»Es ist nicht wahr!« rief, dem Weinen nahe, die Carozza. »Ich wollte ihn
retten!«
»Kannst du das beweisen?«
»Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!«
»Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du
sagst?«
Die Carozza erzählte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt
vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgültig: »Ich meine, so
beweisen, daß nichts mehr daran zu tüfteln ist? Rasch, bitte. Ich muß in
fünf Minuten aus dem Flur heraus sein.«
»Was soll ich tun, daß der Doktor mir glaubt?« fragte entsetzensvoll die
Carozza.
»Der Doktor ist sehr in Sorge, muß ich dir sagen. Er hatte so was nicht
von dir erwartet.«
»Nein, nein,« stammelte fassungslos die Carozza. »Wie soll ich beweisen
... wie soll ich ... Du weißt doch, Spoerri ...«
Da zog Spoerri mit einem feinen Lächeln ein Fläschchen aus der Tasche.
»Da drin«, sagte er, »liegt der Beweis.«
»Wo?« fragte Carozza aufgelöst.
»Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?«
»Ich verstehe dich nicht,« sagte die Carozza.
»Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weißt du, bloß ein
Schlückchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.«
Da sah die Carozza das Fläschchen entsetzt an. »Was ist es?« stotterte
sie.
»Ein Himmelstränkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor
selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache
dir das Fenster schon auf. Vergiß das nicht! Aber ganz rasch, nicht
wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir
geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem
nichts mehr zu tüfteln ist. Im übrigen, du kennst uns ja. Selbst ist der
Mann ...«
Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er
warf es an die Tür, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken.
Er riß es zurück und sackte es wieder ein.
»Siehst du,« sagte er. »Aber nun muß ich. Also auf Wiedersehen!«
Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein
Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: »Ich bin doch jung. Ich
lieb' doch das Leben. Ich habe ihm doch genützt. Ich hoffte befreit zu
werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben
kann.«
»Na ja,« sagte Spoerri, »aber wie gesagt, er fühlt sich seitdem
beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.«
Die Carozza: »So befrei' du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal
beweisen, daß er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben für ihn
...«
»Bitte!« warf Spoerri roh hinein.
Aber die Frau, losgelassen: »Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter
ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu
können. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei' mich ...«
»Und wenn wir dabei erwischt werden, hängen wir beide, hat er gesagt.
Und wer weiß, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.«
Da war die Carozza auf einmal gefaßt und sagte: »Gut, es ist wahr! Geh!
Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja
nichts mehr von ihm ...«
Spoerri ging rasch. Das Fläschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war
an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte
sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar -- gibt es für
irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafür, daß meine Gedanken ihm
treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverständliche, zerstörende
Leben! Dies furchtbare Leben! ...
»Komm!« sagte sie zur Flasche. »Nein, daran brauchst du nicht mehr zu
tüfteln, du ... Mann! Du süßer Mörder! Du Erwürger ... Scheusäligkeit,
Seligkeit, du ...«
Das schrie sie.
Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte
Leben in Gefahr bringen könnte. Sie riß den Stöpsel vom Fläschchen, und
mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die
Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt
draußen wie die Mündung einer losgehenden Kanone hereinschoß ...
* * * * *
Wenk stand vor dem Verwalter des Gefängnisses. »Ja, Herr Staatsanwalt,
wir haben Sie leider nicht verständigen können. Sie waren nicht zu
erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute früh
tot in der Zelle.«
Wenk ging zwischen Enttäuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer.
Die Pritsche noch unaufgeräumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem
Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe
auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurück, untersuchte
das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und
einen starken Geruch ausströmen ließ. Wenk stieg auf einen Stuhl.
Draußen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald
hatte er die Überreste des Fläschchens zusammen. Es hatte sich an einem
Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk ließ die Glasreste untersuchen.
Es waren Spuren von Giften daran.
Er ging zu Fuß nach seiner Wohnung zurück. Ein neues Opfer, sagte er
ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer
weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst
geopfert! Das fühlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe
gestorben. Sie hätte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte
mich bloß irreführen, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein
Glück bei Frauen.
Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken
Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bösen? Und
als am nächsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger
Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurück.
