Sie schwiegen.
Ihre Blicke hingen ineinander.
Dann sagte Hilde: »Was macht Ihre große Arbeit?« Er senkte den Kopf
und gab keine Antwort. Sie sprach weiter: »Sie haben mir versprochen,
damals, als wir das erstemal uns näher traten: Sie wollten ein Werk
schaffen, das zeigen sollte, daß Sie mehr könnten als die anderen.«
In herber Enttäuschung schüttelte sie den Kopf. »Ich habe so darauf
gewartet, von Tag zu Tag, und nun? ...« Ihre Stimme verhallte.
T. A. Hansen saß regungslos; dann sah er auf. In seinen grauen Augen
glimmte ein Funke. »Ich hab' nicht gewußt, daß _Sie_ darauf warten.«
Seine Stimme gewann an Festigkeit. »Sie dürfen nicht schlecht von mir
denken, Hilde, nur das nicht. Ich kann eben kein Beamter der Kunst
sein. Es wird so viel geschaffen, um das sich niemand kümmert, daß
es einem um sein Werk leid sein kann. Die Handwerker in meinem Fach
sind im Vorteil. Sie malen Porträts von reichen Leuten und leiten
davon ihr Selbstvertrauen her; sie werden dadurch »bekannt«. Ich habe
durchgekämpfte Stunden künstlerischen Zweifels, die anderen haben Geld
und Konnexionen. Was gilt in den Augen der Welt mehr?«
»In meinen Augen -- das Ihre.«
Er atmete aus voller Brust und bohrte den Blick in ihr erregtes
Gesicht, als müsse er sich dort Mut holen.
Dann sagte er: »So will ich's wagen -- aber Sie dürfen mir nichts
verschweigen, Hilde, ja, nichts? Sonst ist's Verrat an mir selbst.«
»Ich habe nichts zu verschweigen. Ich habe nur den Willen, daß Sie mit
Ihren reichen Mitteln den anderen zeigen, was Sie können, dann bin ich
belohnt.«
Seine Hand umspannte krampfhaft die ihre; mit fester Stimme sagte er:
»Sie sollen nicht getäuscht werden, aber ich muß voll an Sie glauben
und muß von Ihnen das Recht haben, zu jeder Stunde meiner Arbeit an Sie
denken zu dürfen. Darf ich das, Hilde?«
Sie nickte mit feuchtem Blick: »Ja, Hansen, das dürfen Sie, und ich
will's auch tun.«
»Nun hab' ich Riesenkraft ...«
Er sah sich um: mit unsicherem Schritt kam Roller auf sie zu; er trug
auf einer Tablette mehrere gefüllte Kognakgläser.
»Gefällig?«
»Danke.«
»Ich danke«, sagte auch Hilde.
»Bleibt mir mehr!«
Er goß hintereinander den Inhalt mehrerer Gläser hinunter, mit stieren
Augen klopfte er wohlwollend Hansen auf die Schulter; er fühlte sich
dem Karikaturenzeichner weit überlegen: »Junger Mann, Sie haben kein
Ideal, suchen Sie sich eines, ein Künstler muß ein Ideal haben ...«
»... Und wenig saufen«, es war Hansens unverschämtester Blick, der
dem verblüfften Modemaler ins Gesicht lächelte, »sonst wird die Hand
unsicher ...«
»... Na Kinders, wie geht's,« Heinz Behrens klopfte sein Töchterchen
derb auf die Wange, »macht der junge Herr seine Sache gut?«
Leo Tiedemann war wütend: daß nette Mädchen stets solche Väter haben
mußten! Er hustete und sah mißvergnügt gegen das Klavier, wo Lecart
eben Frau Brunn-Bennigsen auf den vollen Arm küßte. Klaus Tiedemann saß
müde in einer Ecke und lächelte verbindlich, wenn er angesprochen wurde.
Er war schläfrig und sehnte sich nach Ruhe.
Jan Wolny strich an der Nische vorüber, in der sich seine Mutter mit
Fred Tiedemann unterhielt:
Er kannte das hungrige Lachen, er hatte es schon einmal gehört, kurz
bevor sein Vater in den Tod gegangen war.
