X.

Ohne es verabredet zu haben, gingen sie an dem Restaurant vorüber, wo

sie sonst zu essen pflegten und immer viele Skandinavier trafen. Sie

schritten immer weiter durch die Dämmerung, nach der Tiber und über die

Brücke bis in die alten Borgo-Viertel. In einem Winkel am Petersplatz

lag ein kleines Restaurant, wo sie mitunter gegessen hatten, wenn sie

vom Vatikan kamen. Hier traten sie ein.

Sie aßen, ohne mit einander zu sprechen. Jenny zündete sich eine

Zigarette an, als sie fertig war, nippte an ihrem Rotwein und rieb die

duftenden Mandarinenschalen zwischen ihren Fingern.

Heggen rauchte ebenfalls und starrte vor sich hin. Sie befanden sich

fast allein im Lokal.

„Hast du Lust, den Brief zu lesen, den ich kürzlich von Cesca bekam?“

fragte Jenny plötzlich.

„Danke. Ich sah es, daß ein Brief für dich gekommen war. Ist er aus

Stockholm?“

„Ja. Sie sind jetzt dort, werden auch den Winter über da wohnen

bleiben.“

Jenny holte den Brief aus ihrer Handtasche hervor und reichte ihn

Gunnar.

Cescas Brief lautete:

„Meine liebe, süße Jenny!

Du darfst mir nicht böse sein, daß ich Dir noch nicht für Deinen

letzten Brief gedankt habe. Ich hatte jeden Tag die Absicht, es zu

tun, aber es wurde nichts daraus. Ich freue mich so sehr, daß Du

wieder in Rom bist und daß Du malst, besonders auch, daß Du mit

Gunnar zusammen bist.

Wir sind jetzt also nach Stockholm zurückgekehrt und wohnen wieder in

der alten Wohnung. Es war unmöglich, in unserem Dörfchen zu bleiben,

als es wirklich kalt wurde, denn dort zog es schrecklich und wir

konnten es nur in der Küche ordentlich warm bekommen. Wenn wir es uns

doch leisten könnten, das kleine Häuschen zu kaufen, aber es wird

zu teuer, denn wir müßten zuviel daran ausbessern, die Scheune als

Atelier für Lennart umbauen und überall Oefen setzen lassen. Aber wir

haben es für den nächsten Sommer wieder gemietet, und darüber freue

ich mich, denn es ist mir der liebste Platz auf der Welt. Du kannst

Dir etwas so Schönes wie die Westküste nicht vorstellen. Sie ist so

eigentümlich, öde und verwittert mit den grauen Hügeln und dem vom

Sturm zerzausten Gestrüpp in den Felsspalten, mit den Geißblattranken

und den armseligen kleinen Häusern, dem Meer und dem wunderbaren

Himmel. Die Bilder, die ich davon gemalt habe, seien gut, sagt man,

und Lennart und ich leben dort so herrlich miteinander. Jetzt sind

wir für immer Freunde, und wenn er findet, daß ich merkwürdig bin,

so küßt er mich nur und sagt, ich sei eine kleine Seejungfrau, und

irgend sowas Nettes, und mit der Zeit schlage ich auch völlig Wurzel

bei ihm.

Aber jetzt sind wir wieder in der Stadt. Aus der Pariser Reise

wird diesmal nichts, und das ist auch gleich. Ich finde es beinahe

herzlos, Dir darüber etwas zu schreiben, Jenny, denn Du bist viel,

viel besser als ich, und es war so bitter und fürchterlich, daß Du

Deinen kleinen Jungen hergeben mußtest und ich finde, ich habe es

nicht verdient, das Glück, meinen heißen Wunsch erfüllt zu sehen,

aber ich erwarte also ein kleines Baby. Es dauert nur noch fünf

Monate. Ich wollte es zuerst selbst nicht glauben, aber jetzt ist

es ganz sicher. Ich versuchte, es so lange wie möglich Lennart zu

verheimlichen, ich schämte mich furchtbar der beiden Male wegen, die

ich ihn damit an der Nase herumgeführt, und hatte Angst, daß ich

mich täuschen könnte, so daß ich es erst ableugnete, als er es zu

ahnen begann. Aber schließlich mußte ich mich ja zu einem Bekenntnis

bequemen, ich begreife es aber eigentlich noch nicht, daß ich

wirklich einen kleinen Buben bekomme. Lennart sagt übrigens, er will

am liebsten noch eine kleine Cesca haben, aber das tut er bloß, um

mich im voraus zu trösten, wenn es so würde, denn ich bin überzeugt,

eigentlich will er am liebsten einen Sohn haben. Aber Du weißt, wird

es ein Mädchen, so freuen wir uns ebenso sehr darüber, und außerdem,

haben wir erst eins, so können wir ja immer mehr bekommen.

