Sie saß ihm am nächsten Tage nach dem Frühstück, bis es zu dämmern
begann. Ruhte sie sich aus, so wechselten sie einige gleichgültige
Worte, während er fortfuhr, am Hintergrund zu arbeiten oder die Pinsel
wusch.
„So!“ Er legte die Palette fort und ordnete den Malkasten. „Für heute
bist du erlöst!“
Sie ging zu ihm, und sie betrachteten das Bild.
„Das Schwarz ist sehr fein -- findest du nicht, Jenny?“
„Doch. Ich finde, es läßt sich gut an.“
„Ja,“ er blickte auf die Uhr. „Es ist eigentlich Essenszeit -- gehen
wir zusammen?“
„Ja, gern. Ich will nur mein Kostüm anziehen, wartest du so lange?“
Kurz darauf, als er an ihrer Tür pochte, stand sie fertig da, den Hut
vor dem Spiegel aufsetzend.
Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und
hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft
fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben,
was er selbst gedacht hatte --.
„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute
Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“
„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt,
habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen -- an ihren Sachen
ist wohl auch nicht viel zu sehen?“
„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre
Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber
einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“
Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:
„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“
„Pah -- unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren.
Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers
ist. Nur dumm und eitel. Nun war +das+ interessant. Wäre es modern
gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen
und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit
beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die
tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen -- und obendrein
fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen
sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und
Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen
um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann
einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch
und will, daß sie sich -- völlig unmodern -- heiraten und verlangt, sie
solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“
„Du kannst ja gar nicht wissen -- es kann ja zum Teil auch Paulsens
Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“
„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und
fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe
und keine Prügel.“
„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht
leicht zu übersehen sein soll.“
Heggen setzte sich rittlings über einen Stuhl und schlang die Arme um
die Lehne.
„Das wenige Gewisse im Leben, an das wir uns halten können, ist
wahrlich leicht genug zu übersehen. Man muß seine Rechnung und seine
Ansichten danach in Ordnung bringen. Mit all dem Ungewissen aufräumen,
so gut man kann, sobald es auf dem Tapet erscheint.“
Jenny setzte sich aufs Sofa und stützte den Kopf in die Hand:
„Ich habe nicht mehr das Gefühl, daß es irgend etwas im Leben gibt,
worüber ich die genügende Uebersicht habe, so daß ich es als Grundlage
für meine Anschauungen gebrauchen oder meine Rechnung danach machen
könnte,“ sagte sie ruhig.
„Das ist nicht dein Ernst.“
Sie lächelte nur.
„War es nicht immer,“ sagte Gunnar.
„Es gibt wohl niemanden, der immer dasselbe meint.“
„Doch, immer, wenn man nüchtern ist. Wie du heute Nacht sagtest, man
ist nicht immer nüchtern, auch wenn man nichts getrunken hat.“
„Jetzt -- wenn ich mich hin und wieder nüchtern fühle --“ Sie brach ab
und schwieg.
„Du weißt, was auch ich weiß. Du hast es immer gewußt. Im großen und
ganzen leitet der Mensch sein Geschick selbst. Man ist seines eigenen
Schicksals Herr -- in der Regel. Hin und wieder ist man es nicht. --
doch dann tragen Umstände die Schuld, über die man nicht gebietet. Aber
es ist eine gewaltige Uebertreibung, zu behaupten, daß es oft der Fall
sei.“
„Gott mag wissen, mir ist es nicht ergangen, wie ich gewollt, Gunnar.
Ich habe viele Jahre hindurch den Willen gehabt und nach meinem Willen
gelebt.“
Sie schwiegen beide eine Weile still.
„Eines Tages,“ sagte sie langsam, „änderte ich einen Augenblick den
Kurs. Ich fand es so kalt und hart, dieses Leben zu leben, das, wie
ich glaubte, das würdigste sei. So einsam, weißt du. So bog ich denn
einen Augenblick zur Seite, wollte jung sein und ein wenig spielen.
Und dadurch geriet ich in eine Strömung hinaus, die mich trieb -- ich
endete in Dingen, mit denen in Berührung zu kommen, ich niemals eine
Sekunde für möglich gehalten hatte.“
Heggen schwieg.
