erwiderte der kleine Mann, der aber sonderbarer
Weise wie etwas verlegen bei der Frage wurde; »das ist übrigens eine
lange Geschichte, Herr Graf, die sich nicht so auf der Straße erzählen
läßt.«
»Dann kommen Sie mit uns, Jeremias,« rief der Graf rasch, »und essen Sie
mit uns -- wir gehen gerade zum Diner!«
»Aber, Herr Graf!« rief Jeremias, ordentlich verblüfft.
»Machen Sie keine Umstände,« lachte Felix, der seelenfroh war, gerade
jetzt etwas zu finden, das Helene zerstreuen und ihr die frohe Laune
wiedergeben konnte; »wir sind ganz unter uns und können da nach
Herzenslust plaudern. Ich habe eine ordentliche Sehnsucht danach, wieder
einmal etwas von Brasilien zu hören.«
»Na, wenn Sie es denn nicht anders haben wollen,« lachte Jeremias, dem
man es aber ansah, wie schmeichelhaft ihm die Auszeichnung war --
»mir kann's recht sein. Jemine, es geht aber doch eigentlich nirgends
curioser zu, als in der Welt!«
»Also Sie kommen mit?« lächelte Helene, die selber schon zu lange in
den transatlantischen Colonien gelebt hatte, um darin etwas
Außerordentliches zu finden, daß ein Mann, der früher sogar in einem
dienenden Verhältnis zu ihnen gestanden, jetzt auch einmal ihr Gast sein
sollte, ja, es drängte sie selber, Neues aus dem alten Leben zu hören,
mit dem sie jetzt freilich vollkommen abgeschlossen.
»Ob ich mitkomme,« lachte aber Jeremias, »mit dem größtmöglichsten
Vergnügen, und die kleine Erbprinzessin werde ich mir indessen
ausbitten,« und damit wollte er das kleine Helenchen von der Erde und
auf den Arm nehmen. Das aber war für Helenchen zu viel Vertraulichkeit
auf einmal -- den fremden Mann kannte sie ja noch gar nicht, und mit
einem: »Du, das darfst Du nicht!« fuhr sie zurück und wehrte ihn mit
ihren kleinen Händchen von sich ab.
»Steckt im Blute,« lächelte Jeremias, während er, den Kopf seitwärts
gehalten, nach ihr hinabsah -- »bin der kleinen Comtesse noch nicht
vorgestellt worden; aber ich weiß, wie man's macht -- bitte, warten
Sie nur einen Augenblick!« und ehe Graf Rottack und Helene nur etwas
entgegnen konnten, drehte er sich ab und schoß mit langen Schritten auf
eine gerade dort gelegene große Conditorei los, in die er eintauchte
und wenige Minuten später wieder mit einer riesigen, goldpapiernen
Zuckerdüte zum Vorschein kam.
»Na, und jetzt, mein gnädiges Fräulein,« rief er, indem er dem lachenden
Kinde die Düte offen hinhielt, »was sagen wir nun? Zugegriffen, versteht
sich -- Kinder sind sich doch alle gleich, allgemeine Menschennatur. Und
jetzt wollen wir zum Essen gehen, wenn die Frau Gräfin nichts dagegen
haben.«
Damit nahm er die Kleine, die es sich, eifrig mit der Düte beschäftigt,
jetzt auch ruhig gefallen ließ, ohne Weiteres auf den Arm und unterhielt
sich, während Felix mit der Gattin voran und ihrem Hause zuschritt,
unterwegs mit der ihm erst erstaunt und dann lachend zuhörenden Bonne.
3.
Das Rendezvous.
Mild und erwärmend lag die Nachmittagssonne auf dem schönen Land und
warf einen ordentlich magischen Schein über die rothblinkenden Stämme
eines Tannenwaldes, der, dunkel und dicht gedrängt, die nächste
Hügelkette deckte, und über das breite, wohlgepflegte Wiesenthal, das
sich am Fuße desselben hinzog. Ein kleiner, schmaler Fluß schlängelte
sich hindurch, helle Weidenbäume mit ihrem graugrünen Laube faßten ihn
ein, während einzelne hochstämmige Erlen mit den knotigen, oft behackten
Stämmen dazwischen standen und malerische Gruppen bildeten. Der
Fluß aber sprang murmelnd und rasch zwischen ihnen hin und warf die
Sonnenstrahlen wie spielend in blitzenden Lichtern zurück.
Seitwärts aber erhob sich ein kleiner, sorgfältig mit Blüthenbüschen
bepflanzter Hügel, aus dessen Strauch- und Baumwerk, von einzelnen
schlanken italienischen Pappeln überragt, die Mauern eines stattlichen
Schlosses oder Herrenhauses hervorleuchteten, während rechts durch einen
tiefen Einschnitt der Hügelkette die Ziegeldächer von Haßburg und der
eine Thurm des Domes sichtbar wurden.
In dem Wiesenthale selber, bald dicht am Ufer des kleinen Flusses, bald
mitten darin, lagen zerstreute Gruppen von Birken, knorrigen Eichen,
Linden und Blutbuchen, als ob sie der Zufall dort hätte keimen lassen.
In der That aber waren sie künstlich angelegt und gepflegt, und dienten
auch nur dazu, um der ganzen Gegend etwas Parkähnliches zu geben, ohne
ihr jedoch den Charakter ihrer ursprünglichen Natürlichkeit zu nehmen.
Der ganze District war auch in der That nur ein erweiterter Theil des
unmittelbar an das Schloß stoßenden Gartens, und ein schmaler, aber
gut gehaltener und mit Kies überstreuter Fahr- und Reitweg lief, den
Windungen des Wassers folgend, auf das Schloß zu. Das Ganze wurde durch
einen leichten, grün angestrichenen Drahtzaun eingeschlossen, der aber
von Weitem gar nicht sichtbar war und dadurch dem Parke nur noch mehr
das Ansehen einer freien Landschaft ließ.
Menschen waren nirgends zu erkennen, nur unten am Fluß, wo das
Hochwasser die Uferbank so ausgewaschen hatte, daß die das Erdreich
zusammenhaltenden Wurzeln einer uralten Erle fast eine Art von Dach
bildeten, kauerte ein Mensch neben einem hier durch die Strömung
gewühlten Wasserloch und angelte.
Ob er ein Recht dazu hatte? Es schien kaum so, denn Alles verrieth weit
eher, daß er sich hier auf verbotenem Grund oder doch jedenfalls bei
einer verbotenen Beschäftigung befand. Er benutzte eine höchst sinnreich
so gefertigte Angelruthe, daß sie, wenn er sie zusammenschob, genau in
seinen alten Eichstock paßte und durch die unten angeschraubte Zwinge
dann vollkommen abgeschlossen und versteckt wurde, und hatte dabei
eine alte, abgenutzte, lederne Jagdtasche umgehängt, in welcher auch
jedenfalls sein übriges Angelgeräth stak, denn draußen war nichts weiter
davon zu bemerken.
Der ganze Bursche sah überhaupt alt und abgenutzt aus. Er trug einen
fadenscheinigen, grauen Rock mit fettigem Kragen, alte lederne Gamaschen
und derbe Schuhe, auf dem Kopfe eine abgegriffene, graue Mütze, und
eine baumwollene Weste, wie sie die ärmsten Bauern zu tragen pflegen. Er
schien dabei auch nicht mehr jung; das unter der Mütze hervorquellende
Haar war, wenn nicht ganz weiß, doch stark gesprenkelt. Nur der
kleine, struppige Schnurrbart, der nicht zu seinem Vortheil Spuren von
Schnupftabak zeigte, war völlig weiß, was sich leider nicht von seiner
Wäsche sagen ließ, und trotzdem sah der Mensch aus, als ob er schon
einmal bessere Tage gesehen hätte, mochte er jetzt auch noch so arg
heruntergekommen sein. Seine Stirn war hoch und gewölbt, und das kleine,
graue, lebendige Auge konnte, wenn es nicht scheu umherblickte, oft
recht trotzig unter den buschigen Brauen hervorleuchten.
In seiner, ob nun hier erlaubten oder verbotenen Kunst schien er
übrigens gar nicht so ungeschickt, denn in der kurzen dort verbrachten
Zeit hatte er schon zwei mehr als halbpfündige Forellen aus dem
fischreichen Strom herausgeworfen, ihnen dann augenblicklich mit einem
alten, abgenutzten, aber haarscharfen Genickfänger den Kopf durchstochen
und sie, also abgeschlachtet, in seinen Ranzen geschoben.
Uebrigens zeigte er wenig Furcht bei seiner Beschäftigung, so versteckt
er sie auch trieb; er qualmte aus einer kleinen, kurzen Pfeife mit einem
Maserkopf und einer Spitze, die jedem andern Menschen das Rauchen hätte
für Lebenszeit verleiden können, und hob nur selten einmal und nur dann,
wenn er wieder einen Fisch gefangen, den Kopf, um über den Wiesenrand in
den Park hinaus zu sehen. Aber er hatte auch einen Wächter.
Oben unter der Erle saß ein kleiner Spitz, so alt und ruppig und grau
gesprenkelt wie sein Herr, ein Auge geschlossen, als ob er auf der Seite
schliefe, während das andere aufmerksam bald da, bald dort hinüberflog,
und so regungslos, als ob er zu den Wurzeln, zwischen denen er kauerte,
gehörte. Der alte Fischer war auch völlig unbesorgt, denn er wußte recht
gut, daß ihm das kleine pfiffige Thier das Nahen irgend eines Menschen
augenblicklich anzeigen würde -- war es doch darauf dressirt.
Uebrigens hatte der Alte ein Recht, sich hier im Park aufzuhalten, denn
sein angebliches Geschäft war, die Maulwürfe aus den Wiesen wegzufangen,
worin er eine ganz besondere Geschicklichkeit besaß. Auch in der Gegend,
in welcher er seit etwa drei Jahren sein Wesen trieb, war er bekannt
genug, und das Volk nannte ihn kurzweg den »Maulwurfsfänger«. Sodann
führte er auch Gift für Ratten und Mäuse bei sich, wußte Mittel gegen
jedes andere Ungeziefer, und die Bauern in der Umgegend ließen es sich
außerdem nicht nehmen, daß er »mehr verstehe, als Brod essen«, das
heißt, daß er auch mit übernatürlichen Dingen Gemeinschaft pflege und
in einer Anzahl von »schwarzen Künsten« erfahren sei, die er, wenn er
wolle, sowohl zum Nutzen wie zum Schaden seiner Mitmenschen benutzen
könne.
Der gräfliche Revierförster, welcher den Maulwurfsfänger vielleicht
schon deshalb haßte, weil ihn dieser immer spöttisch »Herr College«
nannte, kam der Sache jedenfalls näher, wenn er den Menschen für einen
ganz durchtriebenen Burschen hielt, der sich eben so wenig ein Gewissen
daraus gemacht hätte, eine Schlinge für einen Maulwurf wie für einen
Hasen oder für ein Reh zu legen; wenigstens hatte er schon einige von
diesen angetroffen, ohne aber je dem Thäter auf die Spur zu kommen. War
es der »alte Fritz«, wie der Bursche in der Nachbarschaft allgemein mit
seinem Vornamen hieß, wirklich gewesen, so wußte er es viel zu schlau
anzustellen, als sich von einem der Beamten erwischen zu lassen, und da
man ihm in der That keine ungesetzliche Handlung nachweisen konnte,
gab Graf Monford, dem diese Besitzung gehörte, auch dem Drängen
seines Försters nicht nach, dem verdächtigen Gesellen das Betreten des
herrschaftlichen Bodens zu verbieten. Er solle nur ordentlich aufpassen,
erwiderte er stets dem Förster, und wenn er ihn je einmal ertappe, sei
es noch immer Zeit ihn fortzujagen, früher nicht.
Eine Stunde mochte der Mann etwa so unter der alten Erle gesessen
und geangelt haben, und hatte eben wieder einen starken Fisch
herausgebracht, als der Spitz oben leise knurrte.
»Bravo, mein Hundchen,« lachte der Alte vor sich hin, »und gerade zur
rechten Zeit, denn dem Platz hier muß ich doch jetzt ein paar Tage Ruhe
geben.«
Mit diesen Worten schlachtete er seine zappelnde Beute ab, schob sie zu
den Uebrigen in den Ranzen, vertilgte dann rasch soviel als möglich alle
Spuren, die da unten seine Beschäftigung hätten verrathen können, und
richtete sich vorsichtig in die Höhe. Er brauchte auch nicht lange umher
zu suchen, von welcher Seite Jemand nahe, denn der Kopf seines klugen
Hundes gab ihm dafür die genaue Richtung an, und dort hinüber sehend,
erkannte er bald, daß er von _diesem_ Störenfried nichts zu fürchten
habe.
Es war ein sehr elegant, fast etwas auffällig gekleideter Herr,
eine Persönlichkeit wie aus einem Modejournal herausgeschnitten, mit
sorgfältig gepflegten Locken, kleinem, sehr zierlichem Schnurrbart,
Glanzstiefeln, kurz Allem, was dazu gehört. Was sich aber nicht gehörte,
war, daß er nicht auf dem Wege her, wo die Thür lag, sondern quer über
die Wiese kam, also jedenfalls über den Drahtzaun gestiegen sein mußte.
Eben so wenig schien er auf einem gleichgültigen Spaziergang begriffen,
sondern weit eher Jemanden zu suchen oder zu erwarten. Dem schlauen
Maulwurfsfänger konnte es wenigstens nicht entgehen, daß er sich
vorsichtig nach allen Seiten umsah und seine Richtung so über die Wiese
nahm, um fortwährend durch die Büsche und Baumgruppen gegen einen Blick
von den oberen Schloßfenstern gedeckt zu bleiben.
»Spitz, komm 'runter,« flüsterte der Alte jetzt seinem Hunde zu, denn
er hatte seinen Plan geändert, das Versteck zu verlassen, und schien vor
der Hand einmal abwarten zu wollen, was der fremde Herr hier im Schilde
führe. Möglich auch, daß er selber nicht von ihm gesehen zu werden und
deshalb nur noch seine Zeit abzupassen wünschte, um ihn erst hinter die
eine oder die andere Baumgruppe zu lassen -- und doch war wohl hier nur
sehr wenig Gefahr vorhanden, daß der feine Stutzer ihn verrathen oder
selbst nur ahnen konnte, was er da getrieben.
Der Spitz gehorchte übrigens augenblicklich. Wie ein Fuchs drückte
er sich auf den Boden und kroch dicht an den Wurzeln der Erle hin bis
hinter den Stamm, von wo er auf das unmittelbare Flußufer hinabsprang.
Hier allerdings schnüffelte er erst einmal nach den, wenn auch
vertilgten Blutspuren der abgeschlachteten Fische hin; dann drehte er
sich ein paar Mal im Sande herum, bis er die richtige Stellung gefunden
hatte, und legte sich zusammengerollt ruhig nieder. Er wußte, daß seine
Dienste vor der Hand nicht weiter in Anspruch genommen wurden.
Der Maulwurfsfänger hatte indessen, ohne weitere Notiz von seinem Hund
zu nehmen -- das Kinn auf die zusammengestellten Fäuste gestützt --
die Bewegungen des Nahenden über die Uferbank hin eine ganze Weile
beobachtet. Er wußte dabei recht gut, daß er selber nicht gesehen werden
konnte, denn seine graue Mütze und sein graues Haar verschwanden auf die
Entfernung völlig in der Erdfarbe des Bodens. Plötzlich aber stahl sich
ein grimmes Lächeln über seine Züge, denn vom Schloß herunter entdeckte
er durch die Büsche ein lichtes Frauenkleid, das mit dem Besuche
augenscheinlich in Zusammenhang stand.
Der Alte hatte nun allerdings vortreffliche Augen, schien sich aber hier
doch nicht allein auf diese verlassen zu wollen, sondern griff in die
Brusttasche und holte von dort ein kleines Teleskop hervor, das er
auseinander zog und auf die nahende Dame richtete. Nur wenige Secunden
sah er aber aufmerksam hindurch, als er auch schon leise vor sich hin
pfiff und dann lachend murmelte:
»Sieh, sieh, sieh, Comtesse Paula, auch schon auf der Jagd, und noch
dazu, wie es scheint, auf verbotenem Wilddiebstahl -- was man doch nicht
Alles erlebt, wenn man alt wird! Und wer zum Henker ist denn nur der
feine Herr, der nicht offen in's Schloß kommen darf, sondern hinten
herum über die Zäune steigen muß, um von der verbotenen Frucht zu
naschen? Hm, das Gesicht kenne ich nicht,« setzte er leise hinzu, als er
das Glas dort hinüber gerichtet hatte. »Geschniegelt und gebügelt genug
sieht er aus, um da oben hinein in die Gesellschaft zu passen, mit
goldenen Ketten und Ringen und allem möglichen Firlefanz; wird ihm aber
wohl am Besten fehlen, am alten Adel. Ja, mein Schatz, da mußt Du Dir
freilich die Graupen nach der jungen Gräfin Monford vergehen lassen,
oder...«
Er brach kurz ab, drehte sich um, kauerte sich wieder am Wasser nieder
und starrte wie in alte Erinnerungen versunken auf die blitzende Fläche,
aber ein höhnisches, ordentlich unheimliches Lächeln zuckte um seine
Lippen.
»Puh,« sagte er endlich und blies den Qualm seiner Pfeife in einer
dichten Wolke von sich, »es giebt nichts Neues mehr auf der Welt, Alles
schon da gewesen, Alles; wird ordentlich langweilig, hier oben noch
länger herum zu trampen. Komm, Spitz, wir wollen machen, daß wir nach
Hause kommen, was geht's uns Beide an?«
Damit schob er seine Angelruthe wieder sorgfältig zusammen und schraubte
die Zwinge fest. Der Spitz hatte sich aufgerichtet und benutzte die ihm
gegönnte freie Zeit, um sich erst hier unten am Wasser noch ein paar
übrige Flöhe abzukratzen. Sein Herr sah indessen noch einmal über die
Uferbank, ohne jedoch das Teleskop mehr zu Hülfe zu nehmen.
Die jungen Leute hatten sich richtig gefunden; die Dame lehnte im Arm
des Fremden, das Haupt an seiner Brust, und während er sie mit dem
rechten Arm unterstützte, führte er sie auf einem der kleinen Pfade hin,
die sich durch die verschiedenen Baumgruppen schlängelten. Dort drinnen
ließ sich von hier aus nicht einmal mehr das lichte Kleid der Dame
erkennen, und der Maulwurfsfänger faßte ohne Weiteres seinen daran schon
gewöhnten Hund auf, hob ihn in die Höhe, warf ihn auf die Uferbank und
kletterte ihm dann selber nach, um in die Stadt, wo er seine Wohnung
hatte, zurückzukehren.
Er hielt aber dabei eben so wenig den Pfad, wie der junge Herr vorher,
sondern schlenderte, von dem Hunde gefolgt, der Schwanz und Ohren hängen
ließ, als ob er nicht Drei zählen könnte, quer über die Wiese, und zwar
gerade dem Bosquet zu, in welchem die beiden Liebenden verschwunden
waren. Er that das aber nicht etwa aus Neugierde, sondern sein nächster
Weg lag gerade dort hindurch, und er hielt sich auch nicht einmal mehr
im Gehen auf. Nur den Blick warf er, auch mehr aus alter Gewohnheit,
suchend umher; aber von dem Pärchen war nichts mehr zu erkennen, und
bald darauf betrat er wieder die Wiese, die ihn unten am Schloßberg hin
zu dem Hauptfahrweg führte.
Kurz vorher, ehe er diesen erreichte, bemerkte er die gräfliche
Equipage, welche aus der Stadt heraufgefahren kam. Er blieb oben auf
dem etwas höheren Rasenrand stehen und zog, während wieder das alte
spöttische Lächeln um seine Lippen zuckte, mit fast übertriebener
Ehrfurcht die Mütze vor den Herrschaften.
Der Graf, ohne mehr als einen flüchtigen Blick nach ihm hinüber zu
werfen, dankte durch ein leises Kopfnicken; die Gräfin beachtete ihn gar
nicht.
»Ganz unterthänigster und gehorsamster Diener, meine verehrten
gräflichen Herrschaften,« spottete indeß der Maulwurfsfänger hinter
ihnen her und hielt noch immer die abgezogene Mütze in der Hand;
»wünsche eine recht angenehme Fahrt und besonders viel Glück zu dem
neuen geheimnißvollen Schwiegersohn des edlen, unbefleckten gräflichen
Stammbaumes! Hahahahaha,« lachte er dann toll und lustig auf, indem
er die Mütze wieder auf den Kopf stülpte, »ob es denn nicht rein zum
Todtschießen ist, wenn man die hochnasige Grethe da im Wagen sitzen
sieht und dann zurückdenkt, wie -- hei, lustig, Maulwurfsfänger,
Kammerjäger! heute wollen wir da unten auch eine gräfliche Mahlzeit
halten, zur Erinnerung an die alten Zeiten, und auf die Gesundheit
des fidelen Brautpaares eine Flasche guten Weins leeren; habe so lange
keinen gekostet -- hurrah!«
Damit faßte er seinen durch die Fische beschwerten Ranzen mit der linken
Hand, sprang auf den Fahrweg und verfolgte von jetzt an rasch seinen Weg
nach Haßburg hinab. --
»Und so lange habe ich Deine süßen, lieben Augen nicht küssen dürfen,
meine Paula,« klagte indessen der junge Mann, den der Maulwurfsfänger in
den Park hatte schleichen sehen, indem er das junge, schüchterne Mädchen
an sich zog und wieder und wieder ihre Stirn und Augen küßte.
