»Wem?«
»Herrn Doktor von Wenk!«
»Weshalb?«
»Ich wollte mit ihm sprechen!«
»Was?«
Der Graf verwirrte sich: »... Nur ... so sprechen! Mit einem Menschen
sprechen!«
»Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs?« fragte Mabuse grob. »Sie
können mit mir sprechen! Was haben Sie auf der Leber?«
Der Graf starrte weg. Er hatte nicht einmal mehr den Mut, seinen Arzt
anzuschauen ... Wird er mich heilen? fragte er sich. Dann begehrte er
schwach und zaghaft gegen ihn auf.
Du bist kein Mensch! Du bist ein Teufel! schrie sein Inneres heimlich.
Aber seine heftigen Gedanken glitten hastig davon. Er war so schläfrig.
»Ich bin immer müde!« sagte er.
»Befehlen Sie in meiner Gegenwart Ihrem Diener alles, was Sie besuchen
will oder Sie anruft, kurz abzuweisen. Er hat zu sagen: Der Herr Graf
ist verreist. Ohne Adresse, Schluß!«
Mechanisch wiederholte Told dem Diener den Befehl. Der verbeugte sich
und ging.
»Ich bin nicht sicher, ob ich Sie weiter behandeln werde!« sagte Mabuse.
Aber Told verstand ihn nur mehr halb. Es war ihm, als sickere ein träges
Gift durch seine Adern.
»Sie haben Durst!« befahl Mabuse.
»Ja!« flüsterte der Graf.
»Trinken Sie Kognak und Tokaier gemischt. Soviel Sie wollen. Nur schwere
Sachen! Der Alkohol wird es Ihnen leicht machen. Sie müssen alles in
sich zerstören, was war. Ihre Frau auch. Wenn Sie die Überzeugung haben,
daß das Ihnen gelingt, sind Sie heilbar. Alles zerschlagen. Sie
verstehen mich! Der Alkohol hilft dazu!«
»Alles ...,« stammelte der Graf, als läge er in einem Sumpf, der ihm
schon die Mundwinkel näßte ... »Alles ...«
»Nach zwei Jahren können Sie dann daran denken, Ihr Leben wieder
aufzunehmen. Nach welcher Zeit?« warf brutal der Arzt dazwischen ...
»Nach welcher Zeit?« hämmerte er ihm nochmals ins Hirn.
Told erwachte aus dem Hinbrüten. An der Zahl erschauernd, antwortete er
leise: »Zwei Jahre!«
»Wissen Sie, daß Ihre Frau Sie in eine Irrenanstalt stecken will? Sie
benutzt dazu den Staatsanwalt Wenk. Ist das der, der angerufen hat? Ich
komme morgen wieder!«
Der Graf blieb zurück, allein, verstoßen. Ihm schien sein Gehirn von
Elefanten ausgestampft, sein Gemüt von Nilpferden zerschmatzt, vermengt
mit Kot und Schlamm.
Mich verläßt die Welt, murmelte er. Die Bilder, die er um sich gesammelt
hatte, feierten Orgien an den Wänden. Er verstand nicht mehr, was ihm an
ihnen so gefallen hatte, daß er sie jahrelang um sich geduldet hatte. Er
nahm ein Jagdmesser und schnitt ein jedes von oben bis unten durch und
schlug mit dem Messer in irrem Grimm in den Rahmen herum.
Als er das getan hatte, sprang er entsetzt zurück. Er faßte sich an
seine Stirn und sagte laut: »Ja, du mein Gott, ich bin verrückt!«
Er begann Kognak zu trinken. Er trank aus einem Rotweinglas. Als er drei
Gläser getrunken hatte, war er berauscht. Da schien ihm, als habe der
Arzt etwas zurückgelassen. Es lag vor ihm. Er wußte nicht, was es war.
Er griff danach. Da war es ihm auf einmal mitten in den Kopf
hineingesprungen. Wie ein Keil saß es drin eingeklemmt. Er fühlte es
genau zwischen den beiden Gehirnhälften.
