Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch
von Helges Vater.
Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein
Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte,
welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem
aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei
einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine
Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem
mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und
so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten,
verwundert und grüblerisch zugleich.
„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu
begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein --
ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir,
wenn ich Sie störe.“
„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein
Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten.
„Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu
besuchen!“
„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram
und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.
„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler -- irgend jemandem aus
Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.
„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.
„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher
gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt -- oder im
Künstlerbund?“
Gram lachte.
„Nein. Ich sah Sie ja vorgestern auf der Treppe. Dann gestern, als
ich in mein Geschäft ging, sah ich Sie wieder. Ich ging ein Stück
hinter Ihnen her, da ich die Absicht hatte, Sie anzuhalten und mich
Ihnen vorzustellen. Sie gingen hier hinein, und ich wußte, daß in
diesem Hause ein Atelier war. Nun ja, so bekam ich die Idee, zu Ihnen
hinaufzusteigen und Ihnen eine Visite zu machen.“
„Wissen Sie,“ Jenny lächelte vergnügt, „Helge lief auch auf der Straße
hinter mir her, einer Freundin und mir. Er hatte sich allerdings
verlaufen, unten in den alten Straßen am Flohmarkt. Dann kam er eben
auf uns zu und sprach uns an -- bändelte an, wie der feine Ausdruck
dafür heißt. So wurden wir bekannt. Wir fanden zuerst, daß er ein wenig
dreist war. Aber es scheint so, daß er von Ihnen seinen Mut geerbt hat.“
Gram runzelte die Stirn und schwieg einen Augenblick. In Jenny stieg
ein unbehagliches Gefühl auf, als hätte sie etwas Dummes gesagt. Sie
überlegte, wie sie fortfahren sollte.
„Dürfte ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, während Sie hier sind?“
Sie zündete ohne weiteres den Apparat an und setzte Wasser auf.
„Ja, ja, Fräulein Winge -- Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Helge
mir sonst irgendwie ähnelt. Ich glaube, daß er glücklicherweise nicht
das Geringste mit seinem Vater gemein hat.“ Er lachte.
Jenny wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie
beschäftigte sich damit, Teetassen herbeizuholen:
„Ja, hier ist es recht leer, wie Sie sehen. Aber ich wohne zu Haus bei
meiner Mutter.“
„Ah so, Sie wohnen zu Hause? -- Das Atelier ist sicher sehr gut --
nicht wahr?“
„O ja, ich glaube.“
Er schwieg wieder und blickte geradeaus.
„Ja, Fräulein Winge -- ich habe viel an Sie gedacht. Ich glaubte ja,
meines Sohnes Briefe so zu verstehen, daß Sie und er --“
„Ja, Helge und ich haben uns sehr gern,“ sagte Jenny. Sie stand
aufrecht da und sah ihn an. Gram ergriff ihre Hand und hielt sie fest.
„Ich kenne meinen Sohn so wenig, Jenny Winge. Ich weiß im Grunde nichts
Genaues von ihm -- wie er ist. Aber wenn Sie ihn gern haben, so kennen
Sie ihn wohl sicher besser als ich. Und daß sie ihn lieben, beweist
mir, daß ich seiner froh sein darf und stolz auf ihn. Ich habe immer
geglaubt, daß er ein guter Junge sei, auch recht begabt. Daß er Sie
lieb hat, dessen bin ich sicher, jetzt, da ich Sie gesehen. Möge er Sie
nur glücklich machen, Jenny.“
„Ich danke Ihnen,“ sagte Jenny und reichte ihm nochmals die Hand.
„Ja.“ Gram sah vor sich hin. „Sie können sich denken, daß ich über
meinen Jungen froh bin. Mein einziger Sohn. Ich glaube auch, Helge hat
mich im Grunde lieb.“
„Das hat er. Helge hat Sie sehr lieb. Sowohl Sie als seine Mutter.“
Gleich darauf errötete sie aber, als hätte sie etwas Taktloses gesagt.
„Ja, ich glaube wohl. Aber er sah natürlich früh ein, daß sein Vater
und seine Mutter einander nicht liebten. Helge hat ein trauriges Heim
gehabt, Jenny. Ich kann es ebensogut selbst sagen; haben Sie es noch
nicht bemerkt, so werden Sie es bald selber sehen. Sie sind ja sicher
ein kluges Mädchen. Aber eben deshalb glaube ich, Helge weiß, was
es wert ist, wenn zwei sich lieb haben. Und er wird Sie und sich
behüten --.“
Jenny schenkte Tee ein:
„Helge pflegte in Rom nachmittags zum Tee zu mir zu kommen. Eigentlich
lernten wir uns gerade in diesen Nachmittagsstunden näher kennen,
glaube ich --.“
„Und da gewannen Sie sich lieb.“
„Ja -- nicht gleich. Das heißt, im Grunde vielleicht doch. Aber wir
dachten an nichts anderes, als gute Freunde zu sein -- damals. Ja,
später kam er dann natürlich auch und trank seinen Tee bei mir --.“
Sie lächelten beide.
