VII.

Eines Tages -- es war in der Weihnachtswoche -- kam Gram in eine

Trattoria, wo auch Jenny und Heggen saßen. Sie sahen ihn jedoch nicht,

und während er seinen Mantel an den Nagel hängte, hörte er Heggen sagen:

„Er ist weiß Gott ein gefährlicher Bursche.“

„Ja, abscheulich,“ seufzte Jenny.

„Und dann verträgt sie das nicht, Teufel auch! In diesem ~scirocco~ --

morgen ist sie natürlich wieder ganz entkräftet. Ans Arbeiten denkt sie

wohl auch nicht und treibt sich nur mit diesem Kerl herum.“

„Nein, arbeiten? Aber ich kann doch nichts dazu tun. Sie marschiert

gern von hier nach Viterbo mit ihm, in ihren kleinen, dünnen

Lackschuhen trotz ~scirocco~ und allem, nur weil der Mensch ihr von

Hans Herrmann erzählen kann.“

Gram grüßte im Vorübergehen. Jenny und Heggen machten eine Bewegung,

als erwarteten sie, daß er sich zu ihnen setzen sollte. Er tat jedoch,

als sähe er nichts und ließ sich weiter oben im Lokal an einem Tisch

nieder, den Rücken ihnen zugekehrt.

Er verstand, daß sie von Franziska sprachen.

* * * * *

Beinahe täglich ging er hinauf zur Via Vantaggio. Er konnte es nicht

unterlassen. Jetzt saß Jenny fast immer allein zu Hause und nähte oder

las. Es schien, als freute sie sich, wenn er kam. Im übrigen fand er,

daß sie sich in letzter Zeit ein wenig verändert hatte. Sie war nicht

mehr so keck und sicher in ihren Aeußerungen, nicht mehr so aufgelegt

zum Diskutieren und Dozieren. Sie schien traurig. Eines Tages fragte

er, ob sie sich nicht wohl fühle.

„Wohl -- oh doch. Wieso?“

„Ich weiß nicht recht -- ich finde, Sie sind so still geworden,

Fräulein Winge.“

Sie hatte eben die Lampe angezündet, so daß er sehen konnte, daß sie

errötete.

„Ich werde vielleicht bald nach Hause reisen müssen. Meine Schwester

hat Lungenspitzenkatarrh bekommen, und Mama ist so unglücklich.“ Sie

schwieg einen Augenblick. „Und da bin ich freilich etwas betrübt.

Wo ich doch so gern hier bleiben wollte -- jedenfalls den Frühling

hindurch.“

Sie nahm ihr Nähzeug zur Hand und begann zu arbeiten.

Helge grübelte darüber nach, ob Gunnar Heggen der Anlaß sei -- er

war sich niemals darüber klar geworden, ob zwischen den beiden etwas

spielte. Zurzeit war Heggen, der, wie Helge gehört hatte, ein ziemlich

leicht entzündbares Herz haben sollte, für eine junge dänische

Krankenschwester entflammt, die sich als Pflegerin einer alten Dame in

Rom aufhielt. -- Jennys Erröten fand er so merkwürdig, es war ihm so

neu an ihr.

An diesem Abend kam Franziska heim, ehe er ging. Er hatte sie seit

Weihnachten wenig zu Gesicht bekommen und er wußte nun, daß er ihr

vollkommen gleichgültig war. Von Launen oder kindischer Ungezogenheit

konnte keine Rede mehr sein. Es war, als +sähe+ sie andere Menschen

nicht mehr -- irgend etwas erfüllte sie vollständig. Mitunter ging sie

umher wie eine Nachtwandlerin.

Er fuhr dennoch fort, Jenny aufzusuchen, entweder in der Trattoria, wo

sie zu speisen pflegte, oder daheim auf ihrem Zimmer. Er wußte selber

kaum, warum er es tat. Es war ihm aber, als verlange ihn danach, sie zu

sehen.

An einem Nachmittag ging Jenny in Franziskas Zimmer, um nach

einer Terpentinflasche zu suchen. Da lag Franziska auf ihrem

Bett und erstickte ihr Schluchzen in den Kissen. Sie mußte sich

heraufgeschlichen haben, Jenny hatte sie nicht kommen hören.