»Ach, Rudolph,« seufzte Paula, die immer noch scheu den Blick umherwarf,
ob sie nicht von irgend einem Lauscher bemerkt werden könnten, »nur auf
Minuten war ich im Stande, mich wegzustehlen, denn Du glaubst nicht,
wie mich diese alte, häßliche Gouvernante, die sie jetzt
meine Gesellschafterin nennen, quält und peinigt. Eine schöne
Gesellschafterin, nicht einmal Raum, an Dich zu denken, läßt sie mir den
langen Tag mit ihren ewigen Gesprächen und Büchern, mit ihrer Musik und
ihren alten, langweiligen Classikern.«
»Mein armes, armes Kind!« rief Rudolph feurig aus; »aber die Zeit
wird ja auch kommen, wo wir uns vor der Welt angehören dürfen, Deine
Eltern...«
»Ach, Rudolph,« seufzte das arme Mädchen unter Thränen, »hoffe nicht auf
die; nur eine Andeutung machte ich neulich, daß ich glaubte, ich könne
auch mit einem Manne glücklich werden, der von geringerem Stande sei,
als ich, und meine Mutter gerieth außer sich -- ich fürchte Alles!«
»Und ich fürchte nichts,« rief der junge Mann, eigentlich mit etwas zu
viel Pathos, »nichts, als die Grenzen Deiner Liebe; laß auch Hindernisse
wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und
darüber hin in Louisens Arme fliegen!«
»In Louisens?« sagte das junge Mädchen erschreckt.
»In Deine, mein Herz,« lächelte ihr Geliebter; »kennst Du die wunderbar
schöne Stelle aus Kabale und Liebe denn nicht?«
»Ach, Rudolph, mir ist das Herz so schwer; was kann ich gegen den Willen
der Eltern thun?«
»Ha, laß doch sehen,« declamirte Rudolph weiter, »ob ihr Adelsbrief
älter ist, als der Riß zum unendlichen Weltall; wer kann den Bund zweier
Herzen lösen oder die Töne eines Accords auseinander reißen!«
»Aber Du weißt nicht, Rudolph, wie entsetzlich streng die Eltern sein
können, wo es, wie sie glauben, die Ehre ihres Hauses gilt; mein Wort
verhallt da ohne Klang.«
»So flieh mit mir, Geliebte,« drängte Jener; »was nützt uns Glanz und
Pracht, wenn unsere Herzen verbluten? Meine Kunst ernährt uns, wohin
wir den Fuß wenden. Dem Namen Handor jauchzt die ganze Künstlerwelt
entgegen, und frei und glücklich leben wir den Musen, der Liebe...«
»Ach, Rudolph, ich soll die Mutter, soll den Vater verlassen?«
»Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, gebietet Dir
selber die heilige Schrift.«
»Mein armer Vater!«
»Er wird seine Härte bereuen, wenn er sieht, welche ruhmvolle Laufbahn
Du gewählt, und erweicht, gerührt Dich an sein Herz zurückrufen.«
»Er wird mir fluchen!«
»Gut, so bleib,« sagte Rudolph resignirt, indem er den Arm wie abwehrend
gegen sie ausstreckte, »bleib Deine Lebenszeit ein Sclave jener
alternden Vorurtheile und Formen; folge der Hand, die Dich erbarmungslos
zur Schlachtbank führt -- Dein Rudolph kann entsagen --
»Wie konnte solch ein Glück auch mir beschieden,
Vom Himmel mir gegönnt sein -- mir, dem ja
Das Schicksal von der Wiege jede Freude
Verbittert und vergiftet! Dem der Becher,
Zum Trunk gehoben schon, von durst'ger Lippe
So oft und oft gerissen wurde! Geh --
Geh -- geh, Zuleima -- glücklich wirst Du sein,
Und ich? -- Für mich kein Glück -- für mich ein Grab!«
Und wie verzweifelnd barg er das Antlitz in den Händen.
»Rudolph, Rudolph, oh, nicht so, Du weißt ja, daß Du mir das Herz mit
solchen Reden brichst; thu es nicht, thu es nicht!«
»Aber welcher Ausgang bleibt mir, als der Tod? Du weißt, daß ich nicht
ohne Dich leben kann, weißt, daß ich verderben und untergehen müßte,
wenn nicht Dein reines Herz mich an dieses Leben fesselt! Aber was
kümmert das Dich,« setzte er bitter hinzu, »Du folgst Deinem Vater,
Deiner Mutter; der arme Rudolph mag zu Grunde gehen, er ist ja doch nur
ein Schauspieler.«
»Und habe ich das um Dich verdient, Rudolph?« sagte Paula mit leisem
Vorwurf im Ton, während sie ihr schmerzbewegtes Antlitz zu ihm emporhob.
»Habe ich Dir nicht wieder und wieder bewiesen, wie meine ganze Seele
nur an Dir hängt, wie ich kein Glück, keine Seligkeit auf dieser Welt
kenne, als nur Dich?«
»Und doch willst Du mir entsagen,« erwiderte der junge Mann schmerzvoll,
»doch hältst Du es für möglich, daß Du entsagen kannst, während mir
schon bei dem bloßen Gedanken daran das Blut zu Eis gerinnt, und meine
Pulse aufhören zu schlagen?«
»Laß mir Zeit zum Denken, Rudolph,« bat das arme Kind, »habe Nachsicht
mit meiner Schwäche, wenn ich einen Augenblick schwanken und zaudern
konnte. Sieh, noch ist es ja auch nicht so weit, noch ist es ja möglich,
daß ich der Eltern Herz zum Besten wende; ich will es wenigstens
versuchen, ich will Alles thun, was in meinen Kräften steht, um einen
Schritt zu vermeiden, der ja doch mein ganzes künftiges Leben, selbst an
Deiner Seite, mit einem Vorwurf belasten müßte.«
»Und wenn Alles fehlschlägt?«
»Ich bin Dein, Rudolph, Dein für alle Zeiten,« rief Paula, »Gott sei
mir gnädig, aber ich kann nicht anders; was da auch kommen möge, welche
Prüfung mir der Himmel auch auferlegt, ich fühle es, daß die Liebe zu
Dir stärker ist als alles Andere!«
»Mein Mädchen, mein süßes Leben,« rief Handor, »jetzt bricht auf's Neue
ein Strahl der Hoffnung in mein zerrissenes Herz; aber sie werden Dich
zwingen wollen!«
»Der Gewalt setz' ich Gewalt entgegen,« rief Paula leidenschaftlich,
»treiben sie mich zum Aeußersten, so fallen die Folgen auch auf ihr
Haupt zurück; Gott hätte diese Liebe zu Dir nicht in mein Herz gelegt,
Rudolph, wenn sie nicht göttlich wäre, und seiner Weisung will ich
folgen. Aber ich muß jetzt fort.«
»Und kann ich nie
Ein Stündchen ruhig Dir am Busen hängen
Und Brust an Brust und Seel' in Seele drängen?«
klagte Rudolph, Göthe's »Faust« citirend.
»Ich darf nicht länger bleiben,« sagte Paula, »ja, ich fürchte, daß
meine Eltern schon zurück sind und nach mir gefragt haben.«
»Und wann sehe ich Dich wieder?«
Paula zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Wir dürfen nicht so oft
zusammen kommen,« sagte sie endlich. »Du glaubst nicht, wie viel Augen
uns bewachen. Aber es ist doch vielleicht nöthig, daß ich Dir morgen
Nachricht gebe; so sei denn morgen Abend -- morgen Abend ist kein
Theater, nicht wahr?«
»Nein, mein Herz, ich habe den Tag und Abend frei.«
»Gut denn, so sei morgen Abend an der bewußten Stelle neben dem alten
Wartthurm. Es ist möglich, daß ich selber Zeit finde, einen Moment
dorthin zu kommen, wo nicht, findest Du einen Zettel an dem bestimmten
Platz.«
»Tausend Dank, mein süßes Leben!« rief Rudolph leidenschaftlich, indem
er sie umschlang und wieder und wieder küßte. Sie gab sich seinen
Liebkosungen auch für wenige Secunden hin, dann aber machte sie sich
leise von ihm los.
»Lebe wohl, Rudolph, lebe wohl!« rief sie ihm zu, drückte noch einen
Kuß auf seine Lippen und floh dann wie ein gescheuchtes Reh den Busch
entlang, um erst weiter oben den Pfad wieder zu erreichen, von wo sie
nachher langsam, wie von einem Spaziergang kommend, nach dem Schloß
zurückkehren konnte.
»Himmlisches Mädchen,« sagte Rudolph, der stehen geblieben war und
ihr mit einem behaglichen Lächeln nachgesehen hatte, »lauter Feuer
und Gluth, eine lebendige Julia! Und der Alte? Bah, er wird eine Weile
wüthen und Rache schnauben, daß die Comtesse mit einem Komödianten
durchgegangen, und zuletzt bleibt es immer die alte Geschichte. Was
will er denn machen? Es ist die einzige Tochter, und wenn ihm der
Schwiegersohn auch gerade nicht genehm sein mag, muß er doch schon gute
Miene zum bösen Spiel machen -- der alte adelsstolze Narr der.«
Und sich erst vergnügt und selbstzufrieden die Hände reibend -- von
seiner vorigen Verzweiflung war keine Spur mehr zu entdecken --, griff
er seinen kleinen Spazierstock wieder vom Boden auf, schlenderte langsam
nach dem nächsten Weg hinaus, blieb hier noch einmal stehen, um sich
erst mit seinem Taschentuch die in dem trocknen Laub und Sand staubig
gewordenen Glanzstiefeln zu säubern, und schlug dann dieselbe Richtung
wieder ein, von der er vorher gekommen und wo er mit einem kleinen Umweg
das Schloß und dessen nächste Umgebung vermied, um von dort ungesehen in
die Stadt zurückzukehren.
4.
Die gräfliche Familie.
Die Equipage des Grafen Monford fuhr indessen langsam den sogenannten
»Schloßberg« hinauf, denn der Graf hielt außerordentlich auf seine
Pferde und litt nie, daß sie nutzlos angestrengt wurden, strafte auch
nichts härter, als einen Verstoß gegen die darüber erlassenen Befehle.
Der leichte Wagen knirschte über den hier reichlich ausgestreuten Kies,
und der Weg zog sich bis zur Treppe des Herrenhauses durch einen wahren
Flor von in voller Blüthe stehendem Hollunder, Goldregen, Akazien und
Schneeballen hin, während die Front des ganzen Gebäudes mit allen nur
erdenklichen Topfgewächsen so reich geschmückt war, daß selbst die
breite, kunstvoll gearbeitete Marmortreppe, die zu dem Gartensalon und
Empfangszimmer hinauf führte, einem vollblühenden Garten glich und
den Duft ihrer Blumen durch die geöffneten Fenster in alle Räume des
Schlosses sandte.
Und alle Räume waren so reich als geschmackvoll ausgestattet, denn
Graf Monford besaß ein bedeutendes Vermögen und hatte auf seinen
weiten Reisen gelernt, sich die Bequemlichkeiten und den Luxus aller
Himmelsstriche anzueignen, ohne dabei sein Haus zu überladen. Die
kostbarsten Gemälde, die herrlichsten Statuen und Statuetten schmückten
die Zimmer, aber wo sie standen, schien es auch, als ob sie fehlen
würden, wenn man sie weggenommen hätte.
Eine zahlreiche Dienerschaft füllte dabei das Haus -- Graf Monford hatte
früher auf von seinem Vater ererbten Besitzungen in Westindien gelebt
und sich daran gewöhnt, eine Masse von Dienstleuten um sich zu haben
-- und herrliche Pferde standen in den Ställen, die sich, mit weiten
Rasengründen für die Fohlen, eine ganze Strecke in den Park hineinzogen.
Als er ausgestiegen war, blieb er auch noch eine Weile (während seine
Gemahlin nach oben ging, um Toilette zum Diner zu machen, und der
Bediente eine Anzahl aus der Stadt mitgebrachter Pakete aus dem Wagen
nahm) auf der Treppe stehen, um indessen seine beiden Goldfüchse zu
betrachten, die, ungeduldig über den Aufenthalt, die schönen Köpfe auf
und nieder warfen.
»Der Soliman scheut noch immer,« sagte er dabei, während sein prüfender
Blick über die Thiere glitt und den Kutscher besorgt machte, daß
er etwas Ungehöriges daran entdecke, -- »daß wir ihm das gar nicht
abgewöhnen können.«
»Er ist lammfromm geworden, Herr Graf,« erwiderte aber der Mann, indem
er mit dem Ende der Peitsche langsam eine Stechfliege vom Halse des
besprochenen Thieres zu entfernen suchte -- »aber die fremden Beester
jetzt in der Stadt, da scheut beinahe jedes Pferd.«
Der Graf nickte und betrat dann den mit feinen indischen Matten belegten
Marmorboden des untern Saales, während der Kutscher, da Alles aus
dem Wagen entfernt war, leise mit der Zunge schnalzte und nach den
Stallgebäuden hinüberfuhr.
Im Salon war Graf Monford sonst gewöhnt, daß ihm seine Tochter
entgegenkam. Er traf heute nur ihre Gesellschafterin, Mademoiselle
Beautemps, eine ausgetrocknete Französin, sehr elegant gekleidet, aber
mit einem etwas verbissenen Zug um die dünnen Lippen und sehr steifer,
selbstbewußter Haltung.
»Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Ich war eben im Begriff, sie zu suchen, Herr Graf,« erwiderte die Dame.
»Sie ist in den Park spazieren gegangen, ohne mir ein Wort davon zu
sagen.«
»Das wäre freilich unverantwortlich,« entgegnete Graf Monford, während
es wie ein leises, halb spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte,
»besonders wenn man bedenkt, daß das Kind erst siebzehn Jahre alt
ist und wahrscheinlich im nächsten Jahre heirathen wird. Hat sie ihre
Kammerjungfer mit?«
»Sie ist vollständig allein gegangen.«
»Vollständig allein? So -- nun, sie weiß, daß wir um fünf Uhr diniren,
und wird zur rechten Zeit zurück sein.«
»Aber nicht einmal Zeit behalten, ihre Toilette zu machen. Wenn mir der
Herr Graf erlauben...«
»Sie werden sie dann verfehlen und ebenfalls das Diner versäumen. Sie
wird schon kommen« -- und damit schritt er in sein Zimmer hinüber, das
zu ebener Erde lag.
Mademoiselle Beautemps biß sich auf die Lippen, antwortete aber
nur, sich ihrer Stellung und Würde bewußt, durch eine sehr förmliche
Verbeugung, die der alte Herr nicht einmal bemerkte, und trat dann
auf die Treppe hinaus, um die Ankunft ihres ungehorsamen Zöglings mit
anscheinender Geduld, bei der sie aber in innerlichem Aerger fortwährend
in raschem Tacte die Marmorplatten mit dem Fuß schlug, zu erwarten.
Ein Reiter kam den Weg heraufgesprengt, hielt an der Treppe, sprang
aus dem Sattel, warf die Zügel seines warm gewordenen Thieres dem ihm
folgenden Reitknecht zu, und war dann in wenigen Sätzen oben bei der
Gouvernante.
»Ah, guten Morgen, Mademoiselle -- Karl, reib das Pferd gut ab, und daß
dann der Fingal gesattelt wird -- ich reite nach dem Diner gleich wieder
in die Stadt zurück. -- Wo ist Paula, Mademoiselle?«
»Thut mir leid, Ihnen keine Auskunft geben zu können, Herr Graf,« sagte
die Dame achselzuckend; »die Comtesse scheint die Zügel der Regierung
selber in die Hand nehmen zu wollen.«
»Durchgebrannt?« lachte der junge Mann, indem er seine Handschuhe auszog
und in den Reitrock steckte. »Die Eltern sind aber zu Hause, wie
ich sehe,« setzte er mit einem Blick auf die Wagenspuren hinzu, »und
wahrhaftig, gleich fünf Uhr -- alle Wetter, da habe ich keine Zeit
mehr zu verlieren!« und rasch sprang er in das Haus und in sein eigenes
Zimmer hinauf.
Mademoiselle Beautemps hatte wenigstens die Genugthuung, nicht länger
auf die Folter gespannt zu sein, denn in diesem Augenblick kam auch die
Comtesse aus dem Park herauf. Sie mußte scharf gegangen sein, denn sie
sah erregt aus.
»Aber, Comtesse, ich bitte Sie um Gottes willen, wo haben Sie gesteckt?
Kann man denn nicht auf einen Augenblick den Rücken wenden!«
»Sind die Eltern schon da?«
»Schon lange, es wird gleich servirt werden. Und wie sehen Sie aus! Mit
der Frisur können Sie gar nicht bei Tafel erscheinen! Wo waren Sie?«
»Im Park. Ist George auch schon da?«
»Alle -- es wird den Augenblick dinirt. Ich muß wirklich in Zukunft
bitten...«
Paula ließ sie gar nicht ausreden. An ihr vorüber huschte sie durch den
Saal in ihr eigenes kleines Boudoir, wo Bertha, ihre Kammerjungfer, sie
schon erwartete, und als Mademoiselle Beautemps, damit nicht zufrieden,
sich das Wort abgeschnitten zu sehen, ihr dahin folgen wollte, um ihre
Ermahnung und Strafpredigt zu beenden, hatte die sorgsame Zofe schon den
Riegel vorgeschoben. Es wurde Niemand mehr eingelassen.
Paula brauchte aber für ihre Toilette außerordentlich wenig Zeit; das
volle, herrliche Haar fiel fast von selbst in seine natürlichen Locken,
und noch ehe die Gräfin Mutter den Speisesaal betrat, wo in diesem
Augenblick gerade die Suppe aufgetragen wurde, war sie dort.
Ihr Bruder stand schon am Fenster und blätterte in einem Haufen von
Zeitungen.
»Ah, da bist Du ja!« rief er ihr entgegen. »Sag', Schatz,« flüsterte er
dann, »hat Dir Papa schon etwas mitgetheilt?«
»Mir, George?« fragte Paula erstaunt -- »was soll er mir mitgetheilt
haben? Ich weiß von nichts!«
»Nun, dann kommt es noch,« lächelte George, ihr freundlich zunickend.
»Apropos, Paula, gehst Du Dienstag mit in's Theater? Die Räuber werden
gegeben. Handor ist famos als Karl Moor.«
»Ich weiß es nicht,« sagte Paula erröthend, »wenn es Papa erlaubt...«
»Hoffentlich nicht, Comtesse,« bemerkte hier die Gesellschafterin, die
gerade zur rechten Zeit in den Saal getreten war, um die Frage zu hören;
»denn mit _meiner_ Zustimmung besuchen Sie das Theater nicht so oft. Es
ist ein Tempel des Lasters, in dem junge Mädchen eigentlich gar nichts
zu suchen haben.«
»Mademoiselle!« wollte George gereizt ausfahren, als sich die
Thür öffnete und die Eltern erschienen. Die Unterhaltung war damit
abgebrochen.
»George -- ah, da bist Du ja, Paula! Hast Du einen Spaziergang gemacht,
mein Kind?«
»Mein lieber Vater...«
»Schon gut, Du bist ja noch zur rechten Zeit eingetroffen. Höre, George,
Du hast Deinen Rappen wieder tüchtig warm geritten. Wenn Du meinem Rath
folgst, schonst Du das Pferd.«
»Ich hatte mich verspätet, Papa, und ließ ihn nur ein wenig austraben.
Heute Nachmittag nehme ich den Weißfuß.«
»Du willst wieder fort?«
»Ich habe mich zu einer Partie Whist bei Boltens engagirt und vorher
noch Einiges zu besorgen.«
»Setzen wir uns.«
Das Diner wurde gewöhnlich schweigend verzehrt, da es Graf Monford nicht
liebte, sich in Gegenwart der Diener zu unterhalten. Nur vollkommen
gleichgültige Dinge durften besprochen werden, und selbst diese so kurz
als möglich, und doch hätte George gar zu gern schon während der Tafel
von dem Theater angefangen, das er leidenschaftlich gern besuchte.
Aber es ging eben nicht, denn er wußte im Voraus, daß er entweder keine
Antwort oder gar einen Verweis bekommen hätte.