„Es gibt einen Vers,“ sagte er dann leise. „Rosetti -- er ist nämlich
ein weit besserer Dichter als Maler:
~Was +that+ the landmark? What, -- the foolish well
Whose wave, low down, I did not stoop to drink
But sat and flung the pebbles from its brink
In sport to send its imaged skies pell-mell,
(And mine own image, had I noted well!) --
Was that my point of turning? -- I had thought
The stations of my course should raise unsought,
As altarstone or ensigned citadel.
But lo! The path is missed, I must go back,
And thirst to drink when next I reach the spring
Which once I stained, which since may have grown black.
Yet thought no light be left nor bird now sing
As here I turn, I’ll thank God, hastening,
That the same goal is still on the same track.~“
Jenny erwiderte nichts.
„~That the same goal is still on the same track~,“ wiederholte Gunnar.
„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel
zurückzufinden?“
„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.
„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich
wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als
Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich
wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest
und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen
laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang
bildete -- woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte,
ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War
das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er
es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich
glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar -- ich
+habe+ geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte -- und dann tat
ich ihnen nur weh.“
Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:
„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst -- glaubst du, daß
sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie
selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu
resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen.
Und ich sehne mich jetzt -- wieder danach. Nur mit dem Unterschied,
daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon
ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf
-- denn es sollte frisch und gesund und rein sein -- und das alles bin
ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen,
deren Erfüllung -- oh, ich weiß es -- unmöglich ist. Diese Sehnsucht
ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“
„Jenny,“ -- Gunnar erhob sich ebenfalls -- „ich behaupte dennoch, es
kommt auf dich selbst an -- es +muß+ so sein. Ob es dein Wille ist,
daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld
betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das
du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige -- für
dich.“
„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein
Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die
alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich
inwendig zerfalle. -- Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und
ich habe ein Verlangen nach -- ich weiß nicht --. Will alle Gedanken
zum Stillstand bringen. Sterben --. Oder leben -- ein wahnsinniges,
abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch
fürchterlicher ist als dies --. Laß mich so tief in den Schmutz treten,
daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder --“ sie sprach leise und
wild, es klang wie erstickte Schreie -- „mich unter einen Eisenbahnzug
schleudern -- mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt --
jetzt gleich -- mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, -- alles
-- zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“
„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte
er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“
„Ich bin hysterisch,“ sagte sie beruhigend. Aber sie ging trotzdem zu
dem Winkel, wo ihre Leinwand stand und schleuderte sie fast die Wand
entlang:
„Man kann doch nicht leben und bestehen, um so etwas da zu bearbeiten.
Oelfarben auf die Leinwand zu kleistern -- du siehst ja, etwas anderes
wird nicht daraus -- tote Malkleckse. Du großer Gott, du hast gesehen,
wie ich die ersten Monate hindurch gearbeitet habe, wie ein Sklave --
ich kann überhaupt nicht mehr malen.“
Heggen betrachtete die Bilder. Es war ihm trotzdem, als fühle er wieder
festen Grund und Boden unter den Füßen.
„Du darfst ruhig deine aufrichtige Meinung über diese -- Schweinerei
sagen,“ meinte sie herausfordernd.
„Ja, es sind nicht gerade schöne Sachen -- das will ich gern zugeben.“
Er stand, mit den Händen in den Hosentaschen, und betrachtete die
Bilder. „Aber +das+ ist doch etwas, was einem jeden von uns begegnen
kann -- Perioden, wo wir nicht können. Was das betrifft, so müßtest
du wissen, meine ich, daß es etwas Vorübergehendes ist -- für dich.
Ich glaube nicht daran, daß man sein Talent einbüßen kann, und wenn
man noch so unglücklich ist. Deine Arbeit hat übrigens zu lange
geruht. Man muß sich doch wieder erst einarbeiten, die Herrschaft über
seine Schaffensmöglichkeiten zurückgewinnen, siehst du. Allein die
Modellstudie dort, Mädel -- es ist wohl bald drei Jahre her, seit du
einen Akt zeichnetest. So etwas bleibt nicht ungestraft, das weiß ich
aus Erfahrung.“
Er trat an das Regal und wühlte unter Jennys alten Skizzenbüchern:
„Denk nur daran, wie du dich in Paris hochgearbeitet hattest -- ich
werde dir Einiges zeigen.“
„Nein, nein -- nicht das da,“ sagte Jenny hastig und streckte die Hand
nach dem Buche aus.
