„~Quattro~,“ sagte Helge zum letzten Male -- jetzt hatte der Mann
nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der
Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an
sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.
Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen
den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über
den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen
Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, -- auf die beiden
halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich
um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille
der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen
Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf
die Mitte des Marktes hinausschob.
Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar
drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das
Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig
übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus.
Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die
Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche
über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche,
und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte
er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb
er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend
folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den
Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern
verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln
durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.
Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut
von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und
das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale
zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der
Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie
in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel
gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der
das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich
fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über
ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das
steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen,
die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.
Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte -- schritt vorwärts und
stand wieder -- doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern
zu vernehmen. -- Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich
verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat
noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.
* * * * *
Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber.
Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten,
Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete
und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten
an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten
--“. Er lächelte schmerzlich -- ja, Herrgott, so war es! An die Mutter
schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft,
-- das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter -- wie
mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos
gegen sie gewesen --. Er packte das Geschenk aus -- es war sicher eine
Eau de Cologneflasche -- und betrachtete es. Dann fügte er noch einige
Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in
den Läden sei gar nicht so schwierig.
Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt
hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und
angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte
lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte
durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg
wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und
machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben
auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.
Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der
geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte
Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern -- in
gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen
Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall,
der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten
Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er
undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.
Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich -- voll
knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken,
wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem
Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt
lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.
So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab.
Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen,
die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen
Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen
Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und
Papierfetzen vor sich her.
Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne
betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute
Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte.
Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.
Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke -- er wollte ein Abenteuer
versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen
seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz
ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen
waren es sicher.
Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen
Laden stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge
überlegte: sollte er „~Please~“ oder „Bitte“ oder „~Scusi~“ sagen oder
versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie
lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.
Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und
auf dem Sprunge, sie anzureden. Da wandte sich die kleinere halb um
und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.
Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „~Scusi~“ sagen und
verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht
doch, Cesca, nichts sagen -- es ist viel klüger, zu tun, als merke man
nichts.“
„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein
Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.
„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen
und wandten sich brüsk um.
„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete,
ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich
bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in
diesen Winkelgassen vollständig verloren. -- Nun glaubte ich, die Damen
seien Norwegerinnen -- oder jedenfalls aus Skandinavien -- und ich
komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht -- und da kam
mir die Idee --. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu
sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er
lüftete wieder den Hut.
„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.
„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“,
erklärte ihnen Helge.
„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari
aus,“ sagte die Kleine.
„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“
„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die
Kleinere.
„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini
steht“, erklärte sie Helge.
„Die -- die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und
so weiter bis ans Ende der Welt -- mit der dauert es mindestens eine
Stunde bis zum Bahnhof.“
„Nicht doch, Liebes -- sie fährt direkt -- den kürzesten Weg durch die
Via Nazionale.“
„Nein --“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran
herum.“
Die große Dame wandte sich an Helge:
„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt.
Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen
Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der
Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild.
Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San
Pietro-Stazione Termini steht -- es ist die Linie 1.“
Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit
den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte
schließlich den Kopf.
„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber
gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“
„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.
Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch
die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein
Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er
nicht verstand.
„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen -- ich
finde sicher schon irgendwie nach Hause.“
„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich
zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“
„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge,
ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“
„O nein, man kennt sich schnell aus.“
„Ich kam also heute hierher -- ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus
Florenz.“
Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte
hierauf Helge:
„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“
„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens
gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“
„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich
wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“
„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser
gefallen.“
Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf
Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit
ihrer warmen ruhigen Stimme:
„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“
„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.
„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch
miteinander, damit ich es lerne -- sie ist nämlich schon sehr weit
darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“,
und sie wies auf einen großen düsteren Palast.
„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“
„Ja, herrlich. -- Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn
zu finden.“
Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die
Straße.
„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.
„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen
hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“
„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.
„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige
Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und
stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“
„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist
mein Name -- wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa
drei Jahren.“
„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“
Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander
geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:
„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu
Frascati zu gehen.“
„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“
„Ach nein, nicht Frascati -- dazusitzen und sich mit dreißig alten
dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“
„Wir können ja etwas anderes wählen -- doch da ist Ihre Straßenbahn,
Kandidat Gram.“
„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal
wieder -- im Skandinavischen Verein?“
Die Bahn hielt vor ihnen -- da sagte Fräulein Winge:
„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die
Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu
hören.“
„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die
anderen. „Recht gern, aber --“ er wandte sich vertrauensvoll an
Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie
kennen sich ja untereinander und -- nun, ist es nicht am gemütlichsten
für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.
„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil -- sehen Sie,
dort fährt Ihre Bahn schon -- und Heggen kennen Sie ja doch von früher
und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach
Hause gelangen -- wenn Sie also nicht zu müde sind.“
„Müde! Nein. -- Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“,
versicherte Helge eifrig und erleichtert.
Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte
keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter,
die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden
Vorschlag.
„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den
roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese
Richtung ein; Helge folgte.
„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.
„Aber natürlich -- der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden
Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“
Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.
„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“
„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“
Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte
im Gehen -- sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und
dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg
fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem
Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu
sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar
vorn durch eine schmale Tür verschwinden.