„Aber liebes Kind -- was ist geschehen? Bist du krank?“

„Nein, geh nur, Jenny -- liebe Jenny, geh. Nein, ich kann es dir nicht

sagen; du sagst ja doch nur, es sei meine eigene Schuld.“

Jenny sah ein, daß es ihr nichts nützte, mit ihr zu reden. -- Doch

am Abend, als sie im Bett lag und las, schlüpfte Franziska plötzlich

herein -- im Nachthemd. Ihr Gesicht war rotfleckig und geschwollen vom

Weinen.

„Darf ich heute Nacht bei dir schlafen, Jenny, ich kann nicht allein

sein.“

Jenny machte Platz. Sie schwärmte nicht für diese Sitte, aber Franziska

pflegte zu kommen und zu bitten, bei ihr schlafen zu dürfen, wenn sie

ganz unglücklich war.

„Nein, lies nur Jenny -- ich werde dich nicht stören, ich liege ganz

still an der Wand.“

Jenny tat, als lese sie eine Weile. Franziska schluchzte ab und zu

trocken auf. Dann fragte Jenny:

„Kann ich das Licht löschen, oder willst du lieber, daß es brennt?“

„Lösch es nur!“

Im Dunkeln schlang sie die Arme um Jenny und erzählte schluchzend.

Sie war mit Hjerrild wieder in der Campagna gewesen. Da hatte er

sie dann geküßt. Erst hatte sie nur ein wenig gescholten, da sie

geglaubt, es wäre ein Scherz. „Aber dann wurde er verletzend in seiner

Zudringlichkeit. Und schließlich wollte er, daß ich heute Nacht mit

in sein Hotel gehen sollte. Er sagte es so, als lade er mich in eine

Konditorei ein. Da wurde ich rasend, und auch er wurde zornig. Darauf

sagte er mir dann einige gemeine, ekelhafte Dinge ins Gesicht.“ Sie

lag einen Augenblick still da, im Fieber erschauernd. „Er sagte dann

-- ja, du kannst dirs wohl denken -- etwas von Hans. Hans hatte

von mir erzählt, als er Hjerrild mein Bild zeigte, so daß Hjerrild

glauben mußte ... Verstehst du es, Jenny,“ sie schmiegte sich dicht

an die andere, „ja, ich tue es nicht mehr -- ich will mich nicht

länger an diesen Schuft hängen -- Hans hatte natürlich nicht meinen

Namen genannt, weißt du,“ sagte sie nach einer Weile. „Und er konnte

selbstverständlich nicht ahnen, daß Hjerrild mir jemals begegnen und

mich nach der Photographie wiedererkennen würde, die gemacht wurde, als

ich achtzehn Jahre alt war.“

* * * * *

Am siebzehnten Januar hatte Jenny Geburtstag. Sie und Franziska wollten

eine Gesellschaft geben, ein Mittagessen draußen in der Campagna, in

einer kleinen Osteria an der Via Appianuova. Sie hatten Ahlin, Heggen,

Gram und Fräulein Palm, die dänische Krankenschwester, eingeladen.

Sie gingen paarweise von der Straßenbahnhaltestelle die weiße

Landstraße hinauf, die im Sonnenschein gebadet dalag. Der Frühling

wob in der Luft und die fahle, braune Campagna war von einem

graugrünen Schimmer übergossen, all die Tausendschön, die den

ganzen Winter über ihr Blühen nicht eingestellt hatten, begannen

sich in silberschimmernden Teppichen auszubreiten. Auch die Büschel

ungeduldiger lichtgrüner Knospen auf den Hollundersträuchern längs der

Gitter waren größer geworden.

Lerchen schwebten zitternd hoch oben in dem blauweißen Himmel.

Die Wärme hüllte alles ein -- drinnen über der Stadt und über den

häßlichen rotgelben Häuserblocks, die über die Ebene verstreut waren,

lag der Dunst. Die Felsen der Albaner Berge mit den weißen Städtchen

schimmerten hinter den gewaltigen Bogenreihen der Aquaedukte durch den

Nebel.

