„Nun, Sie haben also Post bekommen,“ sagte Jenny. Sie hatte in der
Vorhalle des Postamtes gewartet. „Jetzt werde ich Ihnen zeigen, mit
welcher Straßenbahn Sie fahren müssen.“
Der Platz war vom Sonnenschein weiß überflutet, die Luft noch
morgenfrisch und rein. Doch schon wimmelten Wagen und Menschen in
geschäftiger Eile in den engen Straßen.
„Wissen Sie, Fräulein Winge -- ich fahre nicht nach Haus; ich bin
jetzt so wach wie nur irgend möglich. Ich hätte die größte Lust, einen
Spaziergang zu machen. Ist es aufdringlich, wenn ich frage, ob ich Sie
ein kleines Stückchen Wegs begleiten darf --?“
„Aber gar nicht --. Doch wie werden Sie nachher zu Ihrem Hotel
zurückfinden?“
„Pah, am hellichten Tage.“
„Freilich, eine Droschke treffen Sie überall an.“
Sie kamen auf den Corso hinaus. Sie nannte die Namen der Paläste, war
ihm aber jeden Augenblick ein Stück voraus, da sie schnell ausschritt
und sich geschmeidig durch die vielen Menschen wandte, die sich schon
auf dem schmalen Bürgersteig drängten.
„Mögen Sie Wermut?“ fragte sie; „ich will eben hier hinein und einen zu
mir nehmen.“
Sie leerte das Glas in einem Zuge, während sie am marmornen Schenktisch
der Bar stand. Helge fand keinen Geschmack an dem bittersüßen Getränk,
das zur Hälfte mit Chinin gemischt war. Es war aber etwas Neues für ihn
und es gefiel ihm, so unvermittelt in eine Bar zu laufen.
Jenny bog in schmale Gassen ein, wo die Luft noch nächtlich kühl und
dumpf war. Nur hoch oben streifte der Sonnenschein die Mauern der
Häuser. Helge schaute mit überwachen Sinnen um sich, betrachtete die
blaugestrichenen Karren mit Maultiergespannen, deren Sattelzeug mit
Messingbeschlägen und roten Troddeln geschmückt war, sah barhäuptige
Frauen und schwarze Kinder, kleine billige Läden und die Verkaufsstände
für Obst und Gemüse in den Torwegen. In einer Häusernische stand ein
alter Mann und briet Schmalzgebäck auf einem kleinen Herd. Jenny kaufte
einige Kuchen und bot sie Helge. Er lehnte jedoch dankend ab. Ein
Teufelsmädchen! Sie aß die Kuchen mit gesundem Appetit, ihm aber wurde
übel bei der bloßen Vorstellung, eines dieser fettriefenden Stücke
zwischen die Zähne zu bekommen, noch dazu mit dem Wermutgeschmack
im Mund und nach dem Genuß der vielen Getränke in dieser Nacht. Und
außerdem -- so schmierig wie der Alte war.
Seite an Seite mit verfallenen, armseligen Häusern, wo graufarbenes
Leinenzeug zum Trocknen zwischen den brüchigen Fensterläden hing, lagen
große, wuchtige Paläste mit vergitterten Fenstern und ausladenden
Gesimsen. Einmal ergriff Jenny ihn am Arm -- ein brandrotes Automobil
kam tutend aus einem Barockportal, wendete schwerfällig und sauste
die schmale Straße hinauf, deren Rinnstein mit Müll und Kohlblättern
angefüllt war.
Helge ging und genoß. Wie südlich fremd war hier alles .. Sein einziges
inneres Erlebnis seit vielen Jahren war immer nur der Zusammenstoß
seiner phantastischen Traumwelt mit der kleinlichen Wirklichkeit
des Alltags gewesen, bis er schließlich gleichsam aus Notwehr
gelernt hatte, seine Träumereien zu belächeln und seiner Phantasie
eine Richtung ins Reale zu geben. So versuchte er auch jetzt, sich
unwillkürlich klar zu machen, daß in diesem romantischen Quartier
die gleiche Art von Menschen lebte wie in anderen großen Städten.
