Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der
Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten
Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare.
Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag
vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff,
sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu
stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in
ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund
für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand,
den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam
historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte
Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in
der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.
An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. -- Das also war der
Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße,
und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.
Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in
dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der
Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie
ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.
Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle
Straßen Roms zu laufen -- ohne Aufhören -- am liebsten die ganze Nacht
hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu
seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der
Sonne zuschaute.
Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht
zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die
hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter
dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum
Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut --
nein, wie es jetzt vor ihm lag.
Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil
es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner
Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt
endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.
Und das war Rom ...
Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm -- ein
Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die,
wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man
ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie
einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze
Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander
stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine
unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den
Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen
Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige
Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken,
und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft
starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten
Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und
kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am
Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen,
und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten
Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die
Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem
oder grauweißem Mauerwerk -- oder schliefen hinter geschlossenen Läden.
Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und
kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.
Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel;
die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den
Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.
Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt
beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die
ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen
Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen
über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit
drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand,
erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und
Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.
Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte
Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl
des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut -- das Wasser
klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das
Bassin hinab.
Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten
hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge
hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem
eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er
wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und
eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.
Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand
eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße
wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt
zurechtzufinden -- er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz
zugehen.
Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm
vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn,
und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war
lichtblond und trug einen hellen Pelz.
Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an
einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren
schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen,
bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang
zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine
Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen
weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten
die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz
gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein
des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt
fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel,
dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere
zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend,
als kündeten sie Sturm.
Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie
trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im
Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken -- riß Zweige, Planken und
Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts
an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der
Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens
müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?
Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur
Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann
italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er
wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der
gewiesenen Richtung weiter.
Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein
niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen
Silhouette eines Engels gekrönt. -- Helge erkannte die Umrisse der
Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten
Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der
Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten
Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile
auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische
Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue
schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße
Funken.
Helge lüftete den Hut vor einem Manne:
„~San Pietro favorisca?~“
Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.
Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich
eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein
Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben
dem anderen.
Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das
meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen,
auf Schnüren aneinandergereiht -- sollten dies italienische Spitzen
sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen
Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue
Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn
unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen,
zu handeln --. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne
selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame
Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend,
Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem
Grunde, zerbrochene Möbel.
Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das
Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während
Helge auf dies und jenes zeigte, und „~quanto~“ sagte. Das einzige, was
Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren -- man müßte
jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und
dann gehörig feilschen.
Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit
modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge
ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn
auf den Tisch: „~quanto?~“
„~Sette~,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.
„~Quattro.~“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein
frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache
gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des
Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit
seinem ~quattro~ und seinen vier Fingern.
„~Non antica~,“ warf er überlegen hin.