Jenny und Gram schritten voran, er trug ihren hellgrauen Staubmantel.

Sie war strahlend schön, in schwarze Seide gekleidet -- er hatte sie

vorher nie anders gesehen als in dem grauen Kleid oder in Kostüm und

Bluse. Aber heute war es ihm, als ginge er mit einer neuen fremden Frau

dahin. Die Linie des schlanken Leibes war weich und rund in dem blanken

schwarzen Kleide, das oben in einem schmalen tiefen Viereck bis auf die

Brust ausgeschnitten war. Die Haut und das Haar hoben sich leuchtend

hell dagegen ab. Sie trug auch einen großen schwarzen Hut, mit dem

Helge sie früher schon gesehen hatte, ohne jedoch weiter darauf zu

achten. Sogar ihr rosa Perlenhalsband sah anders aus zu diesem Gewand.

Man speiste draußen im Sonnenschein unter den nackten Weinranken, die

ein feines, bläuliches Schattennetz auf das Tischtuch zeichneten.

Fräulein Palm und Heggen hatten den Tisch mit Tausendschön geschmückt;

die Makkaroni waren lange fertig, und die anderen hatten warten müssen,

bis die beiden mit der Dekoration kamen. Doch das Essen war gut und

der Wein vorzüglich, die Früchte hatte Franziska selbst in der Stadt

ausgewählt und mit hinausgenommen, ebenso den Kaffee, den sie selbst

zubereiten wollte, darauf bestand sie, um sicher zu gehen, daß er auch

gut würde.

Nach dem Essen gingen Heggen und Fräulein Palm umher und studierten die

Marmorstümpfe -- Ueberreste von Reliefs und Inschriften, die auf dem

Grundstück gefunden und in die Hauswand eingemauert waren. Kurz darauf

verschwanden sie um die Ecke. Ahlin blieb am Tisch in der Sonne sitzen

und rauchte mit halbgeschlossenen Augen.

Die Osteria lag am Abhang eines Hügels. Gram und Jenny klommen aufs

Geratewohl die Böschung hinauf. Sie pflückte einige von den kleinen

wildwachsenden Ringelblumen, die aus dem rotgelben Sand des Abhangs

hervorlugten.

„Von diesen gibt es viele auf dem Monte Testaccio. Sind Sie dort einmal

gewesen, Gram?“

„Ja, öfter. Ich war vorgestern drüben, um den protestantischen Kirchhof

zu sehen. Die Kamelienbäume sind übersät mit Blüten. Und auf dem alten

Teile fand ich Anemonen im Gras.“

„Ja, die kommen jetzt hervor.“ Jenny seufzte ein wenig. „Draußen

vor der Ponte Molle, irgendwo an der Via Cassia, gibt es eine Menge

Anemonen. Ich bekam von Gunnar heute früh blühende Mandelzweige -- man

hat sie schon an der Spanischen Treppe. Sie sind aber sicher künstlich

zum Blühen gebracht worden.“

Sie waren auf der Höhe angelangt und gingen über Feld. Jenny sah zur

Erde. Es sproß überall auf dem kurzen, struppigen Grasboden. Rosetten

von bunten Distelblättern und irgendwelchen großen silberfarbenen

Blättern standen und ließen sichs wohl sein in der Sonne. Jenny

und Gram schlenderten auf eine einsame Mauermasse zu, die sich aus

niedergestürztem Schutt mitten auf dem Anger erhob, formlos und

namenlos.

Fahl, graugrün dehnte sich die Campagna rund um sie her in sanften

Wellen unter dem hellen Lenzhimmel mit den trillernden Lerchen. Ihre

Grenzen verloren sich im Dunst des Sonnenglanzes. Die Stadt dort

hinter ihnen wurde zu einer hellen Luftspiegelung, Felsen und Wolken

liefen ineinander, und die gelben Bögen der Aquädukte ragten aus dem

Lichtnebel, um nach der Stadt zu wieder zu verschwinden. Die zahllosen

Ruinen waren nur noch kleine schimmernde Mauerreste, im Grünen

verstreut, während Pinien und Eukalyptusbäume vor den rosenroten und

ockergelben Häuschen grenzenlos einsam und düster und verlassen in dem

lichten Vorfrühlingstage standen.

