Die Karyatide

Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße;

steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.

Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow

unbeschränkt herrschte.

Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze;

zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber

erhob sich über die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen

Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als

Steinmasse auf die Straße stürzen.

Und doch -- sie stürzt nicht hinunter.

Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich,

unfaßbar: Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße

Unfaßlichkeiten; oder -- es rieselt; es rieselt -- so wie jetzt, wie

gestern, wie vorgestern.

Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie

selbst: unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem

erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen

Feuchtigkeit: das tödlich eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und

ewig grün sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, daß große

Ereignisse im Gange sind.

Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß

schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte:

»Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik

entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn

Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden -- an ein und demselben

Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende

überzeugter, jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die

Bewohner von Perm rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken

umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehißt hat.

Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von

überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau --

Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen

Strecken die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen

die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende

vom Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr

allmählich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß

in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer

aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den

Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und überall in den Vororten die

mandschurischen Mützen zu sehen waren; daß jeder einzelne -- _er_ und doch

wieder _nicht er_ war; daß der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern

dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe in sich; daß jeder die Empfindung hatte,

sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf

jeden Augenblick von einem Säbel oder sogar von einem einfachen Holzknüppel

gespalten werden konnte. Hätte da einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und

gelauscht -- er hätte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein

Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis

Blagoweschtensk ausbreitete.

Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch

der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.

* * *

Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer

gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die

sich im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß,

unendlich die Verzweiflung.

Und -- o, hätte sie doch die Kraft!

Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt;

und der von dem Meißel zerhauene Nacken -- wie flöge er wild nach oben; in

einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf;

du hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die

schwarzen Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus

einer Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von

der Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster

aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald

darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem

Steinhagel würde dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben

Luft einen ebenso trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige

Splitter würden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier

monoton, langsam, leblos Vorüberziehenden liegenbleiben . . .

* * *

An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige

Tür auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers

sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild

an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der

graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene

in Positur, während Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem

Rücken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender

Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glänzend

schwarzen Zylinders führte.

Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten

Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze

Brücke, auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe,

vielschlotige Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die

Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die

sie beherbergte.

Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen

Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den

schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des

Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den

Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote

flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des

Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt plötzlich

die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.

Der Wagen hielt in der Menge.

Fort, fort, Tomy!

»Mais j'espère . . .«

»Sie hoffen?«

»Mais j'espère que oui«, schallte des Ausländers Stimme hinter der Tür.

Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tönten

absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins

Zimmer führende Tür war halb offen.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin

beschloß, nicht weiter zu horchen, und er überschritt die Schwelle des

Zimmers.

Ein schwerer Duft erfüllte hier die Luft: eine Mischung von Parfüm und

scharfer Säure eines Medikamentes.

Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswürdigkeiten. Sie

gab sich die größte Mühe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen;

der Fremde wehrte aber dankend ab.

Es wurde immer dunkler -- blauer.

»Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett,

daß ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Füße ab, und nehmen Sie Ihren

Überzieher ab.«

Alexander Iwanowitsch drückte kühl Sojas Hand.

»Ich hoffe, Sie haben einen sehr schönen Eindruck von Rußland gewonnen

. . . Nicht wahr? . . .« wandte sie sich wieder an den Fremden. -- »Welcher

Aufstieg!«

Der Franzose trocken:

»Mais j'espère . . .«

Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Händchen und sah mit ihrem

liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald

Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den

Augenhöhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein;

Soja Sacharowna war eine Brünette mit großem Kopf; ihre festen Wangen waren

emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.

»Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm?« fragte sie wie

beiläufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flüchtigen Frage verbarg sich

eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit;

vielleicht sogar Haß; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Haß verdeckte

der Blick und das liebenswürdige Lächeln; so verdeckt die klebrige

Süßigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Läden verkauft werden, all

den Schmutz der ungelüfteten Räume, wo sie gemacht werden.

»Ich werde auf ihn warten.«

Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach

einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja

Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander

Iwanowitsch aß Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna ließ inzwischen den

Franzosen nicht los:

»Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . Überall

Mut und Jugend . . . Der zukünftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben

Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hören Sie nur die Reden

voll überschwenglicher Gefühle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an

. . .«

Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprächs zu haben.

»Pardon, madame, monsieur viendrat il bientôt?«

Um dieses Gespräch, das sonderbarerweise sein nationales Gefühl verletzte,

nicht zu hören, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast über

einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend

gemächlich einen Knochen bearbeitete.

Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer

dunkler -- blauer.

Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte --

eins, zwei, drei! -- und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten

flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten;

die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vieläugige

Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tönte eine Sirene.

Was für ein Wind!

»Bitte, da ist die Aschenschale . . .«

Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch

Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den

Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem

Protestgefühl heraus.

»Wer singt denn da?«

Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, daß sie den

Fragenden als einen rückständigen Menschen betrachtete.

»So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewiß: Sie wissen es eben nicht

. . . Also: es ist nämlich Schischnarfijew . . . was das aber heißt --

hinter seinen vier Wänden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen

sehr angeschlossen . . .«

»Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehört . . .«

»Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .«

Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als hätte

Alexander Iwanowitsch an den künstlerischen Fähigkeiten des genannten

Sängers in unangebrachter Weise Zweifel geäußert. Doch Alexander

Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Künstlers zu bemäkeln.

