Der Sommergarten

Nüchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit

eiligen Schritten durchquerte sie der düster dreinschauende Passant, um

sich dann in der hoffnungslosen Ödigkeit des Marsfeldes zu verlieren.

Verstimmt lag der Sommergarten da.

Die Sommerstatuen flüchteten sich unter die Holzverschläge; die großen

Bretter glichen in ihrer Längsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Särge

umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Särgen verbargen sich Nymphen

und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und

Frost nagen konnte; denn die Zeit -- sie zernagt alles mit ihrem eisernen

Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Körper wie die Seele und selbst die

Steine. --

Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verödete der Garten, er wurde grau,

schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht

mehr, die Sommergalerie war zerstört, der Wasserfall ausgetrocknet;

zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.

Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen

Gießkanne begoß er die Pflanzen; er ließ Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn

aus Danzig und Apfelbäume aus Schweden herbeibringen; er errichtete

Wasserspiele, und ihre Sprühregen glitzerten zuweilen wie leichtes

Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhöchsten Persönlichkeiten, mit

gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in

kostbaren Roben; gestützt auf den geschliffenen Griff des schwarzen,

goldverzierten Stockes, führte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das

Bassin, wo vom dunkelgrünen, schäumenden Grund, prustend, der Seehund seine

Schnauze hervorstak; ein geängstigtes »Ach!« von seiten der Dame, indessen

der Kavalier scherzhaft lächelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum

entgegenhielt.

Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mußte ein

ordentliches Stück seiner Fläche für die Alleen des Gartens hergeben, jenen

Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus

indischen Gewässern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre

rosafarbigen Fühler in die Luft, und die hohe Persönlichkeit näherte, den

pleureusengeschmückten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen

Öffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich

andere hohe Persönlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.

Auch in späteren Zeiten hörte man öfters Lachen, Seufzer und Flüstern vor

der Statue, die in malerischer Pose ihre Hände in den dämmernden Tag

vorstreckte; dabei glänzten die Perlen der Hoffräulein. Im Frühling war es,

am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; plötzlich wurde sie von

Orgeltönen erschüttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen

hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich plötzlich spaßiges

grünes Licht aus; von diesem grünen Licht beschienen, bliesen grellrote

Jägermusikanten in ihre Hörner, und von den melodischen Tönen erzitterte

die Luft, die Seelen der Zuhörer in ihren Tiefen aufwühlend; hast du das

sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hörner nicht

vernommen?

Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen düster

verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose

Vogelschar kreiste über dem Peterhäuschen; unerträglich war ihr Gezwitscher

und das Aufschlagen der vielen Flügel; die schwarze, ruhelose Schar ließ

sich störend auf die Zweige niederfallen.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, schritt, in seinen

Wintermantel gehüllt, über den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den

Pelz, und die Augen glänzten eigentümlich. Er hatte gerade beschlossen,

sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen überreicht wurde; mit

unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den

Sommergarten ein; die Unterschrift war ein »S«. Wer mochte sich hinter dem

geheimnisvollen »S« verbergen? »S« ist -- Sofja (sie hat wohl ihre Schrift

verändert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfümiert, schritt

über den hartgefrorenen Weg weiter.

Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen

Schlaf gehabt; eine dünne Staubschicht legte sich ungehindert auf die

aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom süßer Gefühle zog durch die Seele

Nikolai Apollonowitschs; Ähnliches hatte er auch schon früher empfunden. --

Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die

unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfaßt;

als hatte er in ihm selbst schlummernde Kräfte in unergründeten Tiefen

geweckt; als wäre in ihm eine Äolssaite gesprungen und anderer

Leidenschaften -- Kinder hätten ihn durch die Lüfte in andere Länder

getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen

Empfindungen sein? Oder war es am Ende -- die Liebe? Aber die Liebe

verneinte er.

Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem,

schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen

Bank saß eine nachlässig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich

plötzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf

ihn zu.

»Sie haben mich . . . nicht erkannt?«

»Ach ja, guten Tag!«

»Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin -- Solowjowa.«

»Aber natürlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!«

»Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .«

Nikolai Apollonowitsch ließ sich gequält neben ihr nieder; in dieser selben

Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglückliche

Begegnung! Nikolai Apollonowitsch überlegte, wie er das Mädchen loswerden

konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwährend verlegen um, doch

es kam niemand.

Vor ihren Füßen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Blätter; ein

dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont

durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu ächzen; von

Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.

»Haben Sie meinen Zettel bekommen?«

»Welchen Zettel?«

»Den Zettel mit >S< gezeichnet?«

»Was, den haben _Sie_ geschrieben?«

»Aber gewiß doch . . .«

»Wieso dann >S<?«

»Wieso? Ich heiße doch Solowjowa.«

Alles stürzte vor ihm zusammen. Und er, und er -- was hatte er sich nicht

schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken

in jähe Tiefe.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit

der Unterschrift >Die flammende Seele< bekommen?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Ach, wie ärgerlich! Ohne diese Verse ist es mir

eigentlich schwer, Ihnen zu erklären . . . Ich wollte Sie über den Sinn des

Lebens fragen . . .«

* * *

»Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.«

»Wieso? Ach, wieso denn?«

»Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses

Gespräch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?«

Warwara Ewgrafowna machte einen schüchternen Versuch, ihn zurückzuhalten,

doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfümierte Hand. Ihr

fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte;

er aber lief ganz verärgert, das Gesicht stolz und gekränkt in den

Pelzmantel vergraben, von dannen.

Petersburg · 第 43 / 112 题