„Erinnern Sie sich des ersten Morgens, als ich hier unten war, Fräulein

Winge? Ich war enttäuscht und ich meinte, es käme von meiner großen

Sehnsucht und meinen heißen Träumen, deren Welt so reich war, daß die

Wirklichkeit fade und armselig erscheinen müßte. -- Haben Sie einmal

an einem Sommertage mit geschlossenen Augen in der Sonne gelegen?

Schlägt man sie wieder auf und blickt umher, so erscheinen alle Farben

plötzlich grau und erloschen. Die Augen sind geschwächt und daher

außerstande, die Mannigfaltigkeit der Farben aufzufangen, die sich

ihrem ersten Blick darbietet. Der erste Eindruck ist unvollkommen und

kläglich. Verstehen Sie, was ich meine?“

Jenny nickte vor sich hin.

„Aehnlich ging es mir hier im Anfang. Rom überwältigte mich. Da sah

ich Sie -- groß, licht und fern kreuzten Sie meinen Weg. Franziska

beachtete ich nicht sogleich, erst in der Trattoria fiel sie mir auf.

Ich kam in Ihren Kreis, zu lauter mir unbekannten Menschen -- es

war das erste Mal, daß ich mit Fremden zusammen war. Die flüchtigen

Begegnungen daheim auf dem Wege zwischen Schule und Haus sind nicht zu

rechnen. Mich verwirrte das Neue einen Augenblick, ich glaubte, nie

mit Menschen reden zu können. Und da überfielen mich Gedanken an die

Heimat. Fast sehnte ich mich nach ihr und nach dem Rom, von dem ich

gehört und Bilder gesehen hatte. Sie wissen, mein Vater ...“ er lachte

kurz auf. „Ich hatte geglaubt, auf andere Art mich nicht zurechtfinden

zu können. Bilder betrachten, die andere gemalt, lesen, was andere

geschrieben hatten, die Arbeiten anderer enträtseln und ordnen und mit

erdichteten Menschen aus den Büchern leben -- darin lag meine Welt und

mein Können. In Ihrem Kreis fühlte ich mich so grenzenlos verlassen

... Da hörte ich Sie vom Alleinsein sprechen. Und jetzt verstehe ich

Sie. Sehen Sie den Turm da draußen? Dort war ich gestern. Es ist der

Ueberrest einer Befestigungsanlage aus dem Mittelalter, der Ritterzeit.

Eigentlich ist eine große Anzahl solcher Türme in der Umgebung wie

in der Stadt selbst erhalten. Man kann eine in die Fassadenreihe der

Straße eingebaute Hauswand fast ohne Fenster finden -- das ist so ein

kümmerlicher Rest aus dem Rom der Raubritter. Von dieser Zeit weiß man

verhältnismäßig am wenigsten. Ich beginne jetzt, mich gerade hierfür am

meisten zu interessieren. Ich finde Namen verstorbener Menschen in den

Archiven -- man kennt von ihnen häufig nicht viel mehr als den Namen.

Mich verlangt, mehr über sie zu erfahren. Ich träume von dem Rom des

Mittelalters -- als sie in den Straßen kämpften und aus heißen, roten

Kehlen bluteten, als die Stadt voller Raubburgen war -- auf denen sie

eingesperrt waren, ihre Frauen, Töchter dieser wilden Tiere, ihres

Stammes und Blutes -- und es geschah, daß auch sie ausbrachen und ins

Leben hinausstürzten, das um die schwarzroten Mauern lockte. Herrgott,

welch’ ein Strom von Leben ist doch über dieses Land hinweggebraust!

Die Wellen brachen sich an jeder Felsenspitze, die Stadt und Burg

trug. Und dennoch erheben sich die Felsen über dem Ganzen nach wie

vor nackt und öde. Allein die endlosen Massen von Ruinen nur hier

draußen in der Campagna! Und die Berge von Büchern, die über Italiens

Geschichte geschrieben sind, ja über die ganze Weltgeschichte! Das

ganze Heer toter Menschen, das wir kennen. Wie bitter, bitterwenig ist

dennoch als Rest verblieben von all den Lebenswogen, die über die Welt

hinweggegangen sind, eine nach der anderen ... Ich finde aber eben das

so wunderbar! ... Nun habe ich so viel mit Ihnen gesprochen, Jenny.