Er fragte bloß:

»Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?«

»Nein, ach nein . . .«

»Chorwate? Persier?«

»Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in

Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .«

»Ah, so: er ist also ein Jungperser?«

»Selbstverständlich . . . Sie wußten es nicht? . . . Schämen Sie sich

. . .«

Soja Sacharowna übergoß ihn mit einem verächtlichen Blick und wandte sich

wieder dem Franzosen zu:

Alexander Iwanowitsch hörte der Unterhaltung der beiden nicht zu,

natürlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene

Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und

tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flüchtig ging es aber

Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, daß Soja Sacharownas

Gesichtszüge den verschiedensten schönen Frauen entnommen sein konnten: der

einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen

ergaben die Züge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und

das nichts weniger als schön war. Ihrem Typus nach gehörte aber Soja

Sacharowna zu den üppigen orientalischen Brünetten.

Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins

Ohr:

»Es handelt sich wohl um das Geld?«

Schweigen.

»Das Geld aus dem Auslande wird man wohl benötigen.«

Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.

»Nach der Zerstörung der Organisation in T. T. wäre es ratsamer für Ihren

Redakteur, nicht hierherzukommen . . .«

Der Franzose gab keinen Laut von sich.

»Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .«

Alexander Iwanowitsch hörte wieder das elegische Singen des Jungpersers.

Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch

sagte er:

»Je serai bien triste d'avoir manqué l'occasion de parler à monsieur.«

»Sie können ebenso mit mir sprechen . . .«

»Excusez, dans certain cas je préfaire parler personnellement . . .«

Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.

Zwischen den Zweigen sah man die weiße Gischt der Wellen schimmern,

dämmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und über den

Segeln verdichtete sich blau der Abend.

Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dämmernden Blau.

Da hielt plötzlich vor der Gartentür eine Droschke, und ein korpulenter

Herr wälzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem

halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange

im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tüte rutschte dabei nach

unten, und flugs kullerten mehrere schöne Äpfel im Schmutz der Straße.

Der Herr beugte sich, um die Äpfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging

ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schließen der

Gartentür wären ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.

Endlich schritt er auf dem gelben, von Sträuchern umsäumten Gartenweg dem

Hause zu; sofort verbreitete sich eine drückende Atmosphäre; der mit einer

Ohrenmütze bedeckte geierartige Kopf saß schwer auf den Schultern; die

tiefsitzenden Äuglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie

sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden

Augen blickten müde und fest zu den Fenstern des Hauses hinüber.

Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene

Freude, zu der sich Müdigkeit und Traurigkeit gesellten -- eine rein

tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwärmen und

in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu können. So erscheint das

Raubtier, während es in seine Höhle zurückkehrt, zahm und mild und läßt die

auch ihm innewohnende Gutmütigkeit erblicken; es beschnuppert dann

wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.

War das _er_?

Ja, das war _er_; und _er_ sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch:

es war _er_.

* * *

»Da kommt er auch!«

»Enfin . . .«

»Lipantschenko! . . .«

»Guten Tag . . .«

Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit

einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die

Brust.

»Fort, fort, Tomy! . . .«

Lipantschenko, bemüht, die Pakete vor dem Hunde zu schützen, hatte nicht

ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen:

auf seinem breiten, flachen Gesicht drückte sich teils Humor, teils

hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte plötzlich in seinem

Gesicht auf:

»Schon wieder das Ablecken!«

Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief:

»Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . .«

Aber schon berührte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des

Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lächelte er)

. . .

»Aber Tomy!«

Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig

über das Familienidyll lächelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem

Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig höflich:

»Bitte, gleich . . .«

Dabei bebte die herunterhängende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen:

»Selbst hier keine Ruhe . . .«

Er ging in eine Ecke und bemühte sich lange, die neuen und etwas engen

Überschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den Überzieher ab,

wobei er schwer und mühevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man hätte

glauben können -- einen zwölfläufigen Browning); was aber zum Vorschein

kam, war -- eine Puppe.

Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten:

»Das ist für Akulinas kleine Manja . . .«

Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf.

Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hände rieb,

mit gewissem, verlegenem Mißtrauen an den Franzosen:

»Bitte . . . da hinein . . . da . . .«

Zugleich warf er Dudkin zu:

»Bitte gefälligst zu warten . . .«

Häßlich . . .

Seltsam!

Das Verhalten der _gewissen Persönlichkeit_ Dudkin gegenüber hatte bis zu

diesem Tage den Charakter größter Verbindlichkeit getragen; ja, es war nur

Verbindlichkeit gewesen, und zwar Verbindlichkeit etwas zudringlicher Art;

durch Monate hindurch, bei den verschiedensten Anlässen oder auch ohne

diese hatte die gewisse Persönlichkeit ein Ornament aus Schmeichelei um

Dudkin gewoben: diese Schmeichelei ernst zu nehmen -- das war so angenehm

gewesen.

Und Dudkin hatte sie ernst genommen.

