»He, he . . .«
So schrie der Kutscher . . .
Und die Räder spritzten auf alle Seiten Straßenkot.
Der Wagen raste auf den Newskij-Prospekt. Apollon Apollonowitsch Ableuchow
wiegte sich auf dem Atlaspolster des Sitzes; von dem Dreck der Straße war
er durch vier perpendikuläre Wände getrennt; war auch von den
vorbeiflutenden Menschenmengen getrennt, von den trübselig nassen, roten
Umschlägen der Gassenblättchen, die an der Straßenkreuzung dort verkauft
wurden.
Die Regelmäßigkeit und Symmetrie beruhigten die Nerven des Senators, die
durch Unebenheiten des häuslichen Lebens und dem hilflosen Kreisen unseres
Staatsrades erregt waren.
Harmonische Einfachheit war das Kennzeichen seines Geschmacks.
Am meisten liebte er die geradlinige Straße; diese Straße mahnte ihn an den
Fluß der Zeit, zwischen zwei Punkten des Lebens.
Nasse, glitschrige Straßen: Häuser in Kubusform als regelmäßige
fünfstöckige Reihen; von der Linie des Lebens unterscheiden sich dieselben
nur in einer Beziehung: diese Reihen hatten weder Ende noch Anfang.
Begeisterung erfüllte jedesmal die Seele des Senators, wenn sein lackierter
Kubus wie ein Pfeil die Linie des Newskij durchschnitt. Dort hinter den
Fensterscheiben liefen die Nummern der Häuser vorbei, eine Zirkulation ging
dort vor sich; dort schimmerten an klaren Tagen von weit, weit her
blendend: die goldene Spitze[*], die Wolken, der rote Strahl des
Sonnenuntergangs; und dort sah man an nebligen Tagen -- nichts, niemand.
[Fußnote *: Die berühmte, schon von Puschkin besungene Spitze des
Arsenals.]
Weiter aber waren die Linien der Newa, der Inseln.
Apollon Apollonowitsch liebte diese Inseln nicht: die Bevölkerung dort
waren Fabrikarbeiter, roh; ein vieltausendköpfiger Menschenschwarm wälzte
sich dort morgens zu den vielschlotigen Fabriken; er wußte, jetzt
zirkulierte dort der Browning. Und noch an etwas anderes dachte Apollon
Apollonowitsch: Die Bewohner der Inseln zählen zu der Bevölkerung des
Russischen Reiches; auch dort ist die allgemeine Volkszählung durchgeführt:
auch sie haben numerierte Häuser, Polizeireviere, Staatsinstitute; der
Insulaner ist: Advokat, Schriftsteller, Arbeiter, Polizeibeamter; er hält
sich für einen Bürger Petersburgs, doch ist er Bürger des Chaos, er bedroht
des Reiches Residenz aus herannahender Wolke . . . Apollon Apollonowitsch
wollte nicht weiter denken: voll Unruhe sind diese Inseln --
niederstampfen, niederstampfen! Durch das Eisen einer riesigen Brücke an
den Boden festschmieden und in alle Richtungen durch Straßenpfeile
durchbohren . . . Und so verträumt blickend in die Endlosigkeit der Nebel,
wuchs der Staatsmann aus dem schwarzen Kubus seines Wagens heraus, dehnte
sich auf alle Seiten und reckte sich in die Höhe empor; er wünschte, sein
Wagen möge vorwärts rasen, daß die Straßen ihm entgegen flögen -- eine
Straße nach der anderen; daß die ganze sphärische Oberfläche des Planeten
wie durch Schlangenringe durch schwarzgraue Häuserkuben eingefaßt würde;
daß die ganze von Straßen zusammengedrängte Erde im kosmischen Linienlauf
die Endlosigkeit wie ein geradliniges Gesetz durchschnitt; daß ein
Parallelstraßennetz, durchkreuzt von einem anderen Parallelstraßennetz,
sich mit den Flächen der Quadrate und Kuben in die Himmelsabgründe bohrt:
für jeden Stadteinwohner je ein Quadrat; daß . . . daß . . .
Am meisten beruhigte ihn nach der Linie, die Figur des Quadrates.
Er pflegte oft lange sich gedankenloser Betrachtung hinzugeben von:
Pyramiden, Dreiecken, Parallelepipeden, Kuben, Trapezen. Unruhe ergriff ihn
nur beim Anblick des abgebrochenen Kegels.
Die Zickzacklinie aber, die konnte er nicht ausstehen.
In seinem Wagen genoß Apollon Apollonowitsch durch lange Augenblicke
gedankenlos die viereckigen Wände, im Zentrum eines vollendeten, mit Atlas
überspannten Kubus sitzend: Apollon Apollonowitsch war zur Einzelhaft
geschaffen; nur die Liebe zur Staatsplanimetrie hatte ihn in die
Vieleckigkeit eines verantwortlichen Postens hineingezogen.
* * *
Die nasse, schlüpfrige Straße wurde in geraden, neunziggradigem Winkel von
einer anderen nassen Straße durchquert; im Kreuzungspunkt der Linien stand
ein Polizist . . .
Und ebensolche Häuser erhoben sich dort, und ebenso grau zogen dort
Menschenströme hin und ebenso grüngelb stand dort ein Nebel. Konzentriert
liefen dort Gesichter vorbei; die Trottoirs flüsterten, scharrten, wurden
mit den Gummischuhen gerieben; feierlich zog die Bürgernase vorbei. In
Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Entennasen, Hühnernasen, grünliche,
weiße; auch die mangelnde Nase zog da vorbei. Hier zogen einzelne, Paare,
Dreier- und Vierergruppen; einem Hut folgte ein zweiter; steife Hüte,
Federn, Mützen; Mützen, Mützen, Federn; Dreimaster, Mützen, Zylinder,
Mützen, Kopftuch, Schirm, Feder.
Doch parallel der dahineilenden Straße lief eine zweite Straße, mit einer
ebensolchen Reihe von Schachteln, mit Numerierung, mit Wolken; und mit
demselben Staatsbeamten.