Und Sie ebenso viel mit mir. Trotzdem aber kenne ich Sie ganz und gar

nicht. Wie Sie jetzt dort stehen -- Sie sollten sich selber sehen!

Wie ihr Haar schimmert! So sind auch Sie ein solcher unbekannter Turm

für mich. Und das ist gerade das Wundersame. Haben Sie jemals darüber

nachgedacht, daß Sie niemals Ihr eigenes Antlitz gesehen haben? Nur

ein Spiegelbild. Unser Gesicht, wenn es schläft, wenn es die Augen

schließt -- das können wir niemals sehen. Ist das nicht seltsam? Damals

war mein Geburtstag. Heute ist es der Ihre. Sie werden achtundzwanzig.

Freuen Sie sich dessen? Sie finden ja, jedes Jahr, das man durchlebt

hat, ist kostbar.“

„Das sagte ich nicht. Ich meinte nur, meist hat man in den ersten

fünfundzwanzig Jahren vieles durchzukämpfen, so daß man froh sein kann,

wenn sie überstanden sind --.“

„Und jetzt?“

„Jetzt --“.

„Ja. Wissen Sie so sicher, was Sie im kommenden Jahre erreichen werden?

Wie Sie die Zeit am besten nützen? Das Leben ist so ungeheuer reich

an Möglichkeiten -- nicht einmal Sie mit all Ihrem Reichtum an Kraft

können sich alles untertan machen. Denken Sie daran nie -- beunruhigt

das niemals Ihr Herz, Jenny?“

Sie lächelte nur, sah nieder und zertrat ein Zigarettenstümpfchen,

das sie hingeworfen hatte. Ihre Knöchel schimmerten weiß durch den

schwarzen, durchsichtigen Strumpf. Sie folgte mit den Augen einer

grauweißen Schafherde, die die Hügelböschung gerade ihnen gegenüber

hinablief.

„Aber der Kaffee, Gram! Sie warten natürlich auf uns --“.

Sie gingen nach der Osteria zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Der

Hügel lief in eine steile, sandige Böschung aus, die sich gerade über

dem Tisch, an dem sie gesessen hatten, erhob.

Ahlin lag mit dem Oberkörper auf dem Tisch, den Kopf auf den

verschränkten Armen. Das Tischtuch war bedeckt mit Käserinden und

Obstschalen zwischen Gläsern und Tellern.

Franziska, im laubgrünen Kleide, stand über ihn gebeugt -- die Arme um

seinen weißen Hals geschlungen -- sie versuchte, seinen Kopf in die

Höhe zu heben:

„Nicht weinen, Lennart! Ich will dir auch gut sein -- ich will mich

gern mit dir verheiraten -- hörst du, Lennart, aber du darfst nicht so

weinen. Ich glaube wohl, daß ich dich liebhaben kann, Lennart, -- wenn

du nur nicht so verzweifelt sein wolltest.“

Ahlin schluchzte:

„Nein, nein -- so nicht -- so will ich nicht, Cesca --“.

* * * * *

Jenny wandte sich um und ging denselben Weg zurück. Gram sah, daß sie

bis auf den Hals hinab von glühender Röte übergossen war. Der Fußpfad

führte am Hügelabhang hin in den Gemüsegarten der Osteria.

Rund um das kleine Wasserbassin jagte Heggen Fräulein Palm. Sie

bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, daß die Tropfen in der Sonne

funkelten, während sie lachend aufschrie.

Wieder floß tiefe Röte über Jennys Hals und Nacken. Helge folgte ihr

durch die Gemüsebeete. Heggen und Fräulein Palm schlossen drunten am

Bassin Frieden miteinander.

„Der Reigen schließt sich,“ sagte Helge leise.

Jenny nickte schwach und versuchte zu lächeln.