Heggen hielt es zusammengeklappt in der Hand und sah sie erstaunt an.
Sie wandte das Antlitz ab:
„O, du darfst übrigens ruhig hineinsehen. Ich versuchte nur, eines
Tages den Jungen zu zeichnen.“
Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa
gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von
dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.
„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.
„Ja. -- Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen,
weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht
einmal -- seines Kindes Leben -- festhalten, und dann --. Ich bin nicht
dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies
war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte
-- meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben.
Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich
den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes
Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich
ihn, so könnte ich arbeiten -- ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich
schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als
ich hierher reiste, -- ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern
verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er
sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während
ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen,
wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf
der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er
es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm
gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das
schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich
genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem
wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.
Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich
sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle
ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach
Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte
ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt
hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur -- hätte
Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet
und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke
ich, heute wäre er so und so alt gewesen -- wer weiß, wie er wohl
ausgesehen hätte. -- Alle Frauen, die mit einem ~bambino~ auf dem Arme
herumlaufen -- alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern
mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden
wäre --.“
Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.
„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser.
„Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits --
wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so
wäre ich zu dir gekommen --.“
Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:
„Und dann starb er -- so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus
von mir, daß ich es ihm nicht gönne -- gestorben zu sein, ehe er
anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte
blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder
hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die
Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig.
Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem
kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß
ich seine Mutter war --. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der
Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn,
außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie
das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.
„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war
seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes,
die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man
würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen,
wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie
hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens,
sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher
kleinen Kinder -- mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines
Köpfchen -- wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine
Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte,
das dünne, flaumige Haar -- er hatte soviel Haar, als er geboren wurde
-- dunkles --. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner
Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen
spüren. Die Lenden waren so rund -- er war am dicksten in der Mitte,
weißt du --. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt,
ein wenig spitz -- ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott,
wie süß war er, mein kleiner Junge --. Und dann starb er. -- Ich hatte
mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte,
ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit,
als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet,
obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. -- Und zurück blieb
dann nur die Lücke -- du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir
schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich
bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren
nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen,
zwischen den Händen und an der Wange --. Manchmal, in den letzten
Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte.
Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die
sich gelöst hatten --. Die süßen, süßen kleinen Hände.“
Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie
bebte.
Gunnar war aufgestanden, zögerte, im Zweifel mit sich, ein Weinen in
der Kehle. Dann lief er plötzlich zu ihr hin, hastig und verlegen küßte
er sie heftig auf den Scheitel.
Sie blieb eine Zeitlang liegen und weinte. Aber schließlich richtete
sie sich auf, ging zum Waschtisch und badete ihr Gesicht im Wasser:
„O Gott, wie sehne ich mich nach ihm,“ sagte sie unvermittelt, mit
verweinter Stimme.
„Jenny --.“ Er wußte nichts anderes zu sagen: „Jenny. -- Ich wußte ja
nicht, daß es dir so ergangen war --“.
Sie kam zurück und legte einen Augenblick ihre Hände auf seine
Schultern:
„Ja, ja, Gunnar. Du sollst nicht so viel an das denken, was ich
vorher sagte. Mitunter weiß ich nicht, wohin mit mir selbst. Aber du
kannst dir denken, wenn auch nur um des Jungen willen: mich geradezu
Ausschweifungen hinzugeben, das bringe ich wohl doch nicht fertig.
Eigentlich will ich natürlich selber versuchen, das Bestmöglichste aus
dem Leben zu machen -- weißt du. Versuchen, wieder zu arbeiten, wenn es
auch im Anfang nicht so leicht wird. Man hat ja immer den einen Trost,
daß man nicht länger lebt, als man selber will --.“
Sie setzte sich wieder den Hut auf und suchte nach einem Schleier:
„Gehen wir also zum Essen, du mußt ja hungrig geworden sein, so spät
wie es ist --.“
Gunnar Heggen wurde blutrot über sein ganzes junges Gesicht. Bei ihren
Worten merkte er plötzlich, daß er einen Bärenhunger hatte, aber er
schämte sich, jetzt etwas derartiges zu empfinden. Er trocknete die
Tränen von seinen nassen, heißen Wangen und nahm seinen Hut vom Tisch.