X.

Jenny und Helge liefen Hand in Hand die Via Magnanapoli hinab. Die

Straße bestand aus einer einzigen Treppe, die zum Trajanischen Forum

hinunterführte. Auf der letzten Stufe zog er sie an sich und gab ihr

blitzschnell einen Kuß.

„Bist du toll, weißt du nicht, daß es hierzulande nicht erlaubt ist,

auf der Straße zu küssen?“

Dann lachten sie beide. An einem der ersten Abende hatten zwei Wächter

sie auf dem Lateranplatz angesprochen. Sie waren unter den Pinien an

der alten Stadtmauer auf und ab gegangen und hatten sich geküßt.

Der letzte Sonnenstreifen berührte die Bronzestatue des Heiligen auf

der Säule und flammte an dem Mauerwerk der Häuser und an den Baumkronen

der Anhöhe auf. Der Platz mit seinen alten verfallenen Häusern rings um

das ausgegrabene Forum unterhalb des Straßenkörpers lag im Schatten.

Jenny und Helge lehnten sich über das Geländer und versuchten,

die fetten faulen Katzen zu zählen, die sich zwischen den grauen

Säulenstümpfen drunten auf der grasüberwucherten Schuttstätte breit

machten. Jetzt bei beginnender Dämmerung erwachten sie allmählich zum

Leben. Ein rotes Tier, das auf dem Sockel der Trajanssäule gelegen

hatte, reckte sich, wetzte seine Krallen am Mauerwerk und setzte in

lautlos weichem Sprung auf das Gras, glitt wie ein heller Schatten

davon und verschwand.

„Ich zähle nicht mehr als dreiundzwanzig,“ sagte Helge.

„Ich fünfundzwanzig.“ Sie wandte sich halb um und verscheuchte einen

Ansichtskartenverkäufer, der herbeigekommen war und seine Ware in allen

möglichen Sprachen anbot.

Dann beugte sie sich wieder über das Geländer und starrte

gedankenverloren in das buschige Gras, sich der leisen, glücklichen

Mattigkeit hingebend, die eines langen Sonntages unzähligen Küssen

draußen auf der mattgrünen Campagna folgte. Helge hielt ihre Hand auf

seinem Arm fest und streichelte sie; Jenny strich über seinen Aermel

und barg die Hand zwischen seine beiden Hände, während Helge leise und

froh vor sich hinlachte.

„Lachst du, Jung?“

„Ich dachte nur an die Altertumsforscher.“ Da lachte sie auch -- still

und gedankenlos, wie glückliche Menschen über etwas Gleichgültiges

lachen.

Des Morgens waren sie über das Forum gegangen, hatten eine Weile

oben auf dem hohen Sockel der Foscassäule gesessen und miteinander

geflüstert. Zu ihren Füßen breitete sich das Ruinenfeld aus, vom

Sonnenlicht vergoldet und vom Alter verwittert, während Touristen,

klein und schwarz, zwischen den Mauerresten umherkrabbelten. Aber

ein wenig abseits, inmitten der Scharen der Reisegesellschaft die

Einsamkeit suchend, schlenderte ein jungverheiratetes Paar. Er war

fettleibig, sommersprossig und blond, mit Kniehosen und Kodak, und

las seinem jungen Weibe aus dem Baedeker vor. Sie aber, ganz jung,

üppig und dunkel, mit einem angeborenen hausfraulichen Gepräge in

dem weichen, mehlweißen Gesicht, setzte sich auf einer umgestürzten

Säule in Positur, worauf der Mann sie knipste. Die beiden aber, die

oben zu Füßen der Foscassäule saßen und von ihrer Liebe flüsterten,

gedankenlos, unbekümmert darum, daß sie sich zufällig auf dem Forum

Romanum befanden, lachten.

„Bist du hungrig?“ fragte Helge.

„Nein. Du?“

„Nein. Weißt du, wozu ich Lust hätte?“

„Nein?“

„Mit dir nach Haus zu gehen, Jenny. Bei dir zu Hause heute Abend Tee zu

trinken. Geht das nicht?“

„Ja, natürlich.“

Sie schickten sich an, durch die Stadt hinabzugehen, durch die

Seitengassen, Arm in Arm.