* * * * *

Am Kaffeetisch herrschte keine rechte Stimmung. Franziska versuchte zu

plaudern, während sie am Likör nippten. Nur Fräulein Palm war guter

Laune. Sobald es irgend anging, schlug Franziska einen Spaziergang vor.

So machten sich denn die drei Paare auf den Weg über die Campagna. Der

Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, bis sie sich zwischen

den Hügeln verloren. Jenny ging mit Gram.

„Wo wollen wir eigentlich hin?“ sagte sie.

„Wir können ja zum Beispiel zur Egeriagrotte gehen.“ Diese lag gerade

in entgegengesetzter Richtung des Weges, den die anderen eingeschlagen

hatten. Sie schlenderten aber doch über die sonnenbeschienenen Hügel,

auf den Bosco sacro zu; -- über den dunklen Kronen der uralten

Korkeichen glühte die Sonne.

„Ich sollte wohl lieber den Hut aufsetzen.“ Jenny strich sich übers

Haar.

Im heiligen Haine war der Erdboden überdeckt mit Papierabfällen, er

strotzte von Unreinlichkeit. Auf einem Baumstumpf am Rande saßen zwei

Damen und häkelten, ein paar kleine Jungen spielten Verstecken hinter

den gewaltigen Stämmen. Jenny und Gram verließen den Hain und wanderten

den Hügel hinab der Ruine zu.

„Eigentlich,“ sagte sie, „was wollen wir da unten,“ und setzte sich auf

den Abhang, ohne eine Antwort abzuwarten.

„Nein, warum auch --“, Helge streckte sich in dem trockenen kurzen

Gras zu ihren Füßen aus. Er nahm den Hut vom Kopf und, sich auf die

Ellenbogen stützend, sah er zu ihr hinauf, ohne zu sprechen.

„Wie alt ist sie eigentlich? --“ fragte er plötzlich leise. „Ich meine

Cesca.“

„Sechsundzwanzig Jahre.“ Sie saß still da und sah in die Weite.

„Ich bin nicht traurig,“ sagte er wieder leise. „Sie verstehen mich,

-- vor einem Monat wäre es etwas anderes gewesen --. Sie war einmal so

lieb, so warm und vertrauensvoll zu mir. -- Nun ja, Aufforderung zum

Tanz. Aber jetzt --. Ich finde sie sehr lieb. Aber es rührt mich nicht,

daß sie mit einem anderen tanzt.“

Er betrachtete sie.

„Ich glaube, Sie sind es, die ich liebe, Jenny,“ sagte er plötzlich.

Sie wandte sich ihm halb zu, lächelte leise und schüttelte den Kopf.

„Doch,“ sagte Helge bestimmt. „Ich glaube es. Genau weiß ich es nicht.

Ich habe ja niemals geliebt -- das weiß ich jetzt. Trotzdem ich

verlobt gewesen bin“ -- er lachte leise. „Ja, diese Dummheit beging

ich einmal in meiner frühesten Jugend --. Aber, mein Gott, Jenny --

es muß wohl wahr sein. +Sie+ waren es, die ich an jenem Abend sah --

nicht die andere. Ich sah Sie schon am Nachmittag, Sie gingen über den

Corso. Ich stellte Betrachtungen an über das Leben, fand es so neu und

abenteuerlich, da gingen Sie an mir vorüber, licht und rank und fremd.

Später, nachdem ich in der Dunkelheit rund durch die fremde Stadt

geirrt war, traf ich Sie wieder. Oh ja, ich erblickte jetzt auch Cesca,

so daß es ja nicht weiter merkwürdig war, daß ich verwirrt wurde. Aber

zuerst sah ich doch Sie. -- Und nun ist es so gekommen, daß wir beide

hier zusammensitzen --“.

Ihre Hand, auf die sie sich stützte, lag auf dem Erdboden dicht neben

ihm. Plötzlich strich er darüber. Da zog sie sie zurück.

„Sie sind doch nicht böse? Nein, denn warum auch. -- Warum sollte ich

Ihnen nicht sagen dürfen, daß ich Sie liebe? Ich konnte nicht anders,

ich mußte Ihre Hand berühren, mußte fühlen, daß sie wirklich da war.