Aber dann war er Hals über Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Pläne
auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu
geschehen hatte, war, daß man auskundschaften mußte, wann ganz sicher
jener sich in seinem Hause befand. Dann mußte man wenigstens sich die
beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstraße und in Schachen
vorgehen, keine Zeit lassen, daß einer den andern benachrichtigen
konnte.
Die Vorbereitungen mußten bis aufs äußerste ausgearbeitet werden. Und
dann mit einer Überrumpelung, die nicht länger als drei Minuten dauern
durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen
Kühnheit mitten in der Stadt bis in die Domäne der staatlichen Justiz
hinein solche Verbrechen durchführen ließ, hatte sich in seinem Hause
gegen Überfälle aufs beste gesichert. Das war unumstößlich.
Über diesen Vorbereitungen verging Zeit.
Zuerst mußte sich Wenk eine der beiden gegenüberliegenden Villen als
Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in
Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm.
»Können Sie mir einen großen Dienst leisten?« fragte er. »Lassen Sie
durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der
Xenienstraße ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie
sie ist. Es muß übermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle.
Ich brauche das Haus für zwei oder drei Wochen. Das Frühjahr ist da.
Vielleicht wünscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren.« Hull
begab sich gleich ans Werk.
Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der
Straßenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts.
»Herr Kommissar, die Sache ist reif!« sagte ihm Wenk. »Sie müssen sich
bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich überlasse Ihnen den
Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die
Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur müssen Sie mit dem Augenblick des
Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was
hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot
auf den See legen. Für die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer
Leute. Die Straßenwalze führen Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die
Frühjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgäste
dort auf!«
Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurück.
Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag für die Villa 26 in
der Xenienstraße. »Es wohnt ein junges Paar da,« sagte er, »dem mein
Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der
Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta
zurückgeschreckt. Ich bot ihnen fünftausend Mark für den Monat. Diese
werden sie in Franken umwechseln. Ich schädige unsere Valuta ...«
»Aber Sie nützen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon
überzeugen,« sagte Wenk.
»Sie können von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!«
Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grünen Radlers seinen
Einzug in die leere Villa. Er ließ das Rad draußen stehen und suchte
sich gleich ein Fenster aus, das ihm paßte. Er war ganz allein im Haus.
Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die
Straße.
Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten
gestanden hatte, daß jemand das Rad draußen stahl und damit fortsauste.
Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte
seines Berufs war ihm erst heute vergönnt. Er leitete es als eine gute
Vorbedeutung in sein Gemüt und lachte über die komische Hast, mit der
der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln
hatte.
Er überblickte zwei Stunden lang in einem Stück die Haustür und die
Gartentür, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch
ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein,
wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bißchen und
erwachte dann erst, gerädert, im hellen Morgenlicht.
Wenks Diener als Ausläufer von Oberpollinger brachte ihm das Frühstück.
Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster
und rief mehrere Bekannte und Ämter an.
Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenüber ein Auto. Kaum hielt es, so
fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustür zu. War es
aber Mabuse? Nein -- denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren
Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient.
Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der
Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft
dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen.
Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange.
Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das
war zweifelhaft. Aber es durfte nichts überstürzt werden.
Die Dämmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drüben
an der Haustür klingelte, die mit einer überraschenden Schnelligkeit
sich öffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus.
So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu
Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tag.
Am dritten Tag wurde Wenk in der Frühe angerufen. Es war sein Diener.
Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der
Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum
Berichte wünsche?
Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen.
Der Beamte kam eine halbe Stunde später, als Telephonarbeiter gekleidet,
und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und
erzählte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz hätten sie Bakkarat
gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt
und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr
einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal
drei Männer, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit
vorgehaltenen Revolvern hätten sie »Hände hoch!« gerufen. Ein vierter
sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles
Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm hätten sie
zwölftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber hätten sie ruhig
gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf
einmal ganz gesund. Zwei von den Räubern haben ihn hinausbegleitet. Die
andern haben den Rückzug gedeckt. Draußen hatten die Räuber zwei
Automobile.
Diese Meldung erregte Wenk.
Seinen Plan störte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine
Verwegenheit, daß Mabuse sich sicher fühlte. Aber Wenk hing hier in dem
fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der
Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Kühnheit, als habe er
niemanden und nichts zu fürchten.
Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der
Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die
Fenstervorhänge klebte!
Wenk verließ kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurück.
Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu löschen,
indem man die Scheibe einwarf und den Glühkörper zerstörte.
Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse
benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er
hatte einen Behälter mit geschwärztem Mehl bei sich. Er kletterte über
den Zaun in Mabuses Grundstück, schlich vorsichtig zum Gartenweg und
verteilte das Mehl in einer dünnen Schicht über ein Stück des kurzen
Dammes zwischen Gartentür und Haus. Darauf eilte er über den Zaun in den
Nachbargarten zurück und von dort in seine Nummer 26.
Eine halbe Stunde später verließ jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte
nichts von der Person.
Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Straße unter seinem
Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann
ging plötzlich zum Haus Mabuses hinüber. Er verschwand in dessen Tür.
Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der
Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hörte er Mabuses Tür
gehen. Er sah im Sternenschein, daß eine ältere, beleibte Dame das Haus
verließ. Sie ging auf die Straße. Fast im selben Augenblick tauchte dort
ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon.
Wenk überkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und
Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren über den Rasen zum Weg, den
er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen
elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, daß die Sohlenabdrücke
von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrührten.
Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein
und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der
Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe
Person und alle -- Mabuse!
Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort.
Diese Nacht mußte die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei
lagen auf den beiden nächsten Wachen bereit. Sie waren gerüstet, in
jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wußte,
eilte er in seine Nr. 26 hinüber, rief an, und drei Minuten später
konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der
Tür kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben draußen und umstellten
in drei Minuten das Haus. Sechs stürmten mit ihm hinein. War Mabuse in
seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen.
Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurück. Er legte sich flach auf
die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wärme, mit der sie sich aus
dem Spätfrühjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er spürte die
Kraft des Bodens. Und in einem Gefühl der höchsten Spannung, jetzt, zwei
Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines
Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse
des Menschenblutes tobten, sein Herz. Tränen füllten seine Augen. Mit
Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es
war ihm, als fühlte er das entblößte Herz der Menschheit, für die er
sein Leben aufs Spiel setzte.
Sein Entschluß war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in
irgendeiner Verkleidung zurückkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War
jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte
Wenk hinüber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher.
Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm
das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben ließ,
durch den er sich beinahe verraten hätte. Ein Auto kam die Straße
herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentür. Aber
niemand stieg aus. Nein, die Tür Mabuses öffnete sich, und es kam jemand
die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer
trat, sah Wenk, daß es die Gräfin Told war.
Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepreßt
hätte, wäre sein Schrei gehört worden.
Das Auto raste den Weg zurück, den es gekommen war. Frauenräuber!
Gattenmörder! tobte Wenks Blut auf.
Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein
Werwolf! rief es durch ihn.
Wenk fühlte auf einmal die Kühle der Nacht unter seinen Kleidern. Er
zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kämpfte alles in
sich nieder. Er hörte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen
Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der
Lauer und lauschte dem, was kommen sollte.
Es schlug zwölf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der
Glocken. Als müßte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus
eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle
werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte.
Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorüber. Ein Schritt hallte nah
oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der
erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut.
Auf einmal kreischte die Gartentür. Im Sternenlicht war eine breite
weiße Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die
Haustür Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem Öffnen
der Tür die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der
Dunkelheit ganz genau, daß diese Gestalt der Dr. Mabuse war.
So schloß sich das Netz.
Wenk wartete drei, vier Minuten. Stürzte die Stadt nicht ein in diesen
etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jüngste Tag
nicht vom Himmel herunter?
Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, überkletterte er den
Zaun auf die Straße und eilte hinüber zu Nr. 26. Er stürzte in der
Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an
die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Straße
und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen
geheimgehalten hatte.
Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung
zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten
Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache mußten die vom Motorfahrer
alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen
angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es
abgemacht.
Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte
sich in die dunkle Haustür und wartete darauf, den Klang der Automobile
die Straße herauf zu hören. Verbrannte er nicht? Nein, er biß sich auf
die Zähne. Er krampfte alle Muskeln. Er mußte kalt und hart sein. Stahl!
Stahl! Stahl!
Er brauchte nicht lange zu warten.