Deine

Jenny Winge.

So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein

rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten

mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen

schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis

dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von

einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an

langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen

Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel

mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege

mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an

kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei

großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore.

Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee

bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.

Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie

nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten

Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen

und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal

imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger

zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und

Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den

Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte -- jetzt war

die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!

Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger

hereinkullerte, aufgeregt und strahlend -- es sei ein Herr gekommen,

der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.

Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr

aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd.

Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, -- aber dann warf sie das

Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten

Lehnstuhl.

Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen.

Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen

Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.

Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:

„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. -- Ich finde

allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber

jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von

seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.

Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb

jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und

läutest für mich. Du sollst jetzt Tee -- und Essen bekommen!“

Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war

begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel,

und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie

vom Militarismus -- „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines,

siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar

großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte

er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur

gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf

eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern -- die

jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig

aus der Nähe gesehen hatten.

„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein

Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen --.“

„Nein, aber Gunnar --“.

„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl

denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß

gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre -- dann hätte ich hübsch in

der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten

müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern --

nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich

entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden -- diese Art Mädchen gibt

nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern --.“

Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos

finden könnte, wenn er so zu ihr sprach -- jetzt. Aber sie lachte nur:

„O, bist du verrückt, Junge!“

Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen.

Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah,

hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie

mager und hohläugig geworden -- so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am

Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die

Kehle.

Es war trockenes Wetter geworden, so daß sie einen Spaziergang mit ihm

machen wollte.

Ueber die öde Landstraße mit den verwehten Pappeln hin gingen sie durch

den Seenebel, Jenny schwerfällig und müde.

„Nimm doch meinen Arm,“ sagte Gunnar beiläufig, was sie auch tat.

„Ich finde es hier schrecklich trübselig, Jenny. Weißt du was, wäre es

nicht besser, du reistest nach Berlin?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Dort hast du die Museen und so viel anderes. Jemand, mit dem du

zusammen sein kannst. Oder mach’ wenigstens eine kleine Reise dort

hinunter, um dich aufzumuntern. Ich finde, hier muß es langweilig sein.“

„Ach nein, Gunnar, du kannst dir doch denken -- nicht jetzt --.“

„In diesem Ulster siehst du so hübsch aus,“ sagte er kurz darauf

vorsichtig.

Jenny senkte den Kopf.

„Ich bin ein Tolpatsch,“ erklärte er plötzlich heftig. „Verzeih! Du

mußt mirs sagen, Jenny, wenn ich dich quäle.“

„Nein, das tust du nicht.“ Sie sah auf. „Ich bin froh, daß du kamst.“

„Ich verstehe ja, daß es schwer sein muß.“ Seine Stimme klang jetzt

ganz anders. „Ja, Jenny, ich verstehe es. Aber es ist mein Ernst, ich

glaube, du machst es dir noch schwerer, wenn du hier umherläufst -- in

diesem Zustand. Ich finde, du solltest an einen anderen Ort reisen,

der weniger -- trostlos ist!“ Er blickte hinaus über die dunklen

Wiesenstrecken und die Pappelreihen, die sich im Nebel verloren.

„Frau Schlessinger ist aber so freundlich,“ sagte Jenny ausweichend.

„Ja, Armes, das stimmt schon.“ Er begann zu lachen. „Sie verdächtigt

sicher mich, der Missetäter zu sein!“

„Ja,“ sagte Jenny, ebenfalls lachend.

