Das kleine Patiencespiel

Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schön geputzter Samowar

glänzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand,

war ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn

Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetüm auf den

Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus

ihm hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weißbrot

gerollt, die jetzt, platt gedrückt, an der Tischdecke klebten; unsauber --

grau hob sich ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas

ab; auf einem Teller lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes

Kartoffelpüree.

Wo sind die üppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein

kleines Zöpfchen zu sehen.

Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Perücke -- natürlich wenn Besuch

da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir

hatten sie immer als üppige Brünette mit glatter, emaillierter Haut

gesehen; jetzt aber saß eine einfache, ältliche Frau da mit schwitzender

Nase und einem Mäuseschwanzzöpfchen; sie trug eine eben nicht gerade

saubere Nachtjacke.

Lipantschenko saß halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rücken Soja

Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen

Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine Lieblingsbeschäftigung, das

Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr beruhigend auf die Nerven wirkte;

aber er war gestört worden; durch ein langes Gespräch mit Soja Sacharowna,

bei dem er die Karten, den Tee und alles andere beiseite ließ.

Nach dem Gespräch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gespräch den Rücken

zugewandt.

Er saß ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengürtel, der ihm

wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrückt hatte.

Gerade hatte ihn ein verdächtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr

gefesselt, der unzweifelhaft eine Küchenschabe war (es gab ihrer reichlich

in dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefährtin aufgeschreckt

wurde.

Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, daß Lipantschenko

zusammenfuhr.

»Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .«

»Was denn?«

»Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjährige Frau, die

Ihnen ihr Leben gewidmet hat, -- eine Frau wie ich, eine . . .«

Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.

»Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .«

»Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie

nicht fragen . . .«

Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.

Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; für einen Augenblick

blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schüchtern, halb

kindlich kapriziös zwinkerte er mit den Äuglein; er schien etwas sagen zu

wollen, aber getraute sich doch nicht; er dachte langsam über etwas nach:

vielleicht darüber -- wie seine Lebensgefährtin ein Geständnis von ihm

aufgenommen hätte; sein Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen

von unten herauf.

Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit

selbst fiel zurück auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder

seinem Kartenspiel zu.

»Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame?

. . . hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .«

Plötzlich warf er Sofja Sacharowna einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu;

seine kurzen, mit goldig glänzenden Haaren bedeckten Finger hoben die

Karten ab.

»Das soll ein Spiel sein . . .« murmelte er zornig und legte die Karten

reihenweise auf den Tisch.

Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den

Pantoffeln schlürfend.

»Und warum nur gleich böse sein?«

Die Pantoffel schlürften weiter im Zimmer:

»Ich bin gar nicht böse, Mütterchen« -- und wieder warf er ihr einen

prüfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme über dem Leib, der, vom Korsett

nicht beengt, sich behäbig rundete; ihr herunterhängendes Doppelkinn wiegte

sich beim Gehen; sie näherte sich leise dem Sitzenden und berührte sanft

seine Schulter:

»Sie hätten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen

bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde

. . . Die Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch

besser, ich weiß alles . . .«

Lipantschenko biß sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger

Geschäftigkeit die Karten in Reihen zu legen.

Lipantschenko wußte, daß der morgige Tag für ihn von größter Wichtigkeit

ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die

Wucht der belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen -- dann hat er

ausgespielt: Er wußte das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die

Nase:

»Hm: ja--ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen:

der König muß hierher . . .«

Aber er hielt es nicht aus:

»Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?«

»Das dürfen Sie mir schon glauben -- ja . . .«

»Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .«

»Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .«

Lipantschenko warf die Karten von sich:

»Es kommt doch heute nichts heraus!«

Er war sichtlich aufgeregt.

Plötzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem Lipantschenkos

Schlafzimmer war; als wäre dort das Fenster aufgemacht worden. Beide

wandten die Köpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide schwiegen

vorsichtig: was mochte das sein?

Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.

»Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, daß Ihre Fragen . . .« --

er erhob sich ächzend, sei's, um nach der Ursache des Lärms zu sehen,

sei's, um einer Antwort auszuweichen.

». . . daß Ihre Fragen« -- er trank einen Schluck ganz kalten Tee -- »gegen

die -- Parteidisziplin verstoßen . . .« Er schritt gegen die offene Türe

des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .

»Aber was für Disziplin -- mir gegenüber, Kolenka!« -- Soja Sacharowna

stützte das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nach unten . . .

»Bedenken Sie es doch . . .«

»Früher hatte es zwischen uns keine Geheimnisse gegeben . . .«

Das sagte sie zu sich selbst, denn Lipantschenko befand sich im dunkeln

Schlafzimmer.

Aber bald erschien er wieder in der Tür und sie fuhr fort:

»Das hatten Sie mir nie gesagt, daß wir uns miteinander nicht unterhalten

dürfen, daß Sie vor mir Geheimnisse haben . . .«

»Nichts weiter: es ist niemand im Schlafzimmer«, unterbrach er sie.

»Ich werde belästigt: man kommt mir mit Fragen, mit Anspielungen . . . Und

diese Blicke oft . . .«

Pause.

»Sollte ich da nicht fragen? . . . Warum schrien Sie mich so an? Was hab'

ich gemacht, Kolenka? . . . Liebe ich Sie denn nicht? Respektiere ich Sie

denn nicht?«

Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Hals und schluchzte:

»Ich bin ein treues Weib, ein ergebenes Weib . . .«

»Lassen Sie es nur . . . Lassen Sie es nur . . . Schon gut . . . Soja

Sacharowna, lassen Sie mich los . . . Sie wissen doch, daß ich an Atemnot

leide . . .«

Er umfaßte mit den Fingern ihre Hände und entfernte sie vom Halse; dann

ließ er sich in den Sessel nieder; er atmete schwer.

»Sie wissen ja, daß ich ein weicher und schwachnerviger Mensch bin . . .

Jetzt bin ich schon wieder . . .«

Beide schwiegen.

In tiefem, schwerem Schweigen, das sich nach einem langen, erregenden

Gespräch einstellt, wenn alles gesagt ist, wenn die Angst vor Worten schon

erlebt war und nur noch dumpfe Resignation zurückblieb -- in diesem tiefen

Schweigen trocknete Sofja Sacharowna die Teetassen und die Löffel ab.

Er aber saß halb vom Tisch abgewandt und kehrte Sofja Sacharowna und dem

schmutzigen Samowar den viereckigen Rücken zu.

Zeit, was hast du gemacht?

Die hellgrauen Augen, die Augen voll Humor und schlauer Lustigkeit -- wie

hast du sie in den fünfundzwanzig Jahren in die Höhlen hineingedrückt, mit

einem gefährlichen Schleier, mit einem Dunst allermöglichen häßlichen

Atmosphären überzogen . . . Fünfundzwanzig Jahre ist wohl eine lange Frist,

und doch: so zu verfallen, so zu verwelken . . . Diese dicken Säcke unter

den Augen, dieses fleischige Doppelkinn? Die damals rosige Gesichtsfarbe --

gelb, ölig, welk, mit der grauen Blässe einer Leiche; die Stirn mit Haaren

bewachsen, die Ohren -- selbst diese sind gewaltig gewachsen; gibt es doch

in der Welt einfache, anständig aussehende alte Leute? Und er ist ja noch

nicht einmal ein alter Mann.

Was hast du gemacht, Zeit?

Der blonde zwanzigjährige Student mit rosiger Gesichtsfarbe, Lipensky: --

gespensterisch aufquellend hatte er sich allmählich in einen

fünfundvierzigjährigen, unanständigen Spinnenbauch verwandelt, der

Lipantschenko hieß.

Petersburg · 第 100 / 112 题