Anna Petrowna war zurückgekehrt; von all den geschilderten Ereignissen
wußte sie nichts, ahnte nichts von ihnen; es gab nur ein Geschehnis, das
sie in Aufregung hielt: ihre Rückkehr; das müßte auch die geschilderten
Personen in Aufregung versetzen; diese Personen müßten sofort auf das
Geschehnis reagieren; sie mit Zetteln und Briefen überschütten, mit Freude-
oder Zornäußerungen; aber die erwarteten Briefe und Boten blieben aus; von
dem wichtigen Geschehnis nahm niemand Notiz, weder Nikolai Apollonowitsch,
noch Apollon Apollonowitsch.
Anna Petrowna war traurig.
* * *
Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein
ganz kleines Zimmer; und Anna Petrowna saß stundenlang auf dem einzigen
Stuhl, der sich hier befand; und Anna Petrowna saß stundenlang, die Augen
auf die Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie
übertrug den Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech
eine Mauer, die alle möglichen Töne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des
Himmels war gelber Rauch . . .
Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.
Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfüßige Person mit
einer Schmetterlingshaube auf den Haaren.
Anna Petrowna bestellte -- zum wievieltenmal schon!
»Bitte Thé complet, in mein Zimmer.«
Dann erschien ein Diener im Frack mit gestärkter Hemdbrust und glänzend
frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend,
auf den fünf Fingerspitzen; er warf einen verächtlichen Blick auf das
kleine Zimmer, auf das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten
spanischen Fetzen, die unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen,
auf den etwas abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geräuschlos
stellte er das Riesentablett ab; und geräuschlos fiel auf den Tisch der Thé
complet nieder. Geräuschlos entfernte sich der Diener.
Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem
Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermädchen im Korridor;
irgendwo unten -- Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die für ihr
Konzert heftig übte); der Blick streifte wieder -- wie oft schon -- das
Fenster, aber hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in
olivenfarbigen Tönen; statt der Sonne gelber Rauch . . .
Plötzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergoß sich der Tee auf die
schneeweiße Serviette des Tabletts.
Das Zimmermädchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer
herein; Anna Petrowna wurde glühend rot; geräuschvoll erhob sie sich; mit
rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von
ihrer Jugend her beibehalten hatte.
»Wo ist der Herr?«
»Der Herr wartet im Korridor.«
»Ich lasse bitten.«
Sie atmete rasch und wurde wieder rot.
Man hörte Lachen und Geräusch aus dem Nebenzimmer, die Unterhaltung zweier
Zimmermädchen im Korridor, Klavierspiel, irgendwo im unteren Stockwerk; man
hörte eilige, rasche, sich dem Zimmer nähernde Schrittchen; die Tür öffnete
sich: Apollon Apollonowitsch Ableuchow stand an der Schwelle.
* * *
Das erste, was ihm auffiel, war die Ärmlichkeit des Zimmers, so ein Zimmer
in einem erstklassigen Hotel! Na, darüber braucht man sich nicht zu
wundern: solche Zimmer gibt es in allen erstklassigen Hotels der
erstklassigen Hauptstädte, in jedem etwa eins oder höchstens zwei; sie
werden aber in allen Führern annonciert. So lesen Sie z. B. in so einem
Führer: »Savoy. Premier ordre. Chambres depuis 3 fr.« Das bedeutet aber,
daß hier ein erträgliches Zimmer unter fünfzehn Franken nicht zu bekommen
ist. Anstandshalber finden Sie aber hier ein regelmäßig unbewohntes
unsauberes Dachzimmer, das mit dem »depuis trois francs« gemeint war. Wehe,
wenn Sie sich entschließen, dieses halbdunkle, schlecht gelüftete, staubige
Zimmer zu nehmen; die Verachtung des ganzen Hotels, der zahlreichen
Zimmermädchen, Lakaien und bedienenden Knaben ist Ihnen gewiß.
Sie übersiedeln dann in ein nicht erstklassiges Hotel, wo sie für sieben
bis acht Franken Ruhe, Behaglichkeit und Hochachtung genießen.
»Premier ordre -- depuis trois francs« -- Gott schütze Sie davor!
Bett, Tisch und Stuhl; auf dem Bette, unordentlich hingeworfen, ein
Handtäschchen, Gepäckriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine
venetianische Vase, über die ein -- denken Sie sich nur! -- ein Strumpf
(aus reinster Seide) geworfen ist, ein Häufchen zitronengelber, schreiend
greller Seidenfetzen; das alles dürfte, wie Apollon Apollonowitsch bei sich
dachte, das Reisegepäck Anna Petrownas mit Souvenieren aus Granada, Toledo
sein; diese Souveniere mochten früher einmal vielleicht teuer gewesen sein,
jetzt aber haben sie ihren Glanz und Wert durchaus eingebüßt . . .
Die ihr vor kurzem nach Toledo gesandten dreitausend Silberrubel scheinen
sie nicht erreicht zu haben.