George war das treue Abbild seiner Schwester, nur etwa zwei oder
drei Jahre älter als sie, aber mit denselben edlen und offenen
Zügen, denselben kastanienbraunen Augen, aber fast schon ein wenig
zu selbstständig für seine Jahre, wozu denn freilich die Erziehung im
elterlichen Hause Vieles beigetragen.
Als junger Bursche und noch unter einem Hofmeister wurde er mit
eiserner, nachsichtsloser Strenge bis zu dem Augenblick behandelt, wo
er zur Universität abging, und dort plötzlich und mit einem Schlag
sein eigener, freier Herr war. Natürlich wußte er die ihm so rasch und
unerwartet gekommene Freiheit nicht immer nur zu gebrauchen, sondern
mißbrauchte sie auch nicht selten.
Dazu kam, daß Graf und Gräfin Monford sich Jahre lang auf Reisen
befanden, wo denn die Kinder auch nur auf fremde Menschen angewiesen
blieben und ihre Eltern nicht einmal zu sehen bekamen, und mit der
ganzen vorangegangenen Erziehung konnte es kaum anders geschehen, als
daß sich beide Theile mehr und mehr entfremdet werden mußten.
Graf und Gräfin Monford hatten in der That keine Kosten und Mühen
gescheut, um ihre Kinder Alles lernen zu lassen, was sie in ihren
Bereich bringen konnten, aber sie machten ein sehr großes Haus, und nur
zu oft ist es ja in solchen »großen Häusern« leider der Fall, daß die
gesellschaftlichen Pflichten den elterlichen vorgezogen werden oder,
wie man sich einredet, vorgezogen werden müssen. Man hat Rücksichten zu
nehmen (wie die Entschuldigungen heißen), überdies zuverlässige
Leute daheim, denen man die Kinder recht gut anvertrauen kann. Eine
Gesellschaft jagt dann die andere, einmal daheim oder auch außer dem
Hause, von allen aber sind die Kinder ausgeschlossen, und ihre kurze
Jugendzeit vergeht, ohne daß sie sich erinnern, der Mutter mehr als ein-
oder zweimal auf dem Schooß gesessen zu haben.
Aber ein Kind will nicht allein Pflege -- die kann ihm jeder gemiethete
und gute Dienstbote geben -- es will auch Liebe, und wenn ihm die
entzogen wird, so wächst es auch wohl ohne sie frisch und kräftig auf,
aber in seinem Herzen bleibt ein leerer, öder Raum, den es sich selber
dann oft mit verderblichen Stoffen füllt. Unter der Obhut Fremder
aufgewachsen, hatten sie allerdings vor den Eltern, denen sie erst
herangewachsen näher traten, eine gewaltige Ehrfurcht gehabt, aber
sie kannten kein anderes Gefühl und hielten diese Ehrfurcht für Liebe,
während die Eltern stolz, recht stolz auf ihre Kinder waren und auch
diesen Stolz für Liebe nahmen. So täuschten sich beide Theile über
ihre Gefühle, und auch die Welt, und doch waren beide Kinder von Herzen
seelensgut und brav, und auch die Eltern fest überzeugt, Alles für sie
gethan zu haben, was in ihren Kräften stand, um vollen Anspruch auf ihre
Dankbarkeit zu haben.
Die Liebe aber, die den beiden Geschwistern durch ihre Eltern mehr
unbewußt als absichtlich entzogen worden, brachten sie dafür einander
selber in desto reicherem Maße zu. Mit unendlicher Zärtlichkeit hingen
beide an einander, ob auch ihre Charaktere noch so verschieden sein
mochten.
Paula, von zartem Körperbau, mit vieler Phantasie begabt, neigte
mehr zur Schwärmerei. Sie las viel und, leider, unter Anleitung
der Französin, nicht immer recht passende Bücher; sie liebte dabei
leidenschaftlich das Theater und konnte sich durch irgend ein gegebenes
Schau- oder Trauerspiel so aufregen lassen, daß sie halbe Nächte lang
ihre Kissen mit Thränen netzte. Unglücklicher Weise fand sie dabei in
der Familie, der sie, während die Eltern auf Reisen gewesen, zur Obhut
übergeben worden, nur zu viel Nahrung, denn diese hatte ein kleines
Liebhabertheater in ihrer eigenen Wohnung errichtet, verkehrte viel mit
Künstlern und fachte dadurch den Funken, der in Paula's Herzen glimmte,
zur lichten Flamme an.
Das Technische in der Aufführung bei den kleinen, dort gegebenen Stücken
hatte man nämlich nicht gut bewältigen können oder es auch vielleicht
für zu mühsam gehalten. Ein geschickter Leiter wurde für nothwendig
erachtet, und dort hatte Paula Handor kennen lernen.
George seinerseits war nichts weniger als ein Schwärmer und hing viel
mehr dem Realistischen an. Er liebte wohl auch das Theater, weil es ihm
Unterhaltung bot, ohne daß er sich aber sonst auch nur mit einer Faser
seines Herzens dazu hingezogen fühlte. Weit mehr beschäftigten ihn
die seinem Stande auch angemesseneren ritterlichen Uebungen. Er war ein
perfecter, tollkühner Reiter, ein eifriger und für sein Alter recht
guter Jäger, besonders ein sicherer Schütze, und wenn er nebenbei auch
etwas Musik und Malerei trieb und mit Vergnügen ein gutes Buch las,
hatte er doch keinen rechten Trieb dafür. Er verstand etwas von Jedem,
ohne es in irgend einer Sache zur Vollkommenheit zu bringen, und da er
das selber fühlte, verlor er auch bald die Lust daran.
Auch an dem Liebhaber-Theater hatte er sich anfangs mit großer Lust
betheiligt und vielen Eifer dabei gezeigt, aber es ermüdete ihn doch
bald, wie er denn nie lange an einer Sache Vergnügen fand, und als Ende
März die Auerhahnbalz begann, gab er es vollständig auf und fuhr lieber
Nachts hinauf in den Wald, um Morgens um zwei oder drei Uhr an Ort und
Stelle auf dem Balzplatz zu sein.
Durch das Liebhaber-Theater war er aber selber mit einigen Künstlern
bekannt geworden. Deren freies, offenes Wesen sagte ihm zu, denn im
Umgang mit ihnen brauchte er sich keinen Zwang anzuthun, und sein
leicht empfänglicher Geist fand, was ihm in seinen gewöhnlichen Kreisen
gründlich fehlte: Anregung und Befriedigung. Mit einem Worte, er
fühlte sich unter den Künstlern und in ihrem freien Verkehr wohler
und behaglicher, als in den steifen, aber allerdings sehr vornehmen
Gesellschaften, in denen er sonst heimisch war oder doch heimisch sein
sollte.
Auch zu Hause war ihm der lästige Formenzwang zu unbequem. Er hatte
oft davon gehört und gelesen, was für ein mächtiger Zauber in dem einen
kleinen Worte »daheim« liege und wie die eigene Heimath uns das Liebste
und Theuerste auf der Welt sein sollte; aber mitgefühlt hatte er das
noch nie und hielt es, mit anderen Ueberschwänglichkeiten, für eine
Licenz der Dichter, die vollkommen berechtigt wären, sich irgend einen
Punkt der Welt zu einem kleinen Paradiese auszumalen, ob sie dazu nun
ein beliebiges Feenreich oder eine menschliche Wohnung wählten.
Viel Ruhe hatte er deshalb auch zu Hause nicht, ja, er plauderte wohl
gern einmal ein halb Stündchen mit der Schwester und wußte, daß er
die gehörigen Formen der Tischzeit einhalten mußte, wenn er nicht eben
draußen auf der Jagd war oder eine andere Einladung angenommen und sich
daheim formell abgemeldet hatte -- sonst fesselte ihn nichts an das
Vaterhaus.
Die Tafel war beendet und der Kaffee im Nebenzimmer servirt worden.
Dorthin folgte er den Eltern, und seinen Arm um Paula's Taille legend,
drückte er einen Kuß auf ihre Wange.
»Aber was hast Du nur, George?«
»Nichts, mein Herz,« lächelte der Bruder, »ausgenommen so viel zu thun,
daß ich kaum weiß, wo ich anfangen soll.«
»Du?«
George nickte ihr zu und wollte das Zimmer verlassen.
»Du willst wieder fort, George?« sagte die Mutter.
»Ja, Mama -- heut Abend sehen wir uns doch bei Boltens; nicht wahr, Ihr
kommt auch hin?«
»Ich weiß es noch nicht, mein Sohn,« erwiderte die Gräfin -- »ich habe
etwas Kopfschmerz -- aber vielleicht doch.«
»Du bist gar nicht mehr zu Hause, George,« bemerkte der Vater, »man
bekommt Dich wirklich nur noch beim Essen zu sehen.«
»Ja, bester Vater,« lachte George, »ich habe jetzt drei Pferde
zuzureiten, und das kann ich doch nicht hier im Park thun. Der Fingal
macht mir am meisten zu schaffen.«
»Aber es ist ein vortreffliches Pferd,« nickte der Vater, »Du hast da
einen guten Kauf gemacht, halte ihn nur auch gut.«
»Wie meinen Augapfel, Papa,« lachte der junge Mann. »Also auf
Wiedersehen in der Stadt!« und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Paula blieb mit ihren Eltern allein im Zimmer, denn Mademoiselle
Beautemps trank keinen Kaffee und benutzte diese kurze Zeit stets, um
in ihrem Zimmer ein Viertelstündchen Siesta zu halten, worin sie Paula
niemals störte. Sie wollte jetzt ebenfalls das kleine, freundliche
Gemach verlassen, als der Vater, der mit auf den Rücken gelegten Händen
auf und ab gegangen war, leise sagte:
»Paula!«
»Mein Vater!«
»Ich und Deine Mutter möchten ein paar Worte mit Dir reden.«
»Mit mir, Vater?«
»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, indem er vor ihr stehen blieb, ihr
leise mit der rechten Hand das Kinn emporhob und freundlich fortfuhr:
»Sieh, mein Schatz, Du bist nun schon vor zwei Monaten siebzehn Jahre
alt geworden und -- eben kein Kind mehr...«
»Mademoiselle Beautemps betrachtet mich aber noch als ein solches,«
sagte fast unbewußt Paula, denn ein schmerzhaftes, gleichsam eisiges
Gefühl schnürte ihr in dem Augenblick beinahe die Brust zusammen. Sie
ahnte, was folgen würde.
»Mademoiselle Beautemps...« sagte der Vater rasch, brach aber kurz ab,
hustete und lächelte still vor sich hin. »Nun, Du wirst nicht mehr lange
mit ihr geplagt werden, Kind,« fügte er dann mit trockenem Humor hinzu,
»und was ich eben jetzt mit Dir reden wollte -- das heißt ich und Deine
Mutter --, soll gerade dazu dienen, Dich von ihr frei zu machen.«
»Mein lieber Vater!« flüsterte Paula und warf einen Blick nach der
Mutter hinüber, die am Fenster stand, mit einer kleinen Scheere ein paar
abgeblühte Rosen von einem Stock schnitt und die Blätter hinausstreute.
»Verstehst Du, was ich meine?«
»Nein, mein Vater,« hauchte das junge Mädchen.
»Und doch siehst Du beinahe so aus, als ob Du es verständest,« lächelte
der alte Herr. »Aber ich will mich kurz fassen, mein Kind, denn große
Umschweife sind unter uns ja doch nicht nöthig. Ich frage Dich also
geradeheraus, mein Herz, hast Du noch nicht daran gedacht, Dir einen
Lebensgefährten auszusuchen?«
»Mein lieber, lieber Vater!«
»Aber, George,« sagte die Gräfin kopfschüttelnd, »Du fällst doch auch
wohl da ein klein wenig zu sehr mit der Thür in's Haus. Das ist kaum
eine discrete Frage für ein junges Mädchen, die das überhaupt auch wohl
ihren Eltern überlassen wird.«
»Ich weiß nun gerade nicht,« lächelte der alte Herr, »ob Paula damit
so recht einverstanden sein würde. Aber eben weil ich glaube, daß sich
unsere Gedanken auf halbem Wege begegnen, habe ich so direct gefragt,
denn ich bin überzeugt, ich schieße nicht weit vorbei, wenn ich
vermuthe, daß Du den jungen Grafen Bolten gern hast -- wie, Schatz?
Er ist wenigstens auf allen Bällen Dein unermüdlicher Tänzer, und das
Vielliebchen, das Du neulich mit ihm gegessen -- nun, Du brauchst nicht
bis hinter die Ohren roth zu werden, meine Puppe -- wir sind Alle nicht
besser gewesen, als wir jung waren.«
Ueber Paula's Stirn und Wangen hatte sich allerdings im ersten
Augenblick tiefe Röthe ergossen, im nächsten Moment aber schon schoß
das Blut wie in einem Strom zum Herzen zurück und ließ ihr Antlitz
todtenbleich, während sie leise, aber fest sagte: »Du irrst Dich, Vater,
-- ich liebe den jungen Grafen nicht.«
»Nicht?«
»Du liebst ihn nicht?« wiederholte aber auch die Mutter und drehte sich
rasch und wie erstaunt der Tochter zu. »Und das sagt das Mädchen mit
einer solchen Bestimmtheit, als ob damit die ganze Sache abgemacht und
beseitigt wäre.«
»Der Vater hat mich gefragt, Mama, und er verlangt ja doch Wahrheit von
mir.«
»Das allerdings, mein Herz,« sagte der alte Herr ruhig, während sein
Blick forschend an dem Antlitz der Tochter hing, »die verlangt er in der
That -- aber kannst Du mir einen Grund angeben?«
»Und wäre es Liebe, Vater, wenn man einen Grund dafür nennen könnte?«
»Hm,« sagte der alte Herr, dadurch selber in Verlegenheit gebracht, »Du
scheinst Nutzen aus Deiner Lectüre gezogen zu haben, mein Töchterchen.
Die Sache ist denn aber doch zu ernsthafter Natur, um ihr durch ein
Wortspiel auszuweichen; so höre denn, was ich Dir darüber zu sagen habe.
Ueber die Familie Bolten selber brauchte ich kein Wort zu verlieren; wir
haben sie Alle gern und sind lange, lange Jahre damit befreundet -- wie
geachtet und geschätzt sie im ganzen Lande sind, weißt Du außerdem,
und unser alter Name braucht sich wahrlich nicht zu schämen, neben dem
ihrigen genannt zu werden. Hubert ist dabei ein junger, liebenswürdiger
Mensch, talentvoll, gutmüthig, ein bischen aufbrausend zwar, aber das
wird sich mit den Jahren geben, und außerdem der einzige Sohn. Daß er
Dich gern hatte, habe ich -- und ich muß gestehen, zu meiner Freude
-- schon seit längerer Zeit bemerkt; daß Du ihm nicht abgeneigt warst,
konnte Jeder sehen, der Euch ein paar Mal zusammen beobachtet hat. Dazu
kommt, mein liebes Kind, daß uns Beide, Deine Mutter und mich, diese
Verbindung mit dem Bolten'schen Hause glücklich machen würde, und
ich bin überzeugt, daß alles dies zusammen genommen, wenn Du es Dir
überlegst, Deinen Entschluß bestimmen muß. Ich brauche Dir nur noch zu
sagen, daß heute Morgen, als wir in der Stadt waren, der alte Graf bei
mir förmlich um Dich für seinen Sohn angehalten hat, und ich hoffe, wir
können ihm heut Abend eine gute Antwort mit hineinnehmen -- wie, mein
Schatz?«
»Mein lieber Vater, ich -- ich bin noch so jung!«
»Darin hast Du Recht, und das habe ich meinem Freunde Bolten selbst
entgegnet; er sieht das auch vollkommen ein, und Du sollst nicht
gedrängt werden. Wir haben deshalb Beide ausgemacht, daß die Trauung
nicht früher als an Deinem achtzehnten Geburtstage stattfindet; um uns
aber das Glück unserer Kinder zu sichern, wollen wir die Verlobung am
nächsten Freitag hier bei uns feiern, wozu uns Deine gütige Mama einen
kleinen Ball arrangiren wird -- bist Du damit einverstanden?«
»Dränge sie nicht zu sehr, George,« sagte jetzt die Mutter freundlicher,
als sie bis dahin gesprochen. »Ihr Männer seid Euch darin doch alle
gleich, das folgt Schlag auf Schlag, und da soll das arme Kind auf jede
Frage auch augenblicklich antworten! Versteht sich, wird sie wollen,
aber Du siehst doch, daß sie jetzt bald roth, bald blaß wird -- laß ihr
doch nur Zeit, erst Athem zu holen!«
»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Paula und warf sich, von ihren
Gefühlen überwältigt, an der Mutter Brust.
»Aber, =ma fille!=« sagte sie, sich rasch und erschreckt losmachend --
»komm, mein Herz, komm, wozu diese Aufregung -- Du weißt, Kind, wie
das immer meine Nerven angreift, und mein Kopf schmerzt mich überhaupt
heute.«
»Aber ich liebe ihn nicht, Mama!« bat Paula in Todesangst. »Der junge
Graf ist ein braver, lieber Mensch, aber -- aber...«
»Aber, mein Kind?« fragte die Mutter streng.
»Er -- er paßt nicht für mich -- er -- hat für nichts Sinn, als für
seine Pferde und Gewehre -- er haßt Musik und Bücher -- er...«
»Lauter Verbrechen, nicht wahr?« lächelte die Mutter spöttisch -- »und
kann er deshalb nicht ein guter Ehemann werden?«
»Und soll das Herz denn gar keine Stimme haben, Mama?« flüsterte das
arme, gequälte Mädchen -- »soll denn nur immer todter Rang und Reichthum
Verbindungen schließen und Menschen auf ewig an einander ketten, die
sich ohne diese nie gefunden oder nur gesucht hätten?«
»Todter Rang und Reichthum, meine Tochter?« sagte der Vater ernst --
»ich glaube, Du solltest uns dankbar dafür sein, daß wir Dir die Dir
gebührenden Vorrechte auch erhalten und verwahren, Du wirst doch nicht
glauben, daß ich Dich je unter Deinem Stande verheirathen würde?«
»Willst Du mich nicht glücklich sehen, Papa?« fragte Paula herzlich.
»Gewiß, mein Kind, das ist mein heißester Wunsch,« erwiderte der Vater,
»aber eben deshalb muß ich jetzt über Dich wachen, daß Dich Dein leicht
erregtes Herz nicht zu einem Schritt hinführt, den Du später schwer
bereuen und dann sicher unglücklich dadurch werden würdest. Aber wie
ich Dir schulde, für Dein Glück zu sorgen, so schuldest Du auch uns, die
Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten, und wer Dir dabei am besten
rathen kann, sind denn doch wohl Deine Eltern selber.«
»Und wenn ich vorher wüßte, daß ich unglücklich werden würde?«
»Paula,« sagte der Vater ernst, »ich bitte Dich, nur jetzt, wo es
sich um Deine ganze Zukunft handelt, Deine überspannten Romane und
phantastischen Ideen aus dem Spiel zu lassen! Du hast uns schon neulich
einmal so eine Andeutung gemacht, daß Du Dich an der Seite des ärmsten
Mannes glücklich fühlen könntest, wenn »Eure Seelen«, wie Du Dich
beliebtest auszudrücken, mit einander harmonirten. Es ist der alte
Unsinn mit »eine Hütte und ihr Herz«, der so lange stichhaltig bleibt,
bis das Herz eben in die Hütte hineinziehen soll und die Räumlichkeit
dann überall zu beengt findet. Glaube mir, mein Kind, solche Ideen sehen
sehr hübsch auf dem Papier aus und lassen sich vortrefflich bei einer
warmen, mondhellen Nacht durchschwärmen, aber sie gleichen jenen
wunderbar schillernden Quallen, die an der Oberfläche der See
herumschwimmen und von Weitem einen prachtvollen Anblick gewähren,
nimmt man sie aber in die Hand, so bleibt nichts übrig, als eine graue,
schlammige Blase, die man mit Ekel wieder von sich wirft. »Gleich und
Gleich gesellt sich gern!« ist ein altes, gutes und wahres Sprüchwort,
und wir finden das in der Natur bestätigt, wohin wir blicken. Ein Adler
könnte sich da eben so wenig daran gewöhnen, einen Bund für das Leben
mit einem Truthahn zu schließen und von Körnern und Kartoffelschalen zu
leben, weil ihre Seelen vielleicht sympathisiren -- es geht eben nicht,
und die Grafentochter würde sich elend und unglücklich fühlen, wenn sie
aus der gewohnten Sphäre niedersteigen und in einer Hütte leben sollte.