Jetzt bin ich so froh, daß es mir eigentlich gleichgültig ist, wo wir

sind; jedenfalls sehne +ich+ mich nicht nach Paris; denke Dir, Frau

Lundquist fragte, ob ich nicht ärgerlich sei, daß dieser Junge uns

nun die ganze Pariser Fahrt über den Haufen würfe; kannst Du so ein

Menschenkind begreifen, und dabei hat sie die zwei entzückendsten

Knaben von der Welt. Aber sie verwahrlosen vollständig, wenn sie

nicht bei uns sind, und Lennart sagt, sie würde sie uns gern

schenken, und könnte ich es mir leisten, so nähme ich sie auch. Dann

hätte der Kleine gleich zwei große liebe Brüder zum Spielen, wenn er

kommt; es wird einen Spaß geben, wenn wir ihnen den kleinen Vetter

zeigen -- sie sagen Tante zu mir, eine drollige Sitte, finde ich.

Aber nun muß ich schließen. Weißt Du, worüber ich auch froh bin --

unter diesen Umständen kann Lennart doch unmöglich eifersüchtig

werden, nicht wahr? Uebrigens glaube ich, das hat aufgehört, denn

jetzt weiß er sehr gut, daß ich eigentlich nur ihn wirklich lieb

gehabt habe.

Findest Du das häßlich von mir, daß ich Dir soviel von all diesem

schreibe, und daß ich so glücklich bin? Aber ich weiß ja doch, daß

Du es mir so herzlich gönnst.

Grüß alle Bekannten, die Du dort unten triffst, und Gunnar zu

allererst viele Male. Du darfst ihm dies hier ruhig erzählen, wenn Du

magst. Und nun leb wohl. Zum Sommer besuchst Du uns!

Tausend liebe Grüße von Deiner treuen kleinen

Freundin

Cesca.

~PS.~ Jetzt fällt mir plötzlich ein: Wird es ein Mädchen, so soll

es meiner Treu Jenny heißen, was auch Lennart sagen mag. Ich sollte

übrigens von ihm grüßen.“

Gunnar reichte Jenny den Brief zurück, die ihn wieder wegsteckte.

„Ich +bin+ froh,“ sagte sie leise. „Ich freue mich über jeden Menschen,

den ich glücklich weiß. Diese Freude ist mir geblieben aus alter Zeit

-- wenn es auch das Einzige ist.“

* * * * *

Sie gingen nicht nach der Stadt zurück, sondern schlenderten über den

Petersplatz, der Kirche zu.

Im Mondschein fielen die Schatten kohlschwarz über den Platz.

Gleißendes Licht und nächtliche Finsternis lösten sich gespenstisch in

dem einen der gewölbten Säulengänge ab. Der andere lag ganz im Dunkeln;

nur die Konturen der Statuenreihe auf dem Dache waren von flimmerndem

Licht umspielt. Auch die Fassade der Kirche lag im Schatten, während

die Kuppel hoch oben hier und da wie silbriges Wasser schimmerte.

Die beiden Fontänen jagten ihre weißen Strahlen funkelnd und schäumend

zum mondblauen Himmel auf. Wirbelnd schoß das Wasser in die Höhe,

plätscherte gegen die Porphyrschalen, um in die Becken zurückzurieseln

und abzutropfen.

Gunnar und Jenny gingen langsam zur Kirche hinüber, im Schatten des

Säulenganges.

„Jenny“, sagte er plötzlich. Seine Stimme klang ganz ruhig und

alltäglich. „Willst du mich heiraten?“

„Nein,“ sagte sie ebenso ruhig und lachte ein wenig.

