Jenny hatte ein Atelier gemietet. Sie ging umher und räumte ein.
Nachmittags kam Kalfatrus, um ihr zu helfen.
„Du bist ein gefährliches Langbein geworden, Kalfatrus. Ich war nahe
daran, Sie zu dir zu sagen, Bengel, als ich dich das erste Mal sah.“
Der Junge lachte.
Jenny erkundigte sich nach all seinem Tun und Lassen während ihrer
Abwesenheit, und Nils erzählte. Er und Jakop und Bruseten -- zwei neue
Jungen, die im vergangenen Herbst in die Klasse gekommen waren --
hatten eine Zeitlang oben in Nordmarken in den Holzhauerkojen als Wilde
gelebt, und ihrer Abenteuer waren unzählige. Jenny fragte sich, während
sie ihm zuhörte, ob wohl je wieder Zeit bliebe zu Nordmarksfahrten für
sie und Kalfatrus. --
An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher --
allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem
toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich
noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an
den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der
sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten
weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon
von Vogelgezwitscher erfüllt. --
Helges Briefe las sie wieder und wieder -- sie trug sie bei sich.
Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu
schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.
* * * * *
Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu
seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem
Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.
Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind
fegte daher -- stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und
Papier in den Straßen -- und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig,
daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner
spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von
den Pflastersteinen auf.
Dann kam die Sonne wieder hervor.
Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an
der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden
Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben
ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges
Eltern im vierten Stock wohnten.
Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren
sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit
Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen
und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen,
die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch
immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in
den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die
hügelige Straße hinauf.
Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen
Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort
hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.
Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem
Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich
selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn
sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen
können. Herrgott -- ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch
keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden
sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.
Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und
gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie
von der Photographie her.
„Frau Gram? -- Mein Name ist Winge.“
„Ah so -- bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“
Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt
war mit Schränken, Kisten und Mänteln.
„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum
Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen
Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und
Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben,
vor allen Türen hingen Plüschportieren.
„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub
wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie
in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte
mußte ich wegjagen -- die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie
ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß
sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen -- das ist unmöglich, und
schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der
schlimmste Beruf, den es gibt. -- Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren
Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig
aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“
Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer
Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine
dunkle Lücke hinterlassen.
Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.
Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.
Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und
seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf
der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann
nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich
dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser
tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes
seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen
für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden
mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der
Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer
Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah,
begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das
unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder
groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für
die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.
Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.
Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau
Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.
Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig
schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen
Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze
Kinn.
Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur
Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen
Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit
ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden
Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die
Helges.
Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny
ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert
Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch
durchaus nicht -- weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele
nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald
sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit
Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.
„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“
sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei
seinem Namen zu nennen.
„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten
Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er
im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube
ich?“
„Meine Freundin, Franziska -- ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar,
die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit
einer größeren Arbeit beschäftigt.“
„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat
sie nicht Geld?“
„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von
ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem
Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte
sie nichts von ihm annehmen.“
„Wie töricht. -- Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram,
„kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens,
da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts
mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen
recht schlechten Ruf haben.“
„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.
„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich
begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie
von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna
herumgestreift sei.“
„Oh -- oh,“ sagte Jenny. -- Es war peinlich über das Leben dort unten
aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand
ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“
„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten
Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere
Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben
Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte
es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen.
Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht
überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“
Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny
erhob sich und betrachtete die Malereien.
Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl
sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut
und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders
der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und
den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren
langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.
Sie mußte lächeln. -- Man konnte beim Anblick dieser italienischen
Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in
Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.
Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von
Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters
dort war gut.
Einige Kopien dagegen -- Corregios Danaë und Guido Renis Aurora --
oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken
Bildern, die sie kaum kannte.
Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne
Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das
Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier
war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend
wiedergegeben.
Daneben hing ein Porträt der Frau des Hauses. Das war das beste.
Tatsächlich, es war gut. Die Gestalt plastisch modelliert. Ebenso die
Hände. Dann das hellrote Kleid mit den Verzierungen, die durchbrochenen
schwarzen Halbhandschuhe. Das olivenbleiche Gesicht mit den dunklen
Augen unter den Stirnlocken und der hohe, spitze schwarze Hut mit roter
Feder. Sie stand aber leider wie an den Hintergrund geklebt, der mit
einem säuerlichen Graublau übermalt war.
Und dort noch ein Kinderbild „Bamse vier Jahre“, stand oben auf dem
Rahmen. Nein, Herrgott -- war das Helge, der kleine schmollende Kerl im
weißen Hemdchen? O, wie lieb er aussah!
Frau Gram brachte ein Tablett mit Rhabarberwein und Kakes herein. Jenny
murmelte etwas von Umstände machen:
„Ich habe mir die Bilder Ihres Gatten angesehen, Frau Gram.“
„Ja, ich verstehe mich ja nicht sonderlich darauf, aber ich finde
sie großartig. Mein Mann behauptet freilich, es wäre nichts an ihnen
dran, aber das ist wohl nur so hingesagt. Nein,“ sie lachte etwas
bitter. „Mein Mann ist so sonderbar. Von der Malerei konnten wir nicht
leben, als wir heirateten und Kinder bekamen, so daß er daneben etwas
Nützliches betreiben mußte. Dann hatte er aber keine Lust, so nur
nebenher zu malen, und darum behauptete er eines schönen Tages, er
hätte kein Talent. Ich finde ja seine Bilder schöner als die modernen
Sachen, aber Sie sind wohl anderer Meinung, Fräulein Winge?“
„Ja, die Bilder Ihres Gatten sind sehr schön,“ entgegnete Jenny.
„Besonders das Bildnis von Ihnen, Frau Gram. Das ist wirklich reizvoll.“
„O ja. Aber es hat freilich nicht viel Aehnlichkeit -- geschmeichelt
hat Gram mich nicht.“ Sie lachte wieder ihr kleines, bitteres, böses
Lachen. „Nein, das kann man nicht gerade behaupten. +Ich+ finde ja,
er malte viel netter, ehe er begann, all das nachzuäffen, was damals
plötzlich modern wurde -- Sie wissen, Thaulow und Krogh und Konsorten.“
Jenny trank ihren Rhabarberwein schweigend aus, während Frau Gram
sprach.
„Ich würde Sie gern zu Mittag einladen, Fräulein Winge. Aber ich mache
die Wirtschaft allein und dann ist man ja nicht auf Gäste vorbereitet,
das können Sie sich wohl vorstellen. Ich kann also leider nicht. Aber
das nächste Mal, hoffe ich.“
Jenny verstand, daß Frau Gram sie gern los sein wollte. Das war ja auch
begreiflich, wenn sie kein Mädchen hatte. Sie war wohl gerade beim
Mittagkochen. So verabschiedete sie sich denn.
Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im
Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte
leuchtend blaue Augen.