XVII

Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, während

Wenk an der Spitze der andern zur Haustür hinaufeilte und auf die

Klingel drückte.

Doch schon war die Sprengbombe bereitet.

Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lärm, der unerwartet die

Straße erfüllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der

geschlossenen Läden über der Haustür angebracht war. Er sah im ersten

Blick: es war die Polizei!

Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefäßen

zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor

einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert

hatte.

Während er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem

entgehen ließ, was draußen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von

allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem

Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine

Polizistenuniform heraus.

Er hörte die Hausglocke läuten.

In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen

mit Georg während einiger Nächte durch den Boden zu einer Villa gelegt

hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstück zusammenstieß. Er

drückte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. »Spoerri?«

»Ja!«

»Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach

verabredetem Programm. Die Gräfin holen. Das neue Auto für mich

bereiten. Zündung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schluß.«

Während er noch sprach, begann er eilig über seine Kleider die

Polizistenuniform anzuziehen.

Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustür

öffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.

Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk

war für sich gegen die Treppe abgeschlossen.

Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tür ins Haus

drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen

von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen

Reichtum waren die Täfelungen aus edeln Hölzern ausgearbeitet, mit den

kostbarsten alten asiatischen Teppichen behängt. Er sah das im Laufen im

ersten Blick.

Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber

und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Türen, die

aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In

einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die

Löcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle

elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.

Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestürmt. Die Tür, die in den

getäfelten Wänden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus

abschloß, war offen. Die Männer stürzten hinein in einen dunkeln Flur.

Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwühlten mit den Spitzen ihrer

Revolver die Gegenstände, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten.

Nirgends ging das elektrische Licht.

Es dauerte eine Weile, bis genügend elektrische Taschenlampen zur

Verfügung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Türen,

die auf den Flur führten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie

zogen die Schlüssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den

Räumen sahen, über die Kisten her und brachen sie mit den Äxten auf.

Mabuse lauschte dem Lärm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine

Fabrik erschütterte.

Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tür, die ins erste

Stockwerk hineinführte, in das Täfelwerk eine Kabine einbauen lassen.

Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehörte, hatte ihm die Arbeiten

gemacht.

Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender

Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung

des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tür, die vom innern Flur

in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getäfels

eingefaßt, daß niemand eine Öffnung dort vermuten konnte.

In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustür

gehört hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen

Villa. Während die Treppen noch den Lärm der Heraufstürmenden durch die

Holzwände über ihn warfen, drückte er auf den Weckknopf und nahm das

Hörrohr.

Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.

Spoerri war also schon fort.

Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich

nah waren.

Die Kabine hatte eine zweite Tür. Diese, ebenso wie die innere, in die

Architektur des Getäfels eingepaßt, dem Auge unauffindbar, öffnete sich

unmittelbar auf die Treppe. An diese Tür legte Mabuse das Ohr.

Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines

Bluts, um nur Trommelfell sein zu können. Geräusche, Stimmen,

Axtschläge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja

bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer

atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.

Aber nur auf eines mußte sich das Trommelfell einstellen: auf die erste

Sekunde, auf die erste Abbröckelung einer Sekunde, in der es keinen

Schritt, keinen Lärm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen

eines Menschen auf der Treppe hörte.

Dieser Splitter eines Augenblicks mußte eintreten, bevor sämtliche Räume

des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.

Dann konnte ... dann würde die Flucht gelingen!

Es war ihm, als spüre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut

versprühn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendünnen Strahl

niedergehn, der sein Gehör für diese notwendige Fähigkeit vorbereitete.

Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fühlens, Sehens, Schmeckens,

Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande

durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so groß wie

der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem

Bröckchen Erde, das er an seinen dünnen Lackschuhsohlen kleben fühlte.

Alles andre in ihm ward ein Eis, ward anästhetisiert. Aber sein Ohr eine

vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.

Und da hörte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen

umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.

Er stieß die schmale Tür zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl

hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn

nicht getäuscht. Aber er sah gleich: es glückt!

Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: »Er hat sich im

Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...«

Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die

Treppe anstürmen. In der Haustür stehn zwei Männer. Sie stehn mitten in

der zertrümmerten Tür, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Körper

hervorragend, scheinen ihnen wie die Spieße eines Heiligenkranzes in die

Rücken einzudringen.

»Verstärkung holen ...,« schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, »... im

Badezimmer verschanzt ...«

Sie lassen ihn durch. Er läuft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend,

mit der andern den Browning haltend.

... Ja, er kommt hinaus ...

Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und

der Beglückung um ihn. Entzückte, flammende Visionen besprühen seinen

Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht draußen in vollen Zügen in die

Augen.

»Was ist?« schreit einer der Männer draußen auf den Einstürmenden.

»Befehl des Staatsanwalts ... Verstärkung holen! Badezimmer verschanzt!«

schreit Mabuse zurück.

»Nimm das Motorrad!« brüllt der andre.

Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fällt hinein,

er bettet sich hinein. Er fällt wie von einem Turm herab in ein

weltengroßes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes

Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn

fangen wollten.

Eine Viertelstunde später wirft er das Rad in den Würmkanal und schwingt

sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen

streckt den Schnabel nach Südwesten und rast schnaubend und wie ein vor

Entzücken der Schnelligkeit zirpendes Geschoß die Chaussee dahin. Der

Wagen ist gepanzert ...

* * * * *

»Was ist los?« rief Wenk den davonstürmenden Polizisten nach.

»Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt!« schrie einer zurück.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 40 / 58 题