Madame Farnoix

Erst in später Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen Äuglein

aufzuschlagen; ihre Äuglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im

Köpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im

Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Köpfchen schwirrten

Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle

Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie

sich darüber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und

ihren Kopf erfüllten wieder Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus

dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was

war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele:

Toilette à la Pompadour -- himmelblaue Seide mit Blümchenmuster,

Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. Über die Toilette

à la Pompadour hatte sie mit Madame Farnoix neulich einen großen Disput;

Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es

entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, daß Madame Farnoix

Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison

Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hören, und so

blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil

Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergère

an den Ärmeln betraf.

So war man einig geworden.

Vertieft in Gedanken über Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour,

fühlte Sofja Petrowna doch, daß gestern noch etwas geschehen war, das alles

andere verwischen mußte; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand

unbewußt, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in

sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino

und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit

die Hände; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch

eingeschlafen war.

Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses

dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.

Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu

denken, das dritte aber vollständig zu ignorieren. Doch gerade dieses

dritte drängte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nämlich so:

kaum war sie aus ihrem überheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten,

ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, überzeugt,

daß dieser, wie immer, schon längst aus dem Hause war, um irgendwo dort den

Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tür von innen

abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der

Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung -- befand sich

Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.

Da erst fiel ihr die gestrige häßliche Szene ein; und mit schmollendem

Mündchen schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu (er habe sich

eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte

sie das zerschlagene Tischchen.

»Gnädige Frau wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

* * *

»Der gnädige Herr wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

* * *

»Gnädiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.«

Schweigen.

»Gnädige Frau, es ist jemand da.«

»Von Madame Farnoix?«

»Nein, von der Wäscherin.«

Schweigen.

* * *

Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen

Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfällig wälzten

sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.

Schweigen.

Während des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Baron

Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade

unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gnädig entgegengenommen, der Kürassier

mußte gehen.

Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestät Kürassier,

Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ballé in der Hand. Die Bonbonniere

wurde angenommen, er mußte gehen.

Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmütze; der

Husar schüttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber

Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen

erschienen.

Dann war Werhefden mit einem Logenbillett für das Mariensche Theater

erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.

Endlich, spät am Abend, kam das Laufmädchen von Madame Farnoix mit einem

riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darüber im

Vorzimmer ein Kichern entstand, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, ein

verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief

erzürnt:

»Rasch damit her!«

Zu gleicher Zeit knackte das Schloß im Herrenzimmer, eine zerwühlte Mähne

erschien einen Augenblick und -- verschwand. War es wirklich der Leutnant?

* * *

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer

erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?

Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter

den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit

einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in

eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts

einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten

rubinenrot. Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der

Mauern, die Karyatiden an den Eingängen, die steinernen Balkons, verloren

sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.

Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch

von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer

Schar weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die

Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die

Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit

fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert,

und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen

Westen.

An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte

auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war,

versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der

Linien und Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den

Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam,

langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.

Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der

Vergangenheit.

Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die

an der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit

geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten

ihre Hände. Die rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als

litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn,

das erheblich über dem Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte.

Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der

zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein

Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen

die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr

Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das

Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit

kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne

und die Tiefe des Wassers.

Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.

Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen

kahlen Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben

Glanz des Newasonnenuntergangs.

»Sie wünschen?«

Die ältliche Dame kam in Aufregung: Rührung vielleicht, vielleicht

verborgene Schüchternheit erhellten ihre Züge . . .

»Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?«

Da erbebte der kahle Lakaienschädel, und sein Blick fiel auf das kleine

Handtäschchen.

»Mütterchen, gnädige Frau! . . . Anna Petrowna!«

»Ja, Semjonytsch, ich bin's . . .«

»Aber wieso denn? Woher?«

Rührung, wenn nicht gar verborgene Schüchternheit klang aus der angenehmen

Stimme.

»Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.«

»Gnädige Frau, Mütterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .«

Anna Petrowna schritt über die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie

damals.

Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon

Apollonowitsch.

Über der Balustrade erhob sich wie damals die Säule aus weißem Alabaster,

und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses

_Damals_ überfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre

verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die

schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder spürte sie ihre

sorgsam verborgene Schüchternheit.

»Befehlen gnädige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den

Samowar?«

Anna Petrowna schüttelte mit Mühe die Vergangenheit von sich (hier war

alles wie früher).

»Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?«

»Es ging eben . . . Aber ich muß der gnädigen Frau sagen: ohne Sie gibt's

keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gnädige

Herr hat . . .«

»Ja, das weiß ich . . .«

»Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was

ist da zu sagen: der gnädige Herr bedeuten schon was!«

»Und ist -- der Herr -- gealtert?«

»Der gnädige Herr kommt -- wie es heißt -- auf einen verantwortlichen

Posten: er ist so gut wie Minister . . .«

Anna Petrowna schien es plötzlich, daß der Lakai sie ein klein, klein wenig

vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von

dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, während er ihr die Tür zum

Salon öffnete.

»Und Kolenka?«

»Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht

Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich

gehört . . . Ein bildhübscher, junger Herr!«

»Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .«

Sie sagte es, ließ die Augen sinken und machte sich an dem Handtäschchen zu

schaffen.

An den Wänden dieselben hochbeinigen Stühle; zwischen den Stühlen mit den

cremefarbigen Plüschsitzen überall kleine weiße Säulen; und von jeder

dieser Säulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll

an. Und direkt feindlich funkelte sie das grünliche, alte Spiegelglas an,

unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gespräch hatte; dort weiter

-- die blaßtönigen Bilder -- die pompejanischen Fresken; diese Fresken

brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war -- vor nun dreißig

Jahren.

Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfaßt;

von dem Lack und äußeren Glanz; wie in alter Zeit bedrückte etwas ihre

Brust; die alte Feindseligkeit wälzte sich nach oben, bis zur Kehle;

Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber -- nie;

im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre

Entladungen waren tötend.

So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern

gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die

rosigen Wölkchen, die über die Newawellen dahinglitten.

»Bleiben gnädige Frau bei uns?«

»Ich? . . . Ich wohne im Hotel.«

* * *

Im zerfließenden Grau tauchten plötzlich matte, wie verwundert blickende

Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander

und sprangen dann als rötliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von

oben Wasserfälle herunterstürzten: blaue, dunkellila, schwarze.

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Petersburg · 第 44 / 112 题