Ladenmädchen und Fabrikarbeiter, Typographen und Telegraphisten --
Menschen, die tagtäglich in Geschäften, auf Kontoren und an Maschinen
ihre Arbeit verrichteten und nicht anders waren wie überall auf der
Welt. -- Er spann den Gedanken jedoch mit einer seltsamen Freude weiter
aus, weil diese Straßen und Häuser, die seinen Traumgebilden glichen,
doch helle Wirklichkeit waren.
Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne
mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche
klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert
hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt,
Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig
beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit
gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen
das Bild der Verwüstung.
An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen,
als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und
Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle
und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem
schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel
klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel,
staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen,
überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem,
winterwelken Gras.
Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie
in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem
romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den
Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen.
In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier,
zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum
angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die
einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes
dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.
An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich
klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön
sein konnten. --
Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten
hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen
Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.
„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt
das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen,
wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive -- da
sind wir.“
Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter
eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen,
kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte
vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.
„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram --?“
„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee -- und Brot und
Butter --.“
„Gott segne Sie -- Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein -- Salat
und Käse vielleicht --. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier
möchten Sie haben?“
Während die Frau den Tisch deckte, brachte Jenny Staffelei und Malgerät
heraus. Ihren langen blauen Abendmantel vertauschte sie gegen eine von
Oelfarbenflecken bedeckte Wetterjacke.
„Darf ich mir Ihr Bild anschauen?“ fragte Helge.
„Ja, -- ich werde wohl das Grün abtönen müssen, es liegt so hart auf.
Bis jetzt ist kein rechtes Licht über dem Ganzen. Der Hintergrund ist,
glaube ich, gut.“
Helge betrachtete das kleine Bild, auf dem die Bäume wie große grüne
Flecken standen. Er konnte nichts Besonderes daran finden.
„Ah, das Essen steht bereit! Sie kriegt sie an den Kopf, wenn sie
hartgekocht sind. -- Nein, Gottseigelobt!“
Helge war nicht hungrig. Jedenfalls brannte ihm jetzt der Hals von dem
sauren, weißen Wein, und das ungesalzene trockene Brot konnte er kaum
herunterbringen. Jenny zermalmte große Stücke davon zwischen ihren
weißen Zähnen, stopfte kleine Bissen Parmesankäse dazu in den Mund und
trank Wein, denn drei Eiern hatte sie bereits den Garaus gemacht.
„Daß Sie das gräßliche Brot so trocken essen können,“ sagte Helge.
Sie lachte:
„Ich finde dieses Brot so gut. Butter habe ich kaum zu sehen bekommen,
seit ich von Kristiania fort bin. Die pflegen Cesca und ich nur für
Gesellschaften zu kaufen. Wir müssen nämlich sparen, sehen Sie.“
Er lachte auch:
„Was nennen Sie sparen -- Perlen und Korallen --.“
„Ach, -- das ist Luxus --. Ich finde beinahe, das ist das Notwendigste
-- ein wenig jedenfalls. Nein, wir wohnen billig und essen billig,
kaufen Seidenschärpen und trinken ein paar Wochen lang des Abends Tee
und genießen trockenes Brot und Rettiche dazu.“
Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und entzündete eine neue Zigarette. Das
Kinn auf die Hand gestützt, saß sie und sah hinaus:
„Nein, Kandidat Gram. Sehen Sie -- hungern -- ja, ich habe das niemals
erleben müssen, aber es kann ja noch einmal kommen. -- Heggen zum
Beispiel hat es durchgemacht -- und doch gibt er mir Recht. Es ist
besser, zu wenig vom Notwendigen zu haben, als niemals etwas von dem,
was eigentlich überflüssig ist. Das Ueberflüssige, eben das ist es,
wofür man arbeitet, wonach man sich sehnt --.
