Apollon Apollonowitsch Ableuchow war von höchst würdiger Abstammung: er
hatte Adam zum Vorfahren gehabt. Das war aber die Hauptsache nicht: viel
wichtiger war, daß sein edelst geborener Ahne _Sem_ gewesen war, also der
eigentliche Ahnherr der semitischen, chetitischen und farbigen Völker.
Hier wollen wir aber zu den Vorfahren weniger ferner Epochen einen Übergang
tun.
Diese Vorfahren lebten im kirgiskaijsakischen Hordenstaat, und von da aus
trat Mirsa Ab-Lai, Ururgroßvater des Senators, der in der christlichen
Taufe den Vornamen Andreij und den Rufnamen Uchow bekommen hatte, zur
Regierungszeit Anna Joannownas ruhmvoll in den russischen Dienst ein. So
berichtet über dieses Hervorgehen aus den Tiefen einer mongolischen Rasse
des _Russischen Reiches Wappenkalender_. Dann wurde der Kürze wegen
Ab-Lai-Uchow in Ableuchow verwandelt.
Dieser Ururgroßvater wurde, der Überlieferung nach, zum Urquell des ganzen
Geschlechts.
* * *
Ein mit Goldtressen geschmückter, grauer Lakai staubte mit einem Federbusch
den Schreibtisch ab; in der offenen Tür zeigte sich die Papiermütze des
Kochs.
»Er ist schon auf, was?«
»Reibt sich mit Eau de Cologne ab, wird gleich zum Kaffee erscheinen.«
»Morgens sagte der Briefbote, für den gnädigen Herrn sei ein Briefchen aus
Hispanien gekommen: mit hispanischer Marke.«
»Ich mache Sie aufmerksam: Sie sollten Ihre Nase weniger in die Briefsachen
stecken.«
»Anna Petrowna ist also . . .«
»Na ja: also . . .«
»Aber ich -- ich meine es nur so . . . Was bin ich: nichts . . .«
Des Kochs Kopf verschwand im Nu: Apollon Apollonowitsch Ableuchow schritt
in sein Arbeitszimmer herein.
* * *
Ein auf dem Tisch liegender Bleistift fesselte die Aufmerksamkeit Apollon
Apollonowitschs. Er faßte einen Beschluß: dem Ende des Bleistiftes eine
spitze Form zu geben. Rasch näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach
. . . einem Briefbeschwerer, den er lange in tiefer Nachdenklichkeit in der
Hand drehte, ehe er bemerkte, daß er einen Briefbeschwerer und nicht einen
Bleistift in der Hand hielt.
Die Zerstreutheit kam daher, daß ein tiefer Gedanke ihn im selben
Augenblick erleuchtete; und sogleich, zur ganz ungeeigneten Zeit (Apollon
Apollonowitsch mußte eilig ins Amt), entwickelte sich der Gedanke zu einem
fortlaufenden Gedankengang. In dem Tagebuch, das im Jahr seines Todes zu
erscheinen hatte, war eine neue Seite dazugekommen.
Nachdem er den Gedankengang eilig aufgeschrieben, dachte Apollon
Apollonowitsch: »Jetzt ist es Zeit in den Dienst.« Und er schritt weiter in
das Speisezimmer, um seinen Kaffee zu sich zu nehmen.
Vorerst begann er mit peinlicher Beharrlichkeit den alten Kammerdiener
auszuforschen:
»Ist Nikolai Apollonowitsch schon auf?«
»Nein, der junge Herr sind noch nicht aufgestanden.«
»Ä -- ä . . . sagen Sie: wann eigentlich . . . sagen Sie, wann pflegt
Nikolai Apollonowitsch sozusagen . . .«
»Ja, der junge Herr stehen ein wenig spät auf . . .«
»Na, wie denn, ein wenig spät?«
Und sogleich, ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er, nachdem er einen
Blick auf die Uhr geworfen hatte, weiter, um seinen Kaffee zu trinken.
Es war genau halb zehn.
Um zehn fuhr er, der Alte, ins Regierungsamt. Nikolai Apollonowitsch aber,
der Jüngling, erhob sich aus dem Bett -- zwei Stunden später. Jeden Morgen
erkundigte sich der Senator nach der Aufstehzeit des Jüngeren. Und jeden
Morgen faltete er unzufrieden das Gesicht.
Nikolai Apollonowitsch war des Senators Sohn.
Kurz, er war das Haupt eines Regierungsamtes . . .
Apollon Apollonowitsch Ableuchow zeichnete sich durch ruhmvolle Taten aus;
mehr als _ein_ Stern ist auf seine goldbestickte Brust niedergefallen: der
Stern des Stanislaus und der Anna sogar: sogar der Stern des Weißen Adlers.
Und vor kurzem erglänzten an dem Wohnsitz patriotischer Gefühle die
Strahlen des Diamantzeichens, nämlich: das Ordenszeichen -- des Alexander
Newski.
Wie war nun die gesellschaftliche Stellung der aus dem Nichts hier ins
Leben gerufenen Persönlichkeit?
Ganz Rußland kannte Ableuchow wegen der ungemeinen Länge der von ihm
gehaltenen Reden; diese Reden glänzten und spritzten geräuschlos Gifte auf
die feindliche Partei; das Resultat dessen war, daß die Anträge dieser
feindlichen Partei an den Stellen, auf die es ankam, abgelehnt zu werden
pflegten. Mit der Einsetzung Ableuchows auf den verantwortlichen Posten
hörte die Tätigkeit des neunten Departements auf. Gegen dieses Departement
führte Ableuchow einen zähen Kampf auf dem Wege des Papiers oder, wo es
anging, durch Reden. Die Reden des Senators durchflogen Kreise und
Gouvernements, von denen manche ihrer Ausdehnung nach dem Deutschen Reich
nicht nachstanden.
Apollon Apollonowitsch war das Haupt eines Regierungsamtes.
Eines Regierungsamtes, das Ihnen wohl bekannt ist.
Wollte man die saftlose, gänzlich unansehnliche, kleine Gestalt meines
Helden mit der unermeßlichen Größe der von ihm betriebenen Mechanismen
vergleichen -- man würde wohl für lange Zeit in naives Staunen verfallen;
und in der Tat: es staunten ausnahmslos alle über den Wettersturz geistiger
Kräfte, der aus diesem Schädel -- ganz Rußland und allen Departements, mit
Ausnahme eines einzigen, zum Trotz -- hervorgebrochen war; und nun ruhte
das Haupt jenes einzigen Departements, dem Willen des Schicksals
gehorchend, seit zwei Jahren unter des Grabes Stein.
Mein Senator war gerade achtundsechzig alt geworden; und sein Gesicht, das
blasse, erinnerte bald an den grauen Briefbeschwerer (in feierlichen
Augenblicken), bald an Papiermaché (in Mußestunden); die steinernen
Senatoraugen, umgeben von schwarz-grünem Graben, schienen in Momenten der
Müdigkeit noch blauer und riesenhafter.
Unsererseits fügen wir hinzu: Apollon Apollonowitsch regte sich beim
Anblick seiner vollständig grünen, auf dem blutroten Fond des brennenden
Rußland ungeheuer vergrößerten Ohren keinesfalls auf. So war er nämlich vor
kurzem abgebildet: auf dem Titelblatt einer humoristischen Gassenrevue,
eines der »judaischen« Blättchen, deren blutrote Umschläge in jenen Tagen
sich auf den menschenwimmelnden Straßen mit erstaunlicher Raschheit
vermehrten . . .