Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen,
weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne,
eine Terrasse mußte dort drinnen sein -- hoch über seinem Kopf standen
einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein
Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der
anderen Seite des Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der
Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des
Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.
Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte.
Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.
Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem
Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm
und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.
Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich,
dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen
in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen.
Die Gedenktafeln der Toten leuchteten -- kleine Marmortempel, weiße
Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber
aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine
weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume
zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem
schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg.
Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte -- die Japaner liebten
die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie
abgehauene Köpfe. --
Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden,
in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von
Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am
Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber
noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen
Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im
Kreuzgang eines Klosters gemahnten.
Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum
abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war.
Er war hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben
sich dahinter wie eine Mauer.
Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie
nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.
Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann
krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens.
Jenny -- Jenny -- Jenny -- ihren lichten Namen hörte er in jedem
Vogelpfiff des Frühlings -- und sie war tot --.
Sie lag dort drunten in der Finsternis. Eine Locke ihres blonden Haares
hatte er abgeschnitten und trug sie in seinem Taschenbuch bei sich. Er
nahm sie wohl hervor und ließ sie in der Sonne funkeln -- die kleinen
armseligen Fünkchen waren alles, was die Sonne jetzt zünden konnte von
all ihrem schweren, schimmernden Haar.
Sie war tot und fort. Einige Bilder hatte sie hinterlassen, und ein
Abschnitt über sie stand in den Zeitungen. Eine Mutter und einige
Schwestern blieben zurück, die über +ihre+ Jenny trauerten -- die wahre
hatten sie nie gekannt, sie wußten nichts über ihr Leben und ihren Tod.
Da waren die anderen -- die starrten verzweifelt nach der Jenny, die
sie gekannt --. Sie wußten einiges, verstanden aber nichts.
Es war nur seine Jenny, sie, die hier lag.
* * * * *
Helge Gram war zu ihm gekommen. Er hatte gefragt und hatte erzählt, er
hatte gejammert und gebettelt:
„Ich verstehe ja nichts. Weißt du es -- oh, erkläre es mir, Heggen.
+Du+ weißt es. Kannst du mir nicht sagen, was du weißt!“
Er hatte nicht geantwortet.
„Da war ein anderer. Sie selbst sagte es. Wer war es? Warst du es?“
„Nein.“
„Weißt du, wer es war?“
„Ja, aber ich will es nicht sagen. Es nützt nichts, daß du fragst,
Gram.“
„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen -- ich werde wahnsinnig,
wenn du mir nicht erklären kannst --.“
„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“
„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen -- seinetwegen --
deinetwegen?“
„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“
Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie
hatten sich seitdem nicht wieder gesehen.
Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige
Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er
war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach
allen Richtungen abgeben müssen -- anläßlich der Untersuchung des
Selbstmordes, des Begräbnisses -- an Frau Berner hatte er geschrieben,
daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in
all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide
wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war --
und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief
in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen.
Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner
Seele für alle Zeiten bilden.
Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten.
Er würde seinem Leben Richtung geben -- und von ihm gelenkt werden
-- würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben
getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit
war er verschiedenartig -- aber immer war er da, und so würde es immer
sein.
Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der
andere mit ihr allein geblieben war -- damals hatte er Helge Gram sagen
wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu
Asche zerfiel -- wie sein eigenes.
Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte,
zu einem Geheimnis zwischen der toten Frau und ihm geworden, zum
Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil
sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge
Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und
für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen,
ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem
Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.
Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie
war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem
Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen
war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und
hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, um
Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren,
sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen.
Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er
das erst begriffen, nachdem es zu spät war.
Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt
war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue
treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen
lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.
Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie
blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch
wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein
Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief
eingrub.
Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte
allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit
ihr allein bleiben.
Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den
Kissen seines Bettes erstickte. Sie war tot, und er hatte sie nie
besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen,
und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren
herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine
sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie
berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch
wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt
hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er
verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde
inmitten der Erde zerfiele.
Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.
Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und
vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie
gehabt.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß
es so war.
* * * * *
Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte
ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm,
ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie
in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr
-- es war jetzt in ihm -- dort lebte es weiter und würde nicht sterben,
bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und
sich verändern -- er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren
aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig
schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.
* * * * *
Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf
und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich
dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in
ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie
erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen,
um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt -- und sie
hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf
Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.
Aber als er sie dann liegen sah -- er hatte auch darüber gerast,
verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch
getan hätte -- er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein
Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen
würde, daß sie den Tod gewählt hatte -- Jenny, du hättest es nicht tun
sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie
hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie -- ewig,
solange er lebte.
Nur eines würde nie eintreten -- der Wunsch, daß er sie nie geliebt
hätte.
Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen.
Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben
ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er
nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein
sollte.
Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals
sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.
* * * * *
Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache
Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine
kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen
ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen.
Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.
Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle
rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt,
aber das klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im
Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.
All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen
geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem
versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska
geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun
wollte.
Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie
darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter
mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem
Taschenbuch verwahrt.
Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das
war jetzt sein.
* * * * *
Draußen auf dem Rasen wuchsen einige rotviolette Anemonen. Er erhob
sich gedankenlos und pflückte sie.
Ach Frühling, Frühling.
Er entsann sich des letzten Males, als er im Frühling daheim war, es
war jetzt zwei Jahre her.
Auf der Umsteigestation erwartete ihn ein Karren mit einer roten Mähre
davor. Der Besitzer des Gefährtes war ein alter Schulkamerad. An einem
sonnenklaren Märzvormittag fuhr er auf dem Feldweg daher. Unter dem
lichtblauen Himmel breiteten sich Felder mit gelblichfahlem altem
Grase aus. Wo der verwitterte Hügel sich über der Ebene erhob, standen
Wacholder, Birken und Ebereschen in kleinen Gruppen bei einander,
die nackten glatten Zweige in die Luft streckend. Die Düngerhaufen
auf den gepflügten Feldern glänzten wie goldbrauner Sammet. Gehöfte
tauchten auf, eines nach dem anderen, mit den bekannten Umrissen der
Scheunen, mit gelben, grauen und roten Häusern, mit Aepfelgärten
und Fliederbüschen davor. Um den Ort zog sich der Wald, olivengrün,
mit einem lenzhaften, violetten Schimmer über den Birkenästen. Ein
vereinzelter Streifen Schnee lag nordwärts grünlichweiß im Schatten.
Ueber das ganze Kirchspiel herab rieselten an jenem Tage Triller
unsichtbarer Lerchen.
Er nahm zwei weißschöpfige Bürschchen mit, die mit einem Eimer voll
Essen über den Weg trabten. Armselig gekleidet, in Holzschuhen
trotteten sie durch den Schmutz.
„Wo wollt ihr hin, Jungens?“
Sie blieben stehen und betrachteten ihn mißtrauisch.
„Wollt ihr vielleicht dem Vater Essen bringen?“
Sie gaben es zögernd zu, ein wenig überrascht, daß der fremde Mann das
wissen konnte.
„Klettert herauf, dann dürft ihr mitfahren.“
Er hob sie in den Wagen.
„Wo arbeitet euer Vater denn, was?“
„Auf Brustad.“
„Brustad -- ah so -- ist das nicht der Schule gegenüber?“
So ging das Gespräch hin und her. Der dumme, unwissende erwachsene
Mann fragte und fragte, wie Erwachsene immer mit Kindern sprechen.
Der Erwachsene fragt, und die Kleinen, die so viel Weisheit besitzen,
konferieren stumm mit Augenblinzeln und geben mit Vorbehalt nur so viel
zum besten, als sie für angemessen halten.
Hand in Hand trabten sie über den Erdboden unter den rostbraunen
Palmweiden an dem brausenden Bach entlang, nachdem er sie abgesetzt
hatte. Er sah ihnen eine Weile nach, wendete den Wagen und fuhr seinem
eigenen Ziele zu.
Daheim hatten sie abends Lesestunde. Ingeborg, seine Schwester, saß
drüben neben dem alten Eckschrank aus Birkenholz und lauschte mit
ekstatisch bleichem Antlitz und stahlblau glänzenden Augen einem
Schuhmachermeister aus Fredriksstad, der von Gnade sprach. Dann sprang
sie auf und sprach ihr Glaubensbekenntnis, zitternd vor Leidenschaft.
Ingeborg, seine schöne, frische Schwester! Wie wild war sie einst
gewesen, wie hatte sie Tanz und Vergnügen geliebt! Und Lesen und
Lernen! Während er in der Stadt arbeitete, mußte er ihr Bücher und
Broschüren senden und den „Socialdemokraten“ in Paketen zweimal die
Woche. Alles wollte sie wissen und lernen. Dann, als sie dreißig Jahre
alt war, wurde sie erweckt. Jetzt redete sie mit Zungen. --
Ihre ganze Liebe hatte sie auf ihren kleinen Brudersohn Anders
geworfen, und das kleine Mädelchen, das sie in Pflege hatten, ein
uneheliches Kind aus Kristiania. Mit blitzenden Augen erzählte sie
ihnen von Jesus, dem Kinderfreund.
Am Tage darauf schneite es. Er hatte die Kinder ins Lichtspieltheater
eingeladen, in einer kleinen Stadt eine halbe Meile von ihrem
Kirchspiel entfernt.
Sie trabten an einem Steinwall zwischen dem Nadelwald und den Feldern
entlang. Alles war grauweiß von nassem Märzschnee -- nur ihre Fußspuren
blieben dunkel hinter ihnen zurück. Er versuchte, die Kinder zu
unterhalten; fragte, und sie gaben ihre bedächtigen, zurückhaltenden
Antworten.