Daheim bei meiner Mutter -- da hatten wir das dringend Notwendige ja
immer -- freilich. Aber nichts darüber. Das mußte eben so sein -- die
Kinder sollten ja Essen haben.“
Helge lächelte ein wenig unsicher:
„Ich kann mir Sie gar nicht als einen Menschen denken, der jemals die
Bekanntschaft mit -- mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten gemacht hat!“
„Wieso?“
„Nein, Sie sind so unverzagt, so frei und sicher. Wenn man in engen
Verhältnissen aufgewachsen ist, wo man nichts anderes hört als Sparen,
da wagt man es bald nicht mehr, sich Anschauungen zuzulegen -- in
weiterem Sinne. Es ist peinlich, zu wissen, daß der Mammon alles
regiert und daß man Mittel besitzen muß, will man sich Pläne und eine
eigene Meinung gestatten.“
Jenny nickte nachdenklich.
„Das braucht man nicht, wenn man gesund und frisch ist und etwas kann.“
„Nun zum Beispiel ich. Ich habe immer geglaubt, ich hätte die
Fähigkeiten zu wissenschaftlicher Arbeit. Das ist das einzige Ziel, das
ich mir gesetzt. Ich habe einige kleine Bücher geschrieben -- etwas
ganz Populäres natürlich; jetzt arbeite ich jedoch an einer Abhandlung:
das Bronzezeitalter in Südeuropa. Ich bin aber Lehrer und habe eine
sehr gute Stellung. Bin Leiter einer Privatschule.“
„Jetzt sind Sie aber doch hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn ich
Sie heute Morgen recht verstand,“ sagte sie lächelnd.
Helge antwortete nicht darauf:
„So erging es meinem Vater auch. Er wollte Maler werden -- das Einzige,
wozu er Lust hatte. Er hielt sich auch ein Jahr lang hier auf. Dann
verheiratete er sich. Jetzt hat er nun eine lithographische Werkstätte
-- hat sie sechsundzwanzig Jahre hindurch in Gang gehalten, zum Teil
unter großen Schwierigkeiten -- Ich glaube nicht, daß er der Meinung
ist, er habe viel vom Leben gehabt.“
Jenny sah gedankenvoll in den Sonnenschein hinaus. In der Senkung
ihnen zu Füßen wuchsen Küchengemüse in Reihen mit kleinen bescheidenen
Blätterbüscheln über der grauen Erde. Draußen über den grünen Wiesen
leuchteten die Ruinen auf dem Palatin, gelbschimmernd in dem dunklen
Laub. Der Tag versprach warm zu werden. Die Albanerberge drüben hinter
den Pinien der fernen Villengärten lagen in dämmrigem Dunst unter dem
tauigen Blau des Himmels.
„Aber -- Kandidat Gram.“ Sie nippte an ihrem Glase, den Blick
noch immer in die Ferne gerichtet. Helge folgte mit den Augen dem
lichtblauen Rauch ihrer Zigarette -- ein kleiner Lufthauch erfaßte
diesen und wirbelte ihn hinaus in die Sonne. Jenny hatte das eine
Bein über das andere geschlagen -- über den ausgeschnittenen
perlenbestickten Schuhen erschienen die schmalen Knöchel in dünnen
violetten Strümpfen. Die Wetterjacke stand offen über dem faltigen,
silbergrauen Kleide mit dem weißen Kragen und über dem Perlenband,
welches rosenrote Lichtflecken auf ihren milchweißen Hals warf. Die
Pelzmütze auf dem blonden, welligen Haar war weit zurückgeglitten.
„So haben Sie jedenfalls eine Stütze an Ihrem Vater -- er versteht Sie
und weiß, daß Sie nicht an die Schule gefesselt sein dürfen, da Ihnen
eine andere Arbeit am Herzen liegt?“
„Das weiß ich nicht. Er freute sich zwar sehr, daß ich Gelegenheit
hatte, ins Ausland zu kommen. Aber --“ Helge zögerte, „sehr vertraut
miteinander sind mein Vater und ich nie gewesen. Meine Mutter dagegen
quälte mich mit ihrer ständigen Sorge, daß ich mich überanstrengen
könnte, daß meine Zukunft nicht genügend gesichert sei. Und meiner
Mutter widerspricht mein Vater nicht. Sie sind grundverschieden, Vater
und Mutter. Sie hat ihn wohl nie verstanden. So überschüttete sie dann
uns Kinder mit ihrer heißen Liebe -- in meiner Kindheit war sie mir
unendlich viel -- doch diese Liebe begleitete eine blinde Eifersucht.