Er hatte die gewisse Persönlichkeit wohl verachtet, er hatte ihr gegenüber

einen physiologischen Widerwillen empfunden; ja, er hatte all diese Tage,

die für ihn eine Krise in seinem tiefsten Glauben bedeuteten, jede

Begegnung mit der Persönlichkeit gemieden. Doch diese hatte ihn überall zu

erreichen gesucht; seine oft mehr als spöttischen Bemerkungen mit stoischer

Gleichmütigkeit, zuweilen sogar mit zynischem Lachen entgegengenommen;

hätte er sie über den Grund dieses Lachens gefragt, sie hätte geantwortet:

»Ich lache -- über Sie.«

Dudkin hatte sich bemüht, der Persönlichkeit zu beweisen, daß das Programm

ihrer Partei unhaltbar sei, abstrakt, blind -- sie war damit einverstanden;

doch wußte Dudkin, daß sie bei der Festsetzung des Programms mitgearbeitet

hatte; hätte er die Persönlichkeit gefragt, ob nicht ihrer Meinung nach bei

der Ausarbeitung des Programms etwas wie Provokateurgeist mitgespielt habe,

die Persönlichkeit hätte beteuert:

»Nein, sicherlich nicht; diese Annahme ist eine Frivolität . . .«

Dudkin hatte endlich versucht, die Persönlichkeit durch sein mystisches

Kredo zu verblüffen, indem er die Behauptung aufstellte: das Soziale, die

Revolution sei keine Verstandeskategorie, sondern eine göttliche Forderung

des Alls; die Persönlichkeit hatte nichts gegen die Mystik gehabt; sie

hörte aufmerksam zu und bemühte sich sogar -- zu verstehen.

Aber sie vermochte es nicht zu verstehen.

Alle Einwendungen, alle radikalen Äußerungen hatte die Persönlichkeit

schweigend hingenommen; dann klopfte sie ihm auf die Schulter und zog ihn

mit ins Wirtshaus, wo sie vor dem Tischchen sitzend den ewigen Kognak

tranken; zuweilen hatte ihm die Persönlichkeit unter dem Geräusch des

Orchestrions gesagt:

»Ich? Was bin ich? -- nichts . . . Ich bin nur ein Unterseeboot; Sie aber

sind ein Panzerkreuzer; ein großes Schiff gehört ins große Wasser . . .«

Und dabei hatte die Persönlichkeit ihn in die Dachkammer gejagt, ihn an die

Dachkammer gefesselt und aus dem menschlichen Verkehr ausgeschaltet; der

Panzerkreuzer lag im Hafen, ohne Mannschaft, ohne Kanonen; die einzigen

Reisen, die er in der letzten Zeit gemacht hatte, waren nur -- ins

Wirtshaus und zurück; die Persönlichkeit hatte all diese Wochen, die für

Dudkin eine Periode des Protestes bedeuteten, dazu benutzt, um aus ihm

einen -- Säufer zu machen.

Die Persönlichkeit war ihm immer gastfreundlich entgegengetreten, und

Dudkin hatte das sichere Gefühl: käme er in eine Lage, wo er ernster Hilfe

bedürfte, die Persönlichkeit würde ihm diese ohne weiteres leisten; das

erschien selbstverständlich.

Zum erstenmal ergab sich heute dazu die Gelegenheit.

Er hatte Ableuchow versprochen, ihm den Knoten lösen zu helfen. Doch konnte

er es nur mit Hilfe der Persönlichkeit ausführen; durch eine unheimliche

Verkettung von Umständen hatte Ableuchow sich in ein förmliches Teufelsnetz

verfangen; Alexander Iwanowitsch glaubte, er brauche nur der Persönlichkeit

von der Sache zu berichten und diese würde die Fäden schon herausfinden.

Was ihn also veranlaßte, hierherzukommen, war das Wort, das er Ableuchow

gegeben hatte. Und nun -- sieh mal einer her!

Der verletzende Ton, den die Persönlichkeit ihm gegenüber jetzt

angeschlagen hat, war ihm in ebensolchem Maße neu wie unangenehm (es war

der Ton, dessen sich der hohe Beamte einem Bittsteller gegenüber bedient;

mit dem der Chefredakteur dem über Diebstähle und Brände berichtenden

Reporter entgegentritt; in dem der Kreisschulinspektor zu dem Kandidaten

auf die Lehrerstelle in -- Solwytschegotsk oder Sarepta spricht).

Sieh mal einer her! . . .

Also: nach Beendigung seiner Unterhaltung mit dem Franzosen (der Franzose

hatte sich bereits entfernt) trat die Persönlichkeit gegen alle

Gepflogenheit nicht aus ihrem Arbeitszimmer, sondern blieb dort sitzen, vor

dem Schreibtisch, als wäre Alexander Iwanowitsch überhaupt nicht da, als

wäre er nicht ein guter Bekannter, sondern -- weiß der Teufel! -- irgendein

Bittsteller, dem es an Zeit nicht fehlen darf . . .

Es wurde immer dunkler -- blauer.

In dieser sich ausbreitenden Dunkelheit, in der Halbdämmerung des

Arbeitszimmerchens, saß die Persönlichkeit, den viereckigen Kopf ganz über

den Schreibtisch gebeugt, und wie ein häßlicher dunkelgelber Fleck hob sich

ihr Rücken im schwachen Fensterlicht ab.

