Mit kurzen Sätzen, die die Tiefe der Fragen kaum berühren, gleiten
Lehrbücher der praktischen Theologie bis in neuere Zeit über das
vorliegende Problem hinweg. _Hering_, (»Lehre von der Predigt,
1903/5.«) erkennt zwar an: »Wer in den Zusammenhängen, wie sie zwischen
den Mutterlauten der Sprache und kindlicher Gefühlsinnigkeit und
Herzensvertrautheit bestehen, einen der ethischen Werte erkennt, die,
vom Natürlichen herstammend, sich auch fürs höhere geistliche Leben
fühlbar machen, der sieht nicht ohne Bedauern, daß die Volksdialekte
auf dem Gebiete, wo das Leben der Gotteskindschaft gepflegt wird, wie
rechtlos geworden sind«, aber er findet sich mit dieser »Rechtlosigkeit«
als einer unabänderlichen ab. Er schließt: »Indem das Hochdeutsche
allgemein anerkannte, unsere Einheit sprachlich mitdarstellende Rede
der Nation wurde, _erlosch der Anspruch der Dialekte auf Verwendung
in der Sprache der Predigt wie des wirklichen Gebetes_.« — _Achelis_
führt noch 1911 aus: »In der Katechese, wie in der Predigt, ist die
hochdeutsche Sprache anzuwenden; seit Luthers Bibelübersetzung ist sie
dem evg. Volke die »heilige Sprache«, in welcher gebetet und zitiert
wird. Es ist ein psychologischer Irrtum, die Sache aus unwirksamer Höhe
zur lebendigen Wirksamkeit im Leben dadurch bringen zu können, daß man
sie in dem plattdeutschen Gewande des gewöhnlichen Lebens erscheinen
läßt. Dem plattdeutschen Volke wird dadurch das Heilige profan und erst
recht wirkungslos.« — In _Meusels Kirchenlexikon_ wird im Art. »Predigt«
zwar gesagt, daß das Kapitel von der sprachlichen Ausführung der Predigt
ungebührlich vernachlässigt sei, aber in dem Art. »Kirchensprache«
wird wohl von der besonderen Kirchensprache der kathol., der griech.,
koptischen usw. Kirche geredet, aber das Kirchensprachenproblem
Niederdeutschlands nicht berührt, es sei denn etwa mit den Worten,
»daß die Kirchensprache nicht allen Wandlungen und Abschleifungen
der Umgangssprache folgen dürfe und in ihrer Ausdrucksweise deren
Trivialitäten vermeiden müsse.«
Man mag sich die _Lösung_ des Problems so oder so denken, aber _daß_
ein solches von größter Wichtigkeit vorliegt, ist eine Tatsache,
der sich auch die Lehrstühle der prakt. Theologie, und namentlich
die Predigerseminare künftig nicht mehr werden verschließen dürfen.
Der Kirchensprachenaufsatz von 1829 behält recht, wenn er von einem
widernatürlichen Zustande redet, bei dem sich die Kirche nicht beruhigen
dürfe.
Aber dieser Aufsatz rechnete nur mit zwei Möglichkeiten der Lösung,
»entweder werde die hochdeutsche Sprache vollends zu der ausschließlichen
Sprache des Volkes, oder die Volkssprache zur ausschließlichen Sprache
der Kirche.« Aber beide Lösungen sind abzulehnen. Darüber, daß das
Plattdeutsche nach einer Uebergangszeit zur alleinigen Kirchensprache
erhoben werden könnte, wird kein Wort mehr geredet zu werden brauchen.
Die andere Lösung aber, daß das Plattdeutsche unter bewußter Mitwirkung
der Kirche tunlichst schnell ausgelöscht werde, ist neuerdings, wenn
auch bedingungsweise, in Betracht gezogen worden, für den Fall nämlich,
daß das Plattdeutsche ohnehin dem Untergang geweiht sei, und dem sei es
verfallen, wenn es nicht auch wieder als eine Schriftsprache kulturelle
Geltung gewinne.
Aber mehr, als die Kirche 300 Jahre lang zur Unterdrückung des
Plattdeutschen beigetragen hat, würde sie in gleicher Richtung auch
künftig mit dem besten Willen nicht tun können. Es wäre aber ein Unrecht
gegen das gegenwärtige Geschlecht, den heutigen Notstand auf sich beruhen
zu lassen, weil er etwa in 100 Jahren — wer will die Zeit berechnen? —
vielleicht nicht mehr bestehen möchte. Daneben bleibt es dabei, daß die
Erhaltung der Volkssprache im eigensten Interesse der Kirche liegt.