Mutter fürchtete sogar, daß Vater mehr Einfluß auf mich gewinnen könne
als sie. Auch auf meine Arbeit war sie eifersüchtig, weil ich mich
abends einschloß, um zu studieren und zu schreiben, wissen Sie. Sie
sorgte sich, wie gesagt, um meine Gesundheit und fürchtete, daß ich den
Einfall bekommen könne, meinen Posten aufzugeben --.“
Jenny nickte einige Male gedankenvoll.
„Der Brief, den ich eben holte, war von ihnen.“ Helge zog ihn hervor
und betrachtete ihn, öffnete ihn jedoch nicht. -- „Heut ist nämlich
mein Geburtstag,“ sagte er und versuchte ein Lächeln. „Ich werde heute
sechsundzwanzig.“
„Ich gratuliere.“ Jenny reichte ihm die Hand.
Der Blick, den sie auf ihn richtete, war so, wie wenn sie Franziska zu
betrachten pflegte, wenn diese sich an sie schmiegte.
Sie hatte bisher noch nicht auf Grams Aussehen geachtet, hatte nur den
Eindruck, daß er groß und fein gebaut und dunkel war, und daß er einen
kleinen Spitzbart trug. Eigentlich hatte er hübsche regelmäßige Züge
und eine hohe, etwas schmale Stirn. Seine Augen waren hellbraun, mit
einem eigenen durchsichtigen Bernsteinglanz, der kleine Mund unter dem
Schnurrbart war weich und fein, er zeigte eine leise Wehmut.
„Ich verstehe Sie so gut,“ sagte sie plötzlich „Ich kenne das. Ich
war selbst Lehrerin bis Weihnachten vorigen Jahres. Ich kam fort als
Erzieherin und blieb dabei, bis ich alt genug war, um im Seminar
anzufangen.“ Sie lachte etwas verlegen. „Ich reiste fort -- gab meine
Stellung an der Volksschule auf -- da ich eine Kleinigkeit von einer
Tante meines Vaters erbte. Ich habe ausgerechnet, es kann etwa drei
Jahre reichen -- vielleicht auch länger -- und wenn ich etwas verkaufen
kann --. Aber meine Mutter war natürlich nicht damit einverstanden, daß
ich die ganze Summe aufbrauchen wollte. Und daß ich kündigte, nachdem
ich endlich nach all den Jahren, in denen ich mich mit Vertretungen
und Privatschülern abgeplagt hatte, fest angestellt worden war.
