»Gut, wie es eben einer alten Frau gehen kann, die mich zum Sohn hat.«
Hilde wurde verlegen:
»Sie machen sich noch immer gern schlecht.«
Er lächelte:
»Ich bin kein Heiliger; fragen Sie nur die da hinten,« er machte eine
geringschätzige Kopfbewegung nach der übrigen Gesellschaft, »wofür mich
die halten!« Hansens überlegene Ruhe, die er sonst stets zur Schau
trug, war einer bitteren Stimmung gewichen.
»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.«
»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft. Es gehört
eine verflucht gute Laune dazu, stets als das ausgestoßene Schaf
herumzulaufen.«
»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn mit forschenden Augen
an. »Sie sagten doch immer: ‚nie hat die Menge recht’.«
Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde, und doch tut es mir von
mancher Seite weh, so behandelt zu werden; ich bin für viele nur der
Lump. Ich gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger
Charakter, weil ich mein Vergnügen daran finde, den Leuten ihre
schlechte Seite vorzuhalten, und doch hat alles andere weniger Wert.«
Er senkte den Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren?
Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben wieder vereinigen,
zu einem Gesamtbild. Wenn man das tut, so ist's Karikatur, und als
solche minderwertig; wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne
Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge unterscheiden
sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich es eben und bleib' drinnen
stecken.« Er lächelte bitter. »Mit der Zeit werden Sie schon auch noch
anders von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's tun.«
»Warum ich?«
»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer derselbe bin, als
der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus kam: der Vielversprechende, der
nichts hält.«
»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in meiner Gegenwart.« Er
sah auf und erschrak. In Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte
sie diese zurück.
»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, in die
sie ihre eiskalten Finger legte. »Ich habe mich gehen lassen, weil ich
mich vorhin über Leo ärgerte.«
»Was war's?«
»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war heute anders mit mir
als sonst. Geschraubt und hochmütig, als wäre es eine Auszeichnung,
wenn er überhaupt mit mir spricht.«
»Da kann Leo nichts dafür ...« Sie schwieg in heißer Verlegenheit.
»Ich weiß,« er suchte ihr die unangenehme Antwort abzunehmen, »ich
weiß, daß er nichts dafür kann, aber trotzdem: er war einer, der
an mich glaubte, wenn er auch noch ein Kind war; es tut immer weh,
Anhänger zu verlieren, wenn man wenige hat.« Er sah ihr fest in die
Augen. »Ueberhaupt, es ist so vieles bei Ihnen anders geworden.«
»Sie dürfen von Papa nicht schlecht denken.«
»Das tue ich nicht, Fräulein Hilde; sonst würde ich nicht darüber
sprechen; aber leid ist mir um ihn, daß er sich so beeinflussen
läßt und nicht sieht, wohin das führt. Warum zieht er solche Leute
ins Haus,« seine Stimme klang aufgeregt, »wie den Olthoff, dem die
Spekulation auf Sie ins Gesicht geschrieben steht, die Wolny, die
stadtbekannt ist wegen ihres Lebens, und noch viele andere?«
Sie war blutrot geworden: »Was sollen die Leute schaden, wenn nur wir
stark bleiben?«
Er sah sie mit forschenden Blicken an: »Wenn! Wir? Wer sagt, daß Sie's
bleiben? Ihre Schwester hat Lecart geheiratet, trotzdem ich jemanden
kenne, der heute noch für sie stirbt.« Sie lenkte ab.
»Sie verkehren noch mit Gröden?«
»Wir sind jeden Tag beisammen; er hat Karriere gemacht und hat es noch
immer nicht vergessen, daß er Klaus Tiedemanns Schwiegersohn nicht
werden konnte, weil er ein armer Architekt war.«