„Es ist mein Ernst.“

„Ja, aber du wirst wohl begreifen, daß ich das nicht will.“

„Warum eigentlich nicht?“ Sie gingen weiter, der Kirche zu. „Wie ich

verstanden habe, bist du augenblicklich selbst der Ansicht, dein Leben

sei nicht lebenswert. Mitunter hast du die Absicht, dich ums Leben

zu bringen, wie ich gemerkt habe. Wenn du dich aber in einem solchen

Aufruhr befindest, weshalb kannst du dich denn nicht ebenso gut mit mir

verheiraten? Du kannst es doch auf jeden Fall versuchen, meine ich!“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Ich danke dir, Gunnar, aber das heißt, finde ich, die Freundschaft

unerlaubt weit treiben.“ Sie wurde mit einem Male ernst: „Erstens mußt

du dir doch sagen, daß ich das nicht annehme. Zweitens: würdest du mich

dazu bringen, dich als Rettungsplanke anzusehen, so wäre ich nicht

wert, daß du dich bemühtest, mir nur den kleinen Finger zu reichen.“

„Es ist nicht Freundschaft, Jenny.“ Er zögerte einen Augenblick.

„Sondern ich habe -- dich lieb gewonnen. Ich sage es nicht, um dir

zu helfen -- natürlich will ich dir auch gern helfen. Aber mir ist

plötzlich klar geworden -- wenn es mit dir ein böses Ende nähme -- ich

weiß nicht, was ich dann täte. Ich bin nicht fähig, daran zu denken.

Nichts auf der Welt würde ich scheuen, um dir zu helfen -- weil ich dir

so gut bin, verstehst du?“

„O nicht doch, Gunnar.“ Sie stand still und blickte erschrocken zu ihm

auf.

„Ja, natürlich weiß ich, daß du mich nicht liebst. Aber deshalb

könntest du dich doch gut mit mir verheiraten, dies ebenso gut wie

irgend etwas anderes tun, wenn du doch des Ganzen müde bist und meinst,

du hättest dich selber aufgegeben.“ Seine Stimme klang heiß und bewegt,

als er ausrief: „Du mußt mich ja eines Tages liebgewinnen, ich weiß es

so sicher -- weil ich dich so lieb habe!“

„Du weißt, daß ich dich gern mag,“ sagte sie ernst. „Aber das ist kein

Gefühl, mit dem du dich auf die Dauer begnügen könntest. Zu einem

ganzen und starken Gefühl bin ich aber nicht fähig.“

„Natürlich bist du das. Alle Menschen sind es. Ich war doch so

überzeugt, daß ich nie etwas anderes als diese -- Geschichtchen erleben

würde. Ich glaubte eigentlich nicht daran, daß es etwas anderes gäbe

--.“ Er senkte die Stimme. „Du bist ja die erste, die ich liebe.“

Sie stand stumm und still.

„Dies Wort, Jenny, habe ich noch niemals ausgesprochen. Ich hatte eine

Art von Scheu, Ehrfurcht davor. Ich habe bisher nie eine Frau geliebt.

Etwas anderes war dieses dauernde Verliebtsein -- in dies oder jenes

an ihnen. Cescas Grübchen, wenn sie lachte -- das unbewußt Raffinierte

an ihr. Dies oder jenes, das meine Phantasie in Bewegung setzte, das

mich anregte, Märchen über sie zu dichten, Abenteuer, die ich erleben

würde. Einmal war ich in eine Frau verliebt, weil sie das erste Mal,

als ich sie sah, ein so wundervolles tiefrotes seidenes Kleid trug,

ganz schwarz in den Falten wie die dunkelsten Rosen, ich stellte sie

mir immer in diesem Kleide vor. Und du damals in Viterbo. Du warst so

fein und still, so zurückhaltend, gleichsam als trügst du Handschuhe

bis hinauf zu den Ellenbogen, sowohl innen wie außen, und du hattest

einen Schimmer in den Augen, wenn wir anderen lachten, als wolltest du

gern mit uns spielen, du konntest aber nicht und wagtest nicht. Da war

ich verliebt in den Gedanken, dich ausgelassen und lachend zu sehen. --

Aber nie zuvor habe ich ein zweites, lebendes Wesen geliebt.“

Er wandte einen Augenblick die Augen von ihr und starrte zur Säule des

Springbrunnens hinauf, die im Mondlicht funkelte. So spürte er das

neue Gefühl in sich aufsteigen und funkeln, sein Sinn war voller neuer

Worte, die in Ekstase über seine Lippen sprangen:

„Verstehst du mich, Jenny -- ich liebe dich so, daß ich finde, alles

andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht

liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle

ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten,

denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich

niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da

geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich

konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen

lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde -- es

schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich

konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch

war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.

Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren

Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen,

als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und

wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. -- Jetzt ist mir, als sei

es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner

Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit

du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie

still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese

wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf

der Landstraße, als du dastandst und weintest -- auch das gehört mit

dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast,

Jenny, auch der Vater des Knaben -- o ich weiß, wie es gewesen ist.

Du hattest mit ihnen geredet und geredet -- über all deine Gedanken,

und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du

versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja

nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in

Warnemünde sagtest, und auch heute, das -- du weißt, daß du darüber nur

mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen

kann. Ist es nicht so?“

Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.

„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht,

und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst

du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte

nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund

wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so

zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich

zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst -- ich würde

glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen

geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im

Rinnstein fände -- du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst

du? Kannst du nicht mein werden -- nur mir gehören, dich in meine Arme

legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund

und glücklich werden. -- Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen

werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden

Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und

wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger

schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? -- Ach, laß

mich dich mein nennen -- ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und

wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt,

wir Beide können gar nicht ohne einander leben. -- Hörst du mich, Jenny

-- du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die

Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund

-- ach, ich weiß, daß ich es kann.“

Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule

gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:

„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen

können.“

„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht

nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines

Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen

umsponnen warst.“

Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war

willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:

„Tu es nicht, Gunnar -- sei lieb.“

Er ließ sie zögernd fahren:

„Warum darf ich es nicht tun?“

„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig

gewesen wäre -- dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten

mögen.“

Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und

ab gingen.

„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest,

sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn -- nach all dem Sinnlosen.

Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb,

wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest

überflüssig.“

Jenny nickte:

„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich

schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen

ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber +ich+ vermag ihnen weder

größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und

gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig

gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück

bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen

Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der

Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft -- es

wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man

dabei empfindet, ist ja die eigene -- und die kann man mit niemanden

teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn

man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne

Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich

auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem

Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche

Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau

jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie

nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich

habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude,

die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie

liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was

ich wirklich war. -- Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich

zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm

ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich

war. -- Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am

allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich

habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir

tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all

dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen

konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig

wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“

„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders

gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst

mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke

zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich

glücklich gemacht.“

Jenny schüttelte den Kopf:

„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich

selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan

-- dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich

liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet

ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in

etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich

gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch -- eines Tages

wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur

unglücklich.“

„Wie es auch endet -- niemals werde ich es als ein Unglück betrachten,

daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem

Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du

stürzest -- in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich

dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher

gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und

versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu

lieben.“

* * * * *

Als sie nachts oben im Gang vor ihren Zimmern standen, ergriff er ihre

Hände:

„Jenny, soll ich nicht heute Nacht lieber bei dir bleiben, anstatt dich

allein zu lassen? Glaubst du nicht, dir würde wohl sein, wenn du in den

Armen eines Menschen einschliefest, dem du alles bist -- und wenn du

morgen so erwachtest?“

Sie blickte auf und lächelte bedeutsam in den goldenen Schein der

Wachskerze:

„Vielleicht heut Nacht. Aber ich glaube nicht morgen.“

„Ach Jenny.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Es ist vielleicht gut, daß

ich heute Nacht zu dir komme. Ich finde, ich habe das Recht -- ich täte

damit nichts Schlechtes. Ich weiß, es wäre das Beste für dich, wenn --

du mein würdest. Wirst du böse -- wirst du traurig, wenn ich komme?“

„Ich glaube, ich würde traurig werden -- hinterher. Deinetwegen. -- Ach

nein, tu es nicht, Gunnar. Ich will nicht dein werden, wenn ich weiß,

daß es für mich ebenso gut ein anderer sein könnte --“

Er lachte kurz, mutwillig und schmerzlich zugleich:

„Wärest du erst mein, dann würdest du dich keinem anderen geben, so gut

kenne ich dich, Jenny. Aber wenn du bittest -- ich kann warten. -- Aber

riegele deine Tür zu,“ sagte er mit demselben Lachen.

Jenny · 第 50 / 70 题