Inzwischen setzte sich die Unterhaltung fort

Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die

Unterhaltung fort.

»Ich habe den Auftrag,« sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai

Apollonowitsch nehmend, --»ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen

zur Aufbewahrung zu übergeben.«

»Nur das?« rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, daß

das beängstigende Erscheinen des Unbekannten nicht _jenes schreckliche_

Versprechen betraf, daß es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte;

rasch erhob er sich und näherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob

sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das

Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfaßte der

Unbekannte derb seine Finger:

»Vorsichtig, um Gottes willen . . .«

Da ertönte plötzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hörte das

Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit

eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke:

»Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch,« rief seine ängstliche

Stimme, »eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener

. . . daß, das . . . _das_ kann ich nicht ertragen . . .«

Nikolai Apollonowitsch wunderte sich.

»Sie fürchten sich vor Mäusen? . . .«

»Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . .«

Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu

drücken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus

haltend, die allerdings in der Falle saß, und Nikolai Apollonowitsch neigte

sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten.

»Ein Mäuschen«, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt;

höflich wiederholte seinerseits dieser:

»Ein Mäuschen.«

* * *

Nikolai Apollonowitsch trug endlich das Paket in sein Arbeitszimmer; es

fiel ihm flüchtig nur auf, daß das Paketchen so schwer war; doch dachte er

darüber nicht weiter nach; nur als er auf dem weichen Teppich leicht

stolperte, ertönte aus dem Paket ein metallischer Klang; der Unbekannte

fuhr bei diesem Laut leicht in die Höhe, und dabei beschrieben seine Arme

jene Zickzacklinie in der Luft, die den Senator vor kurzem so erschreckt

hatte.

Doch es geschah nichts: der Unbekannte erblickte nur zu seiner nicht

geringen Verwunderung auf dem Lehnstuhl im Nebenzimmer einen faltenreichen

roten Domino und eine schwarze Maske; während Nikolai Apollonowitsch einen

Platz in seiner Schreibtischlade freimachte und, vorsichtig, das Paketchen

hineintat, betrachtete der Unbekannte den Domino; zugleich sprach er

lebhaft Gedanken aus, die in ihm gründlich gereift zu sein schienen:

»Wissen Sie . . . Die Einsamkeit richtet mich zugrunde. Ich habe in diesen

Monaten verlernt zu reden. Merken Sie nicht, daß meine Worte verworren

sind?«

Nikolai Apollonowitsch, den bucharischen Rücken dem Gaste zugewandt, sagte

hierauf durch die Zähne:

»Na, das geschieht zuweilen mit jedem.«

Der Unbekannte sprach hinter seinem Rücken weiter:

»Ich finde mich nicht mehr in den Sätzen zurecht. Ich will irgendein Wort

sagen, sage aber etwas ganz anderes: drehe mich immer im Kreis um die Sache

herum . . . Ich vergesse zuweilen die Namen der gewöhnlichsten Gegenstände,

und wenn ich auf sie komme, dann zweifle ich, ob sie richtig sind. Ich

wiederhole mir: Lampe, Lampe, Lampe; plötzlich aber scheint es mir, daß ein

solches Wort gar nicht existiere. Ich habe meist niemand, den ich fragen

könnte; und den ersten besten zu fragen, davon hält mich Scham zurück; man

würde mich am Ende für einen Wahnsinnigen halten.«

»Aber was fällt Ihnen ein . . .«

Übrigens, was das Paket betrifft: hätte Nikolai Apollonowitsch aufmerksam

auf die Mahnungen zur Vorsicht seitens seines Gastes geachtet, er würde

begriffen haben, daß das vermeintlich harmlose Paketchen keinesfalls so

harmlos war; aber er beachtete es nicht und verstand auch kaum die jetzt

aufgefangenen Worte. Indessen fuhr die prasselnde Fistelstimme fort, ihn

auf den Rücken zu trommeln:

»Das Leben ist schwer für einen, der, wie ich, in der Torricelli-Luftleere

. . .«

»Torricelli?« fragte verwundert Nikolai Apollonowitsch, ohne auf die Rede

zu achten.

»Ja, eben -- Torricelli-Luftleere, und das alles im Namen der

Allgemeinheit, der Sache für die Allgemeinheit; diese Sache für die

Allgemeinheit hat aber mich aus der Liste der Lebenden gestrichen. Meine

Gesellschaft sind Wanzen und Mauerkäfer. Ich bin nur -- ich. Hören Sie mir

zu?«

»Gewiß doch.«

Nikolai Apollonowitsch hörte jetzt tatsächlich zu.

Hier aber schwieg plötzlich der Unbekannte. Denn Nikolai Apollonowitsch

hatte den Schreibtisch abgesperrt und wandte sich um.

»Wissen Sie: ich wollte Sie schon längst einmal sehen, um mich einmal vor

Ihnen auszusprechen: ich sehe so wenige. Ich wollte Ihnen von mir

erzählen.«

»Von wem? . . . Aber warten Sie, warten Sie: ich habe einen Kognak im

Schränkchen -- mögen Sie . . .«

»Nicht abgeneigt . . .«

Bald erschien vor dem Gast eine kleine Karaffe und zwei geschliffene

Weingläschen.

Während er dem Gast das Glas füllte, dachte Nikolai Apollonowitsch daran,

daß jetzt die beste Gelegenheit sei, sich von dem damaligen Versprechen

loszusagen; als er aber diesen Gedanken in Worte einkleiden wollte -- wurde

er verlegen; aus Feigheit vermochte er es nicht, sich vor einem Fremden

feige zu zeigen.