Aber auf dem Heimwege waren es die Kinder, die fragten, und
geschmeichelt antwortete er ihnen ausführlich, ohne Vorbehalt. Sie
hatten Bilder von Cowboys in Arizona gesehen, und einer Kokosernte auf
den Philippinen. Er wurde eifrig und tat sein Bestes, um ordentlich
Bescheid zu geben und sich nicht festzufahren.
O Frühling, Frühling!
Es war auch ein Frühlingstag, als er mit ihnen, Jenny und Franziska,
nach Viterbo gefahren war.
Schlank hatte sie in ihrem schwarzen Kleide dagesessen und aus dem
Fenster gestarrt. Wie groß und grau ihre Augen waren -- genau erinnerte
er sich dessen.
Ueber die Campagna -- hier, wo keine Ruinen standen, die die Touristen
an sich zogen, höchstens hin und wieder in weiten Zwischenräumen eine
zusammengestürzte, formlose und namenlose Mauermasse, oder dieser und
jener kleine Pachthof mit zwei Pinien und einigen spitzen Strohmieten
vor dem Hause -- hier fegten Sturmwolken grauschwarze, zerfetzte
Regenschleier über die öde, braune Weite hin. Die Schafherden drunten
im Tale, wo hin und wieder etwas dorniges Gebüsch an dem Bette eines
Bächleins entlang wucherte, drängten sich zusammen.
Dann fuhr der Zug zwischen Bergrücken und Wäldern hindurch,
hochstämmigem Eichwald, wo es weiß und blau und gelb in dem alten
verwelkten Laub blühte, wie daheim. Weiße Anemonen, blaue und
schwefelgelbe Primeln. Sie sehnte sich danach, hinauszukommen und sie
zu pflücken, sagte sie -- zu sammeln und zusammenzuraffen im fallenden
Regen, unter den triefenden Zweigen, in dem nassen Laube. „Es ist wie
im Frühling daheim,“ sagte sie.
Es hatte hier geschneit -- graunasser Frühlingsschnee lag in den Lüften
-- an den herabgefallenen Zweigen schmolz er zu hellen Streifen ein.
Die Blumen senkten ihre zusammengeklebten Kelche herab, naß und schwer
vom Schlamm.
Kleine Wildbäche sprudelten die Abhänge hinab und schlüpften unter den
Bahnkörper. Hier färbte sie der Erdboden rostrot.
Dann peitschte ein Regenschauer gegen die Abteilfenster und blendete
sie, trieb den Rauch der Lokomotive zur Erde nieder. Später klärte es
sich ein wenig auf, ein Lichtschimmer breitete sich über Tälern und
waldbestandenen Berghalden aus, der Nebel wich über die Gebirge zurück.
Einige seiner Sachen hatte er in einen der Koffer der jungen Mädchen
gepackt. Abends, als es ihm einfiel, hatten sie bereits begonnen
sich auszukleiden. Sie lachten und plauderten drinnen, als er kam
und an ihre Türe pochte. Jenny öffnete einen Spalt und reichte ihm
das Erbetene hinaus. -- Sie trug eine durchsichtige Frisierjacke mit
kurzen Aermeln, so daß der schmächtige, weiße Arm entblößt war. Der
hatte ihn zum Küssen verlockt, und doch wagte er nur einen einzigen so
flüchtigen, scherzhaften, daß dieser Kuß von selber um Verzeihung bat.
Damals war er verliebt in sie gewesen. Als er berauscht war vom
Lenz, vom Wein und dem munteren, peitschenden Regen, den hastigen
Sonnenstrahlen und seiner eigenen Jugend und Lebenskraft. Er hatte das
Verlangen, sie mit zum Tanz zu nehmen, das hohe, lichte Mädchen, das so
behutsam lachte, als versuche sie eine neue Kunst, die sie nie zuvor
getrieben. Sie, die mit ihren grauen Augen hinausstarrte, ernst und
sehnsuchtsschwer, auf all die Blumen, an denen sie vorüber fuhren und
die sie so gern hatte pflücken wollen.
Oh, Herr mein Gott, wie hätte alles sein können! Das trockene, bittere
Schluchzen erschütterte ihn von neuem.
An jenem Tage, als sie zum Montefiascone emporstiegen, regnete es auch,
daß es um der beiden Frauen geraffte Röcke und schmale Knöchel und Füße
vom Steinpflaster hoch aufspritzte. Wie hatten sie aber gelacht, die
drei, während sie durch die steilen, schmalen Straßen wateten, wo der
Regen ihnen, Wasserfällen gleich, entgegenrauschte.
Als sie dann auf der Rocca angelangt waren, der Burgklippe inmitten des
kleinen alten Städtchens, da teilten sich die Wolken.
