Jenny zündete die Lampe nicht an, als sie heimgekehrt war. Im Dunkeln
griff sie nach ihrem Abendmantel und setzte sich auf den Balkon hinaus.
Der Himmel erhob sich über den Dächern wie schwarzer Sammet, von dem
Gewimmel funkelnder Sterne durchwoben. Die Nacht war kalt.
Er hatte gesagt, als sie sich trennten:
„Ich komme morgen zu Ihnen hinauf, um Sie zu fragen, ob sie mit mir in
die Campagna fahren wollen --.“
In Wirklichkeit war ja nichts geschehen. Sie hatte ihn geküßt. Es war
aber der erste Kuß, den sie einem Manne gegeben hatte. Und es war ganz
anders gekommen, als sie es sich gedacht --. Fast wie ein Scherz war es
gewesen -- dieser Kuß.
Sie liebte ihn keineswegs. Und hatte ihn doch geküßt. Sie hatte
gezaudert und gedacht: ich habe nie geküßt --. Doch da glitt
gewissermaßen eine fröhliche Gleichgültigkeit und süße Müdigkeit durch
ihren Körper; ach Gott, warum dies alles so lächerlich feierlich
nehmen. Sie tat es eben -- warum sollte sie auch nicht --.
Nein, es machte ja nichts. Er hatte ja doch ganz ehrlich darum gebeten,
weil er glaubte, er wäre verliebt in sie und weil die Sonne schien.
Er hatte sie nicht darum gebeten, ihn zu lieben -- nichts hatte er
verlangt außer einem harmlosen Kuß. Und sie hatte ihn hingegeben,
schweigend. Das alles war schön gewesen. Da war nichts geschehen, um
dessentwillen sie sich hätte schämen müssen.
Herrgott -- achtundzwanzig Jahre war sie geworden. Sie verhehlte es
sich selbst auch nicht, daß sie sich nach einem Manne sehnte, den sie
liebte und der sie lieb hatte, an den sie sich fest anschmiegen konnte.
Jung war sie, gesund und schön -- warm war sie und voller Sehnsucht
--. Aber da sie mit kalten Augen sah, und sich selber niemals etwas
vorzulügen pflegte ...
Sie war dem einen oder anderen Manne begegnet und hatte sich gefragt:
ist es dieser? Diesen oder jenen hätte sie vielleicht lieben können,
wenn sie wirklich gewollt hätte -- wenn sie nachgeholfen und die
Ohren der leisen Stimme verschlossen hätte, die immer da war -- und
die einen hartnäckigen Widerspruch in ihr erweckte, den sie hätte
betäuben müssen. Aber keinen hatte sie getroffen, den sie hätte lieben
+müssen+.
So hatte sie es nicht gewagt --.
Cesca freilich vermochte es zu ertragen, daß einer nach dem anderen sie
küßte und sie umschmeichelte. Ihr machte es nichts aus. Es berührte nur
ihre Lippen und ihre Haut. Nicht einmal Hans Herrmann, den sie doch
liebte, konnte ihr merkwürdig dünnes, erstarrtes Blut erwärmen.
Sie selbst war anders. Ihr Blut war rot und warm. Das Glück, nach
dem sie sich sehnte, sollte heiß und verzehrend sein, aber rein und
fleckenfrei. Sie selbst wollte gut und treu und ehrlich gegen den sein,
dem sie sich hingab. Es mußte einer kommen, der sie ganz hinnehmen
konnte, so daß keine Regung in ihr unberührt blieb und irgendwo tief
drinnen verkam und vergiftet wurde --. Nein -- sie wagte es nicht,
wollte nicht leichtsinnig sein. Sie nicht --.
Dennoch -- sie konnte die Menschen begreifen, die der Mühe des Wollens
aus dem Wege gingen. Einen Trieb bezähmen und ihn schlecht nennen,
einen anderen aber großziehen und ihn gutheißen. Allen kleinen
billigen Freuden entsagen, seine Kräfte aufsparen in Erwartung einer
großen Freude. Die +vielleicht+ -- vielleicht niemals kam. Sie war
sich durchaus nicht gewiß, daß ihr Weg zu ihrem Ziele führte, daß es
ihr nicht doch einmal Eindruck machen könnte, wenn Menschen zynisch
einräumten, keinen bestimmten Weg zu gehen und keine Ziele zu haben,
während diejenigen, die sich an die Moral und ihre Ideale hielten, nach
dem Monde im Wasser fischten.
Auch sie hatte es einst erlebt, vor vielen Jahren, daß ein Mann sie
in einer Nacht bat, mit ihm nach Hause zu gehen -- ungefähr so, als
hätte er sie eingeladen, ihn in eine Konditorei zu begleiten. In
Wirklichkeit reizte es sie wohl gar nicht -- außerdem wußte sie, Mama
saß oben und wartete auf sie, so daß es völlig unmöglich war. Auch
kannte sie den Menschen kaum, mochte ihn nicht leiden und war obendrein
ärgerlich, daß er sie an diesem Abend nach Haus begleiten wollte.