Alexander Iwanowitsch zuckte scharf mit den Achseln und wandte dem Rücken

seinen eigenen Rücken zu; er begann mit vollständig unabhängigem Ausdruck

an seinem kleinen Schnurrbärtchen zu zupfen; er wollte eine beleidigte

Miene aufsetzen, brachte es aber nur zu einer unabhängigen; er zupfte an

seinem Bärtchen mit einem Ausdruck, als hätte er mit dem Rücken dort am

Schreibtisch nichts zu tun. Eigentlich hätte er aufspringen und die Tür

hinter sich zuschlagen sollen, doch das durfte er nicht: die Lebensruhe

Nikolai Ableuchows hing von seinem Gespräch mit der Persönlichkeit ab; er

konnte also weder weggehen noch die Tür zuschlagen.

Alexander Iwanowitsch hüstelte, um der Persönlichkeit seine Ungeduld

kundzutun . . . Doch klang dieses Hüsteln wie das eines Abcschützen, den es

beim Anblick des Lehrers im Halse zu würgen begann. Was war mit ihm? Woher

diese Schüchternheit? Er fürchtete die Persönlichkeit keinesfalls: er

fürchtete sich nur vor den Halluzinationen, die ihn in seiner Dachkammer

heimzusuchen pflegten, vor der Persönlichkeit wahrhaftig nicht . . .

Die Persönlichkeit fuhr fort zu schreiben.

Alexander Iwanowitsch hüstelte wieder; dann wieder. Diesmal reagierte sie.

»Bitte sich zu gedulden . . .«

Dieser Ton!

Endlich erhob sich die Persönlichkeit leicht vom Sitz und wandte sich um;

sie machte mit der dicken Handfläche eine einladende Geste:

»Bitte . . .«

Alexander Iwanowitsch wurde eigentümlich verwirrt; sein Zorn, der alle

Grenzen überschritt, fand darin seine Äußerung, daß er die allgemein

gebräuchlichsten Worte plötzlich vergessen hat:

»Ich . . . sehen Sie . . . ich komme . . .«

»?«

»Wie Sie wissen . . . oder übrigens . . . Zum Teufel!«

Und er brachte trocken und kurz hervor:

»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit . . .«

Die Persönlichkeit aber lehnte sich im Lehnstuhl zurück (wie gern hätte er

sie jetzt in ihrem Lehnstuhl erwürgt!), maß ihn mit vernichtendem Blick und

trommelte mit den dicken Fingern auf dem Tisch; dann brummte sie etwas

gedämpft:

»Ich mache Sie aufmerksam . . . Ich habe heute für lange Erörterungen nicht

genug Zeit, daher . . .«

Na, also!

»Ich würde Sie daher bitten, mein Lieber, sich kürzer und deutlicher zu

fassen . . .«

Und das Kinn in das Doppelkinn vergrabend, wandte die Persönlichkeit einen

starren Blick gegen das Fenster, hinter dem mit leichtem Geräusch die

Blätter von den Bäumen fielen.

»Seit wann, bitte, haben Sie mir gegenüber diesen . . . diesen Ton? . . .«

kam es plötzlich aus Alexander Iwanowitsch, doch klang es nicht bloß

ironisch, sondern auch verlegen.

Die Person unterbrach ihn aber wieder: unterbrach in unangenehmster Weise:

»Also?«

Sie kreuzte die Hände über der Brust.

»Ich komme in einer Angelegenheit . . .« -- und er stockte . . .

»Also?! . . .«

»Von großer Wichtigkeit . . .«

Zum dritten Male unterbrach ihn die Persönlichkeit:

»Das Maß der Wichtigkeit wollen wir lieber später erläutern.«

Und sie kniff die Äuglein zusammen.

Sonderbarerweise wurde nun Dudkin vollständig verwirrt, errötete und hatte

das Gefühl, kein Wort hervorbringen zu können. Er schwieg.

Auch die Persönlichkeit schwieg.

Die vom Baum sich lösenden roten Blätter schlugen ans Fenster, wirbelten

und flüsterten miteinander; die Zweige (die vertrockneten Skelette)

zeichneten ein schwarzgraues Netz hinter den Glasscheiben; der Wind pfiff;

das schwarz-neblige Netz begann zu schaukeln; das schwarz-neblige Netz

begann zu raunen. Unzusammenhängend, verworren, hilflos erzählte Alexander

Iwanowitsch von dem Inzident des Ableuchow; je weiter er aber, die

Störungen und Hindernisse der Sprache überwindend, in der Erzählung kam,

desto schroffer und trockener wurde die Haltung der Persönlichkeit; ihre

Stirn glättete sich, die schwulstigen Lippen hörten auf zu saugen; bei der

Stelle der Erzählung aber, wo der Provokateur Morkowin auf die Oberfläche

trat, zog die Persönlichkeit bedeutungsvoll die Brauen in die Höhe und

machte eine schnuppernde Bewegung mit der Nase, als hätte die

Unverfrorenheit des Erzählers an dieser Stelle ihren Höhepunkt erreicht und

die Geduld der Persönlichkeit ihre Grenze überschritten:

»Ah . . . Sehen Sie? . . . Und was haben Sie gesagt? . . .«

Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen:

»Was ich gesagt hab'? . . .«

»Nichts, nichts; fahren Sie fort.«

Vollständig verzweifelt schrie Alexander Iwanowitsch heraus:

»Aber ich hab' ja alles gesagt! Was soll ich noch erzählen?!«

Mit dem Kinn auf das Doppelkinn gestützt, senkte die Persönlichkeit den

Kopf, seufzte, sah vorwurfsvoll, ohne das übliche Zwinkern (der Blick war

jetzt traurig), Alexander Iwanowitsch an und sagte kaum hörbar:

»Häßlich . . . Sehr, sehr häßlich! Sie sollten sich schämen! . . .«

Alexander Iwanowitsch fühlte, wie sein Herz hüpfte; und -- o Grauen! --

beim Worte »Sie sollten sich schämen« fühlte er, wie seine Wangen von einer

Röte übergossen wurden; aus den Worten des furchtbaren Partners hörte er

deutlich die verborgene, vernichtende Drohung heraus; Alexander Iwanowitsch

fuhr unruhig auf seinem Sitz hin und her und bemühte sich, seine nicht

begangene Schuld sich ins Gedächtnis zu rufen.

