Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen
Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum
und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht
den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem
Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag.
Aber Told winkte ab: »Warten Sie auf die Frau Gräfin!«
Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause
zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es
ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen
... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum
wäre!
Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen.
Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel.
Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie
zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu
verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern
das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten
Pedanterie stark an diesem Zusammensein.
Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und
erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten
Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in
dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere
Erlebnis seines Daseins.
Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm
getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am
Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch
schlecht aus ihm. Nein, Dusy _soll_ fort von ihm sein! Es kam eine
Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.
Aber wovon sollte er sich reinigen?
Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie
eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er
hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er
hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen!
Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich
nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich
werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand
mir helfen?
Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan
habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere
mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für
das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir
vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka!
Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber
was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht,
das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte
meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault.
Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist
in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen?
Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er
wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was
ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in
Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und
angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der
Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ...
Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy!
Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du
mir nicht? Hilfst du mir nicht!
Er klingelte und lief dem Diener entgegen. »Die Frau Gräfin?« rief er.
»Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!«
»Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...«
»Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde
angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen
vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher
aufgeschrieben.«
»Gehen Sie!« sagte der Graf.
Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er
laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten,
gestäupt von zehntausend Ängsten:
»Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem
Menschen! ...«
Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an.
»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu
erzittern begann.
Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und
antwortete: »Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?«
Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines
Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch
sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: »Mit Vergnügen! Ich
erwarte Sie!«
»Fritz!« schrie er hinaus. »Richten Sie mir das kleine Auto!«
Und er fuhr zurück nach München.
Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas
geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.
»Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau
Gräfin ...«
»Nein, nein,« rief Told dagegen, »ich, ich ... Meinetwegen komme ich.
Mir ist etwas geschehen!«
Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche
Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein
Vorbote des kommenden Unglücks gewesen.
»Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich
überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht
gleich in der Nacht einem Menschen gesagt hätte. Darf ich fortfahren?
Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf,
flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war,
als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei
vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem
Augenblick, der mir so wohl tat -- da geschah es! In der ersten halben
Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging.
Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen,
nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.«
Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um
Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und
die Carozza! Er fragte Told:
»Haben Sie einen Verdacht?«
Der Graf verstand die Frage nicht. »Einen Verdacht? Wie meinen ... daß
ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!«
»Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?«
»Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer
... Nein ... Gegen niemanden!«
»Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien
... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern
Geladenen?«
»Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein,
niemand!«
Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit
des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen
können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den
Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans
Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn
nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf
mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem
Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.
Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber.
Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: »Es kommt mir zum
Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe
gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht
übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht.
Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten
angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus.
Und da ...«
Er schlug um: »Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich
sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das
ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter
der Psychiater bevor.«
»Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie
sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein
Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und
jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen
gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher
ist, sonst hätte ich mich freuen können.«
Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige,
geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er
den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told
war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder
das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können
glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate
sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die
Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen
Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht
allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.
»Man spricht von unserer Klasse als von einem >besseren< Stand. Diese
Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder
lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen
sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger
Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln
Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden.
Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!«
Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen
und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien
hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden
Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke
gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben
war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie
aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins
Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das
Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer
Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht
die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die
für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und
Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der
Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr
ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so
unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier
den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war
krank.
Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit
der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der
neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld
zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die »Blauen Pferde« hat man einmal
für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute
sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die
Anekdoten, die sie vermünzten.
Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte
etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.
»Man wird das Wort prägen,« sagte ihm einmal Wenk, »er spricht so gut
wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit
einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die
auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie
werden es erleben, daß der Expressionist ^eo ipso^ auch Theosoph sein
wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich
nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute
stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus
unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind.
Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht
immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein
Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern
tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ...
Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns,
gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der
Krieg gegen uns selber!«
Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da
es so spät geworden sei.