Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen
von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und
ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm
zu.
„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche
braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden,
Jenny?“
Sie nickte.
„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen
hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach -- wollen
wir?“
„Ja.“
„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder
hier stehen werden wie jetzt -- oder nicht?“ Er zog sie an sich.
„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf
ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten
auf die Campagna hinaus.
Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die
Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in
großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig
bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont,
wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten
Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde
er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.
Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie
der Sonnenschein traf, doch bleigrau mit mattem Glanz wie der Bauch
eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.
Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln.
Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge
Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen
standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.
„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht
seltsam?“
„Für dieses Mal --“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut
nicht nachgeben.
„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier
sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich
dauernd, Tag für Tag -- wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder
hier unten sitzen. Nächstes Jahr -- nächsten Frühling -- es ist dann
nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr
+genau+ dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, aber
nicht auf ganz dieselbe Art.“
Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:
„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu
lachen.
„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem
Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr
verändert. Dich auch -- entsinnst du dich des ersten Morgens? Du
sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest.
So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht
liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“
Sie strich ihm über die Wangen:
„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung --
daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst
beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß
unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine Furcht zu hegen? Wir
sind zwei frohe Menschen geworden -- das ist die Veränderung. Entsinnst
du dich des Tages -- meines Geburtstages -- des Tages auf der Via
Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu
spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer
stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“
Er küßte sie auf den Hals:
„Morgen reist du --“.
„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“
„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna
fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“
„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh
diese treibenden Wolken -- das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre
Aker, Jung -- an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen.
Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten
rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten
auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch
eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal
knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich
über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen
bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“
„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker -- Nordmarken
.... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut.
Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten
Seelen auf jedem Busche hängen.“
„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den
Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so
manchen Lenz hindurch.“
Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen
Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet,
und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.
Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl.
Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen,
deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den
blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug
der Maultiere.
Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag
mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es sah;
nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war
zugleich mit der Erinnerung an diese Tage.
Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras
von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön
auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich
zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die
dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter
der wilden Kalla unter den Büschen ...
Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen
Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen
Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz
aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören
ließen.
Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos
vor.
Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren Körper
durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles,
frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu
geben.
In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl.
Sie wollten nicht voneinander lassen.
„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“
„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“
Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es
ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr
Angst wurde -- sie +wollte+ nicht ängstlich sein. Im selben Augenblick
bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte sie
sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie schon
freigegeben.
„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“
„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.
„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß
ich nicht darf --.“
„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny -- Dank für deine Liebe!
Gute Nacht.“ --
Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie
versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und
so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein
Glück zersprungen.