Seltsam: er hatte nicht den Mut zu fragen, was die verborgene Drohung

eigentlich bedeute und was das Wort »sich schämen« in diesem Zusammenhang

heißen sollte. Er schluckte es einfach herunter.

»Wie soll ich nun diesen provokatorischen Brief Ableuchow erklären?«

Die schmale niedere Stirn näherte sich der seinen.

»Wieso provokatorisch? Er ist keinesfalls provokatorisch . . . Ich muß Sie

ernüchtern. Der Brief an Ableuchow war von mir geschrieben.«

Diese Worte waren mit einer Würde ausgesprochen, die alles, Zorn, Vorwürfe

und verletzenden Ton überwog; mit einer Würde, die sich sogar bis zur Milde

herabließ.

»Wie? Den Brief haben Sie geschrieben?«

»Und er ist durch Ihre Hände gegangen -- erinnern Sie sich nicht? Oder

haben Sie es vergessen?«

Das Wort »vergessen« sprach die Persönlichkeit so aus, als wäre es

selbstverständlich, daß Alexander Iwanowitsch es nicht vergessen hat und

sich nur -- weiß Gott warum? -- stellte, als wisse er nichts mehr davon;

die Persönlichkeit ließ ihn übrigens deutlich fühlen, daß sie mit ihm jetzt

wie die Katze mit der Maus zu spielen beabsichtige.

»Erinnern Sie sich: ich übergab Ihnen den Brief damals im kleinen

Restaurant . . .«

»Ich gab ihn aber nicht Ableuchow, sondern Warwara Ewgrafowna, ich

versichere Sie . . .«

»Ah was, lassen wir es doch, Alexander Iwanowitsch; wir sind unter uns,

mein Lieber, und brauchen vor einander keine Komödie zu spielen: der Brief

hat den Adressaten gefunden, alles andere sind leere Ausreden . . .«

»Und Sie sind der Verfasser des Briefes?«

Dudkins Herz hüpfte und klopfte, als wollte es sich losreißen und

davonlaufen; wie ein Büffel würde es gleich zu brüllen anfangen und -- sich

davonmachen.

Die Persönlichkeit klopfte bedeutungsvoll auf den Tisch, wobei sie ihre

Gleichgültigkeit mit steinerner Festigkeit vertauschte; dann rief sie:

»Warum wundern Sie sich? . . . Weil ich den Brief an Ableuchow geschrieben

habe? . . .«

»Freilich . . .«

»Verzeihen Sie, ich muß aber sagen: Ihr Erstaunen grenzt an offenkundige

Heuchelei . . .«

Dudkin näherte sich mit einem Ruck der Persönlichkeit.

»Hören Sie: entweder bin ich verrückt oder -- Sie!«

Die Persönlichkeit zwinkerte ihm zur Antwort nur zu:

»Also!?«

Ihr ganzes Aussehen sprach:

»He, he, Väterchen: glaubst, ich habe nicht bemerkt, wie du vorhin geblickt

hast? . . . Du glaubst, mit mir kannst du . . .«

Dann aber: ganz plötzlich wurde sie heiter, fast lustig, sah ihren Partner

mit gekünstelter dummer Dreistigkeit an und schnalzte mit der Zunge, als

wollte sie sagen:

»He, mein Lieber, ein gemeiner Kerl bist doch du, nur du, nicht ich . . .«

Laut sagte sie aber nur:

»Ahhh! . . .«

Dann aber, wie ein satanisches Lachen unterdrückend, ließ die

Persönlichkeit streng, aber wohlwollend ernst ihren schweren Arm auf

Dudkins Schulter nieder, dachte einen Augenblick nach und fügte hinzu:

»Häßlich . . . Sehr, sehr häßlich . . .«

Alexander Iwanowitsch überkam das ihm wohlbekannte sonderbare, drückende

Gefühl des Vernichtetwerdens durch ein Etwas, das gleich auf dem

dunkelgelben Fleck seiner Tapete auftauchen würde; Alexander Iwanowitsch

empfand eine ihm unbewußte Schuld; er sah hin, und es war ihm, als hätte

sich eine Wolke über ihn gesenkt, ganz tief; als lief diese Wolke von der

Persönlichkeit zu ihm, als steige sie wie Rauch aus der Persönlichkeit

hervor.

Die Persönlichkeit aber saß da, das schmalstirnige Gesicht ihm zugewendet,

und sprach immer wieder:

»Häßlich . . .«

Ein schweres Schweigen trat ein.