Eine Angst zerriß ihm das Herz wie Papier in Fetzen. »Doktor, Doktor!«
schrie er. Er hörte seine Stimme grausig in der Leere verschallen. So
weit die Welt war, er war allein!
Da sank er ohnmächtig hin.
* * * * *
Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder
verhängnisvoll in die Öffentlichkeit. Wenk sah sich bedrängt und
entschloß sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er
ging zu ihr ins Gefängnis. »Ich spreche nicht mit Ihnen!« sagte die
Carozza, sobald sie ihn sah.
Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekümmertem Ton und
verschwommenen Hoffnungen: »Wissen Sie, daß auch die schöne Dame, die
stets bei Schramms saß und nicht mitspielte, verschwunden ist?«
»Nein,« rief die Carozza im Augenblick, »die Sie zu mir ins Gefängnis
geschickt hatten?«
»Ja!« sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt
hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun
rätselhaft. Hatte die Gräfin der Carozza von ihrer Sendung erzählt? War
sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie
auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre
Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza
nicht die Gewißheit geben, daß er erstaunt über diese Mitteilung war. Er
redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem
Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu überlegen, was ihm gerade
einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens äußerte er auch schließlich eine
Vermutung, die bei dem vielen Überdenken des Zusammenhangs der Carozza
mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht
reif genug gehalten hatte. Er sagte:
»Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm
zu trennen vermochten.«
Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem
Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines maßlosen
Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszüge.
»Nun?« fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll.
Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter:
»Ich könnte Ihnen, wenn wir einig werden, für Sie günstige Vorschläge
machen.«
Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurück. Seit drei
Jahren, da Mabuse sie von sich gestoßen, war ihr Leben nichts anderes
gewesen als eine Kette von märtyrerhafter Selbstverleugnung und von
ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglücklich machte
und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich
herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern.
Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das
unumstößliche Angehörigkeitsgefühl an seine Stärke.
Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten
Mann bedroht. Was wußte der Staatsanwalt? Woher wußte er es? Hatte die
Gräfin sie dennoch verraten? Langsam nährte sie in sich den Plan, zu
erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wäre. Sie konnte
vielleicht warnen ... vielleicht -- und dabei durchzuckten sie wie
Blitze wollüstige Gefühle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht
wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber
ihn zu retten, wäre ihr schon genug gewesen, wäre Seligkeit. Sie sagte
schließlich: »Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich
dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.«
Die Carozza hatte durch den Wärter erfahren, daß jemand sich um sie
kümmerte. Der Beschreibung des Wärters nach war es Spoerri. Sie fand
also Gelegenheit, von ihrem Gespräch mit dem Staatsanwalt Mitteilung zu
machen und ihre Warnungen anzubringen.
»Gut!« sagte Wenk jubelnd. Dann wollte er ein übriges tun, und da er mit
seiner Vermutung das Richtige getroffen zu haben schien, dachte er, es
sei günstig, auch noch verhetzend dieser Seele zuzusetzen. Und er sagte:
»Ich bin übrigens in bezug auf die Gräfin einer Spur nachgegangen. Die
Gräfin scheint sich bei Ihrem Freund verborgen zu halten.«
Aber er schämte sich über diese Worte so, daß er errötete und mit einer
schmerzlichen Inbrunst die paar Begegnungen wiedererlebte, die ihm die
Verschwundene so nahegebracht hatten. Doch seine Worte hatten eine
ungeahnte Folge. Die Carozza fiel über ihr Lager nieder, schluchzte auf,
versuchte zu sprechen, aber die Worte versagten ihr, und sie erhob nur
drohend und verzweiflungsvoll ihre Fäuste über den Kopf.
Da ging Wenk ganz plötzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser
Stimmung nicht zu stören, sondern sie sich weiter in sie hineinhüllen zu
lassen. Als er die Tür aufriß, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur
der Wärter. »Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen,« sagte er.
»Verzeihen Sie!« entgegnete Wenk und ging davon.