„Nun ja, Teufel auch.“ Sie gingen schweigend weiter. „Du -- hast du dir

schon überlegt, wie du dir dein Leben einrichten willst in Zukunft?“

„Ich weiß noch nicht recht. Du meinst wohl mit -- dem Kinde? Ich lasse

es vielleicht -- bis auf weiteres -- bei Frau Schlessinger. Sie wird

es sicher ordentlich pflegen. Oder es adoptieren.“ Sie lachte. „Man

adoptiert ja mitunter solche Kinder. Du weißt, ich könnte mich +Frau+

Winge nennen und darauf pfeifen, was die Leute denken --.“

„Du bist also fest entschlossen, wie du schriebst, jegliche Verbindung

mit -- dem betreffenden Vater des Kindes abzubrechen?“

„Ja,“ sagte sie hart. „Es ist nicht der, mit dem ich -- verlobt war,“

fügte sie nach einer Weile hinzu.

„Na, Gott sei Dank!“ Es klang so herzlich, daß sie unwillkürlich

lächelte „Ja, weißt du was, Jenny, er war es wahrhaftig nicht wert,

reproduziert zu werden, für dich jedenfalls. Er hat übrigens seinen

Doktor gemacht, sah ich kürzlich. Nun ja, es hätte also schlimmer sein

können -- ich fürchtete ja, siehst du --.“

„Es ist sein Vater,“ sagte sie plötzlich.

Heggen hielt inne.

Als sie in Tränen ausbrach, wild und herzzerreißend, umfing er sie.

Er legte seine Hände um ihr Gesicht, während sie fortfuhr, an seiner

Schulter zu schluchzen.

Sie begann zu erzählen, während sie so standen. Einmal blickte sie ihm

ins Antlitz -- es war ganz bleich und verzerrt -- da weinte sie aufs

neue.

Als es vorüber war, hob er einen Augenblick ihren Kopf:

„Herr Jesus, Jenny -- so ist es dir ergangen! Ich begreife es nicht.“ --

* * * * *

Sie gingen schweigend wieder zur Stadt zurück.

„Komm mit mir nach Berlin,“ sagte er plötzlich bestimmt. „Ich ertrage

den Gedanken nicht. Es geht nicht, daß du hier allein bleibst und über

all das nachgrübelst --.“

„Ich habe fast aufgehört zu grübeln,“ flüsterte sie matt.

„Das Ganze ist überhaupt sinnlos!“ Er wurde so heftig, daß sie stehen

blieb. „Den Besten von euch geht es so! Und wir ahnen nicht, wie ihr es

tragt! Das ist sinnlos!“

* * * * *

Heggen blieb drei Tage in Warnemünde. Jenny verstand es selber kaum,

warum ihr nach seinem Besuch so viel besser zumute war. Aber dieses

unleidliche Gefühl der Demütigung war geschwunden, sie sah ihr Geschick

jetzt mit viel ruhigeren und natürlicheren Augen an.

Frau Schlessinger lief umher und lächelte froh und untertänig, obgleich

Jenny ihr erklärt hatte, daß dieser Herr ihr Vetter war.

Er hatte ihr angeboten, ihr seine Bücher zu schicken, und bald kam eine

ganze Kiste voll an, zum Weihnachtsfest sandte er Blumen und Konfekt.

Jede Woche schrieb er lange Briefe von allen möglichen Dingen und

schickte Ausschnitte aus norwegischen Zeitungen. Zu ihrem Geburtstag

im Januar kam er selbst herauf und blieb zwei Tage, ihr einige neue

norwegische Bücher vom Fest her zurücklassend.

Aber gleich nach seinem letzten Besuch erkrankte sie. Sie war elend,

matt, zerquält und hatte in der letzten Zeit nicht schlafen können.

Vorher hatte sie nur selten an die Geburt selbst gedacht und sich nicht

davor gefürchtet. Jetzt, bei den ständigen Schmerzen ergriff sie eine

fürchterliche Angst vor dem, was ihr bevorstand. Als sie sich dann

schließlich legen mußte, war sie von Angst und Schlaflosigkeit völlig

entkräftet.

Es war eine schwere Geburt. Jenny war dem Tode näher als dem Leben, als

der Arzt, der von Warnemünde herbeigeholt worden war, endlich ihren

Jungen in seinen blutigen Händen hielt.

Jenny · 第 44 / 70 题