Neben den beiden abgelehnten Möglichkeiten besteht die dritte, daß dem
_Plattdeutschen_ im Gebrauch der Kirche _neben dem Hochdeutschen_ Raum
gewährt wird, ein Raum, der näher zu bestimmen und zu rechtfertigen sein
würde.
Zunächst sind einige allgemeine Einwendungen zu erörtern.
Es besteht weithin das Vorurteil, als sei das Plattdeutsche allmählich
so sehr Sprache der Gasse geworden, daß es heute unfähig sei, mit
seinen Ausdrucksmitteln, Hohes und Tiefes, Heiliges und Göttliches in
ein würdiges Wort zu fassen oder überhaupt auszudrücken. Man traut ihm
kaum zu, ernste Dinge in ernster Form mit ernster Wirkung behandeln zu
können. — Daß in der neuplattdeutschen Literatur auch Federn geringen
und geringsten Wertes vertreten sind, daß der Schwank, das Läuschen, ein
derber Realismus in der Kleinmalerei des Volkslebens und ähnl. so breiten
Raum gewonnen haben, während das Ernste, Gehaltvolle, Edle, namentlich
das Religiöse, nicht genug gepflegt worden ist, hat jenes Vorurteil nur
bestätigen können. Es sei diesem Vorurteil das Urteil hervorragender und
urteilsfähiger Zeugen gegenübergestellt.
Prof. D. Hashagen rühmt von der plattdeutschen Sprache: »Sie ist eine
der kindlichsten und mannhaftesten, eine der süßesten und machtvollsten,
überhaupt eine der herrlichsten Sprachen auf Erden.« Der weil.
Generalsup. W. Baur, der als Gast im Hermannsburger Pfarrhause einer
plattdeutschen Bibelstunde beigewohnt hatte, urteilt: »Das Schriftdeutsch
schien mir ein ärmlicher Notbehelf neben der lebendigen Mundart, neben
der Freiheit im Ausdruck, der Schalkhaftigkeit in der Wendung, die gerade
ihr eigen ist.« Prof. P. Hunzinger, weil. Hauptpastor zu St. Michaelis
in Hamburg, schreibt: »Wat up Plattdütsch vertellt ward, dat lewt, dat
is lebenniger, as bi ’t Hochdütsche, un steiht uns dütlich vör Ogen
taum Gripen; dor is Lewen un Farw, Gefäuhl un Wärme, Hartlichkeit un
Natürlichkeit in. Einfach un klor weit de Plattdütsche sick uttaudrücken,
un dormit dröppt hei den Nagel up den Kopp.« — Ein Zitat aus Semper,
mitgeteilt in Krüger, Geschichte der niederdeutschen Literatur dreht
sogar den Spieß um, wenn es lautet: »Die hochdeutsche Sprache ist in
Norddeutschland auf dem Wege völlig zu verarmen, da sie eine reine
Buchsprache ist und von Leuten gesprochen wird, die, wenn die Zersetzung
des einheimischen Volksdialekts noch weiter fortgeschritten sein
wird, überhaupt keine lebende Sprache mehr besitzen. Es fehlt uns der
natürliche Quell, aus dem sich Verluste stets neu ergänzen können. Ich
hatte oft genug Gelegenheit, zu spüren, wie sehr das Schriftdeutsch seit
Luthers Zeiten schon erstarrt, verarmt und verwildert ist.«
Der zweite Einwand wird im Interesse der Erbauung der Gemeinde erhoben.
Achelis sagt: »Dem plattdeutschen Volke werde durch plattdeutsche
Darbietung das Heilige profan und wirkungslos.« Weiter spricht er
von dem meist erheiternden Eindruck plattdeutscher Wendungen in der
Katechese. Hering meint, der niederdeutsche Bauer sei jetzt schon so von
der Bildungspflicht durchdrungen, daß er sich als herabgesetzt in der
Kultur fühlte, wollte man ihm bei Missionsfesten oder an Familienabenden
Geschichten plattdeutsch erzählen.