* * * * *
Kurz darauf geschah folgendes:
Bei Hengnau an der württembergischen Grenze war ein Mann angehalten und
verhaftet worden, der Kühe nach Württemberg treiben wollte. Der Mann
stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der
Untersuchungsrichter, um ihn einzuschüchtern, sagte ihm eines Tages:
»Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher
abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den
Kopf kosten.«
»Was ist das für ein neues Gesetz?« fragte er.
»Auf die Vergehen, die die Ernährung des Volkes gefährden, kann
Todesstrafe gestellt werden.«
»Wie wird man getötet?«
»Mit dem Beil wahrscheinlich!«
»Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?«
»Bekommen Sie höchstens ein Jahr Gefängnis.«
Da gestand er auf einmal. Er öffnete alle Schleusen. Er gestand alles,
was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von
Schmugglern, die er kannte.
Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich
immer breiter aus, und es wurde schließlich eines Tages auch der Name
jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstraße aus
seinem Dienst entlassen hatte -- Pesch!
Pesch wurde verhaftet.
Er verbrachte die erste Nacht im Gefängnis von Wangen, aus welcher
Gegend er war. Als der Wärter aber am nächsten Morgen seine Zelle
öffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden später wurde
der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Straße
liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen.
Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war
erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, daß auf dem
großen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden
waren. Sachverständige entzifferten am selben Tage die Zeichen.
Sie hießen: Villa Elise ...
Die Bürgermeister sämtlicher Ortschaften in der Nähe wurden angefragt
nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, daß in
Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde.
Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten,
die die Straßenwalze führten, hatten festgestellt, daß Poldringer am
Tage, an dem Pesch ins Gefängnis gebracht worden war, Schachen mit einem
Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frühe
zurückgekommen.
Da setzte es Wenk durch, daß zwei Motorboote auf den See gelegt
wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehörten sie zu den
Zoll-Überwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet.
Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte
Weiteres verraten ... viel Gefährlicheres, als man bisher wußte. Es war
zweifellos, daß die Bande sich auch mit Schmuggel befaßte; man sah auch,
daß unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese
Kraft des Bösen einen Staat für sich gebildet hatte, der von ihm und der
für ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen ließ.
Pesch hinterließ eine Frau mit fünf Kindern. Da das Vermögen eingezogen
wurde, waren sie dem Elend preisgegeben.
Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe für diese zu erbitten, und
sagte ihm in einem raschen Einfall: »Ein Erziehungsheim für Kinder von
Verbrechern gründen ... unter einem verbergenden Namen ... das wäre
vielleicht eine gute Anlage für Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die
sich ja öfter die Eigenschaften der Väter weiter vererben, von klein an
beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es
nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ...
noch bevor sie die Gesellschaft geschädigt haben. So würde von
vornherein ein großer Teil der Verbrecher unschädlich gemacht und viele
Menschen gerettet ...«
»Ich will das tun,« sagte Hull. »Ich danke Ihnen.«
* * * * *
Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstraße.
Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als sähe er in der
Menge von Menschen, die in den Eingang sich drängten, einen Bekannten.
Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er
durchforschte sein Gedächtnis im Gehen, wem dieser so auffallende
bekannte Rücken wohl angehören möchte. Er fand aber die Person nicht
zurück.
Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der
Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu
erkennen. Das Wort »Spielerglück!« stach aus ihr hervor.
Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es
war der Rücken des blondbärtigen Spielers gewesen.
Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage
und Nächte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm
vorbeigegangen, daß er ihn hätte an der Schulter festhalten können. Er
kehrte gleich um, ging zum Saal zurück und las an der Eingangstür ein
kleines Plakat:
_Experimenteller Abend des_
Dr. _Mabuse_.
Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten
herbeizuholen, ließ sie in unauffälliger Weise alle Ausgänge schließen,
und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war
leicht zu überwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer
war gerade mit Vorbereitungen beschäftigt.
Wenk setzte sich hin und her und überblickte Gesicht um Gesicht,
Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rücken hatte,
dessen Bild sich ihm so stark eingeprägt.
Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel saß da, gleich in der vordersten
Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen
Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es
war alles vergeblich.