Sie hatte kein sinnliches Empfinden dabei, nur eine intellektuelle
Neugierde trieb sie dazu, in Gedanken einen Augenblick mit der Frage zu
experimentieren: +Wenn+ ich es nun täte? Was würde ich empfinden, wenn
ich Willen und Selbstbeherrschung und meinen alten Glauben über Bord
würfe? --
Es war nur dieser Gedanke, der einen aufreizenden, wollüstigen Schauder
durch ihren Körper gejagt hatte. War dieses Leben besser als ihr
eigenes --?
Denn mit ihrem eigenen war sie ja an diesem Abend nicht zufrieden.
Sie hatte wieder dagesessen und dem Tanz der anderen zugeschaut --
Wein hatte sie auch getrunken, die Musik umtoste sie, und sie hatte
gesessen und die bittere Einsamkeit gefühlt, zu der sie, so jung noch,
verdammt war, weil sie ja nicht tanzen, nicht die Sprache der übrigen
Jugend sprechen, nicht in ihr Lachen einstimmen konnte -- dabei hatte
sie noch versucht, zu lächeln und zu plaudern und sich wieder den
Anschein zu geben, als unterhielte sie sich gut. Während sie dann in
der eiseskalten Frühlingsnacht heimging, dachte sie daran, daß sie am
nächsten Morgen um acht Uhr eine Vertretung in der Kampfschen Schule
übernehmen mußte. Sie arbeitete an ihrem großen Bilde, und es war immer
noch so tot und schwerfällig, wie sie sich auch mühte und abarbeitete
-- in den freien Stunden, bis um sechs Uhr ihre Privatschülerinnen zum
Mathematikunterricht kamen. -- Sie arbeitete hart zu jener Zeit, so daß
sie manchmal das Gefühl hatte, als zittere jeder Nerv vor Ueberspannung
-- und doch hielt sie in dieser bewußten Ueberanstrengung aus bis zu
den Sommerferien.
Und da hatte sie sich einen Augenblick gewissermaßen von seinem
Zynismus angezogen gefühlt -- wohl nur einen Augenblick -- aber ...
Sie hatte zu dem Menschen aufgelächelt und Nein gesagt, so trocken und
geradezu, wie er gefragt hatte.
Er war übrigens ein Narr, denn nun begann er, ihr Predigten zu halten
-- flaue Komplimente, sentimentalen Unsinn von Jugend und Lenz, dem
Recht der Leidenschaft und dem Evangelium des Blutes. Sie lachte ihn
ganz ruhig aus und rief eine vorüberfahrende Droschke herbei.
Oh nein, sie war reif genug, um die begreifen zu können, die sich
brutal weigerten, für irgend etwas im Leben zu kämpfen, und sich
statt dessen niederlegten und vom Strome treiben ließen --. Aber die
Grünschnäbel, die davon faselten, eine Mission zu erfüllen, wenn sie
sich nach ihrem Geschmack amüsierten -- diese Jugend, die für das ewige
Recht der Natur zu kämpfen vorgab, während sie es nicht der Mühe wert
hielt, ihre Zähne zu putzen und ihre Nägel zu reinigen -- die konnte
sie nicht irreführen.
Es war wohl am besten für sie, an ihrer eigenen kleinen Moral
festzuhalten. Die baute sich im wesentlichen auf Wahrhaftigkeit und
Selbstbeherrschung auf.
Diese Moral hatte sich zu formen begonnen, als Jenny auf die Schule
kam. Sie war nicht wie die anderen Kinder in der Klasse, nicht einmal
in der Kleidung. Ihre kleine Seele aber war ganz, ganz anders. Sie
lebte ja mit ihrer Mutter zusammen, die zwanzigjährig Witwe geworden
war und nichts auf der Welt besaß als ihr kleines Mädchen. Und auch mit
ihrem Vater zusammen, der gestorben war, lange bevor sie sich erinnern
konnte. Er war im Grabe und im Himmel, aber in Wirklichkeit wohnte
er daheim bei Mutter und ihr --. Sein Bild hing über dem Klavier und
seine Augen schauten auf alles herab, was Mutter und sie unternahmen,
er hörte alles, was sie sagten -- die Mutter sprach beständig von ihm
und erzählte, was er zu allen Dingen meinte -- dies dürften sie tun
und dies müßten sie lassen des Vaters wegen. Jenny sprach von ihm, als
kenne sie ihn, und des Abends sprach sie +mit+ ihm und mit Gott, der
ja mit Vater zusammen war und ebenso dachte, wie der Vater.
Der erste Schultag. Jenny entsann sich seiner deutlich und lächelte in
die dunkle römische Nacht hinaus.
Die Mutter hatte sie unterrichtet, so daß sie mit acht Jahren in
die dritte Klasse kam. Die Mutter pflegte immer alles an Beispielen
zu erklären, die Jenny kannte. Sie wußte also sehr wohl, was ein
Vorgebirge war. Da fragte die Lehrerin in der Geographiestunde gerade
sie, ob sie ein norwegisches Vorgebirge nennen könnte. Jenny sagte
„+Naesodden+.“[1]
[1] Anm. der Uebersetzerin: N. ist eine Halbinsel, Kristiania
gegenüber, während die im folgenden Absatz genannten Kaps große
Vorgebirge sind.