Auch hier mögen Gegenzeugen zu Worte kommen: Cl. Harms teilt mit, er
habe in den Dörfern der Kieler Landgemeinde sog. Cholerapredigten zu
halten gehabt. Er habe sie plattdeutsch gehalten, »und«, so schreibt
er, »es ging, wahrhaftig, es ging damit. Viel _verständlicher_ nämlich,
als wenn ich von dieser Sache hochdeutsch geredet hätte, aber auch viel
_eindringlicher_.« Auch dort, wo er eine Anzahl adliger Personen unter
den Zuhörern hatte, hat das Befremden über die nicht gewohnte Sprache
nur ein paar Minuten gewährt, da sei das Plattdeutsche auch gar nicht
anders, als das Hochdeutsche, von ihnen vernommen und genommen. — Ein
zweiter Zeuge ist der Kirchensprachenaufsatz von 1829. »Wir würden, einer
holländischen Predigt beiwohnend, anfangs bei den ernstesten Stellen
kaum des Lächelns uns erwehren können. Aber lauten sie dem Holländer
possierlich? Ebensowenig dem, der plattdeutsch denkt und redet, Gottes
Wort in seiner Sprache. Auch wer anfangs spötteln würde, würde bald
sich wundern, daß auch im Niederdeutschen das Heilige edel, würdig,
erbaulich ausgesprochen werden könne. Die Ehrfurcht vor der hochdeutschen
Verkündigung sei ähnlich der, mit der man Hieroglyphen betrachte.
— Gottes Wort sei nicht ein Standbild, das nur aus der Ferne schön
erscheine. Es scheue die nächste Nähe nicht, sondern fordere sie. Die
kirchliche Rede solle stets ein Lied im höhern Chor sein, aber sie werde
das nicht durch ein fremdes Idiom, sondern durch den gewählten, edleren
Ausdruck, dessen auch das Plattdeutsche fähig sei.« — Missionsinspektor
Weishaupt, welcher kürzlich einem plattdeutschen Missionsgottesdienste
in Volkenshagen i. M. beigewohnt hatte, gibt folgende Darstellung des
Eindrucks, den die Gemeinde und ihr Gast empfangen hatte: _Die Augen
leuchten, die Herzen schlagen höher. Die Sprache der Heimat, der
irdischen und der ewigen, hat ihre Wirkung getan. Mir aber war der
Gottesdienst ein Erlebnis._ Ich spürte etwas von dem Wehen des Geistes,
der »durch Mannigfaltigkeit der Zungen die Völker der ganzen Welt
versammeln will in Einigkeit des Glaubens,« wie es in einem alten Gebete
heißt. =Wenn einst vor dem Throne Gottes alle Zungen bekennen werden, daß
Jesus Christus der Herr sei, dann wird die plattdeutsche Zunge nicht am
schlechtesten klingen.= (Lydia, bl. a. d. Frauenmission. 1921. Nr. 11).
Ein drittes Bedenken geht die Pastoren an, und man wendet ein, daß nur
wenige unter ihnen das Plattdeutsche ausreichend beherrschen. Diese
Schwierigkeit aber kann überwunden werden. Noch niemals haben sprachliche
Schwierigkeiten dem Evangelium eine Grenze gezogen. W. Baur teilt den
Werdegang eines Pastors mit, der als Fremdling zu einer Gemeinde im
Vogelsberg gekommen war und von sich schreibt: »Mit inniger Liebe suchte
ich Land und Leute kennen zu lernen. Hatte ich vorher schon danach
gestrebt, auf der Kanzel mich populär auszudrücken und in der Schule
schwierige Dinge auch für schwach befähigte Kinder anschaulich, faßlich,
verständlich zu machen, so _lernte_ ich jetzt noch mehr, — ich _lernte
die lebendige Volkssprache — erst verstehen, dann schätzen, zuletzt
sprechen_. Wäre es nach der Sitte angegangen, ich hätte wie Cl. Harms
auch in der Mundart lehren und predigen können. Im seelsorgerlichen
Verkehr gewann ich oft nicht eher Zuversicht, völlig verstanden zu sein,
als bis ich die Sprache der Leute redete. — Wenn aber die Leute bei mir
saßen und sich so kurz, kernig und schlagend auszudrücken wußten, so
merkte ich mir Wort und Wendung. —« So könnte und sollte es jeder junge
Pastor machen, der sein Amt in einer plattdeutsch redenden Gemeinde
antritt. Dann würde eine Wand sinken, die ihn sonst, ob er es merkt
oder nicht, von der Gemeinde scheidet. Jürnjakob Swehn rühmt von seinem
Pastor, _er sei ein Plattdeutscher und passe zu ihnen_. Es sei mit ihm,
wie mit dem alten Pastor Timmermann in Eldena: der habe seine Leute auch
verstanden. — An dem sprachlichen Unvermögen der Pastoren sollte die
plattdeutsche Wortverkündigung nicht scheitern dürfen.