Sie beugten sich alle drei über die Brustwehr und blickten an den
Bolsenersee hernieder, der tief unter den grünen Hängen mit den
Olivenhainen und Weingärten schwarz dalag. Die Wolken schwebten
niedrig über den Bergkuppen rings um den See. Dann aber lief ein
silberschlanker Regenschauer über den dunklen Wassersspiegel, breitete
sich aus und wurde blau, der Nebel wallte zurück und glitt in Senkungen
und Klüfte, während die Linien der Gebirge hervortraten. Die Sonne
brach durch die herabsinkenden Wolken, die sich golden und bleiernblau
um den Fuß kleiner, von steingrauen Burgstädten gekrönter Berge legten.
Im Norden, weit entfernt, tauchte eine hohe, kegelförmige Spitze auf.
Cesca behauptete, es sei der Monte Amiata.
Ueber den frisch gewaschenen, blauen Lenzhimmel hin zogen sich die
letzten Reste der Regenwolken fort, schwer und silberverbrämt, vor der
Sonne zerfließend; das Unwetter flüchtete westwärts, dunkel drohend,
dorthin, wo die etrurische Hochebene sich braunschwarz und einsam zum
fernen, weißgelben Glanzstreifen des Mittelmeeres herabsenkte.
Oede, groß und streng war das Land weithin, wie eine
Hochgebirgslandschaft daheim, trotz der grauen Olivenhaine und
Weinranken, die sich zwischen den Reihen der Ulmen auf den grünen
Hügeln am See hinzogen.
In den kleinen Anlagen oben rings um die Burgruine warfen die
Steineichen ihre eisenschwarzen alten Blätter von den Zweigen ab, die
schon neue Knospen trugen. Hier waren Hecken von einer Art immergrünen
Buschwerks mit lederartigem Laub. Das junge neue von diesem Frühling
glänzte in unnatürlichem Goldgrün.
Gemeinsam mit ihr hatte er sich in den Schutz der Hecke gehockt und
seine Jacke vorgehalten, damit sie sich eine Zigarette anzünden könnte.
Der Lenzwind blies eisig scharf und rein hier oben, so daß sie in ihren
nassen Kleidern leicht erschauerte. Ihre Wangen waren rot und die Sonne
glänzte auf dem feuchten, goldenen Haar, das sie sich mit der freien
Hand aus den Augen strich.
Dort hinauf wollte er reisen. Morgen schon.
Dort wollte er den Lenz grüßen, den frierenden, nackten,
erwartungsvollen Lenz, dessen Blütenaugen ringsum geblendet sind von
Nässe, vor Kälte im Winde zittern und dennoch blühen.
* * * * *
Der Lenz und sie -- sie waren jetzt eins für ihn. O Gott -- sie, die
dort oben stand und fror und lachte, in dem unbeständigen Wetter, und
alle Blumen in ihrem Schoße sammeln wollte.
„Ach, du meine kleine Jenny, du konntest nicht all die Blumen pflücken,
wie du gewollt, deine Träume erblühten nie -- und jetzt träume ich sie.
Wenn ich dann lange genug gelebt habe, so daß mich Sehnsucht erfüllt
wie einst dich -- vielleicht tue ich dann wie du und spreche zu meinem
Schicksal, gib mir einige Blüten nur, ich begnüge mich mit weit
Geringerem, als ich ersehnte, da ich mein Leben begann. Und dennoch
sterbe ich nicht, wie du gestorben bist, denn dir konnte es doch nicht
genügen. Ich behalte nur die Erinnerung an dich, küsse deine Perle
und dein goldenes Haar und denke, nein, sie konnte nicht leben, wenn
sie nicht die Beste sein und das Beste als ihr Recht fordern durfte.
Dann sage ich vielleicht, dem Himmel sei Dank, daß sie lieber den Tod
wählte, als so weiterzuleben.
Aber heute Nacht gehe ich hinaus auf den Petersplatz und lausche des
Springbrunnens ekstatischer Musik, die niemals schweigt und träume
meinen eigenen Traum.
Ja, Jenny, denn nun bist du mein Traum, niemals habe ich einen anderen
gehabt. --
Ach, Träume, Träume.
Wenn dein Kind gelebt hätte, Jenny, so wäre es nicht geworden, wie du
es dir geträumt hattest, als du den Knaben in deinen Armen hieltest und
ihm deine Brust reichtest. Gut und schön hätte er werden können -- oder
schlecht und häßlich -- nur wie du ihn erträumtest, so wäre er nicht
geworden. --
Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie
schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der
Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber
keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten
und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes
pflückten.
Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten
Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt -- wir hätten
glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten
einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber
werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du
mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich
sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der
Springbrunnen im Mondenschein plätscherte -- so wäre unsere Liebe nicht
geworden. Und das ist bitter. -- --