Ȇbrigens werde ich die weiteren Beweise abwarten: ohne Beweise geht es

natürlich nicht . . . Aber immerhin: die Anklage wiegt schwer; so schwer,

das muß ich sagen, daß . . .« -- Die Persönlichkeit seufzte.

»Aber welche Beweise meinen Sie?«

»Sie selbst will ich vorderhand aus dem Spiel lassen . . . Wie Sie wissen,

gehen wir in der Partei nur auf Grund von Tatsachen vor . . . Die Tatsachen

aber, die Tatsachen . . .«

»Was für Tatsachen meinen Sie?«

»Die Tatsachen über Sie werden gesammelt . . .«

Das hat noch gefehlt!

Die Persönlichkeit erhob sich vom Lehnstuhl, und während sie die Spitze

einer Havanna abschnitt, begann sie leise eine Melodie zu pfeifen; sie

hüllte sich in undurchdringliches Wohlwollen; dann schritt sie mit

gemessenen Schritten ins Speisezimmer hinüber, faßte freundschaftlich den

dort sitzenden Schischnarfijew an der Schulter.

In die Richtung der Küche, von wo ein angenehmer Bratengeruch herüberzog,

rief er:

»Ich habe einen Mordshunger . . .«

Dann mit einem Blick den gedeckten Tisch musternd:

»Ein Schnäpschen noch . . .«

Dann schritt sie zurück in das Arbeitszimmer.

* * *

»Ihr Herumsitzen beim Hausmeister . . . Ihre Freundschaft mit der Polizei

des Reviers, mit dem Hofknecht . . . Ihre Gelage in Gesellschaft des

Polizeibeamten Woronkow . . .«

Auf den verständnislosen, fragenden Blick Dudkins -- einen von Grauen

erfüllten Blick -- setzte Lipantschenko, das heißt die Persönlichkeit, ihr

boshaftes, zweideutiges Flüstern fort, indem sie die Hand auf Dudkins

Schulter legte.

»Als ob Sie es nicht selbst wüßten? Warum die verwunderten Augen? Sie

wissen am Ende gar nicht, wer der Woronkow sei?«

»Wer Woronkow sei? . . . Woronkow? . . . Aber was hat das mit der Sache zu

tun? . . . Was ist dabei? . . .«

Aber Lipantschenko, die Persönlichkeit, brach in ein Lachen aus und faßte

sich vor Lachen an die Hüften:

»Das wissen Sie nicht?«

»Das behauptete ich nicht: ich weiß schon . . .«

»Na, also!«

»Woronkow ist ein Schreiber im Polizeirevier, und er besucht oft den

Hausmeister Matwej Morschow . . .«

»Sie haben Zusammenkünfte, Sie unterhalten sich mit einem Polizeispitzel

wie der letzte Provokateur . . .«

»Aber erlauben Sie . . .!«

»Sie brauchen kein Wort, kein Wort zu sagen«, wehrte die Persönlichkeit,

mit der Hand fuchtelnd, jeden Erwiderungsversuch des zu Tode erschrockenen

Dudkin ab.

»Ich wiederhole: die Tatsache einer offenen Provokateurtätigkeit Ihrerseits

ist noch nicht definitiv festgestellt, aber . . . Ich warne Sie, aus

Freundschaft warne ich Sie, Alexander Iwanowitsch, mein Liebling; Sie haben

ein böses Spiel begonnen . . .«

»Ich?«

»Treten Sie zurück, ehe es zu spät ist . . .«

Die Äuglein unter der schmalen Stirn sprachen:

»So--o--o, Väterchen . . . Wie hast _du_ dir wohl die Sache gedacht?«

Der Speichel spritzende Mund aber sagte:

»Tuen Sie doch nur nicht so harmlos . . .«

»Es fällt mir ja gar nicht ein . . .«

»Ganz Petersburg weiß es schon . . .«

»Was weiß es?«

»Von der Zertrümmerung der Parteiorganisation in T. T.«

»Was?!«

»Ja, ja . . .«

Wenn es die Absicht der Persönlichkeit war, Dudkins Gedanken von der Spur,

die ihn auf die wirklichen Motive ihres Benehmens bringen konnte,

abzulenken, dann hat sie dieses Ziel durch die Nachricht von der Zerstörung

der sehr wichtigen Organisation in T. T. völlig erreicht; diese Nachricht

traf wie ein Blitzstrahl den schwachen Alexander Iwanowitsch:

»Herr Jesus Christus!«

»Jesus Christus!« -- höhnte die Persönlichkeit, »Sie haben jedenfalls

früher davon gewußt als wir alle . . . Wir wollen es aber, ehe die Sache

nicht unwiderleglich erwiesen ist, auf sich beruhen lassen. Häufen Sie

jedoch die Verdachtsmomente nicht: sprechen Sie kein Wort von der

Ableuchowaffäre.«

Alexander Iwanowitsch schien in diesem Augenblick sehr idiotisch ausgesehen

zu haben, denn die Persönlichkeit fuhr fort zu lachen und ließ dabei in

aufreizender Weise den schwarzen Schlund zwischen den Reihen der Zähne

sehen: genau so aufreizend gähnt der Schlund im Gesicht eines abgehäuteten

Kadavers.