Da stürzte er sich hitzig kopfüber in das Unternehmen, ging zu den
Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen:
Alle Türen werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in
den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bühne und bittet das Publikum,
in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf,
daß niemand zurückbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tür auf
und lassen die Leute durch, Person für Person. Von der Tür wird nur ein
Flügel geöffnet.
Wenk selber wollte an der Tür stehenbleiben, und wenn er den
Verhaftungsbefehl gegen einen Mann ausspräche, sollte der Betroffene von
zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden
andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, daß
keine Person sich den verhaftenden Beamten nähere. Die Dienstrevolver
seien schußbereit zu halten.
Im Saal entstand bei der Verkündung des Beamten zunächst ein heiteres
Erstaunen. Dann hörte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu
beruhigen.
Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die
Botschaft des Geheimpolizisten hörte, war, ob es nötig gewesen, sich der
Gefahr des öffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese
Vorstellung gleich als etwas Lästiges weg.
Es war nötig, denn es war für seine Seele die Kugel, in der sich
Ernährungsstoff in konzentriertester Form zusammenpreßte. So mußte er
mit seinen suggestiven Fähigkeiten immer in Berührung mit einer
namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann spürte er seine Macht über die
Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er
jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist übte sich
vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und
in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre
Wenigkeit und seinen Haß und seine Gewalt über sie auszukosten ...
Hier auf dieser Bühne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein
Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in
der Südsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurückgetrieben
hatte. Dieses gab er nicht auf.
Noch während mit traumhafter Schnelle diese Überlegungen ihn durchzogen,
ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. »Sie müssen sich
an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden,« sagte der. »Er ist draußen!«
Da erblaßte Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum
Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen
sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning
und zielte, von einer Blutwelle überlaufen, die Haß und Kampf durch
seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in
die Stirn.
Du zuerst und dann! sagte er bei sich.
Aber schon lächelte er den Geheimrat an.
»Ihre suggestiven Kräfte,« sagte der Geheimrat, »scheinen den
Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!«
»Wenk?« fragte Mabuse erstaunt tuend zurück.
»Ich sah ihn nämlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen
und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf
sein kriminalistisches Gewissen prüfen. Er scheint seinen Mann aber
nicht gefunden zu haben.«
Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefühl des Glücks. Er
war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die
Krippe senkt.
Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: »Weshalb
meinen Sie das?«
»Einfach! Wenn er ihn gesehen hätte, hätte er sich ihn von seinen
Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stören!«
»Das ist wahr,« sagte Mabuse. »Gehen wir!«
Mabuse drängte zur Tür, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen
paßte er um sich auf, in seinen Rücken, wo er den Anschluß an Wendel
nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er
entweichen wollte.
Bewegungen ließ er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen
drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel-
und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte.
Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tür vor
den Staatsanwalt zu treten. Der berühmte alte Geheimrat mußte von ihm
die Aufmerksamkeit des Spürhundes draußen wegsaugen.
Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse
durfte nur nicht als der letzte draußen vorbeigehen, bestrahlt von
Auffälligkeit, doppelt beäugt von der Enttäuschung, daß jener den
Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter
denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verließ.
Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein
anderer! Wenk wußte nicht, daß es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst
hätte er ihn von der Bühne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die
Spur gekommen? Ein Rätsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht
verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den
Spielsälen her? Nein! Er wußte, seine Masken machten ihn unkenntlich.
Also ...
Da berührte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge
Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde
und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg.
Spoerri und der Genosse drängten sich vor ihm durch die Tür.
Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, daß irgendein
Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung
einer Ähnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also
möglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rücken Wenks Augen am
längsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch
und verbarg damit diesen Rücken.
Da war er mit dem Geheimrat an der Tür. Rasch schob er Wendel vor und
klebte sich an ihn.
In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tür trat, befahl Wenk einem
Beamten, zwei Männer, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu
nötigen. Mabuse hörte den Beamten sagen: »Soll ich sie verhaften?«
Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, daß die Drohung Spoerri und
seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er
schlug sein Taschentuch mit einer großen Bewegung durch die Luft und
schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit.
Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse.
Da sollte er hinaustreten.