»Ich lese jetzt Conan Doyle zur Erholung,« fuhr der Unbekannte zu prasseln

fort, »Meine Lektüre würde Ihnen überhaupt sehr verrückt erscheinen: ich

lese die Geschichte des Gnostizismus, Gr. Nissk., den Syrianer, den

Apokalypsis. Das ist, wissen Sie, mein Privileg. Die Originalität meiner

geistigen Nahrung kommt von denselben Sonderstellungen. Ich bin ein

revolutionärer Snob, wie es militärische Snobs gibt, die sich den

Georgsorden verdient haben: einem alten Kriegsmann mit Verdiensten verzeiht

man manches.«

Der Unbekannte wurde nachdenklich, dann füllte er sein Gläschen, trank es

aus, um es von neuem zu füllen.

»Und warum sollte ich auch nicht nach meinem Eigenen, Persönlichen suchen:

Ich privatisiere auch so zwischen vier gelben Wänden.«

»Sie waren ja deportiert gewesen?«

»Ja, nach Jakutsk.«

Hier entstand ein verlegenes Schweigen. Der Unbekannte mit dem schwarzen

Schnurrbärtchen sah aus dem Fenster auf die Fläche der Newa. Schwänze von

Rauch hingen über dem dunkelfarbigen Gewässer. Der Unbekannte nippte aus

dem Gläschen, dann sah er die gelbe Flüssigkeit an: seine Hände zitterten.

Nikolai Apollonowitsch sagte beinahe mit . . . Haß:

»Den Massen aber sagen Sie wohl nichts davon?«

»Natürlich schweig' ich noch so lange.«

»Nun, und nach der Rückkehr aus Jakutsk?«

»Die Flucht aus Jakutsk war mir gut gelungen; ich wurde in einem

Sauerkrautfaß herübertransportiert, und jetzt bin ich das, was ich bin: ein

Arbeiter im Dunkeln. Glauben Sie ja nicht, ich arbeite im Namen sozialer

Utopien oder im Namen eurer Eisenbahn -- Gedankengänge. Eure Kategorien

erscheinen mir wie Schienen und euer Leben wie ein rollender

Eisenbahnwagen; ich war früher auch ein vollendeter Nietzscheaner. Wir alle

sind ja Nietzscheaner: auch Sie, Herr Ingenieur Ihrer Eisenbahnlinie, sind

es, nur werden Sie es nie zugeben. Nun also: für uns, Nietzscheaner, ist

die agitatorisch und revolutionär gestimmte Masse die Klaviatur, über die

die Finger des Pianisten frei laufen, eine Schwierigkeit nach der anderen

überwindend; und während irgendein Gaffer im Parkett sich an den göttlichen

Beethoventönen labt, liegt für den Spieler und für Beethoven die Sache

nicht in den Tönen, sondern im Septakkord. Sie wissen ja, was Septakkord

ist? So sind wir alle!«

»Also Sportsmänner der Revolution!«

»Was ist dabei? Ist denn der Sportsmann nicht Artist? Ich bin Sportsmann

aus reiner Liebe zur Sache, und deshalb bin ich Artist.«

Wieder entstand verlegenes Schweigen. Nikolai Apollonowitsch zupfte

geärgert am Knopf seines Ruhebetts.

»Alles ist aufgebaut auf Kontrasten! Und meine Tätigkeit für die

Gesellschaft brachte mich in die traurigen Regionen des Eises. Hier

gedachte man wohl meiner, man vergaß aber, daß ich dort allein war, in

einer Leere; und während ich in dieser Leere versank, verlor ich alle

Parteivorurteile, alle Kategorien, wie Sie sagen würden: seit Jakutsk habe

ich nur eine einzige Kategorie. Und wissen Sie, welche?«

»Welche denn?«

»Die Kategorie des Eises . . .«

»Wie meinen Sie dies?«

Wohl vom Nachdenken oder vom Alkohol nahm hierbei das Gesicht Alexander

Iwanowitschs einen seltsamen Ausdruck an. Seine Farbe, ja selbst sein

Umfang veränderte sich kraß (es gibt Gesichter, die sich jäh verändern): er

schien jetzt ganz berauscht.

»Die Kategorie des Eises -- das Eis der jakutischen Gegend; ich trage es

immer im Herzen; das ist es, was mich von den anderen scheidet; ja, ja, ja;

das Eis scheidet mich: erstens als Menschen, der unter fremdem Namen lebt,

und dann hat mir dieses Eis jene besondere Eigenschaft verliehen, durch die

ich mich, auch wenn ich unter Menschen bin, in die Un--ermeßlichkeiten

versetzt fühle . . .«

Nikolai Apollonowitsch empfand eine seltsame Kälte: sein an die Partei

gegebenes Versprechen war ja noch nicht zurückgenommen; von den Worten des

Unbekannten wehten so durchdringlich eisige Ebenen; wie sein Vater liebte

Nikolai Apollonowitsch nicht die Weite.

Inzwischen stand Alexander Iwanowitsch beim Fenster und lächelte:

»Ein Programm für die Revolution hat unsereiner nicht nötig: das ist etwas

für Theoretiker, Publizisten, Philosophen . . .«

Plötzlich brach er ab und schwieg: aus dem schlackigen Nebel rollte ein

Wagen heran, die Wagentür flog auf, und Apollon Apollonowitsch sprang rasch

hervor und warf einen flüchtigen, ängstlichen Blick auf die Spiegelscheiben

der Fenster. Auch Alexander Iwanowitsch empfand eine jähe Angst und führte

die Hand vor die Augen.

»Er . . .«

»Was ist los?«

»Nichts Besonderes: Ihr Vater ist mit dem Wagen gekommen.«

Petersburg · 第 31 / 112 题