»Tuen Sie nicht so, mein Lieber, als wäre Ihnen die Rolle Ableuchows

unbekannt gewesen; und als ob Sie nicht wüßten, daß ich ihn durch den

gegebenen Auftrag dafür strafen wollte; tuen Sie doch nicht, als wüßten Sie

nicht, wie dieser schuftige Kerl seine Rolle gespielt hat: ich gestehe, er

hat es geschickt gemacht; seine Rechnung war gut -- die Rechnung auf

allerlei Sentiments und Charakterschwächen, wie zum Beispiel Sie es zu

verkörpern geruhen.«

Mit dem Vorwurf der Charakterschwäche schien die Persönlichkeit einen Teil

der Schuld von Alexander Iwanowitsch nehmen zu wollen und sich so in

gewissem Grade weichen Gefühlen zugänglich zu zeigen; das hatte bewirkt,

daß sich Alexander Iwanowitsch in der Tat wie von einer Last befreit fühlte

und daß er es nun bereits versuchte, sich einzureden, er habe vorhin die

Persönlichkeit falsch beurteilt.

»Ja, die Berechnung war schlau: der edle Sohn haßt seinen Vater und ist

bereit, diesen ins Jenseits zu befördern; inzwischen treibt er sich unter

uns herum, hält Referate und ähnliches Zeug; sammelt nebenbei Dokumente und

wartet, bis er ihrer genügend besitzt, um sie -- seinem verehrten Vater zu

unterbreiten . . . Und dabei fühlen sie sich alle von dieser Schlange in

sonderbarer Weise angezogen . . .«

»Aber, Nikolai Stepanowitsch, er hat . . . er hat geweint . . .«

»Geweint . . . Und das hat Sie in Erstaunen versetzt? . . . Sie sind doch

ein eigentümlicher Kauz: Tränen -- das ist ja etwas ganz Übliches bei den

Verrätern aus der Intelligenz; ein gebildeter Verräter glaubt selbst an die

Aufrichtigkeit der Tränen, die er vergießt; und vielleicht bedauert er es

auch in diesem Augenblick, daß er Verräter geworden ist; aber uns nützen

diese Tränen nicht im geringsten . . . Sie, Alexander Iwanowitsch, weinen

doch auch jetzt . . . Natürlich will ich nicht damit sagen, daß auch Sie

ein Schuldbelasteter sind . . .«

Und das war ja eine Lüge, denn soeben noch hatte die Persönlichkeit von

einer solchen Schuld gesprochen; diese offenbare Lüge erfüllte Alexander

Iwanowitsch für einen Augenblick mit unendlichem Grauen; durch sein

Unterbewußtsein flog es wie ein Blitz: »Hier wird dir ein Handel

vorgeschlagen: du wirst aufgefordert, eine niederträchtige Verleumdung als

wahr hinzunehmen und mit diesem Preis eine Verleumdung deiner eigenen

Person abzuwehren« . . . Doch blitzte es eben _nur_ im Unterbewußtsein auf,

denn die Wahrheit voll zu sehen hinderte die gegen den Tisch geneigte,

schmale Stirn der Persönlichkeit, die bedrückende Atmosphäre eines nahenden

Verhängnisses, das Flimmern in den kleinen Äuglein und das »So, soo,

Vä--terchen« . . . Und Dudkin begann bereits zu glauben, daß er der

Verleumdung glaube.

»Sie sind, Alexander Iwanowitsch -- davon bin ich überzeugt -- rein; was

aber Ableuchow betrifft: hier in dieser Schublade hab' ich Dokumente, die

ich im nötigen Augenblick dem Parteigericht unterbreiten werde . . .«

Da begann die Persönlichkeit in wildem Tempo auf und ab durchs Zimmer zu

rennen, von einer Ecke schräg zur anderen, und schlug sich mit der dicken

Faust auf die Brust. Ihre Stimme aber trug Töne wahrhaftigen Gekränktseins

bis zur Verzweiflung -- ja, ihre Stimme klang direkt vornehm (der Handel

schien günstig abgeschlossen zu sein).

»Später einmal wird man mich -- ich versichere Sie -- verstehen: jetzt

zwingen mich die Ereignisse, die Seuche in ihrem Herd zu ersticken . . . Ja

. . . ich handle wie ein Diktator, kraft mir selbst erteilter Befugnisse

. . . Es fiel mir schwer, glauben Sie mir, es fiel mir sehr schwer, das

Urteil zu unterschreiben . . . Aber . . . Dutzende gehen zugrunde -- Ihres

Senatorsöhnchens wegen . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . Viele sind

schon verhaftet . . . Erinnern Sie sich: auch Sie waren schon einmal in

größter Gefahr, zugrunde gerichtet zu werden.« (Alexander Iwanowitsch

dachte bei diesen Worten, daß er ja schon zugrunde gerichtet worden war.)

». . . Wenn nicht ich . . . Denken Sie an Jakutsk! . . . Sie aber haben

Mitleid, setzen sich für ihn ein! . . . Weinen Sie nur, weinen Sie! Grund

dazu ist genug da . . . Dutzende werden zugrunde gerichtet!!! . . .«

Die Persönlichkeit blitzte noch einmal mit den Äuglein und verließ das

Zimmer.

Dunkel wurde es, schwarz.

* * *

Die Dunkelheit überfiel alles; sie heftete sich an alle Gegenstände des

Zimmers; Tische, Schrank und Lehnstuhl -- alles tauchte in Dunkelheit

unter; in dieser Dunkelheit saß mutterseelenallein Alexander Iwanowitsch;

Dunkelheit betrat seine Seele -- er weinte.