Auf ihrem dunklen Treppenflur riß er sie plötzlich an sich. Sein Arm

lag hart unter ihrer Brust, und er küßte sie wild und heftig, daß ihr

Herz plötzlich stark und angstvoll zu schlagen begann. Zorn über sich

selbst stieg in ihr auf, weil sie diese Furcht nicht zu überwinden

vermochte.

„Mein lieber Junge,“ flüsterte sie in der Dunkelheit; sie wollte sich

dadurch selber zur Ruhe zwingen.

„Wart’ noch einen Augenblick,“ flüsterte Helge, als sie drin das Licht

anzünden wollte. Er küßte sie wie vorher. „Zieh dieses Geishagewand an,

du siehst so lieb darin aus -- ich setze mich solange auf den Balkon

hinaus.“

Jenny zog sich im Finstern um. Dann setzte sie Teewasser auf und füllte

die Vasen mit Anemonen und Mandelzweigen, bevor sie ihn hereinrief und

die Lampe anzündete.

„O Jenny!“ Er zog sie wieder an sich.

„Du bist so schön. Alles ist so schön an dir. O, es ist herrlich bei

dir zu sein. Ich wünschte, ich könnte immer bei dir sein.“

Sie legte beide Hände um sein Gesicht.

„Jenny, möchtest du das auch, daß wir immer beisammen sein könnten?“

Sie blickte ihm in die schönen, goldbraunen Augen:

„Ja Helge. Das möchte ich auch.“

„Wünschst du nicht auch, daß er nie ein Ende nähme, dieser Lenz hier

unten -- unser Lenz?“

„Doch.“ Sie warf sich jäh im seine Arme. „O ja, Helge.“ Sie küßte ihn

und ließ ihre halbgeöffneten Lippen und ihre geschlossenen Augen um

mehr Küsse flehen. Die Worte von ihrem nimmer endenden Frühling

schienen einen leisen angstvollen Schmerz in ihr zu wecken, sie wußte,

daß dieser Frühling und ihr Traum einmal ein Ende finden +würden+.

Und im Unterbewußtsein lag eine leise Furcht, über die sie sich keine

Rechenschaft geben wollte, die aber lebendig geworden war, als er

sagte: möchtest du, daß wir immer zusammen blieben?

„Ich wünschte, ich brauchte nicht heimzureisen,“ sagte Helge innig.

„Ich reise doch auch,“ flüsterte sie sanft. „Wir kehren wieder hierher

zurück, Helge. Zusammen.“

„Du hast dich also entschlossen, nach Hause zu fahren? Und nun komme

ich dazwischen und zerstöre alle deine Pläne?“

Sie küßte ihn rasch und sprang fort zum kochenden Teewasser.

„Nein, ich war schon vorher halb dazu entschlossen, siehst du, da Mama

mich ja doch sehr nötig hat.“ Sie lachte. „Fast schäme ich mich -- sie

ist ja so gerührt darüber, daß ich nach Hause komme und ihr helfen

will. Und dabei ist es nur, weil ich mit meinem Liebsten zusammen sein

möchte. Aber es ist schon gut so. Ich wohne ja billiger zu Haus, wenn

ich ihr auch beistehe, und kann vielleicht ein wenig sparen. Dann

bewahre ich das Geld auf -- bis auf später ...“

Helge nahm die Teetasse, die sie ihm reichte. Dann ergriff er ihre Hand.

„Aber wenn du das nächste Mal fortreist, nimmst du mich mit! Ja, denn

-- du willst doch -- du meinst doch -- daß wir uns heiraten, Jenny?“

Sein Antlitz war so jung und sah in so banger Frage zu ihr auf, daß sie

es wieder und wieder küssen mußte. Sie vergaß, daß sie sich vor diesem

Wort selbst gefürchtet hatte, das vorher zwischen ihnen nicht gefallen

war.

„Es wird wohl das Praktischste sein, mein Junge. Da wir uns doch

darüber einig sind, daß wir immer zusammen bleiben wollen.“

Helge küßte still ihre Hand.

„Wann?“ flüsterte er nach einer Weile.

„Wann du willst,“ erwiderte sie ebenso leise -- und fest.

Wieder küßte er ihre Hand.

„Ich wünschte, es ließe sich so einrichten, daß wir uns hier unten

heiraten könnten,“ sagte er kurz darauf in einem anderen Ton.

