Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt
vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu
sprechen: »Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich
werde für diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so
menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich weiß
nicht, wie ich sie überdauert hätte -- allein! Jetzt ist sie hinter mir
wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.«
»Wäre es Ihnen,« fragte am nächsten Morgen Wenk den Grafen, »unangenehm,
wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?«
»Nein,« antwortete Told. »Ich bitte Sie, es zu tun!«
Der Graf zögerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte
dann, den andern erratend: »Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Wenn Sie
noch einen Wunsch hätten ...«
Da antwortete Told rasch und errötend: »Ja ... auch mit meiner Frau zu
sprechen, vor der ich mich so ... schäme!«
»Sie brauchen sich nicht zu schämen!«
»Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr,
glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu blaß ... Es fragt sich, ob
ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu führen, der nun
doch nur ein Kranker ist!«
»Ich werde mit ihr sprechen!«
* * * * *
Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit
der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete,
erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen,
abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft
der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von
dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch
zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen,
gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben
wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre
persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen
Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine
Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von
Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle
schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem
Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen
gesellschaftlichen Skandal zu machen.
»Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?«
»Ja, jetzt,« lachte Wendel, »wo ich so unfreundlich über ihn sprach,
kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser
Familienvater, ein Professor an der Anatomie.«
»Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können.
Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber
geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten
erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden
Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermürbt und
zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu
handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte
nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen
besonderen Eindruck auf den Grafen machte?«
»Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher
Maler bei mir,« lächelte der Rat.
»Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr
Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?«
»Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich
bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese
Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler
von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch
nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten
ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf
bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die
Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines
Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem
Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn.
Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.«
Wenk ging.
Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort
die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch
der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht.
Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß,
verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. »Ich habe es
gewußt,« sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach
Hause gekommen. »Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der
Geheimrat?«
»Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzählt haben. Er hatte das
Erlebnis anders, aber als nicht sehr böse eingeschätzt. Er rät Ihnen,
sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er
gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!«
»Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft!« sagte
der Graf, als er die Aufschrift las.
»Soll ich zu ihm gehen?« bot Wenk an.
»Nein, Herr Doktor, einmal muß Ihre Liebenswürdigkeit aufhören. Ich muß
mich ja auch entschließen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem
Leben Vorhandenes in meine täglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich
werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse
anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.«
»Herr Doktor Mabuse,« sagte ihm Told im Fernsprecher, »Sie waren gestern
zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustieß ...«
»Ja!«
»Ich bedarf Ihrer ärztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief
an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!«
Die andere Stimme antwortete schroff: »Nein. Ich behandle nur im Haus
des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen
vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: um wieviel Uhr?«
»Um elf Uhr!« wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein.
Dann verließ er den Staatsanwalt.