Das sind eben jugendliche Träume, die ich auch nicht zu hoch anschlage
und deshalb gern verzeihe. Nun sei aber vernünftig, mein Töchterchen,
Du bist alt genug dazu. Wir haben eine Wahl für Dich getroffen, die Dein
Herz nur mit Freude und Dankbarkeit gegen uns erfüllen kann, also füge
Dich dem; denn Du weißt auch, daß Deine Eltern nie ihre Einwilligung zu
einer Verbindung unter Deinem Range geben würden, solltest Du wirklich
je thöricht genug sein, selber an etwas Derartiges ernsthaft zu denken.«
»Mein Vater...«
»Laß nur sein, mein Kind -- ich wußte ja, daß mein gutes Töchterchen
nicht den Lieblingsplan ihrer Eltern kreuzen würde; also werde ich
das Weitere schon selber mit Boltens in Ordnung bringen. Du darfst Dir
indessen immer Deinen Ballstaat zurecht machen,« setzte er lächelnd
hinzu, indem er ihr leise das Kinn emporhob und einen Kuß auf ihre Stirn
drückte, »und daß wir nachher ein recht munteres, fröhliches Bräutchen
haben, davon bin ich überzeugt...«
Ein Diener öffnete in diesem Augenblick die Thür und meldete, in steifer
Haltung an der Schwelle stellen bleibend: »Baronesse von Halldorf läßt
fragen, ob es der gnädigen Herrschaft genehm wäre...«
»Wird uns sehr angenehm sein,« sagte die Gräfin, die froh war, einen
Vorwand gefunden zu haben, das Gespräch abzubrechen -- »aber, Schatz, Du
hast ganz rothe Augen bekommen -- geh auf Dein Zimmer und bade sie ein
wenig mit Rosenwasser, wir erwarten Dich dann unten.«
Der Besuch mußte empfangen werden, und die arme Paula, das Herz zum
Brechen schwer, zog sich auf ihr Zimmer zurück, schob den Riegel hinter
sich vor und sank auf das Sopha.
»Kein Mitleid mit den Gefühlen ihres eigenen Kindes,« flüsterte sie
dabei -- »keine Frage selber danach, ob dieses Herz schon gewählt, schon
entschieden haben könnte -- nichts, nichts als der leere, hohle
Schein, als Stand und Rang und Reichthum -- oh, ich bin recht, recht
unglücklich!« und still weinend barg sie ihr Antlitz in den Händen.
5.
Paradies und Hölle.
In der Schloßgasse zu Haßburg -- denn die alte Stadt, welche in
längstvergangenen Zeiten einmal der Sitz eines Erzbischofs gewesen,
hatte die verschiedenen Benennungen aus ihrer Glanzperiode noch
getreulich aufbewahrt -- stand ein nicht sehr großes, aber wunderlich
verziertes Gebäude. Es war massiv, aus dunkelgrauem, halbverwittertem
Sandstein aufgeführt und mit einer wahren Verschwendung von
Steinhauerarbeit bis unter den Giebel hinauf bedeckt.
Was die zahllosen Gruppen, Bilder und Arabesken daran alle bedeuten
sollten, wäre wohl schwer zu entziffern gewesen -- möglich, daß selbst
die Urheber derselben keine rechte Idee davon gehabt. Deutlich erkennbar
war aber noch eine ordentliche Legion von dicken, pausbackigen Engeln
mit Posaunen und sonstigen Instrumenten, die jeden nur einigermaßen
benutzbaren Raum ausfüllten und den obern Theil des Hauses vollständig
bedeckten, während zwei sehr durch die Zeit und Sturm und Wetter
mißhandelte Riesen, die zwischen Drachenköpfen und Ungeheuerschwänzen
ihren Platz behaupteten, das Portal zu tragen schienen.
Und bunt und prächtig genug mußte das Haus ausgesehen haben, als es aus
der Hand des Künstlers frisch hervorging. Noch jetzt ließen sich nämlich
an einigen geschützten und tiefer liegenden Stellen Spuren von früherer
Vergoldung und Malerei erkennen, mit denen besonders die Instrumente der
Engel geglänzt und geschimmert haben mochten.
An eine Renovation dieser geschwundenen Pracht hatte freilich Niemand
gedacht. Das Haus gerieth in die Hände einer Familie, die seine Lage für
eine Wirthschaft passend fand, da es dem Theater schräg gegenüber
und auch in der Nähe des Domes wie des Rathhauses stand, und der neue
Eigenthümer, mit einer unbestimmten Ahnung, daß die vielen Engel wohl
eine Andeutung der künftigen Seligkeit selber sein könnten, nannte seine
Wirthschaft drinnen nach den Sinnbildern draußen »Zum Paradies«.
Der Mann verdiente viel Geld damit, und als er älter und ihm das
Geräusch und die eigene Unbequemlichkeit eines solchen Lebens zu
groß wurde, ließ er die Wirthschaft eingehen, den obern Stock zu
Familienwohnungen einrichten und behielt nur die unteren Räumlichkeiten
mit den Kellern für sich, in welchen er eine ganz vortreffliche
Weinstube etablirte.
Der alte Trauvest war von jeher ein ausgezeichneter Weinkenner gewesen
und hatte immer etwas auf ein gutes Getränk gehalten. Seine Weinstube
bekam deshalb bald einen Namen und die in Haßburg ansässigen »Künstler«,
lustiges, luftiges Volk, das solche Plätze immer am besten aufzustöbern
weiß, erwählte den Ort zu seiner Künstlerkneipe, wozu ihnen der Wirth,
damit sie nicht mit dem gewöhnlichen trocknen Pfahlbürger und Stammgast
Einen Tisch zu besetzen brauchten, ein kleines besonderes Käfterchen
hübsch einrichten und sogar mit Eichenholz austäfeln ließ. Der und Jener
»stiftete« dann auch noch bald einen alten, wunderlich geschnitzten
Schrank, bald ein paar antike Sessel, hundertjährige Pocale und
Deckelkrüge, alte Waffen und Rüstungen, kurz, was in der Art
aufzutreiben war, hinein, so daß sich der kleine, malerisch geschmückte
Raum bald in ein ordentliches Raritäten-Cabinet verwandelte.
Das Haus wurde zuletzt wirklich dadurch berühmt, und kein Fremder
besuchte Haßburg, der sich nicht bemüht hätte, auch die Künstlerkneipe
im »Paradies«, die das lustige Völkchen dem Namen des Gebäudes gerade
entgegen »Die Hölle« taufte, kennen zu lernen.
Zu den Künstlern: Maler, Bildhauer und Schriftsteller, die sich in
Haßburg aufhielten, fühlten sich aber auch die Schauspieler hingezogen.
Der gute Wein hatte sie schon lange in das »Paradies« geführt, die
bessere Gesellschaft lockte sie aus dem »Paradies« in die »Hölle«, und
von den Künstlern wurden sie, als einer freien Kunst angehörend, auch
mit offenen Armen empfangen.
Der Schauspieler ist überhaupt der beste Gesellschafter in der Welt
und steht ja auch mit allen anderen Künstlern in nächster und innigster
Beziehung. Wie der Maler, muß er Charaktere studiren, um sie wahr
und treu, nicht auf der Leinwand, sondern im wirklich lebendigen
Bild wiederzugeben. Mit dem Dichter muß er fühlen, empfinden und sich
begeistern, und alles das in rasch wechselnden Gestalten, Schlag
auf Schlag, und Triumph oder Niederlage bringt ihm schon der nächste
Augenblick, der nächste Abend.
Alle anderen Künstler schaffen nicht allein für ihre Zeit, nein, sie
haben die Hoffnung, daß auch noch spätere Geschlechter sich ihrer Werke
freuen mögen und ihr Name noch genannt wird, wenn sie schon
selbst dahingegangen. Nicht so der Schauspieler, der, nur auf den
augenblicklichen Erfolg angewiesen, auch nur für diesen wirkt und
schafft. Der Beifall des Publikums, das ihn selber hört und sieht, ist
seine Belohnung; dieser strebt er nach, und ist ihm die gesichert, dann
geht er freudig und vertrauensvoll an's nächste Werk.
Dieser Erfolg des Augenblickes übt aber auch natürlich auf sein ganzes
Leben entschiedenen Einfluß, denn er verwächst mit ihm und theilt sich
seinem ganzen Charakter mit; die Vergangenheit existirt nicht für
ihn, was anders ist sie auch, als eine abgespielte Komödie -- und die
Zukunft? Eine neue brillante Rolle kann ihm die rosig genug gestalten,
weshalb sich jetzt schon Sorgen darüber machen? Noch läuft sein
Contract, das Publikum liebt ihn, oder -- hat sich an ihn gewöhnt, und
was die sonstigen kleinen Leiden und Aergernisse betrifft, die nun
einmal als Salz und Würze unseres ganzen Lebens dienen müssen, ei, die
hat er reichlich in vermutheten Intriguen der Intendanz oder der eigenen
Collegen, oder in boshaften Recensionen eines nicht gehörig honorirten
Theaterkritikers -- was will er mehr?
Leichtes Blut schwimmt oben, leichtes Blut gehört zu seiner ganzen
Existenz, und gerade dieser, in den meisten Fällen liebenswürdige
leichte Sinn läßt ihn das Leben an seiner lichten Seite fassen und ihm
Alles abgewinnen, was eben daraus zu gewinnen ist.
Gute und vielbeschäftigte Schauspieler und Schauspielerinnen -- während
Sänger und Sängerinnen -- mit wenigen Ausnahmen -- nur ihre Noten
studiren und sich verwünscht wenig um Text, Sujet oder Charakter ihrer
Rolle kümmern -- müssen auch gebildete Menschen sein, und sind es
fast stets. Sie haben dabei die Form des Umganges vollständig in ihrer
Gewalt, sie müssen verstehen, sich in allen Kreisen des Lebens zu
bewegen, und verstehen es, und mit einem gewissen Instinct, der sie
alles Steife und Langweilige vermeiden läßt, bringen sie bald Leben in
jeden Cirkel, den sie besuchen.
Es ist mit Einem Wort ein frohes, glückliches Völkchen, und wer in ihrer
Mitte nicht warm wird und seinen im gewöhnlichen Leben noch ängstlich
gepflegten Zopf auf kurze Zeit vergißt, den kann man ruhig aufgeben.
Er ist für die Gesellschaft verloren und paßt nur noch für
»Gesellschaften«.
Es läßt sich denken, daß auch in der »Hölle« ein munterer Ton herrschte,
wie denn auch vor Allem hier die Regel galt, nichts, und wäre es der
bitterste Scherz gewesen, übel zu nehmen. Schon über der Thür stand auch
auf einer großen, schwarzen Tafel mit dicken, goldenen, altdeutschen
Buchstaben der etwas ungelenke Vers:
Wer hier in diese Stuben kombt ein,
Laß allen Aerger und Hader daheim.
Und gerade dieses =laisser aller= der Gesellschaft hatte manche junge
Leute aus Kreisen, die sonst nicht gern ein »bürgerliches Wirthshaus«
besuchen, veranlaßt, dann und wann hier vorzusprechen und sich ein
Stündlein unter den Künstlern, unter denen sie immer einzelne Bekannte
fanden, zu amüsiren. Besonders waren einige Artillerie-Officiere, die
selber zeichneten und malten, regelmäßige Besucher der »Hölle« geworden
und zogen dann wieder Andere nach.
So hatte sich denn auch am heutigen Abend, während vorn in der Weinstube
die steiferen Bürger, Beamten und Professoren saßen, in der »Hölle«
ein lustiges Völkchen zusammengefunden, das dem guten Weine des alten
Trauvest wacker zusprach. Vom Theater schien aber nur das Schauspiel
vertreten, da heute eine Oper gegeben wurde; sonst saß aber eine
gemischte Gesellschaft in Uniformen, Sammetröcken und Joppen um den
langen Tisch, und das Gespräch hatte sich gerade um einen Wein gedreht,
den ihnen Trauvest als Markobrunner vorgesetzt und den ein Hauptmann von
Seidlitz für Deidesheimer erklärte, so daß schon eine Wette angeboten
und acceptirt war.
»Wo nur Handor heute bleibt?« rief Höfken, der das Fach der
Charakterrollen am Theater bekleidete; »der hat die beste Zunge von uns
Allen, und seinem Urtheil füge ich mich.«
»Topp, angenommen!« rief der Gegenpart.
»Handor muß etwas auf dem Strich haben,« meinte Berthel, der
Heldenvater; »er geht mir schon seit etwa fünf Wochen mit einer Sorgfalt
gekleidet...«
»Bah,« rief einer der Maler, »als erster Liebhaber muß er auf seine
Toilette halten; er gilt ja bei der ganzen schönen Welt von Haßburg für
das Modejournal der Stadt.«
»Ach was da, Modejournal,« knurrte Pfeffer, der unten am Tische bei
einer halben Flasche Wein saß, »Schulden sind's, und damit er den Leuten
Sand in die Augen streut, hängt er den Plunder um sich her; Esel, wenn
sie sich davon blenden lassen.«
»Nein, Höfken hat Recht,« rief aber auch Berthel, »es muß etwas Anderes
dahinter stecken -- Schulden, bah! Wenn ein Mensch erst einmal so viel
Schulden hat, daß er doch ganz gewiß weiß, er kann sie nicht bezahlen,
dann machen sie ihm auch keine Sorgen mehr, und so steht's mit Handor.
Nein, bei dem spukt etwas Anderes, und ich bezahlte wahrhaftig...«
»Eine Flasche Champagner, Kellner,« rief in diesem Augenblick eine
laute, fröhliche Stimme, und als sich Alle danach wandten, stand Handor,
der eben genannte erste Liebhaber, in der geöffneten Thür; »aber wohl
in Eis, verstanden?« setzte er rasch hinzu, »oder auch gleich zwei, drei
Flaschen, mein Junge, denn ich bin schmählich durstig heut Abend und
schmählich vergnügt -- Guten Abend, meine Herren!«
»He, Handor, beim Zeus! Junge, wo kommst Du her? Eben sprachen wir von
Dir; wo bist Du gewesen?«
»Im Himmel, Kinder, im siebenten Himmel,« rief der junge Mann, indem er
Hut und Stock an einen Nagel hing und dann einen Stuhl neben dem etwas
zur Seite rückenden Höfken nahm, »direct aus den himmlischen Sphären
stieg ich nieder in die »Hölle«, und nur der himmlische Trank kann mir
Ersatz für das Verlorene geben.«
»Pff,« zischte Pfeffer durch die Zähne, »_den_ Himmel, in dem der
gesteckt hat, kenn' ich.«
»Alle Wetter, Handor,« lachte aber auch der Maler, »Sie scheinen heute
Ihren splendiden Tag zu haben!«
»So lang der Wirth nur weiter borgt,
Sind wir vergnügt und unbesorgt!«
citirte Pfeffer.
»=Vive la bagatelle!=« rief aber Handor, ein ihm gereichtes Glas auf
einen Zug leerend.
»Halt,« sagte Höfken »hier gilt es eine Wette; da, Handor, ehe Du uns
Dein Abenteuer erzählst, sag' uns einmal, was für Wein das ist.«
»Und wer hat Dir gesagt, daß ich Euch überhaupt mein Abenteuer erzählen
werde?«
»Als ob der schweigen könnte,« lachte ein Anderer; »hast Du wieder
bei Deiner jungen Putzmacherin geschwärmt oder bei der dicken
Banquierstochter, oder gar mit der kleinen Jüdin den Romeo gelesen? Der
Mensch hat, bei Gott, ein Glück, um das man ihn beneiden könnte.«
»Thorheiten!« lachte Handor verächtlich; »welchen Wein meint Ihr?«
»Hier dieses Glas; aber jetzt koste vorsichtig, es gilt eine Wette.«
»Gebt mir vorher ein Stück Brod.«
Das Verlangte wurde gebracht, und während jetzt Handor den Wein mit
Kennermiene prüfte und kostete, herrschte lautlose Stille in dem kleinen
Raum. Trauvest, der gerade in die Thür trat, blieb auf der Schwelle
stehen.
»Nun, wo ist der gewachsen?«
Handor kostete noch einmal. »Rüdesheimer Berg,« sagte er dann.
»Rüdesheimer?«
Handor nickte.
»Meine Herren,« sagte Trauvest, »ich muß Ihnen mittheilen, daß ich
gestern zwei Fässer Wein, eins mit Markobrunner und eins mit Rüdesheimer
Berg, habe abziehen lassen, und wie ich eben von meinem Küfer höre, hat
er beim Siegeln den Lack verwechselt, was schuld an dem Irrthum ist;
Herr Handor hat Recht, es ist allerdings Rüdesheimer Berg.«
»Alle Wetter,« rief Hauptmann von Seidlitz, »die Zunge muß Handor viel
Geld gekostet haben!«
»Oder anderen Leuten,« meinte Pfeffer.
»Allen Respect übrigens vor Ihrer Zunge, Herr Handor,« fuhr Trauvest
fort, »und wenn Sie das Theater aufgeben wollten, möchte ich Sie wohl
als Reisenden engagiren; Sie sollten ganz vortreffliche Provisionen
bekommen.«
»Herzlichen Dank, lieber Trauvest,« lachte der erste Liebhaber, »bin
von Ihrer Güte überzeugt, befinde mich aber doch jetzt noch besser so.
Sollte ich aber wirklich einmal in den Fall kommen...«
»Dann wenden Sie sich nur an mich, ich halte mein Wort,« nickte der alte
Mann.
»Apropos, Handor,« rief der Maler Arnold, der ihm gegenüber saß, »haben
Sie schon die schöne Fremde gesehen, welche heute angekommen ist, die
Gräfin Rottack? Die Familie ist hier nach Haßburg übergesiedelt.«
»Nein,« rief Handor; »ist sie hübsch?«
»Bildschön,« versicherte Arnold ganz in Feuer. »Sie wurde mir heute
unter den Buden gezeigt, wo sie mit ihrem Manne und den Kindern
spazieren ging; ein reizendes Wesen mit einem von den Gesichtern, die
der liebe Gott nur wenig Begünstigten mitgegeben, und denen man auf den
ersten Blick gut sein muß. Und was für wunderbar goldenes Haar sie hat!
Ich bin ihnen eine Weile nachgegangen, nur um die Sonne auf dem Haar
blitzen und leuchten zu sehen.«
»Meiner Seel',« rief Pfeffer »wenn Sie so entzückt von rothen Haaren
sind, weshalb malen Sie denn nicht einmal meine Schwester, die Bassini?
Die brennt.«
Alle lachten.
»Der Pfeffer ist doch ein ganz nichtsnutziger Patron, nicht einmal seine
eigene, leibliche Schwester kann er ungeschoren lassen,« rief Berthel.
»Bah, ungeschoren,« sagte Pfeffer, »sie trägt eine Perrücke!«
»Lassen Sie mir die Bassini in Ruhe!« rief Höfken dazwischen; »das
ist eine ganz brave Person, wenn sie auch sonst vielleicht ihre
Wunderlichkeiten hat. Und wie ordentlich und ehrlich bringt sie sich mit
ihrer kleinen Gage durch, daß sie nicht einen Pfennig Schulden in der
Stadt hat!«
»Das kann Handor auch von sich sagen,« meinte Pfeffer.
»Ich wollte, es wäre wahr, Pfeffer,« bemerkte Trauvest trocken, und ein
tolles Gelächter brach von allen Seiten los.
»Lacht nur,« sagte aber der erste Liebhaber, während sich ein
spöttischer Zug um seine Lippen legte; »wir wollen aber einmal sehen,
wer von uns hier heute über vier Wochen die wenigsten Schulden haben
wird, Ihr oder ich.«
»Du hast wohl in die Lotterie gesetzt?« fragte Höfken.
»Nein, er heirathet eine Gouvernante und wird Gouverneur,« meinte
Pfeffer.
»Thorheit,« rief Handor, »da kommt der Champagner, und nun Gläser her
und ein volles Glas _den schönsten Augen_!«
Für den Augenblick war jedes weitere Gespräch gestört, denn das
Einschenken, Anstoßen und Trinken beschäftigte die Anwesenden so
vollkommen, daß sie nicht einmal den Eintritt eines neuen Gastes
bemerkten.
Es war der junge Graf Monford, der gar nicht etwa so selten die
Künstlerkneipe besuchte, weil er dort immer sicher war, gute
Gesellschaft zu finden.
»Nun mußt Du uns aber auch Deine schönsten Augen nennen, Handor,« rief
Höfken ihm zu, »denn wenn ich ihnen ein Glas bringen soll, muß ich auch
wissen, an welchem Theile des Himmels diese Sterne stehen.«
»Nie indiscret, Kamerad,« lachte Handor, »Jeder von uns trinkt den
Augen, die er für die schönsten hält.«
»Und in dem Sinne nehme ich auch ein Glas mit,« rief George Monford;
»heh, Kellner, noch Champagner!«
Handor war bei der Stimme rasch herumgefahren, und für den Augenblick
verlor sein Antlitz jede Farbe; aber in dem Tumult bemerkte es Niemand,
und Handor hatte auch rasch genug seine Fassung wiedergewonnen.