Wie seltsam, daß Sie hier sitzen. Ich kenne Sie ja gar nicht. Trotz

all dem, wovon wir gesprochen haben -- ich weiß freilich, daß Sie klug

sind, klar und energisch, gut und wahrheitsliebend, aber das wußte ich

gleich, als ich Sie sah und Ihre Stimme vernahm. Mehr weiß ich jetzt

nicht -- aber natürlich ist da noch vieles andere. Darüber erfahre ich

vielleicht niemals etwas. Aber ich kann zum Beispiel sehen, daß Ihr

seidenes Kleid glühend heiß ist -- wenn ich mein Gesicht an Ihre Brust

legte, so würde ich mich verbrennen --“.

Sie machte mit der Hand eine unwillkürliche Bewegung über ihren Schoß.

„Ja, die Seide saugt die Sonne an sich. Es knistert in Ihrem Haar.

Drinnen in Ihren Augen funkeln die Lichtstrahlen auf. Ihr Mund ist ganz

durchsichtig -- wie ein Kredenzbecher in der Sonne --.“

Sie lächelte, sah jedoch ein wenig gequält aus.

„Küssen Sie mich, Jenny --,“ bat er plötzlich.

Sie betrachtete ihn eine Sekunde.

„Aufforderung zum Tanz --?“ Sie lächelte weh.

„Sie dürfen nicht böse werden, nur weil ich Sie um einen einzigen Kuß

bitte. An so einem Tage. Ich erzähle Ihnen doch nur, was ich wünsche.

Im Grunde ... weshalb könnten Sie es nicht tun?“

Sie rührte sich nicht.

„Ist da denn irgend ein Grund -- Herrgott, ich will ja nicht versuchen,

Sie zu küssen, aber ich verstehe nicht, warum Sie sich nicht eine

Sekunde herabbeugen und mir einen ganz, ganz kleinen Kuß geben können,

so wie Sie dort sitzen, mit der Sonne auf den Lippen -- es ist ja

nur, als klopften Sie einem Jungen auf die Schulter und gäben ihm

einen Soldo. Jenny -- für Sie ist es nichts weiter, und alles, was ich

wünsche, gerade in diesem Augenblick wünsche ich es so heiß --.“ Er

lächelte, während er sprach.

Plötzlich beugte sie sich nieder ... Nur eine Sekunde spürte er ihr

Haar und ihren warmen Mund an seiner Wange. Jede Bewegung ihres

Körpers unter der schwarzen Seide konnte er sehen, als sie sich

niederbeugte und wieder aufrichtete. Er sah auch, daß ihr Antlitz, das

ruhig lächelte, als sie ihn küßte, hinterher ein wenig verwirrt und

erschrocken war.

Aber er rührte sich nicht -- lag nur und lächelte in die Sonne hinein.

Da wurde auch sie wieder ruhig.

„Sehen Sie,“ sagte er schließlich und lachte. „Nun ist ihr Mund genau

wie früher. Die Sonne scheint auf die Lippen, bis hinein ins Blut. Was

bedeutete es Ihnen? Und ich bin so froh --. Sie begreifen wohl, daß ich

nicht erwarte, Sie sollen weiter an mich denken. Ich möchte nur an Sie

denken dürfen. -- Setzen Sie sich nur still hin und denken Sie an alle

möglichen Dinge. Die anderen tanzen Reigen, aber dies hier ist weit

köstlicher -- wenn ich Sie nur ansehen darf.“

Sie schwiegen beide. Jenny hatte das Gesicht abgewandt und sah über die

sonnige Campagna hinaus.

Während sie zur Osteria zurückgingen, plauderte er leicht und munter

von allen möglichen Dingen, erzählte Geschichten von den deutschen

Gelehrten, mit denen er bei seiner Arbeit zusammengetroffen war. Jenny

lugte ab und an verstohlen zu ihm auf. Er war so anders als sonst,

so frei und sicher. Er schaute im Gehen geradeaus; eigentlich war er

schön; die hellbraunen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne.

Jenny · 第 16 / 70 题