Die Lehrerin lächelte, und die ganze Klasse lachte. „Signe,“
sagte die Lehrerin, und ein kleines Mädchen erhob sich und sagte
prompt: „Nordkap, Stat, Lindesnes.“ Jenny aber lächelte überlegen,
gleichgültig, über der anderen Gelächter. Das war vielleicht der erste
Zusammenstoß. -- Sie hatte niemals Kameraden unter den anderen Kindern
gehabt. Und sie bekam auch niemals welche.
Ueberlegen und gleichgültig hatte sie zu dem Gehänsel und Gespött der
ganzen Klasse gelächelt, aus einem schweigenden und unversöhnlichen
Haßgefühl heraus, das sich zwischen sie -- die nicht so war wie jene --
und alle die übrigen Kinder schob, die für sie eine einförmige Masse
waren, ein vielköpfiges Ungeheuer. Die verzehrende Wut, die unter all
ihren Quälereien in Jenny aufstieg, verschloß sie hinter höhnischem,
gleichgültigem Lächeln. Die wenigen Male, da ihre Selbstbeherrschung
sie im Stiche ließ -- ein einziges Mal hatte sie in Leid und
Verbitterung gar jämmerlich geschluchzt -- die wenigen Male hatte sie
bemerkt, wie die anderen triumphierten. Nur, wenn sie „hochmütig“ war,
wenn die anderen von ihrer indianischen Gefühllosigkeit ihrem Tun und
Lassen gegenüber verwirrt wurden, konnte sie sich gegen die vielen
behaupten.
In der obersten Klasse gewann sie ein paar Freundinnen. Das war in
dem Alter, wo kein Kind es erträgt, anders zu sein als die anderen.
Sie versuchte es den Mädchen gleich zu tun. Viel Freude hatte sie von
diesen Freundinnen übrigens nicht gehabt.
Sie entsann sich, wie die Mädchen sie verspotteten, als sie entdeckten,
daß Jenny mit vierzehn Jahren noch mit Puppen spielte. Sie aber
verleugnete ihre geliebten Kinder und sagte, sie gehörten den kleinen
Schwestern.
In dieser Zeit war es auch, daß sie zur Bühne gehen wollte. Sie wie
alle Freundinnen waren vollkommen versessen aufs Theater -- sie
verkauften Schulbücher und Konfirmationsbroschen, um sich Billets zu
verschaffen. Abend für Abend saßen sie unten auf dem Sperrsitz für
sechzig Oere. Aber eines Tages hatte sie verspielt, als sie erzählte,
wie +sie+ Eline Gyldenlöve darstellen würde.
Die Freundinnen lachten Sturm. Sie war also in der Tat völlig
größenwahnsinnig. -- Man wußte wohl, daß sie eingebildet war, aber
nun war die Grenze erreicht. Sie bildete sich also tatsächlich ein,
sie könne Schauspielerin werden! Sie, die nicht einmal tanzen konnte!
Es würde hübsch aussehen, sie auf der Bühne herumwackeln zu sehen mit
ihren langen, stocksteifen Stelzen --.
Auch damals hatte Jenny mit ihren Freundinnen nicht gebrochen. -- Nein,
sie konnte nicht tanzen. Als sie ganz klein war, pflegte die Mutter ihr
Tänze vorzuspielen, während Jenny umhertrippelte, sich verneigte und
drehte, wie es ihr in den Sinn kam; Mutter lächelte dann und nannte
sie ihr kleines Linerle. Dann kam sie auf den ersten Schülerball, in
feierlicher Freude, mit einem neuen grüngeblümten Kleid angetan, --
oh, sie entsann sich dessen so deutlich. Es reichte ihr fast bis auf
die Füße herab; Mutter hatte es nach einem alten englischen Bilde
genäht. Sie erinnerte sich dieses Kinderballes. Noch konnte sie diese
wunderliche Steifheit in allen Gliedern spüren --. Seitdem hatte dieses
Gefühl ihren weichen schlanken Körper losgelassen, er wurde wie ein
Holzstock, wenn sie den Versuch machte, selber das Tanzen zu erlernen.
Sie konnte nicht. Schließlich wollte sie in die Tanzstunde gehen, aber
dazu fehlten die Mittel.
Sie lachte. O diese Freundinnen! Zwei von ihnen hatte sie auf der
Ausstellung wiedergesehen, als sie das erste Mal ein Bild ausgestellt
hatte -- und einige lobende Worte über sie in die Zeitung gekommen
waren. Sie stand mit einigen Malern, darunter auch Heggen, zusammen,
den sie damals aber nicht näher kannte. Da kamen die Freundinnen heran
und gratulierten:
„Das haben wir schon in der Schule gesagt, Jenny wird Künstlerin. Wir
waren alle so überzeugt, daß aus dir noch einmal etwas werden würde.“
Sie hatte gelacht:
„Ich auch, Ella.“