XII

Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen

Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum

und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht

den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem

Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag.

Aber Told winkte ab: »Warten Sie auf die Frau Gräfin!«

Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause

zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es

ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen

... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum

wäre!

Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen.

Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel.

Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie

zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu

verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern

das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten

Pedanterie stark an diesem Zusammensein.

Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und

erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten

Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in

dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere

Erlebnis seines Daseins.

Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm

getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am

Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch

schlecht aus ihm. Nein, Dusy _soll_ fort von ihm sein! Es kam eine

Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.

Aber wovon sollte er sich reinigen?

Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie

eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er

hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er

hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen!

Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich

nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich

werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand

mir helfen?

Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan

habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere

mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für

das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir

vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka!

Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber

was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht,

das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte

meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault.

Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist

in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen?

Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er

wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was

ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in

Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und

angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der

Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ...

Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy!

Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du

mir nicht? Hilfst du mir nicht!

Er klingelte und lief dem Diener entgegen. »Die Frau Gräfin?« rief er.

»Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!«

»Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...«

»Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde

angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen

vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher

aufgeschrieben.«

»Gehen Sie!« sagte der Graf.

Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er

laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten,

gestäupt von zehntausend Ängsten:

»Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem

Menschen! ...«

Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an.

»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu

erzittern begann.

Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und

antwortete: »Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?«

Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines

Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch

sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: »Mit Vergnügen! Ich

erwarte Sie!«

»Fritz!« schrie er hinaus. »Richten Sie mir das kleine Auto!«

Und er fuhr zurück nach München.

Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas

geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.

»Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau

Gräfin ...«

»Nein, nein,« rief Told dagegen, »ich, ich ... Meinetwegen komme ich.

Mir ist etwas geschehen!«

Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche

Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein

Vorbote des kommenden Unglücks gewesen.

»Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich

überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht

gleich in der Nacht einem Menschen gesagt hätte. Darf ich fortfahren?

Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf,

flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war,

als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei

vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem

Augenblick, der mir so wohl tat -- da geschah es! In der ersten halben

Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging.

Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen,

nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.«

Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um

Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und

die Carozza! Er fragte Told:

»Haben Sie einen Verdacht?«

Der Graf verstand die Frage nicht. »Einen Verdacht? Wie meinen ... daß

ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!«

»Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?«

»Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer

... Nein ... Gegen niemanden!«

»Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien

... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern

Geladenen?«

»Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein,

niemand!«

Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit

des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen

können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den

Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans

Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn

nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf

mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem

Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.

Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihn sich selber.

Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: »Es kommt mir zum

Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe

gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht

übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht.

Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten

angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus.

Und da ...«

Er schlug um: »Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich

sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das

ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter

der Psychiater bevor.«

»Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie

sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein

Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und

jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen

gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher

ist, sonst hätte ich mich freuen können.«

Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige,

geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er

den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told

war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder

das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können

glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate

sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die

Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen

Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht

allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.

»Man spricht von unserer Klasse als von einem >besseren< Stand. Diese

Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder

lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen

sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger

Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln

Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach außen wenden.

Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!«

Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen

und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien

hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden

Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke

gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben

war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie

aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins

Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das

Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer

Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht

die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die

für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und

Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der

Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr

ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so

unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier

den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war

krank.

Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit

der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der

neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld

zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die »Blauen Pferde« hat man einmal

für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute

sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die

Anekdoten, die sie vermünzten.

Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte

etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.

»Man wird das Wort prägen,« sagte ihm einmal Wenk, »er spricht so gut

wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt diese Kunstgattung sich mit

einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die

auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie

werden es erleben, daß der Expressionist ^eo ipso^ auch Theosoph sein

wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich

nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute

stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus

unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind.

Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht

immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein

Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern

tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ...

Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns,

gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der

Krieg gegen uns selber!«

Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da

es so spät geworden sei.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 29 / 58 题