Die nächsten Tage eilten vorüber. Fred Tiedemann hatte eine Unmasse zu
tun. Wenn die Wohltätigkeitsveranstaltung gelingen sollte, benötigte
sie viel Arbeit. Drei Herren im Bureau hatten die beiden letzten
Wochen nur für sie zu arbeiten, zum unaussprechlichen Aerger des alten
Görnemann. Gerhard zuckte die Achseln und dachte der Worte, die Fürst
Solt zu ihm gesprochen hatte:
»Ich glaube, unseren meisten reichen Kaufherrensöhnen fehlt
die Erfahrung harter Arbeit. Darum sind sie nur Nutznießer des
väterlichen Erbes. Sie gehen in unseren Kreisen auf. Statt in die Welt
hinauszuziehen und sich dort ihre eigene Erfahrung zu sammeln ...«
Klaus Tiedemann war schwer verstimmt. Er saß Stunden allein zu Hause
und grübelte vor sich hin.
Er hatte Angst um Leo.
Fast täglich kam der Arzt.
Hilde war nach der Gesellschaft, die bis in den frühen Morgen gedauert
hatte, hinübergegangen in das Zimmer ihres jüngeren Bruders um ihm, wie
es ihre Art war, neue Wäsche für Sonntag herzurichten.
Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend gefunden.
Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und hatte sie gebeten, Papa
und den anderen nichts zu sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und
darauf bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen würde.
Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann, welcher mit
ängstlichem Gesicht neben ihm stand: »Der Bursche ist rasch gewachsen
und frühreif. Von Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist
Vorsicht am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause, und sehen Sie
darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich glaube, er hat schon zu viel an die
Weiber gedacht.«
Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße, auf der gerade Gerhard
in strotzender Gesundheit daherkam, und ging mit einem leichten Gefühl
des Hasses zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen.
Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu ihm offen, damit er
alles hörte, was neben ihm vorging; darauf hatte ihn Hilde gebracht!
Zweitens durfte Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein
Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das Fest nächsten
Sonnabend mit inbegriffen! Drittens: bat er ihn mit innigen Worten,
verläßlich zu sein und sich zu schonen, auch nichts hinter seinem
Rücken anzufangen, was seiner Gesundheit schaden könnte; dann gab er
ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der Stadt eine Ueberraschung zu
kaufen.
Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos Art besser kannte
und seinen wilden Trotz, der gerade das unternahm, was ihm am meisten
widerraten wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon öfter
solche Schwächeanfälle gehabt hatte.
Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er sah, daß diesmal sein
Vater fest blieb und das Fest unwiderruflich für ihn verloren sei, gab
er zu, bereits seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er hatte
es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst zu berauben,
und anderseits hatte er geglaubt, es würde von selbst vorübergehen.
Sein Vater saß Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner
Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein erfuhr
häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis kam; es war mehr als
schlecht und stellte überhaupt in Frage, ob Leo zur Schulprüfung
zugelassen würde. In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich
nicht mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe
bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein Jahr war lang und
Klaus Tiedemann war schwer in seinem Sohne getroffen. Auch Fred war
nicht glatt durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen, aber
Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte man den Leuten sagen
als Entschuldigung?
Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker. Er wußte, daß
Vater auf die Schulmeister, wie er sie nannte, nicht gut zu sprechen
war; so erzählte er denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie
an der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen hatte sich
einer seiner Mitschüler.
Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit nur die
allernotwendigste Schulbildung genossen hatte; alles andere hatte er
sich selbst im Leben angeeignet. So trug er begreifliche Mißachtung
gegen zünftiges Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf und gab
seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr, was war das; wenn ihm der
Bursche nur wieder gesund wurde!
Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten Mittel, das
er für sich selbst nie und nimmer angewendet hätte: er stellte ihm vor,
daß er reich sei, einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich
keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen.