»Graf Monford,« rief er erfreut, ihm die Hand entgegenstreckend und sie
herzlich schüttelnd, »lassen Sie sich auch einmal wieder bei uns sehen?«
»Ich bin heute eigentlich nur hergekommen, um _Sie_ auf ein paar Minuten
zu sprechen,« sagte der junge Mann.
»Mich?«
»Nachher; eine Geschäftssache,« lachte George; »Sie brauchen nicht zu
erschrecken. Also den schönsten Augen, meine Herren, und da ist wohl
Keiner hier, der den Toast nicht mittränke.«
»Bitte um Verzeihung,« sagte Pfeffer, »wenn ich auf etwas Derartiges
anstieße, so wäre es höchstens auf die »beste Brille«; der Teufel soll
die schönen Augen holen, wenn man Abends nicht mehr damit lesen kann.«
»Hahaha, Freund Pfeffer, immer giftig!«
Graf George rückte jetzt mit zum Tisch und das Gespräch wurde
allgemeiner; nur Handor war merkwürdig einsilbig geworden, und so
ausgelassen lustig er im Anfange geschienen, so schweigsam zeigte
er sich jetzt, daß es sogar den Tischgenossen auffiel. Wie er aber
nacheinander ein paar Gläser des feurigen Trankes hinuntergestürzt,
wurde er etwas lebendiger; doch lagen ihm immer noch die paar Worte auf
dem Herzen, welche ihm der junge Graf vorher gesagt. Was wollte der
von ihm? Eine Geschäftssache? War er dem Liebesverhältniß mit dessen
Schwester auf die Spur gekommen und wollte ihn jetzt vielleicht gar
fordern? Die Cavaliere nannten das eine Geschäftssache. Das Gefühl wurde
ihm zuletzt so unbehaglich und drückend, daß er aufstand, hinter Graf
George's Stuhl ging und, leise seine Schulter berührend, sagte: »Mein
lieber Herr Graf, Sie wollten mir vorhin etwas mittheilen; wenn ich
bitten dürfte, ich kann nicht mehr lange bleiben.«
»Ach ja,« rief George, indem er aufsprang und nach seiner Uhr sah,
»meine Zeit ist ebenfalls um; sagen Sie einmal, lieber Handor,« fuhr
er dann leise fort, indem er ihn unter dem Arm nahm und etwas bei Seite
führte, »ich habe eine Bitte an Sie.«
»An mich?«
»Zuerst muß ich Ihnen die Mittheilung machen, daß wir morgen über acht
Tage, also am Freitag, die Verlobung meiner Schwester Paula in unserem
Hause...«
»Ihrer Schwester Paula....?«
»Bst, nicht so laut, die Sache ist noch Geheimniß, soll wenigstens nicht
vor der Zeit öffentlich bekannt werden, und ich ersuche Sie auch deshalb
um Ihre Discretion; also daß wir dann in unserem Hause Paula's Verlobung
feiern, und ich wollte sie gern zu dem Tage, unter anderen Sachen die
ich mir ausgedacht, mit der Aufführung irgend eines hübschen Stückes
auf unserem kleinen Liebhaber-Theater überraschen. Haben Sie etwas recht
Hübsches, Neues, das wir bis dahin noch lernen können, und sind Sie
vielleicht selber im Stande, uns bei der Inscenesetzung und den Proben
zu unterstützen? Aber es muß natürlich Alles heimlich betrieben werden,
denn weder Braut noch Bräutigam dürfen etwas davon erfahren.«
»Herr Graf,« sagte Handor, und er mußte sich Mühe geben, die Worte
heraus zu bringen, so hatte der Schreck über die all' seinen Hoffnungen
drohende Nachricht seine Zunge gelähmt, »ich -- ich glaube gewiß, daß
ich etwas Passendes finde, und stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«
»Danke Ihnen, lieber Handor,« sagte der junge Mann, indem er ihm die
Hand drückte, »Sie werden uns dadurch unendlich verbinden; Sie wissen ja
selber, wie meine Schwester das Theater liebt und dafür schwärmt. Irgend
ein hübsches neues Lustspiel von Scribe vielleicht und nicht zu lang;
aber Sie können am besten beurtheilen, was dafür passend ist.«
»Gewiß, Herr Graf, gewiß, ich -- ich finde sicher etwas; nur -- nur in
diesem Augenblick...«
»Nun, natürlich läßt sich das nicht so Knall und Fall bereden,« sagte
Graf George; ȟberlegen Sie sich die Sache, und bitte, geben Sie mir
morgen Abend spätestens Nachricht. Ich muß jetzt fort, denn ich bin zu
einer Whistpartie engagirt. Also, adieu Handor, auf Wiedersehen!« und
damit reichte er ihm die Hand. »Guten Abend, meine Herren!«
Handor trat zum Tisch zurück und mußte sich merklich zwingen, seine
ruhige Fassung zu bewahren. Er bestellte noch eine Flasche Champagner
und trank hastig; aber die Gedanken ließen ihm nicht Ruhe, er mußte
allein sein und stand endlich auf, die Gesellschaft, der seine Aufregung
nicht entgehen konnte, zu verlassen.
Ein paar Gäste wollten ihn noch mit seiner Zerstreutheit necken; aber
er ging nicht auf ihre Scherze ein und verließ endlich nach einer
unbestimmten Entschuldigung das Zimmer.
Draußen an der Treppe, die hinauf auf die Straße führte, traf er
Trauvest, an dem er mit einem kurzen Gruß vorüber wollte.
»Hören Sie, mein lieber Handor,« redete ihn dieser an.
»Ja, Trauvest?«
»Sie nehmen es mir nicht übel,« fuhr der Wirth freundlich fort, »aber
ich muß Sie wirklich bitten, daß Sie mir wenigstens einen Theil Ihrer
schmählich aufgelaufenen Rechnung zahlen. Ich selber habe meine letzte
Weinsendung in den nächsten Tagen zu berichtigen und bin wirklich in
Verlegenheit, wo ich das Geld hernehmen soll; ich würde Sie sonst doch
noch nicht belästigen.«
»Hm, ja, Trauvest, wie viel bin ich Ihnen denn eigentlich so ungefähr
schuldig?«
»Nun, es werden ohne das Heutige immer so eine dreihundert und einige
siebzig Thaler sein.«
»Dreihundert, alle Teufel, das hat sich merkwürdig aufsummirt!«
»Ja, lieber Gott,« sagte Trauvest achselzuckend, »billige Weine trinken
Sie nicht, und eine hübsche Zeit ist ebenfalls verstrichen, seit Sie die
letzte Abzahlung machten.«
»Sie haben Recht, Trauvest,« sagte Handor, indem er seinen Paletot
zuknöpfte; »den Wievielten schreiben wir heute?«
»Der Monat geht auf die Neige.«
»Am Ersten sollen Sie bedacht werden, Sie gehen vor.«
»Vergessen Sie's nur nicht, Herr Handor.«
»Gewiß nicht, alter Freund; guten Abend!« Und er stieg die Treppe
hinauf, die hinaus in's Freie führte.
6.
Jeremias.
Ehe sie nur das kaum zweihundert Schritt von dort gelegene neue Wohnhaus
des Grafen Rottack erreichten, waren Jeremias und die kleine lebendige
französische Bonne, die aber ziemlich gut Deutsch sprach, schon die
besten Freunde geworden, und selbst das kleine Helenchen schien sich so
wohl bei ihrem neuen Wärter zu befinden, der auch fortwährend mit ihr
lachte und plauderte, daß sie nicht die mindeste Furcht mehr vor ihm
hatte. Nur der kleine Günther betrachtete ihn noch immer ein wenig scheu
und mißtrauisch von der Seite -- er konnte augenscheinlich noch nicht
recht klug aus ihm werden, und dann war Jeremias doch auch eine
von allen denen, mit welchen er bis jetzt verkehrt, so verschiedene
Persönlichkeit, daß sich der kleine Bursche fast unwillkürlich von ihm
zurückhielt.
Jeremias hatte aber jetzt auch in der That genug mit sich selber zu
thun, denn so unbefangen er sich sonst in allen Lebensverhältnissen
benahm, so fühlte er sich doch, als er in diesem Augenblick die neue und
sehr elegante Wohnung des Grafen Rottack betrat, in einer so vollständig
ungewohnten Sphäre, daß er einige Zeit brauchte, um sich hinein zu
finden.
In Brasilien hatte er allerdings verschiedene Male mit Grafen und
Gräfinnen verkehrt, aber das waren auch ganz andere Verhältnisse
gewesen. Titel und Namen mochten sie allerdings gehabt haben, aber der
äußere Glanz fehlte ihnen dort, der im alten Vaterland unter solchen
Verhältnissen, wenn auch oft auf das Künstlichste, doch stets gewahrt
und beobachtet wird, und so unbefangen er anfangs die Einladung zum
Diner von dem jungen Grafen angenommen hatte, dessen er sich noch recht
gut erinnerte, wie er mit der Violine in Santa Clara herumlief und bei
Bohlos an dem nämlichen Tische sein Bier trank, an dem er selber ab und
zu einsprach -- so befangen fühlte er sich jetzt plötzlich, als er die
betreßten Diener sah, die herzusprangen, als Graf und Gräfin das Haus
betraten, und die Ehrfurcht bemerkte, mit der das junge Paar von allen
Seiten behandelt wurde. Ja, er kam in die größte Verlegenheit, als er
Helenchen auf den Boden gesetzt hatte und einer der Diener zusprang und
ihm den Hut abnahm, während ein anderer -- was er eben an Graf Rottack
gethan -- auch zu ihm kam, um ihm den Oberrock auszuziehen.
»Bitte,« sagte Jeremias erschreckt, »ich habe nur den einen an und kann
doch...« -- er hielt plötzlich inne, denn er sah, wie sich die Bonne
nur mit Gewalt das Lachen verbiß, und der Diener selber trat etwas
bestürzt zurück, weil er bemerkt, daß er den Fremden in Verlegenheit
gebracht.
»Kommen Sie nur herein, alter Freund,« rief Rottack, der verhindern
wollte, daß er sich vor den spottlustigen Dienern eine Blöße gab, »und
thun Sie, als wenn Sie hier zu Hause wären! -- Ist das Essen fertig?«
»Es kann jeden Augenblick servirt werden, Herr Graf.«
»Schön, dann lassen Sie auftragen.«
Jeremias folgte der freundlichen Einladung, aber er war noch weit davon
entfernt, sich behaglich zu fühlen. Erstlich hatten sie ihm seinen Hut
weggenommen, und er wußte jetzt nicht, was er mit seinen Händen anfangen
sollte; dann hatte er vergessen, sich draußen abzutreten, und auf dem
Teppich hier, den er so schön noch auf keinem _Tische_ gesehen, sollte
er jetzt mit den staubigen Stiefeln herumlaufen.
Rottack aber, der sich etwa denken konnte, was in der Seele des kleinen
Mannes vorging, und der fest entschlossen schien, ihm jede Verlegenheit
zu ersparen, machte all' seinen Bedenklichkeiten ein rasches Ende, indem
er ihm ohne Weiteres einen Stuhl zum Tisch rückte, auf den schon einer
der aufmerksamen Diener ein Couvert für den Gast gelegt hatte, und
ausrief: »So, Jeremias, nun setzen Sie sich daher, und Helene, die den
Augenblick zurückkommt, soll sich zu Ihnen auf die Seite und Günther
auf die andere setzen, und nun unterhalten Sie sich nur noch einen
Augenblick mit den Kindern, ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
Jeremias sah sich um -- die Diener, vor denen er sich am meisten
genirte, hatten ebenfalls das Zimmer verlassen, und die Bonne war damit
beschäftigt, die Kinder ihrer Hüte und Mäntelchen zu entledigen, die
das Kindermädchen dann in deren Stube hinübertrug -- Jeremias war sich
selber überlassen, in dem Fall brauchte er nur wenige Minuten, um mit
dem kleinen Günther Freundschaft zu schließen. Im Handumdrehen fertigte
er ihm aus der goldenen Düte, die er auf ein paar der Suppenteller
ausleerte, eine Mütze, und wie Felix zurückkam, hatte er ihn auf dem
Knie reiten, und der kleine Bursche lachte und schrie vor Lust und
Vergnügen, als das »Pferdchen« mit ihm durchging und in immer wilderen
Sätzen Hopp, Hopp machte.
Felix lachte, als er wieder in's Zimmer trat und Helenchen eben auf
das andere Knie des kleinen freundlichen Mannes hinaufkletterte, um mit
Theil an dem wilden Ritt zu nehmen.
Helene kam jetzt ebenfalls zurück, und die Suppe wurde gebracht; das
kleine Volk mußte Ruhe geben und Alle nahmen ihre bestimmten Plätze ein.
»'s ist doch aber wirklich merkwürdig,« sagte Jeremias, »wie sich so
Leute auf der Welt wiederfinden können.«
»_Sie_ hätte ich allerdings hier nicht vermuthet,« lächelte Felix. »Nun
erzählen Sie uns aber auch einmal vor allen Dingen Alles, was Sie selber
betrifft, und wie Sie besonders wieder nach Deutschland zurückgekommen
sind. Sie können glauben, daß wir uns dafür interessiren.«
»Na, denke doch,« schmunzelte Jeremias, der, wie er nur erst einmal die
Serviette um und den Suppenteller vor sich hatte, auch alles Neue und
Fremdartige vergaß, was ihn umgab. »Aber sehen Sie, Herr Graf, wie Sie
damals weggingen -- Jemine war das eine Zeit, wie wir den großbrodigen
Herrn von Reitschen los wurden und den guten Herrn Sarno wiederkriegten
-- damals...« -- er sah sich vorsichtig um, ob keiner von den Dienern
mehr im Zimmer war -- »damals lief ich noch in Hemdsärmeln herum mit
dem Einspänner, dem Handkarren, Sie wissen wohl, und putzte...« -- die
Bonne genirte ihn doch etwas, daß er nicht recht mit der Sprache heraus
mochte -- »nun, that allerlei Arbeit, was vorkam, hatte mir aber doch
hübsches Geld dabei verdient, denn ich sparte wie ein Hamster und
gab keinen Milreis unnöthig aus. Da starb gleich sechs Monate später
Bodenlos -- Sie kennen ja doch Bohlossen -- er hatte sich richtig in
aller Stille todtgesoffen, denn äußerlich merkte man ihm nie 'was davon
an, und das Wirthshaus wurde verkauft.
»Buttlich, der mit Herrn von Reitschen herübergekommen und so eine
Schwindelwirthschaft errichtet hatte, war schon drei Monate vorher
durchgebrannt -- der arme Baron verlor durch den Lump auch ein paar
hundert Milreis, beinahe ein halbes Conto[1], und wenn Bohlossen sein
Haus gut gehalten wurde, ließen sich Geschäfte damit machen. Herr
Rohrland rieth mir auch zu...«
[1] Ein Conto de Reïs etwa 500 Dollars.
»Und wie geht es den guten Leuten?« fragte Helene.
»Vortrefflich,« nickte Jeremias -- »Rohrland ist ein Mann bei der
Spritze, immer auf dem Damme, immer fleißig, und die kleine Frau ein
Mordswei --, eine prächtige Frau -- und alle Jahre Kindtaufe, immer
einen kleinen Jungen oder auch einmal ein Mädchen -- es wimmelt nur so
bei ihnen.«
»Und Sie kauften die Wirthschaft?« fragte Felix, während Helene still
vor sich hin lächelte und die Bonne bis hinter die Ohren roth wurde.
»Na ob,« sagte Jeremias, wieder im alten Gleise, »das Haus ging
spottbillig weg, das Inventar war ebenfalls zu bezahlen, was ich an
Getränken und sonstwie brauchte, lieferte mir Herr Rohrland, und
nun ging die Geschichte flott. In Santa Catharina hatte sich's
ausgesprochen, daß wir einen guten Director in der Colonie hätten, der
etwas auf seine Colonisten hielt, in Rio wurd's auch bekannt, und von
allen Seiten kamen jetzt die Auswandererschiffe an, daß der Director und
ich manchmal nicht wußten, wo uns der Kopf stand -- aber Geld wie Heu.
Es war ordentlich, als ob der Segen auf dem alten Hause läge, und wie
ich mir noch ein neues dazu baute, hatte ich immer noch nicht Platz
genug. Weil ich das baare Geld aber nicht wollte im Kasten liegen lassen
-- von wegen Buxen und Consorten, die mir damals keinen schlechten
Schreck eingejagt --, kaufte ich Land dafür, was sie mir nicht stehlen
konnten, und verdiente da wieder dran, Hand über Hand; kurz, in vier
Jahren war ich ein gemachter Mann, und da erst, wie ich 'was hatte und
es mit dem Besten in der Colonie aufnehmen konnte, kriegt' ich das
Heimweh und beschloß, einmal wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Meine Häuser verkaufte ich um das Doppelte, was ich dafür gegeben hatte,
meine Colonien verpachtete ich an arme Colonisten, die noch keinen
eigenen Grund und Boden hatten, und -- da bin ich...«
»Und wie haben Sie alle unsere Freunde in der alten Colonie verlassen?«
fragte Felix -- »was macht Sarno, und haben Sie nichts von Günther von
Schwartzau mehr gesehen?«
»Herr Sarno ist noch immer der Alte,« erzählte Jeremias, emsig mit einem
Gänseschenkel beschäftigt -- »immer bei der Spritze, und die Geschichte
geht jetzt dort wie am Schnürchen. Wer nicht in die Colonie paßt, den
beißt er weg, und die Anderen befinden sich alle wohl, oder wenn sie's
nicht thun, ist es ihre eigene Schuld. Einen andern Pfarrer haben sie
auch, einen braven, ordentlichen Mann, der nie länger als eine halbe
Stunde predigt...«
»Und von Schwartzau wissen Sie nichts?«
»Doch -- im vorigen Jahr war er wieder in der Colonie und wohnte ein
paar Wochen beim Herrn Director; er war lange krank gewesen und sah
recht elend aus. Jetzt ging's ihm aber wieder besser, und kurz vorher,
ehe ich wegging, hörte ich, daß er selber Director in San Sebastian oder
Gott weiß, wie die neue Colonie heißt, geworden wäre.«
»Armer Günther!« seufzte Felix -- »so treibt er sich noch immer in der
Fremde umher und kann keine Ruhe finden...«
»Und was macht der Baron?« fragte Helene, der eine andere Frage noch am
Herzen lag, die sie aber nicht wagte.
»Je, nun,« sagte Jeremias, »der Baron trägt immer noch dieselben
Nankinghosen, die beim Waschen immer kürzer werden -- armer Teufel --
ne, lieber Freund, ich bin noch nicht fertig,« unterbrach er sich rasch
und hielt mit beiden Händen seinen Teller, den ihm der aufwartende
Diener, weil er ihn einen Augenblick außer Acht gelassen, gerade
fortnehmen wollte.
Felix lachte und winkte, ihn in Ruhe zu lassen, und Jeremias, der seinen
Gänseschenkel wieder vornahm, fuhr fort:
»Dem armen Teufel geht's eigentlich erbärmlich. Arbeiten kann er und
will er nichts, und mit Vornehmthun giebt's in den Colonien nichts aus
-- der Buttlich betrog ihn, wie gesagt, um eine hübsche Summe -- wie
er's aus ihm herausgekriegt, weiß ich auch nicht. Nachher ließ er sich
in ein Geschäft mit Herrn von Pultele -- Hurrjeh!« unterbrach sich
Jeremias plötzlich, weil er glaubte, einen Mißgriff gemacht zu haben.
»Erzählen Sie nur weiter,« lachte aber Felix -- »also, Herr von
Pulteleben ist auch noch in der Colonie...?«
»Jetzt nicht mehr,« sagte Jeremias, der puterroth geworden war und einen
verzweifelten Blick nach Helenen hinüberwarf. »Es war eine Seele von
einem Menschen, aber -- aber ein bischen -- ein bischen unpraktisch, und
da kam er auf die unglückliche Idee, mit dem Baron eine Perlenfischerei
an der Küste anzulegen.«
»Eine Perlenfischerei?«
»Ja, gewiß -- und gefischt haben sie auch genug,« meinte Jeremias,
»aber nicht einmal so viel Perlen gefunden, um sich eine Tuchnadel davon
machen zu lassen, und da bekam es der Herr Baron denn zuerst satt -- die
Mittel erlaubten es nicht -- und Herr von Pulteleben ging nachher nach
Rio Grande, aber ich habe nichts weiter von ihm gehört.«
»Und die Gräfin Baulen,« sagte Helene ruhig, »ist sie noch in Santa
Clara?«
»Ihre Frau Mutter? Gewiß!« rief Jeremias, der natürlich keine Ahnung
von den dortigen Vorgängen haben konnte -- »immer noch die Alte --
sehr achtungswerthe Dame,« setzte er aber rasch und erschreckt hinzu --
»ungeheure Betriebskraft, weiß immer etwas Neues, um zu speculiren --
aber Graf Oskar ist fort...«
»Fort -- wohin?« rief Helene rasch.