In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung
nicht an, mit solchen Fetzen im Gepäck herumzureisen; und -- ihm krampfte
sich das Herz zusammen.
Dann erblickte er den Tisch mit dem glänzenden Thé complet, und zwei
schneeweißen Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehörend, zufällig
(vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber
trat eine Silhouette hervor -- und zum zweitenmal krampfte sich ihm das
Herz zusammen; denn auf dem Stuhl -- nein, nicht auf dem Stuhl! -- vor dem
Stuhl erblickte er die sich erhobene -- war sie es wirklich? -- Anna
Petrowna.
-- Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behäbiger,
dicker und -- mit auffallend vielen Graufäden
im Haar. Eine betrübende Tatsache fiel ihm zu allererst
auf: Nach dem zweieinhalbjährigen Aufenthalt
in Spanien (und -- wo noch, wo?) hatte sich ihr
Doppelkinn erheblich vergrößert und hing jetzt über
den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das
Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu
verbergen; nur das Himmelblau der Augen in dem
früher herrlichen, später noch immer schönen Gesichtchen
hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen
spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefühle:
Schüchternheit, Zorn, Mitgefühl, Stolz, Verlegenheit
(wegen der Ärmlichkeit des Zimmers), verborgene
Bitterkeit und . . . Angst.
Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die
Augen und drehte den Hut in den Händen. Ja, ihre mit dem italienischen
Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verändert; wo ist ihre
Strenge, die angeborene, ihr eigene Würde und Ordnungsliebe; Apollon
Apollonowitsch durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich
lagen da zerstreut: Täschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, ein
Seidenstrumpf und einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.
* * *
Vor Anna Petrowna stand . . . -- war er es wirklich? Auch ihn hatten die
zweieinhalb Jahre verändert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal
vor sich ein scharf gemeißeltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt
ansah, dort neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer
letzten Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als
eisiger Frost eingeprägt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah,
hatte überhaupt keine Züge mehr.
(Unsererseits fügen wir hinzu: diese Züge waren noch vor kurzem vorhanden;
am Anfang unserer Erzählung hatten wir sie beschrieben.)
Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter
Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer --
ein _Mann_; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille,
jener steinerne Blick, aus dem Wirbelstürme, kalte, dem Gehirn (nicht dem
Gefühl) entsprungene, strömten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich
vor der einzigen Tatsache des vorgerückten Alters; der Greis überwog alles
andere; gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit;
auffallend war die Gebeugtheit des Rückens; auffallend war das Zittern des
Unterkiefers und das fast täppische Zittern der Finger; und hauptsächlich
-- die Farbe des Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich
Kleider von solcher Farbe bestellt.
So standen sie einander gegenüber: Apollon Apollonowitsch noch immer an der
Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde
Teetasse, aus der sich die dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke ergoß.
Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen
Augenblick mit den Lippen und stotterte dann:
»Anna Petrowna!«
Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel
gewöhnt), und er sah: ihre Züge wurden, für einen Augenblick, wunderbar
erhellt; aber dann verbargen sie sich wieder hinter Fältchen, Verdickungen,
Fettpölsterchen; die klare Schönheit der Kindlichkeit in den Zügen hat der
Vergröberung des Alters nicht standgehalten; für einen Augenblick aber
wurde ihr Gesicht wunderschön; nämlich, als sie mit scharfer Bewegung das
Teetablett von sich schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck
gleichsam entgegenflog; und doch: sie rührte sich nicht vom Platz; von
ihrem Platz warf sie dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute,
nur das eine zu:
»Apollon Apollonowitsch!«
Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren
ihr immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch
zurückziehend, sie mit Kälte zu übergießen); er lief zu ihr durch das
Zimmer, so wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr
Gesicht neigte sich gegen die Glatze; der große, wie ein Knie nackte
Schädel und die zwei abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an
etwas wach, und als die kalten Lippen ihre, vom verschütteten Tee nasse
Hand berührten, wich alles Komplizierte aus ihren Zügen dem eindeutigen
Ausdruck der Zufriedenheit: denken Sie sich -- etwas Kindliches hüpfte
spielend in ihren noch schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in
ihnen.
Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener
Deutlichkeit hervor; ein lose am Körper hängendes Höschen, ein Mäntelchen
von früher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fältchen im Gesicht, von
denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke;
doch erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige
Steine; es lag in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.
Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:
»Ich kam, um« -- er hielt einen Augenblick inne --
-- ?
». . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«
». . . und Sie zu Ihrer Rückkehr zu beglückwünschen . . .«
Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen
einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie
ein Hauch etwas von Frühlingsluft lag.
Aus dem Nebenzimmer hörte man Lachen und Geräusch; hinter der Tür
unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermädchen miteinander; unten
klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen,
Handtäschchen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase
und ein Stück Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als
eine Bluse entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber
Rauch, und in diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte;
Trottoire und Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif
bedeckt; ein kalter Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.
»Und bei uns . . .«
»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«
»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«