VIII.

Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln

griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.

Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem

Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.

Er hatte gesagt, als sie sich trennten:

„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in

die Campagna fahren wollen --.“

In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war

aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz

anders gekommen, als sie es sich gedacht --. Fast wie ein Scherz war es

gewesen -- dieser Kuß.

Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte

gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt --. Doch da glitt

gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch

ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich

nehmen. Sie tat es eben -- warum sollte sie auch nicht --.

Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten,

weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien.

Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben -- nichts hatte er

verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben,

schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um

dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.

Herrgott -- achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es

sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie

liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte.

Jung war sie, gesund und schön -- warm war sie und voller Sehnsucht

--. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas

vorzulügen pflegte ...

Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt:

ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können,

wenn sie wirklich gewollt hätte -- wenn sie nachgeholfen und die

Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war -- und

die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte

betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben

+müssen+.

So hatte sie es nicht gewagt --.

Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie

küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur

ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch

liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.

Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach

dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und

fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein,

dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen

konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief

drinnen verkam und vergiftet wurde --. Nein -- sie wagte es nicht,

wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht --.

Dennoch -- sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens

aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen,

einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen

billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer

großen Freude. Die +vielleicht+ -- vielleicht niemals kam. Sie war

sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es

ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch

einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben,

während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach

dem Monde im Wasser fischten.

Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie

in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen -- ungefähr so, als

hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In

Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht -- außerdem wußte sie, Mama

saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch

kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein

ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte.

Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle

Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu

experimentieren: +Wenn+ ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn

ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord

würfe? --

Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder

durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr

eigenes --?

Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden.

Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut --

Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte

gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch,

verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen

Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte -- dabei hatte

sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den

Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in

der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am

nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule

übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer

noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete

-- in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum

Mathematikunterricht kamen. -- Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß

sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung

-- und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu

den Sommerferien.

Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem

Zynismus angezogen gefühlt -- wohl nur einen Augenblick -- aber ...

Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und

geradezu, wie er gefragt hatte.

Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten

-- flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem

Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn

ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.

Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich

brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich

statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen --. Aber die

Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie

sich nach ihrem Geschmack amüsierten -- diese Jugend, die für das ewige

Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert

hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen -- die konnte

sie nicht irreführen.

Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral

festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und

Selbstbeherrschung auf.

Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule

kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal

in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie

lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden

war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit

ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern

konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte

er daheim bei Mutter und ihr --. Sein Bild hing über dem Klavier und

seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen,

er hörte alles, was sie sagten -- die Mutter sprach beständig von ihm

und erzählte, was er zu allen Dingen meinte -- dies dürften sie tun

und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als

kenne sie ihn, und des Abends sprach sie +mit+ ihm und mit Gott, der

ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.

Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in

die dunkle römische Nacht hinaus.

Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in

die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen

zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein

Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade

sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte

„+Naesodden+.“[1]

[1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania

gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große

Vorgebirge sind.

Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“

sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte

prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen,

gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste

Zusammenstoß. -- Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern

gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.

Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der

ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen

Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie -- die nicht so war wie jene --

und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse

waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all

ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem,

gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung

sie im Stiche ließ -- ein einziges Mal hatte sie in Leid und

Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt -- die wenigen Male hatte sie

bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war,

wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und

Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen

behaupten.

In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in

dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen.

Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von

diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.

Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten,

daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber

verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen

Schwestern.

In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie

alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater -- sie

verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu

verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für

sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte,

wie +sie+ Eline Gyldenlöve darstellen würde.

Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig

größenwahnsinnig. -- Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber

nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein,

sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte!

Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit

ihren langen, stocksteifen Stelzen --.

Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. -- Nein,

sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr

Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und

drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte

sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in

feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, --

oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf

die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde

genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese

wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren --. Seitdem hatte dieses

Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein

Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen.

Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber

dazu fehlten die Mittel.

Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der

Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt

hatte -- und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen

waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen,

den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran

und gratulierten:

„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir

waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“

Sie hatte gelacht:

„Ich auch, Ella.“

Jenny · 第 17 / 70 题