Es war wenige Stunden vor Beginn des Festes. Fred Tiedemann stand in
seinem Zimmer und ordnete seine Maskerade. Leo saß rittlings auf einem
Sessel und sah mißmutig auf einen Haufen in die Mitte des Zimmers
geworfener Kleider. »Zu blöde,« er schüttelte den Kopf, »daß ich nicht
mit kann!« Als Fred, der vor dem Spiegel in die Betrachtung seines
Selbst versunken war, keine Antwort gab, stieß er ihn unsanft an: »Du,
hörst du?«
Aergerlich fuhr Fred, Kamm und Bürste in Händen, herum: »Jetzt schau'
meinen Scheitel an; nun kann ich nochmals anfangen.«
»Du hast doch Zeit.«
»Wieso denn?« Fred sah rasch nach der Uhr. »Ich muß auch noch Papa und
Hilde antreiben, daß sie fertig werden ...«
»Glaubst du, daß sie Olthoff mag?«
»Einstweilen ist's noch zum Aushalten, aber er wird sie schon kirre
machen. Er versteht, mit Weibern umzugehen.«
Nachdenklich sah Leo zur halbdunklen Zimmerecke: »Ob sie nicht zu fest
an Hansen hängt?«
»Der wäre der Richtige!« Fred Tiedemann lachte. »Damit wir noch so
einen in die Familie bekommen wie den Gerhard! Na,« er zog die Krawatte
zu, »das Geld würde dem schon passen, das haben ‚Künstler’ gern.« Er
lachte geringschätzig.
Lebhaft widersprach Leo: »Nein, Fred, wenn ich alles von Hansen glaube,
darauf gibt er nichts.«
»Na, nichts Gewisses weiß man nicht.« Fred strich den Schnurrbart. »Ich
habe gegen solche biederen Gestalten Mißtrauen ...«
Leo schüttelte den Kopf und schwieg. -- Nach einer Weile sagte er: »Du,
Fred, beinahe hätte ich es vergessen: Gerhard war vor einer Stunde
hier, um mit Papa zu sprechen.«
»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der andere hielt in seiner Toilette
inne und wartete gespannt auf Antwort.
»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag kommen.«
»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!« vor sich hin, er
mußte es ja kennen als Reserveoffizier der Husaren, dann meinte er
nachdenklich: »Hoffentlich schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.«
»Was hat es denn gegeben?«
»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo es ihn nichts angeht!
Lecart nimmt unsere Firma jetzt stark in Anspruch, weil er in größere
Unternehmungen verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht. Immer ist
er derjenige, der warnt und lieber fremden Leuten als unseren eigenen
Verwandten borgen möchte. Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er
hielt inne und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter ihm
steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts zu unternehmen
getraut; der hetzt ihn und schickt ihn ins Vordertreffen.«
»Warum läßt du dir's gefallen?«
»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden haben, auf den ich mich
verlassen kann: ich werde mich doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft
setzen, dazu bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf die
zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere auf die Marmorplatte
des Waschtisches fallen. »Ueberdies, ich kenne auch niemanden von den
Angestellten, ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den Alten
zumindest noch ein Jahr brauche.«
»Wenn er es nicht merkt?«
»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er der einzige mit
überseeischen Erfahrungen ist: denn Görnemann kann man heute darin
nicht mehr rechnen. Darum nimmt er sich so viel heraus.«
»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich und gähnte. »Was habt
ihr denn mitsammen gehabt?«
Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen Auftritts lauter
als sonst: »Er will mir vorschreiben, wem ich Pensionen zahlen soll.
Da ist so ein Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt
tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott, wenn ich's nicht
habe, dann kann ich's halt nicht machen! Ich habe ihm einen Monat
Urlaub geben wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er auch
kein Gehalt, das ist doch klar -- das ist überall so; dann könnte er
nicht gehen, hat er gesagt, also soll er dableiben. Kommt der Gerhard
herein und stellt mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte,
was ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind hat, daß er
in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht schonen kann, redet von
Zusammengehörigkeitsgefühl, das Chef und Personal verbinden muß, und so
weiter,« Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz, putzt
mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis wäre.«
»Nun, und du? ...«
»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter Miene
den Kopf, »so schnell kommt mir der nimmer.« Wieder übermannte ihn
der Aerger der letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat?
Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im kleinen sparen, ich
hätte keine Ahnung von modernem Geschäftsgeist; es sei besser, einem
Skontisten, der sich für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das
Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem so niemand was
habe.«
»Das mußt du Papa erzählen.«
»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart werden ...«
Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung. »Na, wie bin ich?« Er
pflanzte sich breit vor seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau
Luna werben kam. Baronin Wolny war die Luna!
Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos, warte,« er richtete
ihm eine silberne Schnalle zurecht, »nun bist du fertig.«
»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?«
»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen Gesicht des Gefragten.
»Was hätte es mir schaden sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß
schon,« Leo ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!«
»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt auf die Wolny.«