»Der liebe Gott weiß es,« sagte Jeremias achselzuckend -- »mein Himmel,
junges Blut will austoben, und Brasilien ist groß -- Frau Mutter hatte
eine kleine Schwierigkeit mit dem Bäckermeister Spenker und zog aus,
miethete nachher ein kleines Haus gerade dem Baron gegenüber, und da war
der junge Graf eines Morgens auf eine Entdeckungsreise ausgegangen, wie
sie sagten, und konnte nachher selber nicht mehr entdeckt werden. Aber
das Alles hat Ihnen gewiß Ihre Frau Mutter schon geschrieben -- lieber
Gott, in Brasilien geht das ja auch oft so, daß ein junger Mensch einen
Platz satt bekommt und sich nach einem andern umsieht, der ihm besser
gefällt!«
»Und was ist aus der Frau jenes Mörders, jenes Bux geworden?« fragte
Felix, der das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen wünschte.
»Der geht's gut,« bestätigte Jeremias; »das war eine brave,
rechtschaffene Frau, und wie sie sich nur erst einmal von der schlechten
Behandlung erholt hatte, schaffte sie tüchtig. Ihre Kinder brachten wir
rasch bei Colonisten unter, und nachher habe ich sie selber in das Hotel
genommen, wo sie sich vortrefflich betragen hat. Sie ist jetzt noch dort
und verdient sich hübsches Geld...«
»Und jener Bux?«
»Nun, den haben sie nach Rio gebracht und dort wahrscheinlich gehangen
oder in's Loch gesteckt. Ich habe nie etwas Weiteres von ihm gehört.«
»Aber ein sonderbares Zusammentreffen ist es doch,« lächelte Helene,
»daß wir uns hier gerade in Haßburg wiedersehen sollten...«
»Und noch dazu den ersten Tag, wo ich hier bin!« rief Jeremias.
»Apropos, Sie wollten mir ja erzählen, was Sie gerade nach Haßburg
geführt,« sagte Felix, »denn wie Sie selber sagen, stammen Sie gar nicht
aus der Gegend...«
»Hm,« meinte Jeremias und warf einen Blick über die Schulter nach dem
aufwartenden Diener und dann nach der Bonne hinüber, »das ist auch eine
etwas längere Geschichte.«
»Also dann beim Kaffee,« nickte der junge Graf, dem es nicht entgangen
war, daß der kleine Mann noch etwas Anderes auf dem Herzen hatte
-- »aber vorher noch ein Glas Wein, Jeremias, wie? Machen Sie keine
Umstände, Mann, der Wein ist trinkbar.«
»Famoser Stoff!« bestätigte Jeremias, der indessen mit seinen Gedanken
nicht ganz bei der Sache war, denn es ging ihm im Kopf herum, daß sich
die junge Gräfin eigentlich gar nicht so lebhaft nach ihrer »Mutter«
erkundigt hatte, wie er wohl erwartet haben mochte, und auch über das
Verschwinden ihres Bruders nicht im Mindesten aufgeregt erschien. Aber
sie mußte es jedenfalls schon früher brieflich erfahren haben, und
wußte vielleicht sogar, wo er stak. Daß er ihm selber noch eine nicht
unbeträchtliche Summe schulde, erwähnte er nicht; er besaß, trotz seiner
rauhen Hülle, zu viel Zartgefühl, und doch hatte es ihm Rottack entweder
angemerkt oder es sich auch nur gedacht -- und große Definitionsgabe
gehörte allerdings nicht dazu.
Aber die Tafel wurde jetzt abgeräumt und dann der Kaffee gebracht. Die
Bonne verließ mit den Kindern den Speisesaal, und das junge Paar war mit
Jeremias allein.
»Und nun, mein alter Freund,« sagte Felix, »schießen Sie einmal los --
Sie haben noch etwas auf dem Herzen.«
Jeremias war eigentlich nicht wenig froh, daß er dieses Diner glücklich
überstanden hatte, denn er fühlte sich, so lange es dauerte, fortwährend
in einer gewissen Aufregung, aus Furcht, irgend einen Mißgriff zu
begehen. Aber es schien doch ziemlich gut abgelaufen zu sein, denn das
ausgenommen, daß er von den ihm präsentirten Speisen hartnäckig die
Gabel abgenommen und neben sich gelegt hatte, so daß er sich zuletzt
im Besitze von sieben oder acht solcher Instrumente fand und über den
Vorrath selber erschrak, war nicht das geringste Ungehörige vorgefallen.
Jetzt aber wurde er plötzlich, ohne die geringste scheinbare Ursache,
feuerroth und sagte, viel verlegener, als er sich nur je gezeigt: »Hm,
ja, Herr Graf, ich -- ich wollte eigentlich -- Schwerebrett, Sie lachen
mich aber aus, wenn ich's Ihnen sage -- die Frau Gräfin lacht jetzt
schon.«
»Gewiß nicht, Jeremias, wenn es etwas Ernstes ist,« lächelte Helene, der
die Unruhe des kleinen Mannes allerdings komisch vorkam.
»Ja, ernst wär' es schon,« nickte ihr Gast leise mit dem Kopf vor sich
hin, »aber -- lachen werden Sie doch,« setzte er resignirt hinzu, »denn
eigentlich könnte ich selber darüber lachen, wenn -- wenn...« -- Er
stak fest und nahm sein Taschentuch heraus, um sich damit die Stirn und
den Kopf abzutrocknen, denn die Stirn ging ihm fast bis hinten in die
Halsbinde hinunter.
»Also erzählen Sie, Jeremias,« sagte Helene freundlich; »Sie wissen ja,
daß wir es gut mit Ihnen meinen, und wenn Ihnen Felix bei irgend etwas
behülflich sein kann, so bin ich fest überzeugt, daß es ihm die größte
Freude machen wird.«
»Ich auch, Frau Gräfin, ich auch,« bestätigte Jeremias treuherzig und
leerte dabei das Glas, das ihm der junge Graf noch einmal vollgeschenkt
hatte, wie um sich Muth zu machen, auf Einen Zug. »Und Sie sollen's
auch erfahren,« setzte er dann hinzu -- »Sie sollen's erfahren, denn
ich weiß, Sie meinen es gut mit mir. Aber erst erlauben Sie mir, daß
ich eine Tasse Kaffee trinke -- der starke Wein ist mir in den Kopf
gestiegen, und ich möchte kein dumm Zeug schwatzen -- es ist so schon,
wie's ist -- so, danke Ihnen, und nun sollen Sie meine Lebensgeschichte
hören, aber ganz kurz, ich bin im Augenblick damit fertig, denn es ist
Alles ungeheuer geschwind gegangen und eigentlich gar nicht viel zu
erzählen -- wenn nur eben die Frau nicht wäre.«
»Die Frau?«
Jeremias seufzte tief auf, trank seinen Kaffee, den ihm Helene selber
eingeschenkt, und begann dann: »Ich war ein leichtsinniger Strick in
meiner Jugend, lief meinem Alten fort und ging zum Theater.«
»Zum Theater?« lachte Felix erstaunt.
»Das heißt, ich wirkte im Chor,« fuhr Jeremias fort, »und half mit beim
Ballet, und damals war ich auch noch schlank und geschmeidig und hatte
die Beine dazu. Ich verdiente auch, was ich brauchte, als einzelner
Mensch nämlich, aber da kam -- und jetzt werden Sie lachen, Frau Gräfin
-- da kam die Liebe und ich heirathete!«
»Sie sind verheirathet, Jeremias?« riefen beide Gatten zugleich und
erstaunt aus.
»Ja, wenn ich's nur selber wüßte,« sagte Jeremias mit einem höchst
komischen Ausdruck von Verzweiflung in den Zügen -- »das ist ja eben das
Unglück, daß ich nicht weiß, ob ich's bin oder ob ich's war, und deshalb
bin ich ja wieder nach Deutschland zurückgekommen!«
»So wissen Sie nicht, ob Ihre Frau noch lebt?«
»Das ist die Geschichte, und auf den Kopf haben Sie's getroffen, Frau
Gräfin -- aber hören Sie. Meine Frau war brav und gut und ebenfalls beim
Theater. Sie spielte kleine Rollen, und wir Beide verdienten etwa so
viel, wie wir brauchten. Da wurde sie krank und entlassen, die
Familie vermehrte sich ebenfalls, und...« -- Jeremias wurde hier
augenscheinlich so verlegen, daß er eine ganze Weile kein Wort weiter
vorbrachte. Er trank an seinem Kaffee, er zupfte an seinem Rock und
rückte auf seinem Stuhl herum. Endlich aber, da er doch wohl merkte,
daß es nicht so fortging, nahm er sich mit Gewalt zusammen und platzte
heraus -- »und ich wurde liederlich -- Sie dürfen mir's glauben, Frau
Gräfin, ein ganz liederlicher Strick -- ich trank und spielte und
setzte meiner Schlechtigkeit endlich, als sich meine brave Frau von mir
scheiden ließ, die Krone auf -- und lief davon. So, Gott sei Dank, jetzt
ist das Schlimmste heraus und Sie wissen's nun einmal -- das Andere ist
Kleinigkeit,« fuhr er, tief Athem holend, fort. »Ich trieb mich erst
eine Weile in Deutschland herum, Jahre lang, bis ich das Brod nicht mehr
hatte; dann schiffte ich nach Amerika über und versuchte es da, aber es
ging auch nicht. Das alte Leben steckte mir noch in den Gliedern, und
anstatt Geld für Frau und Kind nach Haus zu senden, verthat ich, was
ich verdiente, bis zuletzt die Reue kam. Hurrjeh, hab' ich mir damals
Grobheiten gemacht und mich selber vorgekriegt -- aber es half! Ich
nahm mir vor, ein ordentlicher Kerl zu werden, und um aus all' der
Gesellschaft herauszukommen, in der ich mich in Amerika herumgetrieben,
ging ich zu Schiff nach Brasilien.
»Dort fing ich ein anderes Leben an. Ich war nie gewohnt gewesen, viel
zu arbeiten -- in Brasilien streifte ich die Aermel in die Höh' und ging
scharf dran. Sie wissen's selber, Sie haben mich dort schaffen sehen,
und nachher ging's. Die ganzen langen Jahre hatte ich aber nicht an zu
Hause gedacht oder, wenn ich dran dachte, mit Gewalt nicht dran denken
wollen. Was konnt's auch helfen, was wollte ich zu Hause anfangen, so
lange ich nichts hatte! Wie ich aber anfing, zu Geld zu kommen, und wie
es sich mehrte und mehrte und ich anfing, reich zu werden, da kam die
Reue über das Vergangene noch viel stärker, wie nach meinem liederlichen
Leben. Da kam das Heimweh, da ging mir der Gedanke im Kopf herum, daß
meine arme Frau vielleicht doch nicht aus Kummer und Gram gestorben
wäre und hier noch in Sorge und Noth lebe. Jetzt schrieb ich nach
Deutschland, um ihre Adresse zu erfahren, aber umsonst; kein Mensch
konnte mir Nachricht geben, und auf die meisten Briefe bekam ich nicht
einmal eine Antwort. Am liebsten hätte ich mich da auch gleich selber
aufgepackt und wäre herübergefahren, aber die Zeiten waren zu günstig,
ich verdiente zu rasch und wollte noch mehr, und bekam mehr. Da litt's
mich denn endlich nicht länger in dem Brumsilien drüben, und mit dem
Dampfer bin ich herübergekommen, um nur recht geschwind wieder da zu
sein.«
»Und haben Sie Ihre Frau gefunden?« rief Helene rasch, die mit inniger
Theilnahme der kleinen, einfachen Erzählung gefolgt war.
»Das ist ja gerade der Teufel -- bitte tausendmal um Entschuldigung!«
sagte Jeremias, sich wieder den Schweiß abtrocknend. »Seit sechs Wochen
rutsche ich jetzt im Lande herum und kann nichts Genaues erfahren.
Zuerst war ich in Regensburg, wo wir damals wohnten -- und glücklicher
Weise kannte mich dort Niemand mehr -- und da hieß es, daß sie schon
vor langen Jahren nach Erlangen gezogen und wieder zum Theater gegangen
wäre. Ich nach Erlangen. Dort erfuhr ich gar nichts, als daß sich die
Theater-Gesellschaft von jener Zeit nach Preußen und zwar an den
Rhein gewandt habe. Ich an den Rhein. In Mainz traf ich zufällig einen
Menschen, der mir erzählte, dort wohne noch ein alter Schauspieler und
gäbe jetzt Clavierstunden -- zu dem ging ich -- ich kannte ihn wohl,
aber er mich nicht mehr, von wegen der Glatze, und der sagte mir jetzt,
daß meine Frau wieder ihren Mädchennamen angenommen hätte und nach
Frankfurt gegangen wäre. Ich nach Frankfurt, und keine Spur mehr
gefunden, Wochen lang, bis ich vorgestern in Köln wieder einen
alten Schauspieler traf, der behauptet, er habe den Namen in einer
Theaterzeitung gelesen. Jetzt machten wir uns über die alten Zeitungen
her -- da ich ein paar Flaschen Wein kommen ließ, arbeitete der Alte mit
wie ein Pferd --, und nach sechs oder acht Stunden Suchens faßten wir
den Artikel, der mich wieder Hals über Kopf hierher nach Haßburg jagte.«
»Und sie ist hier?« rief Felix.
»Ja, das weiß ich noch nicht,« seufzte Jeremias, »denn wie Sie mich
trafen, war ich ja auch erst eben angekommen und wollte mich gerade
umsehen, ob ich nicht vielleicht Einem vom Theater unterwegs begegnete,
denn die kennt man gleich, und wenn sie noch so einfach angezogen gehen.
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber einen Theatermenschen will ich
unter Tausenden herausfinden.«
»Aber Sie wissen also den Namen?« sagte Felix -- »dann muß es ja doch
die größte Kleinigkeit sein, sie hier aufzufinden.«
»Allerdings,« erwiderte Jeremias kleinlaut -- »ihr Theatername war
damals Bassini, und ein Fräulein Bassini soll auch hier an der Bühne
engagirt sein, der Theaterzeitung wenigstens nach, aber...«
»Aber?«
»Aber,« stöhnte Jeremias, »jetzt, da ich meinem Ziel so nahe bin, habe
ich eine Heidenangst bekommen, allein zu ihr zu gehen -- alle meine
Sünden fallen mir bei, und -- und ich wollte wahrhaftig manchmal, ich --
wäre wieder in Brasilien!«
»Und sind Sie nicht hergekommen, um gut zu machen, was Sie früher
verschuldet haben?« sagte Helene herzlich.
»Ja, das wohl -- aber...«
»Ich gehe mit Ihnen, Jeremias,« rief Graf Felix lachend, »ich helfe
Ihnen Ihre Frau suchen!«
»Ach, Herr Graf,« sagte der kleine Mann verlegen, »wenn Sie -- wenn Sie
das thun wollten, da wäre mir ein wahrer Berg vom Herzen herunter!«
»Ich gehe mit Ihnen,« bestätigte Graf Rottack aber noch einmal, denn
theils nahm er wirklich Interesse an dem kleinen verzweifelten Manne, da
ihm dieser wieder alle die alten transatlantischen Erinnerungen, als ein
Stück selber von daher, so lebendig in der Seele wach gerufen, und dann
machte es ihm auch Spaß, von der Entwickelung dieses kleinen Dramas
Zeuge zu sein.
»Und wann wollen Sie gehen?« fragte Helene.
»Ja, heute ist es zu spät,« rief Rottack, »aber den heutigen Abend
verwenden Sie dazu, die Wohnung Ihrer geschiedenen Frau aufzufinden, und
dann holen Sie mich morgen Mittag um zwei Uhr ab! Ist Ihnen das recht?
Ich kann nicht früher.«
»So wollen wir's machen,« rief Jeremias, ihm treuherzig die breite Hand
entgegenstreckend -- »jetzt hab' ich auch wieder Courage, und morgen
wissen wir dann gleich, woran wir sind!«
»Wollen Sie schon fort?«
»Wenn Sie mir erlauben, Frau Gräfin, ja, denn der Boden fängt mir an,
unter den Füßen zu brennen, bis ich Alles heraus habe. Aber morgen
Mittag punkt zwei Uhr bin ich wieder hier.«
»Rauchen Sie, Jeremias?« fragte Felix.
»Wo werd' ich nicht!« meinte der kleine Mann, indem er eine der ihm
gebotenen Havannas mit einem Kratzfuß annahm -- »wissen Sie denn wohl
noch, wie wir einmal in der...« -- Er wurde auf einmal feuerroth im
Gesicht, denn er fühlte, daß er wieder eine Dummheit begangen -- »reden
wir nicht mehr davon,« brach er auch kurz ab, indem er sich die Cigarre
an dem Licht, das ihm einer der eben eintretenden Diener brachte,
anzündete und diesem dann sehr freundlich dafür dankte -- »und nun leben
Sie wohl und nehmen Sie's nicht übel, daß ich Sie so lange gelangweilt
habe!«
»Und haben Sie guten Muth, Jeremias -- Felix wird Alles in Ordnung
bringen,« lächelte Helene freundlich.
Jeremias nickte ihr dankend zu, drehte sich dann um und stieg wieder in
das wilde Leben und Treiben hinaus, das noch immer in der Straße draußen
auf und ab wogte.
7.
Die erste Begegnung.
Eben hatte es in der zu dem Schloß des Grafen Monford gehörenden Kapelle
zwölf Uhr geschlagen, als die Gräfin mit ihrem Gemahl, den Kiesweg am
Flusse herabkommend, von einem Spaziergange zurückkehrte. Sie gingen dem
Schlosse zu.
Der Park lag still und einsam wie immer; weit unten am Drahtzaun
äs'ten sich ein paar Stück Damwild, und mitten auf der Wiese kroch eine
gebückte Menschengestalt, der ein kleiner Hund folgte, herum; sonst ließ
sich nichts Lebendes erkennen.
Es war das der Maulwurfsfänger, der nach seinen Fallen gesehen hatte
und die ertappten Uebelthäter in ihren schwarzen Pelzen, weniger
als Warnungszeichen für die übrigen, sondern mehr als Beweis seiner
Thätigkeit und seines Erfolges, an schwanken Ruthen mitten auf dem Rasen
aufhing.
Jetzt schien er mit seiner Arbeit vor der Hand zu Ende; möglich auch,
daß er sich nur ausruhen und dabei sein Mittagsbrod verzehren wollte. Er
schritt zu der nächsten Linde, die dicht an dem Kiesweg stand, und wo er
zugleich Schutz gegen die heute ziemlich warm brennende Sonne fand. Dort
legte er seinen Ranzen ab und neben sich, nahm ein Stück Brod und Wurst
heraus, wie eine kleine Flasche mit Branntwein, zog seinen Genickfänger
vor und begann, während der Spitz vor ihm saß und ihn mit etwas
seitwärts gebogenen Kopf aufmerksam betrachtete und jedem Bissen, den er
zum Munde führte, mit den Augen folgte, seine Mahlzeit.
Die beiden Spaziergänger, welche auf demselben Wege herankamen, an dem
er saß, mußte er jedenfalls bemerkt haben; der Spitz markirte sie auch
ein paar Mal, indem er dort hinübersah. Der Alte nahm aber nicht die
geringste Notiz von ihnen; wußte er sich ja doch auch hier in seinem
vollen Recht und in seinem Beruf, und der Platz unter der Linde, so
lange er dort saß und Rast hielt, gehörte ihm.
»Nicht wahr, um zwölf Uhr hatten sich Rottacks ansagen lassen?« fragte
die Gräfin, nachdem sie eine Weile schweigend neben ihrem Gemahl
hergeschritten war.
