II.

Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein.

Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.

„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe

daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“

Der Junge lachte.

Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer

Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten -- zwei neue

Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren --

hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde

gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während

sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für

sie und Kalfatrus. --

An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher --

allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem

toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich

noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an

den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der

sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten

weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon

von Vogelgezwitscher erfüllt. --

Helges Briefe las sie wieder und wieder -- sie trug sie bei sich.

Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu

schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.

* * * * *

Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu

seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem

Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.

Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind

fegte daher -- stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und

Papier in den Straßen -- und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig,

daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner

spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von

den Pflastersteinen auf.

Dann kam die Sonne wieder hervor.

Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an

der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden

Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben

ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges

Eltern im vierten Stock wohnten.

Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren

sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit

Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen

und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen,

die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch

immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in

den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die

hügelige Straße hinauf.

Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen

Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort

hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.

Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem

Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich

selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn

sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen

können. Herrgott -- ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch

keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden

sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.

Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und

gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie

von der Photographie her.

„Frau Gram? -- Mein Name ist Winge.“

„Ah so -- bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“

Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt

war mit Schränken, Kisten und Mänteln.

„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum

Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen

Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und

Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben,

vor allen Türen hingen Plüschportieren.

„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub

wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie

in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte

mußte ich wegjagen -- die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie

ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß

sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen -- das ist unmöglich, und

schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der

schlimmste Beruf, den es gibt. -- Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren

Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig

aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“

Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer

Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine

dunkle Lücke hinterlassen.

Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.

Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.

Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und

seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf

der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann

nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich

dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser

tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes

seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen

für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden

mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der

Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer

Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah,

begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das

unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder

groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für

die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.

Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.

Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau

Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.

Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig

schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen

Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze

Kinn.

Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur

Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen

Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit

ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden

Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die

Helges.

Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny

ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert

Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch

durchaus nicht -- weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele

nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald

sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit

Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.

„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“

sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei

seinem Namen zu nennen.

„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten

Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er

im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube

ich?“

„Meine Freundin, Franziska -- ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar,

die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit

einer größeren Arbeit beschäftigt.“

„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat

sie nicht Geld?“

„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von

ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem

Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte

sie nichts von ihm annehmen.“

„Wie töricht. -- Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram,

„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens,

da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts

mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen

recht schlechten Ruf haben.“

„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.

„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich

begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie

von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna

herumgestreift sei.“

„Oh -- oh,“ sagte Jenny. -- Es war peinlich über das Leben dort unten

aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand

ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“

„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten

Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere

Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben

Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte

es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen.

Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht

überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“

Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny

erhob sich und betrachtete die Malereien.

Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl

sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut

und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders

der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und

den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren

langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.

Sie mußte lächeln. -- Man konnte beim Anblick dieser italienischen

Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in

Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.

Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von

Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters

dort war gut.

Einige Kopien dagegen -- Corregios Danaë und Guido Renis Aurora --

oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken

Bildern, die sie kaum kannte.

Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne

Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das

Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier

war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend

wiedergegeben.

Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste.

Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die

Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen

schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen

Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter

Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit

einem säuerlichen Graublau übermalt war.

Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem

Rahmen. Nein, Herrgott -- war das Helge, der kleine schmollende Kerl im

weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!

Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny

murmelte etwas von Umstände machen:

„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“

„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde

sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen

dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas

bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht

leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas

Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur

nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er

hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen

Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“

„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny.

„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“

„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit -- geschmeichelt

hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses

Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. +Ich+ finde ja,

er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals

plötzlich modern wurde -- Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“

Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram

sprach.

„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache

die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet,

das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber

das nächste Mal, hoffe ich.“

Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch

begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim

Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.

Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im

Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte

leuchtend blaue Augen.

Jenny · 第 24 / 70 题