Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während
Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die
Klingel drückte.
Doch schon war die Sprengbombe bereitet.
Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die
Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der
geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten
Blick: es war die Polizei!
Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen
zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor
einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert
hatte.
Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem
entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von
allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem
Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine
Polizistenuniform heraus.
Er hörte die Hausglocke läuten.
In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen
mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt
hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er
drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. »Spoerri?«
»Ja!«
»Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach
verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich
bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.«
Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die
Polizistenuniform anzuziehen.
Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür
öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.
Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk
war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.
Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus
drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen
von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen
Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den
kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im
ersten Blick.
Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber
und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die
aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In
einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die
Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle
elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.
Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den
getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus
abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur.
Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer
Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten.
Nirgends ging das elektrische Licht.
Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur
Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen,
die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie
zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den
Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.
Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine
Fabrik erschütterte.
Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste
Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen.
Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten
gemacht.
Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender
Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung
des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur
in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels
eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.
In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür
gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen
Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die
Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das
Hörrohr.
Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.
Spoerri war also schon fort.
Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich
nah waren.
Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die
Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich
unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.
Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines
Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen,
Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja
bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer
atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.
Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste
Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen
Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen
eines Menschen auf der Treppe hörte.
Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume
des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.
Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!
Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut
versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl
niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete.
Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens,
Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande
durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie
der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem
Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte.
Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine
vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.
Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen
umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.
Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl
hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn
nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!
Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: »Er hat sich im
Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...«
Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die
Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in
der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper
hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die
Rücken einzudringen.
»Verstärkung holen ...,« schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, »... im
Badezimmer verschanzt ...«
Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend,
mit der andern den Browning haltend.
... Ja, er kommt hinaus ...
Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und
der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen
Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die
Augen.
»Was ist?« schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.
»Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!«
schreit Mabuse zurück.
»Nimm das Motorrad!« brüllt der andre.
Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein,
er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein
weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes
Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn
fangen wollten.
Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt
sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen
streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor
Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der
Wagen ist gepanzert ...
* * * * *
»Was ist los?« rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.
»Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!« schrie einer zurück.