Sie antwortete nicht, sondern strich nur über sein Haar.

Helge seufzte auf: „Aber es geht nicht. Wenn wir doch bald nach Hause

fahren müssen ... Es würde wohl auch deine Mutter kränken -- so eine

übereilte Hochzeit, nicht wahr?“

Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie

ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als

ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.

„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin

nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein.

Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe.

Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst -- würdest du

dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“

Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches

Gefühl verjagen. Dann sagte sie:

„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl

denken.“

„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich

gewesen, dies hier -- nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es

würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben

nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine

Mutter nicht mehr so wie früher -- das weiß sie auch, und grämt sich

sehr darüber. -- Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr

darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie

würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du weißt....

Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat

uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein

könnte. Du nicht auch?“

Sie küßte ihn als Antwort.

„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich

nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu

und hastig ...

Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er

auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.

„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich

leise.

„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell

und ein wenig nervös.

Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.

„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke

Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.

„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb -- weißt

du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir

zu Füßen -- setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken -- tu

es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine

hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.

„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck

durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich

selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie

fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.

Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg

plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von

Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf.

„Nein Helge, laß sein -- die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen

Straßen umhergehe!“

Helge Gram richtete sich auf -- ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte

es wegzulachen:

„Bedenke doch, die Schuhe -- du kannst dir doch denken, daß Tausende

von ekelhaften Bakterien daran kleben.“

„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch.

Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie

in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende

Braut, laß mich sehen -- gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und

Oelfarben.“

„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel

angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“

„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert

werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind

chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“

„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“

„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.

Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände

auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:

„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“

* * * * *

Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als

wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie

wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.

Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke

gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete.

Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und

ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem

Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.

Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da

verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten

würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte

-- Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß

sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich

anders entschieden hätte.

Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im

Grunde nur Nervosität.

Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten,

als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie

selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.

Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier

im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es

gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor

Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut.

Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie

daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und

gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und

verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen,

schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene,

jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht

grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor

einer Woche.

So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht

nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen

und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber

und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil

es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis

endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen

geworden waren.

Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle

Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit

überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer,

fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare

Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht

mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte

fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher

Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet

werden könne.

Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen -- langsam wie die Wärme,

die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und

glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie

ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie

selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?

Helge -- er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich

sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht

gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie

nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.

Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den

ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie

ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander

näher traten.

Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die

Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in

Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich

heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.

Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als

fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.

Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb.

Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei

Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.

Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still

und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den

Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.

* * * * *

„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich

mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie

einmal oben bei ihm saß.

Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte

plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie

indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern.

Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war

etwas anderes.

„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.

„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was

ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er

lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber

wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir

zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt,

wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort

und Gelegenheit das Uebrige tun.“

„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die

Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“

Gunnar lachte -- ein wenig unwillig:

„Vielleicht nie -- in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen

Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der

gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche

Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“

Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:

„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen

bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder

sind. Ich -- ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich

konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte.

Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet

hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem

verborgenen Schatz -- und da wurde ich besessen, je länger ich grub.

Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich

schließlich an den Rand des Wahnsinns. -- Es +gibt+ Menschen, die einen

anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil sie

in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die Liebe

gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe sehen

ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“

„Nein,“ sagte er kurz.

„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und ich

hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so +kann+

sie Gram nicht lieben.“

„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht

so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich

glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken

sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“

Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das

Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme

folgend.

„Hast du nicht bemerkt -- er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und

‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges

über ihm?“

„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat.

Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten

gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“

„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny

so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber

angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß

sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen

lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher

war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen,

die bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie +ist+

stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um

ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine

Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht,

daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein

soll? Sie +ist+ allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird es

auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie

aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann

haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem

sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet

und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen.

Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu

entscheiden imstande ist. Gram +kann+ es nicht, er ist ihr unterlegen.

Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht wahr? Der

Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, um ihre

Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und ‚finden Sie

nicht?‘ -- jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“

Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:

„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten,

so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die

Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als

sähest du am klarsten von uns allen.“

Franziska seufzte schwer auf:

„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster zu gehen, Gunnar.

Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich,

alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt

es mich vollständig.“

Jenny · 第 20 / 70 题