Die Tür ging auf.
Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibül, dessen Wände mit alten Waffen
geschmückt waren; Nikolai Apollonowitsch sah höchst desperat aus; er riß
sich seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Fülle flachsweißer
Haare gab dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich
angeborener Starrsinn ausprägte, einen etwas milderen Schimmer (selten
begegnet man solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nüance findet man nur
bei Bauernkindern, besonders in Weißrußland); kalt, trocken, deutlich
zeichneten sich die Linien des weißen Gesichtes, als er nachdenklich einen
Moment lang vor sich hinsah, und es ähnelte den Gesichtern auf den
Heiligenbildern.
Auf einmal übergoß es sich mit Röte; und er flog rasch, ein wenig hinkend,
den nassen zerdrückten Überwurf über den Schultern, die teppichbelegten
Stufen hinauf. Er hüstelte; er -- keuchte; er zitterte, als hätte er
Fieber: gewiß, man steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam
genug sah er aus: hinkend, mit gekrümmtem Rücken und in einem Rock, dessen
eine Schoßhälfte fehlte.
Er schlüpfte durch die Tür mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die
glänzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine
Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines
Bewußtseins neblige Flächen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut
zu tönen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die
Schläfen; das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von
frühzeitiger Sklerose.
Innerlich ganz aufgewühlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen
grünen Papageie im Käfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den
Flügeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und
sah um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem
Rachen zu seinen Füßen lag; dann aber -- begann er in seinen Taschen
herumzusuchen (er suchte den Schreibtischschlüssel).
»Ha? . . .«
»Aber zum Teufel . . .«
»Verloren?«
»Dagelassen? . . .«
»Ist's möglich! . . .«
Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen
Schlüssel, er untersuchte die für diesen Zweck unpassendsten Gegenstände,
hob den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom
Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er
in das zweite Zimmer -- an den Schreibtisch; unterwegs warf er das
arabische, mit Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stieß
es auf den Boden; erstaunt sah er, daß der Schreibtisch gar nicht
abgesperrt war; die verräterische Schublade stand zur Hälfte offen; ihm
blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur unterlassen können, die
Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und -- und -- und
. . .
Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!
In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die große Photographie,
die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte;
und . . . die Sardinenbüchse war -- verschwunden; wütend, erschreckt, mit
dem Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich über der Schublade das
rotglühende Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, großen Augen, die
plötzlich schwarz wurden; schwarz -- durch die erweiterten Pupillen; so
stand er zwischen dem Lehnstuhl und der Büste: des Kant natürlich.
Er lief an den zweiten Tisch; öffnete auch da die Schubladen, doch hier lag
alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf
den Tisch, doch die Sardinenbüchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine
begannen zu zittern; er kniete nieder, und sein heißer Kopf fiel auf seine
kalten, vom Regen noch feuchten Hände; so erstarb er für einen Augenblick;
die flachsweißen Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem
grünen Fond des Möbelstoffes, im Halbdunkel der Dämmerung.
Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen;
ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand
sich die -- Sardinenbüchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer
umher; durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (ähnlich denen seines
exzellenten Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an
einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bösen Streich
gespielt; er rannte aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter
den Kissen, unter der Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin:
hier beschmierte er sich die Hände mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu
den Bücherregalen (mit leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhänge auf
ihren kleinen Messingringen zur Seite); er untersuchte die Bücherreihen und
mancher Band, flog mit rasselndem Gepolter zu Boden.
Doch die Sardinenbüchse war nirgends zu finden, nirgends.
Bald saß er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf
dem Boden aufgestapelten Haufen aller möglicher Gegenstände, die er mit
seinen langen, schlanken, spinnenfühlerähnlichen Fingern nacheinander
berührte.
In dieser Pose wurde er vom hereingestürmten Ssemjonytsch überrascht:
»Nikolai Apollonowitsch! . . . Gnädiger junger Herr! . . .«
Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit
unwillkürlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen
italienischen Überwurf über den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern
sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweißen
Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.
»Was ist?«
»Ich gestatte mir . . .«
»Lassen Sie mich, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin . . .«
Mit dem weitausgezogenen Mund ähnelte er dem Leoparden, der mit offenem
Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.
»Ich muß meine Bücher ordnen . . .«
Doch Ssemjonytsch ließ sich nicht abschrecken:
»Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .«
-- ?
»Eine Familienfreude: Unsere gnädige Frau, Mütterchen Anna Petrowna,
geruhte selbst zu erscheinen.«
Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und
Asche bedeckten Gesicht entzündete sich blitzartig schnell eine Röte; er
begann plötzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:
»Was, Mama? Anna Petrowna?«
»Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade
sind sie . . .«
»Wurde ich gerufen?«
»Apollon Apollonowitsch läßt bitten . . .«
»Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .«
Kaum war Ssemjonytsch aus der Tür, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch vom
Boden, holte mit ein paar behenden Sprüngen den Alten ein und erfaßte
seinen Ärmel:
»Tsss! . . . Ssemjonytsch -- hören Sie mal« -- Nikolai Apollonowitsch hielt
den alten Diener beim Ärmel fest:
»Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . .« er wurde verwirrt
und zog, den Alten näher in das Zimmer, »Haben Sie nicht so einen
Gegenstand hier gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand -- ein
Spielzeug . . .«
»Ein Spielzeug? . . .«
»Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbüchse . . .«
»Eine Sardinenbüchse?«
»Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbüchse aussah -- schwer, mit einem
Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die
Lade . . .«
Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen Ärmel von den sich
darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die
gegenüberliegende Wand an, dachte nach und stieß dann etwas unehrerbietig
schroff hervor:
»Nein!«
Einfach nein! -- . . .
»Und ich hatte gedacht . . .«
Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gnädige Herr,
der Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbüchse
. . . mit Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockschoß
. . .
»Soll ich also melden'?«
»Ich komme sofort, sofort . . .«
Nikolai Apollonowitsch schloß die Tür und stand da, ohne zu wissen wo er
sich befand.
Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verräterischen Rock aus und
vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den
Staub und die Asche von Gesicht und Händen. Während er sich wusch und
ankleidete dachte er immerzu:
»Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt
haben . . .«
Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewußt, welchen Schrecken
das plötzliche Verschwinden der Sardinenbüchse eigentlich in sich barg; es
war ihm bisher noch nicht eingefallen, daß -- während seiner Abwesenheit
jemand in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbüchse entdeckt und sie
vorsorglich mitgenommen haben konnte.