„Können Sie mir nicht ein wenig erzählen, wie Helge als Knabe war --
als kleiner Junge, meine ich -- oder sonst etwas --?“
Gram schüttelte trübe lächelnd den Kopf:
„Nein, Jenny. Ich kann Ihnen nichts von meinem Sohn erzählen. Er war
immer gut und folgsam. Fleißig auf der Schule -- nicht gerade ein
Licht, doch recht fleißig und tüchtig. Aber Helge war als Knabe sehr
verschlossen -- auch als Erwachsener -- jedenfalls mir gegenüber --.
Erzählen Sie lieber, Jenny,“ lachte er warm.
„Wovon?“
„Von Helge natürlich. Ja -- zeigen Sie mir, wie mein Sohn in den
Augen des jungen Mädchens aussieht, das ihn liebt. Sie sind ja kein
gewöhnliches junges Mädchen, sondern eine tüchtige Künstlerin, und ich
glaube auch, Sie sind klug und gütig. Können Sie mir nicht erzählen,
wie es kam, daß Sie Helge liebgewannen, welche Eigenschaften an dem
Jungen Sie veranlaßt haben, ihn zu wählen? Lassen Sie mich hören!“
„Ja.“ Dann lachte sie. „Das ist nicht so ohne weiteres zu erklären, --
wir hatten uns eben gern --.“
„So.“ Er lachte auch. „Ja, es war eine dumme Frage, Jenny. Es scheint
ja fast, als hätte ich vergessen, wie es zuging, als man jung war und
verliebt -- nicht wahr?“
„Nicht wahr! Wissen Sie, das sagt Helge auch so oft. Auch etwas, das
ich so gern an ihm mochte. Er war so jungenhaft. Ich sah sehr wohl,
daß er verschlossen war, dann aber öffnete er mir nach und nach sein
Herz --.“
„Das kann ich gut verstehen -- daß man zu Ihnen Vertrauen bekommt,
Jenny. Ja, aber erzählen Sie weiter -- aber, Sie brauchen nicht so
erschrocken auszusehen. Sie verstehen doch, ich meinte nicht, Sie
sollten mir Ihre und Helges Liebesgeschichte auseinandersetzen oder
dergleichen --. Nur ein wenig von sich selbst erzählen -- und von
Helge. Von Ihrer Arbeit, Kind. Und von Rom. Damit ich alter Mann wieder
weiß, wie es ist, Künstler zu sein. Und frei. An Dingen zu arbeiten,
die einem Freude machen. Jung zu sein. Verliebt und glücklich --.“
* * * * *
Gram blieb etwa zwei Stunden bei ihr. Dann, als er gehen wollte und im
Ueberzieher, den Hut in der Hand, dastand, sagte er leise:
„Hören Sie zu, Jenny. Es hat ja keinen Zweck, Ihnen zu verbergen, wie
die Verhältnisse in meiner Familie liegen. Es ist besser, daß, wenn wir
uns zu Hause wiedersehen, wir uns noch nicht kennen. Daß Helges Mutter
nicht erfährt, daß ich Ihre Bekanntschaft auf eigene Faust gemacht
habe. Auch Ihretwegen -- damit Sie nicht Spott und Unannehmlichkeiten
ausgesetzt sind. Es liegt nun einmal so, daß die Tatsache, daß ich
einen Menschen gern habe, besonders eine Dame, schon genügt, um meine
Frau gegen den Betreffenden aufzubringen ... Sie finden das seltsam.
Aber Sie begreifen --?“
„Ja,“ sagte Jenny schwach.
„Nun, leben Sie wohl, Jenny. Ich freue mich Helges wegen -- glauben Sie
mir?“
Sie hatte am Abend vorher an Helge geschrieben und ihm von ihrem Besuch
bei seiner Mutter erzählt. Als sie den Brief noch einmal durchlas,
quälte es sie, daß der Abschnitt von ihrer Begegnung mit der Mutter so
armselig und trocken ausgefallen war.
An diesem Abend schrieb sie ihm wieder und berichtete von dem Besuch
seines Vaters. Aber dann riß sie den Brief entzwei und begann von
neuem. -- Es war so peinlich zu erzählen, daß Frau Gram von dieser
Sache nichts erfahren dürfe. Widerwärtig war es, Geheimnisse mit dem
einen gegen den anderen zu haben. Helges wegen empfand sie es wie eine
Demütigung, daß sie mit einem Male Mitwisser von dem Elend geworden
war, das in seinem Vaterhause herrschte. Schließlich erwähnte sie die
Angelegenheit gar nicht. Es war leichter, ihm alles zu erklären, wenn
er kam.