Ein festes Einkommen, -- das halten die Mütter ja immer für das
Wichtigste --.“
„Ich glaube fast, daß ich es in Ihrer Stelle nicht gewagt hätte, so
alle Brücken hinter mir abzubrechen --. Ich weiß sehr wohl, es ist der
Einfluß meines Vaterhauses. Ich wäre die Angst nicht losgeworden, wovon
ich leben sollte, wenn das Geld verbraucht sein würde.“
„Kleinigkeit,“ sagte Jenny. „Ich bin ja frisch und stark und kann
sehr viel. Nähen, kochen und plätten und waschen. Auch Sprachen. In
Amerika oder England kann ich immer Arbeit bekommen. Als Malerin,
glaube ich, wird man dort viel zu tun finden. Franziska“ -- sie lachte
in die Sonne hinaus -- „sie meint, wir sollten nach Südafrika reisen
und Milchmädchen werden. Und dann wollen wir Akte bei den Zulukaffern
zeichnen -- es sollen ganz prachtvolle Modelle sein.“
„Der Gedanke ist durchaus nicht übel. Entfernungen rechnen Sie also
nicht als wesentliches Hindernis --.“
„Nein, ganz und gar nicht --. Ach ja, ich rede. Natürlich, in all den
Jahren daheim meinte ich, daß es ganz unmöglich sei, hinauszukommen
-- allein nach Kopenhagen, dort sich eine kurze Zeit aufzuhalten und
nichts anderes zu tun als zu lernen und zu malen. Ich hatte natürlich
starkes Herzklopfen, als ich mich entschloß, alles aufzugeben und zu
reisen. Alle meine Angehörigen fanden es wahnsinnig. Und das wirkte
wohl auf mich. -- Aber dann wollte ich erst recht. Malen ist ja das
Einzige, wozu ich immer Lust hatte, und ich begriff, daß ich zu Haus
niemals so intensiv würde arbeiten können, wie es nötig wäre -- da
lenkte mich so vieles ab. Aber Mama konnte es einfach nicht begreifen,
daß ich sofort mit dem Studium beginnen müsse, wollte ich noch etwas
lernen, da ich nicht mehr die Jüngste war. Meine Mutter ist nämlich nur
neunzehn Jahre älter als ich. Als ich elf Jahre alt war, heiratete sie
zum zweiten Male, und das brachte ihre Jugend zurück --.
Das ist ja eben das Wunderbare, wenn man in die Welt geht --
jede Beeinflussung durch Menschen, mit denen man zufällig daheim
zusammenlebt, hört auf. Man muß mit seinen eigenen Augen sehen und
selbständig denken. Wir lernen begreifen, daß es ganz von uns selbst
abhängt, was diese Reise uns gibt -- was wir zu sehen und zu erfassen
vermögen, in welche Lage wir uns bringen und unter wessen Einfluß
wir uns freiwillig begeben. Man lernt verstehen, daß es von einem
selbst abhängt, wieviel das Leben uns entgegenbringt. Ja, gewiß, ein
wenig auch von den Umständen, wie Sie vorher einmal sagten. Aber man
entdeckt bald, wie man die Hindernisse nach seiner Veranlagung am
leichtesten überwindet oder sie umgeht -- sowohl auf Reisen wie auch
im allgemeinen. Man sieht ja, daß man sich all das Schwere, das einem
begegnet, immer selbst eingebrockt hat.
In seinem Heim ist man ja niemals allein, nicht wahr, Gram? Das eben
ist das Beste am Reisen, finde ich -- allein mit sich sein, nicht immer
jemand um sich haben, der einem helfen oder über einen bestimmen will.
-- Das Gute, das man seinem Zuhause verdankt, kann man doch nicht sehen
und schätzen, ehe man nicht fort gewesen ist. Man weiß, daß man nie
wieder davon abhängig wird, wenn man erst einmal selbständig geworden
ist. Man kann nicht eher Freude daran haben -- ja man kann überhaupt
keine Freude an etwas haben, von dem man abhängt?“
„Ich weiß nicht. Man ist doch immer abhängig von dem, das man lieb hat?
Sie sind doch abhängig von Ihrer Arbeit? -- Und wenn man einen anderen
Menschen liebt,“ sagte er leise, „ist man dann nicht völlig abhängig?“
„Ja, ja.“ Sie überlegte. „Aber da hat man selbst gewählt,“ sagte
sie schnell. „Ich meine, man ist dann kein Sklave, man dient dann
freiwillig irgend jemandem oder irgendeiner Sache, die man höher
bewertet als sich selbst. -- Freuen Sie sich nicht, daß Sie ihr neues
Jahr allein beginnen werden, frei und frank -- nur arbeiten, was Sie
selbst gern wollen?“
Helge dachte an den vergangenen Abend auf dem Petersplatz. Er sah
hinaus über die fremde Stadt, sah die gedämpften, grauverschleierten
Farben in der Sonne, und das fremde, blonde Mädchen.
„Ja,“ sagte er.
„Ja.“ Sie erhob sich, knöpfte ihre Jacke zu und öffnete den Malkasten.
„Nun muß ich aber fleißig sein.“
„Sie wollen mich wohl nun los sein?“