»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt den ganzen Tag über
den Büchern.«
»Ich mag ihn nicht.«
»Warum? Er ist ganz unschädlich.«
»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter überrascht? Er ist zu
allem fähig.«
Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den Burschen wie einen
Hasen zusammen.« Leo atmete schwer; ein Schauer überlief ihn.
»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend abzusagen, hat er
mich von oben herab behandelt, als wäre ich ein kleines Kind«, sagte er.
»Das sieht ihm ähnlich.«
»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit Hochachtung auf sein
Geschwätz hören sollen, weil er um ein paar Jahre älter und nicht mehr
im Gymnasium ist wie ich; da kann er lange warten.«
»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.«
»Er ist mehr als stolz.«
»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so gestellt, daß er ein
Recht hätte, auf dich herunterzuschauen. Er soll froh sein, wenn die
Tiedemanns mit ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen; dann
wird er dich anders behandeln.«
»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht ebenbürtig an. Weißt
du, was er zu mir sagte? Er verstünde uns nicht, vor allem dich und
mich, daß wir nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas ernste
Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir sollten die Kunst,
geistige und menschliche Interessen fördern, und nicht in Schichten
eindringen wollen, die uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er
meinte dich damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu
bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den Armen viel Gutes
erweisen könnte. Aber er wüßte schon, warum wir es täten. Es sei die
Angst des Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns kein
Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben Passionen hätten
wie sie ...«
»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden, »ich habe keine Lust,
das dumme Geschwätz von dem unreifen Laffen, der uns um unser Geld
neidisch ist, anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte
Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm, um das Leben
richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit aufgerissenen Augen auf seinen
ärgerlichen Bruder und schüttelte nachdenklich den Kopf:
»Es hat doch etwas für sich.«
Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl verrückt? Auf dich
macht alles, was du noch nicht gehört hast, einen Eindruck.«
»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand im
allgemeinen sagte, ist nicht so dumm. Er meinte, er stellte sich
deinen Beruf so schön und edel vor; in seinen Augen gäbe es nichts
Größeres, als internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten und
Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den rechten Zeigefinger an
die Unterlippe. Nach einer Weile, die Fred mit Räuspern und Husten
gefüllt hatte, fuhr er leise fort:
»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren und sich seiner Mission
bewußt zu sein, die man in der modernen Kultur zu erfüllen hat. Das
habe ich mir oft selber gedacht.«
Fred Tiedemann lachte:
»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir wünschen, dich mit
Gerhard herumstreiten zu müssen und auf die Börsenberichte wie auf
eine Offenbarung Gottes zu warten, du würdest bald anders von der
‚Kulturmission’ denken, wie du es nennst.«
»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen. »Glaubst du, ich
hab' unrecht?«
»Darüber gibt es doch nichts zu reden.«
Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein.
»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?«
»Da zweifelst du noch?«
Nun lachten beide.
»Was willst du denn den ganzen Abend allein machen?«