»Ja, mein Kind,« sagte der alte Herr, »eben schlug es Zwölf; aber unsere
Uhr geht einige Minuten vor. Wir werden gerade zur rechten Zeit wieder
oben sein.«
»Ich möchte nur wissen,« fuhr die Gräfin nach einer kurzen Pause fort,
»was die junge Frau für eine Geborene ist. Sonderbare Sitte das, auf
seine Karte nichts zu setzen, als ganz einfach: Graf Rottack und Frau,
gerade als ob er ein Schuhmacher oder Schneider wäre.«
»Mein liebes Herz,« lächelte der Graf, mit den Achseln zuckend, »er wird
mit der Abstammung seiner Gemahlin wahrscheinlich keinen Staat machen
können und ist klug genug, sie ganz wegzulassen.«
»Diese Aufmerksamkeit gegen uns ist doch auch wirklich ganz
außerordentlich; wie ich vorhin gehört habe, sind die Herrschaften erst
gestern hier eingetroffen.«
»Wir werden etwas vorsichtig mit diesem Umgang sein müssen,« bemerkte
der Graf, »bis man wenigstens Genaueres über die Familienverhältnisse
erfährt. Der junge Rottack hat mir übrigens so weit ganz gut gefallen;
nur ein wenig sehr ungenirt ist er, wie alle die Herren, welche
sich eine Zeit lang in fremden Welttheilen und unter Republikanern
herumgetrieben haben.«
»Ist seine Frau eine Deutsche?«
»Ja, mein Herz, da fragst Du mich zu viel; ihrem Ansehen nach
jedenfalls, denn wenn ich nicht irre, hat sie blonde Haare. Aber wir
werden ja sehen. Behagt uns der Umgang nicht oder stellt sich
etwas dagegen heraus, so giebt es Mittel und Wege genug, ihn in der
freundlichsten Weise wieder abzubrechen oder wenigstens zu erschweren,
und sind unsere Befürchtungen unbegründet, so haben wir vielleicht
einen sehr angenehmen Zuwachs unserer, doch eben nicht sehr zahlreichen
Gesellschaft erhalten.«
Sie hatten in diesem Augenblick die Stelle erreicht, an welcher der
Maulwurfsfänger sein frugales Mittagsbrod verzehrte.
»Guten Tag, Herr Graf! Guten Tag, Frau Gräfin!« sagte der Bursche, ohne
sich übrigens in seiner Beschäftigung stören zu lassen oder dieses Mal
auch nur eine weitere Ehrfurchtsbezeigung für nöthig zu halten, als ein
etwas Höherschieben der alten Mütze mit dem Rücken der Hand, in der er
das Messer hielt.
»Guten Tag, mein Mann!« sagte der alte Herr, während die Gräfin ihn
durch die Lorgnette betrachtete, und war schon halb vorüber, als er noch
einmal stehen blieb und, den Kopf zurückwendend, fortfuhr: »Hör' einmal,
Freund, der Förster beklagt sich fortwährend über Dich und liegt mir
stets in den Ohren, ich solle Dir das Betreten meiner Grundstücke
verbieten.«
»Nachher soll ich die Maulwürfe wohl von der Grenze aus mit Sympathie
vertreiben?« lachte der Bursche still vor sich hin und schob wieder ein
Stück Brod und Wurst in den Mund.
»Von den Maulwürfen ist hier keine Rede,« erwiderte der alte
Herr, weniger vielleicht durch die Antwort, als durch das heute so
unehrerbietige Benehmen des alten Burschen gereizt; »wie mir der Förster
sagt, fängst Du aber auch noch andere Dinge, als Maulwürfe, und meine
Leute haben jetzt strengen Befehl, Dir auf den Dienst zu passen.
Erwischen sie Dich dabei, oder beträgst Du Dich auch nur ein einziges
Mal selbst verdächtig, so nimm Dich in Acht!«
»Werde so frei sein,« brummte der Mann vor sich hin.
»Auch verbiete ich Dir von jetzt an, Dich nach Sonnenuntergang hier
herumzutreiben; Du kannst Deine Maulwürfe bei Tage fangen, und nun Gott
befohlen!« setzte er rasch hinzu, als ob er fürchte, noch eine Antwort
zu erhalten. Er hatte sich mit dem Menschen schon zu lange aufgehalten.
Damit wanderte er mit der Gräfin wieder langsam den Kiesweg entlang,
der dem Schlosse zuführte, und der Maulwurfsfänger, den Kopf ihnen
nachgedreht, sah noch eine ganze Weile hinter ihnen drein. Endlich
wandte er sich gegen seinen Hund und sagte: »Hast Du's gehört, Spitz,
was der gnädige Herr Graf befohlen?«
Der Spitz trippelte ein paar Mal mit den Vorderfüßen, hob dann die Nase
in die Höhe und nieste kurz.
»So? Na, das ist mir lieb,« erwiderte sein Herr, »nun thu mir auch den
Gefallen und richte Dich danach. Weißt Du, was es setzt, wenn sie Dich
wieder einmal nach Sonnenuntergang hier erwischen, heh, weißt Du's?«
Der Spitz trippelte stärker und nieste noch einmal.
»Na, dann brauchen wir über die Sache kein Wort mehr zu verlieren,«
nickte der Alte und lachte still vergnügt vor sich hin, fuhr aber dabei
in seinem Selbstgespräch, ohne sein Kauen jedoch zu unterbrechen, fort:
»Merkwürdig doch, wie die Kinder oft mit einem geladenen Schießgewehr
spielen, und wie leicht kann's losgehen und bläst ihnen dann die ganze
Ladung mitten in's Gesicht hinein! Und die Frau Gräfin, wie sie den
Staub hinter sich vom Kieswege auffegt; eigentlich sollte der Gärtner
seinen Arbeitsweibern auch so ein Ding, so eine Crinoline und Schleppe
hinten dran kaufen, dann könnte er das Rechen sparen das ganze Jahr,
und schickte die nur jeden Morgen spazieren durch den Park. Frauenvolk,
Frauenvolk,« rief er kopfschüttelnd, indem er seinem Spitz ein Stück
Wurst zuwarf, das dieser geschickt fing und schwanzwedelnd verzehrte,
»'s ist nicht zu glauben; und wie sie mich mit der Lorgnette
betrachtete, -- muß doch ein verdammt schwaches Gedächtniß haben, denn
nahe genug hat sie mich doch schon gesehen -- und nicht einmal mit der
Brille; 's ist merkwürdig, und der Hochmuthsteufel scheint ihr alle
anderen Dinge rein aus dem Kopf gejagt zu haben, denn mir steht sie noch
vor Augen, als ob es erst gestern gewesen wäre.«
Der Spitz knurrte und drehte den Kopf nach rechts.
»Hallo,« fuhr der Maulwurfsfänger fort, indem er rasch dorthin sah, »wer
kommt da? Besuch? Na, nicht zu uns Beiden, Spitz; so vornehm treiben
wir's nicht mehr.«
Es waren ein Herr und eine Dame, hinter denen etwa fünfzig Schritte
weiter zurück ein Diener in Livrée folgte.
»Ich dachte es, Helene,« sagte Graf Rottack, als er mit ihr auf dem
Weg herankam, »daß wir ein wenig zu früh eingetroffen wären; aber
die Herrschaften sind jetzt nach dem Hause zurückgekehrt, um uns zu
erwarten, und siehst Du, da drüben liegt es schon. Nur jetzt Herz
gefaßt,« setzte er leise hinzu, »nur jetzt keine Schwäche gezeigt, denn
es ist das erste und deshalb auch für Dich das peinlichste Begegnen;
aber da zeige auch, daß Du die Seelenstärke besitzest, die Du mir ja
schon so oft bewiesen.«
»Hab' keine Furcht, Felix,« erwiderte Helene, »ich werde Dein Vertrauen
rechtfertigen. Ich bin stark, und wenn ich auch das Gefühl nicht
abschütteln kann, daß mir im Innern genau so ist, als ob es mir die
Brust zusammenschnüren wolle, äußerlich soll man mir nichts anmerken,
ich stehe Dir dafür. Nur vor der allerersten Begrüßung scheu' ich mich;
aber auch das geht ja rasch vorüber, und ich fürchte fast, die Frau
Gräfin wird mir das sehr erleichtern.«
Sie waren während dieses Gesprächs dicht an den Maulwurfsfänger
hinangekommen, der aber keinen Blick mehr auf sie warf und ruhig
sein Mahl beendete. Erst als sie dicht vor ihm standen und Felix ihn
anredete, sah er auf, und sein Blick haftete fest und wie erstaunt auf
dem lieben Antlitz der jungen Frau.
»Lieber Freund,« redete ihn indessen Felix an, »können Sie mir nicht
sagen, ob diese Fußspuren, die von einem Herrn und einer Dame herrühren
und ganz frisch sind, dem Grafen und der Gräfin Monford gehören? Es
wurde uns gesagt, sie gingen im Park spazieren.«
»Dort hinten können Sie noch in den Büschen das lichte Kleid der Gräfin
erkennen,« sagte der Mann, der aber in diesem Augenblick ganz sein
früheres mürrisches Wesen abgelegt zu haben schien. Wie seiner selber
unbewußt, zog er dabei die Mütze vom Kopf und starrte den ihren Weg
mit einem freundlichen »Danke!« Verfolgenden nach, als ob er eine
Erscheinung gesehen hätte.
»Wunderbar,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »hol' mich der
Teufel, wunderbar; und gerade in diesem Augenblick, genau so, als ob es
ein Geist gewesen wäre -- und gerade an der Stelle!«
Der dem jungen Paar folgende Diener kam gerade vorbei und nickte dem
unter dem Baum Sitzenden grüßend zu. Er war schon vorüber, ehe ihn der
Alte anrief:
»Ach, lieber Herr, können Sie mir nicht sagen, wer die junge, schöne
Dame da vorn war?«
»Meine Herrschaft, die Frau Gräfin Helene mit dem Herrn Grafen Rottack,«
sagte der Mann und ging weiter; und der Alte blieb kopfschüttelnd
in seiner Stellung und schnitt sogar ganz in Gedanken dem Hund die
Ueberreste seines Mahles entzwei, das ihm dieser, ohne daß er es
bemerkte, aus den Fingern herausnahm.
* * * * *
Rechts vom Schlosse und kaum hundert Schritt davon entfernt erhob sich
ein kleiner Hügel, auf dem in früheren Jahrhunderten ein alter, wie die
Sage ging, noch von den Römern gebauter Wartthurm stand. Der Platz
war jetzt mit zur Anlage gezogen, der alte Thurm aber mit seinen
unverwüstlichen Quadern im Eingange mit nicht geringer Schwierigkeit
erweitert und zu einer Aussicht über das darunter hinlaufende Thal
benutzt worden.
Es gab auch kaum einen Punkt in der ganzen Nachbarschaft, von dem man
einen freundlicheren Blick über das drunten ausgebreitete Haßburg mit
seinen Gärten und Anlagen und die dahinter weitgedehnten und meist
bepflanzten und bebauten Hänge gehabt hätte.
Um den alten viereckigen Thurm herum lief eine kleine, niedere und
mit Epheu dicht bewachsene Ringmauer, und selbst von hier aus waren
Einschnitte durch die aus dem Bergabhang stehenden Bäume gemacht und
die Zweige derselben künstlich so verschnitten worden, daß man wie durch
einzelne Medaillons einen Blick hinaus in's Freie gewann. Immer aber
blieb die Ringmauer zu hoch von Bäumen umgeben, um von hier unten aus
eine freie Aussicht zu gewähren, und der Platz, so reizend er an sich
sein mochte, wurde deshalb auch nur wenig benutzt. Höchstens dinirte die
Herrschaft manchmal, besonders an recht heißen Sommertagen, hier, und
hatte man Gäste, so wurde vielleicht der Kaffee dort eingenommen.
Sonst kam nur der Gärtner hin, der ihn in Ordnung hielt und manchmal
vielleicht die Aloepflanzen begoß, welche in den großen, aus Stein
gehauenen, vasenartigen Töpfen auf der Ringmauer standen.
Aber Paula besuchte den Platz zuweilen ebenfalls, und auch heute wieder
allein. Seit gestern wenigstens hatte sie mehr Freiheit bekommen. Der
Vater mußte mit der alten, häßlichen Französin gesprochen und ihr etwas
Unangenehmes gesagt haben; denn sie stichelte ein paar Mal darauf und
vernachlässigte seit der Zeit besonders ihren Zögling auffallend; Paula
athmete zum ersten Mal auf.
Sie kam allein den schmalen Weg herauf; aber für einen Spaziergang ging
sie fast zu rasch, und oben an dem Thurm blieb sie plötzlich stehen und
sah und horchte den Pfad zurück, ob ihr auch Niemand folge. Aber der
alte Thurm lag so einsam wie je, und um dessen Mauern herumgleitend,
trat sie zur dritten Aloevase an der Mauer, bog sich hinüber, fühlte
vorsichtig mit der Hand und zog gleich darauf ein kleines, rosafarbenes,
zusammengefaltetes Papier heraus, das sie zuerst an ihre Lippen drückte
und dann, wieder mit einem scheuen Blick über die Schulter, öffnete.
Es enthielt weder Adresse noch Unterschrift, und nur die wenigen Zeilen:
»Mein Herz! Ich muß Dich heut Abend zwischen neun und zehn Uhr, und wenn
es selbst noch später sein sollte, sprechen. Eine furchtbare Kunde ist
zu meinem Ohr gelangt, die mich zum Denken unfähig macht. Ich muß Leben
oder Tod von Deinen Lippen empfangen. Wann Du auch kommst, von neun Uhr
an harr' ich Dein.
Ewig der Deine.«
»Also er weiß es,« sagte Paula, wie sie nur mit flüchtigen Blicken die
Zeilen verschlungen hatte; »oh, mein Gott, was soll ich thun -- armer,
armer Rudolph -- arme, arme Paula!«
Das Papier noch in der Hand, lehnte sie an der Ringmauer, stützte den
Kopf in die Rechte und schaute mit thränengefüllten Augen in das Grün
der Bäume hinein.
»Und da steckt meine kleine Schwärmerin,« rief plötzlich dicht
hinter ihr eine laute, lachende Stimme, daß sie mit einem nur halb
unterdrückten Schrei emporzuckte und zugleich das verrätherische Papier
in der Hand zusammenknitterte. »Holla, und erschrickt sogar?« fuhr
dieselbe Stimme fort, und sie erkannte ihren Bruder George, der
mit Sporen und Reitpeitsche, wie er eben vom Pferd gestiegen, hier
heraufgesprungen war. »Was hast Du, Mädel -- und Thränen in; den Augen?
Das ist kein Gesicht für ein Bräutchen!«
Paula, nur im ersten Moment überrascht, hatte ihre Geistesgegenwart
schnell wiedergewonnen; von dem leichtherzigen und nichts weniger als
mißtrauischen Bruder brauchte sie auch keine Entdeckung zu fürchten. Ja,
wenn es ihr Drachen, Mademoiselle Beautemps, gewesen wäre!
»Ach, George,« sagte sie traurig, indem sie den jetzt fest
zusammengeknillten Brief in ihre Tasche brachte, »mir ist auch nicht wie
einer Braut zu Muthe, am wenigsten mit dem mir bestimmten Bräutigam. Ich
will ja noch nicht heirathen.«
»Das sollst Du aber auch gar nicht, närrisches Kind,« lachte George. »Du
hast ja beinahe noch ein volles Jahr Zeit, um Dir diesen »wichtigsten
aller Schritte«, wie der Papa sagt, gehörig zu überlegen.«
»Aber was kann ich noch überlegen, wenn ich verlobt bin? Oh Gott, ich
wollte, ich wäre ein armes, schlichtes Bauernmädchen, daß sich Papa und
Mama nicht so viel um meine Heirath bekümmerten.«
George lachte laut auf. »Und glaubst Du, da wäre es anders?« rief
der Bruder. »Da kennst Du unsere Bauern schlecht. Ist es ein
»Vierspänniger«, so dürftest Du nur auch wieder den Sohn eines
»Vierspännigen« heirathen, und wäre es gar ein »Sechsspänniger«, arme
Paula, da hättest Du eine noch schlimmere Etikette durchzumachen. Alle
Welt hält den Grundsatz oben: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«
»Den Ihr nach Eurer Art verdreht, Du und der Vater,« rief Paula heftig;
»ja, Gleich und Gleich gesellt sich gern, aber nicht _das_ Gleich, das
Ihr darunter versteht, Gold und Silber und der alberne Rang von Grafen
und Baronen, sondern gleiche Herzen, gleiche Gesinnungen, gleiche
Seelen, die Euch aber nicht gleich gelten; Herz, Seele, ja, das ist
Nebensache, das findet sich außerdem, das sieht man ja auch nicht, das
steckt inwendig und kommt deshalb auch nicht in Betracht; aber das
Geld, der Rang, ja, freilich, das sind Sachen, die in die Augen stechen,
wenigstens der Menge, und auf die muß geachtet, die muß berücksichtigt
werden!«
»Jetzt sieh Einer den kleinen Philosophen an,« lachte George, »wer hätte
das hinter dem Mädel gesucht!«
»Ach, laß mich zufrieden, Du spottest nur immer über mich!« »Nein,
Schatz,« rief George rasch, »das thu' ich nicht; aber sage mir im Ernst,
ob Du etwas gegen Hubert einzuwenden hast. Ist er nicht ein braver,
tüchtiger Cavalier, und hat er Dich nicht von ganzem Herzen lieb?«
»Nicht halb so lieb, wie seine Pferde und Hunde,« erwiderte Paula
bitter.
»Aber, Herzensmädchen, wie ungerecht Du jetzt bist,« rief George;
»Hubert ist ein seelensguter Mensch, ein bischen jähzornig, ja, und
daß er ein leidenschaftlicher Jäger und Reiter ist, wirst Du ihm doch
wahrlich nicht zum Vorwurf machen wollen, wo Dein Vater und Bruder
dieselben Leidenschaften theilen.«
»Aber deshalb soll ich ihn doch nicht etwa lieben? Er mag ja reiten
und schießen, so viel er will, ich wahrlich werde ihn nicht daran
verhindern. Aber weshalb muß er _mich_ aussuchen, _mich_ unglücklich
machen wollen vor allen Anderen?«
»Unglücklich, Paula?«
»Ja, unglücklich,« sagte das arme Mädchen, indem ihm die hellen Thränen
in die Augen traten; »ich will nichts von ihm wissen, ich will nicht
heirathen, am wenigsten Deinen Hubert, sag' ihm das!«
»Du bist ein Kind, Herz,« lachte George über den fast kindischen Trotz
der Schwester, »und kennst Hubert eigentlich noch nicht einmal genau.
Lerne ihn erst kennen, Schatz, und wenn Du dann wirklich eine nicht
zu besiegende Abneigung gegen ihn hast, dann will ich selber dem Vater
zuzureden suchen, daß er Dich frei giebt.«
»Und weshalb da jetzt die Verlobung?«
»Das ist eine Idee von Mama,« sagte George achselzuckend, »Und der
etwas auszureden, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, wird
außerordentlich schwer fallen; aber ich bin fest überzeugt, daß Du
glücklich mit ihm werden wirst.«
»_Du_ bist überzeugt davon?«
»Ja, Schatz; sieh nur Papa und Mama an. Der alte Gärtner Janus, der
jetzt schon vierzig Jahre in Papas Diensten ist, hat mir die Geschichte
selber einmal erzählt; die Mama hat den Papa auch damals nicht geliebt,
wie sie ihn heirathen sollte. Sie hat fortlaufen wollen und Gott weiß,
was -- und wie glücklich und zufrieden leben sie jetzt miteinander!«
»Die Mama hat den Papa auch nicht heirathen wollen?«
»Gott bewahre, mit Händen und Füßen soll sie sich gesträubt haben --
wahrscheinlich auch mit solchen phantastischen Ideen --, aber Großvater
war ein strenger Herr und ließ sich auf keine Unterhandlungen ein, und
der Erfolg bewies zuletzt, daß er doch Recht gehabt.«
»Und weißt Du, was ihr armes Herz dabei gelitten haben mag?« sagte Paula
mit tiefem Gefühl. »Könnt Ihr Männer in einer Frauenseele lesen?«
»Und ist der Vater nicht etwa brav und gut? Hat er sie nicht auf Händen
getragen sein Leben lang?«
Paula sah seufzend vor sich nieder und sagte leise: »Ach, Du verstehst
mich nicht, George!«
»Du verstehst Dich selber nicht, Herz,« rief George freundlich; »irgend
ein Phantasiebild, das Du Dir heraufbeschworen, soll Dir jetzt in die
Seele passen, und da es nicht paßt, fühlst Du Dich unglücklich. Komm,
mach' wieder ein freundliches Gesicht; wer von uns Allen ist denn
gewohnt, Dich traurig zu sehen, und wenn Du es bist, machst Du das ganze
Haus unbehaglich -- alle Wetter,« unterbrach er sich selber rasch, »da
kommt Besuch, das werden Rottacks sein! Vaters Kammerdiener sagte mir
schon, daß sie erwartet würden; komm lieber gleich mit hinunter, Du
wirst doch sonst geholt.«
»Geh' voran, George,« bat Paula, »mir sind die Augen noch roth; ich
komme gleich.«
»Aber mach' nicht zu lange; ich bin selber neugierig, unsere neuen
Nachbarn kennen zu lernen. Bei Boltens wurde schon von ihnen gesprochen.