Alle Tonnuancen in den Worten der Persönlichkeit klangen jetzt wieder in

Dudkins Ohr, und sie erschienen ihm jetzt aufrichtig; nein, die

Persönlichkeit hat nicht gelogen; sein Mißtrauen und Haß gegen sie erklären

sich nur durch den Zustand, in dem er sich gerade befand: seine nächtlichen

Delirien haben sich für ihn zufällig -- durch ein Wort, eine Geste -- mit

der Persönlichkeit verknüpft.

Eine Lautassoziation -- nichts weiter.

Wohl ist es wahr: er hatte auch schon früher Ähnliches der Persönlichkeit

gegenüber empfunden; aber wahr ist es auch, daß er der Persönlichkeit

verschiedenes zu verdanken hatte und daß sie sich seiner annahm; der

Widerwillen, das Grauen vor ihr hat gar keine Berechtigung und erklärt sich

nur durch seine Delirien: durch die Erscheinung der braungelben Flecke auf

seiner Tapete.

Ach, er ist eben krank, das ist es . . .

Die Dunkelheit brach herein: sie überfiel alles, besiegte alles; ernst und

drohend traten Tisch, Lehnstuhl und Schrank im Raum hervor; die Dunkelheit

trat in seine Seele ein -- er weinte: zum erstenmal erblickte er vor sich

Nikolai Apollonowitsch in seiner wahren moralischen Gestalt. Wie kam es,

daß er ihn nicht früher erkannt hatte? Wie kam es? . . .

Er erinnerte sich seiner ersten Begegnung mit Ableuchow (in einem ihm

bekannten Zirkel hielt damals Nikolai Apollonowitsch einen Vortrag, in dem

er alle Werte umwertete): der allgemeine Eindruck war kein angenehmer; dann

später: es kann nicht geleugnet werden: Ableuchow hatte doch ein ganz

besonderes Interesse für Parteigeheimnisse gezeigt; mit der

plump-zerstreuten Miene eines Degenerierten hat er überall seine Nase

hineinzustecken gewußt: die Zerstreutheit kann ebensogut eine Heuchelei

gewesen sein. Alexander Iwanowitsch sagte sich: ein Provokateur höheren

Genres kann sehr wohl das Äußere Ableuchows haben -- diese verträumt

traurigen Augen (die einem fremden Blick nicht standhielten) wie den

Froschausdruck des langgezogenen Mundes; langsam näherte sich Alexander

Iwanowitsch der Überzeugung, daß sich Ableuchow in der ganzen Sache höchst

sonderbar aufgeführt hatte; und -- Dutzende gehen zugrunde! . . .

Je mehr er sich selbst zu überzeugen suchte, daß an der Zerstörung der

Organisation in T. T. Ableuchow beteiligt war, um so mehr wich das

bedrückende Gefühl, das ihn während des Gesprächs mit der Persönlichkeit

befallen hatte; eine gewisse Leichtigkeit und Sorglosigkeit rann in seine

Seele. Alexander Iwanowitsch hatte seit jeher den Senator besonders gehaßt.

Er empfand Apollon Apollonowitsch gegenüber einen Ekel, einen förmlichen

Ekel, wie ihn die Menschen vor der Tarantel empfinden; Nikolai

Apollonowitsch aber hatte er zuweilen direkt geliebt; jetzt hatten sich für

ihn der Senator und der Senatorsohn zu einem gemeinsamen Etwas

verschmolzen, das in ihm nicht nur Ekel auslöste, sondern auch den Wunsch

hervorrief, diese Tarantelbrut auszurotten, zu vernichten.

»O, ihr Gewürm! . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . O, ihr Gewürm . . .«

Selbst die Tausendfüßler sind besser, selbst die gelbbraune Tapete, selbst

die Persönlichkeit; in der Persönlichkeit ist wenigstens Größe des Hasses

vorhanden; mit der Persönlichkeit kann man sich wenigstens in dem Wunsch,

zu zerstören, zu vernichten, eins fühlen.

»O, ihr Gewürm! . . .«

Aus dem Zimmer nebenan lockte bereits der gastfreundlich gedeckte Tisch;

allerlei Schmackhaftigkeiten waren auf dem Tisch aufgestellt: Wurst, Aal

und kalter Kalbsbraten; man hörte die etwas ermüdete Stimme der

Persönlichkeit und die des Schischnarfijew, der sich verabschiedete;

endlich war er fortgegangen.

Gleich darauf trat die Persönlichkeit in das Arbeitszimmer, trat zu

Alexander Iwanowitsch und legte ihm die schwere Hand auf die Schulter:

»So ist es! . . . Es ist besser, wir streiten uns nicht, Alexander

Iwanowitsch: Wenn die, die zueinander gehören, sich herumstreiten, . . .

was soll dann überhaupt werden? . . .«

* * *

»Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um

eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles

ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen:

sie ist auch so schon von alldem müde . . . Ich selbst bin auch schon

ordentlich ermüdet . . . Alle sind wir müde . . . Das machen eben die

Nerven . . . Wir sind eben beide nervöse Menschen . . . Also zu Tisch

. . . kommen Sie . . .«

Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch.

Petersburg · 第 77 / 112 题