Die Frau Gräfin soll eine ganz brillante Schönheit sein.«
»Geh nur voran, George, ich komme gleich nach,« sagte Paula und stand
noch ein paar Secunden, als sie der Bruder schon verlassen hatte, und
sah hinter ihm drein. Dann nahm sie den erhaltenen Brief aus der
Tasche, riß ihn in unzählige kleine Stücke und streute die vom Luftzug
fortgetragenen Fragmente über die Ringmauer in den Wald hinab. --
Während indessen Graf und Gräfin Monford ihre Wohnung betraten, meldete
ihnen schon einer der Diener, daß Graf Rottack und Gemahlin nach ihnen
gefragt, dann in den Park gegangen seien, um sie selber aufzusuchen,
und nun dicht hinter ihnen herkämen. Das junge Paar war in der That kaum
hundert Schritt hinter ihnen, und die beiden Herrschaften hatten nur
eben Zeit gehabt, sich in das Empfangszimmer zurückzuziehen, als ihnen
der Besuch auch schon gemeldet wurde.
Rottack betrat, Helene am Arm, den untern Saal, der, mit geöffneten
Flügelthüren und einer kleinen, wohlgepflegten Terrasse davor, einen
freundlichen, sonnigen Blick auf das weite Land bot. Graf Monford --
während die Gräfin vom Sopha, auf das sie sich in der Geschwindigkeit
niedergelassen, aufstand -- ging ihnen entgegen, reichte Rottack die
Hand und sagte herzlich: »Herr Graf, es ist unendlich liebenswürdig von
Ihnen, uns Ihre liebe Frau zugeführt zu haben. Frau Gräfin, ich schätze
mich glücklich, Sie in Haßburg, und noch dazu als Nachbarin begrüßen zu
können -- meine Frau!«
Gräfin Monford, welche die junge Frau beim Eintritte scharf fixirt
hatte, verneigte sich kalt und vornehm, und Helene, die sie fast mit
Ehrfurcht begrüßte, fühlte, wie ihre Kniee zitterten, und mußte alle
ihre Energie zusammen nehmen, um diese erste, oh, so verzeihliche
Schwäche zu besiegen. Aber sie war von Jugend auf daran gewöhnt worden,
sich zu beherrschen; sie wußte, wie nothwendig das besonders hier jetzt
sei, und wenn sie auch fühlte, daß das Blut wieder ihre Wangen für einen
Moment verließ, nahm sie sich doch tapfer zusammen und erwiderte sogar
ein paar Worte auf die Anrede des alten Herrn, freilich unbewußt, ohne
sich dessen klar zu sein, was sie eigentlich sagte.
Für einen solchen Fall sind unsere gesellschaftlichen Formen aber ganz
vortrefflich, denn nur mit dem passenden Ausdruck in den Zügen, darf man
wirklich unzusammenhängende Formeln schwatzen, um die nämliche Wirkung
zu erzielen, wie bei der vernünftigsten und durchdachtesten Rede. Was
für Unsinn wird manchmal bei solchen Begrüßungen mit der ernsthaftesten
Miene gesprochen, mit der ernsthaftesten Miene angehört und erwidert!
Es sind nur eben Worte, die man verlangt, auf den Sinn dabei kommt es
wahrlich nicht an.
»Sie sind erst ganz kürzlich hier in Haßburg eingetroffen?« wandte
sich die Gräfin Monford an ihren jungen Besuch, denn über etwas _mußte_
gesprochen werden.
»Gestern, Frau Gräfin,« erwiderte Helene und fühlte sich noch nicht
stark genug, das Auge zu der Frau zu erheben, während Felix, indem er
mit dem Grafen sprach, die Züge der Dame scharf und forschend musterte.
»Und Sie beabsichtigen, sich hier bleibend niederzulassen?«
»Ich hoffe so, -- die Gegend -- ist so unendlich ansprechend.«
»Da haben Sie Recht, meine Gnädigste,« lächelte der alte Herr; »es
sollte Ihnen schwer werden, in Deutschland einen _schöneren_ Punkt zu
finden, wenn es auch vielleicht noch viele eben so schöne in unserem
Vaterlande geben mag -- aber wollen die Herrschaften nicht Platz
nehmen?«
Die Damen setzten sich auf das Sopha, die Herren nahmen Stühle, und
das Gespräch wurde jetzt, da es an Stoff nicht fehlte, allgemein. Auch
Helene, da Felix und Graf Monford Theil daran nahmen und das Auge der
Gräfin nicht mehr allein auf ihr haftete, fühlte sich mehr erleichtert
und unbefangener.
»Aber Sie sind doch jedenfalls eine Deutsche, Frau Gräfin?« sagte Graf
Monford, als Helene eben von ihren Kindern erzählt und wie sie sich
gestern an dem Jahrmarkt gefreut; »Sie sprechen wenigstens vortrefflich
Deutsch, und man hört Ihnen nicht einmal einen Dialekt an.«
»Allerdings,« erwiderte Helene, tief erröthend, »ich bin in Deutschland
geboren, wenn auch größtentheils in einem transatlantischen Land
erzogen.«
»Sie haben übrigens recht gethan, von da drüben wegzuziehen,« sagte der
alte Herr; »mein Gott, muß das jetzt in dem Amerika eine Wirthschaft
sein! Der Krieg nimmt gar kein Ende und dauert doch schon über Jahr und
Tag.«
»Wir kommen nicht aus den nordamerikanischen Freistaaten,« erwiderte
Felix, »und haben, wo wir wohnten, wenig von dem Bürgerkrieg selbst
gehört. Unser Aufenthalt« -- und sein Blick ruhte dabei wie völlig
absichtslos auf der Gräfin -- »lag in Brasilien.«
»In Brasilien?« sagte diese fast unwillkürlich.
»Ei, das laß ich mir eher gefallen,« rief aber auch Graf Monford; »dort
sollen doch wenigstens geregeltere Zustände sein, wenn man sich eben mit
der vielleicht nicht immer angenehmen Hitze befreunden kann. Ich habe
selbst einen etwas weitläufigen Verwandten in Rio. Wo haben Sie gelebt?«
»In einer der südlicher gelegenen Colonien,« sagte Felix, einer
directeren Antwort noch vor der Hand ausweichend.
»In der That,« sagte der alte Herr, »dann freilich müssen wir Ihrer
lieben Frau Gemahlin um so dankbarer sein, wenn sie von unserer Gegend
befriedigt ist, denn mit den Tropen können wir uns allerdings nicht
messen. Aber schön ist es trotzdem hier bei uns; bitte, Frau Gräfin,
treten Sie einmal hier auf die Terrasse und sehen Sie, wie allerliebst
das alte Haßburg da unten liegt; dort rechts hinüber glaub' ich auch
sogar, daß man das Dach Ihres eigenen Hauses von hier erkennen kann,
auch ein Stück vom Hause selbst. Ah, da kommt auch George -- mein Sohn
-- Gräfin Rottack.«
Helene war mit dem alten Herrn vor das Haus auf die offene Terrasse
getreten, um sich die Aussicht zeigen zu lassen; ergriff sie doch selber
mit Freuden die Gelegenheit, gerade jetzt, wo Brasilien zuerst genannt
worden, hinaus an die freie Luft zu treten, um sich durch keine
Bewegung, durch kein Erröthen zu verrathen.
Auch die Gräfin Monford war aufgestanden und mit ihr Felix, um den
Beiden zu folgen; aber sie zögerte noch. Es lag ihr eine Frage auf der
Zunge, die sie sich scheute auszusprechen, und doch mußte sie gethan
werden. Graf Rottack bemerkte dabei, daß etwas sie beunruhige, aber
er hütete sich wohl, ihr entgegen zu kommen. Die Gräfin durfte jedoch
diesen einen Moment, wo sie sich mit dem Fremden gewissermaßen allein im
Zimmer befand, nicht unbenutzt vorübergehen lassen, und sich, schon
im Begriff, auf die Terrasse zu gehen, noch einmal zu dem jungen Mann
wendend, sagte sie mit so gleichgültigem Ton als möglich:
»Wie hieß die Colonie, wo Sie gewohnt haben, Herr Graf?«
»Santa Clara, gnädige Gräfin,« erwiderte Felix, sich leicht verbeugend;
»meine Helene ist die Tochter der dort ansässigen Gräfin Baulen.«
»In der That?« hauchte die Gräfin und blieb einen Moment mit der Hand
auf den Stuhl gestützt, an dem sie eben vorüber wollte, stehen; aber
es war auch nur ein Moment. »Ah, da kommen meine Kinder,« sagte sie;
»bitte, Herr Graf, wollen Sie nicht hinaus auf die Terrasse treten?«
Sie ging langsam voran hinaus, und Rottack ließ ihr hier absichtlich
Zeit, um sich vollständig zu sammeln, indem er vorher dem jungen Grafen
George und dessen Schwester Paula vorgestellt wurde und sich freundlich
mit ihnen unterhielt.
Und Helene stand Paula gegenüber, die mit ihren treuen, kindlichen Augen
fast scheu zu ihr aufsah. Oh wie gern hätte sie das liebe, holde Kind
an sich gezogen, fest, fest in ihre Arme, und mit dem theuren, noch nie
gebrauchten Schwesternamen genannt! Wie lieb und gut sie aussah, und wie
traurig doch und ernst -- war denn auch schon in dieses junge Herz die
Sorge, der Kummer eingekehrt? Sie vermochte auch nicht, es hier bei der
kalten üblichen Form zu lassen, und auf das junge, sich schüchtern vor
der hohen, edlen Gestalt neigende Mädchen zugehend, schloß sie Paula
halb in die Arme und küßte sie auf die Stirne.
Und die Gräfin?
Felix hatte mit den beiden Grafen Monford an der Terrasse gestanden,
über das Land hinausgesehen und das Treiben in der unter ihnen liegenden
Stadt beobachtet. Jetzt wandte er sich wieder der Gräfin zu und ertappte
sie gerade, wie ihr Blick ernst und forschend, aber ohne das geringste
Zeichen innerer Bewegung an Helenen hing. Kaum fühlte sie aber, daß des
jungen Grafen Auge auf ihr haftete, als sie sich diesem zuwandte und,
mit zu der Terrasse tretend, ihn in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise auf
die einzelnen Schönheiten der Scenerie aufmerksam machte.
Keine Spur von Befangenheit war dabei in ihr zu entdecken, kein Zeichen
einer innern heftigen Bewegung, wie eine solche Entdeckung, als die
eben gemachte, sie eigentlich doch hervorgerufen haben sollte. Sie
war vornehm, wie immer, wenn auch gesprächiger, als sie sich bis jetzt
gezeigt, und Graf Rottack konnte und wollte seinen Besuch auch nicht
über die gewöhnliche Zeit hinausdehnen. Der Same war jedenfalls geworfen
und das Korn mußte Früchte treiben.
Nicht lange danach empfahlen sich die jungen Leute der gräflichen
Familie, wobei der alte Herr noch den Wunsch aussprach, daß sie öfter
zusammenkommen möchten; die junge Frau hatte jedenfalls einen sehr
günstigen Eindruck auf ihn gemacht, wie sie sich im Sturm schon Paula's
Herz erobert. -- Der Wagen fuhr vor, und bald rollte das leichte
Fuhrwerk mit ihnen wieder in die Stadt zurück.
8.
Fräulein Bassini.
Eine lange Weile saßen die beiden Gatten schweigend neben einander im
Wagen. Es war ordentlich, als ob sich beide scheuten, ein Gespräch zu
beginnen. Endlich sagte doch Helene mit leiser Stimme:
»Sie ist eine recht, recht stolze Frau -- oh, es wird schwer halten,
dieses Herz zu bezwingen!«
»Meine arme Helene!«
»Ob sie nicht ahnte, daß ich ihr näher stehen könnte, als sie erfuhr,
daß wir aus Brasilien kämen?«
»Liebes Herz,« sagte Felix leise, »sie weiß jetzt, daß Du ihre Tochter
bist...«
»Sie weiß es?« rief Helene erschreckt.
»Ich habe ihr den Namen jener Frau genannt.«
»Und doch so kalt, doch so hart!«
»Beruhige Dich darüber, Helene,« sagte Felix freundlich; »Anderes
konnten wir für diese erste Zusammenkunft kaum erwarten. Die
Ueberraschung war zu groß -- ich sah ihr an, daß sie Mühe hatte,
ihre Fassung zu bewahren, was sie allerdings mit einer mir selber
unerklärlichen Seelenstärke möglich machte. Laß ihr jetzt Zeit, das
Gehörte still und allein, und von keinen äußeren Eindrücken gestört,
zu überdenken. Laß sie erst mit sich selber in's Reine kommen, und sie
selber wird Dich dann aufsuchen -- sie muß es ja thun, wenn sie nicht
jedes Gefühls bar sein sollte!«
»Und wenn sie es nicht thut, Felix?«
»Wozu uns jetzt mit einer Unmöglichkeit absorgen? Sie wird es
sicherlich, mein Kind.«
»Und wenn sie es _nicht_ thut?«
»Dann versuchen wir das Letzte, dann fordere ich für Dich eine
Unterredung mit ihr -- eine Ausrede, dem alten Herrn gegenüber, ist bald
gefunden -- und die kann und wird sie Dir nicht weigern. Dann aber
ist sie auch nicht im Stande, Dir zu widerstehen, deß bin ich fest
überzeugt. Liegst Du erst einmal an ihrem Herzen, dann läßt sie Dich
auch nicht wieder, noch dazu, wenn sie erfährt, daß ihr Geheimniß in
sicheren und treuen Händen ruht; daß Du nichts, nichts auf der weiten
Gotteswelt von ihr verlangst, als ihre Liebe...«
Der Wagen hatte indessen die kurze Entfernung zurückgelegt, und während
er in den Garten einfuhr und vor dem Hause hielt, sahen sie, daß sich
Jeremias schon eingefunden und mittlerweile mit den Kindern beschäftigt
hatte. Er spielte Kutsche und Pferd mit ihnen, und während er die
vor Vergnügen zappelnde kleine Helene auf dem Arme trug und dabei
den Kiesweg entlang galoppirte, hatte ihn Günther hinten an beiden
Rockschößen und rief Jüh! und Hoh! und suchte ihn bald links, bald
rechts einzulenken.
Nur wie die Eltern in den Garten einfuhren, ließ der Kleine los und
sprang dem Portale zu, um der Erste zu sein, der sie begrüßte, und
Helenchen streckte ihnen ebenfalls, in lautem Jubel aufkreischend, die
Aermchen entgegen, so daß Jeremias jetzt wohl oder übel seinen noch
nicht unterbrochenen Galopp dorthin lenken mußte.
»Haben Sie lange auf mich gewartet, Jeremias?« rief ihm der junge Graf
entgegen.
»Eben im Augenblick hat es erst Zwei geschlagen,« sagte Jeremias, der
indessen die Kleine der Mutter hinreichen mußte, »und das wilde Völkchen
hier hat mich tüchtig in Athem gehalten.«
»Und sind Sie jetzt bereit?«
»Wollen Sie wirklich noch mit mir gehen?«
»Gewiß, das ist ja eine verabredete Sache -- haben Sie denn die Wohnung
indessen aufgefunden?«
»Sie ist gar nicht weit von hier, gleich in der nächsten Straße.«
»Schön, Jeremias -- ich will nur meinen Ueberrock anziehen, und dann
gehen wir zusammen.«
Er war auch in wenigen Minuten wieder im Garten und schritt mit
Jeremias, der sich unterdessen Helenen empfohlen, auf die Straße hinaus
und dem bezeichneten Hause zu.
Unterwegs wurde wenig gesprochen, Felix war noch mit seinen eigenen
Gedanken beschäftigt -- er arbeitete gegen die Furcht an, welche heute
das kalte, gefaßte Benehmen von Helenens Mutter in ihm wach gerufen,
seiner armen Frau wegen, und Jeremias fühlte sich noch viel mehr von dem
Gedanken dieses ersten Begegnens niedergedrückt; denn wenn es auch ein
schönes und erhebendes Gefühl sein mag, einen begangenen Fehler wieder
gut zu machen, eine alte, langjährige Schuld abzutragen, ist doch auch
das Bewußtsein drückend, dabei einzugestehen, daß man eben schlecht und
leichtsinnig gehandelt und Reue über das Vergangene fühle.
So hatten sie, rascher als Beide selber geglaubt, die Strecke
zurückgelegt, die sie von dem von Jeremias bezeichneten Hause trennte,
und hier blieb der kleine Mann plötzlich stehen, drückte sich unter die
Thür und sagte:
»Mir ist genau so zu Muthe, als ob ich mir einen Zahn wollte ausreißen
lassen -- Hurrjeh, ich wollte, die Geschichte wäre erst vorüber!«
»Wohnt sie hier?«
»Ja, zwei Treppen hoch; ich habe mich genau erkundigt, bin auch gestern
hier schon ein paar Mal vorbeigegangen, habe aber nichts gesehen, als
einen orangefarbenen Shawl oder Morgenrock, der da oben an dem einen
Fenster mehrere Male hin und wieder fuhr.«
»Also gehen wir hinauf.«
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen, Herr Graf, und warten Sie noch
einen Augenblick,« bat der kleine Mann, »daß ich erst noch Luft
schnappen kann -- mir ist die Kehle wie zugeschnürt.«
Felix lächelte und blieb, während sich Jeremias den hellen Schweiß von
der Stirn trocknete, neben ihm stehen. Endlich faßte sich dieser doch
ein Herz -- was half es auch, wenn er länger zögerte, geschehen mußte es
doch -- also vorwärts!
»Ein Heidenglück ist's, daß Sie bei mir sind,« flüsterte er dem jungen
Grafen zu, »denn allein hätt' ich's nicht zuwege gebracht. Ich wäre,
hol' mich Dieser und Jener, wieder fort und erst noch einmal um die
ganze Stadt gelaufen!«
»Sie hätten vorher ein Glas Wein trinken sollen!«
»Ich habe eine ganze Flasche getrunken,« sagte Jeremias, »nur um Courage
zu kriegen, aber es hilft ja nichts -- es war, als ob man Wasser auf
einen heißen Stein gösse, es zischte ordentlich. Na, meinethalben, jetzt
muß die Bombe platzen, und nun kommen Sie, Herr Graf, jetzt wollen wir
Sturm laufen!«
Damit öffnete er entschlossen die Hausthür und betrat den innern Raum.
Es war ein kleines, unansehnliches Haus, altmodisch gebaut wie die
meisten der älteren Häuser von Haßburg, unten mit einem mit Steinplatten
belegten schmalen Vorplatz, auf dem noch eine dort aufgestellte
Wäschrolle den größten Theil des Raumes in Anspruch nahm. Rechts unten
wohnte ein Schuster; die Thür der Werkstatt stand, des warmen Tages
wegen, offen, und man konnte den Meister mit einem Gesellen und einem
Lehrling drinnen arbeiten sehen, während ein ungesunder, warmer Dunst
von dort auf den kühleren Vorplatz herausdrang.
»Wie hieß die Dame gleich?« fragte Rottack leise seinen Begleiter.
»Bassini,« flüsterte dieser zurück.
»Können Sie uns sagen, ob hier eine Dame Namens Bassini im Hause wohnt?«
fragte der junge Graf, artig seinen Hut lüftend, in die Stube hinein.
»Eine vom Theater?« nickte der Meister -- »ja, oben, zwei Treppen hoch.«
»Sein Sie aber so gut und putzen Sie sich erst die Stiefeln ab,« sagte
eine Frau, die von der Seite her, mit einem großen Topf in der Hand,
wie aus einer Coulisse heraus zum Vorschein kam, -- »ich habe gerade die
Treppe gescheuert.«
Felix machte lächelnd eine zustimmende Verbeugung, nahm dann die
befohlene Operation auf das Aengstlichste an einem dort liegenden, schon
sehr abgetretenen Strohteller vor, und stieg nun, während Jeremias unten
seinem Beispiel folgte, langsam die noch feuchten, dunstenden Stufen
hinauf.
Jeremias würde sich mit Vergnügen den ganzen Nachmittag da unten die
Stiefel abgetreten haben, wenn er nur nicht mitgemußt hätte -- aber es
ging doch zuletzt nicht anders.
Auf dem niedern Vorsaal der ersten Etage befanden sich zwei Thüren;
an einer war mit vier Nägeln ein Papier befestigt, das die deutlich
geschriebene Aufschrift trug: »G. Borsig, Schneidermeister«; an der
andern befand sich ein kleines Messingschild -- dort wohnte ein Graveur.
Die alte hölzerne Treppe knarrte entsetzlich, aber sie stiegen auch
jetzt die zweite hinan und fanden hier, gerade wie unten, wieder zwei
Thüren, ohne daß die Inwohnenden es jedoch der Mühe werth gehalten,
ihren Namen außen kund zu geben. Bewohnte Fräulein Bassini die ganze
zweite Etage? Jeremias wußte es nicht, und es blieb nichts weiter übrig,
als an die erste beste Thür zu klopfen und sich dort zu erkundigen.
Graf Rottack hatte einmal die Leitung übernommen, Jeremias war für den
Augenblick vollkommen willenlos, und deshalb, wie er sich nur einen
Moment in dem beengten Raum umgesehen, klopfte er auch an die nächste
Thür herzhaft an.
»Herein!« rief eine laute Stimme.